
Bild: iStock.com Matthias Lindner
Ein 3-h-Coaching über Orientierungslosigkeit, Abbrüche und die Angst, sich festzulegen.
„Ich weiß nicht, was mit mir nicht stimmt“, sagt die junge Frau, die mir im Online-Coaching gegenüber sitzt.
Sie ist Mitte zwanzig, trägt eine Jeansjacke über einem schlichten T-Shirt, und ihre Hände spielen nervös mit einem Haargummi.
„Alle anderen wissen, was sie wollen. Nur ich nicht.“
Sie heißt Lena – natürlich nicht wirklich, aber so nenne ich sie hier.
Lena hat drei Studiengänge abgebrochen. Erst Psychologie, dann Kommunikationsdesign, zuletzt Soziologie.
Sie hat auch Praktika angefangen und wieder aufgehört.
Jobs, die vielversprechend klangen – und nach ein paar Monaten nur noch leer.
„Immer denke ich am Anfang: Das ist es! Und dann… dann passiert irgendetwas.
Ich verliere das Interesse. Es fühlt sich plötzlich falsch an.“
Ich nicke. „Was genau fühlt sich dann falsch an?“
Sie zögert. „Ich weiß es nicht. Es ist so ein… Unbehagen.
Als würde ich merken, dass ich an der falschen Stelle bin.
Dass ich mich verrennen würde.“
„Und dann?“
„Dann breche ich ab. Bevor es zu spät ist.“
Ich notiere mir innerlich diesen Satz. *Bevor es zu spät ist.*
Weil ich vermute, dass dieser Satz mehr bedeutet, als Lena bewusst ist.

Das Symptom ist nie das Problem
Wenn jemand zu mir ins Coaching kommt und erzählt, dass er oder sie ständig Dinge abbricht, dann wäre der naheliegende Ansatz: Wir arbeiten am Durchhaltevermögen.
Wir finden Strategien.
Wir machen Pläne.
Das tue ich nicht.
Denn das Symptom – hier die Abbrüche – ist fast nie das eigentliche Problem.
Das Symptom ist meistens eine Lösung.
Eine unbewusste Lösung für einen inneren Konflikt,
den der Betroffene aber nicht kennt.
Das klingt erst einmal paradox. Aber es ist einer der wichtigsten Grundsätze meiner Arbeit:
Menschen tun das, was sie tun, nicht ohne Grund.
Und dieser Grund ist meistens tiefer vergraben, als sie ahnen.
Und hierzu brauchen wir intelligente Fragen.
Eine intelligente Frage ist eine, auf die der andere erst mal keine Antwort parat hat.
Weil die Antwort aus dem Unbewussten kommt.
„Lena, ich möchte Sie etwas fragen, und ich bitte Sie, nicht zu schnell zu antworten“, sage ich.
„Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn Sie bei etwas durchhalten würden?
Wenn Sie wirklich dranbleiben würden – bis zum Ende?“
Sie schaut mich irritiert an.
„Das Schlimmste? Ich… ich verstehe die Frage nicht.
Es wäre doch gut, wenn ich durchhalte.“
„Rational ja. Aber ich frage nach Ihrem Gefühl.
Stellen Sie sich vor, Sie wären im fünften Semester Psychologie geblieben.
Sie hätten den Abschluss gemacht.
Was wäre dann?“
Stille.
Dann, langsam: „Dann… dann wäre ich festgelegt.“
„Festgelegt?“
„Dann wäre ich Psychologin.
Für immer. Dann hätte ich mich entschieden.“
Ich lasse die Worte im Raum stehen.
Das ist ein entscheidender Moment.
Lena hat gerade etwas ausgesprochen, das sie vermutlich noch nie so klar formuliert hat.
„Und was wäre daran so schlimm?“
Ihre Augen werden feucht.
„Dann… dann wäre es vorbei.
All die Möglichkeiten.
Dann wäre ich nicht mehr… frei.“
Die Freiheit, die keine ist
Viele Menschen glauben, dass Entscheidungen die Freiheit einschränken.
Sie halten sich alle Optionen offen, weil sie denken, das mache sie frei.
Das Gegenteil ist der Fall.
Wer nie wählt, wählt das Nicht-Wählen.
Und das ist auch eine Wahl – nur eine, die nie zu etwas führt.
Die vermeintliche Freiheit wird zum Gefängnis.
Man steht vor unendlich vielen Türen, aber keine öffnet sich, weil man nie eine Hand ausstreckt.
Bei Lena ist dieses Muster aber mehr als nur eine philosophische Frage.
Es hat eine Geschichte. Und die will ich verstehen.
„Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit“, sage ich.
„Wie war es bei Ihnen zuhause?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Normal. Eigentlich ganz gut.“
Ich warte.
„Meine Eltern haben sich getrennt, als ich zehn war. Aber das haben ja viele.“
„Wie war die Trennung?“
„Schlimm. Also, nicht schlimm-schlimm. Aber… es hat sich alles verändert.
