„Durch den Unfall habe ich mein Leben zerstört!“, sagte der Mann im Coaching.

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Bild: JOHNGOMEZPIX iStock.com

Ob meine Praxis rollstuhlgerecht wäre, lautete die nüchterne Mailanfrage. Ohne Anrede. Ohne Begründung der Frage.

Ich überlegte einen Tag, ob ich auf die Mail antworten sollte, denn Unhöflichkeit kann ich nicht leiden.
Dann schrieb ich doch zurück, auch ganz knapp: „Leider nein. Warum ist das wichtig?“

„Pling!“ Die Antwort des Unbekannten kam fünf Minuten später in Form eines Links auf einen Artikel im Ärzteblatt, nachdem nur rund ein Drittel der Arztpraxen in Deutschland ohne Treppen zu erreichen wären.

Die erste Kontaktaufnahme eines Klienten ist für mich immer aufschlussreich. Denn darin zeigen sich erste Informationen über den Menschen und seine Art, mit anderen in Beziehung zu treten.

  • Zeigt er, wie beschäftigt er ist?
    „Mein Chef, Dr. Huber möchte gern ein Coaching mit Ihnen vereinbaren. Nennen Sie mir mindestens fünf Termine.“
  • Strapaziert er meine Geduld?
    Gegen Ende eines dreiseitigen Anschreibens mit Lebenslauf, Therapiegeschichte und  erfahre ich, dass der Klient skeptisch ist, ob ich ihm überhaupt helfen kann.
  • Macht er mir Schuldgefühle?
    „Ich finde Ihre Honorare reichlich überzogen. Zumal Sie mit dem Leid anderer Ihr Leben finanzieren. Gibt es einen Sondertarif für Menschen , die …?“
  • Sieht er in mir einen mächtigen Zauberer?
    „Sie sind meine letzte Rettung! Ich war bei allen wichtigen Heilern und keiner konnte mir helfen. Jetzt lege ich mein Schicksal in Ihre Hände.“
  • Verlangt er Beweise meines Könnens?
    „Bitte schicken Sie mir eine Aufstellung Ihrer Coachingausbildungen und eventueller Zusatzfortbildungen.“
  • Will er mein Mitleid erregen?
    „Ich bin nur eine kleine russische Frau mit schlechte Deutsch. Mein Man will, dass unsere Ehe besser werden soll und würde Ihr  Honorar bezalen. Aber ich klaube nicht, dass mein Propläm wichtisch genug für sie ist.“

Aber egal, was jemand mir schreibt, ich nehme prinzipiell fast jeden, der fragt. Denn jeder ist in Not und ist nicht durch Zufall auf meine Seite gekommen.  Und – ich mag Herausforderungen.

Weil der Zugang zu meiner Praxis nicht barrierefrei ist, bot ich an, das 3-h-Coaching in einem Hotel in Heidelberg zu machen. Der Unbekannte willigte ein.


 

„Sie müssen mir helfen, damit aufzuhören, mein Leben zu zerstören.“

Zwei Wochen später empfing mich mein neuer Klient in der Penthouse-Suite des besten Hotels in Heidelberg. Marcel Z., Inhaber einer Softwarefirma, 36 Jahre alt.

„Kaffee, Tee, Wasser?“
„Grünen Tee, wenn es nichts ausmacht“, antwortete ich.
„Welche Sorte? Jasmin, Gyokura oder Bancha?“
„Dann Jasmin“,
entschied ich.

Bis der Tee kam stand ich auf und bewunderte den Blick auf das Heidelberger Schloß meiner Geburtsstadt, den ich von hier noch nicht kannte. Wie sich herausstellte, war der Klient in Mannheim geboren, lebte aber jetzt in Stuttgart.

„Sie müssen mir helfen, damit aufzuhören, mein Leben zu zerstören“, kam Marcel Z. gleich zur Sache.
„Mit achtzehn hat mich ein Autofahrer umgefahren. Aber es war meine Schuld, er hatte Vorfahrt. Er hatte keine Chance mir auf dem Fahrrad auszuweichen. Und seitdem sitze ich in diesem verdammten Ding!“, stieß der Klient hervor und schlug mit der Faust auf die Armlehne seines Rollstuhls.
„Dieser Unfall hat mein Leben zerstört!“

Wie ein Klient sein „Problem“ schildert, also, welche Geschichte er darüber erzählt, ist auch wichtig für mich.

