„Unsere Eltern sind gegen unsere Heirat“, sagte die Frau im Coaching.

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Wenn die Ablösung von den Eltern im Erwachsenenalter fehlt.

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Bild: jacoblund, iStock.com

Die Ablösung von den Eltern im Erwachsenenalter ist eine notwendige Voraussetzung, um eine gesunde und stabile Beziehung zu sich selbst und anderen leben zu können. Doch ist diese Ablösung mitunter nicht leicht – für beide Seiten. Wie es doch gehen kann, lesen Sie in meinem neuen Fallbericht.

Dass man seinen Ehepartner selbst aussucht, ist für uns heute selbstverständlich. Doch das war nicht immer so.

Dass Ehen arrangiert wurden gab es auch bei uns bis ins 20. Jahrhundert. Und in vielen Königshäusern ist das bis heute gängige Praxis. Zum Machterhalt und aus finanziellen Gründen. Über die Hälfte aller Hochzeiten weltweit werden arrangiert. Vor allem in Südasien, im Mittleren Osten sowie in einigen afrikanischen Ländern. Konkret heißt das: Die Eltern oder andere, meist ältere, Familienangehörige suchen dem Sohn oder der Tochter den Partner fürs Leben.

Daran musste ich denken, als meine Klientin, Ramona L, 34 Jahre, vor mir saß.

Klar, das läuft heute völlig gegen unsere Auffassung von Wahlfreiheit, sich den Partner von Dritten aussuchen zu lassen. Andererseits, ist die Partnersuche via Parship & Co. nicht auch arrangiert? Da prüft eben der Algorithmus die Passung.

„Es könnte alles so schön sein“, stöhnte die Klientin im 3-h-Coaching.
„Mein Mann und ich kennen uns seit neun Jahren, wohnen seit 4 Jahren zusammen. Ich arbeite im Familienunternehmen meiner Eltern. Aber seit wir gesagt haben, dass wir heiraten wollen, ist zuhause der Teufel los.“
„Wie äußert sich das?“,
frage ich nach.
„Es vergeht keine Woche, wo es nicht zu blöden Gesprächen über dieses Thema geht. Warum wir überhaupt heiraten müssen. Viele Paare würden doch auch ohne Trauschein zusammenleben. Und ob ich wisse, was eine Scheidung heutzutage kostet … solche Sachen.“

„Und wie reagieren Sie auf diese Einmischung?“ erkundige ich mich, nichts Gutes ahnend.
„Na, ich verstehe meine Eltern ja. Das heißt, ich versuche, sie zu verstehen. Sie wollen eben mein Bestes und sind überhaupt etwas risikoscheu.“
„Haben Sie noch Geschwister?“
„Ja, einen jüngeren Bruder und eine vier Jahre jüngere Schwester. Aber die haben zuhause Narrenfreiheit. Da mischen sie sich nicht ein. Mein Bruder macht schon das zweite Gammelstudium und meine Schwester geht ihren eigenen Weg. Lebt in Paris und macht was mit Mode.“

„Dann sind Sie das Lieblingskind“, vermute ich.
„Nein, nein“, protestiert Ramona L. „Als ich das in der Pubertät mal fragte, versicherten mir beide, dass sie uns alle drei gleich lieben.“
„Ja, das sagen alle Eltern. Ist ja auch richtig so. Aber gefühlt steht einem ein Kind doch manchmal etwas näher.“


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„Nett sieht sie ja aus, aber die hat ja nicht mal Abitur!“              Bild: mdilsiz iStock.com

 

Die Ablösung von den Eltern im Erwachsenenalter ist nicht einfach.

Wann ist man eigentlich erwachsen? Mit 18 Jahren sind wir in Deutschland offiziell erwachsen.

Auf dem Papier vielleicht, aber nicht im Gehirn. Das sagt ein Wissenschaftler aus Cambridge. Und er hat eine einleuchtende Erklärung dafür.

Aus psychologischer Sicht ist für das Erwachsenwerden die geglückte Ablösung von den Eltern entscheidend. Der Erwachsene weiß, was er will und geht dabei seinen eigenen Weg im Leben. Und bleibt gleichzeitig mit den Eltern in einer guten Weise verbunden. Gelingt dies nicht oder versäumt man diese, kann es passieren, dass man als Erwachsener  in bestimmten Situationen mit anderen zu kindlichen Strategien greift.

