Erst laufen wir mit der Zeit dem Geld hinterher, später mit dem Geld der Zeit.

–Günther Fr. Gross

Zeitmanagement: Warum unpünktliche Menschen eigentlich pünktlich sind

Denn ständige Unpünktlichkeit hat ganz andere Ursachen.

Das unpünktlich xs mr.markin Fotolia Zeitmanagement: Warum unpünktliche Menschen eigentlich pünktlich sind Meeting ist für 15 Uhr angesetzt. Fünfzehn Teilnehmer sind eingeladen.  Fünf Minuten davor sind fast alle da. Als der Moderator um 15 Uhr beginnen will, sagen Sie: "Lassen Sie uns noch zwei Minuten warten. Herr Schiller und Frau Sommer kommen gleich."

Und tatsächlich: um 15.02 Uhr drücken sich beide Mitarbeiter zur Tür rein, hastig eine Entschuldigung murmelnd. Dann sagen Sie: "Es fehlt noch Herr Stuhler, aber der kommt frühestens in zwanzig Minuten, da fangen wir besser an."

Und tatsächlich: Um 15.22 Uhr kommt Herr Stuhler herein, erzählt was von einem dringenden Anruf mit der Tochtergesellschaft in Singapur und Strategieplänen für 2015 bis 2020.

Was ist da los? Können Sie hellsehen?

Natürlich nicht, Sie kennen nur Ihre Pappenheimer und deren Gewohnheiten. Jeder kennt solche Menschen, die zu Geburtstagseinladungen "pünktlich" eine Stunde zu spät kommen. Oder selbst bei Prüfungsterminen es nicht schaffen, genau zur vereinbarten Zeit aufzutauchen.

Was ist da los?

 

"Das Symptom ist die Lösung."

Mit diesem Satz arbeite ich in meinen Persönlichkeitsseminaren, um die Ursache von störenden Erlebnis oder Verhaltensweisen aufzudecken, die jemand trotz Anstrengung bisher nicht ändern konnte. Verhaltensweisen wie:

  • vor Vorträgen fürchterlich aufgeregt zu sein;
  • wichtige Aufgaben dauernd aufzuschieben;
  • sich immer als Opfer zu fühlen;
  • sich häufig mit Autoritäten anzulegen;
  • zu wenig nein zu sagen und sich abzugrenzen;
  • alles  immer superperfekt machen zu wollen ...

Die Überschrift ist nicht leicht zu verstehen. Verhaltensweisen, die uns an uns selbst stören und die wir trotz etlicher Bemühungen nicht verändern können, lassen sich jedoch interpretieren als eine Lösung für einen inneren, unbewussten Konflikt.

Natürlich nicht für die äußere Situation, da kassiert man oft unangenehme Konsequenzen. Sondern als die beste Lösung für einen inneren Konflikt. Das Vertrackte ist: dieser Konflikt ist Ihnen unbewusst. Was bedeutet, dass Sie auch keine andere Verhaltensweise finden können, weil Sie gar nicht wissen, welchen Konflikt Sie mit Ihrem störenden Verhalten "lösen".

 

Zurück zur Unpünktlichkeit.

Wer regelmäßig zu Terminen ein paar Minuten zu spät kommt, ist nicht unpünktlich. Sondern sehr pünktlich, denn es braucht ja ein ausgezeichnetes Zeitmanagement, um zu jedem Meeting pünktlich zwei Minuten zu spät kommen!

Mit mangelnder Orientierung über die Zeit hat das nichts zu tun. Sonst müsste das ja variieren. Oder derjenige könnte ja einfach zwei Minuten früher losgehen. Das weiß er natürlich - aber warum tut er es nicht?

Die Antwort lautet: weil ständige Unpünktlichkeit für diesen Menschen eine ganz wichtige Funktion hat. Oder anders ausgedrückt: weil sie einen inneren Konflikt löst.

Doch welchen inneren Konflikt löst jemand, wenn er immer ein paar Minuten zu spät kommt?

Meiner Erfahrung nach steckt dahinter ein Autonomiekonflikt. Derjenige muss bei festen Terminen seine Unabhängigkeit beweisen, indem er die Vereinbarung unterläuft. Er rebelliert dagegen "verplant" zu werden - obwohl er der Terminvereinbarung ja meist selbst zugestimmt hat.

