„Ich muss überall den Clown spielen“, sagte der Mann im Coaching.

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Bild: AndreyPopov, iStock.com

Mein neuer Klient musste immer den Clown spielen. Denn Kinder wollen immer kooperieren. Deshalb übernehmen sie in der Herkunftsfamilie  bestimmte Rollen, die Defizite des Familiensystems ausgleichen sollen. Diese Rollen stabilisieren die Familie und das Kind erlebt dadurch Anerkennung. Deswegen ist es oft schwer, sie wieder abzulegen. Mein neuer Klient spielte immer den Clown. wie er dazu kam und was dahintersteckte, erfahren Sie in meinem neuen Fallbericht. 

„Punkt fünfzehn Uhr … und es hat Zoom gemacht!“ war der erste Satz  meines Klienten im Online-Coaching.
„Wie bitte?“ fragte ich etwas irritiert.
„Na, wir treffen uns hier online – und es hat Zoom gemacht!“ wiederholte Elias R., 56 Jahre alt, Physiotherapeut in eigener Praxis.
„Zoom gemacht! Kennen Sie den Song nicht? Tausendmal berührt …“ trällerte der Klient.

Jetzt kapierte ich. Er meinte den Hit „Tausendundeine Nacht“ von Klaus Lage.

„Ach so, Klaus Lage. Jetzt verstehe ich“, sagte ich etwas gequält. „Und jetzt hat’s bei uns „Zoom“ gemacht. Verstehe.“
„Dann verstehen Sie vielleicht auch, warum ich um dieses Coaching gebeten habe“,
sagte Elias R.
„Nein, noch nicht, am besten, Sie sagen es mir etwas direkter“, antwortete ich etwas genervt, weil es der Klient so spannend machte.

Dann berichtete er etwas umständlich, dass er überall den Clown spielen muss, sowohl beruflich wie privat. Das mache ihn zwar sehr beliebt, habe aber auch große Nachteile.

Mir fiel dabei der Begriff Witzelsucht ein, über den ich mal gelesen hatte. Dabei handelt es sich um eine auf­fallen­de Ge­schwät­zig­keit mit der Neigung zu Wit­zelei­en, Ver­ball­hor­nung und läp­pi­schem Ver­halten. Die Ursache ist eine organische Schädigung im Frontalhirn. Das konnte es hier aber nicht sein.

„Wann hat das denn angefangen, dass Sie immer den Clown spielen?“, wollte ich wissen.
„Schon recht früh im Kindergarten soll ich dauernd Faxen gemacht haben, erzählte mal meine Mutter. Aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber erinnern kann ich mich, dass ich in der Grundschule den Klassenlehrer parodiert habe. Sehr treffend sogar, nach dem Johlen meiner Klassenkameraden zu urteilen. Leider platzte einmal dieser Lehrer mittenrein und dann musste mein Vater zum Direktor.“
„Und wie ging das dann weiter?“clown spielen, kopp-wichmann, persoenlichkeits-blog,

„Ich war als Junge schüchtern und unsportlich. Und noch dazu ziemlich klein für mein Alter. Da kommt der Pimpf, hieß es immer. Das hat mich ziemlich getroffen. Und als ich dann merkte, dass man mit Humor die anderen für sich gewinnen kann, habe ich das weiter ausgebaut. Ich legte mir ein Heft an, in dem ich Witze aufschrieb und lernte, sie gut zu erzählen. Stan Laurel und Oliver Hardy waren die Helden meiner Kindheit.“

„Aber Sie sorgten nicht nur in der Klasse für gute Stimmung, sondern auch zu Hause. Das schrieben Sie im Vorbereitungsbogen.“
„Ja, das stimmt. Vor allem, nachdem mein Vater bei einem Arbeitsunfall starb, war meine Mutter oft sehr traurig und saß apathisch auf dem Sofa. Einmal war sie total weggetreten und reagierte auf gar nichts und ich bekam es mit der Angst zu tun. Das war zur Karnevalszeit. Da holte ich aus einem Karton mit Masken und Karnevalskram eine rote Nase, eine große Brille und eine gelbe Perücke. Das setzte ich alles auf, ging zu meiner Mutter und schnitt Grimassen. Anfangs schaute sie nur ganz verdutzt aber dann musste sie doch lachen und umarmte mich. Ich glaube, so fing das alles an.“
„Dass Sie merkten, dass der Clown Aufmerksamkeit bekam, der normale Junge aber nicht.“

 

Rollen, die Kinder in der Familie übernehmen können.

