„Wieviel schuldet man seinen Eltern?“, fragte der Mann im Coaching.

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Bild: Henfaes iStock.com

Kinder kosten Geld, Zeit und Nerven. Und das mindestens zwanzig Jahre und länger. Viele erwachsene Kinder haben das Gefühl, ihren Eltern deshalb etwas zu schulden. Und manche Eltern fordern das auch regelrecht ein. Aber ist diese Vorstellung richtig? Und wie lässt sich diese Schuld zurückzahlen?
Lesen Sie hier, wie mein Klient durch Wohlverhalten in eine Falle geriet.

„Ich habe lange gezögert, den Coachingtermin bei Ihnen zu buchen“, begann der Klient im Online-Coaching, „weil ich mein Anliegen so egoistisch finde.“

Am Bildschirm saß mir Uwe F., gegenüber, 42 Jahre, verheiratet, zwei kleine Kinder, von Beruf Steuerberater. Ein egoistisches Anliegen? Was könnte das sein? War er fremdgegangen? Wollte er sich trennen und hatte Schuldgefühle wegen der Kinder?

„Wie sind Sie denn auf mich gekommen?, fragte ich, um nicht gleich nach dem anscheinend unangenehmen Anliegen des Klienten zu fragen.

„Ich habe im Netz Informationen gesucht, wenn die Eltern einen nicht loslassen, was da dahintersteckt und wie man sich davon befreien kann. Und da stieß ich auf Ihre Artikel und Ihr Buch.“
„Ah, Sie meinen das mit dem Titel ‚Frauen wollen erwachsene Männer‘“?
„Ja genau, der Titel traf mich wie ein Blitz, denn das sagt meine Frau immer zu mir, dass ich endlich erwachsen werden müsse.“

„Finden Sie das denn auch?“, erkundigte ich mich.
„Ich weiß nicht so genau. Eigentlich bin ich ein Mann, der voll im Leben steht, ich habe eine gutgehende Steuerberaterkanzlei mit fünf Angestellten, bin verheiratet, habe zwei Kinder. Soweit alles gut.“

„Aber Ihre Frau scheint noch etwas anderes wahrzunehmen in Ihnen, etwas anderes als den Mann, der voll im Leben steht?“
„Ja, das stimmt und das hat mit meinen Eltern zu tun. Damit Sie mich nicht missverstehen, ich liebe meine Eltern. Ich bin Einzelkind und sie haben mir immer alles ermöglicht. Aber sie sind schon etwas eigen.“
„Etwas eigen, was meinen Sie damit?“
„Meine Frau nennt es übergriffig, invasiv, respektlos, aber ich finde, das ist zu hart. Sie meinen es ja immer gut, mit dem, was sie tun.“

„Haben Sie mal ein Beispiel, was Ihre Frau übergriffig findet und Sie aber gutgemeint?“
„Ach, da gibt es viele Beispiele. Zum Beispiel haben meine Eltern uns vor Jahren ein komplettes Meißner-Service geschenkt. Eigentlich weitergereicht, denn es gehörte ursprünglich der Mutter meiner Mutter. Meine Frau fand das Service scheußlich, ich fand es nicht so schlimm, eben etwas altmodisch und nicht zu unserem Einrichtungsstil passend. Also räumten wir es in den Keller. Da dort wenig Platz ist, hatte meine Frau vor einem halben Jahr die Idee, wir könnten es auf ebay verkaufen. Es ist ganz schön viel wert, da würde glatt ein Urlaub für uns dabei rausspringen.“

„Und was soll Ihrer Meinung nach mit dem Service passieren?“, fragte ich Uwe F.
„Auf ebay verkaufen geht gar nicht. Schon letzte Weihnachten, als meine Eltern bei uns zum Essen waren, erkundigten sie sich, warum wir nicht das „gute Meißner“ aufgelegt hatten. Ich sagte, mit den Kindern wäre so ein teures Service riskant, wir würden es für später aufbewahren. Aber das war natürlich eine Notlüge. Und ich könnte meinen Eltern nie sagen, dass wir es auf ebay verkauft haben.“

„Warum nicht, es ist doch ein Geschenk. Und mit einem Geschenk kann man machen, was man will.“
„Genau dasselbe sagt auch meine Frau. Aber ich habe das Gefühl, dass ich meinen Eltern es schulde, dass ich das Service aufbewahre. Oder eigentlich schulde ich ihnen, dass wir es auch benutzen.“

„Obwohl es Ihnen nicht so recht gefällt – und Ihrer Frau auch nicht.“
„Ja, aber es sind doch meine Eltern. Schuldet man den Eltern nicht Respekt und Rücksicht?“

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Ist Geborenwerden schon eine Schuld?

Uwe F. mit seinem Anliegen ist in meiner Coachingpraxis kein Einzelfall. Ich habe öfters Klienten, die in Bezug auf ihre Eltern hin- und hergerissen sind zwischen dem Wunsch sich abzugrenzen und dem schlechten Gewissen, das sie dabei haben und dem sie dann auch meistens nachgeben.

Hier einige Beispiele:

Während des Urlaubs haben die Eltern der Frau die Schlüssel zum Haus bekommen, um nach dem Rechten zu schauen und den Garten je nach Witterung zu wässern.
Als das Paar zurückkehrt, fällt der Frau ein seltsamer Geruch in der Wohnung auf, der vom Desinfektionsmittel herrührt, mit der die Mutter alle Schränke, Fußböden und … gereinigt hat. Der Mann entdeckt, dass sein liebevolles Kräuterbeet umgegraben wurde und einer Bananenstaude weichen musste. Das Paar hat Hemmungen, die Eltern darüber zu informieren.

Der Schwiegervater hat extreme politische Ansichten und verbreitet diese gern bei Familienfesten. Er merkt nicht, wie das regelmäßig die Stimmung tötet, weil er andere Argumente gar nicht anhört, sondern seine Position mit immer abstruseren Theorien und wachsender Lautstärke verteidigt. Die Tochter hat es aufgegeben, Stellung zu beziehen, hindert aber auch ihren Mann, den Vater zu begrenzen.