Doch diese Ablösung passiert selten von selbst und ist oft mit äußeren oder inneren Konflikten und heftigen Gefühlen verbunden.

Es gibt zwei Wege, die Ablösung von den Eltern im Erwachsenenalter zu vermeiden.

1. Anpassung

Hier verhält sich der Erwachsene so, wie es die Eltern von ihm erwarten. Oft wohnt man dann geographisch in der Nähe, besucht sich oft oder hält die Nähe über häufige Besuche oder Telefonate.

Die Beteiligten finden dabei gar nichts Seltsames, bezeichnen es als ein „inniges Verhältnis“. Nur der Partner oder Außenstehende wundern sich, prallen aber mit ihren Ansichten an der familiären Front regelmäßig ab.

2. Rebellion

Hier ist es andersherum, der Erwachsene tut genau das Gegenteil von dem, was die Eltern oder andere Autoritätspersonen von ihm erwarten. Oft zieht man dabei absichtlich sehr weit weg vom Wohnort der Eltern, um so für die seltenen Besuche eine gute Ausrede zu haben.
Manchmal geht man beruflich oder privat einen Weg, von dem man spürt, dass er den Eltern nicht passt – denn das ist ja gerade die innere Richtschnur für die Entscheidung.


 

„Wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen?“, fragte ich neugierig.
„Durch eine Freundin, die mir Ihr Buch „Frauen wollen erwachsene Männer“ empfohlen hatte und meinte, darin würde ich meinen Mann wiedererkennen.“
„Und, haben Sie?“
„Ja, zu großen Teilen schon. Mein Mann ist ein behütetes Einzelkind, der Vater war immer nur am Arbeiten und die Mutter widmete sich nur ihrem Kind, damit er sich möglichst optimal entwickelt. Verzichtete sogar auf ihre eigene Karriere.  Mit seiner Mutter ist er auch heute noch sehr eng. Schreibt täglich mit ihr auf Whatsapp oder ruft sie an.“
„Stört sie das nicht?“
„Ja schon, manchmal. Aber ich bin mit meinen Eltern ja auch sehr eng. Wir arbeiten zu dritt im Familienunternehmen, einem Einzelhandelsgeschäft, und sehen uns dadurch zwangsläufig dauernd.“
„Und wie findet die Mutter Ihres Mannes Sie und Ihre Familie?“


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Cartoon: rkw

Die Ablösung  ist nicht leicht – für beide Seiten.

Wie löst man sich von den Menschen, mit denen man auf eine einzigartige, existenzielle Weise verbunden ist? Leichter zu beschreiben ist, wie Menschen sich nicht von ihren Eltern lösen. Nämlich dadurch:

  • Dass man von ihnen noch etwas erwartet.
  • Dass man sie durch rüdes Benehmen bestraft.
  • Dass man darauf wartet, dass sie etwas einsehen oder sich für etwas entschuldigen.
  • Dass man darauf drängt, dass sie sich endlich ändern.
  • Dass man sie verachtet oder hasst.

Umgekehrt kann man also sagen, man löst sich von seinen Eltern oder Kindern, indem man sie akzeptiert, wie sie sind. Und seinen Frieden mit ihnen macht.

Dieser Schritt ist leicht gesagt, aber je nachdem, was sie einem vermeintlich angetan haben oder was man meint, dass sie einem schulden, kann das ein schwerer Brocken sein. Aber die Ablösung ist wichtig und notwendig – für die Eltern wie für das erwachsene Kind.

Sonst bleibt man sein Leben lang – vor allem innerlich – das Kind oder der Elternteil. Und muss immer brav sein. Oder durch viel Leistung beweisen, wie tüchtig man ist und wie viel Geld man verdient. Oder durch pubertäre Aktionen zeigen, dass man erwachsen ist und sich von niemandem etwas mehr sagen lassen wird. Oder durch fortwährendes Behüten und Einmischen.

PS: Zu dem Cartoon wurde ich übrigens durch meine Mutter angeregt. Die Szene hatte sich auf dem Parkplatz des Supermarkts genauso abgespielt. Vielleicht zur Erläuterung: meine Mutter war damals 95 und ich 66.


