„Warum bin ich so verdammt naiv?“, fragte der Mann im Coaching.

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Auf der Packung stand „höchster Lichtschutzfaktor“. Hätte ich mal besser meiner Wahrnehmung getraut. Bild: ajr_images, iStock.com

Bei manchen Menschen weiß man nicht: Sind sie einfach doof, naiv, gutgläubig, völlig verpeilt oder stellen sie sich dumm? Jedenfalls passieren ihnen überzufällig Missgeschicke, Unfälle, sie werden ausgenützt, reingelegt oder haben jede Menge Pech. Auffällig dabei ist, sie hadern nicht mit ihrem Schicksal sondern zucken stattdessen mit den Schultern und denken: „Ist doch nicht so schlimm.“
Welches Lebensthema hier dahinter stecken kann, lesen Sie in dieser Fallgeschichte.

 


„Mein Schutzengel hat viel zu tun, wenn ich bedenke, was mir im Lauf meines Lebens schon alles zugestoßen ist. Ich verstehe überhaupt nicht, was da läuft. Meine Freunde sagen, ich würde meinem Bauchgefühl nicht trauen und vielleicht haben sie ja recht.“

Im 3-h-Online-Coaching saß mir Oliver P.gegenüber, 41 Jahre, ledig, in der Verwaltung seiner Heimatstadt beschäftigt.

„Was ist Ihnen denn bisher alles zugestoßen?“, erkundigte ich mich.

„Das fing schon in der Grundschule an. Zwei Mitschüler hatten das Klassenbuch auf dem Klo angezündet und mich beschuldigt, sie angestiftet zu haben. Ich wusste, dass das nicht stimmte, verwickelte mich aber im Gespräch mit dem Direktor in Widersprüche und wusste hinterher nicht mehr hundertprozentig, ob ich nicht doch beteiligt war.“
„Das heißt, ein Teil von Ihnen kannte die Wahrheit aber eine anderer Teil hatte Zweifel – und Sie entschieden sich für den Zweifel“,
sagte ich, um zu klären, was in Oliver P. damals vorgegangen war.

„Ja, das trifft es recht gut. So war das auch, als ein Bekannter in den neunziger Jahren mir von einem Steuersparmodell mit Schiffsfonds vorschwärmte. Ich hatte keine Ahnung von Finanzen, aber etwas Geld gespart. Erst hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache, aber ich wollte meinen Bekannten nicht enttäuschen und willigte. Das ganze Geld war nach ein paar Jahren futsch.“
„Auch hier sagte Ihr Bauchgefühl eher nein – aber Sie hörten nicht darauf.“
„Genau, deswegen finde ich ja, dass ich zu naiv bin für diese Welt. Wenn man nur lange auf mich einredet, kann man mir ein X für ein U vormachen. Ich hatte zwar auch da ein komisches Gefühl, dachte aber, es wird schon in Ordnung sein. Schließlich hatte der Bekannte ja selbst Geld dort investiert. Aber ich weiß manchmal überhaupt nicht mehr, wem ich noch glauben kann. Am wenigsten mir selbst.“

Bezeichnenderweise stellte ich bei mir selbst eine zunehmende Verwirrung  fest. War das wirklich eine Sache des fehlenden Bauchgefühls oder war der Klient einfach zu gutgläubig und außerdem konfliktscheu?

„Letzte Woche war ich zum Beispiel in einem Edelrestaurant. Als ich mit dem Essen anfing, fand ich, dass das Fleisch etwas zäh war. Ich traute mich nicht, das dem Ober, der sich erkundigte, zu sagen, weil ich nicht als Idiot dastehen wollte. Schließlich bin ich ja kein Gourmet. Solche Situationen erlebe ich dauernd. Wird schon in Ordnung sein, dachte ich dann.“

Wie lernen wir, unserer Wahrnehmung zu vertrauen?

Vertrauen ist ein Lernprozess, bei dem wir erleben, dass unsere Wahrnehmung von jemand, der für uns wichtig ist, bestätigt wird.

Wenn ein Kind erlebt, dass seine Wahrnehmung und die Wahrnehmung seiner Eltern nicht übereinstimmt, entsteht ein Konflikt, der für ein Kind schwer zu ertragen ist. Meist entscheidet es dann, dass seine Wahrnehmung falsch ist. Denn dann kann die Wahrnehmung seiner Eltern richtig sein und das ist enorm wichtig für das Kind.

Das Kind kann nicht denken, meine Eltern spinnen. Denn das würde bedeuten, dass die Wahrnehmung der Eltern falsch ist und das wäre unerträglich für das Kind, weil es dann niemanden hätte, dem es vertrauen kann.

Wie sehr wir sogar als Erwachsene davon abhängig sind, dass andere unsere Wahrnehmung bestätigen, zeigt das berühmte Asch-Experiment von 1951. Hier in einer neuzeitlichen Form:

Kinder sind von Natur aus neugierig, wollen sich selbst, andere Menschen und die Welt um sich herum verstehen. Deswegen brauchen Kinder möglichst oft Informationen und Antworten auf ihre Fragen, die ihrem Alter angemessen sind.

