„Ich werde immer übersehen“, sagte die Frau im Coaching

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„Egal ob auf einer Party oder im Büro. Ich werde überall übersehen. Dabei machen die anderen das gar nicht absichtlich, wenn ich sie darauf anspreche. Es kommt mir so vor, als ob ich etwas ausstrahle, das ich nicht wichtig bin. Jedenfalls nicht so wichtig wie andere. Können Sie mir helfen?“

Diese Mail von Carla S. war die erste Kontaktaufnahme. Da sie mir schrieb, dass Sie einen behinderten Bruder habe, kam mir sofort eine Hypothese über ihr Lebensthema in den Sinn, und ich antwortete ihr mit einem Terminvorschlag.

Sechs Wochen später stand sie in meiner Praxis. Etwa 1,80 m groß, attraktiv, 39 Jahre alt. Also auf den ersten Blick kein unscheinbares Mauerblümchen, das gerne mal übersehen wird.

„Ich bin gut in meinem Job aber ich komme karrieremäßig nicht weiter. Weder bietet man mir eine Beförderung an noch eine Gehaltserhöhung. Andere Kollegen machen viel Wind und werden natürlich bevorzugt. Das war schon in der Schule so. Wenn ich dort in eine Gruppe mit anderen zusammenstand und nicht viel redete, kam es immer mal vor, dass jemand über mich herzog oder die anderen fragte, wo ich denn abgeblieben sei. Und das, obwohl ich ja direkt neben ihm stand! Das war schon richtig spukig, so als wäre ich ein Geist.

In meinem Job als Teamleiterin kommt es immer mal wieder vor, dass ein Kunde den Raum betritt und eine Frage hat. Derjenige schaut dann in die Runde und geht auf jemanden zu, von dem er glaubt, dass er/sie ihm weiterhelfen kann. Das Interessante dabei ist: Sie gehen nie auf mich zu. Meinen Mitarbeitern ist es dann manchmal schon peinlich, dass sie den Kunden darauf hinweisen müssen, dass ich die Leitung habe.

Ein Coach hat mir mal geraten, ich solle an meiner Körpersprache arbeiten und hier speziell mir einige Dominanzgesten aneignen. Aber ich finde das lächerlich. Genauer gesagt, ich kann solche „Hoppla-jetzt-komme-ich-Typen“ nicht ausstehen. Das sind für mich Profilneurotiker. Ich glaube vielmehr, dass sich wahre Leistung immer durchsetzt, auch ohne Klamauk.“

Dass Menschen nicht immer alles mitkriegen, ist ja eine bekannte Tatsache.

Vor allem, wenn wir intensiv mit einer Sache beschäftigt sind, bemerken wir oft nicht, dass sich gerade etwas total geändert hat. In diesem Video über einen berühmten Wahrnehmungsversuch merkt der hilfreiche Mensch nicht, der gerade einem Passanten den Weg erklärt, dass der Passant plötzlich jemand ganz anderes ist …

Zuerst hatte ich die Vermutung, dass meine Klientin ein narzisstisches Prinzessinenthema haben könnte. Also, dass sie glaubte, sie müsse nicht – wie andere Mitarbeiter auch – nach einer Gehaltserhöhung fragen und naiv glaubte, dass gute Leistung sich von allein bezahlt mache.

Aber sie hatte mir ja vorab geschrieben, dass sie einen behinderten Bruder hatte und ich wollte lieber dieser Spur folgen.

„Wie war das denn damals mit Ihrem behinderten Bruder?“, fragte ich Carla S.
„Schön und schrecklich“, antwortete sie. „Das Schöne war, dass wir, weil er ein ganz lieber Mensch ist, schon ganz früh einen engen Kontakt zueinander hatten. Ich war vier Jahre als, als er geboren wurde und es gibt Fotos von uns, wo ich ihn in seinem speziellen Rollstuhl herumfahre, weil er seit Geburt Spastiker war.“
„Und was war das Schreckliche?“
„Dass er für meine Eltern ein Full-time-Job war. Alles drehte sich naturgemäß um ihn, weil er bei allem Hilfe brauchte. Er hatte große Probleme beim Sprechen, beim Schlucken und bei allen gezielten Bewegungen.“

„Das heißt, Ihre Eltern hatten kaum Zeit oder Nerven, sich auch um sie zu kümmern?“, fragte ich.
„So war es leider. Eher kümmerte ich mich manchmal noch um sie. Übernahm das Kochen nach der Schule, wenn ich sah, dass meine Mutter noch im Schlafanzug sich um meinen Bruder kümmerte, wenn ich um ein Uhr nach Hause kam.“

 


Übersehene Geschwister sind auch als Erwachsene weniger sichtbar.

