„Ich will kein Messie mehr sein, aber ich schaffe es nicht allein“, sagte die Frau im Coaching.

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Allgemein

Bild: David Garrison


Als Messie werden Menschen bezeichnet, deren Leben durch das Anhäufen von Dingen bestimmt wird und die in ihrer Wohnung kaum noch Platz zum Leben finden. In Deutschland sind das bis zu 1,8 Millionen Menschen. Achtzig Prozent von ihnen sind weiblich.
Doch Messies sammeln nicht einfach, sondern leiden darunter, dass ihre Gedanken immer wieder um die einfachsten täglich anfallenden Arbeiten kreisen. Oft sind sie hoffnungslos, dieses Problem jemals wieder in den Griff zu bekommen. So wie meine Klientin in diesem Fallbericht.

„Ich weiß schon lange, dass ich ein Messie bin. Weil ich viel zu viele Sachen aufhebe, sammle und rumliegen habe, die überhaupt nicht geordnet sind. Dabei ist auch jede Menge Müll, der keinen Wert hat und eigentlich weggeschmissen werden gehört. Aber irgendwie schaffe ich das nicht.“

Meine neue Klientin im Online-Coaching war Vera M, 52 Jahre alt, seit 25 Jahren Controllerin in einem Familienunternehmen. Ledig, keine Kinder. Immerhin den passenden Beruf, dachte ich bei mir.

Oft sind Messies – anders als in den entsprechenden TV-Specials – keine verwahrlosten Menschen, die in ihrer Wohnung zwischen Schrott und Pizzakartons den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen. Viele davon können durchaus nach außen ein angepasstes Leben führen. Nur in ihren vier Wänden zeigt sich das Problem.

„Was sind denn vor allem Dinge, die Sie aufbewahren?“ erkundige ich mich.

Zu allererst mal Bücher. Bücher, die ich bestelle, geschenkt bekomme oder aus öffentlichen Bücherschränken mitnehme. Aber auch Zeitungen und Magazine, die ich abonniert habe. Dann Prospekte, Flyer, Eintrittskarten. Aber auch Flaschen, Joghurtbecher, meine Schulhefte, Knöpfe, schöne Steine, Korken, also Sachen, die man normalerweise in Schubladen verstauen kann, liegen ganz offen rum. Und ich schaffe es nicht fertig, die wegzuräumen. Stattdessen steige ich lieber drüber statt sie in die Hand zu nehmen und wegzuräumen.“

„Es scheint Ihnen wichtig zu sein, dass sie sichtbar sind für Sie. Als glaubten Sie, dass wenn sie nicht sichtbar sind, sie dann weg wären“, äußerte ich eine erste Vermutung.

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Bild: https://www.flickr.com/photos/hoardhouse/

Was können Ursachen für ein Messie-Syndrom sein?

Es gibt verschiedene Theorien und Erklärungsversuche, warum Menschen zum Messie werden.

  • Die Sammelleidenschaft kann gesehen werden als ein Mittel, den eigenen als niedrig erlebten Selbstwert durch das Anhäufen von Dingen zu steigern. Mit Descartes könnte man sagen: „Ich sammle, also bin ich.“
    Es wäre dann ein Akt der Selbstvergewisserung.
  • Bei Messies, die verwahrlost leben, können psychische Krankheiten wie Schizophrenie, affektive Psychosen eine Rolle spielen. Auch Demenz, Borderline-Störungen und Hirnschädigungen können Ursachen für Verwahrlosungsphänomene sein.
  • Psychoanalytiker vermuten hinter dem Verhalten eine narzisstische Störung oder einen oralen Mangel. Die Messie versuche unbewusst, die ein inneres Loch oder eine Leere mit Dingen zu stopfen.
  • Frühe traumatische Verlusterlebnisse, Bindungsstörungen und kritische Lebensereignisse können eine Ursache sein. Der erlebte Mangel wird durch Anhäufen von Sachen kompensiert.
  • Auch eine Zwangssymptomatik kann man vermuten. Zwanghafte Messies können sich kaum von gefühlsmäßig besetzten Gegenständen lösen. Der Messie hat sich mit dem Gegenstand identifiziert und Wegwerfen würde als Verlust eines Teils der eigenen Identität erlebt.
  • Oft spielen Depression eine begleitende Rolle. Statt der Nähe zu Menschen pflegt der Messie intensiven Kontakt zu Gegenständen, die kurzfristig das Selbstwertgefühl steigern können. Deshalb sammelt der Betroffene immer weiter, erlebt aber aufgrund der Einschränkungen in der Wohnung immer größere Frustrationen.