Soziale Rollen entstehen durch die Erwartungen der Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen. Sie regeln Aufgaben und Verpflichtungen. Zum Beispiel die Rolle der Lehrerin, des Ehemanns, der Mutter, des Kollegen. Miteinander unverträgliche Erwartungen führen zu Rollenkonflikten.  Der Begriff ist bewusst an das Theater-Spielen entlehnt. Jedes soziales System besteht aus vielen verschiedenen Akteuren, die unterschiedliche  Rollen spielen.

In der Familie entwickeln sich Rollen, um die Prinzipien und Werte zu unterstützen, die der Familie wichtig sind. Durch Lob und Sanktionen wird allen beigebracht, welche Aufgaben und Pflichten jeder hat. Das geschieht durch direkte Ansagen („Mach dies!“ und „Lass das!“) , aber viele Rollen werden auch durch indirekte Kommunikation vermittelt.

Hier einige Beispiele für Rollen, die in Familien von Kindern übernommen werden. Ich folge hier den Überlegungen von Augustus Napier.

Aufgabe des Friedensstifters ist es, den Familienfrieden zu wahren, indem er den Vermittler spielt, um diejenigen zu beruhigen, die in der Familie gereizt oder wütend sind. Oder um streitende Parteien (Eltern und/oder Geschwister) wieder miteinander zu versöhnen.

Das Elternkind ist ein Erwachsener im Miniaturformat. Elternkinder werden zum Beispiel in der Haushaltsführung oder im bäuerlichen Betrieb angelernt.  Oder sie übernehmen die Verantwortung für die Erziehung jüngerer Geschwister und/oder das Wohlergehen der schlecht funktionierenden Eltern. Sie entwickeln schnell eine ausgeprägte Wahrnehmung für die Bedürfnisse anderer und vernachlässigen dadurch ihre eigenen.

Der Ersatz-Partner füllt die Stelle aus, die ein körperlich oder emotional abwesender Elternteil hinterlassen hat. Als solcher versucht das Kind, die Bedürfnisse eines Elternteils nach Kontakt und emotionaler Unterstützung zu erfüllen. Im Extremfall kann so eine Beziehung auch sexualisiert werden.

Der Helfer fungiert als Assistent des Elternteils, der körperlich oder emotional überfordert ist. Durch die ständige Hilfe, die er leistet, verpasst er jedoch viele spielerische Aspekte der Kindheit.

Das abhängige Kind wird in einer übertrieben kindlichen Position gehalten und von seinen Eltern dazu bestimmt, sich hilflos und schwach zu fühlen.

Das verlassene oder unsichtbare Kind wird real von einem oder beiden Elternteilen verlassen. Oder die Eltern sind zwar anwesend, aber nicht in der Lage, sich auf eine Weise mit dem Kind zu verbinden, die eine vertrauensvolle, sichere Bindung aufbaut.

Das ungewollte Kind glaubt vielleicht zu Recht, dass es das Ergebnis einer ungewollten Schwangerschaft ist und nicht gewollt wurde. Oder es hat das „falsche“ Geschlecht.

Das kritisierte Kind kann scheinbar nichts richtig machen. Häufig ist ein Elternteil wütend auf den anderen und dieser Ärger wird am Kind ausgelassen.

Bei dem betrogenen Kind kann die Vertraulichkeit verletzt werden, wenn es einem Elternteil etwas Persönliches anvertraut hat, das aber dann verraten wird. Oder ein Elternteil bevorzugt dauernd ein Geschwister. Das betrogene Kind kann später im Leben oft nicht vertrauen, dass andere zuverlässig sind.

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Der Held sorgt für gute Noten, glänzt im Sport, wird zum Klassensprecher gewählt und ist offensichtlich eine Ehre für die Familie. Diese Rolle kann aber auch Gefühle von Einsamkeit, Schuld und Unsicherheit mit sich bringen. Die Heldin/der Held hat oft das Gefühl, dass sie/er nie genug tun kann, um wirklich geliebt zu werden.

