„In meinem Traumberuf Schauspieler verhungere ich bald“, sagte der Mann im Coaching.

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Wird man in eine Familie von Schauspielern hineingeboren, ist die Berufswahl oft vorgegeben aber ein späterer Berufswechsel nicht einfach. Darf man die Eltern enttäuschen? Wie löst man sich von diesen Erwartungen und Schuldgefühlen? Wie das gehen kann und wie dabei eine chinesische Truhe hilft, lesen Sie in diesem Fallbericht.

„Ich komme zu Ihnen, weil Sie auch den Mut hatten, Ihren Beruf zu wechseln.“
„Nicht nur einmal“, sagte ich.
„Ja, ich habe gelesen, dass Sie mal Bankkaufmann waren und in der Werbung und zum Schluss Versicherungen verkauft haben.“
„Und Sie wollen auch Ihren Beruf wechseln? Was machen Sie denn aktuell?“
„Ich habe meinen Traumberuf. Bin Theaterschauspieler und das seit über fünfzehn Jahren. Der Beruf fordert und erfüllt mich. Aber ich verhungere dabei.“
„Sie meinen finanziell?“
„Ja, natürlich finanziell. Inhaltlich und seelisch gibt mir dieser Beruf alles. Wenn nur nicht die wirtschaftlichen Umstände so mies wären.“
„Und wobei soll ich Ihnen jetzt helfen?“,
fragte ich.
„Gute Frage“, sagte darauf Michael S., 39 Jahre, Schauspieler an einer Bühne in einer größeren Stadt, ledig.
„Vielleicht will ich von Ihnen die Erlaubnis, dass ich mit der Schauspielerei aufhören darf.“
„Sie meinen, wenn Sie meine Erlaubnis bekommen, wären Sie frei?“,
fragte ich zögerlich nach.
„Wahrscheinlich auch nicht so ganz, aber ich hätte zumindest mal eine Meinung von einem unabhängigen Menschen. Aber so ganz frei wäre ich wohl trotzdem nicht. Es käme mir immer noch wie Verrat vor.“
„Hmm, erzählen Sie doch mal, was an einem Berufswechsel so schwierig für Sie ist.“

Der Klient berichtet, dass er aus einer alten Schauspielerfamilie käme. Schon als Vierjähriger sei er bei Proben seiner Eltern dabei gewesen, wenn Sie Vorstellung hatten. Im Kindergarten, in der Schule und später im Gymnasium habe er immer bei Theateraufführungen mitgewirkt. Dass er nach dem Abitur eine Schauspielschule besuchen würde, sei keine Entscheidung gewesen, sondern eine ganz natürliche Folge seiner Jugend. Seine Eltern hätten ihn auf das Max-Reinhard-Seminar in Wien geschickt, weil sie das für die beste Schauspielschule hielten. Um ihm das Studium dort zu ermöglichen, hätten Sie sich stark einschränken müssen.

„Also Ihr Berufstraum erfüllte sich. Und wie ging es dann weiter?“
„Das Schauspielstudium war hart, geistig und auch körperlich. Aber der Enthusiasmus von allen half einem über die schwierigen und anstrengenden Zeiten hinweg. Hinzu kam, dass ich nach dem Abschluss gleich ein Engagement bekam. Staatstheater Braunschweig, keine schlechte Adresse für den Start.“
„Klingt ja alles erstmal positiv“,
bemerkte ich.
„Ja, ich war sehr glücklich und meine Eltern unheimlich stolz, dass ich die Familientradition fortführte. Dazu muss ich sagen, dass ich noch eine Schwester habe, die zwei Jahre jünger ist und sich nie für Kunst interessiert hatte.“
„Wie geht es ihr und was macht sie beruflich?“ fragte ich nach.
„Sie studierte Medizin und ist heute Gerichtsmedizinerin.“
„Ich nehme an, dass Ihre Eltern diesen Berufswunsch nicht so toll fanden.“
„Genau, meine Eltern fanden das schon früh ganz unmöglich. Tote Menschen aufschneiden, das sei doch kein Beruf, tönten sie. Aber meine Schwester hat schon als kleines Mädchen Frösche und Mäuse gefangen und zerlegt, insofern war ihr Berufsweg auch folgerichtig.“
„Also auf den Sohn sind Ihre Eltern stolz – und von der Schwester eher enttäuscht?“ mutmasste ich.
„Ja, der Kontakt zwischen ihr und meinen Eltern ist auch vor Jahren schon abgebrochen, weil meine Schwester sich nur für Frauen interessierte und verkündete, dass sie nie ein Kind haben werde.“
„Ein ziemliches Spannungsfeld, in dem Sie da stehen. Und jetzt wollen Sie auch noch den Schauspielerberuf an den Nagel hängen. Ich beginne zu verstehen, warum das keine einfache Entscheidung für Sie ist“,
fasste ich zusammen.