Wer achtsam untersucht, wie er es eigentlich hinkriegt, genau zwei Minuten zu spät zu kommen, wird etwas Erstaunliches entdecken.

Zwanzig Minuten vor dem Termin ist derjenige mit irgendetwas beschäftigt. Mails lesen, an einem Projekt arbeiten etc.

Wenn jetzt kurz vor dem Meeting-Termin der Blick auf die Uhr fällt und sich eine innere Stimme meldet, dass man jetzt abschließen und sich auf den Weg zum Besprechungsraum machen muss, passiert es.

Der "Unpünktliche" kriegt ein unangenehmes Gefühl, ist hin und her gerissen, liest weiter seine Mails oder nimmt noch ein Telefonat an. Eine Minute nach 15 Uhr sieht er, dass es später geworden ist, rafft seine Unterlagen zusammen und schafft es gerade noch, "pünktlich" um 15.02 Uhr zu erscheinen. Jedes Mal.

ureinwohner Zeitmanagement: Warum unpünktliche Menschen eigentlich pünktlich sind

Dahinter steckt Methode. Wenn man sich hierzulande zu einer bestimmten Uhrzeit verabredet, ist es ja nur praktisch, wenn alle da sind. Es bedeutet nichts. Es geht ja auch anders.

"Primitive" Völker, wo niemand eine Uhr hat, haben auch Meetings. Da lautet die Vereinbarung "Wir treffen uns bei Sonnenuntergang am Berg!" Das klappt auch prima.

Der notorisch "Unpünktliche" empfindet die Vereinbarung "15 Uhr Meeting, Raum 123" aber nicht als nützliche Information, sondern als EINSCHRÄNKUNG SEINER FREIHEIT. Jemand will ihm vorschreiben, wann er seine Mails lesen darf, ob er noch diesen Anruf entgegennehmen darf, wann er sein Zimmer zu verlassen hat.

Und wer ein Autonomieproblem hat, der rebelliert jetzt. Er will sich nicht dem Diktat der Zeitvereinbarung beugen, da müsste er ja gehorchen, sich unterwerfen. Niemals! Er ist doch ein freier Mensch, das wollen wir doch mal sehen!

Der notorisch Unpünktliche muss dauernd beweisen, dass er ein freier Mensch ist. Deshalb überhört er die innere Stimme, die ihn an das pünktliche Aufbrechen erinnert, trödelt noch ein bisschen herum, bis er um 15.01 Uhr beschließt: Jetzt gehe ich los! Ich hab ja noch das Meeting. Er erscheint dort - pünktlich zwei Minuten später - und drückt damit aus: Hier bin ich. Aber zu meiner Zeit!

Der hier beschriebene Vorgang ist dem "Unpünktlichen" immer völlig unbewusst. Es ist seine beste Lösung für seinen inneren Autonomie-Konflikt. Auf seine ständige Unpünktlichkeit angesprochen, wird er ganz andere Erklärungen liefern:

  • "Ich hab halt immer so viel zu tun."
  • "Da kam noch ein Anruf."
  • "Der Stress! Der Stress!"
  • "Ich bin halt so. Das war schon in der Schule so."

Doch der Fragende wird solche Antworten selten akzeptieren, denn die anderen Meetingteilnehmer haben auch viel zu tun, beantworten auch ihre Mails. Nehmen aber einen Anruf, wenn es klingelt, wenn sie gerade aus dem Büro zum Meeting gehen, nicht mehr an. Weil sie wissen, dass sie dann zu spät kämen.

Solche inneren Konflikte entstehen meist in der Kindheit oder frühen Jugend, wo wir täglich in einer abhängigen Position lernen, wie es in der Welt zugeht. Und dort entwickeln wir auch unsere Strategien, mit solchen Situationen umzugehen und Gebote, Vorschriften etc. zu unterlaufen.

 

Noch zwei Arten von Unpünktlichkeit.

könig xs VRD Fotolia Zeitmanagement: Warum unpünktliche Menschen eigentlich pünktlich sind Da war noch Herr Stuhler, der grundsätzlich immer 20 Minuten später zu Besprechungen erscheint. Und dann was erzählt von einem dringenden Anruf mit der Tochtergesellschaft in Singapur oder einem Telefonat mit dem Landtagsabgeordneten.

