„Mein Kalender ist voll – aber mein Leben ist leer“, sagte der Mann im Coaching.

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Wie eine Führungskraft ihre inneren Antreiber erkannte.


Martin K., 48, Vertriebsdirektor eines internationalen Medizintechnik-Unternehmens. Seit 22 Jahren verheiratet, eine Tochter.
Sein Alltag: Montag München, Dienstag Mailand, Mittwoch Telefonkonferenz mit Shanghai, Donnerstag Kundenpräsentation in Hamburg, Freitag – noch eine Kundenpräsentation.
Am Wochenende lag er auf dem Sofa, nicht zur Erholung, sondern weil sein Körper streikte.
Migräne, Tinnitus, Schlafstörungen.

Martin joggte dreimal die Woche. Nicht aus Freude.
Sondern weil seine Fitness-App ihm sagte, dass sein VO2max-Wert stagniere.
Auch die Erholung war Leistungssport geworden.

Was ihn zu mir brachte

Der Auslöser war banal und brutal zugleich: Seine Tochter, damals 14, sagte beim Abendessen: „Papa, du bist wie ein Gast hier.“*

Martin erzählte mir das am Telefon.
Seine Stimme war kontrolliert, aber ich hörte, wie er gegen die Tränen kämpfte.
Er hatte den Satz seiner Tochter seit drei Wochen im Kopf.
Er wollte ihn nicht wahrhaben.
Und konnte ihn nicht loswerden.

Sein Hausarzt hatte ihm ein Burnout-Coaching empfohlen. Martin wollte kein „wochenlanges Herumreden“ – so seine Worte.
Er suchte gezielt nach einem Kurzformat und fand mein Coaching-Angebot.

Die 3-h-Coachingsitzung

Martin kam mit einer klaren Agenda: „Ich brauche bessere Strategien, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Diesen Beginn kenne ich aus vielen Coaching-Sitzungen.
Klienten formulieren ihr Problem als Organisationsfrage.
Als fehlte nur die richtige App, der richtige Kalender, die richtige Methode.

innere-antreiber

Ich fragte: „Martin, wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten die perfekte Work-Life-Balance – wie fühlt sich das im Körper an?“

Er stutzte. Dann:
„Ich weiß es nicht. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie sich irgendetwas bei mir anfühlt.“

Das war der Moment, in dem die eigentliche Arbeit begann.

Ich arbeite in meinen Sitzungen manchmal mit einer „Aufstellung des inneren Teams“.
Ich bat Martin, sich drei Stühle im Raum vorzustellen.
Einen für den *Macher*, einen für den *Erschöpften* und einen für – „den, den Sie noch nicht kennen“.

Martin setzte sich gedanklich auf den Stuhl des Machers.
Sofort veränderte sich seine Haltung: aufrecht, Kiefer angespannt, Blick fokussiert.
Er sprach schnell und präzise über Quartalsziele und Marktanteile.

Dann bat ich ihn, auf den Stuhl des Erschöpften zu wechseln.
Er sackte zusammen. Die Stimme wurde leise.
Ich bin soo müde. Ich bin seit Jahren nur noch müde.“

Ich wartete.
Nicht lange – aber lang genug, um Martin die Müdigkeit in seinem Körper wirklich zu spüren.

Den dritten Stuhl – den des Unbekannten – ließ er zunächst leer.
„Da sitzt niemand“, sagte er.

Ich sagte: „Vielleicht sitzt da jemand, der so leise ist, dass Sie ihn nicht hören können, weil der Macher so laut ist.“
Martin schwieg lange.
Dann sagte er: „Vielleicht ist das der, der früher gerne Gitarre gespielt hat.“

Der Schlüsselmoment

Ich bat Martin, sich innerlich auf den dritten Stuhl zu setzen. Er tat es zögerlich.
Und dann passierte etwas, das in meinen Coachings oft den Wendepunkt markiert:
Der Körper reagierte, bevor der Verstand etwas einsortieren konnte.