  • Geschichten bestimmen sein Anliegen, seine bisherigen Lösungsversuche – und seinen Engpass.
    Also die Erklärung, warum er das „Problem“ immer noch hat.
  • Geschichten bestimmen, wie der Menschen sich verhält, warum er sich so fühlt und welchen Sinn er aus einer Situation abgeleitet hat.
  • Die Geschichten, die Menschen über sich erzählen, sind immer subjektiv.
    Deswegen erzählen Paare oft den gleichen Vorfall völlig unterschiedlich. Mit der Geschichte bestimmt der Erzähler, welche Informationen betont und welche ausgelassen werden. Sie ermöglichen oder verbauen die Perspektiven, die ein Mensch über sein Leben hat.
  • Diese ausgelassenen Teile einer Geschichte sind besonders bedeutsam für mich. Meine Fragen dienen dazu,  Intentionen, Wendepunkte und unbewusste Bedeutungen aufzuspüren.
  • Wenn ich verstehe, auf welche Weise und warum der Klient seine Geschichten so erzählt, können wir wahrscheinlich gemeinsam eine neue Geschichte „schreiben“.

 

Die Bedeutung hinterfragen.

Sprache ist nie neutral. Selbst die Aussage „Eins und eins ist zwei“ kann angezweifelt werden oder als Beleidigung interpretiert werden („Weiß ich selber!“).

Deswegen achte ich im Coaching darauf, welche Metaphern, welche inneren Bilder durch meine Worte ausgelöst werden können. So wie schon Epiktet wusste: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigensondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“

„Sie meinen also, der Unfall damals hat Ihr Leben zerstört?“, fragte ich Marcel Z.
„Ja natürlich, was denn sonst?“, antwortete der Klient verständnislos. „Können Sie sich vorstellen, wie es ist, nicht mehr laufen zu können? Für viele Dinge im Alltag Hilfe zu brauchen?“
„Kann ich nicht“,
antwortete ich wahrheitsgemäß. „Aber erzählen Sie mir, was Sie hinter sich haben.“

Marcel Z. beschrieb die Phasen, die Menschen nach einem schweren Verlust durchmachen. Zuerst die

  • Schockreaktion, in der er sich zwei Monate in seiner Wohnung einschloß und niemanden sehen wollte.
  • Dann die Verleugnung, in der er alle Forschungsansätze verfolgte, die bei Querschnittslähmung eventuell helfen könnten.
  • Dann die Regression, in der er verlangte, dass sich jemand den ganzen Tag um ihn kümmern und ihn trösten sollte.

„Danach wurde ich lange depressiv. Hatte Rachepläne gegen den Autofahrer. Es war in Italien passiert und der Prozess dauert zwei Jahre. Ich war so verzweifelt, dass ich mir eine Pistole kaufte, um wenigstens nicht ganz hilflos zu sein, wenn ich es nicht aushalte. Die habe ich übrigens immer noch.“

Der Klient hatte sich in Rage geredet, aber unter der Wut konnte ich auch seine Verzweiflung spüren.
„Ich habe viel im Internet über Sie gelesen, aber können Sie mir überhaupt helfen?“

„Wobei brauchen Sie denn Hilfe?“
„Seit dem Unfall habe ich immer wieder heftige depressive Phasen. Antidepressiva helfen mir nicht wirklich. Ich habe ímmer wieder düstere Stimmungen, dann denke ich an die Pistole, das hilft mir ein Stück. Vor allem, wenn ich daran denke, was ich alles aus meinem Leben hätte machen können, wenn der Unfall nicht passiert wäre.“

Ich war verwirrt. In der Suite des teuersten Hotels der Stadt sitzt mir ein erfolgreicher Unternehmer im Rollstuhl gegenüber, der darüber hadert, welche Chancen ihm entgangen seien, wenn ein, zugegeben folgenreicher Unfall, nicht passiert wäre. Zuvor hatte er mir geschrieben, dass er glücklich verheiratet sei und die zwei Söhne seiner Frau adoptiert hatte.

