„Ich habe schlechtes Karma“, sagte die Frau im Coaching.

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Hat jemand schlechtes Karma, wenn ihm wiederholt Schlimmes widerfährt? An das Gesetz von Karma als einen Ausgleich von Missetaten in einem früheren Leben glauben auch viele Menschen in Europa. Vor allem, wenn sie einen Sinn suchen, warum sie soviel Pech im Leben haben. Doch schlechtes Karma kann einen ganz anderen Hintergrund haben, wie meine Klientin in diesem Fallbericht erfuhr.

„Ich will, dass Sie mir die Wahrheit sagen, die ungeschminkte Wahrheit, auch wenn es weh tut“, war der erste Satz der neuen Klientin im 3-h-Online-Coaching.
„Die Wahrheit worüber?, erkundigte ich mich etwas irritiert.
„Die Wahrheit über mich, über mein Leben, meine Zukunft. Vor allem darüber, warum ich so schlechtes Karma habe und was ich dagegen tun kann“, erläuterte Marion B. 42 Jahre alt, Disponentin in einer Spedition, geschieden.
„Ohje, das kann ich nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Sie meinen ja wohl die absolute Wahrheit.“
„Das habe ich befürchtet, aber irgendjemand muss mir doch diese Fragen beantworten.“
„Welche Frage denn genau?“
„Warum ich soviel Pech im Leben habe.“
„Was meinen Sie damit? Wollen Sie mir mehr darüber erzählen?“

In meine 3-h-Coachings kommen meist Menschen, die ein größeres Problem haben und die schon einiges unternommen haben, Klarheit und Hilfe dafür zu bekommen. Haben Bücher gelesen, vielleicht ein Seminar besucht, eine Therapie angefangen oder sonst etwas. Aber nichts hat so richtig geholfen. So war es auch bei Marion B.

„Dann erzähle ich Ihnen mal meine Leidensgeschichte, aber ich mache es kurz.“
„Wir haben Zeit, genug Zeit“,
erwiderte ich, weil ich ihren Satz so verstand, dass sie mir nicht auf die Nerven gehen und sich deshalb kurz fassen wollte.
„Es begann damit, dass meine Eltern eigentlich kein drittes Kind wollten, schon gar nicht nochmal ein Mädchen nach meinen beiden Schwestern, die zwei und vier Jahre älter sind. Unbewusst muss ich das früh gespürt haben, denn ich fand gleichaltrige Mädchen und ihre Interessen doof und war meistens mit Jungs unterwegs. So kam es, dass ich in einem Ferienlager an der Nordsee, wo mich meine Eltern hingeschickt haben, damit sie ohne mich in Urlaub fahren konnten, von einem 17-Jährigen vergewaltigt wurde.“
„Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?“,
fragte ich nach.
„Selber schuld, sagte mein Vater, was hängst du auch dauernd mit Jungs zusammen?“

„Wie leben Sie heute?“, wollte ich wissen.
„Einigermaßen gut, würde ich sagen. Nach der Vergewaltigung hatte ich immer wieder Flashbacks und üble Träume, dadurch griff ich zu Drogen. Das war das Einzige, was mir half, mich eine Weile besser zu fühlen. Aber nicht auf Dauer. Als ich immer mehr abzurutschen drohte, schleppte mich meine Mutter in eine Klinik für einen Entzug. Ich brauchte drei Aufenthalte, um clean zu werden. Das war ich dann mit dreiundzwanzig, Realabschluss, keine Lehre, kein Beruf. Drogen habe ich nicht mehr angefasst seitdem, aber süchtig bin ich trotzdem. Vor allem nach Essen und Alkohol. Ich wiege jetzt 140 Kilo und trinke jeden Abend eine Flasche Wein.“

Die Klientin erzählte das seltsam sachlich, ohne einen Hinweis auf ein Gefühl. Ich überlegte, was der Grund dafür sein könnte. Hatte sie schon früh gelernt, ihre Gefühle abzuspalten, wie das bei sexuellem Missbrauch oft der Fall ist? Oder hatte sie ihre Geschichte schon so oft erzählt, dass sie nichts mehr dabei empfand? Ich überlegte, ob ich das ansprechen sollte, entschied mich aber dagegen, weil ich mir nicht viel davon versprach. Ich nahm an, dass sich Marion B. noch nicht sicher genug mit mir fühlte und deshalb ihr Unbewusstes auf Sachlichkeit umgeschaltet hatte.

