„Ich bin immer in der Opferrolle“, sagte der Mann im Coaching.

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Die eMail kam spätabends von einem ehemaligen Seminarteilnehmer: „Bitte machen Sie mit meinem Bruder ein 3-h-Coaching. Er braucht es dringend, denn sein Leben ist eine Katastrophe. Er ist zeit seines Lebens in der Opferrolle. Ich zahle das Honorar für ihn.“

Bei solchen Aufträgen habe ich kein gutes Gefühl. Oft kommen solche Bitten von frustrierten Ehefrauen („Mein Mann braucht Hilfe, aber er lehnt alles mit Psycho ab.“) oder besorgten Müttern („Mein Sohn wohnt mit 32 immer noch bei uns, aber wir können ihn doch nicht vor die Tür setzen.“)

Das ungute Gefühl kommt daher, dass jemand meint, ein Mensch brauche Hilfe, der Betreffende aber das nicht so sieht. Das läuft dann immer auf „Hilfe ohne Auftrag“ hinaus. Warum das fast immer schief geht, habe ich hier beschrieben.  Also schrieb ich zurück, dass ich schon ein Zeichen bräuchte, dass der Bruder auch ein Coaching bei mir wolle.

Ein halbes Jahr hörte ich nichts in der Sache. Dann kam ein Brief in krakeliger, schwer lesbarer Schrift an: Sein Bruder bestehe darauf, dass er ein Coaching bei mir machen solle, und er wolle keinen Ärger mit seinem Bruder.

Das war nicht gerade ein klarer Auftrag, aber irgendwas reizte mich an der Sache und wir vereinbarten telefonisch einen Termin, denn der Klient konnte mir keine eMail schreiben, weil er keinen PC und kein Handy hatte.


 

„Ich war immer Opfer“, war die erste Aussage des Mannes, ca. 60 Jahre alt, ziemlich ungepflegtes Äußeres, leichte Alkoholfahne. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich.

„Haben Sie gut hierher gefunden?“, fragte ich, weil ich am Anfang immer etwas Smalltalk mache. Auch um zu sehen, wie ein Klient sich in einer für ihn fremden Situation verhält.
„Kommt darauf an, was man mit gut meint“, war seine Antwort. „Die Bahn hatte wie immer Verspätung und vor dem Bahnhof fuhr mir die Straßenbahn hierher vor der Nase davon. Aber ja, sonst habe ich gut hierher gefunden.“

Es war mehr die Stimme als die Worte, die mich aufhorchen ließen. Die Stimme klang müde, resigniert und gleichzeitig vorwurfsvoll.

„Ja, manchmal hat man doppelt Pech“, war meine mitfühlend gemeinte Reaktion.
„Manchmal?? Ich habe immer Pech!“ lautete die entrüstete Klarstellung.
„Echt? Erzählen Sie mal, das interessiert mich“, forderte ich den Klienten auf.

„Ich habe in der DDR mal Schriftsetzer gelernt, das war damals ein guter Beruf. Hat mir Spaß gemacht. Aber dann kam die neue Entwicklung in der Branche und ich musste mich in den Fotosatz einarbeiten. Das gefiel mir schon nicht mehr so gut, weil es so technisch und wenig handwerklich war. Als ich mit meiner Frau in den Westen umzog, fand ich erst keinen Arbeitsplatz, kam aber dann in der Druckerei einer großen Zeitung unter. Dort überwarf ich mich mit dem Chef und wurde nach zwei Jahren gekündigt. Wieder Pech gehabt!

Über ein Jahr war ich arbeitslos. Schwer vermittelbar in meinem Alter und mit meinen Berufskenntnissen, hieß es. Dann bewarb ich mich als Kurierfahrer und fuhr Pakete aus. Das war ganz okay. Allerdings geriet ich eines Tages in eine Polizeikontrolle und die stellten fest, dass ich Alkohol und Spuren von Drogen im Blut hatte. Das war ein Fehler, das Zeug stammte von einer Geburtstagsfeier eines Freundes. Führerschein weg!“

Bevor mir Gerhard Z. noch mehr negative Erlebnisse aus seinem Leben erzählen würde, wollte ich wissen, ob er überhaupt ein Anliegen hatte und wenn ja, welches. Das Anliegen ist im Coaching enorm wichtig, denn es gibt die Richtung vor, wo es hingehen soll.

