„Trennung im Alter, darf ich das nach 40 Jahren Ehe?“ fragte die Frau im Coaching.

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Trennung im Alter? Meist sind es die Frauen, die gehen. Und viele gehen immer später. Doch Scheidungen nach vierzig oder fünfzig Jahre Ehe sind keine Ausnahmen mehr. Im letzten Drittel des Lebens kommt unweigerlich die Frage, ob man mit diesem Menschen wirklich alt werden will. Doch die Antwort darauf ist alles andere als einfach, wie dieser Fallbericht zeigt.

„Neulich fragte mich jemand, ob meine Ehe gut oder schlecht war. Da kam ich ins Grübeln. Sie war weder gut noch schlecht, sie war halt so, wäre meine Antwort. Mein Mann hat viel gearbeitet, war im Außendienst tätig. Ich muss den ganzen Tag reden und zuhören, ich brauche abends meine Ruhe, hat er mal gesagt, als ich mich beklagte, dass wir so wenig miteinander reden.“

Die neue Klientin in meinem 3-h-Coaching, Ruth B., wirkte jünger als die 66 Jahre, die sie als ihr Alter angegeben hatte. Eine Freundin habe sie an mich verwiesen. Ich würde schnell auf den Punkt kommen und keine albernen Ratschläge geben.

„Was führt Sie zu mir?“, fragte ich neugierig.
„Vor zwei Monaten wachte ich morgens auf und wusste, das war’s. Ich lass mich scheiden.“
„Einfach so? Oder gab es einen Anlass?“
„Nein, Anlässe hat es früher genug gegeben, denn mein Mann ist ein notorischer Fremdgänger. Hat es immer abgestritten, aber ich spürte es genau und fand manchmal auch eindeutige Beweise“,
erklärte mir Ruth B., Rentnerin.
„Aber Sie blieben trotzdem?“
„Ja, und deswegen komme ich auch heute zu Ihnen.“

Trennung im Alter wird immer häufiger.

Heute lassen sich Paare, die länger als fünfundzwanzig Jahre verheiratet sind, doppelt so oft scheiden wie noch vor zwanzig Jahren. Meist sind es die Frauen, die die Trennung im Alter anstoßen. Männer trennen sich nach einer langen Ehe meist dann, wenn sie eine neue, meist jüngere Frau kennengelernt haben und den zahlreichen Einschränkungen, die das Älterwerden mit sich bringt, etwas Positives entgegensetzen wollen.

Doch oft trennen die Männer sich auch nicht. Sondern haben vielleicht eine oder mehrere Affären, merken schnell, dass sie an der neuen Partnerin auch einiges nervt und versuchen, die Sache auszusitzen. „Hat nichts mit dir zu tun, war nur was Sexuelles.“

Frauen, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit jung waren, sind oft der klassischen Rollenverteilung verpflichtet, in der Trennung keine Option ist. Schon, weil sie früher meist keine eigenen Rentenansprüche hatten und eine Scheidung den Verlust eines komfortablen Lebens mit Eigentumswohnung und schönen Urlauben bedeuten würde.

Doch heute sehen Frauen, wenn sie alt werden, dass es auch anders gehen könnte. Sie durchlaufen eine „Spät-Emanzipation“, wie die Forscherin Insa Fooken das nennt. Die Frauen haben oft in der Herkunftsfamilie gelernt, „dass Männer eben so sind.“ Und dass man als Partnerin das aushalten müsse.

„Ich habe auf ARTE einen Film über eine Frau gesehen, ungefähr in meinem Alter, die allein lebte, weil ihr Mann sie wegen einer jüngeren Frau verlassen hatte. Nach fünfunddreissig Jahren Ehe. Und die Frau war sehr verbittert. Da habe ich mir meine letzten Jahren vorgestellt und wusste, dass ich so nicht enden will.“
„Macht Ihr Mann denn Andeutungen, dass er sich auch trennen will?“,
erkundigte ich mich.
Ruth B. lachte auf. „Der geht nicht weg, der verlässt mich nicht. Er wäre ja auch allein nicht alltagsfähig. All die Jahre habe ich ja alles für ihn gemacht. Haushalt, Kinder, Urlaubsplanung, Versicherungen …
„Und jetzt wollen Sie nicht mehr?“
„Genau. Aber an dem Punkt war ich schon öfters in meinem Leben. Ich wollte mich schon dreimal mich trennen – und dann rede ich es mir wieder aus. Ich schaffe es nicht, obwohl ich Gründe genug habe. Das sagen auch meine Freundinnen. Aber irgendetwas hält mich zurück, blockiert mich richtig. Deswegen habe ich Ihnen geschrieben, weil Sie doch unbewusste Konflikte auflösen können.“
„Na, ja, auflösen kann ich sie nicht“,
dämpfte ich die Erwartung der Klientin. „Aber bewusster machen, und damit ist schon einiges gewonnen.“