„Wie ging es dann weiter?“ wollte ich wissen.
„Ich wurde ungewollt schwanger mit vierundzwanzig, wir heirateten überstürzt, weil ich irgendwie versorgt sein wollte und meine Eltern Druck machten. Die Ehe hielt drei Jahre, mein Ex-Mann fing das Trinken an, betrog mich und ich ließ mich scheiden. Das wiederholte sich noch einmal, so dass ich zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern habe. Das jüngste wohnt noch bei mir, zu dem anderen habe ich nur selten Kontakt.“
„Wovon leben Sie heute?“
fragte ich.
„Eine Freundin besorgte mir eine Stelle in einer Spedition. Dort mache ich die Disposition, ich habe ja nichts Richtiges gelernt. Aber die Freundin hat mich dort eingearbeitet. Der Job ist okay denn ich bin ziemlich beliebt bei den Fahrern, deswegen behält mich auch der Chef, auch wenn mir manchmal ein Fehler passiert. Die Freundin hat mir auch das Coaching bei Ihnen geschenkt, von meinem Lohn hätte ich das nie zahlen können.“
„So, Sie haben also nicht nur Pech im Leben?“

„Stimmt, aber das Schlimme überwiegt. Ich hatte mit achtundzwanzig Brustkrebs, bin aber seit Jahren beschwerdefrei. Mein Vater ist vor drei Jahren an einer Leberzirrhose gestorben, um meine Mutter kümmere ich mich ab und an. Sie ist depressiv und gibt mir immer noch die Schuld an ihrem verpfuschten Leben, das halte ich nicht lange aus bei ihr.“
„Haben Sie Kontakt zu Ihren beiden Schwestern?“
„Die ältere hat den Kontakt zu mir abgebrochen, warum, weiß ich nicht. Die jüngere lebt von Hartz 4, auch allein. Manchmal denke ich, meine ganze Familie hat schlechtes Karma!“
„Wie kommen Sie denn auf diese Idee mit dem Karma, sind Sie Buddhistin?“, fragte ich erstaunt.

„Nein, ganz und gar nicht. Aber als es mir mal wieder sehr schlecht ging, schleppte mich diese Freundin zu ihrer Wahrsagerin. Und die wusste erstaunliche Dinge über mich, die sie gar nicht wissen konnte, zum Beispiel den Namen meines Teddys. Und die sagte mir, dass ich mir dieses schwere Leben ausgesucht hätte, weil ich etwas aus einem früheren Leben abzuarbeiten hätte. Das hat mir sofort eingeleuchtet. Dass mein Karma ziemlich schlecht ist, sieht man ja. Und das mit dem Karma habe ich von drei verschiedenen Leuten gehört, die ich um Hilfe bat. Einer Astrologin, einem Heilpraktiker und einem buddhistischen Lehrer. Wie stehen Sie denn zu der Sache mit dem Karma?“

„Hmm, schwierige Frage, ob es Karma gibt oder nicht. Aber bei allen Theorien, Weltbildern oder Glaubenssystemen frage ich mich immer, ob es in diesem Leben günstig ist für die persönlichen Ziele. Und die Vorstellung, dass Sie heute etwas erleiden müssen, weil Sie in einem früheren Leben etwas Schlimmes getan haben, ist nicht sonderlich günstig für Ihre Ziele. Es macht Sie ja zum Opfer, das nur hinnehmen und ertragen darf.“

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Was ist schlechtes Karma und wie kann man es auflösen?