„Dann räum halt einfach mal gründlich auf!“, meint der wohlmeinende Laie oder bietet sich sogar selbst als Entrümpler und Aufräumer an. Aber das geht erfahrungsgemäß schief. So wie es dem  Grübler nicht der Hinweis hilft, dass neunzig Prozent seiner Sorgen nicht eintreffen werden.

Es hilft nicht, am Symptom des Anhäufens anzusetzen. Vielversprechender ist der Ansatz, dem Raum, Platz und Worte zu geben, was mit dem Horten zugedeckt werden soll.

 

Warum können sich Messies schlecht von etwas trennen?

Menschen mit einer Messie-Problematik gelingt es nicht, ihre Wünsche und Sehnsüchte in der Realität zu erfüllen. Sie scheinen deshalb ständig auf der Suche nach etwas zu sein, das sie aber nicht benennen können. Sie versuchen unbewusst, die Löcher in ihrer Seele mit dem Ansammeln und Horten von Dingen zu stopfen.

„Im Vorbereitungsbogen haben Sie angedeutet, dass Ihre ersten Lebensjahre sehr entbehrungsreich waren. Was meinten Sie damit?“, fragte ich.
„Meine Mutter war neunzehn, als sie mich kriegte, mein Vater war zwanzig und trennte sich noch in der Schwangerschaft. So lebte ich die ersten fünf Jahre abwechselnd bei einer Tante und bei meiner Oma, weil meine Mutter in einer Gastwirtschaft arbeitete und erst Abends spät nach Hause kam. Ich habe keine Erinnerung an die Zeit, außer an meinen Teddy, den ich überall mit hin schleppte, so erzählte man mir.“

„Das heißt, Sie mussten schon ganz früh lernen, sich an niemanden zu binden, weil die Menschen, die da waren, immer wechselten. Vielleicht hängen Sie ja heute so an den Dingen,  weil die Ihnen niemand wegnehmen kann.“

Wenn man im Coaching die unbewusste Funktion eines Verhaltens anspricht, geschieht meistens etwas Bedeutsames. Die Klientin spürt, wie einen Moment innerlich ein Fenster aufgeht. Vielleicht nur kurz. Aber eine Sekunde lange blitzt eine Erkenntnis auf, was hinter dem bisher so bekämpften Symptom stecken könnte. Und das macht betroffen und neugierig.

 

Wie entwickelt sich die Bindungsfähigkeit eines Menschen?

Nach der Bindungstheorie von John Bowlby  hat der Säugling das angeborene Bedürfnis, in bindungsrelevanten Situationen die Nähe, Zuwendung und den Schutz einer vertrauten Person zu suchen. Der Säugling sichert sich so mit seinem angeborenen Verhaltensrepertoire im ersten Lebensjahr die Nähe seiner Bezugsperson, zu welcher er ein interaktives Bindungssystem aufbaut.

Das Bindungsverhalten zeigt sich insbesondere im Suchen der Bindungsperson, im Weinen, Nachlaufen, Festklammern an derselben und durch Protest, Ärger, Verzweiflung und Trauer sowie emotionalen Rückzug und Resignation beim Verlassenwerden.

Die wichtigste Funktion der Bindungsperson ist es, den Säugling bzw. das Kind in Situationen von Bedrohung zu schützen und ihm emotionale und reale Sicherheit zu geben.