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Was mir der Körper im Coaching verrät.

Während des Coachings höre ich nicht nur genau zu, sondern beobachte auch sehr genau. Ich achte auf Körperausdruck, Mimik, Gestik und Stimme. Als Mitbegründer und Lehrtherapeut des HAKOMI Institute of Europe habe ich viele Workshops zum Thema „Körperlesen“ geleitet. Dabei ging es um folgende Themen:

  • Kann man am Körperbau sehen, welche Charakterzüge jemand hat?
  • Zeigt der Körper an, welche psychischen Verletzungen in der Kindheit erlebt wurden?
  • Wie zeigen sich psychische Überlebensmuster am und im Körper?

Wenn wir schmerzliche Gefühle nicht zeigen, sondern unterdrücken müssen, geschieht das mit Hilfe des Körpers. Man zieht den Kopf ein, hält Tränen oder Wut zurück, setzt ein gleichgültiges Gesicht auf. Doch die Gefühle sind damit nicht weg. Sie sind vielmehr eingefroren in den angespannten Muskeln oder einer starren Körperhaltung.

Wird eine bestimmte Körperhaltung über zwanzig, dreißig Jahre eingenommen, zeigt sich dem geschulten Blick des Körpertherapeuten, welchen Konflikten dieser Mensch ausgesetzt war – und mit welchen Strategien er/sie diese Konflikte gelöst hat.

Bei Ruth B. fielen mir schon in den ersten Minuten drei Dinge auf:

  1. Sie erzählte mit einer klagenden und kraftlosen Redeweise.
  2. Ihr Mund war beim Sprechen fast geschlossen, als würde sie mit zusammengebissenen Zähnen reden.
  3. Ihr Oberkörper war massiv, vor allem in den Schultern, ihr Hals war fast nicht zu sehen.

Das waren für mich erste Hinweise, dass die Klientin vermutlich eine „masochistische“ Charakterstruktur zeigte. (Diese klinischen und auch abwertend klingenden Begriffe wurden mit der Zeit ersetzt. Deswegen heißt dieser Stil jetzt „ausdauernd/aushaltende Struktur“.)

Menschen mit dieser Struktur leiden unter erheblichen Minderwertigkeitsgefühlen, geben sich anspruchslos, verhalten sich unterwürfig und sind um Anpassung und Unterordnung bemüht. Sie zeigen jedoch eine starke latente trotzige und beharrliche passive Abwehr, die sie bei genügend starkem äußerem Druck offenbaren.
Im Inneren hegt der masochistische Charakter Hass-, Negativismus- und Überlegenheitsgefühle. Die überstarke Muskelstruktur soll die drohende emotionale Explosion zurückhalten. Eine gesunde Durchsetzungsfähigkeit und Aggression sind bei diesem Charakter-Typus stark gehemmt. Als Ventil dienen Klagen und Jammern im Kontakt mit anderen und die häufige Übernahme von Opferrollen.

