„Der Kontaktabbruch meines Sohnes ist jetzt vier Jahre her“, sagte der Mann im Coaching.

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Bild: Katarzyna Bialasiewicz, iStock.com

„Weihnachten vor vier Jahren kam es zum Bruch“, berichtete der Klient im 3-h-Coaching. „Heiligabend war etwas angespannt, weil es beim Essen eine politische Diskussion gab. Vor allem zwischen meiner Schwiegertochter und mir über Vor- und Nachteile der Wiedervereinigung. Am anderen Morgen vor dem Frühstück kam ich runter. Da standen mein Sohn, seine Frau und der Enkel und zwei Koffer.

»Vater, das war’s. Du siehst uns nie wieder!“« waren seine letzten Worte.

Vor mir saß Gerhard S. 57 Jahre alt, Unternehmer. Ich sah ihm an, wie sehr ihn der Kontaktabbruch seines Sohnes die letzten Jahre belastet hatte. Er wirkte getroffen, traurig, aber sehr bemüht, seine Haltung zu bewahren.

„Und seit diesem Weihnachtsfest gab es keinen Kontakt mehr mit Ihrem Sohn?“ erkundigte ich mich.
„Genau, völliger Kontaktabbruch. Keine Besuche, Briefe und Päckchen kommen zurück mit dem Aufdruck „Annahme verweigert“, am Telefon hat er meine Nummer blockiert. 

 

Kontaktabbruch zu den Eltern ist nicht so selten.

Zwar fehlen offizielle Zahlen für Deutschland. Doch die Selbsthilfegruppe www.verlassene-eltern.com verzeichnet monatlich um die 10.000 Besuche. Recherchen zufolge haben rund 100.000 erwachsene Kinder in Deutschland den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Diese Zahl ist eine grobe Schätzung von Soziologen. Die Fälle zu zählen, ist nahezu unmöglich.

„Das war sicher eine schwere Belastung für Sie und Ihre Frau?“, vermutete ich.
„Ja, vor allem, weil meine Frau gab mir die Hauptschuld für den Kontaktabbruch unseres Sohnes. Wir stritten viel in dieser Zeit – und vor zwei Jahren hat sie mich auch verlassen. Daraufhin ist auch ein Großteil unseres Bekannten- und Freundeskreises weggebrochen, denn darum hat hauptsächlich sie sich gekümmert. Ich bin also ziemlich allein.“

An dieser Stelle war ich unsicher, ob mein 3-h-Coaching wirklich der richtige Rahmen für diesen Klienten war. Im Vorbereitungsbogen, den er mir zurückgeschickt hatte, stand etwas von einer persönlichen Krise. Doch wenn erwachsene Kinder ihre Eltern verlassen, ist das eine enorme Erschütterung, die das ganze Leben erfasst. Und in diesem Fall wurde der Klient auch noch von seiner Frau verlassen.

Ich nahm an, dass dass die Gründe dafür auch viel mit ihm zu tun hatten und wusste, dass wir das nicht in so kurzer Zeit aufarbeiten konnten. Was mir aber möglich schien war, einen Raum anzubieten, in dem Gerhard S. seine Gefühle ausdrücken konnte und dafür ein Gegenüber hatte. Und das kann schon mal ein Stück helfen.


 

Von ihren Kindern verlassene Eltern haben meist diese Gefühle.

Ein bißchen ist die Situation des Kontaktabbruchs von Kindern zu ihren Eltern vergleichbar mit dem Selbstmord eines Familienmitglieds. Vor allem, wenn derjenige keinen Abschiedsbrief hinterlässt, in dem er seine Gründe darlegt. Die Zurückgebliebenen sind dann mit ihren Mutmaßungen und Gefühlen über die Tat völlig allein und suchen meist jahrelang nach einer Erklärung.

Die häufigsten Gefühle beim Kontaktabbruch erwachsener Kinder sind:

Trauer
Am schlimmsten ist die Vorstellung, dass der verlassene Elternteil sein Kind vielleicht nie mehr wiedersehen wird.

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Schuldgefühle
„Was habe ich nur falsch gemacht?“, ist eine Frage, die Eltern auf sehr lange Zeit quält.

Ärger
„Ich habe mein Bestes gegeben und das ist jetzt der Dank?“

Hilflosigkeit
Eltern erkennen, dass sie keine Kontrolle über die Handlungen ihres erwachsenen Kindes haben.

Angst
„Was ist, wenn meine anderen Kinder mich auch verlassen?“

Verleugnung
„Das kann nicht wahr sein. Sicherlich wird es nicht von Dauer sein. Das ist nur eine Phase.“

Ungewissheit
„Wie lange soll ich das ertragen? Ist das alles meine Schuld? Bin ich so unerträglich? Wird das jemals enden?“

Versagen
„Es ist alles meine Schuld. Das beweist mein völliges Versagen als Vater/Mutter.“

 

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Bild: MachineHeadz, iStock.com

Auf der Suche nach Gründen für den Kontaktabbruch des Sohnes.

„Haben Sie eine Erklärung für das Verhalten Ihres Sohnes?“, frage ich Gerhard S.
„Nicht nur eine, sondern viele“, war die Antwort. „Ich denke, es ist ein Zeichen unserer Zeit. Das Schnelllebige, Unverbindliche. Immer mehr Menschen lassen sich scheiden. Zur Zeit meiner Eltern blieb man ein Leben lang zusammen, egal, was war, aber heutzutage … Da wenden sich eben auch die erwachsenen Kinder von einem ab. Das muss man hinnehmen.“