Hat man kein Anliegen, also keinen Veränderungswunsch, dreht man sich im Kreis und am Schluss sind Coach und Klient frustriert.

„Was wollen Sie denn nun hier?“ stellte ich meine Standardfrage nach dem Anliegen.
Der Klient schaute etwas ratlos, als hätte er meine Frage nicht verstanden.
„Ja, also, es war ja die Idee meines Bruders.“
„Ich weiß, aber ich will wissen, warum Sie hier sind. Gibt es denn etwas, was Sie gern verändern würden in Ihrem Leben?“

Auf die Frage nach dem Anliegen bekomme ich die unterschiedlichsten Antworten:

  • Ich will, dass meine Angst verschwindet.
  • Mein Chef soll mich mehr anerkennen.
  • Ich will endlich auch mal zufrieden sein.
  • Meine Mitarbeiter sollen motivierter sein.
  • Das Leben soll es mit mir auch mal gut meinen.
  • Ich will, dass die Menschheit erkennt, auf welchem Irrweg sie sich befindet.

Das sind verständliche Wünsche aber alles Anliegen, die für ein Coaching nicht geeignet sind, weil man andere Menschen nicht verändern kann. Und die Umstände oder die Welt schon gar nicht.

Anliegen, mit denen ich in einem Coaching gut arbeiten kann, lauten etwa:

  • Ich will wissen, woher meine Angst kommt.
  • Ich will meinem Chef sagen können, dass ich mehr Anerkennung möchte.
  • Ich will herausfinden, wie ich verhindere, dass ich nicht zufrieden bin.
  • Ich will herausfinden, was hinter der mangelnden Motivation meiner Mitarbeiter steckt.
  • Ich will schauen, wo das Leben es gut mir meint.
  • Ich möchte klären, warum ich die Menschheit retten will.

Natürlich formulieren Klienten selten ihr Anliegen so auf Anhieb, aber mit Nachfragen und Klären des Wunsches geht das doch recht schnell. Allerdings nicht bei meinem Klienten.

„Was soll ich ändern? Ich kann ja gar nichts ändern“, sagte er, „weil ich immer in der Opferrolle bin.“
„Wie meinen Sie das?“ , wollte ich wissen.

„Schauen Sie“, fuhr er fort, „meine Frau und ich, wir mussten jung heiraten, weil meine Schwiegereltern das verlangten. Ich war einundzwanzig, meine Frau neunzehn. Dann bekamen wir vier Kinder in kurzen Abständen, weil meine Frau die Pille nicht vertrug. Natürlich reichte da mein Lohn nicht damals, also musste meine Frau arbeiten.“
„Das waren sicher harte Jahre für Sie“, vermutete ich.
„Waren? Es wurde noch schwieriger. Ein Sohn ist Legastheniker, hatte immer Probleme in der Schule. Weil wir uns wenig um unsere Kinder kümmern konnten, haben drei davon nur einen Realschulabschluss. Zwei machten eine Lehre, bestanden aber die Prüfungen nicht. Nur einer schaffte das Fachabitur und hat eine gute Stelle. Aber die anderen drei leben so wie ich von Hartz 4. Wenn mein Bruder uns nicht ab und zu unterstützen würde, sähe es ganz übel aus.“

Der Klient unterschied sich deutlich von den Menschen, die sonst zu mir kommen. Ich war zwischendurch skeptisch, ob ich ihm wirklich helfen konnte. Zumal ja auch sein Anliegen noch nicht deutlich geworden war.