Der Rebell ist ein notorischer Regelbrecher. Er gibt sich trotzig und unkooperativ. Er wird sein Zimmer nicht aufräumen und seine Hausaufgaben nicht machen. Er kann die Schule schwänzen, schwanger werden, Drogen nehmen und zu schnell fahren und wird manchmal das schwarze Schaf genannt. Er opfert sein eigenes Glück, indem er für Aufregung in der schwierigen Beziehung der Eltern sorgt.

Wer zuhause immer den Clown spielen muss, hat die Aufgabe, die Dinge zu Hause locker und lustig zu halten, indem er Witze macht und andere (meist einen oder beide Elternteile) von Traurigkeit, Depression oder schlechter Stimmung ablenkt.

Diese Rollen sind Strategien des Kindes, um mit schwierigen Situationen der Familie zurechtzukommen. Es sind also benötigte Fähigkeiten, die aber immer auch einen schmerzlichen Preis haben. Meist den, dass das Kind nicht mehr Kind sein darf, schnell „erwachsen“ werden muss  und zu viel Verantwortung aufgeladen bekommt oder sich selbst aufbürdet.

Tragischerweise behalten wir oft diese Rollen im erwachsenen Leben bei, obwohl sich die Situationen vielleicht geändert haben. Aber weil wir diese Rollen so verinnerlicht haben, passiert es oft, dass wir mit anderen Menschen wieder jene Konstellationen herstellen, in die die einst gelernte Kinderrolle gut passt.


 

Das Anliegen klären.

Darum geht es in jedem Coachingprozess. Was möchte der Klient verändern – und warum und warum jetzt? Denn schließlich ist das Problem selten vorgestern entstanden, sondern der Klient lebt schon eine geraume Weile damit. Überall den Clown spielen war zu einer Gewohnheit geworden. Warum also will er gerade jetzt etwas ändern? Das galt es auch, bei Elias R. herauszufinden.

„Was wollen Sie denn jetzt genau hier?“, ist meine Standardfrage nach dem Anliegen.
„Ich will damit aufhören, immer den Clown zu spielen.“
„Was ist daran so schwierig? Machen Sie einfach weniger Witze“, sagte ich etwas provokativ.
„Wenn das so einfach wäre“, stöhnte Elias R.
Wenn Sie allein sind, spielen Sie dann eigentlich auch den Clown?“, fragte ich.
„Nein, nie!“ war die Antwort.
„Warum eigentlich nicht?“
„Keine Ahnung … obwohl es oft ganz gut wäre, wenn ich mich aus trüben Stimmungen rausholen könnte. Bei anderen Menschen geht das. Aber mich selber kann ich nicht aufheitern.“
„Nun, vielleicht fehlt Ihnen, wenn Sie allein sind, das Publikum?“,
sagte ich.

Bei dem Begriff „trübe Stimmung“ wurde ich hellhörig, denn Klienten benutzen manchmal beschönigende Bezeichnungen wie „fehlende Motivation“, „melancholischer Typ“, wenn sie eigentlich mit einer Depression kämpfen. Deshalb fragte ich die Leitsymptome einer depressiven Episode ab: Schlafstörungen in den Morgenstunden, Antriebslosigkeit am Morgen, Konzentrationsstörungen.  Alle drei Symptomfragen bejahte Elias R.

„Gibt es Depression in Ihrer Familie, wissen Sie das?“, forschte ich weiter nach.
„Ja, meine Mutter natürlich. Sie kam über den Tod meines Vaters nie so richtig hinweg, obwohl sie nochmal einen neuen Partner fand. Sie war auch in ärztlicher Behandlung, bekam Antidepressiva. Aber trotz allem hat sie gegen Ende ihres Lebens den Sinn im Leben verloren und sich umgebracht.“
„Hmm, haben Sie mal dran gedacht, dass Sie vielleicht auch eine Depression haben könnten?“
„Ja, schon. Ich habe auch mal einen Test im Internet gemacht, da kam raus, dass ich zu Depressionen neige.“
„Aha, und haben Sie mal mit Ihrem Hausarzt darüber gesprochen oder mit sonst jemandem?“
„Nein, eigentlich nicht. Meinen Sie, das sollte ich tun?“
„Ich denke, ja. Depression ist die häufigste psychische Störung und hat eine erbliche Komponente.“

Elias R. schaute mich etwas besorgt an. Ich wollte ihn nicht beunruhigen, stellte aber trotzdem eine ganz wichtige Frage.