„Hmm, das war jetzt eher eine soziologische Erklärung“, sagte ich, „aber mich interessiert mehr Ihre persönliche Erklärung. Was fällt Ihnen denn dazu ein?“
„Mein Sohn war schon immer ein Querkopf, konnte sich nichts sagen lassen. Das hat er vielleicht von mir. Das führte schon als er noch ein Kind war und später auch als Jugendlicher zu Reibereien, die oft nicht schön endeten.“
Bei dieser Schilderung wurde ich hellhörig: „Was meinen Sie mit Reibereien, die nicht schön endeten?“
Gerhard S. druckste etwas herum und sagte dann: „Na ja, meine Frau war konfliktscheu und wurde mit unserem Sohn oft nicht fertig. Ich war als Vertriebler immer viel unterwegs, meist nur am Wochenende zuhause. Wenn ich dann Freitagabend kaputt nach Hause kam, ist mir in Streits mit meinem Sohn mitunter schon die Hand ausgerutscht.“
„Nur die Hand ausgerutscht oder haben Sie ihn auch geschlagen?“ , fragte ich nach.
„Auch geschlagen.“

„Bis zu welchem Alter? Wann haben Sie mit dem Schlagen aufgehört?“
„Als mein Sohn siebzehn war und einen Kopf größer als ich, packte er einmal meine ausgestreckte Hand und schrie: ‚Das war’s!‘,
verließ das Haus und war drei Tage verschwunden“, berichtete kleinlaut der Klient.
„Das waren dieselben Worte, mit denen er vor vier Jahren den Kontakt abbrach“, ergänzte ich.


 

Kontaktabbruch hat meist eine lange Vorgeschichte.

Auch wenn für die Eltern der Kontaktabbruch völlig überraschend kommen mag, haben die Konflikte meist eine lange Geschichte. Sie brodelten schon lange im Untergrund, wurden aber niemals in der Familie thematisiert oder gelöst. Die Fassade nach außen war wichtiger.

Geschlagenwerden in der Kindheit ist wie eine Zeitbombe, die Menschen ein Leben lang prägt. Zu viel oder zu wenig Nähe oder Ablehnung und Respektlosigkeit gegenüber dem Partner des Kindes kann beim Kontaktabbruch eine Rolle spielen.

Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann, die über Kontaktabbruch von erwachsenen Kindern ein lesenswertes Buch verfasst hat, schreibt dazu:

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„Auch wenn es immer wieder anders berichtet wird: In allen Fällen, von denen ich gehört habe, sind die massiven Konflikte nicht vom Himmel gefallen, sie haben eine Geschichte.

Es rumorte schon lange, aber nie wurde über Störungen gesprochen. Und das ist der Hinweis, dass etwas Ungutes in der Familie geschieht: die Kommunikationslosigkeit. Dieses gehemmte Schweigen, keine Worte zu haben, keine Gefühle ausdrücken zu können, sich zurückzuziehen, das ist kennzeichnend. Stattdessen wird in manchen Familien geschrien, in anderen tagelang geschwiegen.

Wieder andere Familien reden übers Wetter, was bedeutet, dass die Kommunikation über Belangloses und Unwichtiges läuft, statt die wichtigen Themen zu benennen. Sprachlosigkeit ist ein Gradmesser, der anzeigt: Da brodelt etwas, das dringend Aufmerksamkeit benötigt.

Aus meiner Sicht ist der Kontaktabbruch der Endpunkt alter, schwieriger Familienmuster.“

 

 

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Mauerfall Berlin Nov. 1989

Ich spürte, dass ich noch mehr Informationen brauchte über das, was dem Kontaktabbruch vorausging und fragte Gerhard S.:

„Um was ging es eigentlich bei dem Streit beim Weihnachtsessen zwischen Ihrer Schwiegertochter und Ihnen?“

Die Frage war meinem Klienten sichtlich unangenehm. Nach einer Weile antwortete er:

„Meine Schwiegertochter Elke wuchs in der DDR auf und ihre Eltern kamen nach der Wende hier rüber. Elke ist ziemlich politisch interessiert und kritisierte, dass die Integration mit dem Osten immer noch nicht vollzogen sei und sich der Westen an den armen Ossis gesundgestoßen hätte.

Diesen Standpunkt fand ich so daneben, dass ich heftig widersprach und darauf hinwies, dass Milliarden an Transferleistungen in den Osten geflossen sind und wir heute noch den Soli zahlen würden. Elke phantasierte dann von den den Mauscheleien der Treuhand, was mich noch mehr wütend machte und ich sie dann anschrie: »Ihr könnt doch froh sein, dass wir Euch damals aufgenommen haben, sonst würdet Ihr immer noch von Bananen träumen!«

„Das war aber starker Tobak von Ihnen!“, war meine erschrockene Feststellung über diese Eskalation an einem heiligen Abend.
„Ja schon, aber ich fühlte mich im Recht. Meine Frau wollte den Streit beenden und fragte, wer denn jetzt Nachtisch haben wollte. Da sprang mein Sohn heftig auf, nahm seine Frau an der Hand und sie gingen ins Gästezimmer. Und am anderen Morgen kam dann der Bruch.“


 

„Ein riesengroßes Loch von Verzweiflung und Hilflosigkeit.“

So beschreiben viele Eltern ihre Erfahrungen nach dem Kontaktabbruch ihres Kindes. Die Psychologin Dunja Voos beschreibt, mit welcher Frage betroffene Eltern in einer solchen Situation nach Hilfe suchen: „Fast alle mit der Frage, wie sie mit dieser furchtbaren Sehnsucht, die ja fast an körperlichen Schmerz grenzt, umgehen können. Es geht um die Bewältigung dieses unglaublichen Ohnmachtsgefühls, mit dem sie alleine nicht zurecht kommen.“
Hier ein Podcast ein guter Artikel. zu dem Thema.

„Das sind ja zwei sehr schlimme Verluste, die Sie erlebt haben. Erst Ihr Sohn mit seiner Familie und dann noch Ihre Frau. Wie geht es Ihnen damit heute?“, fragte ich Gerhard S.

