„Trauen Sie sich denn zu, mit jemandem wie mir zu arbeiten?“, fragte der Klient im Coaching.

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Allgemein

Da der Umstand, Hilfe zu brauchen für Narzissten meist kränkend erlebt wird, verweigern sie unbewusst oft die Rolle des Klienten. Stattdessen treten sie sehr dominant auf, hinterfragen gern die Kompetenz oder das Vorgehen des Coaches. Hier tappen Coaches schnell in Fallen, was den Narzissten in seiner Skepsis über die ganze „Psychobranche“ bestätigt. Woran man Narzissten erkennen kann und wie man mit ihnen doch befriedigend arbeiten kann, erfahren Sie in diesem Fallbericht.

Das 3-h-Coaching war seit sechs Wochen vereinbart. Mein Klient hieß Ruben A., 43 Jahre, Portfoliomanager in einer Großbank. Seit 2 Jahren in einer Partnerschaft, keine Kinder. Ich hatte dem Klient den Zugangslink für unsere Online-Sitzung vor drei Tagen gemailt, saß zur vereinbarten Zeit am PC und wartete. Nach fünf Minuten wurde ich unruhig und schrieb dem Klienten eine eMail. Keine Reaktion.

Nach zehn Minuten überlegte ich, den Termin abzubrechen, als mein Handy klingelte.

„Wo sind Sie denn?? Seit zehn Minuten warte ich hier auf Sie!“, schallte mir eine aufgebrachte Stimme entgegen. „Das ist ja kein guter Start für unser Coaching!“

Narzissten erkennen ist manchmal ganz leicht. Zum Beispiel, wenn man bemerkt, dass das Gegenüber einen Fehler gemacht hat und anstatt sich zu entschuldigen, einen angreift. Hier wartet schon die erste Falle im Umgang mit Narzissten.

Würde ich darauf hinweisen, dass der Klient wohl einen Fehler gemacht habe und den Zugangslink nicht angeklickt habe und stattdessen vor dem PC wartete, würde ich wohl den Rüffel kassieren, dass meine Mail unklar formuliert war, sodass er den Link nicht finden konnte usw.

Hier gilt es also für den Coach durchzuatmen, den aufgekommen Ärger beiseitezulegen und sachlich zu bleiben, um die Situation nicht zu eskalieren.

„Oh, dann gab es hier ein Missverständnis, wie das mit dem Zoom-Link geht. Gut, dass Sie mich angerufen haben, sonst hätten wir uns womöglich verpasst. Aber erzählen Sie mal, was Sie zu diesem Coaching führt.“

„Na ja, so recht weiß ich das gar nicht, denn die Sache mit dem Coaching war nicht meine Idee, sondern die meiner Vorgesetzten. Die meinte, das könnte mir bei meiner Führungsarbeit helfen.“
„Aber Sie sind nicht ihrer Meinung, höre ich da heraus, oder?“
„Stimmt, ich interessiere mich ja selbst schon lange für Persönlichkeitsentwicklung, lese viel, habe Seminare besucht und reflektiere mich auch selbst laufend. Deswegen bin ich der Meinung, dass ich meine Arbeit selbst am besten beurteilen kann.“

Vorsicht, hier lauert eine zweite Falle für den Coach.
Wenn ich jetzt die positive Selbstdarstellung des Coachees bezweifle und andeute, dass es ja einen Grund geben muss, warum seine Führungskraft ihn in ein Coaching schickt, könnte die Situation heikel werden. Ruben A. würde wohl argwöhnen, dass ich derselben Meinung wie seine Chefin sein könnte – und er würde dies nicht als interessante Information interpretieren, sondern als Angriff – und sich wehren.

Solche Scharmützel sind aber – zumal in der ersten halben Stunde – kontraproduktiv und haben den Nachteil, dass der Klient vermutlich noch mehr auf der Hut ist und sein Stresspegel noch mehr steigt.

Damit Klienten sich öffnen, müssen Sie sich sicher in der Situation fühlen und es ist meine Verantwortung als Coach, dieses Sicherheitsgefühl zu stärken und nicht zu gefährden. Deshalb sagte ich zu Ruben A.:

„Also, Sie kennen sich eigentlich ganz gut durch Ihre langjährige Beschäftigung mit Persönlichkeitsentwicklung und wissen gar nicht, warum Sie hier sind.“
„Genau, meine Chefin hat ja auch wahnsinnig hohe Ansprüche, nimmt alles sehr genau, ich denke, die könnte auch mal ein Coaching gebrauchen.“
„Also, eigentlich sollte Ihre Chefin hier sitzen statt Ihnen.“

Der Klient grinste und wechselte das Thema.