„Uff“, stöhnte ich, „da wird mir ja allein vom Zuhören das Herz schwer. So viele Schwierigkeiten und Hindernisse, die Sie und Ihre Frau aushalten und bewältigen mussten. Wie haben Sie das fertiggebracht, darüber nicht zu verzweifeln?“

Gerhard Z. schluckte, seine Augen wurden etwas feucht und er sagte:
„Ich weiß es nicht, es musste eben immer irgendwie weiter gehen. Das war auch der Wahlspruch meiner Mutter gewesen: Es muss einfach irgendwie weiter gehen.“

Dann berichtete der Klient aus seiner Kindheit, die noch um einiges schwieriger war als sein eigenes Leben. Scheidung der Eltern, als er fünf Jahre alt war, die Mutter völlig überfordert mit der Arbeit, wurde depressiv, fing an zu trinken.  Das Jugendamt brachte die Kinder in zwei verschiedenen Familien unter.

Ich spürte, dass dieses Coaching eine Herausforderung werden würde. Aber vor allem musste ich herausfinden, was er eigentlich wollte.

„Wie leben Sie heute?“, wollte ich wissen.
„Ich lebe allein in einer Sozialwohnung, meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, Krebs. Zu den Kindern habe ich den Kontakt abgebrochen. Nur mit meinem Bruder telefoniere ich ab und zu.“
Nach einer Weile sagte er dann: „Ich weiß nicht, was ich hier will. Was ich überhaupt noch wollen könnte. Vermutlich würde es auch schief gehen wie alles in meinem Leben schief ging.“


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In der Opferrolle ist man vor allem ein Opfer seiner Einstellung.

Ich überlegte kurz, ob bei Gerhard Z. eine Depression vorlag. Doch als ich die drei wichtigsten Anzeichen dafür abfragte, das sind Antriebsschwierigkeiten, frühes Aufwachen und Stimmungsschwankungen, verneinte er alle drei. Ich war ziemlich ratlos und muss wohl auch ein dementsprechendes Gesicht gemacht haben.

Und dann passierte etwas.

„Ist nicht schlimm, wenn Sie mir auch nicht helfen können“, sagte er, „mein Bruder hält große Stücke auf Sie aber mir hat noch nie jemand helfen können. Ich bin immer das Opfer.“
In diesem Moment wurde ich ärgerlich, weil seine Ursachenerklärung mir so demonstrativ vorkam. Nach dem Motto: „Ich bin immer das Opfer und das werden Sie auch nicht ändern. Punkt!“

Manchmal muss man Menschen aufrütteln, damit sich etwas bewegt. Ich versuchte also eine Provokation.

„Sie sind doch kein Opfer“, sagte ich. „Einfach weil es ganz selten passiert, dass jemand Opfer ist. Also wenn jemand entführt und gefoltert wird, dann kann man von Opfer sprechen. Aber bei Ihnen? Sie haben eine Wohnung, kriegen Geld vom Staat und Ihrem Bruder. Sie sind kein Opfer.“

Plötzlich wich die Starre aus Gerhard Z. und er wurde ganz lebhaft: „Natürlich passiert es, dass jemand Opfer ist. Wenn ich rausgehe und es regnet und ich habe keinen Schirm dabei, dann werde ich pudelnass, dann bin ich Opfer des Wetters. Weil ich kein Auto habe, das mich trocken in die Stadt bringt.“

Ich hielt dagegen, weil ich spürte, dass wir seinem Lebensthema näher kamen: „In dem Fall sind Sie kein Opfer des Wetters, sondern ein nasser Fußgänger. Wenn Sie im Auto säßen und in einen Stau kämen, wären Sie auch kein Opfer, sondern ein trockener Autofahrer, der nicht voran kommt. Es gibt keine Opfer.“

So ging das eine Weile weiter hin und her. Ich erzählte ihm von Nelson Mandela, der 27 Jahre unschuldig im Gefängnis saß und von Nick Vujicic, der ohne Arme und Hände geboren wurde und heute Vorträge vor Jugendlichen hält. Aber das beeindruckte ihn nicht sonderlich.

Ich spürte, dass mein Klient glaubte, ich wolle ihm mit der Idee, dass es keine Opfer nur Opferollen gibt, etwas Wichtiges wegnehmen.