Martins Schultern senkten sich. Seine Hände öffneten sich und er atmete tiefer.
Das ist komisch“*, sagte er. „Hier ist es ruhig.“
Ich fragte: „Was braucht der Martin auf diesem Stuhl?“

Lange Pause.
Dann: „Nichts. Der braucht erstmal gar nichts.“

Das war kein therapeutischer Durchbruch aus dem Lehrbuch.
Es war ein schlichter, körperlich erfahrener Moment der Wahrheit:
Da ist ein Teil von mir, der nicht optimiert werden will.
Der einfach dasein will.

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Bild: iStock-Wavebreakmedia

Wie entstehen die inneren Antreiber?

Hier machte ich etwas, das in meiner Arbeit oft den entscheidenden Unterschied ausmacht:
Ich folge der Spur in die Vergangenheit.
Nicht nach vorne zu Lösungen, nicht seitwärts zu Strategien – sondern zurück in der Zeit.
Dorthin, wo das Muster entstanden ist.

Ich fragte: „Martin, seit wann gibt es den Macher? War der schon immer da?“
Er überlegte kurz.
Dann, überraschend schnell: „Seit ich denken kann.“
Ich bat ihn, die Augen zu schließen. „Stellen Sie sich den Macher als Kind vor. Wie alt ist er?“

Pause. Dann: „Acht. Vielleicht neun.“
„Was macht er gerade?“
„Er sitzt am Küchentisch und rechnet. Mathe-Hausaufgaben.“
„Und wer ist noch da?“
Martins Kiefermuskeln spannten sich an.
„Mein Vater. Er sitzt neben mir.“

Was dann kam, erzählte Martin stockend.
In kurzen Sätzen, als müsse er die Worte aus einem verschlossenen Raum holen.

Der Vater war selbst gelernter Werkzeugmacher, der es nie zum Meister gebracht hatte. Und er kontrollierte jeden Abend die Hausaufgaben. Nicht, um zu helfen. Sondern um Fehler zu finden.

Ein Vierer in Mathe war kein Vierer – er war ein Beweis dafür, dass Martin „es nicht kapiert“.
Auf eine Zwei kam die Frage: „Warum keine Eins?“
Eine Eins wurde kommentarlos zur Kenntnis genommen.

„Mein Vater hat nie gesagt: Das hast du gut gemacht“, sagte Martin.
Seine Stimme war jetzt dünn und gepresst.
„Nie. Kein einziges Mal.“

Die Mutter – eine stille, angepasste Frau, die als Arzthelferin arbeitete, war emotional nicht erreichbar.
Sie funktionierte selbst nur. Abends war sie erschöpft.
Wenn Martin mit einem selbstgemalten Bild zu ihr kam, sagte sie: „Schön, leg’s dahin, ich muss noch die Wäsche machen.“
Nicht böse gemeint. Aber für das Kind die immer gleiche Botschaft:
Du bist nicht interessant genug, um gesehen zu werden.
Es sei denn, du bringst etwas mit – eine Leistung, ein Ergebnis, einen Beweis.

Martin hatte einen älteren Bruder, der in der Schule glänzte.
Der Sportpreise gewann, der auf dem Gymnasium war, als Martin noch auf der Realschule kämpfte.
Der Bruder wurde vom Vater auch nicht gelobt – aber er wurde weniger kritisiert.

Für das Kind Martin hieß das: Wenn ich mich nur genug anstrenge, werde ich vielleicht auch einmal in Ruhe gelassen.
Nicht geliebt.
Nur in Ruhe gelassen.
Das war seine Hoffnung.