Worum ging es hier? Ich hatte keine Ahnung.

Da der Unfall schon achtzehn Jahre zurücklag, dachte ich, dass Mitgefühl für seine Lage nicht viel bringen würde. Das hatte er bestimmt schon genug bekommen. Also versuchte ich es mit Konfrontation.

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Wirksames Coaching ist immer unbequem.

Menschen, die einen Therapeuten oder Coach aufsuchen, sind meistens ambivalent. Oft ohne das zu wissen.

Ambivalent heißt, ein Teil des Klienten will etwas verändern. Ein anderer Teil von ihm aber nicht. Denn sonst hätte er ja schon etwas verändert, an nützlichen Informationen fehlt es dem Klienten selten. Doch meist ist der Teil, der nichts verändern will, stärker als der Teil, der etwas verändern will.

Deswegen gebe ich keine Tipps oder Ratschläge, sondern versuche, unter dem Radar reinzufliegen. Also, etwas zu tun, was der Klient nicht kontrollieren kann oder was ihn überrascht und im besten Fall erst mal sprachlos macht.

Wirksames Coaching muss also unter die Haut gehen. Es muss die Emotionen erreichen.

„Wahrscheinlich kann ich Ihnen helfen – aber Sie werden meine Hilfe nicht mögen“, begann ich.
„Ich werde es zumindest versuchen“, versprach Marcel Z.
„Versuchen wird nicht reichen. Sie müssen es tun.“
„Und was soll ich tun?“ fragte der Klient, jetzt sichtlich aufgeregt.

Ein Weg, den Klienten auch gefühlsmäßig zu erreichen, ist Spannung. Ich brauche an bestimmten Stellen im Coaching die volle Aufmerksamkeit des Klienten. Er muss genau fokussiert sein auf das, was ich als Nächstes sage, damit es wirkt.

Deshalb meine Ankündigung „… aber Sie werden meine Hilfe nicht mögen.“
Dann sagte ich zu Marcel Z., indem ich ihn ernst anschaute:

„Ich will, dass wenn unsere Sitzung vorbei ist, Sie Ihre Pistole holen und sie in den Neckar werfen.“

Wie erwartet, reagierte der Klient geschockt. Und rief dann erregt:
„Nein! Niemals! Das werde ich nicht tun!“

„Sie wollten meine Hilfe. Ich sagte Ihnen, dass Sie sie nicht mögen würden. An dem Punkt sind wir jetzt“, antwortete ich ruhig.
„Was soll das bringen? Meine Pistole wegzuwerfen? Ich sehe den Sinn darin nicht.“

„Die Pistole ist Ihr Schlupfloch. Ihr Rettungsanker. Wenn Sie glauben, dass etwas unzumutbar für Sie ist, oder untragbar oder zu unbequem, dann behalten Sie sich das Recht vor, abzuhauen. Das ist Ihr Schlupfloch. Wenn Sie das nicht schließen, werden Sie nichts verändern.“

„Ich darf dieses Schlupfloch nicht schließen“, sagte Marcel Z. mit Panik in der Stimme.
„Sonst hat mein Leben keinen Sinn! Ich brauche eine Wahl. Und die Pistole gibt mir diese Wahl. Ich kann mich jeden Tag für das Leben entscheiden – oder eben für den Tod.“


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„Mir ist langweilig!“ Bild: cottonbro, pexels.com

So einen Klienten und so ein Thema hatte ich noch nie im Coaching gehabt. Im ersten Moment dachte ich, dass das drei Nummern zu groß ist für mein 3-h-Coaching. Ich schlug eine Kaffeepause vor, die auch Marcel Z. gelegen kam.

In der Pause erkannte ich den Engpass, in den Marcel Z. sich mit seinem Schlupfloch manövriert hatte. Für ihn war es ein Ausweg. Doch Entweder-Oder-Lösungen beschränken immer die Auswahl und verengen den Blick, welche Wege es noch geben könnte.