Mein Vater ist ausgezogen. Meine Mutter musste arbeiten gehen.
Ich war viel allein.“
„Wie haben Sie sich gefühlt?“
„Ich… ich habe versucht, es meiner Mutter nicht schwer zu machen.
Sie hatte ja genug Sorgen.“
Wieder dieser Mechanismus: Ich mache keine Probleme.
Ich bin pflegeleicht. Ich fordere nichts.
„Was haben Sie gebraucht, Lena? Als Zehnjährige?“
Sie schaut mich an, als hätte ich sie bei etwas ertappt.
„Ich weiß nicht. Ich habe nicht darüber nachgedacht.“
„Versuchen Sie es jetzt. Schließen Sie kurz die Augen.
Stellen Sie sich die Zehnjährige vor. Sie sitzt allein in der Wohnung.
Ihre Mutter kommt erst spät von der Arbeit. Was braucht dieses Mädchen?“
Eine lange Pause.
Dann: „Dass jemand sagt, dass alles gut wird.
Dass ich wichtig bin. Dass ich gesehen werde.“
Ihre Stimme bricht.
Das unsichtbare Kind
Lena war ein Kind, das gelernt hat, unsichtbar zu sein.
Keine Ansprüche zu stellen. Keine Bedürfnisse zu haben.
Denn Bedürfnisse zu haben bedeutete, zur Last zu werden.
Die Trennung der Eltern war nicht nur ein äußerer Umbruch.
Sie war eine Botschaft: Du kannst dich auf nichts verlassen.
Was heute gilt, kann morgen vorbei sein.
„Wissen Sie, was mir gerade auffällt?“, sage ich. „
Sie haben mir erzählt, dass Sie immer abbrechen, „bevor es zu spät ist*.
Was wenn dieses ‚zu spät‘ gar nichts mit den Studiengängen zu tun hat?“
Sie schaut mich fragend an.
„Was, wenn Sie unbewusst immer wieder das tun, was Sie als Kind gelernt haben:
Gehen, bevor man verlassen wird?
Sich nicht festlegen, bevor etwas zusammenbricht?
Keine Bindung eingehen, um nicht verletzt zu werden?“
Ihr Gesicht verändert sich.
Es ist dieser Moment, den ich in Coachings so oft erlebe.
Wenn eine Erkenntnis nicht nur intellektuell ankommt, sondern im ganzen Körper spürbar wird.
„Oh Gott“, flüstert sie.
„Das tue ich, oder?
Ich verlasse alles, bevor es mich verlassen kann.“
Der unbewusste Schutz
Genau das ist es. Lenas Muster des Abbrechens ist kein Defizit.
Es ist ein Schutzmechanismus. Ein Teil in ihr, der als Kind gelernt hat:
Bindungen sind gefährlich. Sie können zerbrechen. Und dann tut es weh.
Also lieber gar nicht erst binden.
Lieber immer in Bewegung bleiben.
Lieber gehen, bevor man verlassen wird.
Das Problem ist nur: Diese Strategie, die das Kind geschützt hat, schadet der Erwachsenen.
Denn ein Leben ohne Bindung – an Menschen, an Projekte, an Entscheidungen – ist ein Leben ohne Tiefe.
Ohne Wurzeln. Ohne wirkliche Zufriedenheit.
„Wie fühlt es sich an, das zu erkennen?“, frage ich.
„Traurig“, sagt sie. „Und irgendwie auch… erleichternd?
Weil es endlich einen Grund gibt.
Ich dachte immer, ich bin einfach unfähig.
Oder faul. Oder zu dumm, um zu wissen, was ich will.“
„Sie sind nichts davon. Sie sind ein Mensch, der als Kind eine schwierige Situation meistern musste.
Und Sie haben das auf Ihre Art überlebt. Das verdient Respekt.“
Sie nickt, aber ich sehe, dass noch etwas in ihr arbeitet.
„Aber was mache ich jetzt?“, fragt sie.
„Ich kann doch nicht einfach aufhören, so zu sein.“
Der Weg zur Veränderung
Das ist die zentrale Frage.
Und die Antwort ist komplizierter, als die meisten Menschen es gerne hätten.
Veränderung beginnt mit Bewusstmachen.
Lena hat heute etwas verstanden, das sie vorher nicht wusste.
Das allein verändert schon etwas.
Denn jetzt, wenn sie wieder den Impuls hat, etwas abzubrechen, kann sie innehalten und fragen:
Ist das wirklich notwendig? Oder ist das mein altes Muster?
Aber Bewusstsein allein reicht nicht.
Das Muster hat sich über viele Jahre eingegraben.
Es ist wie eine Autobahn im Gehirn. Breit, gut asphaltiert, schnell.
Der neue Weg – Durchhalten trotz Unbehagen – ist dagegen ein Trampelpfad.
Den muss man erst anlegen.
„Was ich Ihnen mitgeben möchte, ist Folgendes“, sage ich.