„Außerdem, ich habe ja schon einige Coaches erlebt, die meisten haben keine Ahnung vom Alltag einer Top-Führungskraft. Die wollten vielleicht nach dem Studium auch Führungskraft in einem Unternehmen werden, merkten aber nach ein paar Jahren, wie schwierig das sein kann, machten dann eine kurze Coachingausbildung und wollen mir jetzt erzählen, wie Management geht.
Wo haben Sie denn das Coachen gelernt? Auf Ihrer Website steht, dass Sie gar keine Coachingausbildung haben. Trauen Sie sich denn zu, mit jemandem wie mir zu arbeiten?“

Woran kann man Narzissten erkennen?

Narzissmus dient in seiner wohl bekanntesten Ausprägung als Selbstüberhöhung als ein Schutz und Abwehrvorgang (z.B. vor Gefühlen von Minderwertigkeit) und hilft der menschlichen Selbstregulation. Solche Regulationsvorgänge gibt es grundsätzlich in allen Menschen und nicht nur bei Personen, die relativ übereinstimmend als „narzisstische Persönlichkeiten“ bezeichnet werden.

Solche Menschen werden meist erlebt als hochmütig, schwankend zwischen Größenideen und Minderwertigkeitsgefühlen, liebesunfähig, selbstbezogen, leicht kränkbar, gequält von Leergefühlen und Langeweile, süchtig nach Lob und Bewunderung usw.

Im Gegensatz zum normalen Narzissmus, den jeder Mensch in sich trägt, ist bei einer narzisstischen Persönlichkeit dieser Regulationsvorgang extrem ausgeprägt und kann sich auf sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche erstrecken.

 

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Bildnachweis: kallejipp / photocase.de

Narzissten erkennen: Ein wichtiges Indiz im Coachingprozess.

Beziehungen im Leben kann man danach unterscheiden, wie die Macht verteilt ist. Entweder ist die Macht hierarchisch (Einer bestimmt, der/die anderen folgen) oder beide Parteien sind auf Augenhöhe, haben die gleichen Rechte und Pflichten und fühlen sich gleichberechtigt.

„Einer oben, einer unten“ ist eine Kommunikationsform zwischen zwei Menschen, bei der eine Person die „Oben“-Rolle übernimmt (die überlegene Rolle, je sachkundiger, desto mächtiger usw.), während die andere Person die „Unten-Position“ akzeptiert, oder die Unten-Position wird ihm oder ihr auferlegt.

Wer zum Arzt geht, ist in der „unterlegenen“ Position und akzeptiert meist die übergeordnete Expertenrolle des Mediziners. Deshalb reagiert kaum einer auf die ärztliche Aufforderung „Ziehen sich sich mal aus!“ mit „Nur wenn Sie sich auch ausziehen!“

Ähnlich ist es mit dem Polizisten, der unseren Führerschein sehen will und das auch verlangen darf oder die Lehrerin, die dem Sohn eine schlechte Note gibt. Beim „Einer oben, einer unten-Kommunikationsstil“ geht es im Wesentlichen um Macht in Beziehungen. Akzeptieren wir die Unten-Position glauben wir, dass eine Person mehr weiß, etwas besser kann und wir uns ihr anvertrauen können.

Die meisten Narzissten steuern generell die Position „Ich-bin-oben“ an.
Deswegen lassen sich sich ungern etwas sagen, versuchen die Autorität des anderen zu untergraben zum Beispiel, indem sie den anderen warten lassen. Denn auf wen man warten muss, der gilt als wichtig und mächtig.

Was passieren kann, wenn zwei Narzissten um die Statusmacht kämpfen, sieht man in diesem aktuellen Video:

 

Speziell in der Coachingsituation versuchen manche Klienten, ihr Unwohlsein mit der hilfsbedürftigen Rolle zu kaschieren und den Prozess zu übernehmen anstatt sich vom Coach führen zu lassen. Auch Ruben A. ließ mich ja zu Beginn des Coachings warten und schob die Schuld dafür aber gleich mir zu.