Eine Tochter hat ein lukratives Jobangebot in der Schweiz bekommen. Bisher hat sie sich zweimal die Woche um ihren alten Vater (79) gekümmert, ihn bei Haushaltsdingen und Schriftverkehr unterstützt. Zwei ältere Geschwister leben in den USA, sie als Jüngste ist bisher die einzige, die sich um den Vater kümmert. Das wäre aus der Schweiz nicht machbar. Tagelang grübelt sie über diese Entscheidung. Mit dem Vater das zu besprechen, hat sie sich bisher nicht getraut, aus Angst, ihn zu verletzen.

Es geht in allen drei Beispielen um die Frage, ob ein Erwachsener in besonderer Weise auf seine Eltern Rücksicht nehmen muss – und zwar weil es sich um seine Eltern handelt.

Anders gesagt: Ist Geborenwerden und lebenslang Kind sein ein Zustand, der mit besonderen Verpflichtungen verbunden ist – ähnlich der Erbsünde in der katholischen Kirche?


 

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Wer glaubt, den Eltern etwas zu schulden, kann sich wie Sisyphus fühlen.

Was Sie Ihren Eltern alles nicht schulden.

Viele Menschen haben Schwierigkeiten, zu irgendjemandem „Nein“ zu sagen. Und das „Nein“ zu den Eltern kann besonders schwierig sein. Immerhin lieben die meisten von uns ihre Eltern und sind dankbar für alles, was sie uns gegeben haben. Aber es gibt einige Dinge, die Sie Ihren Eltern nicht schulden, egal wie viel sie für Sie getan haben.

Dazu gehören (nach Suzannah Weiss):

  • Ihre Zeit
  • Ihr Geld
  • Ihren Platz, wo Sie leben
  • Ihre Gefühle
  • Ihre Gedanken
  • Ihre Meinungen
  • Ihr Glauben
  • Ihre politischen Überzeugungen
  • Ihre Kinder
  • Ihre Interessen
  • Ihr Partner

Natürlich können Sie aus dieser Liste davon etwas Ihren Eltern „geben“, aber es sollte Ihre freie Wahl sein und nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung kommen.

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Bild: Andrea Piacquadio

Der Glaube, dass Kinder den Eltern etwas schulden, hat eine lange Tradition.

In vielen unterschiedlichen Kulturen werden Kinder als Arbeitskräfte, Miternährer der Familie und als „Versorger“ der Eltern bei Krankheit und im Alter gesehen und gebraucht. In den meisten Entwicklungsländern gibt es für die armen Familien keine Möglichkeit der privaten Kapitalbildung, um für Krankheitsfälle und andere Notsituationen vorzusorgen. Ein System der Absicherung bei Krankheit oder Not, ist, wenn überhaupt, nur für „Besserverdienende“ zugänglich. Hier sind die Kinder oft die einzigen, die für die Eltern sorgen können.

Aber auch in Deutschland spielt die „Rückzahlungsschuld“ eines Kindes an die Eltern eine wichtige Rolle. Im sogenannten „Rabenvater-Urteil“ von 2014 (!) zum Beispiel verpflichtete der Bundesgerichtshof einen erwachsenen Sohn dazu, sich an den Pflegekosten seines Vaters zu beteiligen, obwohl der Vater bereits Jahrzehnte zuvor den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte.

Man wird die Eltern nicht los!, mag mancher aufstöhnen. Und das ist ja tatsächlich so. Von Ehepartnern kann man sich lösen (meine Exfrau), mit der Herkunftsfamilie klappt das nicht. Es gibt keine Ex-Mutter oder Ex-Bruder. Sie bleiben, was sie immer waren.

„Gibt es noch mehr Situationen, wo Sie das Gefühl haben, Ihren Eltern etwas zu schulden.“

Uwe F. zögert einen Moment, als würde er überlegen, ob er das sagen dürfe und antwortet dann:

„Na ja, es sind unsere Urlaube. Meine Eltern laden uns manchmal zu einem Urlaub ein, den wir uns als Familie nie leisten könnten. Wir waren zum Beispiel dadurch zwei Wochen auf Mauritius in einem tollen Hotel. Das ist auch immer sehr schön, aber da sind wir dann auch die meiste Zeit zusammen, meine Eltern und wir.“
„Und Sie würden lieber allein Urlaub machen – ohne Eltern?“,
vermutete ich.
„Ja, aber das ist nicht so leicht. Den Kindern gefällt es, meine Frau liebt die schicke Hotelatmosphäre und dass alles organisiert ist. Für meine Eltern ist es der Höhepunkt des Jahres. Ich bin der Einzige, der das nicht so toll findet.“

„Haben Sie das denn mal angesprochen?“
„Nicht so direkt. Weil wie gesagt, ich komme mir dann wie ein Spielverderber vor, denn alle anderen finden das ja super. Außerdem habe ich mal gewagt zu sagen, dass ich Weihnachten mal nicht möchte, dass meine Eltern zu uns kommen und wir alleine feiern können. Das war fürchterlich. Meine Eltern waren tief gekränkt, wochenlang war Funkstille zwischen uns. Erst meine Frau konnte das wieder einrenken.“

„Ihre Eltern gingen also davon aus, dass Sie es Ihnen schuldig sind, Weihnachten immer gemeinsam zu feiern?“
„Ja, das ist Tradition bei uns. Auch meine Eltern haben lange Zeit mit ihren Eltern das Fest verbracht.“

„Ihr erster Satz in unserem Coaching war, dass Sie Ihr Anliegen egoistisch finden. Was genau ist denn jetzt Ihr Anliegen hier?“, fragte ich den Klienten.

„Ich möchte wissen, ob man den Eltern etwas schuldet und wann die Schuld beglichen ist?
„Das beantworte ich Ihnen gern“, antwortete ich.


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Bild: Yan Krukov

Was schulden wir unseren Eltern?

Im Geschäftsleben ist die Sache ganz klar. Wenn die Bank Ihnen Geld gibt für eine Anschaffung oder den Hausbau, sind Sie verpflichtet, das Geld zurückzuzahlen. Und nicht nur die erhaltene Summe, sondern auch die bis dahin aufgelaufenen Zinsen.

Auch die Eltern investieren in ihr Kind viel, nicht nur Geld, sondern auch Zeit, Fürsorge und Energie. Gilt hier auch die Analogie vom Gläubiger (das wären die Eltern) und dem Schuldner (in diesem Fall das erwachsene Kind)?

