„Ruhestand? Mir graut davor!“, sagte der Mann im Coaching.

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Allgemein

Was Sie aus diesem Beitrag mitnehmen können:

  1. Warum der Ruhestand oft ein emotionaler Umbruch ist.
    Weshalb viele Führungskräfte das Ende ihrer beruflichen Laufbahn als Krise erleben.
  2. Was wirklich fehlt, wenn der Schreibtisch leer bleibt.
    Es geht nicht nur um Beschäftigung – sondern um Identität, Zugehörigkeit und das Gefühl, gebraucht zu werden.
  3. Welche Fallen Sie vermeiden sollten, wenn Sie „aktiv“ bleiben wollen.
    Warum Aktionismus kein Ersatz für innere Auseinandersetzung ist.
  4. Wie Sie Ihre Beziehungen im Ruhestand neu denken (und retten) können.
    Wie Sie gemeinsam mit Ihren Angehörigen neue Formen des Miteinanders finden.

Wenn der Schreibtisch leer bleibt – und das Leben plötzlich auch.

Der letzte Arbeitstag. Der Blumenstrauß. Die Kuchenstücke. Die „Schön, dass du da warst“-Rede. Und dann? Dann kommt der Montag danach – ohne Kalender, ohne Anrufe, ohne Termine. Nur Sie. Und die Stille.

Viele reden vom Ruhestand, als wäre er ein Wellness-Upgrade fürs Leben. Endlich ausschlafen, reisen, entspannen. Aber wenn Sie mal ehrlich sind – fühlt es sich wirklich so an? Oder schlecht da eine leise Angst heran, dass ohne Job plötzlich etwas fehlt? Etwas Wichtiges? Sie?

Und die schmerzliche Frage: Was bleibt von mir, wenn die Arbeit geht?

Vielleicht sitzen Sie gerade an einem dieser modernen Glastische, auf denen noch ein paar Akten liegen – und ein letzter Ordner, der bald ins Archiv wandert. Oder Sie haben sich längst verabschiedet, die Abschiedsrede liegt Wochen zurück, und doch spüren Sie ein leises Ziehen im Hintergrund: eine Mischung aus Wehmut, Orientierungslosigkeit und… ja, auch ein wenig Angst.

Die sogenannte „Rente“ – in Zahlen eine Regelung zur finanziellen Absicherung im Alter. In der Lebenswirklichkeit aber: oft eine emotionale Vollbremsung.

Und je höher Ihre Verantwortung war, je mehr Sie sich über Ihre Arbeit definiert haben, desto größer kann dieses Gefühl der Leere sein. Die Psychologen nennen es manchmal „Empty-Desk-Syndrom“. Ich nenne es: der Moment, in dem das Außen verstummt – und das Innen lauter wird.

Ruhestand – ein Wort, das nicht passt

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum das Wort „Ruhestand“ so falsch klingt?
Ruhen? Stand? Das Leben bleibt doch nicht stehen. Und Sie auch nicht.

Vielleicht fühlen Sie sich fitter denn je, voller Ideen, voller Energie – und doch, laut Gesetzbuch, gehört das jetzt alles nicht mehr zur Erwerbswelt.

Fakt: In Deutschland liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei 64,4 Jahren (Stand 2023), Tendenz steigend. Die gesetzliche Regelaltersgrenze liegt aktuell bei 66 Jahren – und wird bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Doch viele Menschen gehen früher – aus gesundheitlichen oder organisatorischen Gründen.

Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung: Frauen in Deutschland werden im Schnitt 83,5 Jahre alt, Männer 78,9 Jahre. Das bedeutet: Wir verbringen im Schnitt 15 bis 20 Jahre im Ruhestand. Das ist mehr als ein Viertel unseres Erwachsenenlebens.

Was machen Sie mit dieser Zeit?

Seien Sie ehrlich: Arbeit war nie nur Arbeit

Fragen Sie sich selbst:
Was hat Ihnen Ihre Arbeit gegeben – außer Einkommen?