 

Mitverantwortung ist nicht Schuld.

Opfer sein wird gemeinhin mit Erfahrungen verbunden, in denen sich jemand hilflos, gedemütigt, ausgeliefert, schwach, wehrlos, ohnmächtig, beschädigt und verletzt fühlt. Das erlebt ja jeder immer mal wieder im Leben.

Man wird gekündigt, bekommt die versprochene Wohnung doch nicht, kriegt eine schlimme Diagnose, findet keinen Partner oder es klappt nicht mit dem Kinderkriegen.

Ich denke, es ist wichtig und angemessen, Menschen, die Opfer eines Verbrechens werden, auch so zu benennen:

  • Mädchen und Frauen, die eine Beschneidung über sich ergehen lassen müssen.
  • Entführungsopfer wie Natascha Kampusch.
  • Passagiere in einem abstürzenden Flugzeug.
  • Alle Menschen, die Gewalt gegen ihren Willen erleiden.

Doch ist jeder, der überzeugt ist, dass er ja nichts tun, dass er keine Macht hat über sein Leben und seine Situation, schon ein Opfer? Subjektiv ja, „objektiv“ betrachtet nein. Aber die rationale Sicht hilft hier nicht weiter. Ganz im Gegenteil.

So apathisch Menschen manchmal unbequeme Opferrollen ertragen, so aktiv und lebendig werden sie oft, wenn man nur leise andeutet, dass derjenige doch für seine Situation ein Stück mitverantwortlich sei. Das führt oft zu heftigen gekränkten Reaktionen à la:

Vielen Dank, das hilft mir jetzt sehr. Nicht nur dass es mir schlecht geht und mir niemand hilft, jetzt bin auch noch selbst daran Schuld, weil ich hätte ja alles ganz anders machen können. Wunderbar!“

Doch Verantwortung oder Mitverantwortung ist nicht mit Schuld gleichzusetzen. Aber wer in der Opferrolle gefangen ist, kann diesen Unterschied nicht sehen. Meistens, weil die Scham über die eigene Lage zu groß ist. Deswegen ist es ja auch befreiend, anderen die Schuld zuzuschieben.

So wie das Oppositionspolitiker und Kabarettisten und frustrierte Bürger gerne tun.
Hagen Rether bringt das hier gut auf den Punkt:

Love it. Change it. Or leave it: Die Opferrolle ablegen.

Wenn man etwas ändern will, gibt es ja nur diese drei Möglichkeiten. Also, versuchen, die Dinge zu ändern oder die Situation zu verlassen – oder eben zu akzeptieren. Wer mit den ersten beiden Optionen keinen Erfolg hat, kann immer noch die schwierige oder unerträgliche Situation akzeptieren.

Wer das nicht kann oder will, landet automatisch in der Opferrolle.

Das fühlt sich immer schlecht an, keine Frage. Aber es hält auch Erleichterungen bereit.

  • In der Opferrolle darf man anderen die Schuld zuschieben.
    Dem blöden Chef, den Kollegen, dem Partner, den eigenen Eltern, der Gesellschaft, dem Kapitalismus oder dem Leben.
    Die Beschuldigten kümmert das zwar wenig, aber es ist schon mal klar, dass man selbst nicht schuld ist.
  • In der Opferrolle darf man häufig jammern.
    Das ändert auch nichts an der Situation aber emotional entlastet es schon. Die Trauer aber vor allem auch die Wut entlädt sich in endlosen Tiraden über lange Wartezeiten bei Ärzten, verstopfte Autobahnen, viel zu hohe Managergehälter oder die unpünktliche Bahn.
  • In der Opferrolle darf man sich mit anderen „Opfern“ solidarisieren.
    Natürlich nicht im gemeinsamen Handeln, sondern im Chorgesang der Anklagen und Beschuldigungen. Hat man gerade kein aktuelles Beispiel aus dem eigenen Leben, genügt ein Blick in die BILD-Zeitung und schon hat man wieder fünf Beispiele für Willkür, Egoismus oder Ungerechtigkeiten.