Der griechische Philosoph Aristoteles sah das  in seiner Nikomachischen Ethik genauso. Nicht nur die Unterhaltskosten, sondern auch die durchwachten Nächte oder die kraftzehrenden Streitereien während der Pubertät: Mit all dem stehe das Kind in der Schuld gegenüber seinen elterlichen Gläubigern.

Folgt man dieser Analogie, entsteht die schwierige Frage: In welcher Währung muss die Schuld beglichen werden und wann ist sie getilgt?

Hier sind einige „Dinge“, bei denen Sie niemals das Gefühl haben sollten, dass Sie Ihren Eltern – oder eigentlich irgendjemandem – etwas schuldig sind.

  1. Das Leben, das Sie führen wollen.
    Eltern mögen Träume, Wünsche und Erwartungen für Ihre Zukunft haben, aber sie dürfen Ihren eigenen Träumen folgen.
  2.  Toleranz gegenüber Misshandlungen.
    Wenn jemand in Ihrer Familie Sie schlecht behandelt, müssen Sie das nicht hinnehmen, nur weil es die Familie ist. Sie müssen nicht ertragen, beschämt, gedemütigt, schikaniert, verraten oder in irgendeiner Weise missbraucht (körperlich, sexuell, emotional) zu werden.
  3. Opfern, wer Sie sind.
    Wenn es bedeutet, Ihrer Familie zu gefallen, Teile von Ihnen zu verstecken oder vorzugeben, jemand zu sein, der Sie nicht sind, müssen Sie es ihnen nicht recht machen. In gesunden Beziehungen geben Menschen sich gegenseitig Raum, Sie selbst zu sein. Wenn Ihre Familienbeziehungen dies nicht zulassen, ist es vielleicht an der Zeit, über das Setzen von Grenzen nachzudenken.
  4. Komfort
    Ihre Entscheidungen oder Eigenschaften könnten Ihrer Familie Unbehagen bereiten, aber es ist nicht Ihre Aufgabe, für ihr Wohlbefinden zu sorgen. So oft verstecken Menschen ihre sexuelle und/oder geschlechtliche Identität, ihre Interessen, ihre Karrieren und ihre Wahrheiten vor der Familie, weil sie glauben, dass sich ein Verwandter dadurch unwohl fühlen könnte.
    Doch das führt zu oberflächlichen Beziehungen und erheblichen Schwierigkeiten bei familiären Zusammentreffen.
  5. Zeit
    Während die Eltern vieler Menschen Zeit mit ihnen verbringen wollen, und das kann schön sein, wenn Sie es genießen, müssen Sie keine Zeit mit ihnen verbringen, wenn es Sie unglücklich macht oder Ihren Zielen in die Quere kommt. Während es wichtig ist, Zeit und Energie für Ihre Familie zu reservieren, sind Ihre persönlichen und beruflichen Ziele genauso wichtig. Ihre Ziele, Träume, Karriere oder Zukunft für Ihre Familie zu opfern, sollte nicht von Ihnen erwartet werden und wird wahrscheinlich zu Ressentiments führen, wenn Sie zu viel für Ihre Familie opfern.
  6. Glück
    Niemand ist für das Glück eines anderen verantwortlich. Natürlich ist es wichtig, freundlich zu anderen zu sein, aber Sie sollten nicht auf Zehenspitzen gehen müssen, um irgendjemanden glücklich zu machen, auch nicht Ihre Eltern.
    Verstehen Sie den wichtigen Unterschied zwischen dem Kümmern um Ihre Familie und dem Glücklichmachen. Es liegt nicht an Ihnen, Ihre Familie zufrieden zu stellen oder sie glücklich zu machen. Sie können Fürsorge und Unterstützung anbieten, aber Sie müssen nicht mit allem einverstanden sein oder mit allem mitgehen, was sie sagen, dass Sie tun sollten oder wichtig ist.
  7. Hilfe
    In einer Familie sich gegenseitig zu helfen, kann eine gute Erfahrung sein. Aber das bedeutet nicht, dass Sie sich von jedem Familienmitglied für jede Kleinigkeit benutzen lassen müssen, bei der es Hilfe braucht.

 

„Ihre Frage war vorhin, ob Sie Ihren Eltern etwas schuldet und wann die Schuld beglichen ist. Was ist denn Ihre Meinung dazu?
„Ich finde schon, dass man seinen Eltern etwas schuldet, schließlich haben sie viel auf sich genommen.“
„Ich nehme an, Ihre Eltern sehen das auch so?“
„Ja natürlich. Ich rufe zum Beispiel alle zwei Tage bei ihnen an. Als ich mal in der Firma viel zu tun hatte, sagte ich meinen Eltern, dass mir die Telefonate derzeit zu viel sind und ob wir es auf einmal die Woche reduzieren könnten. Das Donnerwetter hätten Sie mal hören sollen. Alle paar Tage mal ein Anruf, das sei doch das Mindeste, was man seinen alten Eltern schulde. Andere Kinder würden täglich mit ihren Eltern telefonieren.“

„Wie haben Sie sich nach dem Telefonat gefühlt?“, fragte ich Uwe F.
„Ziemlich schlecht. Ich dachte, sie haben ja recht. Sie sind den ganzen Tag allein und ich als einziger Sohn bin doch verpflichtet, ihnen das Leben etwas zu erleichtern.“

„Sind Sie nicht“, sagte ich.
„Wie bitte?“
fragte der Klient konsterniert.
„Sie haben schon richtig gehört. Sie sind nicht verpflichtet, das Leben Ihrer Eltern zu erleichtern.“
„Aber es sind doch meine Eltern.“

„Sie meinen also, dass Sie Ihren Eltern etwas schulden, weil Sie sie gezeugt, geboren und großgezogen haben.“
„Ja natürlich, ist das denn nicht so?“
„Mal anders gefragt, wenn Sie Ihren Eltern etwas schulden, weil sie Sie geboren haben – wann ist die Schuld denn beglichen?“
„Was für eine Frage? Darf man das denn überhaupt fragen?“