Vielleicht war sie Ihre Bühne. Ihr Spielfeld. Ihre Struktur.
Vielleicht war sie der Ort, an dem Sie Bedeutung erfahren haben.
Vielleicht war sie Ihr Weg, Wirkung zu spüren, gebraucht zu werden, Einfluss zu nehmen.

Und jetzt? Plötzlich sind die Tage leerer. Kein Kalender, der sich selbst füllt. Kein Team, das etwas von Ihnen will. Keine Meetings, keine Deadlines, kein Feedback. Nur Stille.
Und jeden Morgen sehr viel Zeit.

Das klingt wie Freiheit. Aber es kann sich auch anfühlen wie ein kalter Entzug.

Wenn Leistung zur Identität wurde

Sie waren gewohnt, gebraucht zu werden. Entscheidungen zu treffen. Menschen zu führen. Etwas zu bewegen. Und jetzt?

Jetzt müssen Sie nur noch den Einkaufszettel schreiben. Oder werden plötzlich zum Qualitätsmanager beim Wäscheaufhängen. Kein Wunder, dass da bei manchen der Begriff „Empty-Desk-Syndrom“ ins Spiel kommt.

Doch der leere Schreibtisch ist nicht das Problem. Sondern das Vakuum, das entsteht, wenn die eigene Identität fast ausschließlich an Leistung, Funktion und Status hing. Wenn Sie beim Kennenlernen reflexartig mit Ihrem Job geantwortet haben – statt mit dem, was Sie wirklich ausmacht.

Im Ruhestand gibt es zwei Arten von Verlust

Das berichten mir Menschen im Coaching immer wieder:

  • Der äußere Verlust:
    Kein Arbeitsweg. Kein Schnack im Kollegenkreis. Keine Rollen. Kein Gehalt. Kein Status.
  • Der innere Verlust:
    Kein Gefühl von Bedeutsamkeit. Kein Stolz nach getaner Arbeit. Keine Selbstwirksamkeit. Keine Zugehörigkeit.

Und weil diese beiden Ebenen miteinander verflochten sind, fällt es vielen so schwer, einfach „umzuschalten“.
Es fehlt nicht nur der Terminplan – es fehlt ein Teil von Ihnen selbst.

Die stille Kränkung: „Es läuft auch ohne mich“

Der Laden läuft weiter. Die Kollegen? Die Kunden? Vermissen Sie kurz – dann übernehmen andere. Die Projekte? Werden trotzdem abgeschlossen. Das kann kränken. Oder befreien. Beides.

Der Gedanke, nicht mehr gebraucht zu werden, ist für viele bedrohlicher als das eigene Älterwerden.

Im Juli 2025 ging der Suizidversuch eines bekannten Textilunternehmers durch die Medien.

Wenn Sie Verantwortung getragen haben, andere angeleitet, Entscheidungen getroffen haben – dann war es Teil Ihrer Identität, gebraucht zu werden.Und ja, es kann kränkend sein, zu erleben, dass die Organisation ohne Sie weiterläuft.
Dass man nicht mehr auf Ihren Rat wartet.
Dass Ihre Ideen langsam verblassen.
Dass Sie ersetzbar sind.

Doch vielleicht ist genau das auch ein Zeichen guter Führung: Wenn Dinge weiterlaufen, die Sie mit aufgebaut haben.
Vielleicht könnten Sie darauf auch stolz sein – statt gekränkt?

Ein Geschäftsführer sagte mir einmal: „Ich wusste, wer ich war – solange ich CEO war. Aber wer bin ich jetzt? Nur noch Rentner?“ Was für ein kleiner, enger Begriff für ein langes Leben.

Tatsächlich ist das Thema Identität zentral in dieser Lebensphase. Wer sich über Jahrzehnte stark über Rolle, Leistung und Außenwirkung definiert hat, erlebt oft einen kleinen Identitätskollaps, wenn das alles plötzlich wegfällt.