Wer in seiner Kindheit ein Geschwister hatte, das krank oder behindert war, trägt meist eine besondere Bürde. Dabei spielt es keine Rolle, welche Art von Krankheit oder Behinderung es ist. Die Belastung durch die spezielle Familiensituation ist immer ähnlich.

Von Ärzten und Therapeuten bekommen oft nur die Eltern Gesprächs- und Hilfsangebote. Doch gerade auch  Geschwister als engste Bezugspersonen sind betroffen. Studien zeigen, dass zwei von drei Menschen mit psychischen Problemen kämpfen, wenn der Bruder oder die Schwester psychisch erkrankt ist. Oft haben sie Schlafprobleme, sind erschöpft oder haben depressive Verstimmungen.

Hinzu kommen heftige, sehr ambivalente Gefühlsstürme von Trauer, Hilflosigkeit, Liebe und dem Bedürfnis nach großer Distanz. Von Zuneigung, Schuld, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung oder Angst.

Über das Thema „Übersehene Geschwister“ hat Jana Hauschild, deren Bruder an einer Boderlinestörung litt, ein Buch geschrieben. Im Klappentext ist das Lebensthema dieser Menschen gut zusammengefaßt:

Hier zu bestellen.

„Sie spielen meist nur die zweite Geige: Geschwister psychisch Erkrankter bleiben mit ihren Bedürfnissen und Erfolgen, ihren Sorgen und ihrer Angst oft allein. Manche ein Leben lang. Sie sind die geborenen Funktionierer, Sonnenkinder, Vermittler zwischen Eltern und Geschwistern.

Die Beziehung zu ihrem erkrankten Geschwister ist komplex – mal haben sie einen ausgeprägten Schutzinstinkt, mal hegen sie Gram. Manche hat die Verantwortung stark gemacht, andere fühlen sich ihrer Kindheitsjahre beraubt.
Jana Hauschild gibt den erwachsenen Geschwistern eine Stimme. Mit großem Einfühlungsvermögen schildert die Psychologin Lebensläufe, spürt den Gefühlen der Übersehenen nach und begleitet sie auf ihrem Weg zu sich selbst.“

Hier eine Leseprobe.

übersehen

Bild: LightFieldStudios – iStock.com

Übersehene Geschwister müssen zu früh erwachsen werden.Für die Integration von Behinderten wurden in den letzten Jahrzehnten enorme Anstrengungen unternommen. Doch gibt es in Familien mit einem behinderten Kind ein Familienmitglied, das oft übersehen wird: das nicht-behinderte, „gesunde“ Kind. Diese Menschen sind manchmal besonders gefährdet.

Durch die verstärkte Aufmerksamkeit, die naturgemäß dem behinderten oder kranken Kind entgegengebracht wird, tendieren Geschwister dazu, ihre eigenen Probleme zu vernachlässigen oder zu bagatellisieren. Übersehene Geschwister werden oft zu pflegeleicht. Aufgrund der Belastung der Eltern durch das behinderte Kind versuchen diese Geschwister meistens, ihre Probleme zu verbergen. Sie bemühen sich, besonders brav oder besonders gut in der Schule zu sein.

In einigen Fällen werden Geschwister zu Zusatzeltern, die sich überverantwortlich für sich selbst und ihre Geschwister fühlen. Sie entwickeln früh ein Gespür dafür, wer was brauchen könnte und vergessen darüber, dass sie selbst noch Kinder sind. Diese starke Übernahme von Verantwortung mag manchen Eltern aufgrund ihrer eigenen Überlastung willkommen sein, ist aber für das Geschwister, das sich übersehen fühlt, fatal. Denn es verstärkt das Gefühl, unentbehrlich zu sein.