Da der Umstand, Hilfe zu brauchen von Narzissten meist kränkend erlebt wird, verweigern sie unbewusst oft die Rolle des Klienten. Stattdessen treten sie sehr dominant auf, hinterfragen gern die Kompetenz oder das Vorgehen des Coaches.

Deshalb verstand ich den letzten Satz („Trauen Sie sich denn zu, mit jemandem wie mir zu arbeiten?“) als Versuch des Klienten, die Kontrolle über den Prozess zu übernehmen. Nach der abwertenden Kritik an  anderen Coaches, bezweifelt er auch meine Fähigkeiten. Seine Frage ist für mich deshalb keine neugierige Informationsfrage, sondern die Einladung auf ein sehr glattes Parkett.

Weil egal, was ich jetzt antworte, kann es sein, dass er weiter meine Kompetenz anzweifeln wird.

  • Antworte ich, dass ich mir die Arbeit mit ihm durchaus vorstellen kann., wird er vielleicht antworten, dass ich mich überschätze, denn ihm hätte noch kein Coach etwas Substanzielles sagen können.
  • Antworte ich, dass ich zwar keine Coachingausbildung habe aber dafür vierzig Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Menschen, würde er vielleicht sagen, dass man auch vierzig Jahre lang etwas falsch machen kann.
  • Antworte ich pikiert, dass er ja das Coaching nicht bei mir machen müsste, wird er mir antworten, dass ich jetzt beleidigt und wenig souverän auf eine harmlose Frage reagiere.

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Bild: axelbueckert – photocase.de

Narzissten erkennen: Wie entgeht man diesen Fallen im Coaching?

Nach vielen unproduktiven Reaktionsweisen, diesen Fallen im Coaching mit Narzissten zu entkommen, entwickelte ich im Lauf der Jahre eine elegante Methode, mit der man sich Respekt verschafft ohne den Klienten zu kränken. Hier zwei Beispiele:

Klient fragt: „Haben Sie denn Erfahrung im Coachen von Top-Leuten wie mir?“
Antwortet man jetzt mit: „Ja, habe ich Erfahrung“, fragt der Klient nach Anzahl, Unternehmensgröße, Mitarbeiterzahl etc. und findet immer eine Vergleichsgröße, die angeblich nicht ausreicht.
Eleganter ist der Weg, sich selbst nach unten zu setzen, denn da wollen narzisstische Klienten einen ja haben, und reagiert mit:
„Hmm, ein bißchen Erfahrung habe ich da, aber eigentlich sehr wenig.“
Jetzt kommt natürlich die Nachfrage: „Und wie wollen Sie mich erfolgreich coachen, wenn Sie mit Leuten wie mir keine Erfahrung haben?“
Wieder ist es wichtig, sich nicht verunsichern und in Rechtfertigungsspiele verwickeln zu lassen:
„Tja, gute Frage, wie das gehen soll. Aber ich bin da ganz zuversichtlich.“

Noch ein Beispiel für eine Falle:
Klient sagt, nachdem er Platz genommen hat: „Ganz schön unbequem Ihre Sessel. Für die Honorare, die Sie verlangen, könnten Sie sich auch mal was Vernünftiges leisten. In dem Sessel kriege ich ja Kreuzschmerzen.“

Auch das ist meist keine harmlose Beschwerde, denn kein Klient sagt in den ersten fünf Minuten so etwas. Dass es ein Macht-Manöver ist, merkt der Coach auch daran, dass er sich ärgert. Äußert er aber jetzt seinen Ärger („Ich finde Ihre Bemerkung über meine Sessel ziemlich unpassend“) wird der narzisstische Klient in der Regel nicht zurückweichen und sich entschuldigen.
Insgeheim wird er eher triumphieren, dass er einen empfindlichen Punkt beim Coach getroffen hat und übertrieben empathisch reagieren:
(Ohh, da haben wir wohl heute einen schlechten Tag erwischt, dass Sie so empfindlich reagieren. Tut mir seeeeehr leid – aber der Sessel ist wirklich unbequem.“)

Um in solchen Situationen souverän zu reagieren, hilft vielleicht der Gedanke, was Hunde machen, wenn sie ein neues Terrain betreten? Richtig! Durch das Urinieren an verschiedenen Punkten markiert selbst der kleinste Hund sein Revier und zeigt seinen Artgenossen, dass er diesen Bereich für sich beansprucht.