Diese Menschen haben ein Statusproblem. Sie brauchen einen Auftritt.

Würden sie 5 Minuten vor Meetingbeginn schon da sein, mit den anderen Teilnehmern sich unterhalten und warten, dass es anfängt, bekämen sie schon bei dieser Vorstellung ein unangenehmes Gefühl:

ICH UNTER ALL DEN NORMALOS IN DER MASSE SITZEN??? Da sieht mich ja keiner, da geh ich ja unter. Da bin ich ja einer von denen. Und woran soll man dann erkennen, dass ich wichtig bin???

Die dritte Gruppe von "Unpünktlichen" ist natürlich nie unpünktlich. Einfach weil sie zu jedem verabredeten Termin schon mindestens eine Viertelstunde früher da sind. Haben schon ihre Unterlagen gelesen und geordnet, die Tagesordnung auswendig gelernt - sind also tiptop vorbereitet.

Für sie ist schon die Vorstellung, erst drei Minuten vor Sitzungsbeginn zu erscheinen, unvorstellbar und total unangenehm. "So kurz vor knapp? Und wenn dann was dazwischen kommt, ich was vergessen habe oder nochmal aufs Klo muss?"

Diese Menschen haben eine panische Angst, Fehler zu machen oder unangenehm aufzufallen. Wenn Sie sich tatsächlich mal verspäten würden und zwei Minuten nach Besprechungstermin rein kämen, würden sie rot anlaufen, sich in Grund und Boden schämen und nichts von der Sitzung mitkriegen. Weil sie die ganze Zeit damit beschäftigt wären, über ihr Versäumnis und dessen schreckliche Folgen nachzugrübeln.

 

Zeitprobleme haben nichts mit der Zeit zu tun.

Deshalb greifen auch oft übliche Zeitmanagement-Seminare zu kurz. So nützlich die dort vorgestellten Tools sind, man kann die Zeit nicht managen. Höchstens sich selbst. Das klappt meist auch - wenn die angewendeten Methoden keinen inneren Konflikt berühren. Denn dann ist man zwar entschlossen, die guten Tipps anzuwenden - aber es klappt nicht. Warum?

Weil das gezeigte "störende" Verhalten die beste Lösung ist. Nicht für die äußere Situation, sondern für den inneren, unbewussten Konflikt.

Dieser Ansatz, problematische Verhaltensweisen anzugehen, ist erst einmal ungewöhnlich. Aber wenn man ihn mal verstanden hat und anwendet, versteht man viele seltsame Verhaltensweisen besser:

  • Wie ein Verteidigungsminister und ein Bundespräsident es innerhalb weniger Wochen schafften, ihre Karriere gründlich zu ruinieren.
  • Warum es so schwer ist, sich das Rauchen abzugewöhnen.
  • Warum Aufschieber sich jedes Mal schwören: "Morgen fang ich an!"

Der Betroffene hat meist kreative Erklärungen. Sie wissen es jetzt besser: weil das seltsame Verhalten für den Betreffenden die beste Lösung ist.

Haben Sie auch Problem mit der Zeit, dem Stress oder ein anderes Anliegen. Meine nächsten Seminartermine finden Sie hier: www.seminare4you.de

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 Zeitmanagement: Warum unpünktliche Menschen eigentlich pünktlich sind
 Zeitmanagement: Warum unpünktliche Menschen eigentlich pünktlich sind

Hier schreibt: Roland Kopp-Wichmann

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.



46 Kommentare

  • Am besten, Sie kommen mal in eines meiner Persönlichkeitsseminare: http://www.seminare4you.de

  • Anna N. schrieb:

    Hallo, danke für den tollen Artikel! Mich würden noch mehr Informationen oder Lösungen/Seminare zu dem Statusproblem und Unpünktlichkeit interessieren. Ich habe das Problem und möchte es loswerden.

  • Ein toller Artikel! Vielen Dank dafür!

  • Wer als einziges Werkzeug einen Hammer besitzt, für den ist jedes Problem ein Nagel.

  • Jeder militärische Angriff, der zu früh oder zu spät sein Ziel erreicht, greift ins Leere.

    Außerdem hat Pünktlichkeit auch etwas mit Respekt gegenüber dem Einladenden zu tun.