Ich fragte: „Martin, was hat der Junge am Küchentisch damals beschlossen?“

Und jetzt kamen die Tränen.
Zum ersten Mal in der Sitzung, vielleicht zum ersten Mal seit Jahren.
Leise, fast schamhaft, die Hand vor dem Gesicht, antwortete er:

„Dass er es allen zeigen wird. Dass er so gut wird, dass keiner mehr etwas sagen kann.“

Da war er: der innere Schwur.
Der unbewusste Vertrag, den ein Achtjähriger mit sich selbst geschlossen hatte.
Nicht aus Ehrgeiz – aus Überlebensangst.
Aus dem verzweifelten Bedürfnis, in einer Familie, die Nähe nur über Leistung kannte, einen Platz zu haben.

Dieser Schwur hatte Martin durch die Realschule getragen.
Dann durch das Nachholen des Abiturs, durch ein Ingenieurstudium, das in seiner Familie niemand für möglich gehalten hatte.
Durch den ersten Job, den zweiten, den dritten.
Immer weiter nach oben, immer schneller, immer besser.
Und er hatte ihn bis zu diesem Mittwochnachmittag in meiner Praxis nicht ein einziges Mal hinterfragt.

Weil der Schwur funktionierte.
Weil der Schwur ihm ja tatsächlich alles gebracht hatte: Karriere, Geld, Status, Anerkennung.
Alles. Nur nicht das, was der Achtjährige eigentlich gebraucht hätte:
Dass jemand sagt: Du bist gut, so wie du bist.
Auch ohne eine Eins.
Auch ohne Karriere. Auch wenn du auf dem Sofa sitzt und Gitarre spielst.

Ich wartete.
Dann sagte ich leise: „Und was würden Sie dem Jungen am Küchentisch gerne sagen. Der da sitzt und rechnet und Angst hat, dass es wieder nicht reicht?“

Martin schluckte. Dann, mit zitternder Stimme: „Dass es reicht. Dass er reicht.“

Das war kein therapeutischer Durchbruch aus dem Lehrbuch.
Es war ein schlichter, körperlich erfahrener Moment der Wahrheit:
Da ist ein Teil von mir, der nicht optimiert werden will.
Der einfach sein will.
Und der das schon als Kind verdient gehabt hätte.

Die Neu-Entscheidung

Am Ende der drei Stunden formulierte Martin keinen Aktionsplan mit zehn Punkten.
Stattdessen nahm er einen einzigen Satz mit:

„Ich muß nicht mehr beweisen, dass ich was kann.“

Wir besprachen, was das konkret bedeuten könnte.
Nicht als großen Lebensumbruch, sondern als kleinen, täglichen Akt.
Das Handy am Sonntag in die Schublade legen.
Die Fitness-App löschen.
Mit der Tochter kochen, ohne dass es ein „QualityTime-Projekt“ sein muss.
Und vielleicht, vielleicht die Gitarre wieder aus dem Keller holen.


Psychologische Konzepte zu dieser Fallgeschichte

1. Das Skript nach Eric Berne

Was Martin als Kind beschloss – „Ich werde es allen zeigen“ –, beschreibt die Transaktionsanalyse nach Eric Berne als ein Lebensskript: eine unbewusste Lebensplanung, die in den ersten Lebensjahren auf der Basis elterlicher Botschaften entsteht. Das Lebensskript beinhaltet auch innere Antreiber . Das sind innere Befehle, die das Kind verinnerlicht, um in seiner Familie zu überleben.

Bei Martin wirkten gleich drei Antreiber zusammen:
– Sei perfekt (die Eins als einziger akzeptabler Standard)
– Streng dich an (der Fleiß als Ersatz für Zugehörigkeit)
Sei stark (Gefühle zeigen war in seiner Familie keine Option).

Das Tragische an Antreibern: Sie funktionieren brillant – bis sie es nicht mehr tun.
Und dann bricht nicht nur die Leistung ein, sondern oft das gesamte Selbstbild.

2. Das Innere Kind und die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen

Die Stuhlarbeit in der Sitzung nutzt Elemente der Internal Family Systems Therapie (IFS) nach Richard Schwartz. In der IFS-Terminologie war Martins „Macher“ ein Manager. Ein Schutzanteil, der das System am Laufen hält und dafür sorgt, dass die verletzlichen Exil-Anteile (der achtjährige Junge am Küchentisch) nicht gefühlt werden müssen.