„Ich finde schon. Wenn Ihre Eltern Ihre Gläubiger sind und Sie der Schuldner, wäre es doch wichtig zu wissen, wann Ihre Schuld abgeleistet ist.“
„Ich fürchte, nie!“, konstatierte Uwe F. etwas resigniert.
„Das heißt, bis jetzt sind Ihre Rückzahlungsraten zu gering. Sie versuchen ja, die Schuld schrittweise zu tilgen, indem Sie Dinge Ihren Eltern zuliebe tun oder nicht tun. Das scheußliche Geschirr nicht verkaufen, zusammen in Urlaub fahren, alle zwei Tage anrufen. Aber wann werden Ihre Eltern sagen, dass Sie Ihnen nichts mehr schulden?“
„Das werden die nie sagen, weil die ja auch überzeugt sind, dass man das, was man von den Eltern bekommen hat, gar nicht zurückgeben kann. Die ganzen Jahre voller Mühe, Arbeit, Sorgen – und nicht zu vergessen das Geld.“

„Also erst, wenn Ihre Eltern mal gestorben sind und nichts mehr von Ihnen verlangen können, sind Sie frei?“, fragte ich nach.
„Theoretisch ja, aber ich würde mich wahrscheinlich auch dann schuldig fühlen, dass ich zu Lebzeiten nicht genug für Sie getan habe.“
„Wie geht’s Ihnen mit dieser Aussicht?“

„Schlecht, es fühlt sich an wie eine Falle, in die ich unverschuldet hineingeraten bin und nicht mehr rauskomme.“


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Die Beziehung zu den Eltern ist eine besondere.

In menschlichen Beziehungen wirkt ein, oft unbewusster, Ausgleichsmechanismus. Wenn jemand uns etwas gibt oder schenkt, haben wir den Wunsch, etwas zurück zu geben. Wer zum Essen bei Freunden eingeladen ist, bringt eine Flasche Wein oder einen Blumenstrauß mit. Kämen wir mit leeren Händen, hätten wir das Gefühl, undankbar zu sein und in der Schuld des anderen zu stehen.  Und der Gastgeber würde auch so empfinden. Wird eine solche Schuld nicht ausgeglichen, leidet die Beziehung. Nach einer Weile würden wir wohl nicht mehr eingeladen werden.

Lässt sich dieses Ausgleichsprinzip auch auf die Eltern-Kind-Beziehung übertragen? Denn die Kinder werden ja auch von den Eltern ins Leben eingeladen. Sie erhalten das Leben von ihren Eltern. Und in den darauf folgenden Jahren noch viel mehr.

Aber dieses „Geschenk“ kann kann nicht ausgeglichen werden. Einfach, weil das Kind ja bei dieser „Schenkung“ gar nicht beteiligt ist.

Schenkt eine Freundin uns zum Geburtstag ein Buch, mit dem wir nichts anfangen können, lässt sich das vielleicht vorsichtig ansprechen. Es verpflichtet uns nicht, es zu lesen oder darüber begeistert zu sein.

Als Kinder werden wir durch Zeugung und Geburt ins Leben „gestoßen“, in die Existenz „geworfen“ nennt es Sartre. Wenn die Gabe des Lebens nicht ausgeglichen werden kann, was mache ich dann? Bert Hellinger empfahl dazu als angemessene Haltung:

Ich nehme mein Leben, so wie ich es erhalten habe und ohne Abstriche an
– und ich mache etwas daraus.
Im günstigsten Fall geben ich das Geschenk des Lebens weiter,
nämlich an meine eigenen Kinder.

So gelingt im großen Kreislauf des Lebens der Ausgleich. Nicht, in dem wir das, was wir erhalten haben, den Eltern in gleicher Form zurückgeben. Sondern in dem wir es an andere weitergeben.

Nachdem ich das Uwe F. erklärt hatte, wurde er sehr nachdenklich und fragte:

„Und was heißt das jetzt in Bezug auf meine Frage, was ich meinen Eltern schulde?“
„Ganz einfach: nichts“, antwortete ich.
„Gar nichts? Das sehen meine Eltern aber ganz anders.“
„Ich weiß, für Ihre Eltern stehen Sie in einer lebenslangen Schuld. Aber Schuld hat in privaten Beziehungen nichts zu suchen.“
„Aber meine Eltern haben so viel für mich getan. So viel für mich geopfert. Durchwachte Nächte, tägliche Mahlzeiten, den Klavierunterricht, Kleidung und und und.“

„Aber Sie hatten als Kind nicht die Wahl, gezeugt und geboren zu werden. Bei dieser Entscheidung Ihrer Eltern waren Sie nicht beteiligt. Ihr Dasein war etwas, das Ihre Eltern aus eigenem Willen taten, wohl wissend, was es bedeutet, ein Kind zu haben. Und was Sie aufzählen, was Ihre Eltern alles für Sie getan haben – es ist schlicht die Pflicht von Eltern, für ihr Kind bestmöglich zu sorgen.“
„Das heißt, ich schulde ihnen nichts?“

„Richtig, Sie schulden Ihren Eltern nichts. Aber natürlich können Sie ihnen etwas zurückgeben, wenn Sie wollen.“
„Und was wäre das?
„Respekt und Dankbarkeit.“
„Das fällt mir auch schwer.“
„Ja, ich weiß, weil Sie mit Ihren Eltern noch zu sehr gebunden sind“,
sagte ich.


Wenn das Nest leer ist, brauchen die Eltern einen neuen Sinn.

Wie können sich Eltern und Kinder gut voneinander lösen?

Über die Frage, ob und wieviel und wie lange man dem anderen etwas schuldet, können manche Eltern und ihre Kinder lange streiten – ohne eine Lösung zu finden. Es fehlt dabei ein bestimmter Ablösungsprozess.

1980 machte ich während meines Psychologiestudiums ein Halbjahrespraktikum im Institut von Helm Stierlin. Er gilt als der Nestor der Familientherapie und der systemischen Therapie in Deutschland. In dieser Zeit entwickelte er sein Konzept der „bezogenen Individuation“.

Dieser Begriff beschreibt die gesunde Art der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern.

  • Die Kinder können sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten frei entfalten und entwickeln.
  • Die Eltern lassen ihren Kindern allen erforderlichen Freiraum und akzeptieren, dass diese ihre eigenen Wege finden.