    Zuletzt, wer schon nicht Pünktlich kommt, wie unzuverlässig ist der denn dann in anderen Dingen?

    Mit besten Grüßen,

    Alexander E. Schröpfer

  • Ganz toller Artikel. Werde ich gerade auf mein Profil posten. =)

  • Stunden früher oder eine Stunde später – bloß nichts dazwischen? Das ist schon keine Rebellion, das ist Guerillakampf!
    Gegen wen oder was in Ihrer Biografie müssen Sie noch so sehr kämpfen?

  • Sandra schrieb:

    Ich bin 35 J. und liebe meinen Job und das Büro. Doch trotz aller Liebe schaffe ich es einfach nicht, mich einer festen Zeit zu unterwerfen. Entweder erscheine ich Stunden früher oder komme gerne bis zu einer Stunde später. Leider gibt es dadurch immer wieder Konflikte und nicht jeder Arbeitgeber ist kompromissbereit auf Gleitzeit. Freunde kennen mich und halten sich an die Absprache, mich einfach früher zu bestellen ^^

    Vielen Dank für den Artikel. Ich werde es mal prüfen und ausprobieren mich im Moment der Rebellion zu ertappen ;)

  • Keine Meetings: Kommt mein Gesprächspartner bei Besprechungen zu zweit nicht innerhalb der akademischen Viertelstunde, dann gehe ich. Bisher war er oder sie bei den nächsten Treffen pünktlich auf die Minute oder sogar schon etwas früher vor Ort :wink:

    Bei Meetings: die einen begrüßen und die anderen nach und nach eingliedern, geht auch.

    Gehöre übrigens zu der Sorte “fünf Minuten früher da oder pünktlich”.
    Danke für den prima Artikel.

    Silke Bicker

  • Hallo,
    bei denen ist eben der Autonomiekonflikt nicht so stark ausgeprägt. Die müssen sich nur manchmal vergewissern, dass sie doch freie Menschen sind.

  • “Weil das gezeigte “störende” Verhalten die beste Lösung ist. Nicht für die äußere Situation, sondern für den inneren, unbewussten Konflikt.” Großartig auf den Punkt gebracht ruft dieser Satz in mir direkt die Erinnerung an mir bekannte Menschen :) Denn wenn eine Verhaltensweise keinen Nutzen für den Menschen hat, wird diese auch nicht ausgeführt. Ausserdem habe ich sofort meine eigene Pünktlichkeit unter die Lupe genommen und mein Autonomiebedürfnis geprüft. Unter diesem Blickwinkel hatte ich es noch nicht betrachtet!

    Eine Frage bleibt noch. Sie schreiben von notorisch Unpünktlichen und wie ist es Ihrer Meinung nach bei gelegentlich Unpünktlichen? Auch ein Autonomieproblem?

  • Hallo Jakob,
    freut mich, dass Sie gleich zwei Sachen hier lernen. Besser Deutsch (Sie können sich aber schon sehr gut ausdrücken!) und noch etwas über Persönlichkeitsentwicklung.

  • Jakob schrieb:

    Lieber Herr Roland,
    als ich Ihren Blog vor ein paar Wochen irgendwo im Internet gefunden habe, dachte ich mir, es kann eine gute Möglichkeit sein, meine Deutschsprachkenntnisse zu verbessern, da ich in Polen wohne. Ich hätte mir aber nicht gedacht, dass mir Ihre Artikel so gut gefallen und dass ich mich bald vor allem darauf konzentriere, etwas Neues und Interessantes vom Inhalt Ihres Eintrages zu erfahren.

    Das von Ihnen besprochene Thema finde ich auch sehr hilfreich, obwohl ich kein ‘unpünktlicher’ Mensch bin. Ich gehöre eher zu der dritten Gruppe, also zu denjenigen, die sich immer darum bemühen, rechtzeitig da zu sein. Natürlich sind mir nie alle Freunde so ähnlich, deswegen kann mir Ihr Artikel dabei helfen, andere Leute zu verstehen und damit einverstanden zu sein, warum es ihnen sehr schwer fällt, zwei Minuten früher anzukommen. ;-)

    Mit freundlichen Grüßen,
    Jakob.