„Die nächsten Male, wenn Sie wieder dieses Gefühl haben – dieses ‚Hier bin ich falsch, ich muss raus‘ – versuchen Sie, es nicht sofort zu glauben.
Setzen Sie sich hin, legen Sie eine Hand auf Ihr Herz, und fragen Sie:
Ist das eine echte Information über diese Situation?
Oder ist das mein zehnjähriges Ich, das Angst hat, verletzt zu werden?“
„Und was, wenn ich es nicht unterscheiden kann?“
„Dann fragen Sie sich: Was würde ich einer guten Freundin raten?
Meistens wissen wir für andere viel besser, was richtig ist, als für uns selbst.“
Sie lächelt zum ersten Mal.
„Das stimmt. Meinen Freundinnen sage ich immer, sie sollen durchhalten.“
„Sehen Sie. Das Wissen ist da. Es ist nur verschüttet unter alten Ängsten.“
Der Brief an das zehnjährige Mädchen
Am Ende meiner Coachings gebe ich manchmal eine Aufgabe mit.
Etwas, das die Arbeit vertieft und den Prozess weiterführt.
„Ich empfehle Ihnen, einen Brief zu schreiben“, sage ich.
„An die zehnjährige Lena.
An das Mädchen, das allein in der Wohnung saß und gelernt hat, keine Ansprüche zu stellen.
Schreiben Sie ihr, was sie damals gebraucht hätte.
Und sagen Sie ihr, dass Sie jetzt da sind.
Dass Sie, die erwachsene Lena, auf sie aufpassen werden.“
Ihre Augen werden wieder feucht. „Das klingt kitschig.“
„Es ist nicht kitschig. Es ist einer der wirksamsten Wege, wie wir alte Wunden heilen können.
Diese Arbeit mit dem inneren Kind wird oft belächelt, aber sie funktioniert.
Weil dieser Teil in uns, der damals verletzt wurde, nie wirklich verschwunden ist.
Er wartet darauf, gesehen zu werden.“
Sie nickt langsam. „Okay. Das mache ich.
Drei Monate später
Lena schrieb mir nach drei Monaten eine E-Mail. Sie hatte den Brief geschrieben – mehrere sogar.
Sie hatte geweint dabei, und zum ersten Mal seit Jahren hatte sie das Gefühl, sich selbst zu verstehen.
Sie hatte nicht wieder ein Studium angefangen.
Aber sie hatte sich für eine Ausbildung zur Mediatorin entschieden.
Etwas, das sie schon lange interessiert hatte, aber nie ernst genommen, weil es „nicht richtig“ schien.
Diesmal, schrieb sie, fühle es sich anders an.
Nicht euphorisch wie früher am Anfang neuer Projekte.
Sondern ruhiger. Realistischer.
Wie eine erwachsene Entscheidung.
„Es ist nicht perfekt“, schrieb sie.
„Es gibt Tage, an denen ich wieder zweifle. Aber dann erinnere ich mich an das, was Sie gesagt haben:
Dass mein Impuls wegzulaufen ein alter Reflex ist. Und dass ich heute wählen kann, ob ich ihm folge.“
Das ist der Kern von Veränderung:
Nicht dass die alten Muster verschwinden.
Sondern dass wir lernen, sie zu erkennen und uns bewusst für etwas anderes zu entscheiden.
Was wir von Lena lernen können
Lenas Geschichte ist nicht ungewöhnlich.
Viele Menschen kämpfen mit dem Gefühl, nicht zu wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.
Viele haben Dinge angefangen und wieder aufgehört. Viele werfen sich vor, kein Durchhaltevermögen zu haben.
Die meisten von ihnen behandeln das als Charakterschwäche. Als Defizit, das man mit Willenskraft überwinden muss.
Aber so funktioniert unsere Psyche nicht.
Hinter jedem hartnäckigen Muster steckt eine Geschichte.
Hinter jedem „Ich kann nicht“ steckt ein „Ich durfte nicht“ oder „Ich musste“.
Diese Geschichten sind nicht einfach zu finden.
Sie liegen vergraben unter Jahren von Anpassung, Verdrängung und Selbstkritik.
Aber sie lassen sich ausgraben.
Und wenn sie einmal im Licht liegen, verlieren sie einen Teil ihrer Macht.
Lenas Abbrüche waren nie ein Zeichen von Schwäche.
Sie waren ein Zeichen eines klugen Kindes, das einen Weg gefunden hat, mit einer überfordernden Situation umzugehen.
Das Problem war nur, dass die Lösung von damals zum Problem von heute wurde.
Das ist es, was ich mit „Lebensthemen“ meine.
Diese tief eingegrabenen Muster, die wir als Kinder entwickelt haben und die uns bis ins Erwachsenenalter prägen – oft, ohne dass wir es merken.
Sie zu erkennen ist der erste Schritt.
Sie zu verändern ist ein Prozess, der Zeit braucht, Geduld und oft auch professionelle Unterstützung.
Aber es ist möglich.
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