„Hatten Sie denn auch schon mal Suizidgedanken in Ihrem Leben?“
„Ja, ein- zweimal schon. Immer dann, wenn mir alles zu viel wird, denke ich, dass ich …“

Fragen nach Suizidgedanken sind meiner Meinung auch in einem Coaching wichtig, wenn es um das Thema Depression geht. Viele Coaches stellen sie nicht, weil sie das Thema scheuen. Meist deshalb weil sie keine Psychologen sind und keine psychotherapeutische Ausbildung haben und glauben, dazu keine Berechtigung zu haben.

Ich meine aber, dass man diese Fragen in einem Coaching stellen sollte. Dazu braucht es kein Studium. Denn auch als Psychologe muss man den Klienten im Ernstfall an seinen Hausarzt verweisen. Aber der Klient sitzt ja nun mal vor einem, hat Vertrauen gefasst und sich geöffnet. Und jetzt ist es wichtig, einzuschätzen wie ernst die Situation ist. Dafür ist es wichtig, zwischen Suizidgedanken und Suizidimpulsen zu unterscheiden.

Suizidgedanken haben viele Menschen irgendwann im Leben. Meist in schweren Krisen, nach einem großen Verlust oder bei extremer Belastung. Aber es sind nur Gedanken.
Bei Suizidimpulsen hat der Betreffende schon einen Plan, wie er es machen wird. Hat schon genügend Schlaftabletten gehortet oder die passende Brücke ausgesucht. Dann muss man handeln und dem Klienten das Versprechen abnehmen, dass er zeitnah mit einem Arzt oder einem Psychiater spricht. Hier gute Hinweise, wie man das erfragen kann.

Auf mein Nachfragen kam bei Elias R. heraus, dass er keine Suizidimpulse hatte, aber dafür öfter Suizidgedanken.

„Wann kommen denn diese Suizidgedanken bei Ihnen?“, fragte ich ihn.
„Schwer zu sagen. Ich glaube, wenn mir alles über den Kopf wächst.“
„Und wann ist das?“
„Na, ja als Physiotherapeut behandle ich ja meine Patienten jeweils eine halbe Stunde. Das ist schon sehr eng getaktet. Zumal 
da noch die Arbeit mit den Rezepten reinfällt. Da renne ich dann oft von Kabine zu Kabine, in denen ich die Patienten behandele. Nach der Behandlung bleibt selten ein Moment, um mal durchzuschnaufen und mich auf den nächsten Patienten einzustellen. Eigentlich ist es Arbeit am Fließband“, berichtete Elias M.
„Sie sind ganz schön frustriert“, stellte ich fest.

„Ja, das ist schon sehr anstrengend. Aber so an meine Grenzen komme ich, wenn mich Patienten gar nicht als Physiotherapeut betrachten. Oft wollen die einfach nur massiert werden und schon keine Ratschläge hören oder die Übungen machen, die ich ihnen zur Heilung ihrer Beschwerden vorschlage. Am meisten nervt mich, wenn ein Patient zu spät kommt und aber verlangt, dass ich die versäumte Zeit hinten dranhänge, was aber nicht geht.“
„Da vergeht Ihnen das immer den Clown spielen und Sie haben Sie das Gefühl, dass Ihnen alles über den Kopf wächst?“,
wollte ich wissen.
„Ja, es macht mich hilflos. Und traurig.“
„Aber vielleicht auch wütend, oder?“

Was sind die Folgen, wenn man seine Gefühle lange unterdrückt?

Seine Emotionen zu verbergen kann in bestimmten Situationen eine gute Option zu sein. Wer seine Gefühle versteckt, befürchtet oft, dass andere negativ darauf reagieren. Der Preis: Man leugnet oder verdrängt die eigene Erfahrung. Dies scheint anfangs ein guter Weg zu sein, um unangenehme Konflikte und emotionalen Schmerz zu vermeiden, aber unterdrückte Gefühle gehen nicht weg. Sie verschwinden auch nicht, sondern gehen sozusagen in den Untergrund. Mit gravierenden Folgen.