  • Liebe Frau Fuchs,
    diese Wahlfreiheit haben Sie natürlich. Es persönlich zu nehmen. Sie können es aber auch als Problem des anderen sehen und mit dem Essen anfangen.
    Schön, ist das nicht. Aber vielleicht besser als sich zu ärgern und das Essen verkochen lassen.

  • Wenn sich jemand um 2 Minuten verspätet, finde ich das jetzt nicht kritisch. Große Auftritte nach 20 Minuten, o.k. Bei Besprechungen würde ich einfach anfangen, dann ist halt der Zuspätkommer nicht dabei.

    Aber, wo es mich richtig ärgert, ist Zuspätkommen, wenn ich zum Essen eingeladen habe. Der Braten trocknet aus, die Knödel zerfallen im Kochwasser, wenn der geladene Besuch über eine Stunde später kommt als angekündigt.

    Reisen die Gäste von weiter an, plane ich sowas mit ein. Wenn sie aber “um die Ecke wohnen”, empfinde ich es dann schon als Abwertung meiner Arbeit.

  • Hallo Herr Pichl,
    in einem Blogartikel kann man eben nicht alle Fragen beantworten, dafür antworte ich ja gerne in den Kommentaren.

    Die Angst vor Vorträgen haben meist Perfektionisten, die ihre eigenen überhöhten Ansprüche aufs Publikum projizieren. Und dann glauben, dass ein Versprecher oder wenn einem mal der Faden reißt das die Katastrophe wäre. Und zwar deshalb weil Perfektionisten nur schwarz/weiß denken. Ein Fehler ist für sie nicht ein Fehler, sondern ein völliges Versagen und der letzte Beweis ihrer Unfähigkeit.

    Die enorme Aufregung vorher legt nahe, dann den Vortrag abzusagen, krank zu machen oder das eben nie wieder zu machen. Diese Angst vor Fehlern kommt fast immer aus Erfahrungen aus Kindheit und Jugend, wo Fehler so betrachtet wurden oder zu einer großen Enttäuschung führten.

    Einen interessanten Ansatz zu Auftrittsangst liefert das Buch “The Tools”. Hier der entsprechende Artikel.

    Aufschieberitis ist so ein komplexes Thema, dass ich das hier nicht gut beantworten kann. Ich habe deswegen einen ganzen eMail-Kurs dazu verfasst. Damit kommen die meisten Leser aus der Prokrastinations-Falle heraus.

    Ein Seminar bei mir kann man immer dann besuchen, wenn einem zwar alles klar ist, man aber nichts ändert. Denn die Veränderung persönlicher Gewohnheiten geschieht nicht über Einsicht und Verstand, sondern nur über die emotionale Bearbeitung des inneren Konflikts. Und das machen wir im Seminar.

    Danke für Ihre Frage.

  • Steffen Pichl schrieb:

    Leider habe ich die Übertragung auf die angesprochenen Themen wie Angst vor Vorträgen oder das Aufschieben von Aufgaben vermisst. Das hätte mich interessiert, nur kann ich mir die Parallelen selber nicht herleiten. Vielleicht können Sie das in einem weiteren Artikel nachholen?
    Oder soll ich dazu ein Seminar besuchen? ^_^
    Verbergen sich hinter diesen Problemen auch Status- oder Autoritätsprobleme?

  • fitsum schrieb:

    Sehr interessant! Wirklich guter Artikel. Gut erklärt.

  • Natalie schrieb:

    Wirklich guter Artikel und gut verständlich erklärt, hab mich wiedergefunden ;-)
    Vielen DANK!

  • Hallo Frau Keller,
    freut mich, dass Sie sich wiedererkennen konnten. Der große Vorteil, unbewusste Motive sich bewusst zu machen, liegt darin, dass man erst dann eine Wahlmöglichkeit hat. Vorher ist man vom eigenen Unbewussten “fremdgesteuert”. Wenn Sie also wieder einen Termin haben und Sie bemerken, dass Sie zu dem Zeitpunkt, wo Sie eigentlich losgehen müssten, noch etwas “Dringendes” anfangen – dieser Moment ist wichtig!