Karma bezeichnet ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge nach sich zieht. Diese Folge muss nicht im gegenwärtigen Leben wirksam werden, sondern sie kann sich auch erst in einem zukünftigen Leben auswirken.

In den indischen Religionen ist die Lehre von Karma eng mit dem Glauben an Samsara, den Kreislauf der Wiedergeburten, verbunden. Es beschreibt ein universell gültiges Ursache-Wirkungs-Prinzips auf geistiger Ebene, auch über mehrere Lebensspannen hinweg. Karma entsteht demnach durch eine Gesetzmäßigkeit und nicht wegen einer Verurteilung oder Strafe durch eine höhere Instanz oder einen Gott.

Allerdings kann man mit dem Karma-Konzept auch bestehende soziale und politische Verhältnisse rechtfertigen, wie beispielsweise in Indien die soziale Aufteilung in Kasten. Buddha hatte das vor 2500 Jahren erkannt und deshalb gab es in seinem Wirkungskreis keine Kasten. Doch die Karma-Idee wurde in seiner Lehre weiterverwendet und wird in allen alten buddhistischen Schulen weiter ausgebaut.

Schlechtes Karma als Folge von Untaten in früheren Leben? Dieser Glaube ist bei uns nicht verbreitete. Allerdings hat das Konzept einer überirdischen Gerechtigkeit in anderer Form auch bei uns viele Anhänger. Davon zeugen schon Sprichwörter wie

  • Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.
  • Scherben bringen Glück.
  • Hochmut kommt vor dem Fall.

Manche Menschen glauben auch, ihr Herzinfarkt oder ihr Arbeitsplatzverlust gingen auf ihr schlechtes Karma zurück. Auch die verschiedenen Formen des Aberglaubens nutzen ja das Prinzip der Karma-Idee, nach dem man schlimme Folgen vermeiden könne.

Speziell Menschen mit einer schweren Erkrankung suchen nach tiefer liegenden Ursachen für ihre Krankheit. „Warum hat es ausgerechnet mich getroffen?” lautet die Frage, die sie bedrängt. Niemand möchte auf sinnlose, zufällige Weise von Schicksalsschlägen getroffen werden, und so suchen sie nach dem verborgenen Sinn ihrer Erkrankung. „Habe ich etwas falsch gemacht?” und „Was will die Krankheit mir sagen, war soll ich lernen?” lauten Fragen, auf die man eine Antwort möchte. Hier ein Fallbericht dazu.

Antworten auf die Frage nach dem Sinn von Krankheiten versprach schon 1983 das Buch „Krankheit als Weg. Deutung und Be-Deutung der Krankheitsbilder von Thorwald Dethlefsen und Rüdiger Dahlke. Hier eine Kritik dazu.

Dass Handeln stets Folgen hat, wie auch das Nicht-Handeln, ist ja Alltagswissen. Problematisch bei einer verkürzten „karmischen“ Erklärung  ist dabei immer die Schuldzuweisung an die Opfer und die Bewertung mit gut oder schlecht.

Wer sich wenig bewegt, sich nur von Junkfood ernährt und zu viel Alkohol trinkt, wird vermutlich nach einiger Zeit negative Folgen zu spüren bekommen. Aber die Leberzirrhose des Alkoholikers ist keine Strafe von Gott, dem Schicksal oder dem Leben, sondern eben meist die Konsequenz einer ungesunden Lebensweise. Der implizite Rachegedanke, der vielen esoterischen Richtungen zugrunde liegt, findet sich ja auch in naiven Erklärungen anderer Phänomene, wie zum Beispiel den Folgen der Klimakrise nach dem Motto „Die Erde schlägt zurück“.

Mit dem Konzept des Karmas kann man viele Probleme entpolitisieren und dann die Schuld dem einzelnen Menschen aufbürden. Strukturelle Gewalt und Diskriminierung werden durch solche Konzepte ausgeblendet.