 

Darf man die Eltern enttäuschen?

Aus der Schilderung von Michael S. wurde mir jetzt schon deutlich, welcher innere Konflikt hier wirkte.

Die Eltern wie auch die Großeltern und sogar der Urgroßvater hatten ihr ganzes Leben der Schauspielerei gewidmet. Und der Sohn steht in dieser Familientradition. Wenn Kinder beruflich nicht in die Fußstapfen der Eltern treten wollen, kann das zu Konflikten führen. Vor allem wenn ein Familienunternehmen (Bauernhof, Restaurant, Firma etc.) dranhängt. Aber auch wenn es „nur“ um das Fortführen einer beruflichen Tradition geht, wie in diesem Fall.

In meinen 3-h-Coachings habe ich schon öfter Klienten gehabt, wo der älteste Sohn immer Chirurg wurde, manchmal sogar mit demselben Vornamen, den schon Vater, Großvater und Urgroßvater trugen. Oder die ältesten Schwestern in einer Familie  wurden immer Lehrerinnen. Solche Lebensskripte, wie sie in der Transaktionsanalyse genannt werden, können „erfolgreich“ sein. Oder auch nicht.

Es gibt aber auch Nichtgewinner-Skripte.  Menschen mit diesem Lebensthema machen keine großen Fortschritte, erleben aber auch keine allzu großen Verluste. Diese Menschen vermeiden Risiken und wählen einen vorgezeichneten Weg. So arbeitete ich schon dreimal mit Frauen, die an Männern uninteressiert schienen, Heiratsanträge ablehnten und ihr Leben lang ledig blieben. Und die, als die Eltern alt und hilfsbedürftig waren, widerstrebend aber auch schicksalsergeben in die Rolle der Altenpflegerin schlüpften. Unterstützt von Kommentaren der verheirateten Geschwister „Du bist doch sowieso allein und hast niemanden.“

Mitunter kommen solche Menschen in mein Coaching mit der Frage: „Wie bin in diese Situation gekommen? Hätte ich mehr aus meinem Leben machen können?

Früher hatten Kinder oft die Rolle, die wirtschaftliche Situation der Eltern sicherzustellen. Das „Gasthaus zum Goldenen Hirschen“, seit 1865 in Familienbesitz ist nicht nur stolzer Beweis einer langen Familientradition, sondern war eben auch über Generationen Garant für ein sicheres Familieneinkommen.

Heutzutage, wo alle möglichen Sozialsysteme und Risikoversicherungen dafür sorgen, dass kaum noch jemand hungern muss, sind die Erwartungen von Eltern an ihre Kinder nicht verschwunden. Sie haben sich gewandelt.

An die Stelle der finanziellen Versorgung ist die narzisstische Bestätigung getreten. Mein Klient spürt genau, dass seine Überlegung, mit dem Schauspielerberuf aufzuhören, nicht auf offene Ohren bei den Eltern treffen würde. Deren Reaktionen auf die Lebensentscheidungen seiner Schwester gaben ihm ja eine Vorstellung, was er möglicherweise zu erwarten hatte, wenn er die geheimen Familienregeln verletzen würde.

Zum Thema „die Eltern enttäuschen“ können Sie hier einen weiteren Fallbericht lesen.