Im Fall von Uwe F. hat dieser Prozess noch nicht stattgefunden. Die Eltern lassen ihn nicht los, weil sie überzeugt sind, dass er ihnen noch etwas schuldet. Und der Klient hat sich noch nicht genug abgelöst, erfüllt die geschuldeten Aufträge unwillig und versäumt bis jetzt eine klare Auseinandersetzung mit den Eltern, in der er deren Wünsche und Ansprüche zurückweist.

Aber die Eltern des Klienten müssen ihr Verhalten nicht ändern.

Das wäre zwar hilfreich, aber nicht ausreichend. Es ist das erwachsene Kind, das sich lösen muss. In meinem Coaching versuche ich, eine emotionale Erfahrung zu vermitteln, in der Klient erlebt, wo er festhängt. Wo sein Engpass ist. Denn das wirkt immer nachhaltiger als jede noch so kluge Erklärung.

Ich schlage dazu dem Klienten einen positiven Satz vor, den er aus einer achtsamen Beobachterposition heraus sagen soll – und dabei seine inneren unmittelbaren Reaktionen wahrnehmen kann. Deshalb sagte ich zu Uwe F.:

„Ich bitte Sie, sich innerlich Ihre Eltern vorzustellen,
dass sie Ihnen hier gegenübersitzen und sagen Sie zu ihnen mal den Satz:

Ihr lebt Euer Leben – und ich lebe mein Leben.“

Die Sätze, die ich vorschlage, sind immer Tatsachen oder „wahr“. Gibt es dazu im Klienten keinen inneren Konflikt, wird er als Reaktion neutrale Zustimmung erleben. Ja, ist so.

Doch Uwe F. reagierte erwartungsgemäß nicht so neutral. Er berichtete:

„Der Satz fiel mir schwer, schon als ich ihn von Ihnen hörte. Als ich ihn selber sagten sollte, kam er kaum über meine Lippen und ich fühlte mich seltsamerweise auch gleich wieder schuldig.“
„Inwiefern schuldig?“,
fragte ich nach.
„Es klingt aggressiv, dieses ‚Ihr habt Euer Leben, ich habe mein Leben‘. Das stimmt natürlich, aber das muss man ja nicht so deutlich aussprechen.“
„Ich glaube, für Sie wäre es gut, wenn Sie das mal so deutlich aussprechen. Denn Ihre Eltern denken ja eher: Dein Leben ist auch unser Leben. Und die Hemmung, die Sie bei dem Satz erlebt haben, bedeutet wahrscheinlich, dass Sie die Trennung spüren, die der Satz beinhaltet. Der Satz trennt Ihr Leben von dem Ihrer Eltern. Sie bleiben mit ihnen verbunden – aber Sie sind nicht mehr gebunden.“

„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, sagte der Klient gegen Ende der Sitzung.
„Das hängt davon ab, was Sie wollen.“
„Ich will mich nicht mehr schuldig fühlen, wenn ich etwas anderes will als meine Eltern.“
„Das wird Sie etwas kosten“, prophezeite ich.
„Was denn?“
„Einen dicken Konflikt mit Ihren Eltern. Den hätten Sie schon vor Jahren führen können, aber das geht auch jetzt noch.“
„Eigentlich will ich keinen Konflikt mit meinen Eltern.“

„Solange werden Sie den Konflikt in sich tragen, spätestens bei der nächsten Urlaubseinladung von Ihren Eltern oder wenn Ihre Kinder mal wieder von einem Großeltern-Wochenende zurückkommen.“
„Gibt’s denn keine Lösung in diesem Dilemma?“, fragte Uwe F. etwas verzweifelt.
„Doch, Sie kennen sie ja jetzt, aber Ihnen ist der Preis dafür zu hoch. Bis jetzt.“

„Was müsste denn passieren, dass Sie den Mut aufbringen, sich von Ihren Eltern deutlich abzugrenzen?“, machte ich noch einmal einen Versuch..
„Na ja, sie sprechen immer mal wieder davon, dass sie näher zu uns ziehen möchten. Am liebsten in unsere Nachbarschaft, denn das wäre dann einfacher mit der Kinderbetreuung und sie würden ja vielleicht auch mal pflegebedürftig.“
„Also das würden Sie nicht wollen?“, vergewisserte ich mich.
„Nein, unter keinen Umständen!“
„Aber es wäre doch so praktisch für alle Beteiligten“,
spielte ich den advocatus diaboli.
„Nein, das wäre wirklich meine Schmerzgrenze!“, beharrte Uwe F.

„Sie sind gut im Aushalten und im Verdrängen Ihres Ärgers. Ich fürchte, Ihre Eltern wissen das und nutzen es manchmal für ihre eigene Wünsche aus.“


 

Nach einem Monat bekam ich einen Anruf von Uwe F. Es ginge ihm nicht gut und ob wir noch einmal ein Coaching machen könnten. Seine Eltern hätten eine Wohnung zwei Straßen entfernt gekauft – ohne ihn und seine Frau darüber zu informieren. Als er sie deswegen zur Rede stellte, beteuerten sie, dass es doch eine Überraschung werden sollte, weil sie dachten, die Familie würde sich darüber freuen.

Ich antwortete, dass ein zweites Coaching wohl dasselbe Ergebnis bringen würde wie das erste. Aber die Aktion seiner Eltern wäre doch auch eine Chance für ihn, weil er dadurch näher an seine Schmerzgrenze gekommen sei. Und er könne jetzt prüfen, ob er seinen Eltern weiterhin noch etwas schulde. Oder ob er nicht vielleicht sich selbst und seiner Familie etwas schulde.


 

Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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kommentarWas meinen Sie dazu, ob man den Eltern etwas schuldet?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

17 Kommentare

  1. Nein, wir schulden unseren Eltern überhaupt gar nichts. Ich habe selbst zwei Kinder zur Welt gebracht. Ich sehe sie als großes Geschenk in meinem Leben und sie gaben mir auf so viele verschiedene Weisen viel mehr zurück, als ich ihnen gab. Wenn es je eine Schuld gab (und meiner Meinung nach gab es sie nie) – sie ist längst beglichen.

    Kinder gehören uns nicht, sie sind vollkommene, eigenständige Wesen und haben das Recht und sogar die Pflicht, ihr eigenes Leben zu entfalten. Nur so können sie ihre Talente mit der Welt teilen.

    Und das ist das Recht und die Pflicht von uns allen, die wir Kinder sind.