Wie könnten Sie elegant auf abwertende oder kritische Bemerkungen wie mit dem Sessel reagieren?
Besser nicht mit: „Sie sind jetzt der erste, der den Sessel unbequem findet“ oder „Sie irren sich, der Sessel war sogar ziemlich teuer.“
Nicht vergessen, der Klient sagt so etwas, um mir unbewusst zu zeigen, dass er die Oberhand behalten will. Am besten, ich erlaube ihm diese Position – anstatt sie ihm streitig zu machen oder mit ihm darum zu ringen.
Also sage ich: „Mensch, das tut mir leid, dass Sie da Kreuzschmerzen kriegen. Was machen wir denn jetzt? Ich habe keinen anderen Sessel. Meinen Sie, dass es irgendwie gehen wird?“
Also nicht auf die Abwertung reagieren, sondern Ihren Ärger beiseite schieben und mit dem Klienten und seinen Gefühlen in Kontakt bleiben.

Um sich mit narzisstischen Klienten nicht zu verstricken, braucht es ein klares Gefühl für die eigene Rolle als Coach.

Sie steuern den Prozess und dürfen sich das Ruder nicht aus der Hand nehmen lassen.

Die narzisstischen Manöver interpretieren Sie am besten als unangemessene „Reviermarkierung“ („Ich bestimme hier!“) und erkundigen sich freundlich danach, was Ihr Klient eigentlich meint, warum er sich ärgert, was genau er so unmöglich findet. So bleiben Sie in Kontakt und zeigen, dass Sie sich nicht  verunsichern lassen.

Hier ein paar (reale) Übungsbeispiele aus meiner Coachingpraxis.
„Ach übrigens, wieso fahren Sie eigentlich einen Skoda?“
„Sie sehen etwas erschöpft aus. Geht’s Ihnen nicht gut?“
„Sind die vielen positiven Bewertungen auf Ihrer Website wirklich echt.“
„Ich war letzten Monat bei Professor X zum Coaching, aber der konnte mir auch nicht helfen.“
„Ich sag’s Ihnen gleich, über meine Kindheit brauchen wir nicht zu reden, die war sehr glücklich.“
„Das weiß ich doch alles schon, was wir bis jetzt gesprochen haben. Das hilft mir kein Stück weiter.“


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Bild: alessandroguerriero iStock.com

„Ich würde meine Fehler ja zugeben, wenn ich welche hätte.“

An diesen Spruch musste ich denken, als ich versuchte, mit Ruben A. ein Anliegen und einen Arbeitsauftrag zu formulieren. Denn auf meine Frage, was ihn hierher führte oder welches Problem er mitbringe, wich er aus.

„Da müssen Sie schon meine Chefin fragen, denn die hat mich hierher geschickt.“
„Tja, die ist ja nun mal nicht da, also muss ich Sie fragen: Was wollen Sie hier?“
„Ich will, dass man mich in Ruhe meine Arbeit tun lässt und mir nicht dauernd reinquatscht, was ich besser machen soll!“, war die etwas ärgerliche Antwort.
„Wer quatscht Ihnen denn laufend …?
„Aber mit so einem unfähigen Team, wie ich es habe, passieren natürlich Fehler und dann soll ich der Schuldige sein.“

Es war jetzt eine knappe halbe Stunde vergangen und wir waren keinen Schritt weiter. Ich hatte den Eindruck, dass das übliche Coachingvorgehen mit Zuhören, Fragen stellen, sich einfühlen, Klären des Auftrags hier nichts bringen würde, weil Ruben A. alles blockierte und vorgab, gar kein Anliegen zu haben, um zu demonstrieren, dass er die Oberhand hatte.

Deswegen setzte ich mich selbst schachmatt.

„Ich glaube, ich kann nicht mit Ihnen arbeiten“, sagte ich und schaute Ruben A. freundlich an. „Ich bin Ihnen nicht gewachsen.“
„Was heißt das? Wollen Sie mich rausschmeißen?“, reagierte der Klient ziemlich verblüfft.
„Nein, überhaupt nicht. Aber ich weiß nicht, wie ich mit Ihnen arbeiten soll.“
„Aber Sie sagten doch, dass Sie es sich zutrauen, mit jemand wie mir zu arbeiten.“
„Ja, das war nach zehn Minuten, aber jetzt ist eine halbe Stunde vergangen …. da lag ich wohl falsch mit meiner ersten Einschätzung.“

Ich merkte, dass der Klient mit so einer Reaktion nicht gerechnet hatte.