 

Als Schauspieler wird man selten reich.

„Wie sieht denn Ihre finanzielle Situation aus?“, fragte ich, weil ich darüber kaum etwas wusste.
„Na ja, in guten Zeiten verdiene ich etwa 40.000 Euro. Wenn ich ein Engagement habe. Doch das ist nicht sicher. Jahresverträge sind an Theatern zwar die Regel. Kommt aber ein neuer Intendant ans Haus, bringt der in der Regel seine Lieblingsschauspieler mit. Da steht man schnell ohne Job da. Hinzu kommt, dass man nicht krank werden darf, sonst gibt es keine Gage oder nur einen Bruchteil, denn der Ersatz muss ja auch finanziert werden.“

„Könnten Sie denn außerhalb des Theaters als Schauspieler einen Job bekommen?“, erkundige ich mich.
Ja klar. Eine Rolle als Tatort-Kommissar ist natürlich fast wie ein Lottogewinn. Doch bei geschätzt 20.000 aktiven Schauspielern in Deutschland ist die Chance darauf ziemlich gering. Ich habe mal über einen Freund ein paar Drehs in der Werbung bekommen. War cool, anspruchslos aber sehr gut bezahlt. Bis mir ein Intendant mal sagte: „Ich kenne Sie von irgendwoher, es fällt mir aber gerade nicht ein.“ Ab da habe ich das mit der Werbung sofort gelassen, um mir nicht mein Image als Theaterschauspieler kaputtzumachen.“

„Wie kommen Sie denn finanziell über die Runden?, wollte ich wissen.
„Mehr schlecht als recht. Ich kann mich stark einschränken und manchmal  unterstützt mich meine Schwester, was mir zwar unangenehm ist aber in Notlagen sehr willkommen. Doch das kann nicht so bleiben. Ich will mal Kinder, eine richtige Familie, doch meine Arbeitszeiten am Theater sind eher familienfeindlich. Ich arbeite fast immer abends, am Wochenende und an Feiertagen. Das heißt, die Kinderarbeit würde an meiner zukünftigen Partnerin hängen, was mir auch nicht gefällt.“

Es war jetzt an der Zeit, herauszuarbeiten, was Michael S. eigentlich von mir wollte. Ich nahm an, dass er innerlich einen Plan B hatte, der mit einem Berufswechsel zu tun hatte,  über den er aber bisher nichts hatte verlauten lassen. Vermutlich, weil ihm die Entscheidung schwerfiel oder in einen großen Konflikt bringen würde.

Deswegen fragte ich:

„Also, ich habe verstanden, dass Sie von Ihrem gegenwärtigen Beruf als Schauspieler schlecht leben können, wollen also einen anderen Beruf wählen. Sie fürchten aber, dass das bei Ihren Eltern auf wenig Verständnis stoßen wird und zögern deshalb bisher die Entscheidung hinaus. Deswegen frage ich Sie:
‚Wenn es jetzt mal nur nach Ihnen gehen würde, was würden Sie dann am liebsten tun?“

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

„Ich würde Immobilienmakler werden und Menschen helfen, ihr Traumzuhause zu finden.“

Die Antwort überraschte mich. Das sah mir Michael S. auch sofort an und erklärte:

„Häuser und Wohnungen haben mich schon immer interessiert. Ich kann schnell Kontakt zu Menschen finden und sie von etwas überzeugen. Außerdem ist es finanziell attraktiv.“
„Und warum machen Sie das nicht?“, fragte ich nach, obwohl ich mir die Antwort denken konnte.
„Meine Eltern wären total entsetzt und sehr enttäuscht.“
„Und wie würde es Ihnen damit gehen?“
„Mit dem Beruf sehr gut aber ich hätte enorme Schuldgefühle, dass mit mir diese lange Familientradition enden würde.“
„Also haben Sie bis jetzt die Wahl zwischen Verhungern und Versündigen?“

