„Ich bin einfach zu nett.“, lächelte die Projektmanagerin im Coaching.

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Es war eigentlich ein Tag wie immer. Cornelia F. hatte ihre Morgenrunde an der Alster absolviert. Dann noch schnell die Tochter in der Kita abgegeben. Um 17 Uhr würde sie sie wieder abholen.

Auf dem Weg ins Büro telefonierte sie mit ihrer Mutter. So wie jeden Morgen. Ihre Mutter war 86, lebte allein und Frau F. machte sich Vorwürfe, dass sie sie nicht zu sich holte. Aber mit einem Vollzeitjob und der Tochter ging es beim besten Willen nicht, machte sie sich immer wieder klar. Aber ihr schlechtes Gewissen blieb trotzdem.

Es war ein kühler Morgen, etwas diesig, man spürte den nahen Herbst. Am übernächsten Wochenende hatte ihre beste Freundin 40. Geburtstag und Cornelia F. wollte eine Überraschungsparty für sie organisieren. Also Gäste einladen, für Speis und Trank sorgen. Und ein DJ musste her, weil ihre Freundin so gern tanzte.

Das alles ging ihr im Auto durch den Kopf. Also eigentlich ein Tag wie immer, denn während der Dreiviertelstunde Fahrt in die Werbeagentur, gingen ihr immer tausend Sachen durch den Kopf. Sie hatte schon mal ausprobiert, ihre To-Do’s mit einer App während der Fahrt aufzunehmen. Aber nachdem sie dabei beinahe einen Auffahrunfall verursacht hätte, hatte sie das sein lassen.

Aber wie sollte sie den Überblick behalten? Es gab immer soviel zu tun. Wie sollte sie das alles schaffen?


Brauchen wir Grenzen?

Grenzen empfinden manche Menschen als lästige Einschränkungen. Vor allem, wenn sie von außen gesetzt sind. Betreten verboten! 120 km/h Höchstgeschwindigkeit!  Oder wenn sie persönlich erlebt werden, gelten Grenzen leicht als ein Zeichen von Schwäche, von denen, die sich nicht trauen, groß genug zu denken.

„Nichts ist unmöglich!“ ist das Credo von Menschen, die glauben, dass Grenzen nur was für mutlose Weicheier sind. Oder auch der Spruch „Geht nicht, gibt’s nicht!“. Geäußert von Chefs, die gerne hohe Ziele setzen aber kein Ohr haben wollen für mangelnde Ressourcen an Zeit, Material oder Manpower.

Doch Grenzen vermitteln auch Sicherheit, wenn ich abends die Haustüre abschliesse. Sie schaffen Orientierung, damit ich nicht die falsche Autobahnauffahrt nehme. Grenzen stiften Identität, wenn ich weiß, wer ich bin und was mir nicht gefällt.

Unsere Haut markiert am deutlichsten die Grenze zwischen mir und der Welt. Zwischen meinem Ich und dem Nicht-Ich. Je beeinflussbarer ich durch die Aussenwelt bin, desto „dünner“ ist meine Haut und desto durchlässiger ist meine Grenze zwischen dem Inneren und dem Äusseren.

Das beste Wort, um eine Grenze zu ziehen, ist das Wort „nein“.

Rechtzeitig nein zu sagen, ist deshalb eine Art der Selbstfürsorge. Manchen Menschen fällt das schwer, weil man damit den Anderen meist enttäuscht, indem man seinen Wunsch ablehnt.


 

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Wie gesagt, es war ein Tag wie immer im Leben von Cornelia F.

Bis sie im Büroaufzug plötzlich keine Luft mehr bekam.

Als sie im Büro ankam, hatten schon zwei Kollegen auf sie wegen Terminverzögerungen bei zwei wichtigen Projekten gewartet. Ihre Chefin hatte schon zweimal angerufen und wollte sie dringend in ihrem Büro sprechen. Als Cornelia F. den Lift betrat, war ihr leicht schwindlig. Der Aufzug konnte sich nach zwei Seiten öffnen und nach dem 4. Stockwerk wusste sie nicht mehr, auf welcher Seite sie jetzt aussteigen musste. Ihr Herz fing an zu rasen und sie glaubte, eingeschlossen zu sein und ersticken zu müssen. Schweißnass taumelte sie aus dem Aufzug. Als ihre Chefin sie sah, rief sie den Betriebsarzt.