 

Eltern vernachlässigen oft übersehene Geschwister.

Die Familie konzentriert sich naturgemäß auf das kranke oder behinderte Kind.  Seine Beschwerden, Bedürfnisse und Wünsche stehen im Vordergrund. Aber die Zeit, die für medizinische und therapeutische Termine für das „Problemkind“ aufgewendet wird, fehlt den Eltern, um sie mit den anderen Geschwistern verbringen zu können.

Das führt dazu, dass diese sich immer wieder vernachlässigt fühlen. Neben der Zeit gilt das auch für die emotionale Energie der Eltern für das behinderte Kind, die für die anderen Geschwisterkinder nicht zur Verfügung steht.

 

Übersehene Geschwister sind mit ihren unangenehmen Gefühlen oft allein.

Durch die besondere Situation erleben die „gesunden“ Geschwister oft schwierige Gefühlslagen:

  • Sie können sich schuldig fühlen. Entweder weil sie sich fragen, ob sie die Behinderung ihrer Geschwister verursacht haben. Oder schuldig fühlen, weil sie nicht behindert oder „normal“ sind.
  • Sie können Angst vor der Behinderung oder Krankheit ihrer Geschwister haben oder davor, was in Zukunft mit ihren Geschwistern passieren könnte.
  • Sie können auch Ressentiments, Wut oder Eifersucht gegenüber ihren Geschwistern entwickeln, wenn man bedenkt, welche Aufmerksamkeit und Ressourcen für ihre Geschwister aufgewendet werden.
  • Sie können sich verlegen oder beschämt fühlen durch das Verhalten und das Aussehen ihrer Geschwister. In einigen Fällen kann die Peinlichkeit so groß sein, dass sie sich von den Geschwistern mit der Behinderung distanzieren.
  • Sie versuchen vielleicht, das ganze Thema auszublenden, indem sie keine Freunde nach Hause einladen, so dass sie keine Fragen über ihr Geschwister beantworten müssen.

Hilfe für Betroffene bietet dieses Netzwerk für Geschwister von psychisch erkrankten Menschen.

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Bild: Zinkevych – iStock.com

Übersehene Geschwister entwickeln aber auch besondere Fähigkeiten.

Als Kinder entwickeln wir alle funktionierende Strategien, um mit dem Leben zurechtzukommen. Diese Strategien bilden sich im täglichen Umgang mit den Menschen, mit denen wir jeden Tag zu tun haben: Eltern, Geschwister, Schulkameraden, Freundinnen usw.

Hat man in der Kindheit täglich mit dem Schicksal eines kranken oder behinderten Geschwister zu tun, sind das besondere Fähigkeiten. Dazu gehören Selbstbeherrschung, Kooperation, Empathie, Toleranz, Altruismus, Reife und Verantwortung durch den Umgang mit der familiären Situation. Auch starke Loyalität und eine beschützende Haltung gegenüber ihren Geschwistern haben diese Menschen bereits früh entwickelt.

Ihr frühes Engagement für ihre Geschwister kann sie sogar dazu veranlassen, sich einen Beruf in einem sozialen oder helfenden Feld zu wählen.


 

Zurück zu meiner Klientin.

Mein 3-h-Coaching basiert auf der Annahme, dass persönliche Probleme, die bisher nicht lösbar schienen, mit einem Lebensthema zusammenhängen können. Diese Lebensthemen entwickeln sich meist in den ersten zehn bis zwölf Lebensjahren, in denen wir lernen, wie wir sein müssen und handeln können, damit wir unsere Ziele erreichen.

Diese Lebensthemen können sich beruflich oder privat zeigen, manchmal auch in beiden Bereichen. Es sind immer stressige Denk- und Verhaltensweisen, von denen Sie wissen, dass diese Sie nicht weiterbringen – Sie sie aber auch nicht einfach ändern können. Hier finden Sie mehr dazu …

Da die Lebensthemen unbewusst sind, kommt man durch Nachdenken nicht auf deren Spur. Meist braucht es den geschulten Blick eines außenstehenden Profis, der sich damit auskennt. Und dann ist noch wichtig, das Lebensthema dem Betreffenden nicht einfach zu nennen, denn das würde nichts bringen außer einer Reaktion wie „Interessante Idee.“

Es braucht eine starke gefühlsmäßige Reaktion, damit derjenige wirklich erlebt, dass das sein Thema ist.