    Vielen Dank für den schönen Artikel.

  2. Susanne Kaßner sagt

    Sehr spannendes Thema! Danke, Roland.
    Das erlebe ich als Coach und als Person im Alter, wo die Eltern alt sind/werden, in vielen Gesprächen. Dabei begegnet mir, neben der Auseinandersetzung mit sich selbst, häufig auch die nahegelegte moralische Verpflichtung, die Kinder von anderen z.B. Verwandten offen oder verdeckt zu spüren bekommen.

  3. AnnaBarista sagt

    Nach Khalil Gibran kommen deine Kinder durch dich, gehören dir aber nicht. Ich finde das richtig und lebe danach. Meine Kinder kommen als Gäste zurück. Und das Gegenteil von gut ist „gut gemeint“.

    via YouTube

  4. Luise Haack sagt

    Danke für den Beitrag. Die Beziehung zu den Eltern ist wirklich einzigartig.

    via LinkedIn

  5. Karin Zickler sagt

    Danke für diesen großartigen Beitrag und Respekt
    vor Ihrer Leistung und auch davor, dass Sie dem
    Klienten zeigten, dass man und wie man Grenzen setzen kann. Dadurch, dass Sie klar kommunizierten, weitere Coachings bringen nichts, wenn alles gesagt wurde und er noch einmal nicht nur durch Worte sondern auch durch Ihre Handlung das lernen konnte.
    .
    Eine Ergänzung erlaube ich mir:
    Hilfreich kann für einen sich auf diese Art schuldig Fühlenden sein, ihn zu fragen, wie denn
    seine Eltern ihrerseits mit ihren Eltern umgegangen seien.
    Als Kind, Jugendlicher hat er da ja einiges mitbekommen und auch, was die seine Eltern „hinter den Kulissen“ geredet und wirklich gedacht haben.

    Liebe Grüße
    Karin Z

  6. Die Macht der Mächtigen kommt von den Ohnmächtigen. Die Eltern sind so übergriffig, weil der Klient es zu lange versäumt, ihnen seine Grenzen aufzuzeigen.
    Eine Psychotherapie hatte ich erwähnt, der Gedanke wurde aber nicht von ihm aufgriffen.
    Umgezogen ist das Paar nicht, aber nach einer Ehekrise musste er seiner Frau versprechen, sich gegenüber den Eltern klarer zu positionieren. Das versucht er seitdem.

  7. Anja Paul sagt

    Ich habe den Eindruck, der Klient braucht mehr Unterstützung, um sich gegen seine übergriffigen Eltern zur Wehr zu setzen. Vielleicht eine Psychotherapie. Es wäre doch jetzt spannend gewesen zu erfahren, wie die Geschichte weitergegangen ist. Vielleicht entschließt sich der Klient mit seiner Familie in eine andere Gegend zu ziehen, um weiter weg von den Eltern zu wohnen.
    Ehrlich, ich bin der Folge ziemlich wütend auf die Eltern geworden, die sich so in das Leben des Sohnes drängen. Die sind schon ziemlich dreist, indem sie ihren Sohn emotional unter Druck setzen. Die Wut müsste eher der Sohn verspüren.

  8. Veit Feger sagt

    KoppWichmann antwortet

    ….“Insofern kann ich mit Ihrer Argumentation mit dem mosaischen Gott nichts anfangen.
    Ich kenne auch nicht die Wahrheit, sondern versuche Konflikte, mit denen Menschen zu mir kommen, auf Basis ihrer inneren Konflikte besser zu verstehen und möglicherweise einen Ausweg zu finden. Insofern weiß ich, dass die Welt kein problembefreiter
    Ost ist, wie Feger mir unterstellt, sondern versuche selbsterzeugte Konflikte etwas weniger eng zu sehen. Und das Gefühl, den Eltern etwas zu schulden, ist immer ein arger Konflikterzeuger, wie in der Fallgeschichte deutlich wird.Insofern kann ich mit Ihrer Argumentation mit dem mosaischen Gott nichts anfangen.
    Ich kenne auch nicht die Wahrheit, sondern versuche Konflikte, mit denen Menschen zu mir kommen, auf Basis ihrer inneren Konflikte besser zu verstehen und möglicherweise einen Ausweg zu finden. Insofern weiß ich, dass die Welt kein problembefreiter
    Ost ist, wie Feger mir unterstellt, sondern versuche selbsterzeugte Konflikte etwas weniger eng zu sehen. Und das Gefühl, den Eltern etwas zu schulden, ist immer ein arger Konflikterzeuger, wie in der Fallgeschichte deutlich wird.“

    Sehr geehrter Herr Kopp-Wichmann,

    wenn Sie wollen, können Sie meine erneute Einlassung auch gern auf Ihre Website stellen.

    Erstens. Aristoteles ist KEIN Religiöser, aber man hat zwei Jahrtausende lang oder länger seine Ansichten für diskutabel erachtet.

    Zweitens. Wenn Sie so locker mit relativistischen Argumenten gegen Religionen herziehen (ICH sprach eigentlich nur vom DEKALOG, sonst von nichts), dann erklären Sie implizit, dass etwa das Tötungsverbot des Dekalogs unbeachtlich ist, weil es vielleicht in anderen Religionen andere Ansichten dazu gibt. Aus einer solchen Argumentation darf jeder NS-Mann folgern, dass man auch locker noch n paar weitere Millionen Juden, wenn es sie denn gibt, vergasen darf. – Ich glaub, wir haben uns vor einem Dutzend Jahren schon einmal wegen Ihres lockeren Relativismus in Sachen Religionen gestritten.

    Drittens. Weshalb mir aber diesmal die Zitierung des Dekalogs wichtig war, ist: Diese Gesetze liegen möglicher- oder sogar wahrscheinlicherweise jenem Problem zugrunde, das Ihr jüngster Patient hat. Weil dieser Dekalog, hier mit seinem fünften Gebot, doch immer wieder noch irgendwo in einigen Köpfen der westlichen Welt rumschwirrt.