„Und was soll ich jetzt meiner Chefin sagen, wenn sie nach dem Coaching fragt?“
„Am besten die Wahrheit. Dass sie viel eher ein Coaching brauchen würde als Sie und dass man mit so einem unfähigen Team von Ihnen keine positiven Resultate erwarten dürfte.“
„Das kann ich ihr doch nicht so direkt sagen.“

„Warum denn nicht? Es ist doch die Wahrheit – also Ihre Wahrheit.“

Ruben A. stutzte über meine letzte Bemerkung. „Was meinen  Sie mit ‚Ihre Wahrheit‘?“ 

Jetzt war ein kleiner Auftrag da. Zumindest interpretierte ich das so. Der Klient wollte zum ersten Mal etwas wissen, was er nicht verstand. Und ich nutzte die Gelegenheit für eine konfrontative Deutung.

„Nun ja, die meisten Menschen wissen, dass es zu einer Sache mehrere Ansichten geben kann. Also mehrere Wahrheiten. Ihre Chefin meint zum Beispiel, dass Sie Ihr Team zu eng führen, haben Sie erzählt. Und einige Teammitglieder haben ja auch schon mit der Kündigung gedroht …“
„Weil die alle unfähig sind, typische Low-performer, das habe ich ja auch gesagt!“
Ja, sehen Sie, das ist Ihre Ansicht, also Ihre Wahrheit. Es gibt aber nicht nur Ihre Wahrheit, sondern auch die Ansicht Ihrer Chefin und die Ihres Teams … und die gehen Ihnen alle ziemlich … am Arsch vorbei. Für Sie zählt nur Ihre Wahrheit und die anderen sind halt alle blöd und unfähig.“

Die drastische Ausdrucksweise wendete ich gezielt an. Nicht weil ich ärgerlich war, sondern weil ich den Klienten in seinem Bezugsrahmen, in seiner Welt treffen wollte. Das ist immer auch ein bißchen riskant, der Klient könnte sich angegriffen fühlen und mit „Was erlauben Sie sich eigentlich?“ reagieren. Worauf ich aber ganz unschuldig nachfragen würde, ob er im Inneren nicht genau das oft über die Meinungen der anderen denke.

Der Klient schwieg eine Weile, schaute im Raum umher, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Es arbeitete ihm. Nach einer Weile sagte er:

„Sie sagten vorhin, dass Sie nicht wüssten, wie Sie mit mir arbeiten sollten. Ich kann es Ihnen sagen.“
„Gut, da bin ich gespannt.“
„Sie müssen mich überraschen. Nicht so das übliche Coach-Geschwafel. Das kenne ich in- und auswendig. Das haben die anderen Coaches auch versucht. Sie müssen mich aus der Deckung herauslocken, wie beim Boxen.“

Ich wurde wieder neugierig blieb aber vorsichtig.

„Sie aus der Deckung herausholen? Und das soll helfen? Warum kommen Sie denn nicht selbst aus der Deckung raus?“
„Das kann ich nicht. Ich weiß nicht, wie das geht. Ich kann nur angreifen oder mich verteidigen. Das habe ich ein Leben lang geübt. Das Leben ist Kampf.“

Bei einem anderen Klienten hätte ich jetzt nach Kindheitserlebnissen gefragt, die ihn zu dieser Überzeugung gebracht haben. Meist kommen dann Situationen zur Sprache, in denen der Klient sich als Kind unterlegen fühlte oder beschämt wurde, wodurch deutlich wird, warum ein Klient heute andere oft abblockt und niemanden an sich heranlässt.

Aber ich nahm den Wunsch des Klienten, überrascht zu werden, ernst. Auch weil ich erlebt hatte, dass er in der Abwehr rhetorischer Inhalte sehr gewandt und nach eigenen Angaben ein geübter Kämpfer war. Ich bat ihn die Augen zu schliessen und etwas achtsam zu werden.

„Dieser Entspannungskram funktioniert bei mir nicht, das können Sie sich schenken“, kam sofort seine harsche Reaktion.
„Sie brauchen sich nicht zu entspannen, es reicht, wenn Sie achtgeben, was in Ihnen ausgelöst wird, wenn Sie den Satz gesagt haben, den ich Ihnen gleich vorschlage. Okay?“
„Also gut, mal sehen, ob uns das weiterbringt.“

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:
»Ich bin ein ganz normaler Mensch!“

Die Reaktion von Ruben A. kam sofort – und auch in der erwartete Weise.