„Nein sagen fiel mir schon immer schwer“, gestand sie, als ich sie danach fragte.
„Als Projektleiterin kann ich es mir auch kaum leisten, nein zu sagen. Oft klemmt es im Projekt, weil andere ihre Zusagen nicht einhalten oder sich an Vereinbartes nicht halten. Aber ich muss dafür sorgen, dass es dennoch weitergeht.“

„Also, Sie versuchen oft, Unmögliches möglich zu machen? erkundigte ich mich.
„Ja genau!“, bestätigte sie und strahlte dabei.
„Wann in Ihrem Leben mussten Sie das lernen?“ wollte ich wissen.

Frau F’s. Vater hatte die Familie wegen einer anderen Frau verlassen, als sie elf war. Weil ihre Mutter arbeiten musste, kümmerte sich die Klientin um ihre beiden jüngeren Brüder. Kochen, Hausaufgaben betreuen, ins Bett bringen. Die Mutter kam erst spät abends nach Hause, weil sie zwei Jobs hatte. Durch die Überlastung fing die Mutter an zu trinken. Anfangs wenig, dann immer mehr.

„Das heißt, mit elf war Ihre Kindheit vorbei“, stellte ich fest.
„Kann man so sagen“, antwortete sie, während Tränen in ihre Augen traten.
„Richtig schlimm wurde es, als meine Mutter immer mehr trank und ihren Frust an mir ausließ. Wenn ich was vergessen hatte, schlug sie mir öfter ins Gesicht. Sie warf Teller an die Wand und beschimpfte mich für meine Faulheit und Dummheit.“

Kinder wollen immer kooperieren. Auch in den schwierigsten Situationen versuchen sie oft, die Defizite der Eltern auszugleichen. Aus Liebe. Und weil sie spüren, dass sie abhängig sind und nicht einfach weggehen können.

Wiederholen sich solche schwierigen Situationen, lernen Kindern entsprechende Fähigkeiten, die in diesen Situationen erwünscht, nützlich oder (über)lebenswichtig sind.

„Damals haben Sie vermutlich zwei Dinge gelernt“, sagte ich. „Dass Neinsagen unmöglich ist und dass Sie früh spüren müssen, was im Anderen vor sich geht.“
Cornelia F. nickte mehrmals. „Nach der Arbeit machte meine Mutter oft Station an der Trinkhalle in der Straße. Ich merkte, wie viel meine Mutter getrunken hatte an der Art, wie sie die Haustür aufschloss. Wenn ich ihr Gesicht sah, wusste ich, ob ich mich in Acht nehmen musste oder ob es vielleicht ein ruhiger Abend werden würde.“


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Manche Menschen merken Grenzen erst, wenn sie sie übertreten.

Frühe Überlebensstrategien.

Viele unpassende Verhaltensweisen, die wir als Erwachsene haben und die wir nur schwer ändern können, lassen sich auf frühe Überlebensstrategien zurückführen.

Der Autopilot – zusammen mit der Amygdala – in unserem Gehirn vergleicht alle Situationen, die wir heute erleben daraufhin, welche Erfahrungen wir damit schon mal gemacht haben. War die Erfahrung schlecht, wird automatisch eine Notfallstrategie ausgelöst.

„Im Büro spüre ich manchmal schon um die Mittagszeit, dass ich nervlich und körperlich an der Belastungsgrenze bin. Aber wenn mich dann jemand fragt, wann ich mich endlich um die Sache X kümmere, sage ich nicht nein. Stattdessen kriege ich ein schlechtes Gewissen und erledige es sofort. Ganz schlimm ist es, wenn jemand Druck macht, dann bin ich wie gelähmt und will nur noch, dass der andere nicht böse wird oder ausflippt.“

Für mich klang das so, dass Cornelia F. keine innere Erlaubnis hatte, Grenzen bei sich wahrzunehmen, ernstzunehmen und entsprechend zu handeln. Diese Hypothese wollte ich im 3-h-Coaching überprüfen. Ich bat sie, die Augen zu schließen, achtsam zu werden und bat sie:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:
»Ich habe Grenzen.«

Im Coaching versuche ich, den wichtigen Engpass beim Klienten aufzuspüren, de es ihm schwer macht, sein Verhalten zu ändern. Es liegt auf der Hand, dass Frau F. zu nett ist, sich zu wenig abgrenzt und zu spät wahrnimmt, dass sie auf eine Grenze zuläuft.