„Ach Gott, wie soll es mir damit gehen? Was einen nicht umbringt, macht einen stärker, heißt es doch. Am Anfang haben wir es verleugnet. Wenn jemand nach unserem Sohn fragte, sagten wir, er hätte jetzt einen Job im Ausland. Es war ziemlich schrecklich. Am Anfang habe ich manchmal nach ihm auf Facebook gesucht. Dort sah ich ein paar Bilder von ihm und unserem Enkel – bis er sein Konto dort löschte.“

„Als wenn Sie einem Phantom nachjagten“, bemerkte ich.
„Ja, das trifft es ziemlich. Eine Zeitlang ging ich auch nicht zu Familienfesten oder Parties, um bloß nicht jemanden zu treffen, der nach meinem Sohn oder meiner Frau fragen könnte. Doch fast jedes Mal, wenn der Briefträger da war oder ein Anruf kommt, ist der Wunsch da, es könnte ein Lebenszeichen von ihm sein.“

Der Schmerz des Mannes rührte mich, obwohl mir bewusst war, dass Gerhard S. kein besonders guter Vater gewesen war. Schläge, Abwesenheit, wenig Kommunikation oder Toleranz. Und wohl auch kein besonders guter Ehemann, denn mir fiel auf, dass er über den Weggang seiner Frau kaum sprach.

Da Eltern meist das weitergeben, was sie selbst erlitten und noch nicht aufgearbeitet haben, fragte ich den Klienten nach seinen Eltern.

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„Meine Eltern wurde 1942 geboren, beide mussten unter abenteuerlichen Umständen mit ihren Eltern fliehen. Sie landeten in einem Dorf in Westfalen, wo sie nicht erwünscht waren. Irgendwie überleben war ihre einzige Lebensmaxime. Sie waren immer ängstlich, versuchten nirgends aufzufallen und das bleuten sie auch mir und meinem Bruder ein. Liebe und Wärme konnten sie nicht geben. Für sie war der Krieg nie vorbei.“

Die Journalistin Sabine Bode, die viel beachtete Bücher über „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ geschrieben hat, sagt über diese Generation:

„Also eine Sache ist, dass – als der Krieg vorbei war – es wirklich nur ums Überleben ging. Da war einfach kein Platz, sich darum zu kümmern: „Meine Güte, Du armes Kind, was hast Du Schlimmes erlebt?“
Außerdem glaube ich, ist es für Eltern etwas ganz, ganz Schwieriges, wenn sie ihre Kinder nicht schützen konnten. Zum dritten war man damals der Meinung, Kinder sind robust – wenn die nicht darüber reden, dann haben die das gut verkraftet, die halten ja viel aus. Aber im Grunde hat man dieser Generation mit auf den Weg gegeben bei Kriegsende: „Sei froh, dass Du überlebt hast, denk nicht mehr daran, vergiss alles, guck nach vorn.“ Und da wurde nicht mehr darüber geredet.“


 

Wie nimmt man Abschied von einem Phantom?

Tonfall und Sprechweise von Gerhard S. verrieten wenig über seine Gefühlslage bezüglich des Kontaktabbruchs. Vor allem wollte ich wissen, warum er gerade jetzt Hilfe suchte – und Hilfe wobei.

„Bei mir wurde vor einem halben Jahr Leukämie festgestellt. Ich habe also nicht mehr ewig Zeit. Ich will mit Ihnen herausfinden, wie ich mit dem Kontaktabbruch meines Sohnes umgehen kann. Denn selbst nach vier Jahren ist es fast noch genauso schlimm wie am ersten Tag danach. Von wegen, Zeit heilt alle Wunden.“

An dieser Stelle im Coachingprozess fühlte ich mich ziemlich hilflos – was selten vorkommt. Aber der Schmerz des Klienten und ebenso die sicher guten Gründe seines Sohnes für den Kontaktabbruch standen einander gegenüber. Ich wusste nicht, wie ein „Umgang damit“ aussehen könnte.

Noch einmal kluge Worte von Dunja Voos:

„Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Ein Mensch, der nur eine Hand hat, kann nicht mit beiden Händen nach etwas greifen. Und so ist es psychisch auch: Wer als Kind schwere Zeiten erlebt hat, kann als Erwachsener an vielen Stellen emotional nicht mitschwingen. Kinder wünschen sich von ihren Eltern emotionales Verständnis für die eigenen Schmerzen in ihrer Kindheit; aber sie müssen vielleicht verstehen, dass sie sich etwas wünschen, was die Eltern nicht “leisten” können.

Die Kinder fühlen sich dabei wie “Opfer”, während die “Täter” ohne Einsicht bleiben. Doch das ist die Crux mit Täter-Opfer-Bildern, denn auch die Eltern fühlen sich als “Opfer” – manchmal bringen diese Einteilungen nicht weiter, auch, wenn sie allzu deutlich gefühlt werden. Doch im weiteren Sinne liegt oft eine Opfer-Opfer-Situation vor (analog zur heute viel gepriesenen “Win-Win-Situation” könnte man von einer “Lose-lose-Situation” sprechen).

Ebenso wünschen sich die betroffenen Eltern Verständnis von ihren Kindern – sie wünschen sich vor allem oft Dankbarkeit. Das wiederum ist etwas, was die Kinder oft nicht spüren. Und Gefühle, die nicht da sind, lassen sich nicht auf Wunsch hervorholen. Darum gehen oft beide Seiten einen schmerzlichen Weg. Manchen Eltern und Kindern gelingt es nach einigen Jahren, bei sich gegenseitig die “psychischen Begrenzungen” anzuerkennen.“

Obwohl der Tod eines Kindes zu den schrecklichsten Erfahrungen zählt, die Eltern erleben können, ist der Kontaktabbruch eines erwachsenen Kindes für die meisten noch grausamer als wenn das Kind gestorben wäre. Denn um ein totes Kind kann man trauern. Und nach Jahren der Trauer kann man sich vielleicht langsam lösen und wieder dem Leben zuwenden.

Aber wie „Abschied“ nehmen von einem Kind, das lebt und jeden Kontakt verweigert?

Klar ist, dass verlassene Eltern nichts tun können, um den Kontakt wiederherzustellen. Außer irgendwann schmerzvoll die Realität des Bruchs akzeptieren. Sie können nichts tun, weil das Kind jede Kontaktaufnahme als Nichtrespektieren seiner Entscheidung ansehen würde.

 

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Doch wenn der verzweifelte Vater nichts für den Kontakt zu seinem Sohn tun konnte, vielleicht gab es etwas, das für ihn allein hilfreich und etwas tröstlich wäre?