Andererseits wurde mir klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte, indem ich ihm vorgeschlagen hatte, sein wertvolles Schlupfloch zu schließen. Ich hatte zu schnell den Pol der Veränderung besetzt. Wenn man das macht, besetzt der andere automatisch den anderen Pol, die Nichtveränderung, und die Fronten bleiben starr. Jeder hat zwar gute Argumente für seine Position, aber es kann sich nichts bewegen.

Das ist vor allem dann der Fall, wenn man für einen Veränderungsimpuls keinen Auftrag hat – und aber dennoch hilfreich sein will.

Eltern kennen das von ihrem Kind.

„Mir ist langweilig!“
„Dann lies doch mal das Buch, das du zum Geburtstag bekommen hast.“
„Keine Lust auf Lesen.“
„Oder geh runter auf die Straße und spiel mit den Jungs.“
„Will drinnen bleiben.“
„Mhm, worauf hast du denn Lust?“
„Weiß ich nicht, mir ist eben langweilig.“

Bevor man jetzt noch mehr untaugliche Vorschläge macht, ist es besser, den Pol der Nichtveränderung zu besetzen:

„Dann musst du dich vielleicht noch eine Weile langweilen.“
„Will ich aber auch nicht!“

Wenn man es jetzt aushält, keinen weiteren Vorschlag zu machen, erlebt man oft, dass nach einer Viertelstunde der Junge in irgendeine Beschäftigung in seinem Zimmer vertieft ist.


 

Warum ändern Menschen sich ungern, auch wenn sie leiden?

Wie jeder an sich selbst oder anderen beobachten kann, ist den Menschen meistens sehr klar, was sie machen müssten, um ihre Situation, mit der sie unzufrieden sind, zu verändern.

  • Sie müssten respektvoller miteinander umgehen.
  • Besser für sich sorgen.
  • Klarere Ziele formulieren und verfolgen.
  • Weniger essen, mehr essen, mehr lieben, nichts aufschieben usw.

Dennoch scheinen viele Menschen unbewusst viel dafür zu tun, damit gerade dies nicht geschieht. Warum oder wozu, kann man da verzweifelt fragen.

Die Antwort darauf ist bekannt und einigermaßen verstörend:

Die Veränderung ist bedrohlicher, als das empfundene Leid.

Ulrich Wilken hat die Gründe, was Klienten hindert, Veränderungen zuzulassen, bzw. wie sie zur Nichtveränderung beitragen, hier zusammengestellt:

  • Loyalität gegenüber der (Herkunfts-) Familie und/oder Gesellschaft
    In vielen Familien und anderen sozialen Systemen (z.B. Teams) existieren Geheimnisse und Wertesysteme, die nicht offen gelegt werden dürfen, oftmals über den Tod eines Mitglieds hinaus.
  • Glaubensätze und/oder rigide Rituale
    Glaubenssätze wie: „Ich bin ein ungewolltes Kind“ oder „Ich bin das schwarze Schaf“ inszenieren sich in Form selbsterfüllender Prophezeiungen, so dass alternative Erfahrungen verhindert werden. Rituale in sozialen Systemen bestimmen den Ablauf des Geschehens und Erlebens. Risiko wird vermieden.
  • Bevorzugen von Sicherheit, auch wenn sie leidvoll ist:
    Das Elend, was ich kenne, ist mir lieber als die ungewisse „glückliche“ Zukunft.
    Auch leidvolle Selbstbeschreibungen z.B. die Opferrolle schaffen eine Form von Identität und Sicherheit. Der Wunsch nach Veränderung geht einher mit der Angst vor Veränderung. Dadurch bleibt alles wie es ist.
  • Misstrauen gegenüber der Zukunft, da Veränderungssituationen in der eigenen Geschichte bedrohlich waren.
    Wenn Menschen in ihrer Entwicklung die Erfahrung gemacht haben, dass Veränderungen z.B. durch Scheidung, Trennung, Tod, Abgeben des Kindes an die Großeltern etc. mit massiven Ängsten einher gegangen sind, so haben sie nicht gelernt, dass Veränderungen basierend auf Liebe und Vertrauen nicht bedrohlich sein müssen.
  • Aufdeckung von Geheimnissen wäre zu bedrohlich
    In vielen Familien gibt es Tabus und Geheimnisse, die manchmal über Generationen hinweg das innerfamiliäre Leben bestimmen. Eine Veränderung oder gar Aufdeckung bedroht das gesamte System.
  • Sorge und Schuld sind in vielen Familien starke Bindeglieder
    Deren Aufhebung wäre zu bedrohlich, da Vertrauen nicht entwickelt wurde. Wo nicht Respekt und Achtung Bindeglieder sind, treten Ersatzbindeglieder an ihre Stelle. Auch Probleme und Krankheit können starke aber leidvolle Bindeglieder sein.
  • Hänschen-Klein-Syndrom
    „…aber Mutter weinet sehr hat ja nun kein Hänschen mehr.“ Gerade für junge Erwachsene ist die Ablösung vom Elternhaus eine öffentlich gewünschte aber doch vielfach bedrohliche Vorstellung.
  • Handschuh-Syndrom
    Der Andere ist schuld, wenn es mir schlecht geht. „Kein Wunder liebe Mutti, dass ich mir die Hände erfriere, du hättest mir ja Handschuhe mitgeben können“.
  • Erst Du, dann Ich.
    Viel Klienten externalisieren mögliche Veränderungen auf den Partner: Wenn Du dich veränderst, verändere ich mich auch und umgekehrt. Dass in dieser Form keine Veränderung möglich ist, versteht sich von selbst. Beide sitzen wie das Kaninchen vor der Schlange und warten, dass sich etwas tut.
  • Illusion: Ich schaffe es noch, den Anderen zu verändern
    Für viele Menschen ist die Hoffnung, dass sich irgendwann etwas verändern wird die einzige Möglichkeit, das empfundene Leid zu ertragen. Je länger diese Illusion andauert, desto schwieriger wird es, aus diesem „Spiel“ auszusteigen. So neigen z.B. Frauen dazu, die von Männern geschlagen werden, zu diesen zurückzukehren.

Kurz zusammengefasst lautet die Antwort auf die eingangs gestellte Frage „Warum ändern Menschen sich ungern, auch wenn sie leiden?“:

Nichtveränderung stabilisiert das System. Und Nichtveränderung reduziert Enttäuschungserwartungen bzw. -befürchtungen.


 

Die Ambivalenz verteidigen – statt sie aufzulösen versuchen.

Jeder, der beruflich mit Menschen zu tun hat, kennt dieses Veränderungs-Dilemma. Der Klient sagt, dass er etwas verändern will, man zeigt ihm die notwendigen Schritte – aber bei manchen Klienten fruchtet das nicht. Sie scheinen nicht zu kooperieren.

Als Noncompliance bezeichnet man die mangelnde Mitarbeit bzw. Kooperation des Patienten bei einer medizinischen Behandlung, z.B. die Verweigerung einer Therapiemaßnahme oder die Nichtbefolgung von Verhaltensregeln.

  • Der Arzt erklärt genau, wie oft und wie lange das Medikament einzunehmen ist. 
    Doch der Patient hört nicht richtig zu. Vergisst die Empfehlungen oder widersetzt sich.
  • Der Physiotherapeut zeigt die Übungen, die der geplagte Rückenschmerzpatient zu Hause machen soll.
    Beim nächsten Mal hört er viele Gründe, warum der Patient keine Zeit dafür hatte.
  • In der Corona-Krise hat Deutschland einen vergleichsweise günstigen Verlauf.
    Denn die meisten Menschen hielten und halten sich an die behördlichen Auflagen. Doch in anderen Ländern (wie auch hierzulande teilweise) zeigen Regierung wie Einwohner eine erschreckende Noncompliance, weil sie die Maßnahmen als unnötige oder willkürliche Einschränkung ihrer Freiheit erleben.

Auch als Coach erlebe ich diese Ambivalenz. Gerade auch mit Marcel Z., der darunter litt, dass er glaubte, dass der Verkehrsunfall vor achtzehn Jahren sein Leben zerstört habe.