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Bild: Motortion iStock.com

„Angenommen, Sie hätten kein schlechtes Karma, was glauben Sie, wäre dann anders in Ihrem Leben?“, nahm ich den roten Faden wieder auf. Marion B. überlegte kurz und antwortete:
„Das würde ich an zwei Dingen merken. Erstens, dass ich mein Gewicht wieder auf normal reduzieren kann und es dabei bleibt. Das habe ich ja schon öfters geschafft. Zweitens, dass ich mit dem Trinken aufhören könnte.“ 

„Aber das können Sie doch beeinflussen – oder nicht?“, sagte ich.
„Kann ich eben nicht“, widersprach Marion B. „Ich hatte schon dreimal mein Wunschgewicht, bin aber immer wieder ins maßlose Essen gerutscht. Das Gleiche mit dem Alkohol. Ich war schon mal zwei Jahre trocken. Und auf einer Party trank ich aus Übermut einen Wodka-Martini und danach fing ich wieder mit dem Trinken an.“
„Und wie ist das mit den Männern?“
„Auch frustrierend. Die Männer, die nett zu mir sind und mich schätzen, die finde ich langweilig und vergraule sie.“
„Und daran soll Ihr Karma aus einem früheren Leben schuld sein?“
„Ja, das haben mir ja nun drei Menschen, die sich damit auskennen, gesagt.“

„Was glauben Sie denn, warum ich soviel Pech im Leben habe?“, fragte mich die Klientin und schaute mich etwas provozierend an.
„Ich glaube schon, dass Sie etwas abbüßen, aber ich denke nicht, dass es eine Schuld aus einem früheren Leben ist.“
„Was denn sonst?“
„Eine Schuld aus diesem Leben.“


Der Glaube an Karma scheint Sinn zu machen, wo man sonst keinen sieht.

Der Gedanke, dass wir in diesem Moment auf einer Kugel durchs Weltall rasen, nicht wissen, wo wir herkommen und jeden Moment sterben könnten, ist so bedrohlich, dass wir ihn meist weit weg schieben.

Dasselbe machen wir mit der Einsicht, dass das Leben ungerecht ist. Eine junge Mutter von 25 Jahren bekommt Krebs und stirbt. Der Geizhals aus dem Nachbarhaus säuft, raucht Kette und erfreut sich mit seinen sechsundachtzig Jahren bester Gesundheit.

Im Krankenhaus lag ich mal neben einem Mann, der dauernd vor sich hin fluchte. Er hatte mit 42 Jahren einen inoperablen Hirntumor und war am Verzweifeln. „Ich habe alles richtig gemacht im Leben. Nie geraucht oder getrunken, mich vegetarisch ernährt, täglich meditiert. Ich habe meinen Lieblingsberuf, keinen Stress, liebe meine Frau und meine beiden Kinder – warum habe ich diesen Tumor? Das kann nicht sein!“

Das Leben ist unberechenbar. Diese Willkür, wenn man sie an sich heranlässt, ist schwer zu ertragen. Viele Menschen versuchen deshalb durch „gutes“ Verhalten sich zu schützen. Sei es durch Beten, anderen fromme Wünsche schicken, Gutes tun usw. Sie hoffen, dadurch von Unglück und Leid verschont zu werden.

Doch grenzt das an magische Denken. Damit bezeichnet man bei Kindern die Vorstellung, dass Gedanken, Worte oder Handlungen Einfluss auf ursächlich nicht verbundene Ereignisse nehmen können. Doch magisches Denken ist auch bei Erwachsenen stark verbreitet:

  • Politiker oder Zukunftsforscher glauben, dass die Zukunft vorhersehbar sei
  • Fondsmanager glauben, die Entwicklung einer Aktie prognostizieren zu können.
  • Viele Menschen glauben an die Kraft von symbolischen Gegenständen wie Amulette oder Reliquien.