Menschen mit einem masochistischen Stil haben enorme Schuldgefühle und ein meist unbewusstes Bedürfnis nach Bestrafung. Wie das entsteht, dazu schrieb die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich:

„Das unbewusste Strafbedürfnis des Masochisten, der die Neigung hat, für ihn schädliche Situationen herzustellen, finden wir bei beiden Geschlechtern in gleichem Maße. Seine Wurzeln sind in der frühen Kindheit zu suchen.
Insbesondere die als allmächtig empfundene Mutter der ersten Kinderjahre wird für unvermeidbare Enttäuschungen verantwortlich gemacht. Die Abhängigkeit von ihr wird als Unterdrückung erlebt, weshalb sie entsprechend gehasst wird. Da sie aber gleichzeitig geliebt wird und man in hohem Maße innerlich von ihr abhängig geblieben ist, muss der Hass verdrängt werden. Als Reaktion darauf entwickeln sich angstvolle Schuldgefühle. Sie tauchen als Strafbedürfnis im Leben des Masochisten wieder auf.“

Innere Kernüberzeugungen im masochistischen Stil sind:

  • „Ich bin ein schlechter Mensch.“
  • „Ich mache alles falsch.“
  • „Es ist hoffnungslos.“
  • „Sieh nur, wie schlecht es mir geht – bitte liebe mich.“
  • „Ich muss anderen gehorchen, um geliebt zu werden.“
  • „Es ist nicht in Ordnung, Spaß zu haben.“

Im Kontakt neigen diese Menschen dazu, freundlich, angenehm, angenehm, unterwürfig, anfangs selbstaufopfernd und einschmeichelnd zu sein. Sie helfen oft freiwillig und machen ihre Wünsche selten direkt geltend. Es fällt ihnen es sehr schwer, nein zu sagen, deshalb erledigen sie oft undankbare Aufgaben oder Dinge, die sie eigentlich nicht tun wollen.

Trennung im Alter: Wenn man früh das Wollen verlernen musste.

Frühe Verhaltensweisen, die in der Herkunftsfamilie das psychische Überleben sichern, tendieren dazu, weil sie erfolgreich sind, sich festzusetzen. Oft bis ins Erwachsenenleben.

„Im Vorbereitungsbogen erwähnten Sie, dass Sie noch zwei Geschwister haben.“
„Ja, aber das sind Halbgeschwister. Ich habe einen anderen Vater, den ich aber nicht kenne. Mein Stiefvater wollte nur meine Mutter, mich nahm er als ungeliebte Dreingabe. Und meine Mutter war froh, als Alleinerziehende mit einem Kind noch mal einen solchen Mann abzubekommen.“
„Einen solchen Mann?“
„Ja, meine Mutter war eine einfache Frau vom Land, nicht sehr gebildet – aber eine ausnehmende Schönheit. Mein Vater war Geschäftsmann und brauchte eine schicke Frau zum Repräsentieren. Mir wurde immer gezeigt, dass ich eigentlich froh sein kann, hier zu wohnen. Mein Vater nannte mich nur der „Bankert und meine Mutter traute sich nicht, zu mir zu stehen. Wenn meine Halbgeschwister etwas angestellt hatten, drehten sie es immer so hin, dass ich das war. Es war eine schreckliche Zeit!“

„Wie haben Sie das ausgehalten?“, fragte ich teilnahmsvoll.
„Indem ich lernte, mir nichts zu wünschen und nichts zu wollen, um nicht enttäuscht zu werden. Und indem ich lernte, Demütigungen stumm zu ertragen, als würde es mir nichts ausmachen. Denn ich wusste, wenn ich zeigte, was mich ärgerte oder verletzte, würden meine Geschwister das noch mehr ausnützen.“
„Sie haben sich nie gewehrt?“
„Nein, jedenfalls nicht direkt, das war zu gefährlich. Aber ich rächte mich indirekt, vor allem bei meinem Vater.“
„Wie haben Sie das angestellt?“
„Er war sehr ordnungsliebend und ein Pünktlichkeitsfanatiker. Und so mussten sie oft warten und kamen zu einer Verabredung zu spät, weil ich noch ewig auf der Toilette war oder den Hausschlüssel versteckt hatte.“

Die Tendenz zum Aufschieben ist bei Menschen mit masochistischem Stil sehr stark ausgeprägt. Auch können sie oft etwas nicht tun oder entscheiden sich dagegen. Sie wollen oft von anderen Anweisungen, was zu tun ist, verstehen das aber unbewusst falsch und tun dann gerade das Gegenteil. Außerdem sabotieren sie häufig die Pläne anderer durch Langsamkeit, Sturheit, Perfektionismus oder passiv-aggressives Verhalten.

