Robert Enke: Er hielt alles – außer sich selbst.

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Bild: zerpixelt auf pixabay


Am Abend des 10. November 2009 steht ein Mann an einem Bahnübergang in Eilvese bei Hannover. Es ist kurz nach halb sieben. Es ist dunkel. Es ist kalt.

Der Mann ist zweiunddreißig Jahre alt. Er ist Nationaltorhüter. Er hat am Wochenende noch gespielt, vor zehntausenden Zuschauern. Er hat gehalten, was zu halten war.

Und jetzt steht er hier. Und wartet auf den Regionalexpress.

In den Tagen danach wird ein ganzes Land fassungslos sein. Mitspieler werden weinen. Der DFB-Präsident wird bei der Trauerfeier in der AWD-Arena vor dreißigtausend Menschen sprechen. Die Frage, die alle stellen, wird immer dieselbe sein:

Warum?

Und die Antwort, die niemand hören will, lautet: Weil er es niemandem sagen konnte.

Robert Enke: Allein vor dem Tor. In einer anderen Farbe.

Es gibt kaum eine einsamere Position im Sport als die des Torwarts.

Der Torwart steht hinten. Allein. Er trägt eine andere Farbe als alle anderen. Er darf nicht mitspielen wie die anderen. Er darf nur reagieren – und er darf nicht fallen. Wenn ein Stürmer den Ball verstolpert, vergisst man das nach zwei Minuten. Wenn ein Torwart einen Ball durchlässt, steht es in der Zeitung.

Robert Enke hat sich diesen Platz nicht zufällig ausgesucht.

Natürlich wählen Kinder ihre Position nicht bewusst nach psychologischen Kriterien. Aber es ist kein Zufall, wer sich wo wohlfühlt. Und es ist kein Zufall, dass ein Mensch, der später an der Unfähigkeit zerbrechen wird, um Hilfe zu bitten, sich genau die Position aussucht, in der man allein steht. In der man alles unter Kontrolle haben muss. In der ein einziger Fehler alles entscheidet.

In meiner Coaching-Praxis erlebe ich dieses Muster vor allem bei Männern: Die Position, die sie im Leben einnehmen, spiegelt oft genau das innere Thema wider, das sie am meisten belastet. Der Manager, der alles kontrollieren muss. Der Arzt, der alle rettet, nur sich selbst nicht. Der Torwart, der nicht fallen darf.

Mit der Wende verschwand über Nacht seine Welt.

Robert Enke wurde 1977 in Jena geboren. In der DDR. Sein Vater Dirk war Psychotherapeut – eine Tatsache, die im Rückblick fast unerträglich ironisch wirkt.

Die Wende kam, als Robert zwölf war. Von einem Tag auf den anderen galten andere Regeln.
Andere Werte. Andere Maßstäbe.
Für ein Kind in diesem Alter bedeutet das: Die Welt, die du kanntest, existiert nicht mehr.
Orientiere dich neu. Schnell.

Enke tat, was viele Kinder in solchen Situationen tun: Er funktionierte. Er war talentiert, diszipliniert, ehrgeizig. Mit siebzehn spielte er bei Carl Zeiss Jena. Dann Mönchengladbach. Dann Benfica Lissabon. Dann Barcelona. Und dann – Absturz.

In Barcelona ließ ihn Trainer Louis van Gaal kaum spielen. Enke saß auf der Bank. Für einen Menschen, dessen Selbstwert an Leistung gebunden ist, gibt es kaum etwas Schlimmeres als: nicht gebraucht zu werden.

Es folgten Stationen in Istanbul, auf Teneriffa, schließlich Hannover 96. Und irgendwann, zwischen all den Flughäfen und Trainingsplätzen und Kabinenansprachen, begann eine Dunkelheit, die nicht mehr wegging.

Und dann kam etwas, das nicht mehr wegging.

Robert Enke litt an Depressionen. Schweren Depressionen.

Und er verbarg sie. Vor seinen Mitspielern. Vor den Medien. Vor fast allen.

Sein Psychiater wusste es. Seine Frau Teresa wusste es. Und ein sehr kleiner Kreis von Vertrauten. Aber die Welt da draußen – die Welt der Fußballtribünen, der Pressekonferenzen, der Länderspielkader – die durfte es nicht wissen.

Warum nicht?

Hier kommt das Lebensthema ins Spiel.

Es gibt einen Satz, den depressive Menschen oft denken, aber selten aussprechen: Wenn die anderen wüssten, wie es wirklich in mir aussieht, wäre alles vorbei.

Das ist keine rationale Einschätzung. Und gleichzeitig ist es – gerade im Profifußball – nicht einmal ganz falsch. Depression ist im Männersport noch immer ein Tabu. Ein Torwart, der zugibt, dass er morgens nicht aufstehen kann, riskiert seinen Stammplatz. Seinen Vertrag. Seine Karriere.

Aber bei Enke ging es um mehr als die Karriere.

Das Kind, das er nicht halten konnte.

Am 17. September 2006 starb Lara. Robert und Teresas Tochter. Sie war zwei Jahre alt. Sie hatte einen angeborenen Herzfehler.

Stellen Sie sich das vor. Sie sind neunundzwanzig. Sie halten Bälle, die mit hundert Stundenkilometern auf Sie zufliegen. Sie halten alles. Aber Ihr Kind können Sie nicht halten.

Lara starb, und etwas in Robert Enke starb mit ihr. Nicht sofort sichtbar. Nicht für die Kameras. Aber tief innen setzte sich eine Überzeugung fest, die in der Depression ein perfektes Zuhause fand:

Ich konnte sie nicht retten. Ich habe versagt.