  • Gefühle zu unterdrücken wirkt sich letztendlich immer auf die Psyche aus. Man wird unruhig oder antriebslos und zieht sich von allem zurück. Auch positive Gefühle wie Begeisterung, Glück oder Freude werden weniger oder verschwinden ganz.
  • All das schadet nicht nur der Psyche, sondern auch dem Körper. Vor allem Rückenbeschwerden oder Hautprobleme können die Folge sein. Auch ungesunde Gewohnheiten wie zu viel Alkohol, Fernsehen, ungesundes Essen oder Computerspiele.

Humor bietet die Möglichkeit, Verletzlichkeit zu kaschieren und sich mit Kontrolle und vermeintlicher Unbesiegbarkeit in einer schwierigen Situation zu behaupten. Den Clown spielen und die Fähigkeit, andere zum Lachen zu bringen, kann so einem Kind zur Selbsterhaltung dienen, das es von vielen Schwierigkeiten ablenkt und ihm eine wahrgenommene Kontrolle über unangenehme Situationen ermöglicht.

Das „Trauriger-Clown-Paradoxon“ ist die widersprüchliche Verbindung zwischen Humor und psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen. Daran leidende Menschen erleben in ihrer Kindheit viele Entbehrungen und Verlassenheit. Durch die Rolle des Clowns entdecken sie die Macht des Humors und die konstruktive Umsetzung von Ohnmachtsgefühlen und Wut.

Ein gutes Beispiel dafür ist Kurt Tucholsky. Er war einer der bekanntesten und wichtigsten politischen Publizisten und Satiriker der Weimarer Republik. Seine Beiträge entlarvten die Machenschaften der konservativen preußisch-deutschen Eliten in Politik, Justiz und Militär, die mit Hartnäckigkeit daran arbeiteten, die ungeliebte Demokratie zu einer Farce werden zu lassen.

Tucholsky konnte mit den Tausenden von Beiträgen, die er während der kurzen Jahre der Weimarer Zeit in den unterschiedlichsten Zeitungen veröffentlichte, jedoch nicht den Rechtsruck und schließlich das Abgleiten in die Diktatur verhindern. Desillusioniert von der Wirkungslosigkeit seines Engagements für Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit verstummte der Autor und wählte schließlich, im Bewusstsein seines völligen Versagens, den Suizid.

 

Immer den Clown spielen ist anstrengend.

„Also damals haben Sie den Clown für Ihre Mutter gespielt, um sie aufzuheitern. Für wen spielen Sie denn heute den Clown?“
„Ach, eigentlich immer, wo es sich ergibt. Natürlich viel im Job mit meinen Patienten. Die kommen ja oft in keiner guten Stimmung, weil sie Schmerzen haben oder die Behandlung nicht so schnell hilft, wie sie es gern hätten. Die versuche ich dann aufzuheitern.“
„Und das klappt meistens?“,
erkundige ich mich.
„Mal besser, mal schlechter und mal gar nicht.“
„Und das wird Ihnen jetzt aber zu viel oder warum wollen Sie nicht mehr den Clown spielen?“
„Weil man Clowns nicht ernst nimmt. Man lacht über sie und denkt, dass alles, was sie sagen, nicht so ernst gemeint sein kann. Zum Beispiel bei der Arbeit kommt immer mal ein Patient zu spät. Da meine Zeiten sehr eng sind, bedeutet das, dass ich diesen Patienten kürzer behandeln muss, damit ich mit dem nächsten pünktlich anfangen kann. Das kapieren einige Zuspätkommer nicht, führen gute Gründe an, warum sie zu spät sind, aber das hilft mir ja nicht. Ich muss in meinem Zeitplan bleiben.“
„Und was passiert dann?“,
erkundige ich mich.
„Dann machen die oft Ärger, wollen das nicht einsehen, beschweren sich und wollen, dass jemand anderes sie behandelt.“