Experimentell wurde dieses Bindungsverhalten durch die sogenannte „Fremde Situation“ untersucht.
Beachten Sie, wie das Baby reagiert, wenn die Mutter weggeht – und wenn sie wiederkommt. Interessanterweise lässt sich das Kind nicht durch die fremde Person trösten.


(Wenn Sie auf das Einstellungsrad unten rechts klicken, können sie englische Untertitel hinzufügen.)

Entscheidend für die Entwicklung einer sicheren Bindung ist es, dass sich die jeweilige Bindungsperson dem Kind gegenüber feinfühlig verhält. Dies bedeutet, dass sie

  • die kindlichen Verhaltensweisen wahrnimmt,
  • die Signale des Kindes richtig interpretiert
  • und angemessen und prompt auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert.

Ich nahm an, dass das bei Vera M. mit drei wechselnden Bezugspersonen in den ersten Jahren nicht gut gelungen war. Und dass sie deshalb ihr Herz eher an Dinge in Ihrer Wohnung hängte als an Menschen.

Dinge, die sie kontrollieren konnte, indem sie sie im wahrsten Sinne des Wortes „festhielt“. Und mehr noch: sie dauernd im Blick haben musste, weswegen sie die Sachen nicht in Schränke oder Kommoden verstauen konnte – weil sie dann für ihr „inneres Kind“ weg waren.

 

Warum das Symptom einen oft auf die Spur zur Lösung führt.

Wenn Klienten mit einem unangenehmen Gefühl oder einer lästigen Verhaltensweise ringen, wollen sie fast immer davon befreit werden. Die Angst solle verschwinden oder der Coach soll das Gefühl wegmachen, lautet dann der Auftrag.

So verständlich der Wunsch ist, klappt das nicht. Symptome sind hartnäckig, was einen zu der Vermutung bringen kann, dass sie nicht blödsinnig oder überflüssig sind, sondern irgendwie zum „System“ des Klienten gehören. Also eine Funktion für ihn haben, einen versteckten Nutzen. Gelingt es, diese versteckte Botschaft des Symptoms zu verstehen, machen viele der „unsinnigen“ Handlungen plötzlich Sinn.

„Gibt es etwas, was Sie am liebsten sammeln? Wovon Sie sich am allerwenigsten trennen würden?“ machte ich mich auf die Spur dieser Botschaften. Vera M. dachte kurz nach.
„Die Reiseprospekte liegen mir sehr am Herzen“, antwortete sie mit einem scheuen Lächeln.
„Weil Sie daran schöne Erinnerungen haben“, vermutete ich.
„Nein, überhaupt nicht“, lachte sie. „Ich war mein ganzes Leben noch nie in Urlaub!“
„Noch nie in Urlaub?“, fragte ich erstaunt nach. „Warum nicht?“
„Weil ich die Wohnung nicht so lange verlassen könnte.“
„Was könnte in der Zeit mit  oder in Ihrer Wohnung denn passieren? Einbrecher?“, 
forschte ich nach.
„Keine Ahnung. Vermutlich nichts. Aber ich hätte kein gutes Gefühl, nicht jeden Abend in meiner Wohnung zu sein. Das könnte das schönste Hotelzimmer in der tollsten Gegend sein, ich wäre da dauernd unruhig und angespannt.“

Der aufkommende Affekt bei Vera M., als wir über eine mögliche Reise sprachen, zeigte mir, dass wir auf einer wichtigen Fährte waren.

„Vielleicht wären Sie ja deswegen so unruhig, weil für Sie die Dinge in Ihrer Wohnung nicht mehr sichtbar wären“, griff ich meine Hypothese vom Anfang auf.
„Weil Sie sie die Dinge in Ihrer Wohnung nicht mehr täglich sehen würden, hätten Sie Angst, dass sie verschwunden sein könnten, wenn Sie zurückkehren.“

Die Klientin wurde nachdenklich und erinnerte sich an etwas.