Und da fiel mir ein, was ich vor Jahren mal über die morphischen Felder von Rupert Sheldrake gelesen hatte. Wenn diese Theorie stimmte, wovon ich überzeugt bin, dann müssten auch Vater und Sohn sich in einem solchen Feld befinden. Nach einer kurzen Pause war ich wieder in der Spur und hatte eine Idee, was für Gerhard S. vielleicht hilfreich sein könnte.

Ich bat den Klienten aufzustehen und sich einen Platz im Raum zu suchen. Gerhard S. ging eine Weile umher, bis er einen für sich stimmigen Platz gefunden hatte. Er sah mich neugierig an: „Und jetzt?“

Ich bat ihn, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, dass irgendwo hier im Raum sein Sohn steht. Es dauerte eine Weile, bis der Klient sagte: „Er steht da hinten. Aber mit dem Rücken zu mir. Und er will sich auch nicht umdrehen. Er schaut aus dem Fenster.“

„Was empfinden Sie?“, fragte ich.
„Schmerz und Einsamkeit.“

Nach einer Weile schlug ich ihm einen Satz vor, den er zu seinem Sohn sagen sollte. „Sagen Sie doch mal zu Ihrem Sohn den Satz:
»Ich respektiere, dass du keinen Kontakt zu mir möchtest – und wir bleiben verbunden«“

„Das ist nicht wahr, das kann ich nicht sagen“, war die Antwort.
„Dann versuchen Sie, den Satz zu denken und eine Verbindung zu fühlen“, schlug ich vor.
Gerhard S. nickte stumm und fing nach einer Weile an zu zittern. Stumme Tränen liefen minutenlang über sein Gesicht.

Mehr war im Moment nicht möglich, dachte ich. Und vielleicht auch jetzt nicht nötig.


 

Nach drei Wochen erhielt ich eine Mail von Gerhard S.

Es ginge ihm nach unserer Sitzung etwas besser. Er habe viel über sein Verhalten als Vater und Ehemann nachgedacht. An eine Psychotherapie, die ich ihm empfohlen hatte, traue er sich noch nicht heran. Aber er habe mit einer Selbsthilfegruppe Kontakt aufgenommen und sei etwas aufgeregt vor dem ersten Treffen. Er habe ein Foto seines Sohnes auf seinen Nachttisch gestellt und schlafe abends mit dem Satz, den er vor mir gehört habe, ein.


 

Weitere Fallgeschichten finden Sie hier:

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

18 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    manchmal ist der völlige Kontaktabbruch wirklich die einzige Rettung vor toxischen Eltern. Das sehe ich genauso.
    Die „Ablösung“ gelingt ja oft mit den realen Eltern nur schwer, weil diese klammern, nichts verstehen wollen und einfach verurteilen.
    Dann bleibt einem nur die „innere Ablösung“ in einem Ritual. Nicht wegen den Eltern, sondern für einen selbst, weil man sich durch den Kontaktabbruch ja von den Wurzeln abgeschnitten hat.

    Gut, dass Sie trotz Ihrer Eltern einen so guten Weg ins Leben gefunden haben. Das schaffen nicht alle.

  2. Anna sagt

    Lieber Herr Kopp-Wichmann,

    ich lese gerne Ihren Blog bzw. höre sehr gerne die Podcasts. Ihrer Stimme kann ich gut zuhören. 🙂

    Das Thema verlassene Eltern sehe ich als Kind (das seine Eltern verlassen hat) anders. Vielleicht bin ich „noch nicht ganz abgelöst“ – was auch immer das sein mag. Ich trage ein mal mehr, mal weniger schlechtes Gewissen mit mir herum, gleichzeitig ist mein Leben nach dem Kontaktabbruch nach über 30 Jahren erst richtig aufgeblüht. Ich wurde in meiner Kindheit unterdrückt, missbraucht und von der Familie gemobbt. Bildung wurde mir ausgeredet, sogar verweigert, alle Talente niedergemacht. Gleichzeitig wurde ich zur „Versorgerin“ von Eltern und Geschwistern, sowohl finanziell als auch emotional.

    Mittlerweile habe ich meinen Traum verwirklicht, meine eigene Firma gegründet, parallel spiele ich Klavier und Violine, es läuft einfach sehr gut. Ich habe viele tolle Talente, die ich lange selbst nicht kannte, die aber als Kind sichtbar waren, wie mir andere Verwandte mittlerweile bestätigen. Jemals wieder Kontakt zu meinen Eltern aufzunehmen erscheint mir aus heutiger Sicht nicht vorstellbar. Wozu? Und selbst wenn, war der Kontaktabbruch in meinem Fall ein sehr wichtiger Schritt zur Heilung. Lange wurde mir von Therapeuten eingeredet, es wäre besser die Beziehung zu meinen Eltern zu erhalten. Für mich war es der entscheidende Befreiungsschlag. Ich habe auf dem Weg gemerkt, auch aus Therapeutenbeziehungen muss man sich irgendwann befreien.

    Ich hatte lange auch noch während der Therapie gehofft, die heile Familie doch noch herstellen zu können und doch noch etwas zu bekommen, aber das entspringt nur aus dem kindlichen Wunsch der Historie. Jahre über Jahre habe ich alles Mögliche probiert…..Heute bin ich manchmal noch wütend auf das was mir genommen bzw. verweigert wurde, aber die meiste Zeit fühle ich für meine Eltern einfach nichts, es ist neutral.

    Ich bin mir nicht sicher, ob diese vielen Ratschläge, man solle auf den Beziehungserhalt zu den Eltern achten, nicht doch eher aus einem anderen Generationenverständnis kommen. Jeder entscheidet schon auch selbst wie er ist und wie er mit anderen Menschen umgeht. Warum sollte man anstrengendes Benehmen dulden?

  3. Hallo Micky,
    freut mich sehr, dass Sie der Artikel berührt hat.
    Wenn Eltern ihr Kind verlassen oder verstoßen, ist das eine andere Situation. Es ist ähnlich traumatisch und kann am besten in einer guten Psychotherapie bearbeitet werden. Vor allem, wenn das Vertrauen auch zu anderen Menschen dadurch beeinträchtigt ist.