Und der diesen massiven Kontrollverlust zu lindern versuchte, indem er sich durch die Möglichkeit des Selbstmords ein Stück Kontrolle zu bewahren suchte.

Doch das Dilemma beim Entscheiden besteht ja bekanntlich darin, dass man sich nicht nicht entscheiden kann. Wenn wir uns nicht für eine Option entscheiden können/wollen, entscheiden wir uns automatisch für den Status quo, also den gegenwärtigen Zustand.

Mein Klient hatte sich bisher nicht für die Pistolenlösung entschieden, blieb also am Leben. Doch dieses Leben lehnte er teilweise ab, weil er es mit einem Leben ohne Rollstuhl verglich.

Jeder gutgemeinte Versuch, ihm dieses Leben „schmackhaft“ zu machen, würde scheitern:

  • Dass er doch Glück gehabt habe bei dem Unfall.
  • Dass er auch dabei hätte sterben können.
  • Dass er auch völlig gelähmt hätte sein können.
  • Dass viele Menschen, die lebenslang im Gefängnis sitzen, sofort mit ihm tauschen würden.

Geschenkt, geschenkt!

Man kann Menschen nicht überzeugen. Menschen überzeugen sich selbst. Vielleicht mit Hilfe Ihrer guten Argumente. Vielleicht aber auch nicht. (Ich weiß, dass du Recht hast – aber ich mache es trotzdem nicht.)

Bis jetzt hatte mein Klient den Pol der Nichtveränderung besetzt.

  • Er haderte mit seinem Schicksal, anstatt es anzunehmen.
  • Statt dankbar sein Leben zu gestalten innerhalb der körperlichen Grenzen, behielt er sich vor, es jederzeit beenden zu können.
  • Anstatt sein Leben zu beenden, blieb er ambivalent und litt genau darunter.

Ich war neugierig, was passieren würde, wenn ich diese jahrelange Ambivalenz ihm deutlicher machen würde. Und dass er bis jetzt nicht wirklich etwas ändern wollte.


Was tun, wenn sich nichts tut?

Erst in den letzten zwei Jahren habe ich durch die Beschäftigung mit systemischer Literatur besser verstanden, warum Menschen sich „weigern“, sich zu verändern.

Warum sie viel Energie in diese Nicht-Veränderung stecken und worin mein Beitrag bei manchen Klienten bestand, diese Nichtveränderung zu stabilisieren.

Hauptsächlich dadurch, dass ich mich zum Anwalt der Veränderung machte. Was manche Klienten dazu einlud, sich mit der hartnäckig und erfolgreich mit der Nichtveränderung zu verbünden.

Um diesen Fehler nicht zu wiederholen, sagte ich zu Marcel Z.

„Vor achtzehn Jahren haben Sie einen schlimmen Unfall erlebt. Als Folge davon sitzen Sie im Rollstuhl. Das hat sie aber nicht daran gehindert, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Auch Ihr Privatleben mit Ihrer Frau und ihren beiden Kindern hört sich sehr positiv an.
Und dennoch hadern Sie seit Jahren mit Ihrem Schicksal. Fallen immer wieder in depressive Zustände und haben sich sogar eine Pistole besorgt, um sich nicht völlig hilflos zu fühlen. Aber bisher haben Sie von der Waffe keinen Gebrauch gemacht. Weigern sich aber auch, sie wegzuwerfen.“

Marcel Z. hörte mich aufmerksam zu, nickte immer wieder zu dem, was ich sagte. Er war wohl gespannt, worauf ich hinaus wollte.

„Sie sagen, der Unfall damals habe Ihr Leben zerstört.
Das sehe ich anders.“

Jetzt blickte er mich gespannt an.
„Der Unfall hat Ihre Fähigkeit, Ihre Beine zu benutzen, zerstört. Deswegen brauchen Sie, um sich fortzubewegen, diesen Rollstuhl. Aber der Unfall hat nicht Ihr Leben zerstört. Das machen Sie selbst.“

„Aber das stimmt doch nicht!“ unterbrach mich der Klient erregt. „Inwiefern zerstöre ich mein Leben?“
Nach einer Weile antwortete ich: „Sie entscheiden sich weder für Ihr Leben im Rollstuhl – noch für den Tod.“

Und dann ergänzte ich: „So kann man’s machen!“
Da widersprach Marcel Z.: „So kann man’s eben nicht machen!“

Ich wartete. Wir waren an der entscheidenden Stelle.
Durch meine Bemerkung, dass man es so machen könne, besetzte ich die Nichtveränderung – anstatt ihm zu sagen, dass er sich entscheiden müsse. Und er mir sagen würde, dass er das nicht könne.