Die eigentliche Frage, die sich dann stellt, lautet: Bin ich noch etwas wert – wenn ich nichts mehr leiste?
Das ist unbequem. Aber ehrlich.

Dabei ist genau hier der Punkt, an dem Persönlichkeitsentwicklung beginnt: Wer bin ich, wenn niemand mehr applaudiert? Wenn ich nicht mehr Chef bin, sondern einfach nur … ich?

Warum es so schwer ist, aufzuhören

Viele planen ihre Karriere sorgfältig – aber nicht ihren Abschied.
Dabei wäre das mindestens genauso wichtig.

Loslassen hat nichts mit Schwäche zu tun. Im Gegenteil: Es ist eine verdammt starke Entscheidung, bewusst aufzuhören, statt stillschweigend zu versickern. Die eigentliche Frage lautet nicht: „Was mache ich im Ruhestand?“, sondern: „Was bleibt übrig von mir, wenn der Titel weg ist?“

Dass der Rollenwechsel kein individuelles Problem ist, zeigt der Erfolg des Loriot-Klassikers „Pappa ante portas“.

Wenn Aktivität zur Vermeidungsstrategie wird

Nicht wenige fliehen aus dem Ruhestand direkt in die nächste High-Performance-Zone: Ehrenamt, Reisen, Marathon, Opernabo. Hauptsache, beschäftigt. Hauptsache, nicht diese große Veränderung fühlen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Aktivität ist gut. Aber wenn sie zur Betäubung dient, um nicht mit der eigenen Leere konfrontiert zu werden, wird’s gefährlich. Die Ablenkungsstrategie funktioniert zwar – eine Weile. Bis man nachts wachliegt und sich fragt:
„Und das ist jetzt mein Leben?“

Mit dem Ruhestand gibt’s die Beziehungskrise oft inklusive.
Denn die Umstellung im Tagesablauf betrifft nicht nur Sie. Auch Ihr Partner, Ihre Kinder, Ihre Freunde merken plötzlich: Da ist jetzt mehr von Ihnen da, und das immer öfter. Und nicht alle wissen, wohin mit dieser XXL-Version von Ihnen.

Manche Paare scheitern an der neuen Nähe. Plötzlich wird Ihre Präsenz zu viel. Die geregelte Distanz der Arbeitsjahre hat Spannungen kaschiert, die nun aufbrechen. Dann hilft kein Plan, sondern echte Gespräche. Ehrlich, direkt, unbequem.

Denn es gibt Fragen, die holen jeden irgendwann ein:

  • Wofür bin ich da – jenseits von Produktivität?
  • Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere?
  • Kann ich mit mir allein sein – ohne mich zu langweilen oder zu bewerten?

Lust auf einen kleinen Selbstversuch?

Angenommen, ich würde Sie auffordern: „Erzählen Sie mir bitte Ihre Lebensgeschichte – aber lassen Sie alle beruflichen Stationen weg.“
Was würden Sie sagen?
Was bleibt übrig?
Welche Menschen, Erlebnisse, Wendepunkte, inneren Veränderungen prägen Ihre Erzählung?

Und wenn Sie nichts wissen, was Sie erzählen könnten, ist das kein Zeichen von Leere – sondern ein Weckruf.


Und wie mache ich das jetzt mit dem Übergang in den Ruhestand?

Vielleicht haben Sie alles geplant. Die Übergabe. Die steuerliche Optimierung. Die Reise nach Neuseeland.
Planung reicht nicht – Sie müssen die Veränderung auch emotional erfahren.
Haben Sie gespürt, wie es ist, aufzuhören und nicht mehr „gebraucht“ zu werden – und sich trotzdem wertvoll zu fühlen?

Wer sich in der Arbeit nicht mit sich selbst beschäftigt hat, wird es im Ruhestand sehr schwer haben. Denn plötzlich fehlt das Außen – und das Innen steht nackt da.