„Sie haben früh gelernt, nichts wollen zu dürfen, sorgen aber im Ausgleich auch oft dafür, dass andere nicht zu ihrem Ziel kommen. Ganz schön raffiniert!“, fasste ich das Gehörte zusammen.
„Ja, das haben Sie gut erkannt,“ sagte Ruth B., „aber Sie sind ja auch Psychologe.“

Der Nachsatz ärgerte mich etwas, weil ich darin etwas Abwertendes hörte, beschloss aber, das nicht zu kommentieren.

„Erzählen Sie mir etwas über Ihre Eltern, wie die so waren.“
„Meine Mutter war ängstlich und deshalb überfürsorglich. Sie kümmerte sich um die Familie und war recht bestimmend. Wenn ich etwas nicht schnell genug machte, wurde sie zornig und schubste mich herum. Natürlich musste ich alles aufessen und saß oft eine Stunde vor meinem Teller, wenn es Fleisch gab, was ich nicht mochte. Sie machte mir dann auch Schuldgefühle schlug theatralisch die Hände vors Gesicht und klagte: Warum kannst Du nicht so normal sein wie Deine Geschwister? Siehst Du nicht, wie Du mir wehtust, wenn Du immer Deinen Willen durchsetzen willst?“
„Das heißt, Ihre Abneigung gegen Fleisch wurde von Ihrer Mutter als Machtkampf interpretiert?“
fragte ich nach. „Was sagte Ihr Vater dazu?“
„Der bekam das ja meist nicht mit, weil er über Tag arbeitete. Und wenn doch, ging er aus dem Zimmer, weil er wusste, dass er gegen meine Mutter nicht ankam.“
„Das muss Sie doch als Kind enorm wütend gemacht haben, so manipuliert zu werden.“

„War ich auch. Aber jeden Anflug von Ärger erstickte meine Mutter im Keim, indem sie mir Schuldgefühle machte. Sie schrie dann: Jetzt bist Du schon wieder so trotzig und gemein. Womit habe ich so ein schreckliches Kind verdient? Da tat sie mir dann wieder leid und ich vergrub von da an meinen Ärger in mir.“
„Also nicht nur das Wollen mussten Sie sich abgewöhnen – auch die Wut. Was bleibt dann eigentlich noch?“
, fragte ich die Klientin.
„Zusammengebissene Resignation“, antwortete Ruth B.

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Eine Schildkröte kann vieles ertragen und aussitzen.

Trennung im Alter: Die Macht des passiven Widerstands.

Alle Eltern kennen das. Das Kind will an der Kasse noch etwas Süßes und bekommt ein Nein. Das Kind quengelt bis es merkt, dass der Elternteil nicht nachgeben will. Das Kind will aber auch nicht nachgeben. „Komm jetzt endlich!“ , ruft die gestresste Mutter, die nach Hause muss. Was macht das Kind? Es wirft sich auf den Boden. Will die Mutter es wegtragen, macht es sich absichtlich schwer.

In der ZEIT entdeckte ein gestresster Vater dieselbe Verhaltensweise an seiner fünfjährigen Tochter Juli:

Etwas anderes, was meine Tochter ganz, ganz schlecht kann, ist, sich selbst anzuziehen. Juli wechselt nicht so gern ihre Kleidung, weil das meist mit einer Verschlechterung der aktuellen Situation einhergeht. Wer den Schlafanzug anzieht, muss erfahrungsgemäß ins Bett. Wer morgens die Schuhe anzieht, muss aufhören zu spielen und in die Kita gehen.
Für Juli ist es unverständlich, warum die anderen in der Familie sich ständig ohne Aufforderung anziehen, um sich an unbequeme Orte zu begeben. Meine Tochter macht da nicht mit. Sie zieht sich nicht an, weil sie es nicht kann. Sie nimmt den Pulli, zerrt ihn sich so über den Kopf, dass es gar nicht klappen kann, und ruft voller Selbstanerkennung: „Guck mal, Papa, wie ich das nicht kann!“
Passiver Widerstand als höchste Form des zivilen Ungehorsams.

Passiver Widerstand ist die Rache der Wehrlosen oder jener, die sich als schwächer erleben als der vermeintliche Gegner.