Hierfür benutze ich eine Technik, bei der ich den Klienten in einem achtsamen Zustand einen positiven wahren Satz sagen lasse, der das Gegenteil des vermuteten Lebensthema ausdrückt.

So lasse ich beispielsweise jemand mit einer narzisstischen Thematik, der denkt und so lebt, als wäre er etwas Besonderes, den Satz sagen: „Ich bin ein ganz normaler Mensch.“ Jeder Außenstehende wird bestätigen, dass dieser Satz für jeden Menschen zutrifft. Aber ein Narzisst erlebt eine heftige Gefühlsreaktion, wenn er den Satz hört oder selbst sagt. Und das zeigt ihm – und mir, dass dies wohl das Lebensthema ist.


 

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Bild: Fizkes, iStock.com

Warum Experimente in Achtsamkeit wichtig sind.

Bei Carla S. hatte ich die Hypothese, dass sie als Kind so oft „übersehen“ wurde, und daraus folgerte, dass sie wirklich nicht wichtig war. Solche frühen Überzeugungen können sich im Unbewussten als Realität festsetzen. Tragischerweise leben und verteidigen wir unsere frühen Überzeugungen, sogar wenn sie schmerzhaft oder nachteilig sind. Sie sind einfach wahr – auch wenn uns Partner und gute Freundinnen immer wieder vom Gegenteil überzeugen wollen.

Die Strategien sind auch deswegen so stabil, weil sie auch immer einen heimlichen Nutzen, eine Funktion haben. 

Aber diese Strategien haben auch einen großen Nachteil. Sie engen den persönlichen Verhaltensspielraum ein. Das merken Sie daran, dass Sie wissen, was Sie gerne tun möchten oder tun müssten – aber keine innere Erlaubnis dafür spüren.

Soweit die rationale Erklärung. Aber das bringt nichts, das der Klientin zu erzählen. Sie muss emotional erleben, welche innere Erlaubnis ihr fehlt. Dafür mache ich Experimente in Achtsamkeit. Ich bat sie, es sich in ihrem Sessel bequem zu machen, die Augen zu schließen und sich auf ihre inneren Reaktionen zu konzentrieren.

Dann sagte ich zu ihr:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen: »Ich bin hier.«“

Für einen außenstehenden Beobachter ist das ja ein ganz normaler Satz, den fast jeder sagen könnte. Eine bloße Feststellung, eine Tatsache. Doch die Reaktion von Carla S., war – wie von mir erwartet – ganz anders.

Noch bevor sie den Satz gesagt hatte, riß sie die Augen auf und schaute mich erschreckt an. Dann sagte sie:
„Ich weiß vom Kopf her, dass das ein normaler Satz ist, aber schon als ich ihn hörte, bekam ich Angst. Aber ich verstehe nicht, warum.“

Wenn man mit dem Unbewussten arbeitet, und an die wichtigsten Prägungen kommt man nur so ran, hilft Nachdenken nichts. Stattdessen brauchen wir Informationen, die nicht aus dem Denken kommen, sondern aus dem großen Speicher von Erinnerungen, Fähigkeiten und Erfahrungen, der im Unbewussten lagert.

Die Technik dafür ist schon sehr alt. Sigmund Freud nannte sie „freies Assoziieren“. Also achtsam beobachten, was einem in den Sinn kommt. Woran man sich erinnert oder gerade denken muss. Vielleicht ist es ein Bild, eine Erinnerung oder eine Liedzeile. Es kann alles sein. Wichtig ist nur, dass man das spontane Auftauchen zulässt und nicht gleich zensiert mit Gedanken wie:

  • „Damit hat es bestimmt nichts zu tun.“
  • „Das ist ja völliger Blödsinn.“
  • „Vielleicht bilde ich mir das nur ein.“

 