In meiner Arbeit begegne ich dieser speziellen Form der Schuld regelmäßig. Eltern, die ein Kind verloren haben, fragen sich fast immer: Hätte ich etwas anders machen können? Die Antwort ist fast immer: Nein.
Aber das Gefühl fragt nicht nach Antworten. Es frisst sich fest.

Wenn Liebe zur Falle wird

2008 adoptierten Robert und Teresa ein Mädchen: Leila. Ein neuer Anfang. Eine neue Hoffnung.

Und gleichzeitig: ein neuer Grund für die Angst.

Denn Enke fürchtete, dass man ihnen Leila wegnehmen würde, wenn seine Depression bekannt würde. Ein psychisch kranker Vater? Würde das Jugendamt nicht sofort eingreifen? Würde man ihm das Kind entziehen?

Diese Angst war möglicherweise übertrieben. Aber sie war real. Und sie verschloss die letzte Tür, durch die Hilfe hätte kommen können.

Hier zeigt sich das Lebensthema in seiner ganzen tragischen Kraft: Ich darf nicht fallen. Nicht weil ich stark sein will – sondern weil die, die ich liebe, mich brauchen. Und weil ich sie verliere, wenn ich zugebe, dass ich schwach bin.

Das ist die perfekte Falle. Der Mensch, der Hilfe am dringendsten braucht, kann sie am wenigsten annehmen – weil er glaubt, dass genau das Annehmen von Hilfe ihn das Letzte kosten wird, was ihm geblieben ist.

Funktionieren. Lächeln. Zerbrechen.

Die Welt sah einen ruhigen, konzentrierten Torhüter. Einen, der nach außen funktionierte. Der Länderspiele bestritt. Der am Wochenende vor der Kurve stand, die Handschuhe anzog und lieferte.

Die Welt sah nicht, dass dieser Mann Medikamente nahm. Dass er in einer psychiatrischen Klinik war – im Geheimen. Dass er Tage hatte, an denen er sich im Badezimmer einschloss und nicht mehr aufstehen wollte.

Und genau das ist das Muster, das mich als Coach am meisten beschäftigt: die perfekte Fassade. Die Menschen, bei denen niemand etwas ahnt. Die morgens aufstehen, funktionieren, lächeln, performen – und abends in ein schwarzes Loch fallen, das niemand sieht.

Sie sitzen auch in meinen Coachings. Männer und Frauen, die sagen: „Es geht mir gut.“ Und dann, nach zwanzig Minuten, wenn die Kontrolle einen Moment lang nachlässt, kommt ein Satz wie: „Ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe.“

Robert Enke hat diesen Satz nie öffentlich gesagt. Er hat stattdessen etwas getan, das leiser war. Und endgültiger.

Drei Fragen, die Sie sich stellen sollten

Robert Enkes Tod war kein Einzelfall. Aber er war ein Wendepunkt.

Teresa Enke gründete danach die Robert-Enke-Stiftung, die sich für die Enttabuisierung von Depressionen einsetzt – besonders im Leistungssport. Der DFB begann, hinzuschauen. Vereine stellten Sportpsychologen ein. Es wurde leichter, über psychische Erkrankungen zu sprechen.

Aber reicht das?

Die ehrliche Antwort ist: Nein. Noch immer sitzen Menschen in Führungspositionen, auf Sportplätzen, in Familien, die lächeln und funktionieren und innerlich zerbrechen. Noch immer gilt in vielen Köpfen: Wer Hilfe braucht, ist schwach. Und wer schwach ist, verliert.

Robert Enkes Lebensthema war kein besonderes Phänomen. Es ist eines der häufigsten, die mir in meiner Arbeit begegnen. Und es hat immer dieselbe Struktur:

Ich habe früh gelernt, dass ich nur dann sicher bin, wenn ich funktioniere.
Dass ich nur dann geliebt werde, wenn ich keine Last bin.
Dass ich nur dann dazugehöre, wenn ich stark bin.

Und deshalb möchte ich Ihnen drei Fragen stellen. Nicht als Provokation. Sondern als Einladung:

  • Wo in Ihrem Leben spielen Sie den Torwart – allein vor dem Tor, in einer anderen Farbe als alle anderen, mit dem Gefühl, keinen Fehler machen zu dürfen?
  • Wem könnten Sie sagen, wie es Ihnen wirklich geht – und warum tun Sie es nicht?
  • Und was genau, glauben Sie, würde passieren, wenn Sie es täten?

Die meisten Menschen, denen ich diese dritte Frage stelle, antworten nach langem Nachdenken: „Wahrscheinlich nichts Schlimmes.“

Und dann frage ich: „Warum tun Sie es dann nicht?“

Und dann wird es still.

In dieser Stille beginnt die Arbeit.

Hinter jedem Menschen sollte jemand stehen

Robert Enke hat in seinem kurzen Leben vieles gehalten. Bälle. Erwartungen. Eine Familie. Ein Geheimnis.

Das Einzige, was er nicht halten konnte, war sich selbst.

Und vielleicht liegt darin die wichtigste Lektion seines Lebens: Dass Stärke nicht bedeutet, alles allein auszuhalten. Sondern dass echte Stärke dort beginnt, wo wir aufhören, den Torwart zu spielen. Wo wir die Handschuhe ausziehen. Und jemanden bitten, hinter uns zu stehen.

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kommentarWem können Sie sich anvertrauen, wenn Sie schwach sind?

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Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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