„Mir fällt ein, dass meine meine Tante mir als Erwachsene erzählte, dass sie mich manchmal beim Nachhausebringen gefragt habe, ob ich mich denn freuen würde, meine Mama wiederzusehen. Ich hätte dann nur stumm mit den Schultern gezuckt, was sie seltsam fand.“
„Da hatten Sie sich wohl das Freuen schon längst abgewöhnt, weil sie wussten, dass sie am anderen Morgen Ihre Mutter wieder verabschieden mussten.“

Die Augen der Klientin wurden feucht und sie begann, leise zu weinen.


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Bild: Nandhu Kumar

Lösen kann man sich erst, wenn man Verbundenheit spürt.

Um erwachsen zu sein, ist es notwendig, sich von den Eltern zu lösen. Doch wie löst man sich von Eltern, mit denen man nie eine Bindung erlebte?

„Mein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben. Er hat noch zweimal geheiratet, ich habe also theoretisch drei Stiefgeschwister. Aber zu allen besteht kein Kontakt. Als ich zwanzig war, nahm ich allen Mut zusammen und suchte ihn auf.
„Was willst du hier?“, waren seine ersten Worte, als ich ihm sagte, dass ich seine Tochter sei. „Geld kriegst du keins!“
Ich drehte mich um und ging heulend nach Hause.

„Das tut mir leid“, sagte ich, „und wie ist das Verhältnis zur Ihrer Mutter heute?“
„Sie ist jetzt 71 Jahre alt, lebt auch allein, hatte viel Pech mit Männern. Ich empfinde Distanz und Mitgefühl zu ihr. Sie hat kein leichtes Leben gehabt. Aber auch zu ihr habe ich schon seit Jahren den Kontakt abgebrochen. Ich brauche sie nicht mehr.“

Vera M. sprach mit fester Stimme, fast als wollte sie sich selbst gut zureden, aber ich glaubte ihr nicht.

Aus meiner  Sicht hatte sie die dysfunktionale Beziehung zu ihrer Mutter gegen eine andere dysfunktionale Beziehung ausgetauscht. Die Beziehung zu den Dingen in ihrer Wohnung, mit denen sie so umging, als wären es unmündige Kinder, die man keinen Augenblick aus den Augen verlieren dürfe, weil sie sonst weglaufen würden.

Aber wie löst man sich von jemandem, zu dem man eine sehr brüchige und hochambivalente Beziehung hat?

Ich wusste nicht so recht weiter im Coaching und schlug eine Pause von zehn Minuten vor. Das war auch der Klientin recht, denn sie wollte sich einen Kaffee machen.

Wenn ich in einem Coachingprozess nicht so recht weiter weiß, gerate ich zum Glück nicht mehr wie früher in Panik. Sondern laufe ein bißchen rum, schaue aus dem Fenster und warte auf mein Unbewusstes, das mich noch nie in solchen Situationen im Stich gelassen hat.

Am Fenster fiel mir eine Zeile aus dem Tao Te King, einem chinesischen Weisheitsbuch:

„Was man zusammenziehen will,
das muß man erst sich richtig ausdehnen lassen.“

Den ganzen Text aus dem 36. Kapitel und das ganze Buch vom „Leben und Sinn“ können Sie hier lesen.


 

Als Coach muss man auch ein guter Detektiv sein.

Das heißt, aus der Fülle der Informationen und Eindrücke muss er den roten Faden erkennen, der sich durch das Leben der Klientin zieht. Dazu braucht es eine genaue Wahrnehmung und eine gute Kombinationsgabe, um die verschiedenen Puzzleteile zu einem klaren Bild zusammenzufügen.

„Sie sagten, dass Sie zu viele Sachen aufheben und rumliegen haben.Dabei sei auch jede Menge Müll, der keinen Wert hat und eigentlich weggeschmissen werden könnte. Ich würde gen ein Gedankenexperiment machen, okay?“

Vera M. wurde neugierig und willigte ein.

„Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, dass Sie alle wertlosen Dinge in Ihrer Wohnung weggegeben oder verschenkt hätten. Und die wichtigen Dinge sind in Ihren Schränken und Kommoden verstaut, alles hat seinen Platz. Und jetzt sitzen Sie in Ihrer aufgeräumten Wohnung, alles ist an seinem Platz – wie fühlen Sie sich dort?“

Die Klientin wurde unruhig, öffnete die Augen und antwortete:
„Nicht gut. Es ist alles so leer, alles ist weg, was zu mir gehört. Ich fühle mich schutzlos.“

An dieser Stelle wagte ich eine Deutung. Damit wollte ich etwas Rätselhaftes verstehen helfen, genauer gesagt, der Klientin die unbewusste Funktion ihres Ansammeln von nutzlosen Dingen bewusst zu machen. Passt eine Deutung, kann das die Klientin emotional tief berühren. Es ist wie eine Erlösung, ein tiefes Verstehen, ein großer Aha-Moment.

Passt die Deutung nicht, weil sie nicht stimmt oder zum falschen Zeitpunkt kommt, ist die Klientin eher vielleicht verwirrt, verunsichert oder verärgert. Mit einer Deutung versuche ich also, etwas Unbewusstes emotional erfahrbar zu machen. Deshalb sagte ich zu Vera M.:

„Zu Beginn unseres Coachings sagte ich, dass es Ihnen wichtig zu sein scheint, dass alle Sachen sichtbar sind für Sie. Als glaubten Sie, dass wenn sie nicht sichtbar sind, sie dann weg wären. Und die ersten fünf Jahre Ihres Lebens war Ihre Mutter ja fast nie da, sondern sie waren bei der Oma und der Tante, und deshalb …“

Weil Vera M. plötzlich zu schluchzen begann, stoppte ich.

„Ich weiß, was Sie meinen“, sagte sie nach einer Weile, „die Sachen, die ich aufhebe, sind mir sicher, die gehen nicht weg wie meine Mutter. Aber ich muss sie dauernd im Blick haben, kann sie deswegen nicht wegräumen, weil sie für mich dann genauso weg wären.“

„Genauso ist es wohl“, antwortete ich.


 

Wie macht man Frieden mit der Vergangenheit?

Kurz gesagt: Indem man loslässt, was verloren ist und sich an dem erfreut, was einem gehört.

Das ist leicht gesagt – und mitunter schwer getan. Denn zum Loslassen des Verlorenen gehört, dass man aufhört zu hadern. Dabei kann man mit sich selbst hadern („Wie konnte ich nur …?“) oder mit anderen („Warum hast du nur …?“) oder gar dem Schicksal („Warum ausgerechnet ich …?“)

Wenn wir hadern, zeigt das zweierlei:

  1. Wir sind mit einer Erfahrung aus der Vergangenheit unzufrieden oder unglücklich.
  2. Wir wollen den damit verbundenen Schmerz nicht spüren.
  3. Wir wollen etwas Unkontrollierbares (das Leben, die Vergangenheit) kontrollieren.

Was ist besser als hadern?

Wieder kurz gesagt: Trauern um das was man verlor oder nie hatte und akzeptieren, dass es so ist, wie es ist.

In meinem 3-h-Coaching geht es aber primär nicht um ein verstandesmäßiges Einsehen, sondern vor allem um ein emotionales Begreifen. Deshalb bat ich Vera M., sich ihre Mutter vorzustellen, wie Sie in einigem Abstand vor ihr sitzt. Die Mutter von heute.

Das dauerte einen Moment. Dann fragte ich sie, was sich in ihr verändert hatte, jetzt wo ihre Mutter ihr gegenübersitze. Die Klientin antwortete, dass sie ein Ziehen im Brustraum gespürt habe und zwei unterschiedliche Gefühle. Mitleid mit ihr und etwas Sehnsucht.