 

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Wer etwas ändern will, muss etwas hergeben.

Diese Lebensregel steht ja in jedem Ratgeber. Auch bekannt unter der Redensart „Alles hat seinen Preis.“ In den letzten Jahren liest man häufig, dass man dazu die Komfortzone verlassen müsse, was keinem gefällt.

Der Inhalt der Überschrift ist auch der Grund dafür, dass viele Menschen zwar vorhaben, etwas in ihrem Leben zu ändern, sogar einen Plan machen und die notwendigen Schritte dafür sich vornehmen – aber nach einer Weile doch einknicken. Bis sie ihr Vorhaben dann bald vergessen oder verdrängt haben. Nicht ohne eine gut klingende Schuldzuweisung à la keine Zeit, zu kompliziert, wollte ich eh nicht wirklich, geht auch so ...

Von Gerhard Z. hatte ich immer noch kein Anliegen gehört. Er schien sich mit seiner Opferrolle über die vielen Jahre arrangiert zu haben. Insofern war meine Hoffnung, in diesem Coaching viel bewegen zu können, nicht sehr groß.

Aber für mich schwierige Klienten entfachen manchmal auch meinen Ehrgeiz. Ich hatte zwar keinen positiven Satz im Kopf wie sonst in meinen Fallberichten, aber ich wollte ein Experiment mit Gerhard Z. machen. Ich erklärte ihm kurz die Sache mit der Achtsamkeit, warum das wichtig ist, die Augen zu schließen usw. Und dann sagte ich zu ihm:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen: »Vielleicht bin ich gar nicht immer das Opfer«.“

Drei Viertel meiner Arbeit zielt auf das Unbewusste des Klienten, denn dort ist die Quelle von Inspiration, Kreativität und persönlicher Weisheit. Von Anfang an tue ich viel, dem Unbewussten zu signalisieren, dass wir seine Unterstützung brauchen, weil wir alleine nicht weiterkommen.

Dabei hilft mir sehr meine fünfjährige Weiterbildung in Hypnotherapie nach Milton Erickson. Er sagte sinngemäß: „Menschen werden zu Patienten, weil sie den Kontakt zu ihrem Unbewussten verloren haben.“

Mit dem achtsamen Zustand des Klienten und meinen Sätzen, die den unbewussten Konflikt adressieren sollen, versuche ich, diesen Kontakt wiederherzustellen.

„Vielleicht bin ich gar nicht immer das Opfer“, wiederholte Gerhard Z. meinen Satz.
Er öffnete sofort die Augen, schaute mich verwundert an und sagte eine Weile gar nichts.
Ich wurde unsicher, ob er das Experiment verstanden hat und dass er auf seine sofortigen Reaktionen achten sollte. Aber er hatte es verstanden.

Denn er sagte dann: „In mir tauchte sofort der Gedanke auf »Wer bin ich denn dann, wenn ich kein Opfer bin?«
„Wichtige Frage“,
war mein kurzer Kommentar, denn ich wollte den unbewussten Prozess des Klienten nicht stören.

Gerhard Z. schaute bedächtig im Raum umher und sagte dann: „Wenn ich gar nicht immer das Opfer bin … dann ist ja vieles möglich.“


 

Das individuelle „Identitätsgefühl“ ist die Basis für die Beantwortung der Frage: „Wer bin ich?“. So einfach diese Frage klingen mag, so schwierig sind die Antworten. Biologische Gegebenheiten, Herkunft, berufliche und private Rollen legen uns Identitätskonstruktionen nahe.

Durch das Hinterfragen seiner der Opferrolle entstand plötzlich ein großer Freiraum. Im Umsetzungsprozess halte ich mich sehr zurück, denn der soll vor allem unbewusst ablaufen und sich dadurch zeigen, dass der Klient in Kontakt kommt mit seinen Ideen, Gefühlen, Wünschen und Impulsen.