Daher fragte ich die Klientin: „Was für eine Angst ist das denn? Wie fühlt sie sich an?“
Carla S. stand immer noch unter dem Einfluß des Gefühls und flüsterte nur: „Eine sehr große Angst.“
Ich wurde neugierig: „Warum flüstern Sie auf einmal?“
Ihre Augen weiteten sie noch ein Stück: „Niemand darf uns hören.“

Im weiteren Erforschen ihrer panischen Reaktion auf den Satz „Ich bin hier“ erinnerte sie, dass ihr ihre Großmutter als Kind mal erzählt hatte, wie sie mit Nachbarn im Luftschutzkeller saßen und sie ihrer Tochter, die damals vier Jahre alt war, den Mund zuhalten musste, weil sie vor Angst so laut weinte.

Über die transgenerationelle Weitergabe von traumtatischen Situationen habe ich hier im Blog ja schon öfters geschrieben. Hier ein guter Artikel darüber vom Deutschlandfunk.

Bei meiner Klientin wollte ich das nicht ausschließen aber mein Gefühl sagte mir, dass ihre Angst, auf sich aufmerksam zu machen, mehr mit der Situation in der Herkunftsfamilie zu tun hatte.

„Macht sie das nicht wütend, wenn Sie heute übersehen oder übergangen werden?“, wollte ich wissen.
„Wütend?“, fragte Carla S. mit großen Augen. „Nein, wütend macht mich das nicht, eher traurig.“

Wird man körperlich oder psychisch durch einen anderen Menschen verletzt und wird das nicht sofort bereinigt, friert der verletzte Mensch schrittweise seine Lebensenergie ein. Sie verwandelt sich in Wut oder Trauer.

Wenn Wut nicht angemessen ausgedrückt oder aufgelöst wird, staut sich diese Energie.

  • Dann kommt es irgendwann zu einem Wutausbruch, den sich keiner so recht erklären kann, weil der Anlass weit zurückliegt.
  • Oder der Mensch richtet die Wut gegen sich selbst, fühlt sich durch den Energiestau geschwächt und wird vielleicht irgendwann krank.

Ich vermutete, dass meine Klientin auf ihre Eltern und ihren kranken Bruder enorm wütend war, aber früh gelernt hatte, diese Wut zu unterdrücken, denn Eltern und Bruder konnten ja nichts dafür, dass die Situation so schwer war.

Und ich vermutete, dass ihre Wut sich in Angst verwandelt hatte. Und diese Hypothese wollte ich wiederum gemeinsam mit ihr testen. Dafür habe ich in meiner Praxis Bataca-Schläger aus Schaumstoff mit einem festen Griff. Damit kann man ordentlich zuhauen, aber es passiert nichts.

Deshalb stellte ich einen Stuhl vor sie und forderte sie auf, mit dem Bataca auf die Sitzfläche des Stuhls zu schlagen.
„Was soll das bringen?“, fragte sie verwundert.
„Mal sehen, was es bringt“, antwortete ich.
Die ersten Male berührte sie den Sitz mit dem Schläger sanft. Ich forderte sie auf, stärker zu schlagen.
„Das kann ich nicht!“, war ihre Reaktion.
„Sie können schon, es ist nur ungewohnt für Sie“, bestärkte ich sie.
Nach einigen zaghaften Versuchen sagte ich: „Holen Sie mal richtig mit dem Schläger aus und schlagen Sie mit aller Kraft zu!“

Mit den unterdrückten Emotionen zu arbeiten, ist manchmal der einzige Weg, um etwas zu verändern. Ich wollte die Klientin erleben lassen, dass Sie sich heute in vielen Situationen selbst „unsichtbar“ machte, weil sie sich bis jetzt nicht getraut hatte, die Enttäuschung und Wut als Kind in der Familie „übersehen“ worden zu sein, zu spüren.

Natürlich haben Klienten Angst davor, starke verdrängte Gefühle zuzulassen. Obwohl es nur ein Stuhl war und ein Schaumstoffschläger hatte Carla S. anfangs Angst, zuzuschlagen.