Dazu gehören die Sitzblockaden der „Letzten Generation“ aus unserer Zeit oder die Protestaktionen im Hambacher Forst. Aber auch der Dienst nach Vorschrift des unzufriedenen Schalterbeamten oder der wirtschaftliche Boykott von Verbrauchern gehören in diese Kategorie. Ebenso Hungerstreik oder Sit-in-Aktionen.

Bekanntester Vorreiter dieser Aktionen des gewaltlosen Widerstands war Mahatma Ghandi (1869–1948). Er bekämpfte die britische Kolonialherrschaft in Indien vor allem durch:

  • Nichtbeteiligung an Institutionen der Regierung („non-cooperation“),
  • Boykott britischer Firmen und ihrer Produkte („be Indian, buy Indian“), sowie
  • Gewaltlose Überschreitung ungerechter Gesetze („Salz-Satyagraha“).

„Wie haben Sie darauf reagiert, als sie merkten, dass Ihr Mann sie betrügt?“, fragte ich die Klientin.
„Mein erster Gedanke war, was ich in unserer Ehe falsch gemacht habe, dass es ihn zu anderen Frauen zieht. Bis dahin war für mich war unser Sexleben in Ordnung aber ihm reichte es wohl nicht. Erst eine Freundin brachte mich darauf, dass das doch nicht meine Schuld ist, wenn er fremdgeht. Ich versuchte mehrere Male, darüber mit ihm zu sprechen, aber er ließ mich auflaufen. Und irgendwann hat mein Körper reagiert.“
„Was meinen Sie damit?“
„Na, ja, mein Mann wollte weiter machen wie bisher, auch mit mir schlafen. Aber als ich immer häufig einen Scheidenkrampf dabei bekam, hörte unser Sex dann irgendwann auf.“
„Anstatt dass Sie sich wehren und Nein sagen, hat das dann Ihr Körper übernommen“,
deutete ich diesen wichtigen Vorgang.
„Ich glaube, das habe ich schon als Kind gemacht.“
„Was genau meinen Sie?“
„Na, dieses indirekte Nicht-Mitspielen durch Rückzug. Beim „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielen“ zog mich meine Mutter immer auf, wenn ich verlor und meinen Ärger nicht auch noch zeigen wollte. Am Ende spielte ich einfach nicht mehr mit. Oder bei den Sonntagsspaziergängen, die ich hasste, trödelte ich so lange rum oder machte mein Kleid dreckig, bis ich nicht mehr mit musste. Das hat prima funktioniert.“

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Trennung im Alter oder „Wann beginnt das Leben?“

Dazu gibt es einen alten Witz. Ein katholischer Pfarrer, ein reformierter Pastor und ein Rabbi unterhalten sich darüber, wann denn nun das menschliche Leben beginnt. Der Pfarrer meint überzeugt: “Das Leben als Mensch beginnt natürlich mit der Verschmelzung von Ei-  und Samenzelle, und keine Sekunde später!”
Der Pastor macht Einwände, so einfach sei das nun mal nicht! Da fällt ihm der Rabbi ins Wort: “Es ist doch ganz klar – das Leben als Mensch fängt an, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist! Dann beginnt das Leben!

Ich hatte jetzt schon viel von der Klientin erfahren, wusste aber nicht so genau, was ihr Anliegen an mich und das Coaching war.

„Was wollen Sie jetzt genau hier?“ fragte ich Ruth B.
„Ich bin jetzt sechsundsechzig Jahre alt und will, dass mein Leben endlich mir gehört.“
„Hmm, wenn Sie glauben, dass es nicht Ihnen gehört, wem gehört es denn dann?“
„Früher meinen Eltern, denen ich gehorchen musste, vor allem meiner Mutter. Und in den letzten vierzig Jahren, wo ich mit meinem Mann zusammen bin, vor allem ihm. Denn auf eine seltsame Art liebt er mich, deshalb habe ich auch immer die Skrupel, wenn ich ihn verlassen will.“
„Lieben Sie ihn denn auch?“,
fragte ich die Klientin.
„Woran merkt man das, dass man den anderen liebt?“
„Das war wohl schon Ihre Antwort“, schloss ich.
„Mögen Sie denn wenigstens sich selbst?“
„Nein!“, lachte Ruth B. bitter auf. „Bestimmt nicht. Schauen Sie mich doch an. Alt, zu dick, ungebildet und faul. Mein Stiefvater sagte immer: Du bist nichts, du hast nichts, du kannst nichts. Und jetzt mit sechsundsechzig Jahren muss ich feststellen: Er hatte recht.“