  4. Micky sagt

    Sehr geehrter Herr Kopp-Wichmann,

    Ihr Fallbeispiel hat mich sehr berührt! Besonders der Blickwinkel, dass es sich nicht immer um eine Täter-Opfer-Situation handeln könnte, sondern auch um eine Opfer-Opfer-Situation. Ich habe ein sehr ähnliches Problem, nur genau umgekehrt… ich bin die Tochter und meine Mutter bricht mit wachsender Begeisterung den Kontakt zu mir ab. Das erste Mal, als ich 5 Jahre alt war und meine Eltern mich zur Adoption freigeben wollten. (Ich lebte dann drei Jahre bei meinen Großeltern) Meine Frage lautet: haben Sie vielleicht auch ein Fallbeispiel für diese umgekehrte Situation? Oder handelt es sich im Grunde um den gleichen Sachverhalt?

    Ich verbleibe mit lieben Grüßen und möchte nur kurz erwähnen, dass ich mich freue zufällig auf Ihre Beiträge gestossen zu sein und sie sehr gerne lese!

  5. Huberta Weigl sagt

    Da geht es genau genommen um (Entwicklungs-)Traumata und die Konsequenzen.
    Dazu auch diese gute Sendung auf SWR 2.

  6. Sigrid Reuter sagt

    Woher kommen die Zahlen? Meist wird doch darüber gar nicht gesprochen. Eines der Tabu Themen.

  7. Dorothea sagt

    Ich kenne das. Mein Stiefvater,schon gestorben, hatte zwei Söhne aus erster Ehe. Da ich selbst bereits 20 Jahre war zum Zeitpunkt der Eheschliessung meiner Eltern, haben wir nie zusammen gelebt.

    Aber für mich war es selbstverständlich der Vater und meine Brüder.

    Der jüngere Bruder erlebte in seinem Leben diverse Tiefpunkte. Nach der Scheidung sah er seine Töchter nicht mehr wieder,weil es die kindsmutter nicht wollte. Er hatte aber Glück und fand ne neue Partnerin.

    Weiss nicht,warum diese junge Frau mit den Eltern nicht recht warm wurde und umgekehrt war’s auch nicht ganz leicht. Ich war bereits selbst verheiratet,ausgezogen und wir Kinder begegneten uns selten,weil die Wohnung der Eltern klein ist. Ein simples Telefongespräch reichte aus…..und der jüngere Sohn des Vaters kehrte allen den Rücken zu,auch seinem Bruder und seinen erwachsenen Töchtern.

    Der Vater blieb passiv und wartete auf die Entschuldigung des Sohnes und der Sohn wollte vermutlich vom Vater hören,ich liebe euch beide,meine Söhne. Der Bruder sagte nur, wer nicht will,der hat schon…..

    Ich bin Christin und daher bemühte ich mich um s Brücke bauen und um Wege zur Versöhnung.

    Doch es hat nicht geholfen. Er fehlte, denn er gehörte doch zu unserer Familie.

    Nun ist der Vater tot und alles zu spät. Traurig,das alles.

    Auch im weiteren Umkreis sind mir solche Fälle begegnet. Die verlassene Person leidet still vor sich hin und ist sich keiner Schuld bewusst……ich weiss Vergebung setzt voraus,dass es zuvor eine(wahrscheinlich schmerzhafte) Aussprache gibt,in der die wahrheit auf den tisch kommt……da ich Gott alles zutraue, traue ich ihm auch zu, dass ER selbst die Seele des fernen Bruder s heilen kann. Schade nur,dass die Brüder sich nicht mehr füreinander interessieren…..

  8. Martin sagt

    Der Bruch mit seinen Eltern, hier mit der Mutter

    … ist wie das Kappen von Wurzeln und wird die eigene Entwicklung wie die eines Baumes ein Leben lang (kritisch, negativ, belastend…) begleiten.
    Aber, wenn die Wurzeln so faul, so morsch und so egoistisch waren, dann ist es die m.E. beste Möglichkeit, diese für einen sehr schädliche Baumschule zu verlassen.

    Auf unserer Hochzeit vor 20 Jahren hat mir meine Mutter -statt sich zu freuen und zu feiern- mir ausschließlich fast in einer Art Befehlston von ihren „Rentenversorgungsansprüchen“ erzählt, danach war für mich final Schluß. Kein Kontakt mehr!

    Sich den kranken Krebs aus dem eigenen Fleisch zu schneiden ist dann die letzte Idee, selbst zu überleben.

    Die Mutter wird vermutlich einsam über den „undankbaren“ Sohn klagen, denn die Erziehung war doch „so teuer“… genauso vermutlich wird Ihr nur der Cognac-Schwenker zuhören.

  9. Danke für Ihren langen Bericht.
    Ich denke, etliche „Kinder“ werden sich in Ihrer Beschreibung wiederfinden.
    Und gut, dass Sie damals Ihrer Idee, ganz Schluss zu machen, nicht nachgegeben haben. Sie haben die Ablösung auch so geschafft.

  10. Daniela sagt

    Ich habe auch eine Zeitlang über Kontaktabbruch zu meinen Eltern nachgedacht (als es einen aktuellen Anlass dafür gegeben hat, der mich wirklich wieder an ihnen hat zweifeln lassen und ob sie mir in meinem Leben gut tun oder nicht eher schaden), mich nach einer Weile aber dagegen entschieden. Meine Eltern empfand ich schon immer als sehr schwierige Menschen. Wären sie nicht meine Eltern, würde ich vermutlich auch einen großen Bogen um sie machen, eben weil es so schwierig mit ihnen ist. Ich habe versucht ein paar Dinge mit ihnen zu klären, meine Mutter hat das auch eingesehen, was ich sehr gut fand, und zugegeben, dass manches wirklich nicht gut lief.