Auch Religionen versprechen Trost und Zuversicht, wenn man ein frommes Leben führt. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten. Doch geraten Geistliche meist in Erklärungsnot, wenn einem unbescholtenem Menschen Schlimmes widerfährt. Also ein Kind stirbt oder jemand durch einen Unfall zum Rollstuhlfahrer wird.

Der schwer zu verstehende Sinn einer solchen Erfahrung wird dann ersetzt durch die Annahme, dass es daraus etwas zu lernen gäbe. Gott prüft die, die er liebt, heißt es dann. Damit darf man aber keinem Elternpaar kommen, deren Kind durch einen Pfarrer jahrelang missbraucht wurde. Da braucht es dann zur Erklärung schon das Böse oder den Teufel.

Doch wer an eine ausgleichende Gerechtigkeit glauben und hoffen kann, erfährt einen gewissen Trost. Die Suche der vermeintlichen Sinnhaftigkeit aller Erfahrungen entlastet.  Dann muss man sich nicht mit der schrecklichen Willkürlichkeit und Ungerechtigkeit des Lebens befassen. Und wir alle hören gerne Geschichten, die gut ausgehen.

Dazu passt der neuzeitliche Spruch: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“  Der Satz ist wohl deshalb so beliebt, weil er immer wahr ist. Leider verletzt er aber das Falsifikationsprinzip, d.h. er ist nicht überprüfbar. Wie alle Verschwörungstheorien oder die meisten esoterischen Lehren. Hier ein guter Artikel dazu.


Ein Test: Glauben Sie auch an schlechtes Karma?

Ob und wie stark die Vorstellung von Karma Ihr Denken bestimmt, können Sie mit diesen zehn Fragen herausfinden. Antworten Sie so spontan wie möglich ohne lange darüber nachzudenken:

  1. Führen Sie eine innere Bilanz Ihrer eigenen guten und schlechten Verhaltensweisen in der Hoffnung, dass die guten die schlechten überwiegen werden, wenn die „Bilanz“ Ihres eigenen Lebens erstellt wird?
  2. Wenn Sie etwas Wichtiges vorhaben, vermeiden Sie es dann, jemandem davon zu erzählen, aus Angst, dass dies Unglück bringen könnte?
  3. Wenn Sie mal jemanden verletzt oder angelogen haben, haben Sie dann Angst, dass Sie irgendwie bestraft werden könnten, indem etwas schief geht oder ein Unfall passiert?
  4. Wenn Sie lesen, dass jemand angegriffen, überfallen oder vergewaltigt wurde, schlussfolgern Sie dann schnell, dass ja auch das Opfer dafür verantwortlich ist, indem es sich dieser Gefahr aussetzte?
  5. Wenn Sie in der Öffentlichkeit zufällig mit einem Fremden in Kontakt kommen, fragen Sie sich dann, ob es das Schicksal war, das Sie zu zusammengeführt hat?
  6. Unabhängig davon, ob Sie besonders religiös sind oder nicht, haben Sie die grundlegende Überzeugung, dass es eine Form von höherer Macht gibt, die in Ihrem Leben eine Rolle spielt?
  7. Wenn Ihnen jemand bei einer wichtigen Aufgabe viel Glück wünscht, glauben Sie dann schnell, dass Sie zum Scheitern verurteilt sind?
  8. Wenn Ihr Lieblingssportverein ein wichtiges Spiel hat, ärgern Sie sich dann, wenn Sie Ihr Glücks-T-Shirt nicht finden können?
  9. Auch wenn Sie wissen, dass es ungerecht ist, so zu denken, glauben Sie, dass Menschen, die in Armut leben, sich das selbst ausgesucht oder verdient haben?
  10. Halten Sie sich von Menschen fern, die Ihnen in der Vergangenheit Unglück gebracht haben?

Die Anzahl der Fragen, die Sie bejaht haben, geben Ihnen Hinweise, wo Ihr Glaube an Karma Ihr tägliches Handeln beeinflusst.