Doch Cornelia F. konnte bis jetzt nicht anders. Das wusste sie auch. Insofern ist es überflüssig, ihr dementsprechende Ratschläge zu geben. Stattdessen versuche ich mit ihr zu klären, warum sie das nicht kann.

Nachdem die Klientin den gesagt hatte »Ich habe Grenzen«, berichtete sie: „Ich kriegte schon einen Schreck, als ich den Satz von Ihnen hörte. Als ich ihn dann rausbrachte, kam wieder so ein Panikgefühl wie damals im Aufzug. Aber nicht so stark. Ich dachte nur: „Das darf niemand mitkriegen!“

Wenn man den inneren Konflikt, den Engpass eines Klienten identifiziert hat, erscheinen die aktuellen Probleme in einem neuen Licht und alles fügt sich zu einem stimmigen Bild.

„Das heißt ja vielleicht, dass das Immer-Nett-Sein und das Nicht-Nein-Sagen-Können Ihre wichtigste Überlebensstrategie sind“, fasste ich den bisherigen Prozess zusammen.
„Früher konnten Sie nicht zu Ihren jüngeren Brüdern nein sagen, wenn Sie keine Lust hatten, sich um sie zu kümmern. Sie mussten früh am Gesichtsausdruck und der Stimmlage Ihrer Mutter erkennen, was sie wollte – ohne dass sie es extra sagen musste. Sie mussten über Jahre klaglos funktionieren, weil es eine Notlage war. Und ohne Ihren unermüdlichen Einsatz wäre die Familie zusammengebrochen. Jedenfalls glaubten Sie das damals.“

Die Klientin hörte mir aufmerksam zu. Auf Ihrem Gesicht lag eine Mischung aus Erschrecken, Trauer und Erleichterung. Durch meine Worte verstand sie plötzlich emotional , in welches innere Dilemma sie fiel, wenn es im Job stressig wurde oder wenn ein Kollege oder die Chefin etwas von ihr wollte.

„In solchen Momenten schrumpfen Sie zur Elfjährigen, die den Kontakt zu ihren Gefühlen abklemmt, um reibungslos zu funktionieren“, erklärte ich weiter.


Und wie ändert man solche alten „Programme“?

Diese Frage bekomme ich in meinen Persönlichkeitsseminaren und Coachings oft gestellt.

Jedenfalls nicht durch Tipps und Ratschläge. Stattdessen muss man die alten Konflikte emotional bearbeiten. Eine rein verstandesmäßige Auseinandersetzung reicht nicht, indem man sich klar macht:

  • Dass das Ganze bald dreißig Jahre her ist.
  • Dass die Mutter ihr Bestes versucht hat – im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten.
  • Dass das Überleben der Klientin heute nicht mehr vom Wohlwollen anderer abhängig ist.

All das musste ich meiner Klientin nicht sagen. Stattdessen arbeiteten wir an der Ablösung zwischen Mutter und Tochter. Denn durch ihre täglichen Anrufe bei ihr glaubte sie immer noch, dass sie Schlimmeres abwenden könne – und müsse.

Ich machte ihr auch anhand  des  Modells des „Inneren Teams„, wie oft der Teil der Elfjährigen auf Ihren inneren Regiestuhl kletterte und die Führung übernahm. Die Regie im Leben sollte aber immer das Ich, und nicht ein Teil, führen.

Außerdem empfahl ich ihr, jeden Morgen innerlich ein paar Minuten achtsam durch den Tag zu gehen und schauen, wo sie in Versuchung geraten könnte, wieder für alle anderen da zu sein.

PS: Drei Monate später schrieb sie mir in einer Mail ganz stolz, dass sie es schon dreimal geschafft habe, sich einen Kaffee zu holen – ohne alle anderen zu fragen, ob sie ihnen auch einen mitbringen könne. Außerdem hatte sie sich zwei Playmobilfiguren auf den Schreibtisch gestellt. Die eine Figur steht für die Elfjährige, die immer geglaubt hat, ohne sie ginge die Welt unter. Die andere Figur steht für die erwachsene Cornelia, die nur dafür bezahlt wird, ihren Job zu machen.

„Wenn ich die beiden Figuren anschaue, spüre ich, dass ich entscheiden kann, für welche Seite ich mich entscheiden will“ war ihre Begründung.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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