  • Eigentlich haben Klienten in diesen Momenten Angst vor ihrer eigenen Wut.
  • Sie glauben, wenn da mal der Deckel geöffnet ist, sie ihre Wut nicht mehr stoppen oder regulieren können.
  • Sie befürchten, dass sie zum „Amokläufer“ werden könnten.

Mittlerweile war Carla S. mit ihrer Wut in Kontakt gekommen. Sie schlug immer heftiger auf den Stuhl ein. Fast schien es ihr etwas zu gefallen, jedenfalls war die Angst weg. Dann schlug ich ihr vor:

„Rufen Sie doch mal bei jedem Schlag »Ich bin hier!«

Als die Klientin das tat, kamen noch mehr Gefühle in ihr hoch. Sie schrie unter Tränen:

  • „Ich bin hier!!!
  • Verdammt, ich bin auch hier!!
  • Schaut her, ich bin auch noch da!“

Das ging so etwa fünf Minuten. Zum Glück war ich an dem Tag allein in der Praxis und hatte vorsorglich die Fenster geschlossen. 😉 Das Schlagen und Schreien dauerte noch ein paar Minuten, bis Carla S. keine Kraft und Luft mehr hatte. Ihr Gesicht glühte – und strahlte.

„Wie geht’s Ihnen?“ fragte ich.
„Ab heute übersieht mich keiner mehr!“, antwortete sie lachend.
„Den Schläger müssen Sie aber hier lassen“, sagte ich.
„Den brauche ich auch nicht mehr“, antwortete die Klientin.


 

Nach vier Monaten bekam ich eine eMail von ihr.  Die drei Stunden Coaching hätten mehr bewirkt als zwei Jahre Gesprächstherapie. Mit dem Satz „Ab heute übersieht mich keiner mehr!“ im Inneren habe sie eine Woche später ein Gespräch mit ihrem Chef geführt. Dort habe sie nicht nur eine Gehaltserhöhung bekommen, sondern es wurde auch über eine mögliche Beförderung gesprochen. Und als sie neulich mit ihrer Mädelsgruppe ein Restaurant betreten habe, sei sie vom Kellner als Erste angesprochen worden.

„Wie kann das sein, dass ich plötzlich wahrgenommen werde?“ fragte sie in der Mail.
„Ich denke, Sie haben den Bann gebrochen“, schrieb ich zurück.


 

Weitere Fallgeschichten aus meiner Coachingpraxis finden Sie hier:

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

9 Kommentare

  1. Henry Müller sagt

    Man sollte dieses Privileg, scheinbar nicht wahrgenommen zu werden, bzw. in zweiter Reihe zu stehen, nutzen, um dann die Punkte, unverhofft für die anderen, zu landen.
    Die Wahrnehmung der „Nichtbeachtung“ wird dann zum Problem, wenn man es selbst zum Problem macht. Das hängt aber dann oft mit mangelnden Selbstvertrauen zusammen.
    Wer fundiertes Wissen hat und zurückhaltend ist, wird etwas später wahrgenommen, aber dann möglicherweise viel nachhaltiger. Lass doch die Vordrängler machen, wenn sie angesprochen werden, und nutze die erste Chance zu korrigieren, wenn du es besser weißt. Das zeichnet auch einen cleveren Chef aus. Alles Gute.

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  2. Katja Schuh sagt

    Ich finde es spannend, dass Sie hier ihre eigenen Hypothesen präsentieren. Welche Erfahrungen haben sie mit Klienten gemacht, wo ihre „Hypothese“ nicht stimmt? So wie sie hier schreiben „ich wollte lieber dieser Spur nachgehen“ beeinflussen sie das Ergebnis maßgeblich.

    Für mich ist Coaching ein klientenzentrierter Prozess, bei dem der Klient entscheidet, welcher Spur er gerne nachgehen möchte, nicht der Coach. Wie sehen Sie das?

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  3. Liebe Frau Busch,
    ja, die Zeitläufte spielen auch oft in das persönliche Schicksal mit hinein.
    Früher wurden viele Kinder oft übersehen, heute – Stichwort „Helikoptereltern“ – ständig überwacht.