 

Über familiäre Verstrickung, Schuld und Selbstbestrafung.

Wenn Menschen überzufällig oft Leid erfahren oder Pech erleben, hat das oft eine verborgene Ursache. Manchmal ist es eine Art unbewusster Selbstsabotage, bei der jemand irgendwie dazu beiträgt, dass er falsche Entscheidungen trifft oder an ungünstigen Verhaltensweisen festhält.

Doch was steckt dahinter? Dazu schreibt Martin Rubeau in seinem Buch “Wenn der Wind weht, setze die Segel”:

„Der Eindruck von Glück und Zufriedenheit, den wir bei unseren Eltern erlebt haben, ist eine unbewusste Richtschnur, wie viel Glück und Zufriedenheit uns „zusteht“, was wir uns gönnen bzw. gönnen dürfen und was nicht. Dies gilt insbesondere dann, wenn unsere Eltern uns bewusst oder unbewusst gezeigt haben, dass sie mit ihrer Lebenssituation unzufrieden waren. Wir zeigen unsere Liebe für unsere Eltern, indem wir loyal mit ihrer Lebenssituation, mit ihrem Lebensentwurf, mit ihrer Unzufriedenheit, mit ihrer Erfolglosigkeit etc. sind.

Um uns dieser Hypothese anzunähern und sie auch nur einigermaßen zu verstehen, müssen wir ihr einen Vorschuss einräumen. Denn kaum ein Mensch würde bewusst sagen, er müsse in ärmlichen Verhältnissen leben, weil seine Eltern in ärmlichen Verhältnissen gelebt haben. Aber es gibt Grund zu der Annahme, dass wir aufgrund unserer unbewussten Verstrickungen tief im Innern überzeugt sind, es sei ein Zeichen von Liebe, Dankbarkeit und Loyalität, wenn wir unseren Eltern „treu bleiben“, ihnen möglichst ähnlich sind und bleiben und uns genau so durchs Leben schlagen, wie sie es uns vorgelebt haben.

Zugleich bedeutet das: Wenn wir gegen diese unbewusste Loyalität verstoßen, also etwa eine glückliche Beziehung führen, einen guten Job und gutes Einkommen haben, dann reagieren wir mit Schuldgefühlen. Wir haben dann vielleicht Geld, können es aber nicht genießen. Aus der „Verfehlung“ uns von der Herkunftsfamilie zu entfremden, folgt das Schuldgefühl und daraus folgt ein unbewusstes Bedürfnis nach Selbstbestrafung.“

Diesem unbewussten Lebensthema von falscher Treue begegne ich in meinen Coachings öfters. Vor allem dann, wenn es um Selbstsabotage geht:

  • Das gewählte Studienfach Jura entspricht überhaupt nicht Ihren Neigungen. Sie bleiben aber dabei, weil Sie aus einer Juristenfamilie stammen und auch keine Alternative wissen.
  • Ihr Partner belügt und betrügt sie. Hinterher entschuldigt er sich, aber es ändert sich nichts – und Sie bleiben bei ihm.
  • Sie kommen aus einer Familie, wo alle übergewichtig sind. Sie arbeiten hart daran, ein gesundes Essverhalten sich anzugewöhnen, werden aber bei Besuchen zuhause immer wieder rückfällig.
  • Sie bewerben sich auf eine attraktive Stelle, bekommen eine Zusage und versäumen, den Vertrag fristgerecht zurückzuschicken.

Auch bei Marion B. hatte ich die Vermutung, dass Schuldgefühle und Selbstbestrafung eine wichtige Rolle spielten. Und dass die Idee, dass sie ein schlechtes Karma habe, ihr dafür eine gute Erklärung lieferte.