    Viertens.
    „Was bin ich den Eltern schuldig?“ – Das KW-Rezept zur Lösung dieses Problems ist, wenn ich richtig verstand, denkbar einfach: „Skrupel – ha so was Blödes! Mach, was dir am angenehmsten ist!“ Sie, Herr Kopp-Wichmann, machen es Ihren Klienten (und wohl auch sich selbst) denkbar einfach.
    Auch Sie folgen einer ethischen Regel. Sie lautet: „Meine Patienten sollen es sich so angenehm wie möglich machen.“

  9. Sehr geehrter Herr Feger,
    danke für Ihren sehr langen und kenntnisreichen Kommentar, dem ich jedoch widersprechen möchte.
    Menschen haben verschiedene Glaubenssysteme und leben und argumentieren damit und daraus. Glaubenssysteme sind aber keine Wahrheiten, denn die Wahrheit kennt niemand. Zwar versprechen alle Religionen den Weg zur Wahrheit,
    da sie sich aber in vielen Punkten widersprechen, sind sie auch keien verlässliche Orientierung – es sei denn man glaubt daran. Und hält dann dieses Glauben für die Wahrheit.

    Insofern kann ich mit Ihrer Argumentation mit dem mosaischen Gott nichts anfangen.
    Ich kenne auch nicht die Wahrheit, sondern versuche Konflikte, mit denen Menschen zu mir kommen, auf Basis ihrer inneren Konflikte besser zu verstehen und möglicherweise einen Ausweg zu finden. Insofern weiß ich, dass die Welt kein problembefreiter
    Ost ist, wie Feger mir unterstellt, sondern versuche selbsterzeugte Konflikte etwas weniger eng zu sehen. Und das Gefühl, den Eltern etwas zu schulden, ist immer ein arger Konflikterzeuger, wie in der Fallgeschichte deutlich wird.

  10. Sehr geehrter Herr Kopp-Wichmann,

    Sie befassen sich in Ihrem jüngsten Rundbrief („Persönlichkeits-Blog“) mit Begriffen wie Dank, Dankbarkeit, Pflicht, Schuldigkeit etc.
    Das sind grundlegend PHILOSOPHISCHE Begriffe oder auch Begriffe aus Religionen. Erstaunlich, wie locker Sie einen Philosophen wie Aristoteles, zweitausend Jahre lang im Abendland als einer der größten Denker angesehen und von manchen Philosophen bis heute diskutiert, vom Tisch wischen! Erstaunlich, dass Sie die in der „westlichen Welt“ (auch im Islam) zentrale RELIGIÖSE Anweisung zum Gebiet Eltern-Kinder überhaupt nicht erwähnen, ein Gebot, vermutlich dreitausend Jahre alt und seit dieser Zeit unter jüdischen und dann christlichen Menschen wichtiggenommen, eines der sogenannten Zehn Gebote. Statt dessen zitieren Sie als guten Empfehler eine junge Frau aus den USA, Suzannah Weiss (die sich gern mit Orgasmusproblemen befasst) und einen in der Wolle „braunen“ Psychologen. Sei’s drum….
    Nun äußere ICH einige Gedanken zu einem GRUNDLEGEND PHILOSOPHISCHEN oder – dasselbe – einem ethischen Thema.
    Zentral ist sicher die Feststellung, dass wir ins Leben „geworfen“ werden, dass wir VOR unserem Leben nicht gefragt wurden, ob wir leben wollen oder nicht (und wo, wann etc. etc.). Dieses Geworfenwerden ist eigentlich vom „Schicksal“ uns gegenüber grundlegend unfair, nicht nur gegenüber uns „Geworfenene“, sondern auch gegenüber unseren Eltern, die bei der Zeugung nicht wissen, was da nachher aus dem Bauch der Schwangeren rauskommt. Schlussfolgernd könnt man sagen: Da wir von unseren Eltern nicht gefragt wurden, ob wir das Leben wollen, sind wir ihnen gegenüber auch zu rein gar nichts verpflichtet. Zu NICHTS. Und: wir sind ihnen natürlich unser GANZES LEBEN lang zu nichts verpflichtet.
    Ich selbst hing als Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener dieser Ansicht an; ich war der Meinung, meine Eltern seien, weil sie mich ja nicht gefragt hatten, immer, immer verpflichtet, für mich zu sorgen. Unser Staat verlangt das ja auch von Eltern für einen relativ langen Lebensabschnitt (und wie sich zeigt, ist es ein Gesetz-Streit-Thema, WIE lang die Verantwortlichkeit von Eltern für ein Kind dauert, bis zu welchem Alter, zu welchem Studienabschluss etc. etc.).
    Ich habe dann durch das Leben selbst gelernt, dass meine Einstellung „Eltern sind schuld an meiner Existenz, also müssen Sie mich für immer bedienen“ vielleicht philosophisch gut begründet ist, aber sich lebenspraktisch ganz ungut auswirkt. SELBSTverantwortlichkeit für unser Leben ist ein hoher Wert, wird meist auch so angesehen, auch von Psychologen wie Herr Kopp-Wichmann. Und es ist für das jeweilige Menschenleben von Vorteil, wenn ein Kind früh zur Selbstverantwortlichkeit erzogen und zugelassen wird. Ich habe Menschen beobachtet, die früh ihr Leben selbst in die Hand nahmen, auf elterliche Hilfe verzichteten, ich fand: sie kamen erstaunlich gut mit dem Leben zurecht.
    Also: Einen Lebenslauf „einrichten“ mit möglichst viel Selbstverantwortlichkeit ist demjenigen, der das irgend schafft, nur zu wünschen. Wenn aber ein Kind behindert ist, endet die Verantwortung der Eltern für ein solches Kind womöglich NIE. Sie ist, wie man immer wieder beobachten kann, ein schreckliches Alp für diese Eltern, weil sie wissen, dass sie früher sterben und dann einen hilfsbedürftgen Menschen allein lassen.