    Mit meinem Vater ist es schwieriger. Ich habe aber akzeptiert, dass er nie die Art Vater wird, die ich mir gewünscht hätte oder die ich gebraucht hätte, eben weil er das gar nicht kann und nie konnte und möglicherweise auch zu stur oder ängstlich wäre, etwas an sich zu ändern oder zu hinterfragen. Für ihn funktioniert das ja alles so. Wollte ich früher etwas mit ihm besprechen, ist er einfach aus dem Raum gegangen, hat so getan, als hätte er nichts gehört oder hat gefordert, dass man jetzt schweigt. Ansonsten hat er viel rumgeschrieben, ein normales Gespräch mit ihm war kaum möglich. Hilfreich war er auch seltenst. Meist hat er ignoriert, wenn man Angst hatte oder ihn um etwas gebeten hat. Emotionen zeigen hat ihm auch nicht gepasst. Wenn wir als Kinder geweint haben sollten wir still sein und waren in seinen Augen zu sensibel, er hat uns dafür verachtet, schwach zu sein. Selbst bei blutigen Wunden hieß es: Heul nicht rum, ist doch gar nix passiert! Verletzungen wurden einfach wegignoriert. Um sowas hat er sich nicht gekümmert, auch Wunden, die eigentlich genäht hätten werden müssen, damit man eben später nicht mit größeren Narben rumläuft. Außerdem hat er mir oft gedroht wenn ich doch mal was gesagt habe, was ihm nicht passte und auf den Teppichklopfer gezeigt, damit ich halt verstumme und in seinem Sinne artig bin, nix fordere, keine eigene Meinung habe. Also man sollte: Nicht im Weg rumstehen, nicht rumheulen, keine Angst haben, nicht widersprechen, nix sagen, nix können – gleichzeitig aber alles können, nicht auffallen.

    Er hat nur selten was gemacht, über das ich mich gefreut habe, ich habe eine Handvoll gute Erinnerungen, was für die vielen Jahre wirklich nicht viel ist, aber ansonsten habe ich immer darauf gewartet, dass er irgendwann Zeit für mich hat und mal da ist, mal was mit einem unternimmt oder mal ein persönliches Gespräch führt in dem es um etwas geht. Mal nicht schlecht drauf ist oder auch mal was gut findet, was ich mache.

    Wenn ihn etwas gestört hat, hat er das fast nie in einem normalen Tonfall gesagt, er hat immer gleich rumgebrüllt. Als Kind hatte ich oft Angst vor ihm, ich hab mich auch oft von ihm gestört gefühlt, ich dachte immer, es könnte so schön ohne ihn sein. Später als Jugendliche habe ich ihn zeitweise gehasst, weil ich oft fand, dass er sich einfach unmöglich benimmt, eben rücksichtslos und manchmal auch einfach echt gemein. Er hat sehr viel kritisiert, nie war etwas gut genug für ihn. Hatte ich Erfolge vorzuweisen gab es gerade mal ein desinteressiertes Kopfnickten und vielleicht noch einen knappen Blick aufs Zeugnis oder was auch immer es war, wenn überhaupt, manchmal hat er auch einfach komplett ignoriert, wenn ich was gutes vorzuweisen hatte. Er hat auch ständig gesagt, ich sei zu dumm, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass das nicht sein kann, ich war in der Schule irgendwann richtig gut, aber Lob gab es nicht, es wurde immer nur angekreidet, wenn etwas nicht gut lief. Erst später ist mir aufgefallen, dass die Sachen wo er mir gesagt hatte, ich sei dumm oft Situationen waren, wo er selbst eigentlich was suboptimal geplant hat, z.b. einen dazugerufen, um ihm zu helfen, aber ohne eine Anweisung, was man jetzt eigentlich machen soll, so als könnte man seine Gedanken lesen. Und dann ging das natürlich oft schief, weil es eigentlich schon am Schiefgehen war, als er einen dazugerufen hat. Gezeigt hat er einem auch fast nichts und wenn dann war er sofort gereizt und ungeduldig wenn man es nicht sofort perfekt nachmachen konnte. Vor anderen Leuten hat er sich sogar darüber lustig gemacht, was wir Kinder alles nicht können, ein Freundespaar meiner Eltern mit eigenen Kindern hatten aber einmal wenigstens den Anstand zu sagen: Das hättest du ihnen aber beibringen müssen, das wäre deine Aufgabe gewesen!

    Auch als ich ihn einmal gefragt habe, ob er mir bei den Hausaufgaben helfen könnte, hat er mich nur angeschrien, wie dumm ich bin, dass ich das nicht kann. Geholfen hat er mir nicht. Seitdem hab ich ihn bei Hausaufgaben auch nie wieder gefragt. Ich hab sowieso echt viel allein gemacht, was anderes blieb mir auch oft nicht übrig, ich hab mich durch alles irgendwie durchgebissen und war oft überfordert als Kind (+ wurde ja ständig auch noch niedergemacht, also zur Überforderung kam auch noch so eine Art fortlaufender Psychoterror). Ich dachte auch lange Zeit, dass das irgendwie an mir liegt und ich irgendwie zu viele Gefühle habe oder ungut anders, als ich sein sollte. Manchmal wollte mein Vater, dass ich Sachen weiß, die ich überhaupt noch nie gehört hatte, d.h. ich hatte keine Chance, aber damals war mir das nicht klar. Ich dachte dann es gäbe ein Wissen und ich habe irgendwie keine Verbindung dazu, obwohl ich offenbar darauf zugreifen können müsste, als wäre ich irgendwie fehlerhaft und ungenügend, weil ich nicht rankomme an das, was ich (aus dem Nichts heraus) wissen soll.