Meine Hypothesen überprüfe ich immer zusammen mit dem Klienten durch ein Experiment in Achtsamkeit. Nachdem Marion B. es sich bequem gemacht und die Augen geschlossen hatte, bat ich sie:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen
»Ich muss nichts mehr wiedergutmachen.«“

Die Reaktion war beeindruckend. Marion B. schnappte nach Luft, schlug die Hand vor den Mund und flüsterte: „Doch ich muss!“

Wenn der von mir vorgeschlagene Satz das richtige Lebensthema trifft, ist die Reaktion manchmal überwältigend. Die Klientin begreift blitzartig, unter welchem Motto bisher ihr Leben verlief. Kann aber die Bedeutung des Satzes, ihre starke emotionale Reaktion und den Zusammenhang mit ihrem Leben noch nicht verstehen.

„Aber was muss ich denn wiedergutmachen?“, fragte Marion B. ratlos nach einer Weile. „Ich habe doch nichts verbrochen.“
„Stimmt!“,
antwortete ich. „Und dennoch war Ihre Reaktion: »Doch ich muss etwas wiedergutmachen«. Welche Schuld tragen Sie denn?“
„Ich weiß es nicht, aber ich fühle mich oft schuldig. Deswegen macht mir ja die Idee mit dem Karma so viel Sinn. Die Schuld muss aus einem anderen Leben sein.“
„Nein, ich glaube, Ihre Schuld stammt aus diesem Leben“,
widersprach ich.
„Wieso? Können Sie mir das erklären?“

Die Reaktion der Klientin auf den positiven Satz ist der erste Hinweis darauf, ob das zugrundeliegende Lebensthema bei dem Problem eine wichtige Rolle spielt. Doch das genügt nicht. Meine Erläuterungen zum dazugehörigen Lebensthema ermöglichen der Klientin ein tieferes Verständnis.

„Ich denke, Ihre Schuld besteht darin, dass Sie erstens auf der Welt sind, denn Sie waren als Kind ja nicht erwünscht. Und zweitens hatten Sie auch noch das falsche Geschlecht. Ihre Eltern wollten nach zwei Mädchen unbedingt einen Jungen. Was Sie ja auch eine Weile versucht haben, zu sein, haben Sie erzählt.“
„Ja, aber für mein Geschlecht kann ich ja nichts. Das bestimmen doch die Eltern bei der Zeugung.“
„Völlig richtig. Sie haben keine wirkliche Schuld. Auch nicht an der Vergewaltigung als Jugendliche, obwohl Ihr Vater versucht hat, Ihnen dafür die Schuld zu geben. Aber Menschen können versuchen, etwas wiedergutzumachen, obwohl es keine reale Schuld gibt.“

„Menschen können versuchen, etwas wiedergutzumachen, obwohl es keine reale Schuld gibt“ wiederholte Marion B. meinen letzten Satz, um ihn besser zu verstehen. „Tut mir leid, aber ich stehe immer noch auf dem Schlauch“, stöhnte sie dann.

Das Lebensthema „unbewusste Wiedergutmachung“ ist nicht leicht zu verstehen. Ein wichtiges Element habe ich oben beschrieben. „Der Eindruck von Glück und Zufriedenheit, den wir bei unseren Eltern erlebt haben, ist eine unbewusste Richtschnur, wie viel Glück und Zufriedenheit uns „zusteht“, was wir uns gönnen bzw. gönnen dürfen und was nicht.“

„Ihre Wiedergutmachung heute besteht darin, dass Sie dafür sorgen, dass es Ihnen nicht zu gut geht“, sagte ich zu Marion B.
„Oh mein Gott!“, rief die Klientin laut. „Das habe ich auch schon mal gedacht, als ich meiner Mutter erzählte, dass mir der Job bei der Spedition so gut gefällt und sie das ganz giftig kommentierte, dass es ja schön sei, wenn es mir gut ginge. Das wäre wohl für mich wohl das Allerwichtigste. In dem Moment dachte ich, dass ich aufpassen muss, dass es mir nicht zu gut geht, weil sie das verletzten könnte und sie noch einsamer wäre.“

„Genau, darum geht es. Sie sorgen unbewusst dafür, dass es Ihnen nicht zu gut geht. Denn es geht es Ihnen ja schon ganz gut. Sie haben einen Job, der Ihnen gefällt und einen Partner, der Sie liebt. Wenn Sie jetzt noch aufhören könnten, sich mit Alkohol und Essen zu betäuben, hätten Sie mehr erreicht als jeder in Ihrer Herkunftsfamilie.“

Marion B. wurde ganz aufgeregt.