 

„Und wie findet die Mutter Ihres Mannes Sie und Ihre Familie?“ wiederholte ich meine Frage.
„Aufgeblasen und arrogant. Meinem Partner gegenüber nennt sie uns nur ‚Familie Großkotz‘. Sie weigert sich auch, zu Familienfesten zu kommen, obwohl meine Eltern sie schon x-mal eingeladen haben. Sie ist übrigens auch gegen unsere Heirat.“
„Mit welchem Argument?“
„Seine Eltern sind sehr konservativ.Da fängt der Mensch erst nach dem Doktor an. Und für seine Familie sind wir nur Krämerseelen. Zwar erfolgreiche Krämerseelen. Aber in meiner Familie hat eben keiner studiert, wir haben auch kein Theater-Abo und haben noch nicht mal DIE ZEIT abonniert.“

„Wie gehen denn Sie beide damit um, dass Ihre beiden Eltern die Heirat nicht gutheißen?“
„Mein Mann versucht, das auszublenden aber manchmal kommt es doch darüber zum Streit, wenn eine Partei wieder die andere abwertet. Dann verteidigt jeder seine eigene Familie und fühlt sich vom anderen im Stich gelassen.“
„Hm, dann haben sich ja die beiden Richtigen gefunden“, merkte ich an.
„Wieso?“
„Na ja, Sie scheinen beide nicht abgelöst zu sein von ihren Eltern.“
„Das stimmt in meinem Fall aber nicht!“ protestierte Ramona L. heftig.
„Ich habe mich schon ganz früh gelöst. Verbrachte ein Jahr in den Vereinigten Staaten, zog mit einundzwanzig von zu Hause aus. Machte meine Ausbildung in einer anderen Stadt und jobbte nebenher in einem Café. Ich finde, mein Mann ist nicht abgelöst.“
„Vielleicht sind Sie aber auch einfach geflüchtet“,
gab ich zu bedenken. „Und heute sind Sie doch auch wieder im Schoß der Familie.“
„Ja, ich weiß. Ich wollte das auch eigentlich nicht“,
erklärte die Klientin. „Aber als mein Vater schwer krank wurde, wurde ich im Geschäft dringend gebraucht. So hat sich das ergeben.“ 


„Über die Kunst, die Eltern zu enttäuschen.“

Dies ist der Titel eines lesenswerten Buches von Michael Bordt. Er leitet das Institut für Philosophie und Leadership an der Hochschule für Philosophie in München. Enttäuschungen seien zwar nicht angenehm, aber eine gute Gelegenheit, sich selbst besser kennenzulernen.

Denn bei jeder Enttäuschung stoßen wir auf den Kern der Realität – und auf die Illusionen, die wir uns oder andere gemacht haben. Wir erfahren dadurch etwas Wichtiges über uns selbst. Erst durch die Ent-täuschung merken wir, dass  unsere Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte möglicherweise irreal, unerfüllbar oder illusionär sind. Die Enttäuschung ist der Aufprall mit der Realität.

Die Enttäuschung, die viele Eltern über ihre erwachsenen Kinder empfinden, rührt daher, dass es ihnen schwer fällt, ihnen zu erlauben, ihr eigenes Leben zu leben, unabhängig davon, ob sie es gutheißen oder nicht, wie sie es tun.

Die Persönlichkeit und sogar der Charakter ändert sich ja in der Regel nicht, wenn einer von uns älter wird, sondern sie werden meist nur stärker. Die Probleme, die wir mit unseren älteren Eltern haben, sind im Kern dieselben, die wir schon immer hatten, aber die Umstände sind anders, komplizierter, da sie durch den Rollentausch kompliziert sind, der beginnt, wenn wir und sie älter werden.

Eltern investieren nicht nur ihre Fürsorge, Energie und Ressourcen in ihr Kind, sie investieren auch ihre Annahmen, Ambitionen, Hoffnungen und sogar Träume darüber, wie sich diese Person als Erwachsener entwickeln soll oder wird. Je mehr die Eltern investiert haben, desto mehr fühlen sie sich berechtigt, dass sie ein bestimmtes Ergebnis erwarten dürfen, ja sogar verdienen.

Das klingt meist folgendermaßen: „Wir haben so hart gearbeitet und so viel für dich geopfert, das Mindeste, was du tun kannst, ist, etwas von dem zurückzugeben, was wir erhofft haben!“
Aus der Investition wird eine „Renditeerwartung“. Oder im schlimmsten Fall: eine Schuld.