    Denn jetzt wird Ihnen möglicherweise bewusst, dass Sie gerade rebellieren. In einen kurzen, unangekündigten Warnstreik treten: Mit mir nicht! Und dann können Sie einen Moment lang kurz reflektieren: Gegen wen rebelliere ich eigentliche? Gegen die Kollegen? Gegen das Meeting? Und dann wird Ihnen vermutlich schnell klar, es ist Ihr Autonomiereflex, der mit dem Meeting gar nichts zu tun hat, sondern Ihre bevorzugte Reaktion gegen vermeintliche “Festlegungen” ist.

    Viel Erfolg!

  • Gabriele Keller schrieb:

    Hallo Herr Kopp-Wichmann, ihr Artikel trifft bei mir total ins Schwarze. Er hat bei mir ein breites Schmunzeln hervorgerufen. Ich gehöre nämlich zu denjenigen, die kurz vor einem Termin noch ganz dringend etwas erledigen und daher zuspät kommen. Jetzt weiß ich warum. Ab nun bin ich mit mir und anderen sanftmütiger und schmunzele in mich hinein, wenn andere meinen vorgegebenen Termin unterlaufen. Vielleicht schaffe ich es auch, mir die Freiheit zu nehmen pünktlich zu sein.

  • Meist will der andere Sie nicht ärgern mit seinem Zuspätkommen, er pfeift auch nicht auf Sie. Er ist schlicht mit seinem inneren Konflikt so beschäftigt, dass er nur daran denkt und entsprechend handelt. Deshalb greifen alle Erklärungen à la “Respektlosigkeit” zu kurz.
    Möglicherweise lernt er auch Ihre Konsequenz des pünktlichen Anfangens etwas. Aber man kann andere nicht nacherziehen. Jeder Mensch reguliert sich selber. Wenn ihm die Sitzung wichtiger ist als seine Autonomie – nur dann kommt er eventuell pünktlicher.

  • Petra schrieb:

    Klar, ist das meine Erwartungshaltung – immerhin haben es die anderen Personen ja auch pünktlich geschafft. Und ok, wenn ich mich ärgere, hat er vielleicht sein Ziel erreicht, oder es ist im sogar egal, weil er auf anderen Menschen pfeift. Aber was passiert, wenn ich die Sitzung pünktlich beginne – denjenigen, die trotzdem auf den anderen warten möchten sage, ich unterstütze nicht sein Autonomie- oder sein Statusproblem – wir fangen jetzt an. Dann geht ja die Rechnung des Unpünktlichen nicht auf. Lernt er dann, zukünftig pünktlich zu kommen oder zögert er es erstrecht hinaus?

  • Luise Seidler schrieb:

    gut erklärt.. ein so ganz unbewusst inszenierter “Ihr Auftritt bitte”..

  • Hallo Diana,
    um der panischen Angst vor dem Zuspätkommen auf die Spur zu kommen, können Sie sich mal ausmalen, was Sie glauben, was passiert, wenn Sie mal zwei Minuten später auftauchen würden. Würden die anderen schimpfen, Sie mit Verachtung und Schweigen bestrafen, die Beziehung zu Ihnen unterkühlen oder abbrechen? Über diese Katastrophenszenarien kommt man meist auf die Quelle der eigenen Ängste. Irgendwann früher hat man genau das erlebt und es war fürchterlich. Damals entstand die Strategie: nie wieder einen Fehler machen!

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Und ich dachte immer mein Zeitmanagement sei so top, dass ich sogar Puffer einplane, damit selbst wenn etwas schief geht ich immer noch pünktlich bin, aber es stimmt, mir ist das wirklich sehr unangenehm zu spät zu kommen, ich denke dann immer, dass nervt sicher alle und ist störend und dann bin ich richtig gestresst selbst, wenn es mal nur 2 Minuten waren.

  • Marlene Hildebrand schrieb:

    Mist… erwischt! :-) Aber vielen Dank, jetzt bin ich mir doch wieder ein Stückchen mehr auf die Schliche gekommen… Ja ja, die innere Rebellin… Liebe Grüße und danke für die Inspiration ins Wochenende! Werde es gern weiter teilen.

  • Hallo Frau Roll,
    ja, Verständnis für andere (Empathie) ist meistens hilfreich, schon um nicht alles persönlich zu nehmen. Das muß aber nicht dazu führen, dass man das was man versteht auch toleriert. Also konkret: obwohl man weiß, dass Kollege X ein Problem mit Pünktlichkeit hat, kann man pünktlich (ohne ihn) anfangen.