  4. Uta Busch sagt

    ich gehöre zu den Kindern der letzten Kriegsjahre (1943) und kenne natürlich entsprechende Leute.
    Ich denke, daß diese Generation oft auch auf eine gewisse Art und Weise „übersehen“ wurde. Zunächst durch die Abwesenheit vieler Väter und einfach durch die Überlastung der Mütter durch den Krieg, die Lebensbedingungen, die vielen Todesmeldungen usw.
    Waren die Väter zu Hause, war das auch nicht unbedingt einfach, oft aus anderen Gründen, die aber auch Einfluß auf die Familie hatten.

    Auf jeden Fall: im Krieg waren die Kinder nicht sooo wichtig durch die schwierigen Umstände. Und nach dem Krieg waren die Umstände wiederum so, daß erst einmal genossen wurde, was genossen werden konnte: Essen und Trinken, die Partei-Neutralität, die Rückkehr der Kriegsteilnehmer oder auch Juden,… Auch da kamen die Kinder erst an zweiter Stelle, zumal die Haushaltsmädchen, die im Krieg bei mehr als 2 Kindern zugeteilt wurden, wegfielen und die Lebensumstände ja noch ziemlich schlicht waren.

  5. Ich kann verstehen, dass es Sie sehr schmerzt, wenn Ihr Bruder immer noch das Lieblingskind Ihrer Eltern ist. Aber Sie halten auch daran fest, weil Ihnen mit 51 Jahren die Anerkennung Ihrer Eltern so wichtig ist. Das ist der Punkt, wo Sie etwas tun können, nämlich sich schrittweise abzulösen von den übermächtigen Eltern.
    Das ist auch schmerzhaft – für beide Seiten – aber es ist ein guter, notwendiger Schmerz.

  6. Eilin Meseck sagt

    Das Gefühl kenne ich, ich habe mich von den Menschen distanziert, die mich nicht gesehen haben. Um meinen Wert zu erhalten. Es fühlt sich erniedrigend an. An sich und seine Wertschätzung arbeiten . Angefangen sich mit Menschen zu umgeben , die einen sehen.. Lerne dich zu wertschätzen , dann kommt der Tag, wo eine Ausstrahlung dich sehen lässt.

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  7. Hallo Herr Wichmann, danke für den Artikel – es hat mich sehr angesprochen.

    Ich habe einen 2,5 Jahre jüngeren Bruder, mit spastischer Lähmung in den Beinen. Er brauchte und er bekam immer die volle Aufmerksamkeit. Bei mir hieß es immer, Du bist doch die Ältere, die Vernünftigere, Du musst das doch verstehen. Ich kam mit 10 Jahren ins Internat zu den Klosterschwestern…. er durfte Zuhause aufs Gymnasium gehen….

    Bis heute werde ich nur gesehen, weil ich funktioniere, die brave Tochter bin, nie aufmüpfig bin gegen meine Eltern. In meinem Betrieb – mit 85 Mitarbeitern – muss ich 150% Leistung bringen – damit ich die Anerkennung meiner Eltern bekomme. Schon sehr „krank“ immerhin bin ich jetzt schon 51 habe selber zwei Töchter und bin verheiratet. Meinem Bruder wird alles verziehen, alles was er tut für gut geheißen – Er ist auch ein erfolgreicher Unternehmer –
    Dieses Messen mit zweierlei Maßen hat mich über viele Jahre hinweg krank gemacht und es tut immer und immer noch weh.

  8. Hans Lakowski sagt

    Vielen Dank für den Bericht.
    Er zeigt wieder die Individualität bei einer augenscheinlichen Vergleichbarkeit. Wir erarbeiten uns mit den Klienten immer das persönliche „Warum“. Danke nochmals!

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  9. Ursula Reeber-Isariuk sagt

    Lustig, ich habe „unsichtbare“ Tage. Die Kellnerin fragt alle in der Gruppe, nur mich und geht, wenn ich dann dran wäre, Leute laufen in mich rein, sogar automatische Türen schließen sich vor mir oder gehen erst gar nicht auf.
    Ob’s mir was ausmacht? Nö.
    Ich kann mich ja bemerkbar machen. „Ach, sorry, hab Sie gar nicht gesehen.“
    Wäre interessant, es wissenschaftlich zu untersuchen…

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