Lösen kann man sich erst, wenn man Verbundenheit spürte, schrieb ich weiter oben. Das wollte ich Vera M. erleben lassen und bat sie, zu ihrer Mutter den Satz zu sagen:

„Mama, ich hätte dich damals so gebraucht.“

Ein unterdrücktes Schluchzen war die Antwort. Ich wartete still einige Minuten. Dann machten wir eine Pause.

„Ich habe zum ersten Mal diese Sehnsucht eines Kindes nach seiner Mutter gespürt“, sagte Vera M. nach der Pause.

„Nun, als Kind haben Sie die bestimmt sehr oft gespürt. Aber Sie bekamen keine Antwort darauf, keine Reaktion, keine Resonanz. Und irgendwann haben Sie die Sehnsucht eingemauert, damit sie stirbt und Sie sie nicht mehr spüren.“

Vera M. war eine sensible Klientin, die gut reflektieren konnte.

„Und die Mauern heute sind die vielen Stapel von Kram in meiner Wohnung, die meine Sicht und meinen Bewegungsspielraum begrenzen.“
„So könnte es wohl sein“,
pflichtete ich ihr bei.

„Und was mache ich jetzt mit dieser Sehnsucht? Zu meiner Mutter gehen? Die würde das nicht verstehen und es würde sie nur belasten.“

Um die Lebensthemen zu bearbeiten, braucht man nicht die realen Eltern. Wir tragen sie ja in uns, haben sie für immer verinnerlicht.

„Ich habe eine andere Idee“, sagte ich.
„Haben Sie ein Foto von Ihrer Mutter? Möglichst von damals?“
„Ja, zuhause in einer Zigarrenschachtel habe ich viele Fotos aus meiner Kindheit aufbewahrt. Sie in ein Album zu kleben, auf die Idee kam niemand.“

„Suchen Sie ein Foto aus, wo Ihre Mutter drauf ist. Nehmen Sie ein altes T-Shirt und nähen Sie darauf eine Tasche, in der das Foto von Ihrer Mutter passt. Und tragen Sie das T-Shirt ab und zu unter Ihrer Kleidung oder Ihrem Pyjama. Und spüren Sie, was es mit Ihnen macht.“


 

Vera M. schrieb mir eine Mail nach einem Vierteljahr.  Es wäre eine schwierige Zeit nach unserem Coaching für sie gewesen. Zuerst hätte sie noch mehr Kram angehäuft und noch weniger Platz in der Wohnung gehabt. Sie sei noch unglücklicher gewesen als vor dem Coaching.
Dann habe sie einen Traum gehabt, in dem ihre Mutter sie ganz ernst angesehen und nur einen Satz gesagt hätte. Der Satz habe gelautet: „Vera, es tut mir sehr leid.“ Danach sei sie weinend aufgewacht.
In den Wochen danach habe sie Stück für Stück ihre Wohnung entrümpelt, was sehr schwer war, weil die vielen Stapel über die Jahre fast ein Teil von ihr geworden waren. Sie habe zum Wegwerfen immer das T-Shirt mit dem Mutterfoto angezogen, das habe ihr Kraft gegeben.

„Sie haben also Stück für Stück die Mauer um Ihre Sehnsucht abgetragen“, schrieb ich zurück. „Mal sehen, was passiert, wenn Ihr Herz wieder ganz frei ist.“


 

Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

1 Kommentare

  1. Gunther sagt

    Es kommt oft vor! Wir können uns mit unseren Problemen befassen und uns am Ende nicht mit ihnen befassen. Dann brauchen wir die Hilfe von Fremden, die es leichter finden, die Situation von außen zu betrachten. Als ich jung war, musste ich mit einem Spezialisten sprechen, um meine persönlichen Probleme zu lösen. Ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, einen Psychologen aufzusuchen. Er hat mir nur geholfen, nicht meine Probleme zu lösen, aber er hat mir auch den Weg zur Selbstentwicklung im Bereich der Psychologie geebnet.

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