Es kann für Eltern schwer sein, sich daran zu erinnern, dass, wenn ein erwachsener Sohn oder eine erwachsene Tochter sie enttäuscht, es nicht seine oder ihre Schuld ist, sondern ihre eigene.

Sie haben sich dafür entschieden, etliche Erwartungen zu entwickeln, die nicht zu den Entscheidungen passen, die er oder sie trifft. Als das Kind und der Jugendliche von ihrer Fürsorge abhängig lebten, bestand ein Teil des Lebens zu ihren Bedingungen darin, ihre Erwartungen zu erfüllen. Aber sobald der Sohn oder die Tochter zu einem jungen Erwachsenen herangewachsen ist, lebt er oder sie unabhängig – und zu seinen eigenen Bedingungen.


 

„Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen.“

Dieses Zitat der italienischen Reformpädagogin Maria Montessori beschreibt eine gute Haltung, die Eltern ihren Kindern gegenüber einnehmen können. Kurz gefasst bedeutet dies, den Gästen einen guten Ort anzubieten und ihnen so lange Sicherheit und liebevollen Halt zu geben, bis sie ihren Weg selber gehen können.

Oft jedoch haben manche Eltern die Haltung, dass ihr Kind kein Gast, sondern ihr persönliches Eigentum sei und übertragen ihre eigenen Wünsche und Erwartungen auf das Kind. Daraus kann sich emotionaler Missbrauch entstehen. Die häufigsten Formen sind:

  • Emotionale Vernachlässigung der Bedürfnisse des Kindes
    „Ich bestimme, was du brauchst.“
  • Rollenvorbilder werden diktiert
    „Warum kannst Du nicht so sein wie die Tochter vom Nachbarn?“
  • Abschätzige Vergleiche
    „Werde bloß nicht so wie dein Vater!“
  • Schutz verweigern
    „Du musst lernen, alleine zu schlafen.“
  • Gefühle diktieren
    „Du bist viel zu … sei doch besser so!“
  • Nicht trauern lassen
    „Vom Flennen wird dein Hamster auch nicht wieder lebendig!“
  • Rollentausch
    „Du, Kind, musst dich um mich kümmern.“
  • Übertriebene Bestrafung
    „Ich bin so streng, weil ich dich liebe.“
  • Überforderung
    „Hier müssen alle mithelfen!“
  • Spott und Häme
    „Mit der Nase findest du mal keinen Mann.“
  • Überhöhte Erwartungen
    „Lebe meinen Traum, den ich nie erreichen konnte.“
  • Liebe gegen Leistung
    „Deine schlechten Noten machen mich ganz traurig.“
  • Geld statt Beziehung
    „Ich habe keine Zeit heute, kauf dir was Schönes!“

Photo credit: doe-oakridge on Visualhunt

Wem gehört mein Leben?

Diese Frage spielt in vielen meiner Coachings eine zentrale Rolle. Vor allem bei Menschen, die das Gefühl haben, über ihr Leben nicht ausreichend bestimmen zu können.

Aber in meinen Coachings führe ich keine theoretischen Diskussionen, sondern lasse die Klienten selbst erleben, was ihre tiefsten Überzeugungen und Glaubenssätze sind.  Dazu nutze ich eine Methode, bei der der Klient in einem achtsamen Zustand einen von mir vorgegebenen Satz sagt und seine spontanen Reaktionen darauf beobachtet.

Eigentlich ist es ein Lügendetektortest – nur eben ohne Apparate.

Diese funktionieren auf der Annahme, dass Menschen beim Lügen mehr oder weniger nervös werden und Stress erleben. Auch wenn diese Nervosität dem Gegenüber unsichtbar bleibt, erzeugt sie durch das vegetative Nervensystem unwillkürliche Reaktionen. Dieses momentane Aktivitätsniveau lässt sich durch entsprechende Messgeräte registrieren und aufzeichnen.

Geeignete Reaktionen sind unter anderem Änderung der Atemfrequenz, des Pulses, des Blutdrucks und des Hautwiderstands.

Statt eines Polygraphen nutzen wir in meinen Coachings die Achtsamkeit des Klienten. Denn er soll beobachten, welche Reaktionen in ihm auftauchen, unmittelbar nachdem der den Satz gesagt hat. Mit Reaktionen sind gemeint Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken.