Der Moment, in dem Martin den Jungen anspricht und sagt „Du reichst“, ist das, was Schwartz als Unburdening beschreibt: Das Exil wird vom Selbst – dem ruhigen, mitfühlenden Kern der Persönlichkeit – gesehen und angenommen. Die Last, die es seit vierzig Jahren trägt, darf abgelegt werden. Nicht durch Analyse. Durch Begegnung.

3. Focusing und die Weisheit des Körpers

Der Moment, in dem Martin auf dem dritten Stuhl zur Ruhe kam, illustriert das, was Eugene Gendlin in seinem Konzept des Focusing beschrieben hat. Gendlin, ein Schüler von Carl Rogers, entdeckte in seinen Forschungen an der Universität Chicago, dass erfolgreiche Therapieklienten einen gemeinsamen Faktor teilten.

Sie bezogen sich auf ein körperlich gefühltes, noch unscharfes Erleben – den sogenannten Felt Sense. Nicht die kognitive Analyse führte zur Veränderung, sondern das Verweilen bei einer körperlichen Empfindung, die zunächst noch keine Worte hat. Genau das geschah, als Martins Schultern sich senkten und seine Hände sich öffneten – bevor er hätte sagen können, warum.


Warum das 3-h-Coaching funktioniert

In meiner über vierzigjährigen Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass die entscheidenden Veränderungen nicht in der achten oder zwanzigsten Sitzung passieren.

Sondern dann, wenn der Klient die Gelegenheit hat, sein Lebensthema emotional zu erleben – nicht nur darüber zu sprechen.
Das konzentrierte 3-Stunden-Format erzeugt eine Verdichtung, die wöchentliche 50-Minuten-Sitzungen selten erreichen.

Auch die Forschung zur Einzelsitzungstherapie (Single Session Therapy) von Moshe Talmon zeigt das.
Oft reicht ein einziger, gut geführter Kontakt, um einen nachhaltigen Veränderungsprozess auszulösen – vorausgesetzt, er geht in die Tiefe.

Bei Martin war der Schlüssel nicht die Dauer der Sitzung, sondern die Verbindung von seinem Hier-und-Jetzt-Erleben und der Verbindung mit seiner Biografie.

Erst die Rückkehr zum Küchentisch machte das Muster sichtbar.
Und erst das körperliche Erleben auf dem dritten Stuhl machte die Alternative spürbar.

Was Sie aus diesem Fallbericht mitnehmen können

Martin brauchte keine neue Strategie. Er brauchte die Erlaubnis, kein Projekt mehr zu sein.

iele Klienten kommen mit dem gleichen Missverständnis: Sie glauben, Coaching sei noch eine weitere Form der Selbstoptimierung – schneller, effektiver, zielgerichteter. Und manchmal ist es genau das Gegenteil.

Das Bemerkenswerte an Martins Fall: Sein gesamter Lebenserfolg, der Aufstieg, die Karriere, das Gehalt, basierte auf dem Schmerz eines Kindes, das nicht gesehen wurde. Das ist keine Seltenheit.

Viele der erfolgreichsten Menschen, die ich in meiner Praxis sehe, sind angetrieben von einer Wunde, die sie nicht kennen.
Sie verwechseln diesen Antrieb mit Leidenschaft. Und die Erschöpfung mit einer Schwäche, die man wegoptimieren muss.

Die eigentliche Arbeit im Coaching beginnt dort, wo die Optimierung aufhört.
Dort, wo jemand den Mut findet, sich zu fragen:
Wer oder was treibt mich eigentlich so an?
Was versuche ich damit zu beweisen?
Und was wäre, wenn ich damit aufhören kann?


Hier lesen Sie mehr Fallberichte und Lebensthema-Analysen aus meiner Coaching-Praxis:

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Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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