„Werden Sie denn zuhause ernstgenommen?“
„Geht so. Meine Freundin brachte eines Tages ein kleines Kätzchen nach Hause, obwohl sie wusste, dass ich eine starke Katzenallergie habe. Ich habe gleich protestiert aber sie lenkte erst nicht ein. Das Kätzchen wäre doch so klein und ich könne ja den Kontakt zur Katze meiden, sie würde sich um alles kümmern. Ich musste ihr mehrmals erklären, dass das nicht hilft, dass die Katzenallergie eine Überreaktion des Immunsystems auf bestimmte Eiweiße ist, die von Katzen abgegeben werden. Und diese befinden sich vor allem im Speichel oder Urin der Katze und werden über die Luft oder die Hände übertragen.“
„Und wie ging die Sache weiter?“
„Meine Freundin tat mir leid und wir ließen das Kätzchen impfen. Zusätzlich verwendete ich spezielle Cremes gegen den Juckreiz und die Rötungen. Aber nach einem halben Jahr wurde es mit der Allergie schlimmer. Zum Glück entkam das Kätzchen durch die offene Wohnungstür und blieb verschwunden.“
„Sie werden nicht gerne wütend, stimmt’s?“ fragte ich Elias R.
„Ich weiß gar nicht, wie das geht, wütend werden“, antwortete er. „Ich habe nur gelernt, brav zu sein.“
„Immer den Clown spielen ist weniger riskant“,
ergänzte ich.

 

Witze machen statt Respekt einfordern.

Respekt zwischen Menschen basiert auf Mitgefühl und Empathie. Wenn sich der andere nicht in uns einfühlt, also zu verstehen sucht, wie uns sein Verhalten trifft oder verletzt, dann fühlen wir uns nicht respektiert. In einer Beziehung kann man nicht immer erwarten, dass der andere sich in uns einfühlt. Aber wenn wir sagen, was uns stört, ärgert oder verletzt, fühlen wir uns respektiert, wenn das Gegenüber unsere Gefühle anhört, ernst nimmt und vielleicht sogar nachvollziehen kann.

„Sie haben berichtet, dass es immer spezielle Situationen sind, in denen Sie den Clown spielen„, knüpfte ich an das Anliegen des Klienten an.
„Weil Sie klein und unsportlich waren, lernten Sie, dass wenn Sie die anderen zum Lachen brachten, das dann keine Rolle mehr spielte. Und als Ihre Mutter depressiv auf dem Sofa lag, haben Sie auch versucht, sie mit Späßen aufzuheitern.“
„Ziemlich erfolgreich“, kommentierte Elias R. stolz.
„Und wenn Ihre Freundin überraschend eine Katze mit nach Hause bringt oder Ihre Patienten zu spät kommen, äußern Sie nicht Ihren Ärger – sondern spielen den Clown.“
„Aber warum tue ich das? Mir ist doch gar nicht nach Lachen und die Situation ist auch überhaupt nicht lustig.“
„Ich denke, Sie tun das, um ein Minimum an Kontrolle in einer Situation zu bekommen, in der Sie sich eigentlich ohnmächtig fühlen. Und Humor ist eine starke Waffe.“
„Humor ist eine Waffe?“,
fragte Elias R. ungläubig.
„Aber sicher. Wie sonst soll man es bezeichnen, wenn jemand so witzig erzählen kann, dass ein ganzer Saal von Zuschauern lacht – und einige sich dabei fast in die Hose machen?“

„Der Witz ist die letzte Waffe der Wehrlosen“, schrieb Sigmund Freud in seinem Buch „Der Witz und sein Verhältnis zum Unbewussten“. Ähnlich wie im Traum schafften sich Angst, Ohnmacht, Verzweiflung und Verdrängtes im Witz ihr Ventil und ihr eigenes Bild, stellte der österreichische Psychiater fest, selbst Jude und erfahren im Umgang mit Anfeindung, Verfolgung und Bedrohung.