Die Logik dahinter:

  • Entspricht der vorgeschlagene Satz seiner inneren Überzeugung wird er keinen Stress erleben, sondern ziemlich neutral zustimmen. Denn die Sätze sind immer positiv und drücken meist einen wahren, objektiven Sachverhalt aus.
  • Stimmt der vorgegebene Satz jedoch nicht mit der inneren „Wahrheit“ des Klienten überein, wird er dem Satz nicht neutral zustimmen können, sondern „Stress“ oder „Widerstand“ erleben. Und dann sind wir auf der Spur eines inneren, meist unbewussten Konflikts.

Bild: cottonbro

Sie können das hier gleich mal ausprobieren.

Machen Sie es sich bequem, schließen sie Ihre Augen und sagen Sie nacheinander – langsam – die folgenden Sätze:

  • „Ich bin ein guter Mensch.“
  • „Alle meine Gefühle sind in Ordnung.“
  • „Das Leben trägt mich.“

Vermutlich haben Sie unterschiedliche Reaktionen auf diese drei Sätze wahrgenommen. Spüren vielleicht bei einem Satz Widerspruch oder ein komisches Gefühl. Das ist das ein Zeichen dafür, dass eines Ihrer „Glaubenssysteme“ berührt wurde.

Zurück zu meiner Klientin.

Da ich schon früh die Vermutung hatte, dass Ramona L. nicht gut abgelöst von ihrer Herkunftsfamilien ist, sagte ich, nachdem sie achtsam geworden war, zu ihr:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:
Mein Leben gehört mir.“

Die Klientin reagierte sofort. Sie riss die Augen auf und starrte mich ungläubig an.

„Das kann ich nicht sagen“, antwortete sie dann tonlos.
„Warum nicht?“
„Das klingt für meine Eltern wie eine Kampfansage.“
„Und wie klingt es für Sie?“, wollte ich wissen.
„Anmaßend. Als wollte ich sie aus meinem Leben raushaben.“

„Hmm, wenn Sie das ein Stück weit könnten, wäre das doch vermutlich gut für Sie“, gab ich zu bedenken.
„Darf ich das denn?“, fragte die Klientin.


 

Zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung.

Das Leben entfaltet sich in Polaritäten, also zwischen Gegensätzen. Den meisten Verhaltensspielraum haben wir wenn wir uns zwischen den Gegensätzen bewegen können, je nach Situation.

Eine der wichtigsten Polaritäten im Leben ist die zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Als Menschen sind wir immer wieder abhängig von anderen Menschen. Doch oft wollen wir auch ganz autonom unser Leben bestimmen.

Mit Selbstbestimmung ist gemeint, dass jeder Mensch selbst darüber entscheiden darf, wie er leben möchte.

Diese Freiheit, über sein Leben selbst zu bestimmen, ist ein Menschenrecht, das auch durch unsere Verfassung geschützt wird. In unserem Grundgesetz steht deswegen auch in Art 2, Absatz 1, dass „jeder das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ hat.

Natürlich nicht unbeschränkt. Deswegen steht im Grundgesetz auch, dass die Freiheit dort endet, wo sie die Rechte anderer verletzt oder gegen die Vorschriften unserer Verfassung verstößt. Außerdem ist Freiheit immer auch mit Verantwortung verbunden. Ein Erwachsener ist für die Folgen seines Handelns verantwortlich, bei Kindern und Jugendlichen gilt das mit Einschränkungen.

„Hört sich so an, als würde Ihr Leben nicht Ihnen gehören“, nahm ich das Coaching wieder auf.
„Wem gehört es denn dann?“
„Na, meinen Eltern!“, antwortete Ramona L. verwundert über meine Frage.
„Jedenfalls betonen Sie das hin und wieder. Dass ich ihnen alles verdanke. Dass sie mir ja auch das Leben geschenkt hätten.“
„Das stimmt“,
antwortete ich, „die Eltern schenken einem das Leben. Aber in Ihrem Fall war es wohl mehr ein unfairer Handel.“
„Wie meinen Sie das?“
„Sie bekamen zwar Ihr Leben durch sie, dürfen es aber nur so leben, wie es Ihren Eltern gefällt. Deswegen warten Sie ja auch auf die Erlaubnis zur Heirat.“

An dieser Stelle geschah etwas, was mir noch nie im Coaching passiert war. Die Klientin, sprang auf, schnappte ihre Handtasche und verließ erregt die Praxis.


 

Dass in meinem 3-h-Coaching die Klienten oft stark Gefühle erleben, bin ich gewohnt.