  • Anita Roll schrieb:

    Schöner Artikel… wunderbare Kommentare…. und was sagt uns das alles????
    Verständnis für den Anderen ist angesagt. Wir sind alle unterschiedlich und dies zu akzeptieren ist der Schlüssel.
    Ich gehöre übrigens zu den Menschen die immer rechtzeitig erscheinen… oder halt zu früh… je nachdem wie man es auslegen mag ;)
    Seit nett zueinander!!!!!!:)

  • Vielen Dank, lieber Herr Stopp, für diese Ergänzung.
    Den Begriff “Finalität” kannte ich noch nicht, aber er erklärt gut dieselbe Beobachtung. Schwierig ist eben nur, die “unbewusste Finalität” aufzudecken.

  • Klasse Artikel, lieber Herr Kopp-Wichmann,
    über den Begriff der Finalität, auch wenn er nicht erwähnt wird. Das zeigt auch das Potenzial des Coaching, was bis in diese Ebene vordringt. Wenn die bisher unbewusste Finalität klar wird, entsteht Verständnis. Das Verständnis ist Voraussetzung, um die Notwendigkeit zur Veränderung zu erkennen, denn oft blockiert das “alte” Verhalten Menschen und damit Beziehungen. Jetzt kann der Coachee eine neue, lohnendere Finalität definieren. Diese wird ein neues Verhalten bewirken. Das neue Verhalten wirkt sich positiv auf die Beziehungen und damit auch auf den Coachee aus.

    Hier ein guter Artikel über Finalität.

  • Ja, das Lesen meiner Beiträge hat eben auch Nachteile. ;-)

  • Gudrun Kundri Wollnik schrieb:

    „Danke, jetzt kann ich mich also leider nicht mehr rausreden….“

  • Indem Sie das Zuspätkommen nicht persönlich nehmen, sondern es als sein Status-Problem ihm lassen. Manche müssen ihre subjektive Wichtigkeit eben betonen indem sie anderen zeigen, wie unwichtig sie in ihren Augen sind. Zu dem Machtspiel gehören aber zwei. Einer der warten lässt und einer der sich darüber ärgert.

  • Matthias schrieb:

    Volltreffer! Das 2-Minuten-Autonomie-Problem habe ich an mir wiedererkannt und kann diesen Ansatz bestätigen. Aber wie gehe ich damit um? Und wie schaffe ich es, mich nicht über die unglaubliche Respektlosigkeit der Menschen mit dem 20-Minuten-Status-Problem zu ärgern?

  • Gut erkannt und geantwortet.

  • Wunderbar. Wer nun – beispielsweise in den Kommentaren – darauf anspielt, was man denn nun mit den schlimmen Mitmenschen tun soll, die so sind, sei eines gefragt: Vermittelt der Autor in seinem Blog generell eher Methoden, wie man andere ändert (was nicht geht), oder vielleicht doch eher Denkanstöße für einen selbst?
    Was kann ich also selbst tun? Wenn ich mich im Artikel wiedererkenne, dann eben daran arbeiten. Wenn ich selbst immer pünktlich bin, dann kann ich immer noch an meiner Reaktion darauf arbeiten, also etwa gelassener werden, oder die Besprechung einfach beginnen, oder dem anderen in einer ruhigen Minute sagen, welches Gefühl sein Zuspätkommen in mir auslöst. Nur granteln gilt nicht.

  • Liebe Frau Renger,
    wo Menschen zusammenleben, bilden sich Regeln heraus, um das Miteinander zu erleichtern. Wie man sich begrüßt, wie man in einer Schlange wartet, auf welcher Seite der Straße man Auto fährt. Alle diese Regeln sind völlig willkürlich, man könnte es genauso anders machen und dann würde es auch irgendwie gehen. Diese Regeln nenne ich in meinen Beiträgen “Landkarten”.

    Menschen mit der gleichen Landkarte verstehen sich prima, sie glauben, so macht man’s richtig. Und schauen strafend auf die, die eine andere Landkarte haben. Es ist sinnvoll, wenn man in einer Gemeinschaft lebt, sich an diese Regeln anzupassen. Sinnvoll, weil es dann besser klappt. Aber man muss es nicht.

