Freddie Mercury: „Wer bin ich, wenn ich keine Rolle spiele?“

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freddie mercury

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Eine Lebensthema-Analyse von Freddie Mercury.


Es gibt diese seltenen Momente im Leben, in denen ein Mensch auf der Bühne steht und man spürt: Da passiert gerade mehr als Musik. Da zeigt sich jemand, der seine größte Angst überwunden hat. Und damit Erfolg hat.
Bei Freddie Mercury war dieser Konflikt mit Händen zu greifen.

Ich erinnere mich an ein 3-h-Coaching vor einigen Monaten.
Ein Klient, Mitte vierzig, erfolgreicher Schauspieler, sagte plötzlich mitten im Gespräch:
„Ich weiß gar nicht, wer ich ohne meine Rollen wäre.“

Ich fragte nach.
Na ja“, sagte er, „ich spiele den Extrovertierten. Den Witzigen. Den Unerschrockenen. Das erwarten alle. Wenn ich es nicht tue, werde ich unsichtbar.“

Dieser Satz hätte auch von Freddie Mercury stammen können.

Die Bühne als Heimat – und als Schutzschild

Freddie Mercury betrat die Bühne nicht. Er eroberte sie.
Er verwandelte sich dort in eine Gestalt, die größer war als seine Herkunft, größer als seine Zweifel, größer als die Scham, die er lebenslang mit sich trug.

Geboren als Farrokh Bulsara wuchs er in Sansibar auf.
Internat, Fremdheit, Außenseitererfahrungen.
Sein Lebensthema war die fehlende Zugehörigkeit. Denn er lebte immer dazwischen:
zwischen Ländern, zwischen Identitäten, zwischen kulturellen Erwartungen.

Viele meiner Klienten kennen dieses Gefühl gut.
Nicht, weil sie in Sansibar geboren wurden.
Sondern weil sie in ihrer Kindheit ebenfalls „zwischen Rollen“ lebten.
Zwischen den Erwartungen der Eltern und ihren eigenen Bedürfnissen.
Zwischen Anpassung und Rebellion.
Zwischen „Wer soll ich sein?“ und „Wer bin ich?“.

Der Engpass: Wo darf ich ich selbst sein?

Ein Lebensthema zog sich durch Mercurys Leben:
Ich will dazugehören. Aber ich will nicht enttarnt werden.

Seine Homosexualität war lange ein Geheimnis.
Seine Herkunft war für ihn ein Makel.
Sein Überbiss eine Quelle von Scham.

Innere Scham und äußere Inszenierung – ein altes Paar.
Viele Menschen verstecken ihre Verletzlichkeit hinter einer Rolle.
Manche hinter Intellekt. Manche hinter Humor.
Und manche – wie Freddie Mercury – hinter einem geradezu überwältigenden Charisma.

Manchmal stelle ich im Coaching eine Frage nach dem Engpass:
„Wofür ist Ihre Rolle die Lösung?“
Es ist nie die Frage ob jemand eine Rolle hat.
Es ist nur die Frage wofür.

Bei Mercury war sie Schutz. Zuflucht. Überlebensstrategie.

„Ich erfand mich neu, damit ich in Ruhe ich sein konnte“

Mercury erlebte früh, dass er in seiner Echtheit weder verstanden noch geschützt war.
Die Bühne bot ihm das Gegenteil:
Sie belohnte seine Kraft, seine Exzesse, seine Grenzüberschreitungen.

Doch wer die Bühne betritt, muss irgendwann wieder herunter.
Und dort, im Privaten, blieb die alte Frage:
„Bin ich ohne Applaus überhaupt jemand?“

Ich habe mit hunderten Menschen gearbeitet, die eine ähnliche Angst haben.
Sie definieren sich über Anerkennung.
Über das, was sie leisten, darstellen, geben.
Wenn niemand zuschaut, fühlen sie sich unbedeutend.

So wie mein Klient damals.
Er sagte leise: „Wenn keiner da ist, fühle ich mich wie Luft.“

Nähe war Mercurys blinder Fleck

Viele Biografen beschreiben seine Beziehungen als intensiv, aber instabil.
Er sehnte sich nach Nähe.
Gleichzeitig überforderte sie ihn.
Wie viele Menschen mit schambesetzter Identität misstraute er Intimität, weil sie die eigene Unsicherheit aufdeckt.

Nähe braucht kein Bühnenlicht.
Nähe braucht Mut.
Mut, sich zu zeigen – ohne Kostüm, ohne Pose.

Mercury konnte das nur selten.

Warum berührt uns seine Geschichte so sehr?

Weil sie uns spiegelt.
Wir alle tragen Rollen.
Wir alle versuchen, an irgendeinem Ort dieser Welt „richtig“ zu sein.
Wir alle haben einen Teil in uns, der sagt:
„Wenn sie wüssten, wie ich wirklich bin …“

Mercury war groß, weil er sich größer machte als seine Angst.
Tragisch war er, weil er sich dadurch immer wieder selbst verlor.

Was wir von Freddie Mercury lernen können

  • Die größte Bühne ersetzt keine echte Beziehung.
  • Identitätsarbeit heißt, sich selbst auszuhalten – nicht größer zu werden.
  • Scham verschwindet nicht durch Perfektion, sondern durch Sichtbarkeit.
  • Wer zu viel gibt, verliert irgendwann den Zugang zu seinem inneren Halt.

Wenn ich mit Klienten arbeite, die ähnliche Muster zeigen, dann geht es immer um dasselbe:
Einen Ort zu finden, an dem sie ganz sie selbst sein dürfen.
Ohne Kostüm. Ohne Pose.
Und ohne Angst, dass jemand genauer hinschaut.


Fühlen Sie sich in dem Beitrag angesprochen?
Dann haben Sie vielleicht Lust auf eine Umsetzungsaufgabe.

Experiment: Einen Tag lang ohne Rolle

Wenn Sie herausfinden möchten, wo Sie sich hinter einer Fassade verstecken, probieren Sie folgendes aus:

1. Wählen Sie drei Alltagssituationen, in denen Sie normalerweise eine Rolle spielen.
Zum Beispiel:

  • im Gespräch mit Kollegen
  • beim Telefonieren
  • beim Treffen mit Freunden
  • in der Familie

2. Beobachten Sie in diesen Momenten zwei Dinge:

  • Was tun Sie? (z. B. witzig sein, stark wirken, zustimmen, obwohl Sie etwas anderes denken)
  • Was fühlen Sie wirklich?

3. Sagen Sie einmal am Tag einen einzigen ehrlichen Satz, der aus Ihrem Inneren kommt – ohne Ironie, ohne Coolness, ohne Schutz. Zum Beispiel:

  • Ich bin gerade unsicher.“
  • „Ich brauche einen Moment.“
  • „Ich merke, das überfordert mich.“
  • „Ich sehe das anders.“
  • „Das macht mich traurig.“

4. Danach schreiben Sie kurz auf:

  • Wie hat sich dieser ehrliche Satz angefühlt?
  • Was hat der andere gemacht?
  • Welche Rolle wollten Sie reflexhaft spielen – und warum?

5. Achten Sie auf den Moment, der am meisten Mut gekostet hat.
Dort liegt Ihr persönlicher Engpass.

Was Sie bei diesem Experiment herausfinden, fühlt sich vielleicht nicht gut an.
Weil Sie sich getraut haben, Ihre Komfortzone zu verlassen.
Seien Sie nicht zu streng mit sich.
Sie sind auf einem guten Weg.


Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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