Typisch für den masochistischen Charakterstil ist die Spannung zwischen dem Wunsch nach Freiheit und Eigenständigkeit und der Angst vor Konflikt und Liebesentzug.Dementsprechend versuchen diese Menschen häufig, es allen anderen recht zu machen. Ihren Wunsch nach Freiheit kompensieren sie durch Rebellion und verdeckte Verweigerung, wenn ihnen etwas aufgetragen wird. Die Fähigkeit, unbequeme und belastende Situationen geduldig zu ertragen, ist Potenzial und gleichzeitig ihre größte Schwachstelle.

Gut erklärt wird das Thema Masochismus in diesem Video:

 

Das Experiment als Schlüssel zum unbewussten Konflikt.

Die Klientin hat einen deutlichen Trennungswunsch, weil sie die lange Ehe als belastend und wenig erfreulich erlebt. Andererseits hat sie große Skrupel, die Trennungsentscheidung durchzusetzen.

Die meisten Klienten, die zu mir ins Coaching kommen, sind ähnlich ambivalent. Das kann man mit der Ego-State-Therapie besser verstehen. Dieser Ansatz beschreibt, dass unsere Persönlichkeit kein monolithischer Block ist, sondern aus verschiedenen Anteilen, den Ego-States besteht. Bekannt wurde dieser Ansatz auch unter dem Begriff des „Inneren Teams“.

Jeder Mensch hat viele verschiedene Ego-States mit unterschiedlichen Emotionen, Denkstilen und Fähigkeiten. Spricht jemand davon, dass „ein Teil von mir“ so und so denkt oder empfindet, spricht er/sie über einen Ego-State. Harmonieren unsere Ego-States , dann können wir uns schnell entscheiden. Stehen jedoch zwei Ego-States miteinander in Konflikt sind, fühlen wir uns zerrissen oder haben Mühe, eine Entscheidung zu treffen. So wie die Klientin mit ihrem Trennungswunsch.

Im Modell des „inneren Teams“ gibt es noch eine Instanz. Das ist kein Teil, sondern eine logische Ebene darüber. Und das ist das ICH. Dieses ICH kann ganz nüchtern und fast emotionslos beurteilen, was in einer Situation richtig und angemessen ist. Leider sitzt auf unserem „inneren Regiestuhl“ aber oft nicht dieses ICH, sondern ein Persönlichkeitsanteil mit begrenztem Überblick.

Also zum Beispiel das „Innere Kind“ oder einer der inneren Antreiber („Mach schnell!“, Mach’s es allen recht!“, „Streng dich an!“, „Sei stark!“ „Sei perfekt!“) Ziel meines Coachings ist es, für den Klienten emotional erfahrbar zu machen, welcher innere Konflikt ihn bisher hindert, seinem Wunsch nachzugehen. In diesem Fall also, warum Ruth B. sich nicht trennen kann.

Ich schlug der Klientin vor, es sich bequem zu machen, die Augen zu schliessen und etwas achtsam zu werden. Dann bat ich sie:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:
»Ich bin ein guter Mensch.«“

Im Zustand der Achtsamkeit kann eine Klientin ihre innere Selbstorganisation wahrnehmen. Also, wie sie diesen von ihr gesprochenen Satz innerlich wahrnimmt, interpretiert und bewertet. Dabei kommt es auf die erste spontane Reaktion an.