„Aber dieses Hin und Her zwischen Leben und Sterben zerreisst mich“, fuhr Marcel Z. fort.
„Ja, so kann man’s machen“, wiederholte ich standhaft.

Marcel Z. hatte viele meiner Fallberichte gelesen. Deswegen fragte er gegen Ende:

„Sie haben doch immer einen Satz für Ihre Klienten, die diese stark ablehnen, obwohl er eine gute Lösung darstellt. Haben Sie für mich keinen Satz?“
„Doch“,
antwortete ich, „habe ich.“

Nachdem er es sich bequem gemacht und innerlich achtsam geworden war, sagte ich zu ihm:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:“
Ich trage mein Schicksal.“

Marcel Z. schüttelte vehement den Kopf: „Nein, das geht nicht. Ich kann diesen Satz nicht sagen.“

Ich hatte den Widerstand erwartet, denn das ist der Hinweis, dass wir den wesentlichen inneren Konflikt identifiziert haben. Der Klient schüttelte wieder den Kopf und sagte:

„Wenn ich mich dafür entscheide, mein Schicksal zu tragen, käme das einer Kapitulation gleich. Und ich werde nicht aufgeben. Niemals!“

„So kann man’s machen“, antwortete ich und verabschiedete mich.

 


 

Etwa ein halbes Jahr kam eine Mail von Marcel Z.
Er sei nach dem Coaching sehr aufgewühlt und ratlos gewesen. Und auch wütend auf mich, weil ich ihn so hängengelassen hätte. Gar keine Richtung oder einen Weg zur Lösung aufgezeigt habe.

In der darauffolgenden Nacht habe er aber einen Traum gehabt. Von einem Mann, der sein Leben lang davon sprach, dass er aus Deutschland auswandern wollte und es nie tat. Dem es in Deutschland nicht gefiel, der von einem Leben in Uruguay träumte – aber sich nie aufraffen konnte. Ihm sei klar geworden, dass er der Mann im Traum war. Und im Nachgang sei ihm wieder dieser blöde Satz von mir eingefallen. So kann man’s machen.

Aber er wolle so nicht weitermachen und habe seine Pistole im Internet an einen Waffenhändler verkauft und das Geld einem Verein für Suizidprävention gespendet.

Und er habe seine langjährige Partnerin, mit der er die zwei Kinder habe, nach zwölf Jahren geheiratet.


 

Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

5 Kommentare

  1. Wie wir mir schlimmen Erfahrungen umgehen, beinhaltet tatsächlich fast immer eine Wahl.
    Aber nicht alle Menschen sehen das so.

  2. Sehr interessant mal solche tiefen Einblicke zu bekommen wie es für einen Rollstuhlfahrer sein kann, der mit seinem Schicksal hadert. Ich habe zu meinem Erstaunen aber in meinem Urlaub in Italien auch schon einen Rollstuhlfahrer erlebt, der lebensfroher und aktiver war als viele Menschen ohne Behinderung. Es kommt wirklich nur darauf an wie man das beste aus seiner Situation macht.

  3. Christopher Seidel sagt

    Super geschriebener und informativer Artikel :-). Eine sehr gute Aufstellung. In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen 🙂

  4. Adrien sagt

    Schon einige sehr gute solche Fallberichte von Ihnen gelesen. Dieser hat eine herrlich enorme Resonanz bei mir hervorgerufen. Sowohl was Klienten als auch mich selbst betrifft.

    Somit ganz herzlichen Dank für Ihre wertvolle Tätigkeit Herr Kopp-Wichmann!!! Es ist für mich ein wahrer und oft lehrreicher Genuß.

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