In meinen 3-h-Coachings lasse ich mir vorab auch immer etwas über die „Familienregeln“ erklären. Das sind Verhaltensmuster, häufige Sprüche, Werte und vor allem unterschwellige Botschaften. In Bezug auf die Wahrnehmung höre ich immer mal wieder folgende Regeln:

  • „Frag nicht so viel!“
  • „Das musst du nicht wissen.“
  • „Das geht dich nichts an.“
  • „Es ist alles in Ordnung.“
  • „Sei nicht so neugierig!“
  • „Das bildest du dir ein.“
  • „Frag nicht so blöd!“
  • „Was sollen denn die Nachbarn denken.“
  • „Sei lieb!“
  • „Das ist doch nicht so schlimm.“
  • „Stell dich nicht so an!“
  • „Du übertreibst maßlos.“
  • „Woher willst du das wissen?“
  • „Wenn ich sage, das ist so, dann ist es so!“
  • „Du spinnst doch!“

Vor allem Familien, die nach außen ein gutes Bild abgeben wollen, halten neugierige Fragen oder widersprüchliches Verhalten für gefährlich. Entweder, weil man auf dem Dorf lebt, wo die soziale Kontrolle höher ist als in der Stadt. Oder weil ein Elternteil eine berufliche Stellung als Bürgermeister, Arzt, Lehrer oder Elternvertreter innehat, bei der das Image eine wichtige Rolle spielen kann.

Dann müssen aber Schwierigkeiten und Probleme entweder bagatellisiert, verleugnet oder vertuscht werden. Das Geschehen wird zum Tabu erklärt, über das nicht gesprochen werden darf.

Noch gravierender für das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung ist es, wenn ein Kind auch innerhalb der Familie nicht wissen darf, was los ist. 

So berichtete mir einmal ein Klient eine Erinnerung, dass alle zwei Wochen, der Nachbar, der eine Schreinerwerkstatt hatte, zu Besuch kam und mit seiner Mutter im Schlafzimmer verschwand, angeblich, um das Bett zu reparieren. In der Zeit, da war er fünf Jahre alt, musste der Klient in der Küche sitzen und warten. Außerdem befahlt ihm die Mutter, über die Besuche des Nachbarn mit niemandem zu reden. Erst im Alter von zehn erfuhr er von Klassenkameraden, was hinter den Hausbesuchen des Schreiners wirklich steckte.

Das Kind nimmt etwas wahr, was ihm seltsam vorkommt. Werden seine Fragen abgetan oder verboten, ist das Kind verunsichert. Was stimmt jetzt? Was es selbst wahrnimmt – oder was die Erwachsenen sagen.

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Bild: Andrea Piacquadio

„Ich wusste eigentlich immer, dass da was nicht stimmt.“

Im Coaching frage ich oft nach dem Auslöser, gerade jetzt sich für das Coaching anzumelden. Denn meist sind die Probleme ja seit längerem bekannt. Egal ob es die zunehmende berufliche Belastung oder die Streitereien in der Ehe oder die Aufschieberitis des Klienten ist.

Das Problem ist schon länger bekannt, wurde aber ertragen, verharmlost oder kompensiert. Bis es eben nicht mehr geht, die körperliche oder seelische Widerstandskraft erlahmt. Oder der Klient einfach so nicht weitermachen will: „Ich habe einfach die Nase voll von meinen ständigen Ausreden. Ich will jetzt etwas ändern!“

„Gibt es einen Grund, warum Sie gerade jetzt das Coaching gebucht haben?“, fragte ich den Klienten.

„Ja, den gibt es. Vor einem Jahr hat mir meine ältere Schwester gesagt, dass sie herausgefunden hat, dass mein Vater gar nicht mein leiblicher Vater ist, sondern ich das Ergebnis eines Urlaubsflirts meiner Mutter in Spanien bin. Das habe ihr die Mutter kürzlich in einem Streit verraten.
Das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen, als ich das erfuhr. Daß ich praktisch mit einer Lüge aufgewachsen bin. Aber ich war auch erleichtert, denn ich wusste eigentlich immer, dass da was nicht stimmt. Es gibt keine Ähnlichkeit mit meinen Geschwistern oder meinem Vater. Das fiel auch anderen Kindern auf. Als ich meine Mutter daraufhin fragte, sagte sie nur, ich solle mich nicht aufregen, es sei alles in Ordnung.“

Familiengeheimnisse sind unsichtbare Lasten.
Man kann sie spüren, aber ihre verborgene Natur macht es unmöglich, sie zu identifizieren und zu verarbeiten. Sie sind oft mit Schuld oder Scham verbunden, deswegen werden sie verschwiegen.  Doch das hilft nicht.

In der Familie wird versucht, was geschehen ist, in eine dunkle Ecke zu verbannen, als ob das Verbergen es verschwinden lassen würde. Es zu verbergen, hat jedoch genau den gegenteiligen Effekt. Obwohl niemand das Geheimnis sehen kann, ist es so lebendig wie eh und je. Dinge, die verdrängt werden, kommen fast immer ans Licht.