„Ja, könnte man so sagen. Aber das ist natürlich kein Zustand. Deswegen komme ich ja auch zu  Ihnen. Mir ist schon klar, dass meine Eltern es irgendwie ertragen oder sogar überwinden würden, wenn ich mit dem Schauspielen aufhören würde. Aber allein die Vorstellung, es ihnen zu sagen, löst massive Ängste in mir aus.
Vor ein paar Monaten erfuhr ich, dass mein Vertrag im Sommer nicht mehr verlängert wird. Ich erzählte meinen Eltern davon, dass ich nicht wisse, wie es weitergehen solle und überlegen würde, vielleicht nebenberuflich etwas anderes zu machen. Daraufhin reagierten sie völlig verständnislos, sagten, dass Theaterarbeit nicht etwas sei, was man einfach kündigen könnte, sprachen von Berufung und Sinn. Als ich erzählte, dass ich das verstehe aber nicht wisse, wovon ich die fällige Autoinspektion zahlen solle, boten sie an, mir das Geld vorzustrecken.“


 

Lösungen von gestern sind oft die Probleme von heute.

Lebensthemen entstehen meist dadurch, dass ein Kind etwas wahrnimmt oder erlebt, das es als richtig oder für unausweichlich hält, weil Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen das so darstellen. Damit können negative aber auch positive Gefühle verbunden sein.

Ein Junge, der sieht, wie sein Vater jeden Morgen in die Arztpraxis geht, bekommt schon früh eine bestimmte Vorstellung von Berufen für Männer. Erlebt er zusätzlich, wie respektvoll und dankbar Patienten über den Vater sprechen, erlebt er das positiv. Wenn er begreift, dass die väterliche Praxis einst dem Großvater gehörte, steigert das noch das Ansehen. Bekommt er als Vierjähriger zu Weihnachten statt einer Holzeisenbahn einen Kinder-Doktorkoffer geschenkt, ist ein weiterer Baustein für den möglichen Berufsweg gelegt.

Er kriegt mit, dass der Vater öfters im Jahr auf Kongresse fährt und begeistert davon erzählt. In der Praxis ist er als der „Junge vom Herrn Doktor“ bekannt und hört hin und wieder, dass er sicher auch mal Arzt werden wird. So kann eine frühe Prägung entstehen, die die spätere Berufswahl stark beeinflusst. Vor allem, weil sie zwar beobachtbar ist, aber für den Betreffenden unbewusst abläuft.

Eine zu starke innere Identifizierung mit den Erwartungen und Werten der Eltern ist die Folge. Es fehlt die äußere und innere Ablösung. Deswegen erlebt Michael S. so starke Schuldgefühle, wenn er nur an einen Berufswechsel denkt.

Soweit meine Hypothese zum inneren Konflikt vom Michael S. Doch kluge Gedanken helfen einem Klienten selten weiter. Die Erkenntnis muss unter die Haut gehen, erst dann wird sie als stimmig erlebt. Um das zu erreichen, nutze ich kleine Experimente in Achtsamkeit. Nachdem Michael S. es sich in seinem Stuhl bequem gemacht und die Augen geschlossen hatte, sagte ich zu ihm:

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen: Mein Leben gehört mir.“

Die Achtsamkeit ist bei diesem Experiment wichtig, damit der Klient prüfen kann, ob der Satz mit seiner „inneren Wahrheit“ übereinstimmt. Im Alltagsbewusstsein funktioniert das nicht, denn natürlich reagiert der logische Verstand auf den Satz mit Zustimmung.

Bei Michael S. konnte ich beobachten, dass er nach dem Aussprechen des Satzes seinen Kopf langsam mehrmals hin- und herschüttelte. Nach seiner Reaktion befragt, antwortete er:

„Das war ganz eigenartig. Verstandesmäßig stimmte ich dem Satz innerlich natürlich zu und konnte gleichzeitig beobachten, wie sich mein Kopf bewegte. Und ich hörte eine Stimme, die sagte: Das stimmt nicht!“

Diesen Satz verwende ich bei meinen 3-h-Coachings recht häufig, denn damit kann prüfen, wie selbstbestimmt der Klient sich erlebt. Und Selbstbestimmung ist ein zentrales Lebensthema. Doch wir mussten noch etwas Wichtiges klären. Deshalb fragte ich Michael S.:

„Wenn Ihr Leben gefühlsmäßig nicht Ihnen gehört – wem gehört es denn dann?“

Häufige Antworten darauf sind, dass es der Firma gehört, der Gesellschaft, der Familie oder „den anderen“. So war es auch bei Michael S., als er antwortete: „Mein Leben gehört meinen Eltern.“ Der Klient war über seine spontane Aussage selbst etwas überrascht. Aber natürlich machte das Sinn, wenn man bedenkt, welche Ängste und Schuldgefühle er bekam, wenn er an einen Berufswechsel dachte.

Im weiteren Verlauf versuchte ich, deutlich zu machen, wie sehr der Klient sein Leben und seine Wahlmöglichkeiten einschränkte, indem er sich zu sehr verantwortlich für seine Eltern und deren Wohlergehen fühlte. Ich schlug ihm wieder ein Experiment in Achtsamkeit vor.

„Stellen Sie sich mal vor, da wo Sie gerade sitzen, ist um Sie herum Ihr Leben. Sie sind also der Mittelpunkt Ihres Lebens. Können Sie sich das vorstellen?“
Der Klient zögerte.
„Wenn Sie sich innerlich so umschauen, was sehen Sie da?“
„Um mich herum ist es leer und ich sehe meine Eltern, die neben mir sitzen.“
„Oha, wie nah sitzen die denn?“,
fragte ich.
„Ziemlich nah, sie berühren mich nicht aber schon sehr nah.“
„Und wie geht es Ihnen da? In Ihrem Leben, so nah mit Ihren Eltern?“
„Einerseits ganz vertraut, andererseits aber auch eingeengt, weil sie mich dauernd anschauen.“
„Vielleicht wäre es gut, wenn Sie da mehr Platz für sich schaffen könnten.“
„Das stimmt, aber wie?“

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Die Macht der Imagination.

Imagination ist die älteste Heilmethode der Menschheit. Früh schon haben Menschen entdeckt, dass unsere Vorstellungskraft ein machtvolles Instrument ist. Sie wird in vielen Kulturen im religiösen Kontext angewandt und ist von Carl Gustav Jung in die Psychotherapie eingeführt worden, der die bewusst erlebten inneren Bilder als Mittler zwischen Bewusstsein und Unbewusstem ansah.

Unsere inneren Bilder sind eine entscheidende Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft und können in beide Zeitrichtungen hineinwirken. Sie können sich vorstellen, wie Sie als Zehnjähriger ausgesehen haben und Sie können ein inneres Bild entwerfen, wie Sie als Achtzigjähriger ausschauen werden

Das bedeutet aber auch, dass wir dauernd – den ganzenTag lang „imaginieren“. Wenn Sie heute nachmittag ein Meeting haben, entwickeln Sie unwillkürlich ein inneres Bild vom Raum, den anderen Teilnehmern usw. Innere Bilder vergangener Situationen bilden den Stoff, aus dem sich unsere Gefühle entwickeln.

Wenn es zwischen Ihnen und Ihrem Chef einen Streit gab, dann wird sich bei dem bloßen Gedanken an das Meeting heute ein ungutes Gefühl im Magen entwickeln. Ein Spinnenphobiker reagiert auf ein Foto mit einer Spinne genauso ängstlich wie auf eine reale Spinne, weil er sich von der Imagination, die das Foto auslöst, nicht genug distanzieren kann.

Da man mit Imagination Gefühle auslösen kann und ein wirksames Coaching immer starke Gefühle braucht, (hier ein Artikel dazu) arbeite ich auch in meinen 3-h-Coachings oft mit Imagination.