Wie viel Macht hat Ihre Rolle noch über Sie?

Wenn Sie früher Macht hatten, Einfluss, Ansehen – können Sie heute ohne das leben?
Oder brauchen Sie immer noch einen Raum, in dem Sie führen, entscheiden, kontrollieren können?
Und seien Sie ehrlich: Wollen Sie geben – oder dominieren?

Viele, die in soziale oder ehrenamtliche Projekte gehen, merken: Hier gelten andere Regeln. Hier gibt es keine Assistentin mehr, keinen Titel. Hier zählt Haltung. Zuhören. Mitmachen.

Sind Sie bereit für diese Form von Menschsein?

Wie Angehörige helfen können – ohne zu nerven

Der Übergang in den Ruhestand betrifft nicht nur Sie. Ihre Partnerin, Ihr Partner, Ihre Kinder, Ihr Umfeld – sie alle merken, dass sich etwas verändert. Vielleicht sind Sie plötzlich „zu Hause“ – aber nicht wirklich präsent. Vielleicht wirken Sie ungeduldig, kontrollierend, gereizt. Das ist normal – aber es darf angesprochen werden.

Wenn Sie in einer Partnerschaft leben, fragen Sie sich gegenseitig:

  • Wie stellen wir uns das gemeinsame Leben jetzt vor?
  • Was brauchen wir voneinander – und was nicht?
  • Wie bleiben wir in Beziehung – ohne uns zu ersticken?

Der Ruhestand ist auch eine Beziehungskrise. Und wie jede Krise birgt er Chancen – wenn man hinschaut, statt ausweicht.

ruhestand

Wer alt ist, soll fit, fröhlich und funktional sein – oder sich zurückziehen.

Das gilt unterschwellig in unserer Kultur gilt. Gefühle wie Einsamkeit, Unruhe oder Angst haben wenig Platz. Dabei zeigen Krankenkassendaten: Die Zahl der Depressionen bei 60- bis 70-Jährigen steigt seit Jahren.

Warum? Weil viele nie gelernt haben, mit sich allein zu sein. Mit Zweifeln. Mit Unklarheit. Mit dem eigenen Unbehagen.
Aber genau hier beginnt Menschlichkeit.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was soll ich tun?

Meine Antwort: Weniger tun. Mehr spüren.

Und vielleicht beginnen Sie heute damit, sich eine neue Frage zu stellen.
Nicht: Was tue ich? – sondern: Wer bin ich, wenn ich nichts tue?

Wie fühlt sich das an für Sie? Befreiend? Beängstigend? Unmöglich?
Dann wäre das vielleicht ein guter Punkt, um tiefer zu graben.
Und dann – langsam – beginnen, neue Fragen zu stellen:

  • Was wollte ich immer schon mal tun – jenseits von Effizienz?
  • Mit wem will ich wirklich Zeit verbringen – nicht aus Pflicht, sondern aus Lust?
  • Wen darf ich neu kennenlernen – auch in mir selbst?

Mein Resümee: Der Ruhestand ist kein Ende. Sondern ein echter Anfang. Ruhestand ist kein Projekt, sondern ein innerer Prozess
Aber nur, wenn Sie bereit sind, sich einzulassen – auf das Unfertige, das Unsichere, das Nicht-Planbare.

Wenn Sie diesen Übergang meistern wollen, brauchen Sie keine Bucketliste.
Sie brauchen Mut zur Leere.
Mut, sich neu kennenzulernen

Und wenn Sie auf dem Weg dorthin Unterstützung möchten – nicht weil Sie schwach sind, sondern weil es stark ist, sich begleiten zu lassen – dann wissen Sie, wo Sie mich finden.



Wie ich mit solchen Lebensthemen ganz praktisch arbeite, lesen Sie in meinen über 70 Fallgeschichten.

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kommentarWie geht es Ihnen mit dem Thema „Ruhestand“?

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Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.