Aber bei Gerhard Z. hatte ich doch das Gefühl, dass ein Handlungsimpuls nicht schaden könne. Ich erinnerte mich an eine Sache, die ich mal bei Jens Corssen gelesen hatte und fragte den Klienten: „Ich hätte eine Idee, die Sie vielleicht dabei unterstützen könnte, was noch möglich ist in Ihrem Leben. Wollen Sie sie hören?“

Als er nickte, sagte ich: „Stellen Sie sich jeden Tag auf einen Stuhl. Genau eine Minute. Nicht länger, nicht kürzer. Genau eine Minute. Jeden Tag.“

„Und was soll das bringen?“, fragte er verwundert.
„Finden Sie’s raus für sich“, antwortete ich knapp.


 

PS: Zwei Jahre lang hörte ich nichts von Gerhard Z. Dann suchte mich sein Bruder in der Praxis auf und wollte als Erstes wissen, was es mit dem seltsamen Tipp mit dem Stuhl auf sich hätte. Denn seit der Sitzung bei mir würde er das machen. Warum er das machte und wofür das gut sei, konnte er auch nicht sagen: „Sagen Sie’s mir, warum mein Bruder das macht.“

„Ich weiß es auch nicht“, war meine ehrliche Antwort. „Vielleicht hat er dadurch gelernt, dass er sich darauf verlassen kann, was er sich vornimmt. Aber wie geht es ihm?“, wollte ich wissen.

„Es geht ihm gut“, berichtete der Bruder, „ich habe ein Wasserhäuschen in Frankfurt für ihn gepachtet. Das ist so eine Art Kiosk, wo Leute Zigaretten, Bier und Schnaps kaufen, Zeitungen gibt’s auch. Den ganzen Tag hängen da Leute rum und quatschen über Gott und die Welt. Und mein Bruder ist mittendrin.“

„Hört sich gut an, da hat er täglich Kontakt zu anderen Menschen, die auch glauben, sie wären Opfer.“
Aber das dachte ich nur so im Stillen.


 

Weitere Fallgeschichten aus meiner Coachingpraxis finden Sie hier:

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.

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kommentarKennen Sie auch den Opfermodus?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

8 Kommentare

  1. Petra L. sagt

    Hm, das gute ist: der Mann kam!
    Möglichkeiten und Potential hat jeder Mensch. Man muss nur beginnen!
    Im übrigen mein täglich Brot.
    (via LinkedIn)

  2. Sonja Mannhardt sagt

    Mit exakt diesen Fällen habe ich tagtäglich zu tun- nicht (nur) im Coaching, zumeist in meinen Gesundheitsberatungen. Dort heisst es dann : „Mein Arzt schickt mich“, „Meine Frau meint“, „Die Mama sagt, ich muss zu Ihnen kommen“ „Haben sie einen Plan, eine Liste für mich“….

    Und alle erzählen irgendwann aus ihrer Kindheit in der sie entschieden haben, die Welt so sehen zu wollen, wie sie diese nich heute sehen…..

    Ich sage aber schon jetzt Ihnen DANK, denn ich bin überzeugt, Sie konnten diesem Menschen weiterhelfen…

    Tiefenpsychologisches Coaching geht tiefer🌺 Ohne könnte ich selbst ebenfalls bei Krankheit, Krise, Konflikt nicht weiterhelfen…

    Und ohne eigenes Anliegen natürlich auch nicht.

    Bin gespannt wie es weitergeht.

  3. Silke Loers sagt

    Klasse Coachingbericht!!!
    (via Twitter)

  4. Alexandra Moisescu sagt

    Sehr guter Artikel….viel Wahres darinnen….kommt mir irgendwie bekannt vor so einiges…Muss man echt LESEn !

  5. Bettina O'Brien sagt

    BRILLIANT! If you understand German, check this out. Great job, Roland Kopp-Wichmann!

  6. Sylvia Schodruch sagt

    IMMER lesens- wert🙏🔊🥁

  7. Volker Hepp - Coaching sagt

    Gutes Fallbeispiel, lesen!

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