    Ich wollte ab der siebten Klasse gern Gitarre lernen und spielen, aber meine Eltern haben das ignoriert und gesagt eine Gitarre sei zu teuer, ich vermute, sie haben auch nie geschaut, denn als ich selbst geschaut habe, habe ich festgstellt, dass sie gar nicht so teuer sind. Ich habe mir also selbst eine von meinem eigenen Gesparten gekauft und später dann mit einer Freundin mit der ich Abitur gemacht hab (mein Vater war auch immer dagegen, dass ich Abitur mache), von meinem eigenen Geld Gruppenunterricht in der Musikschule genommen. Als mein Vater von meiner Mutter davon erfahren hat kam er in mein Zimmer und schrie mich an, dass das reine Geldverschwendung sei (dabei war es ja mein eigenes Geld!) weil ich kein musikalisches Talent hätte, weil es das in unserer Familie nicht gäbe (meine Mutter hatte als Kind eine Mandoline und mein Opa mütterlicherseits hat während dem Krieg Geld und Essen damit verdient, Musik zu machen, das habe ich aber erst vor wenigen Jahren erfahren). Er hat also wie immer versucht, mir zu verderben, was mir Spaß macht (wenn ich und meine Schwester als Kinder gesungen haben, hat er auch immer gleich geschimpft, was wir so krächzen und uns wieder zum Verstummen gebracht). Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber schon raus, dass es ihm eigentlich nur darum geht, mich irgendwie fertig zu machen (zumindest hatte ich immer den Eindruck), also habe ich davon nicht viel gehalten, aber wütend gemacht hat es mich natürlich trotzdem. Und ich war auch oft verzweifelt über meinen Vater, weil ich ihn einfach nicht verstanden habe, ich habe nicht verstanden, wie man so sein kann. Ich habe ihn dann ausgeladen, wenn wir an der Musikschule Vorführabende hatten. Mir macht die Musik immer noch sehr viel Spaß, ich spiele Gitarre, Bass und Singe und stand auch schon auf der Bühne, meine Eltern interessiert sowas leider nicht wirklich. Sie können irgendwie nicht stolz auf einen sein, bzw. das nicht ausdrücken.

    Letztens war ich meine Eltern wieder besuchen, ich bin inzwischen über 30 Jahre alt und mein Vater wollte mir dann tatsächlich erklären, wie ich abwaschen muss, wo ich gesagt habe: Ja, jetzt ist es auch zu spät und nein, man kann auf verschiedene Arten abwaschen. Er war der Meinung, man darf immer nur einen Gegenstand ins Wasser legen und nicht mehrere gleichzeitig. Er ist sowieso in allem sehr genau, alles muss an einem bestimmten Ort stehen und wenn man es genommen hat, egal ob man es gleich nochmal braucht, muss man es zurück stellen und darf es nicht stehen lassen etc. Ich meine, das könnte ja sogar eine komische liebenswerte Eigenschaft sein, aber als wir Kinder waren, hat er eben sofort losgeschrien und uns angebrüllt, also war das nicht sehr liebenswert. Er war im Prinzip so eine Art Haustyrann und ich muss sagen, ich mag ihn immer noch nicht sonderlich gern, obwohl ich es mir wünschen würde, aber es ist zumindest besser geworden. Ich nehme mir das nicht mehr so zu Herzen und zweifle auch nicht mehr so sehr an mir selbst oder ob ich etwas hätte anders machen müssen in Bezug auf meine Eltern, damit wir eine schöne Familie hätten und eine gute Zeit zusammen gehabt hätten. Es war halt einfach nicht möglich. Und ich als Kind hab sie eben nicht retten können und auch nicht das Familienleben.

    Ich hab als Kind auch sehr oft an Selbstmord gedacht, aber als Art Ausweg, also als Kind hat mich das überhaupt nicht verängstigt sondern kam mir vor wie die Lösung all meiner Probleme. Ich dachte immer: Wenn ich es doch nicht schaffe, kann ich noch gehen! Später als ich Jugendlich hat mir das dann aber Angst gemacht mit den Selbstmordgedanken und als ich ausgezogen war, habe ich dann, weil mich das dann doch ziemlich genervt und verunsichert hat, mit dem ständigen hin und her in den Gedanken, für mich die Entscheidung getroffen, dass ich tatsächlich dieses Leben führen will und zwar so, wie ich will und wie ich bin, auch wenn ich wusste, dass ich das erst rausfinden muss.

    Da war ich aber meine Eltern auch schon los und habe in einer anderen Stadt gewohnt, das hat mir sehr geholfen. Ich habe sie auch irgendwie überhaupt nicht vermisst, sondern war froh, als ich in einer WG mit Freundinnen gewohnt habe, dass ich sie los bin. Das war als ob eine schwere Last von meinen Schultern fällt und ich endlich meinen Weg gehen kann, ohne das einer über jeden Schritt den ich tue meckert. Ich bin dann ab und zu meine Eltern besuchen gefahren, immer irgendwie in der Hoffnung, dass das irgendwann doch noch was wird mit uns. Ich habe nach vielen Jahren festgestellt, dass das der Grund war, warum ich immer mal wieder hingefahren bin: Ich hab mir so gewünscht, dass sie endlich mal so werden, wie ich sie mir gewünscht hätte: Liebevoll, hilfsbereit ohne zu meckern, dass man bei irgendwas nach ihrer Hilfe fragt, nicht lästernd über einen sobald sie denken man hört sie nicht, stolz, lobend, dass wir mal was miteinander unternehmen, ich mal ein ganz normales Gespräch mit meinen Vater führen kann, wie ich es mit anderen Leuten die mir völlig fremd sind so leicht und schnell und beschwingt kann… Irgendwie so dachte ich, wird das vielleicht mal noch, wurde es aber nicht. Wenn ich da war haben wir auch irgendwie nur aneinander vorbei gelebt und jeder hat seine Sachen gemacht ohne großes Interesse füreinander. Ich war damit oft frustriert und traurig und wusste nicht, was ich noch machen soll, da meine Eltern oft auch abblocken, wenn man was vorschlägt, was man zusammen machen könnte. Mit meiner Mutter ist das aber besser geworden, in den letzten Jahren hat sie oft Sachen mitgemacht, die sie früher nicht mit uns machen wollte (spazieren gehen, ein Spiel spielen). Wobei jetzt auch nicht alles schlecht war in meiner Kindheit oder Jugend und mit meinen Eltern. Aber eben vieles war nicht so gut und grenzwertig und hätte auch schief gehen können. In meiner Familie gibt es von anderen Verwandten Selbstmorde und Selbsmordversuche und wenn ich mir meine Eltern und Verwandten so angucke, wundert mich das auch überhaupt nicht, man lebt in dieser Familie sehr in der Kälte und allein, obwohl man zusammen ist, da ist kein Rückhalt, keiner ist irgendwie aufgehoben, fast alle sind distanziert und drücken eher jemanden nach unten, als dass sie jemanden hochziehen.