„Wir probieren mal, ob wir etwas Abstand zwischen Ihnen und Ihren Eltern hinkriegen, einverstanden?“, fragte ich Michael S., nachdem ich ihn gebeten hatte, ein paar Mal tief auszuatmen und sich zu entspannen.
„Bitten Sie Ihre Eltern doch mal, etwas von Ihnen wegzurücken.“
„Die reagieren gar nicht.“
„Und wenn Sie von ihnen wegrücken?“
„Dann rücken sie gleich nach.“
„Hmm, dann  müssen wir etwas anderes probieren.“

In diesem Moment erinnerte ich mich an die „chinesische Truhe“, eine traditionelle chinesische Imaginationstechnik, von der ich vor Jahren von Bernhard Trenkle gehört hatte. Sie lässt sich für eine Vielzahl von Problemen und Zielen nutzen, darunter Stress- und Burn-out-Prophylaxe, Schmerzen, psychosomatische Beschwerden, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen und in der Traumabehandlung.

Bei dieser Technik geht es darum, dass man den Klienten bittet, in seiner Vorstellung für sein Symptom ein Symbol zu finden, dieses in einen Behälter, zum Beispiel eine Truhe zu legen und diese zu verschliessen. Dann lässt man den Klienten diese Truhe auf verschiedene Entfernungen verschieben. Erst einen Meter, dann drei, dann wieder zurück, dann zehn Meter, fünfzig, dreihundert Meter, einen Kilometer, eintausend Kilometer usw.

Zu meiner Überraschung – und der des Klienten – klappte das auf Anhieb. Nach einigen erfolglosen Versuchen, die Eltern in ein Boot, ein Auto oder in eine große Truhe zu setzen, kam er auf die Idee, sie auf eine Weltraumrakete zu setzen und sie damit auf die verschiedenen Entfernungen zu schieben bzw. zu schießen. Das dauerte etwa zehn Minuten. Danach war Michael S. sichtlich erschöpft.

„Zum Schluss waren Sie auf einer Umlaufbahn in etwa hundert Kilometer Entfernung. Sie schauten auf mich herab von ihrem Raumschiff und winkten ganz vergnügt“, berichtete der Klient.

Ich musste an den Musiktitel „Schieß mich doch zum Mond!“ von Roger Cicero denken, dessen Text die Ambivalenz in persönlichen Beziehungen gut beschreibt.


 

Nach einem Dreivierteljahr bekam ich eine eMail von Michael S.
Nach der Sitzung sei er einige Tage lang sehr aufgeregt gewesen. Er habe heftige Träume gehabt, die voller Schuldgefühle aber auch intensiver Freiheitsgefühle waren. Die Übung mit dem Raumschiff habe er anfangs jeden Tag gemacht. Er habe die Eltern dann an einem Wochenende besucht und um eine Aussprache gebeten, in der er von seinen Überlegungen, die Schauspielerei an den Nagel zu hängen, berichtete. Vor allem der Vater sei tief gekränkt gewesen, wohingegen die Mutter eher verständnisvoll reagierte.

Nachdem das letzte Theaterengagement auslief, arbeite er jetzt als rechte Hand bei einem befreundeten Immobilienmakler, um sich in die Materie einzuarbeiten und zu sehen, ob das was für ihn sein könnte.
In der Zwischenzeit habe er einen sehr emotionalen Brief von seinem Vater bekommen, in dem dieser schrieb, dass er selbst eigentlich nicht wirklich Schauspieler hatte werden wollen, sondern lieber seine handwerklichen Fähigkeiten als Schreiner ausgelebt hätte. Aber den befürchteten Konflikt mit dem dominanten Großvater hätte er ein Leben lang gescheut.

Ich schrieb zurück: „Nicht die Eltern müssen einen loslassen, sondern der Erwachsene muss sich von ihnen ablösen. Und dazu müsse man sie manchmal auf den Mond schießen – zumindest in der Vorstellung.“

Hier lesen Sie weitere Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Aquarelle: Roland Kopp-Wichmann

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    manchmal müssen wir anderen Menschen „untreu“ werden, um uns selbst treu zu bleiben. Danke für diesen einfühlsamen Artikel!
    Viele Grüße, Ulrike Fuchs

  2. Rudolf sagt

    Die Idee zu finden ist nicht so leicht

  3. Ingrid Schmid sagt

    Klasse, der Cartoon. Freue mich auf den Podcast. 💥

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