„Sie meinen, es ist gar nicht mein schlechtes Karma, dass es mir nicht gut geht, sondern ich mache das selbst?“
„Natürlich unbewusst, aber ja. Durch Ihr destruktives Trinken und Essen sorgen Sie dafür, dass es Ihnen nicht zu gut geht. Ihr Vater hatte kein schönes Leben und hat sich mit Alkohol getröstet, Ihre Mutter hatte kein schönes Leben. Ihre Schwester lebt von Hartz 4. Ihnen geht es heute schon besser als denen. Und aus Loyalität wollen Sie den Abstand zu ihnen nicht noch größer werden lassen.“
„Und wie kann ich mit dem Wiedergutmachen aufhören?“
fragte die Klientin.
„Indem Sie es schrittweise ertragen, dass Sie besser für sich sorgen dürfen als Sie es bisher tun.“

Diese Schlussfolgerung verankerten wir noch mit einem speziellen Satz an die Eltern und erörterten Möglichkeiten, wie sie besser für sich sorgen könnte.


 

Nach vier Monaten bekam ich eine Mail von Marion B.

Nach unserer Coachingsitzung sei sie sehr verwirrt gewesen. Habe sich stellenweise nicht mehr erinnern können, worüber wir gesprochen hatten. Erst als sie zum dritten Mal die Videoaufzeichnung angesehen habe, seien die einzelnen Puzzleteile in ihr zusammen gekommen. Langsam begreife sie, dass was sie ein Leben lang als diffuse Schuld gespürt hatte, die Ablehnung ihrer Existenz und ihres Geschlechts war. Geholfen habe ihr auch, dass ich ihr Trink- und Essverhalten nicht abgewertet habe, sondern den tieferen Sinn dahinter angesprochen hatte: als Wiedergutmachung für etwas, wofür sie keine Schuld trug.

Am Tag nach unserer Sitzung habe sie auf einer Einladung zum ersten Mal den Alkohol abgelehnt und sich auch beim Essen zurückgehalten. Das mache sie seitdem konsequent, ohne sich das groß vorzunehmen. Sie sei nur traurig darüber, dass sie sich nicht schon früher Hilfe geholt habe.

Ich schrieb zurück und gratulierte ihr zu dem eingeschlagenen Weg. Früher wäre es wohl nicht gegangen. So wie es im Zen-Buddhismus heißt: Der Lehrer ist da, wenn der Schüler dafür bereit ist.


Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

6 Kommentare

  1. Sonja Mannhardt sagt

    Wow, was für ein tolles Beispiel für Selbstsobotage und unbewusstes Verhalten.
    In der Ernährungstherapie habe ich täglich damit zu tun….insbesondere bei massiver Adipositas.

    Und die Medizin hat nichts Besseres zu bieten, als Patienten selbst die Schuld zu geben, einfältige Ratschläge zu erteilen und gesunde Mägen zu verstümmeln ohne die unbewussten Motive zu kennen….

    Wie gut, dass es Sie und uns gibt, die tiefenpsychologisch coachen – leider noch eine Seltenheit.

  2. Michaela Albrecht sagt

    Interessante Geschichte!

  3. Ju Liane sagt

    Vielen Dank für diesen Beitrag!!

  4. Kerstin Weber sagt

    Super erklärt. Vielen Dank dafür.

  5. Sebastian Schmidt sagt

    Immer wieder Super Videos, ganz ganz toll. Es regt immer wieder zum Nachdenken an.

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