Das ist auch so beabsichtigt. Der innere Konflikt, der das Denken und Handeln des Klienten lähmt, muss emotional erlebt werden. Dennoch war ich über die Reaktion von Ramona L. überrascht. Mehr noch, ich machte mir Sorgen. War ich zu konfrontativ vorgegangen? Hatte ich Ihren Auftrag an mich falsch verstanden?

Ich rief sie nach zehn Minuten auf dem Handy an. Mailbox. Abends versuchte ich es noch einmal, mit demselben Ergebnis. Dann schrieb ich ihr eine eMail und erkundigte mich, wie es ihr ginge.

Nach einer Woche kam ihre Antwort.

Sie habe einen schrecklichen Krach mit ihre Eltern gehabt und habe lange mit ihrem Mann gesprochen. Sie hätte das Experiment mit dem Satz auch mit ihm gemacht und er habe den Satz auch nicht rausgebracht.

Daraufhin hätten Sie spontan beschlossen, eine Woche wegzufahren, ohne ihre Eltern über den Ort zu informieren. Aus der Woche wäre jetzt ein ganzer Monat geworden und es ginge ihnen gut. Sie hätten viel zu besprechen und würden Pläne für ihre Zukunft machen.

Nach einem Dreivierteljahr kam noch eine Mail mit der Nachricht von ihrer Hochzeit. Seine Eltern waren dabei gewesen, ihre Eltern hatten die Einladung ausgeschlagen.

Ich schrieb zurück, dass die Pubertät dazu diene, sich in der Beziehung zu den Eltern zu vergewissern, dass man ein eigenständiger Mensch sei. Mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen und Wünschen. Dass man also getrennt sei von den Eltern, aber sich verbunden fühlen könne. Verbunden, nicht gefesselt.

Bei manchen käme die Pubertät spät im Leben. Wichtig sei, dass man sie überhaupt erlebe.


 

Wie ging es Ihnen mit der Ablösung von Ihren Eltern?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

8 Kommentare

  1. Wenn man die erwachsenen Kinder loslässt bleibt nur die Hoffnung, dass man ihnen genügend mitgegeben hat, dass sie es auch alleine schaffen.
    Und man ist dann auf sich und das eigene Leben zurück geworfen.

  2. Do Fritzsche sagt

    Tja, es ist und bleibt ein schwieriges Unterfangen, gerade auch, wenn Eltern immer wieder ihre Erwartungen formulieren oder das eigene Verhalten kritisieren.

  3. Lieber Herr Kopp-Wichmann,
    ich freue mich immer, wenn Sie mit einer Ihrer neuen Fallgeschichten zu diversen Lebensthemen über den Äther kommen. Mit der heutigen Folge haben Sie mich besonders berührt. „Wem gehört mein Leben?“

    Das ist für jeden existenziell wichtig und viele Menschen wissen meist gar nicht, dass dieses Thema auch ihr Leben mitlenkt. Auch die Ent-Täuschung ist ein mächtiges Instrument, um sich in der von Ihnen genannten Polarität wieder mehr in Richtung Selbstbestimmung zu bewegen. Ganz herzlichen Dank für diese außergewöhnlich gute Zusammenfassung. Habe mir erlaubt diese auf LinkedIn weiterzuempfehlen.

    André Mente

  4. Johanna Klapheck-Huda sagt

    Sehr lesenswert und zum Nachfühlen des eigenen Mutterverhaltens anregend.

  5. „Verrückt“ im wahrsten Sinne ist es, dass Sie den Eltern innerlich immer noch so viel Macht geben.
    Was müssen Sie in Ihrer Kindheit beide Angst gehabt haben vor ihnen.

  6. Bettina S. sagt

    Das kommt mir verdammt bekannt vor. Mein Mann und ich haben irgendwann nach 13 Jahren HEIMLICH geheiratet und unsere Familien wissen bis heute nichts davon. Weil wir keine Lust auf diese Grabenkämpfe haben. Wir denken immer mal wieder daran, es den Familien zu erzählen (die Eltern meines Mannes sind längst beide tot, es gibt aber Geschwister und zwei inzwischen erwachsene Söhne), bei mir nur meine Mutter.

    Es ist so verrückt, dass wir es nicht geschafft haben, „klar Schiff“ zu machen. Doch das steht nach diesem Post jetzt wirklich mal an.

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