    Wenn man jetzt ein Autoritäts- oder Autonomiethema hat, kann man das schlecht. Man hat das Gefühl, sich schon zu viel im Leben untergeordnet zu haben und dann ist Rebellion ein wichtiger kompensatorischer Impuls. Man fährt trotz Verbotsschild schneller obwohl man es nicht eilig hat. Man wirft den Strafzettel, den man in der Halteverbotszone fürs Parken kassiert hat, wütend in den Rinnstein.

    PS: In Spanien fällt man vermutlich auf, wenn man immer genau zum vereinbarten Termin da ist. (Typisch deutsch! denken dann die Spanier). Wie Sie schon schreiben: die Regeln bedeuten per se nichts. Es ist nicht die Wahrheit. Man braucht aber zum Zusammenleben ein paar Regeln, aber die sind beliebig.
    Danke für Ihren Kommentar.

  • Yvonne Renger schrieb:

    Wie immer, ein wunderbarer Artikel. Hintergründe benannt und erkannt. Jedoch wie damit umgehen. Sowohl für die “Unpünktlichen” als auch für die anderen Beteiligten. Ich hatte dieses Autoritätsproblem eine Weile mit Verkehrsschildern. Ich konnte nicht verstehen, warum ich jetzt hier auf der Autobahn plötzlich 40km/h fahren soll oder nur weil die Ampel dunkelgrün ist … :-) Deshalb kann ich gut nachvollziehen, was es für manche bedeuten kann, sich an die für sie sinnlos scheinende Regel “Pünktlichkeit” zu halten. WENN die Ampel den Berufsverkehr regelt, ist es ja sinnvoll und nachvollziehbar, aber nachts auf einsamer Strecke beispielsweise. In Spanien wäre 15h-Meeting eher ein Richtwert und alle trudelten so um und bei Viertel nach ein. Da ist der Druck nicht so groß. Hm, Druck rausnehmen vielleicht und Autonomie nicht auf diesen EINEN 15-h-Termin projezieren?

  • Mal wieder ein phantastischer Artikel, kurz, prägnant, auf den Punkt gebracht und dabei noch unterhaltsam! :)

  • Hallo Frau Fuchs,
    die anderen verplempern nicht Ihre Zeit (Sie könnten ja pünktlich anfangen). Sie ärgern auch nicht Sie (Sie ärgern sich, weil jemand Ihre Erwartung nicht erfüllt.)

  • Waltraud Fuchs schrieb:

    So, jetzt weiß ich zwar warum die Zuspätkommer zu spät kommen und wie sie so ticken, aber ich ärgere mich noch immer, wenn andere meine Zeit damit verplempern….. Da gibt es einen netten Spruch über verzeihen und vergessen: “Ich bin weder Jesus noch habe ich Alzheimer….”
    Ich finde mit ein bisschen gutem Willen geht da viel….

  • Hallo Petra,
    ja, das ist das Los der Pünktlichen. Sie glauben, sie sind die Guten und ärgern sich dann über die Bösen. ;-) Aber hinter Ihrem Ärger über die angebliche Respektlosigkeit der Unpünktlichen steckt doch nur Ihre Erwartung, dass alle es so machen sollen wie Sie. Ihre Erwartung ist aber ein Wunsch, keine einklagbare Forderung. Andere müssen aber nicht Ihre Erwartungen erfüllen. Sie müssen auch nicht deren Erwartung, dass man auf sie wartet, erfüllen. Sie können einfach pünktlich mit dem Meeting anfangen.

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Petra schrieb:

    Ich bin so konditioniert, pünktlich zu sein. Und ich empfinde es jedes Mal respektlos mir und meiner Zeitplanung gegenüber, wenn andere sich herausnehmen, unpünktlich zu sein, und noch nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei haben! Ganz selbstverständlich wartet die Gruppe derjenigen, die schon da ist. Überspitzt ausgedrückt: Soll ich dann beim nächsten Mal sagen: Arbeiten Sie doch bitte bis zum nächsten Mal an Ihrem Autonomie- und/oder Statusproblem?! Oder können nun alle, die so ticken, dies als Freibrief nehmen?!

  • Grandios!!!

  • Großartiger Artikel! Als notorisch Unpünktlicher, der auch eine Minute nachdem er starten sollte noch schnell eine Mail liest, fühle ich mich zum ersten Mal verstanden. ;-)

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