Die Scham, die Familiengeheimnisse umgibt, geht immer mit Schuldgefühlen einher. Diese Schuld ist eines der giftigsten und schädlichsten Gefühle, mit denen Menschen umgehen. Wenn Sie diese Art von Schuld mit sich herumtragen, fühlen Sie sich dadurch unwürdig und suchen unbewusst nach Möglichkeiten, sich selbst zu bestrafen.

„Was wollen Sie jetzt heute von mir?“, fragte ich nach dem Anliegen von Oliver P.
„Nachdem mir meine Schwester das gesagt hatte, war ich bestürzt und erleichtert. Am liebsten hätte ich sofort mit meinen Eltern darüber gesprochen. Aber mein Vater ist vor fünf Jahren gestorben und meine Mutter ist vierundachtzig und schon etwas dement. Und jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll.“

Ich spürte die Ambivalenz des Klienten. Ein Teil von Oliver P. wollte wissen, wie diese Familienlüge sein Leben beeinflusst hatte. Ein anderer Teil von ihm wollte vermutlich nicht an den Dingen rühren. Mit dieser Unentschlossenheit schützte der Klient sich und diesen Schutz wollte und durfte ich ihm nicht nehmen. Jedenfalls nicht ohne einen klaren Auftrag dazu.

Wenn man herausfindet, dass man als Kind nicht gewollt war, sondern die Folge eines Fehltritts, wirft das unweigerlich große Fragen auf:

  • Woher komme ich?
  • Wo gehöre ich hin?
  • Wer bin ich eigentlich?
  • Bin ich liebenswert?

Die Ambivalenz des Klienten vor Augen wollte ich herausfinden, ob er wirklich bereit war, Schmerzliches und Belastendes aus seiner Herkunftsfamilie auszugraben. Möglichkeiten dazu wären vielleicht vorhanden, denn es gab eine große Verwandtschaft und drei Schwestern.

Ich wollte mit ihm klären, wie wichtig ihm eine mögliche Aufarbeitung der Vergangenheit war, deren Ergebnis höchst unsicher schien. Oder wäre es ihm wichtiger, mit der Vergangenheit abzuschließen?

Ich bat ihn, es sich bequem zu machen und etwas achtsam zu werden.

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen: 
Ich muss nicht mehr alles wissen.“

Seine Reaktion überraschte mich nicht. Der Klient berichtete, dass eine große Anspannung von ihm abgefallen sei. Und eine innere Stimme ihm sagte,  dass er ja jetzt die Wahrheit kenne und vor allem, dass er sie schon immer gewusst hatte. Dass er also seiner Wahrnehmung doch trauen könne.

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Wenn die Wahrnehmungen nicht mehr wahr sind.

„Ihre Eingangsfrage war ja, warum Sie so naiv sind. Und ich glaube, Sie haben früh gelernt, Ihre Wahrnehmung Menschen gegenüber abzuschalten, weil die Informationen in Ihrer Familie so widersprüchlich waren“, griff ich den Faden wieder auf.

„Ja, das stimmt. Ich habe mich schon als Kind immer mehr von den Menschen zurückgezogen. Lief viel im Wald herum und redete mit den Bäumen und den Tieren, die ich dort entdeckte.“
„Aber das ist lange her. Das war Ihre beste Lösung als Kind. Jetzt sind Sie über vierzig. Vielleicht wäre es an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren!,
versuchte ich einen Übergang.

„Woran denken Sie?“, fragte Oliver P.
„Daran, dass Sie Ihre Naivität, Ihr Nicht-Wissen-Wollen vielleicht auch schrittweise abbauen könnten“, antwortete ich.
„Wie soll das gehen?“
„Am besten mit einem meiner Sätze.“
„Okay.“

„Ich bitte Sie, mal den Satz zu sagen:
»Ich darf sagen, was ich denke.«

Oliver P. schaute mich ungläubig an. „Im Ernst?“
„Im Ernst.“
„Und wenn ich mich irre?“
„Dann haben Sie sich geirrt. Jeder irrt sich mal – aber meistens lagen Sie doch mit Ihrer Wahrnehmung richtig.“

Ich war mir nicht sicher, ob diese Intervention ausreichen würde, doch etwas Besseres fiel mir nicht ein und das Coaching war bewegend genug gewesen.


 

Nach vier Wochen erhielt ich einen Brief von Oliver P., keine Mail. Er dankte mir für das Coaching und berichtete, dass er noch mal in das Edelrestaurant gegangen war. Leider wäre alles in Ordnung gewesen.

Aber er hatte überlegt, warum er eigentlich keine Freundin hatte. Und kam darauf, dass er sich bisher nicht zutraute, zu spüren, welche die „Richtige“ sein könnte. Also welche Frau zu ihm passen könnte. Und wie er das herausfinden könnte.
Das übe er jetzt und habe sich wegen Corona auf einer Dating-Plattform angemeldet. Dort tausche er sich schriftlich mit einigen Frauen aus und prüfe jedes Mal, was er wahrnehme. Das funktioniere zu seinem großen Erstaunen doch recht gut.



 

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Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.


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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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