Ruth B. wurde ganz still und ein bißchen bleich. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann sagte sie leise:

„Aber das stimmt nicht, der Satz ist eine Lüge. Ich bin kein guter Mensch.“
„Warum nicht?“, 
fragte ich.
„Weil ich alle enttäusche oder unglücklich mache.“
„Was meinen Sie damit? Wen haben Sie enttäuscht oder unglücklich gemacht?“
„Meine Mutter wollte mich nicht. Weil sie mich bekam, konnte sie nicht weiter studieren. Mein Vater wollte zwar ein Kind, aber kein Mädchen. Meine Schwester hasste mich, weil sie mich nachmittags überall mit hinnehmen musste. Und für meinen Mann war ich im Bett nicht experimentierfreudig genug. Deswegen ging er ja von Beginn unserer Ehe an fremd.“
„Also, Sie sind immer schuld?“,
forschte ich nach.
„Ja, natürlich!“

„Vielleicht können Sie sich ja deshalb auch bis jetzt nicht von Ihrem Mann trennen, obwohl Sie dafür genug Gründe haben.“
„Ich verstehe nicht …“
„Naja, Ihr Mann will sich ja nicht trennen. Wenn Sie sich nach vierzig Jahre Ehe trennen, ist es klar, dass Sie „schuld“ sind. Womit ja wieder bewiesen wäre, dass Sie kein guter Mensch sind.“

Im Coaching waren wir an einem entscheidenden Punkt angelangt. Durch das Experiment mit dem positiven Satz wurde der Klientin einer ihrer prägendsten Glaubenssätze bewusst. Dass sie andere enttäusche und unglücklich mache. Und deswegen darauf achten muss, nichts zu tun, was das noch verstärkt. Daraus entwickelte sie ihre Überlebensstrategie, möglichst alle eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu unterdrücken und es scheinbar anderen rechtzumachen.

Doch das Bewusstmachen reicht oft nicht. Es braucht meist noch einen emotionalen Anstoß.

„Sie sind ja 66 Jahre alt, da müssten Sie doch Heinz Erhard kennen“, sagte ich.
„Ja natürlich, noch’n Gedicht“, antwortete Ruth B. mit dem bekanntesten Werk des frühen Humoristen.
„Von ihm stammt ein Satz, der sehr wichtig ist, wenn man etwas tun will und gleichzeitig es nicht tun will.“
„Da bin ich aber gespannt, welcher Satz ist das denn?“
„Der Satz lautet: „Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken.“

„Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken“, wiederholte Ruth B. den Satz langsam vor sich hin.
„Das heißt doch, dass es entscheidend ist, was ich über mich denke.“
„Oh ja, sehr entscheidend. Deswegen ist es ja so wichtig, immer mal achtsam zu sein, um mitzukriegen, was gerade für Gedanken so in einem sind. Und eben nicht gleich alles zu glauben, was man denkt.“
„Puhh, das ist aber schwer.“
„Eher nicht, es ist Übungssache. Aber mal ganz praktisch, angenommen, Sie könnten glauben, dass Sie ein guter Mensch sind – welche Konsequenz hätte das? Was würden Sie dann tun?“

Viele Menschen glauben, dass sie für eine Veränderung in ihrem Leben zuerst ihre Einstellung ändern müssten, dann würde ein neues Verhalten und entsprechende Gefühle nachfolgen. Also, wer mit seinem unfreundlichen Nachbarn im Clinch liegt, sollte zuerst seine ablehnende Einstellung ihm gegenüber aufgeben und den Nachbarn eben so akzeptieren, wie er ist.

Meine Erfahrung zeigt mir das Gegenteil: Erst muss ich mich anders verhalten, dann folgen meist die veränderte Einstellung und auch die Gefühle. Also konkret: Man beginnt, den Nachbarn zu grüßen, versucht einen Smalltalk, erkundigt sich – und das immer wieder.

„Was ich tun würde, wenn ich glauben würde, dass ich ein guter Mensch bin?“ hing Ruth B. noch dem Gedanken nach.
„Ich denke, ich würde mich dann von meinem Mann leichter trennen, weil mir das helfen würde, bei mir zu bleiben. Wenn ich das Gegenteil denke, also dass ich kein guter Mensch bin, würde ich diesen Schritt nicht wagen, weil ich denken würde, ich müsste meine Schlechtigkeit irgendwie ausgleichen, indem ich bei ihm bleibe.“

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Bild: Darya Ostrenko iStock.com

Die eigene Selbstorganisation erforschen: Warum denke ich, was ich denke?