„Sie haben Sie wohl nicht alle!“, war seine empörte Reaktion. „Den Satz sage ich nicht. Das ist eine Frechheit!“
„Ohh, interessant Ihre Reaktion. Was haben Sie denn gehört?“
„Ich soll sagen, dass ich auch nur ein ganz normaler Spießer bin.“
„Aha, aber nein, den Satz habe ich Ihnen nicht vorgeschlagen.“
„Aber natürlich, ich habe ihn doch gehört.“

Die Technik mit den positiven Sätzen ist deshalb so wirkungsvoll, weil sie unter dem Radar des bewussten Verstands des Klienten reinfliegt und man Informationen direkt aus dem Unbewussten erhält.

„Mag sein, dass Sie ihn gehört haben aber gesagt habe ich den Satz ‚Ich bin ein ganz normaler Mensch.'“
„Sind Sie sicher?“
„Hundertprozentig. Aber was glauben Sie, warum Sie das mit dem Spießer gehört haben? Wer oder was sind denn Spießer?“
„Na ja, neunzig Prozent der Menschen sind Spießer. Sind zufrieden mit ihrem Acht-Stunden-Tag, freuen sich auf das Wochenende und den Urlaub. Zahlen brav ihre Steuern und in den Bausparvertrag und sterben nach einem langweiligen Leben.“
„Ach, deswegen wehrten Sie sich so gegen den Satz mit dem normalen Menschen. Waren Ihre Eltern auch Spießer?“
„Vor allem mein Vater war der Oberspießer. Total eng im Denken, natürlich immer nur CDU gewählt, Urlaub immer nur in Deutschland und immer die Angst, was sollen denn die Leute denken. Wie wohnten in einer engen Drei-Zimmer-Wohnung, weil er keine Schulden machen wollte. Mein Vater war Versicherungsvertreter und wartete ein Leben lang auf seine Rente. Drei Monate vor der Pensionierung ist er gestorben. Und meine Mutter hat nach meiner Geburt nicht mehr gearbeitet, weil mein Vater das nicht wollte. Einfach alles nur gräßlich spießig.“

„Ich verstehe, so wollten Sie niemals werden, so ein Spießer wir Ihr Vater.“
„Genau, und das habe ich auch geschafft! Mein Leben sieht total anders als das meiner Eltern. Größer, bunter, lebendiger.“

Ich wartete auf einen ruhigen Moment, wo Ruben A. von seinem triumphierenden Höhenflug wieder etwas herunterkam.

Was ist ein normaler Mensch?

Den Klienten gewähren lassen,  abwarten und Stille aushalten ist in manchen Coachingprozessen ganz wichtig. Vor allem, wenn man mit dem Unbewussten kooperiert. Sonst verwickelt man sich in unergiebige Debatten und das Wesentliche wird verpasst.

Das Wesentliche im Moment war die Reaktion des Klienten auf den Satz „Ich bin ein ganz normaler Mensch“. Und ich wartete darauf, ob Ruben A. diesen Punkt von sich aus wieder aufgreifen würde. Wir hatten Glück.

„Also gut, ich wollte nie so werden wie mein Vater, das wusste ich aber schon vorher. Was hat das jetzt mit dem Satz mit dem normalen Menschen zu tun?“
„Na ja, ich denke, Ihr Vater war so ein ganz normaler Mensch. Da seine Werte und Ziele im Leben Ihnen so eng und beschränkt vorkamen, schworen Sie sich, nie so zu werden wie er. Das ist Ihnen in gewisser Weise gelungen. Aber Sie glaubten auch, dass Sie ein ganz besonderer Mensch werden müssen, um bloß kein Spießer zu werden. Und da sind Sie über’s Ziel hinausgeschossen.“

„Und was unterscheidet mich jetzt von einem normalen Menschen?“
„Ganz einfach, Ihre Ich-Zentriertheit. Dass Sie nur um sich selbst kreisen. Dass Sie sich kaum in andere Menschen hineinversetzen können. Dass für Sie nur Ihre Wahrheit zählt.““
„Verstehe ich nicht.“

Dies ist immer ein schwierige Stelle in jedem Coachingprozess, wenn ungeliebte Eigenschaften oder Verhaltensweisen angesprochen werden, von denen der Klient ahnt, dass es sie gibt, die er aber bisher erfolgreich verdrängt hat.  Für Menschen mit einer narzisstischen Tendenz ist das noch schwieriger. Weil sie sehr kränkbar sind und jede noch so berechtigte Kritik abwehren. Denn sie kennen nur schwarz und weiß: Wenn ich nicht der Größte bin, dann bin ich der letzte Versager.