    „Dankbarkeit der Kinder“ ist eine Forderung, die Kinder als Zumutung empfinden dürfen, weil sie ja nie gefragt wurden, ob sie leben wollen. Aber die vom mosaischen Gesetz empfohlene besondere Haltung von Kindern gegenüber Eltern, das Die-Eltern-Ehren, -Würdigen, ist eine Haltung, von der – kurios – die Kinder selbst auch profitieren (Ich erkläre mir unter anderem mit diesem Gebot und seiner – erwartbar höheren Befolgungschance – die erstaunliche Langlebigkeit des jüdischen Volkes und seine erstaunliche, kulturelle fast weltweit einmalige Höhe).
    Eltern, denen gesagt wird: „Ihr habt das Kind nicht gefragt, ob es geboren werden will, also ist das Kind auch zu keinem Dank verpflichtet“, diese Eltern werden möglicherweise auf ein Niveau Tier-ähnlicher Gleichgültigkeit gegenüber dem Nachwuchs regredieren („Eine Zeitlang wird das Tierkind gefüttert: Wenn es dann nicht selbständig ist, wird es aus dem Nest geworfen.“)

    Wenn Eltern, wie es der mosaische GOTT fordert, von ihren Kindern anders als ANDERE Menschen zu behandeln sind, ehrender (was nicht ohne Dankbarkeit vorstellbar ist), dann werden sich die Eltern mit mehr Bereitwilligkeit dem (ab und zu ja sehr mühevollen, unangenehmen) Geschäft der Kindererziehung hingeben. Sie dürfen ja (laut Gott) für ihre Arbeit von den KINDERN eine Ehrung, eine Würdigung erwarten; sie haben ein religiös fundiertes Recht, das zu erwarten. Und sie erteilen den Kindern nicht selbst die entsprechende Anweisung, sondern das macht angenehmerweise der Liebe Gott. Weil die Eltern von den Kindern zu Recht eine besondere Haltung erwarten dürfen und sich deshalb aber auch besonders anstrengen, werden meines Erachtens grade auch die KINDER die Profiteure dieses Gebots, obwohl es nur als FORDERUNG an sie daherkommt und nicht als Forderung-an-die-Eltern. Der mosaische Gesetzgeber scheint davon auszugehen, dass sich Eltern gemeinhin sowieso um ihre Kinder kümmern, dass man IHNEN also keine Vorschriften betreffend ihren Umgang mit den Kids machen braucht.

    Nicht-Verpflichtung von Kindern gegenüber Eltern wird, wenn ich recht lese, übereinstimmend von Kopp-Wichmann und Suzannah Weiss für richtig angesehen. Die Folge könnte auch sein, dass die Eltern sich nur als Opfer biologischer Steuerung ansehen und nicht als ethisch verpflichtet zu einem richtigen, guten Erzieherverhalten. Auch die Eltern könnten sich so gut aus einer Verantwortung entlassen ansehen wie ihre Kinder. Die Kinder müssten das büßen. Und vielleicht auch aus diesem Grund sahen sowohl Aristoteles wie der mosaische Gesetzgeber eine – GEGENSEITIGE – Verpflichtung von Kindern und Eltern angebracht.
    Eine solche Verpflichtung kann nicht ohne Kosten von Zeit etc. ausgeübt werden, (was Suzannah Weiss glaubt). Wer seine Eltern ehrt, muss ihnen zwangsläufig auch dankbar sein und eine gewisse Zeit opfern.
    Ethische Pflichten können nicht immer, wie Kopp-Wichmann zu glauben scheint, mit dem Lust-Prinzip vereinbart werden. Das Problem kann also nicht heißen: Kinder sind zu nix verpflichtet, weil sie sich dann einen Selbstzwang auferlegen müssen, sondern das Problem muss leider heißen: Eltern und Kinder sollten über die gegenseitigen Pflichten diskutieren und – hoffen wir mal – vielleicht einen Konsens finden :-).
    Kurios die von Kopp-Wichmann zustimmend zitierte Empfehlung Bernd Hellingers: Was die Eltern den Kindern geben, sollen diese IHREN Kindern weitergeben. Aber nach allgemeinem Verstand gilt: Wenn A dem B was schenkt, dann hat sich B nicht bei C zu bedanken und das A-Geschenk an C weiterzugeben, sondern der Dank geht und hat halt zu gehen an den SCHENKER, also A. – Indes: unter den bei Hellinger naheliegenden „völkischen“ Vorstellungen wird aus seiner Empfehlung „A beschenkt B, der beschenke dann C“ ein Schuh daraus, leider ((

    Was Kopp-Wichmann so gern vermeiden möchte, was eigentlich jeder Mensch gern vermeiden möchte, ist leider mit unserer blöden Existenz unvermeidlich verknüpft: Menschen können – egal, was sie tun – schuldig werden. Die Welt ist leider kein Zuckerschlecken, sondern oft genug ein TRAGISCHER Ort, in dem miteinander unvereinbare, aber trotzdem jeweils begründete Forderungen aufeinander prallen – eine Welt, in der es nicht im Endeffekt so problembefreit zugeht, wie das Kopp-Wichmann für möglich zu halten scheint.

    Veit Feger, Ehingen 15.7.21.

  11. Stimmt genau, es muss eine Trennlinie geben. Aber die zu finden, wenn man sich den Eltern gegenüber schuldig fühlt, ist schwer.

  12. Marroca1n sagt

    Sind den die Eltern den Kindern etwas schuldig? Ich finde die Entwicklung vieler Dinge heutzutage zum kotzen.. Keine Werte mehr, nur noch der Egoismus, das Eigenwohl werden proklamiert. Stecken wir doch die Kinder von Geburt an in KITAS, dann können die uns später in Altersheime verfrachten. Oder man benutzt mal seinen Verstand, seine Empathie und sorgt füreinander. Ein geben und nehmen auf beiden Seite bei dem man auch mal ein wenig Zurücksteckt. Es muss schon eine Trennlinie geben aber wo man die ansetzt ist heutzutage fragwürdig.

    via YouTube

  13. DANKE!!! Ich bin zutiefst gerührt beim Hören Ihres Podcasts, musste lachen und weinen und habe mich in der Situation des Klienten wiedergefunden.
    Spannende Frage, wie viel ich meinen Eltern schulde, und spannende Antwort.
    Von Herzen Danke für diese Perlen der Einblicke in Ihre Arbeit und unsere Köpfe 😊

  14. Thomas Killer sagt

    Vielen Dank für den Beitrag zu einem sehr wichtigen und im Coaching häufig thematisierten Thema! Ich habe es mit Freude gelesen.

    via LinkedIn

  15. Bernd Sieslack sagt

    Höre ich mir sehr gern morgen an, das Foto hat mich schon sehr berührt.
    Volltreffer, danke!

    via LinkedIn

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