Im Zentrum der Methode „Lebensthemen klären“ steht die Selbsterforschung durch Achtsamkeit. Der Klient lernt, sein Erleben, seine automatischen Muster der Selbstorganisation aus der Position des „Inneren Beobachters” neugierig zu erkunden. Dabei gibt es immer wieder Überraschungen, denn man entdeckt, dass man etwas anderes glaubt als man denkt.

Ron Kurtz, der Begründer HAKOMI-Methode erzählte mal dazu:
Ich habe vor Jahrwn einen Vortrag auf einer Psychologiekonferenz in Wien gehalten, da waren ungefähr zweihundert Leute, Deutsche und Österreicher, im Publikum. Ich bat sie, achtsam zu werden und gab ihnen etwas Zeit dafür.  Zuerst sagte ich ihnen jedoch, dass sie ihrem Nachbarn sagen sollten, ob sie überzeugt wären, dass sie ein guter Mensch sind. Und wie ihre Reaktion sein würde, wenn sie den Satz von jemand hören würden.
Dann wurden sie achtsam und ich sagte zu ihnen den Satz: „Du bist ein guter Mensch.“
Und von zweihundert Leuten hatten 80 Prozent oder mehr es falsch vorhergesagt – sie hatten nicht gewusst, wie ihre Reaktion sein würde. Ungefähr 60 Prozent von ihnen wurden plötzlich traurig; manche bekamen Tränen in den Augen, einige fühlten sich erleichtert.
Das liegt daran, dass es in unseren Kulturen einen impliziten Glauben gibt, dass „wir keine guten Menschen sind“.

„Und jetzt?“, wandte ich mich wieder der Klientin zu.
„Darf ich denn bestimmen, was ich glaube?“, fragte Ruth B.
„Wer sonst sollte das in Ihrem Leben am besten tun?“


 

Nach eineinhalb (!) Jahren bekam ich ein Lebenszeichen von Ruth B.
Bewegte Zeiten lägen hinter ihr. Zwei Monate nach unserem Coaching sei sie aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen – um nach drei Wochen wieder zurückzukommen. Das habe sich nochmal wiederholt und ihr ihre Zerrissenheit gezeigt aber auch die starke Bindung zu ihrem Mann.
Danach habe sie sich eine Wohnung in derselben Großstadt gesucht und sei dabei, sich ihr eigenes Leben aufzubauen. Mit ihrem Mann treffe sie sich etwa alle sechs bis acht Wochen für einen Tag zum Wandern oder Konzertbesuch und beide würden diese Zeit genießen, seien aber auch froh, wenn danach jeder wieder in sein eigenes Leben zurückkehren könne. Und durch die räumliche Distanz würden sie auch bei ihren Treffen viel mehr miteinander reden.
Unsere Sitzung damals helfe ihr immer noch. Vor allem wenn sie sich abgrenze und dann doch schnell ein schlechtes Gewissen bekäme, wenn der andere enttäuscht ist. So könne sie dann schnell erkennen, dass sie wieder glaube, dass sie ein schlechter Mensch sei. Aber das würde sie jetzt immer seltener glauben.



Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

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PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

3 Kommentare

  1. Sylvia Schodruch sagt

    Als ganzheitliche Scheidungsanwältin und Trennungsmentorin war für mich der Kernsatz ( auch wenn ich alles andere sehr genossen habe!): “ Entscheidend ist, dass man bei sich bleibt.“ Scheidung ist im Alter in verfahrenen Situationen immer nicht die einzige Lösung, manchmal geht auch (nur) eine Trennung. Wichtig ist in meinen Augen, dass jeder Mensch individuell bei dieser Gelegenheit (endlich mehr) mit sich selbst in Verbindung kommt und auch damit weiter macht. Das gilt übrigens in jedem Alter;-) Danke für Ihre wertvollen Beiträge und Ihre Ruhe beim Vermitteln♥

  2. Brigitte Kraxner sagt

    Wieder einmal ein wunderbares Beispiel. Auch im Alter kann eine Trennung gelingen. Viel Glück für Ruth B.
    Ich höre achtsam hin und lerne.
    Für mich und meine Arbeit als Krankenschwester in der offenen Psychiatrie.
    Vielen Dank.

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