„Wenn Sie nicht mehr den Clown spielen, sondern ernstgenommen werden wollen, müssen Sie sich öfter Respekt verschaffen.“
„Klingt gut, aber wie mache ich das? Meine Patienten oder meine Frau übergehen einfach, was ich sage. Oder fangen an, mit mir zu diskutieren, was dann endlos gehen kann.“

Es war wieder Zeit für ein Experiment.
Dabei geht es immer um einen Satz, der ausdrückt, was der Klient sich bisher nicht getraut hat, zu sagen oder auszuleben. Dieses „innere“ Verbot ist eine Konsequenz aus Erfahrungen aus der Kindheit. Wichtig bei dem Satz ist, dass der Klient nicht darüber nachdenkt, sondern auf eine Antwort aus dem Unbewussten wartet. Damit das klappt, braucht er einen achtsamen Zustand. Deshalb bat ich Elias R. die Augen zu schließen und sich nach innen zu konzentrieren. Dann forderte ich ihn auf:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:
„Ich bin hier der Chef.“

Die Sätze, die ich Klienten vorgebe, sind immer Tatsachen oder wahr. Interessant ist dabei die unmittelbare Reaktion des Klienten in den ersten fünf Sekunden, nachdem er den Satz laut ausgesprochen hat.

„Den Satz kann ich nicht sagen“, war die spontane Ration von Elias R. „Der passt nicht zu mir. Sowas würde ich nie sagen.“
„Das habe ich vermutet. Aber der Satz ist doch eine Tatsache. In Ihrer Praxis sind Sie der Chef“,
erwiderte ich.
„Ja, aber das muss man doch nicht so raushängen lassen!“
„Na ja, bei Patienten, die Sie respektieren, nicht. Aber bei denen mit Massagewünschen und den Zu-spät-Kommern“, die die Folgen dafür nicht tragen wollen, da müssen Sie das, glaube ich, ganz deutlich raushängen.“
„Aber das wäre mir total unangenehm!“,
warf Elias R. ein.
„Klar, Respekt einfordern kann unangenehm sein. Es ist ja auch ein Konflikt und Sie mögen keine Konflikte. Sie wollen immer der Gute oder der Lustige sein. Das hat aber zur Folge, dass man Sie oft nicht ernst nimmt.“

Die Sätze, mit denen ich im Coaching arbeite, sind für die Klienten immer unangenehm.

  • Weil der Satz etwas ausdrückt, was der Klient bisher nicht sehen oder sein will.
  • Denn der Satz einen inneren, unbewussten Konflikt berührt, der meist aus der Herkunftsfamilie stammt.
  • Und da der Satz zwar immer wahr ist, der Klient aber bisher keine Erlaubnis dafür hatte.

Die Chance nach dem Coaching besteht jetzt darin, dass Elias R. sich jedes Mal bewusst machen kann, wenn er wieder den Clown spielt, dass er ein Schlupfloch wählt – statt den direkten Weg zu nutzen. Witze zu machen statt Respekt einzufordern.

Als Kind lernte er, dass er in der schwierigen Situation mit seiner Mutter nichts ändern konnte, außer die Stimmung der Mutter aufzuheitern und dadurch auch seine Lage verbessern. Doch heute ist er nicht mehr ohnmächtig, wenn ein Patient sich in seiner Praxis schlecht benimmt. Er muss nicht für gute Stimmung sorgen, sondern darf sich Respekt verschaffen, denn hier ist er der Chef und kann bestimmen, was geht und was nicht.

Wir erarbeiteten noch verschiedene Verhaltensweisen, mit denen sich Elias R. Respekt verschaffen könnte, beruflich wie privat.


 

Zwei Monate später erhielt ich eine eMail von dem Klienten.
Er arbeite kontinuierlich an dem Thema aber manchmal falle er wieder in sein altes Muster zurück.
In der Woche nach dem Coaching habe er zwei Mitarbeiterinnen gekündigt, über die Patienten sich immer wieder beschwert hatten. Und zusammen mit seiner Frau habe er durchgesetzt, dass ihre sechsjährige Tochter noch kein eigenes Handy bekommt.
Und wenn heute manchmal der Impuls komme, einen Witz zu machen, prüfe er genau, ob das wirklich angebracht ist oder ob da eigentlich ein Konflikt weggelacht werden soll.

Ich schrieb zurück, dass es mich freue, dass er schon so viel umgesetzt habe. Und gegen die Rückfälle helfe vielleicht eine Tasse mit der neuen Wahrheit, die man hier bestellen kann. Denn offenbar sei er nicht der Einzige mit dem Thema.



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PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

2 Kommentare

  1. Anna Barista sagt

    Das spiegelt den Film von Hape Kerkeling, der Junge muss an die frische Luft, wider. Er soll auf seinem Leben beruhen.

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