„Schauen Sie, normale Menschen wissen, dass es zu fast jeder Sache unterschiedliche Ansichten und Bewertungen gibt. Mehrere Wahrheiten habe ich das vorhin genannt. Sie sind davon überzeugt, dass es nur eine Wahrheit gibt, nämlich Ihre.“
„Aber ich habe doch Recht mit meiner Meinung!“

„Ich glaube nicht. Ich glaube, Sie täuschen sich. Dass Sie glauben, dass Ihre Meinung die Wahrheit ist, ist Ihr größter blinder Fleck. Die anderen sehen diesen Fleck. Deshalb hat Ihre Chefin Sie in dieses Coaching geschickt. Deswegen sind etliche aus Ihrem Team mit Ihrer Führung unzufrieden und überlegen zu kündigen.“

Auf dem Gesicht des Klienten zeigten sich rote Flecken. Innerlich kämpfte er wohl mit starken Gefühlen. Doch als ich mich danach erkundigte, sagte er, es ginge ihm gut. Ich überlegte, ob meine Intervention mit dem blinden Fleck zu früh kam. Erinnerte mich aber schnell daran, dass es zum narzisstischen Spiel gehört, dass man die Schuld bei sich selbst sucht.

Meine Freundin sagt öfter, dass wenn man mich gut findet, ich der unterhaltsamste und angenehmste Mensch sei, den sie kenne. Aber wehe, man würde etwas an mir kritisieren, dann wäre ich wie ausgewechselt, kalt und unnahbar.“
„Da hat sie wohl etwas Wichtiges bei Ihnen erkannt“, antwortete ich.
„Und ich habe den Satz mit dem normalen Menschen auch als Kritik empfunden. Eigentlich als eine Frechheit.“
„Und als Majestätsbeleidigung.“
„Worauf mindestens die Todesstrafe steht“,
scherzte Ruben A.

Die versteckte Drohung zeigte mir, dass wir wieder an der Oberfläche angekommen waren. Für einen Moment war durch den Satz und die Reaktion dem Klienten ein Stück seiner Struktur deutlich geworden. Er hatte eine Ahnung davon bekommen, dass es ihm im Leben vor allem um eine glatte, gut aussehende Fassade ging.

Mit seinem Scherz versuchte er, wieder eine lockere Atmosphäre zwischen uns herzustellen. Das gefiel mir nicht und ich überlegte, wie ich Ruben A. wieder mehr in Kontakt zu seinem inneren Konflikt bringen konnte, als ein lautes Telefonklingeln ertönte. Plötzlich war der Bildschirm schwarz und ich ahnte, was kommen würde.

Nachdem der Klient Kamera und Mikrofon wieder eingeschaltet hatte, ließ er mich wissen, dass man ihn gerade an ein Meeting erinnert hätte, das er vergessen hatte, einzuplanen. Seine Teilnahme sei leider unbedingt erforderlich und er hoffe auf mein Verständnis, dass wir hier aufhören mussten.

„Eiskalt abserviert hat er mich!“, dachte ich und ärgerte mich über das abrupte Ende des Coachings. Vermutlich war ich ihm zu nahe gekommen.


Nach einem Dreivierteljahr bekam ich eine Mail von Ruben A.
Eine turbulente Zeit läge hinter ihm. In der Bank seien die Dinge eskaliert, einige aus dem Team hätten gekündigt, seine Chefin sei auch nicht mehr da. Und er lebe jetzt in den USA an der Ostküste. Er sei nach Boston versetzt worden, um dort mit seiner Broker-Erfahrung ein neues Team aufzubauen.
Das Coaching mit mir sei stellenweise durchaus interessant gewesen, hätte ihm aber letztlich keine neuen Erkenntnisse gebracht.

Ich schrieb zurück, dass ich hoffe, dass die Versetzung nach Boston für ihn eine Beförderung darstelle und keine Verbannung. Im übrigen sei er mit seinem Denkstil im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ohnehin besser aufgehoben.


Passend zu diesem Thema meine Artikel:

„Warum verliebe ich mich immer in Narzissten?“

„Was mache ich mit den ganzen Idioten in meiner Firma?“

Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.