    Mir hat später sehr geholfen, dass ich in meinem Kopf meine eigenen Eltern erschaffen habe, also eine Ersatzfamilie. In meiner Vorstellung treffe ich sie immer in der Küche, während meine richtigen Eltern im Schlafzimmer schlafen. Und bei meinen selbst ausgedachten Eltern kann ich sein wie ich will, ich kann wenn ich traurig bin oder Angst habe einfach in ihre Arme rennen und sie sind da und haben mich lieb. Das hat mir total geholfen und ich hätte mir gewünscht, dass ich diese Methode schon als Kind gekannt hätte, aber ich habe erst vor ein paar Jahren darüber gelesen und das für mich ausprobiert. (Wobei ich glaube, ich hatte als Kind etwas anders, das ich nur vergessen habe, aber manchmal habe ich die Ahnung, dass ich eine Art Wächter hatte, der zwar nicht greifbar aber mir wohlgesonnen war und mich dadurch gestützt hat). Für mich hat es sehr gut geklappt, weil ich meinen selbst ausgedachten Eltern total vertrauen kann und sie genau so sind, wie ich sie mir wünsche. Und meine biologischen Eltern lasse ich ja mit in der Wohnung sein, aber eben schlafend (Ich glaube, damit ich ihnen gegenüber keine Schuldgefühle haben muss, dass ich mir für mich „richtige“ Eltern ausgedacht habe, die ich wahrscheinlich sogar mehr liebe, als meine echten Eltern). Ich glaube ohne diese erfundenen Eltern, hätte ich meine Eltern wohl auch nicht richtig akzeptieren können, weil ich mir immer etwas von ihnen gewünscht hätte, was sie nicht geben können. Aber so klappt es für mich schon seit einiger Zeit ganz gut. Allerdings habe ich auch das Problem, dass ich das Gefühl habe, ich bin von meinen echten Eltern seit einiger Zeit jetzt innerlich entfernt, also als seien sie mir inzwischen gleichgültig (?). Ich bin mir nicht so sicher, ob ich das richtig beschreibe. Aber seit mein Wunsch weg ist, dass wir nochmal so eine Familie werden, die sich richtig gern hat und liebt und füreinander da ist, bin ich irgendwie unbeteiligter. Meine Eltern melden sich auch fast nie von sich aus, mein Vater hat mich in den letzten 17 Jahren ein einziges mal von sich aus angerufen, da dachte ich schon, es wäre etwas passiert, aber er wollte nur reden. Das fand ich gut, aber das ist nie wieder passiert und unser Gespräch war sehr kurz, weil er mich mitten auf der Arbeit erwischt hat. Und danach konnte ich nicht mehr daran anknüpfen, weil er mich immer gleich an meine Mutter weiterreicht, selbst wenn ich ihn was frage am Telefon wenn er abnimmt, antwortet er nur irgendwas Ausweichendes bis meine Mutter dann übernimmt. Es ist wirklich schwer, ein normales Gespräch mit meinem Vater hin zu bekommen, eigentlich fast unmöglich. Meine Mutter ruft öfter an, so ein bis maximal zweimal im Monat. Ansonsten fahre ich jetzt so zweimal im Jahr zu ihnen. Der Vater im Artikel scheint seinen Sohn ja zu vermissen und den Kontakt zu suchen. Ich glaube das wäre bei meinem Vater anders. Ich weiß nicht mal, ob es ihm aufgefallen wäre, wenn ich den Kontakt wirklich abgebrochen hätte, da wir sowieso so wenig miteinander zu tun haben. Den Sohn aus dem Artikel kann ich aber sehr gut verstehen, ich wurde nur selten von meinen Eltern geschlagen und das hat mich schon unglaublich wütend gemacht (und verstört, ich hab in der Grundschule angefangen meine beste Freundin zu schlagen, aber zum Glück wieder damit aufgehört, weil ich mich selbst gefragt habe, was ich da mache, weil ich sie ja total liebe. Ich hätte mich jetzt als Erwachsene auch gern bei ihr entschuldigt und es ihr im Nachhinein erklärt, aber ihre Familie ist noch während der Grundschule weggezogen und ich habe nur noch ihren Vornamen). Es ist absolut bewundernswert, dass es der Sohn überhaupt so lange ausgehalten hat ohne Durchzudrehen. Absolute Leistung vom Sohn! Dem Vater kann ich jetzt nur anrechnen, dass er jetzt (ziemlich spät zwar als schon alles kaputt war) angefangen hat darüber nachzudenken, was er getan hat und seinen Sohn offenbar tatsächlich vermisst.

    Danke für den Artikel, er hat mir gerade nochmal ein paar Gedanken dazu ermöglicht. Mein Kommentar ist jetzt ziemlich lang, aber ich lasse ihn so stehen, weil vielleicht andere Eltern oder Kinder möglicherweise einen Nutzen daraus ziehen können. Vielleicht liest ihn auch jemand, der als Kind von einem anderen Kind geschlagen wurde und versteht das besser (An meine frühere Grundschul-Freundin: Es tut mir wirklich leid. Ich habe dich sehr geliebt und vermisse dich.).

  11. Anita Berberich sagt

    Vielen lieben ♥ Dank für für den wunderbaren Text. Ich bin eine verlassene Mutter und ich weiß bis heute nicht warum.
    LG Anita

  12. Birgit Kraxner sagt

    Ich danke auch für das wunderbare, berührende Interview.

    Ich habe mich nach vielen Jahren Kontaktabbruch wieder versöhnt.
    Mir hat eine Psychotherapie vor vielen Jahren geholfen, ebenso die innere Vergebungsarbeit, so dass ich mein Leben konnte und kann.
    Dankeschön 💃🙏

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