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„Bevor ich sterbe, wollte ich immer meinen Eltern verzeihen“, sagte der Mann im Coaching.

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Allgemein
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Kann man den Eltern verzeihen, wenn sie keine Einsicht zeigen?

In dieser Fallgeschichte erfahren Sie:

  • Warum Menschen im Alter ihr Leben überdenken.
  • Welche Wunden selten heilen, auch wenn sie schon lange zurück liegen.
  • Welche Folgen Schläge in der Kindheit haben.
  • Ob man den Eltern alles verzeihen sollte.
  • Was Sie tun können, wenn Verzeihen sich nicht richtig anfühlt.
  • Durch welchen Satz Sie Frieden schaffen können.
  • Welche inneren Widerstände es dabei geben kann und wie Sie die überwinden.

Alte Menschen verspüren oft den Wunsch, vor ihrem Tod, den Eltern zu verzeihen. Und damit die Verletzungen durch die Eltern oder unausgesprochene Konflikte in  der Familie zu klären.

Dennoch können solche Bemühungen oft auf große Schwierigkeiten stoßen. Entweder weil die Betroffenen sich verweigern oder die Wut und der Schmerz zu groß scheinen. So wie bei meinem Klienten in diesem Fallbericht.

„Bevor ich sterbe, wollte ich immer meinen  Eltern verzeihen, eigentlich vor allem meinem Vater“, sagte Herrmann S., Rentner, zu Beginn unserer 3-h-Online-Sitzung.
„Doch die Idee, ihm alles zu verzeihen, schien mir immer wieder so unerreichbar wie ein ferner Stern. Denn mein ganzes Leben war geprägt von den Schatten meiner Kindheit, von den Narben, die nie richtig verheilt sind.“
„Was für ein Mensch war denn Ihr Vater? Wie haben Sie ihn erlebt?“,
fragte ich.
„Mein Vater war ein harter Mann, sicherlich geprägt von seiner eigenen schwierigen Kindheit. Schon früh musste er Verantwortung übernehmen und sich um seine Geschwister kümmern, während seine Eltern mit ihren eigenen Dämonen kämpften.

Diese schlimmen Erfahrungen spiegelten sich in der Erziehungsmethode meines Vaters wider – herzlose Strenge und wöchentliche Prügel waren an der Tagesordnung. Ich erinnere mich noch genau an die Tage, an denen ich mit heißen Ohren und schwerem Herzen in meinem Zimmer saß, nachdem ich wieder einmal in seinen Augen versagt hatte. Meine Mutter erlebte das alles hautnah mit, aber sie griff nie ein, weil sie selbst so große Angst vor ihm hatte.“

„Ich stelle mir vor, dass Sie einerseits wütend auf ihn waren und sich gleichzeitig vor ihm schämten“, versuchte ich, die ambivalenten Gefühle zu formulieren, um sie zu verstehen.
„Ja, das trifft es ziemlich genau. Und dieser Gefühlswirrwarr zieht sich durch mein Leben“, bestätigte Herrmann S.

„Doch die Verletzungen meiner Kindheit gingen noch tiefer. Die Worte, die mein Vater benutzte, um mich herabzusetzen, verfolgten mich bis in meine Träume. Die körperlichen Strafen, die er als „Erziehungsmittel“ einsetzte, hinterließen nicht nur sichtbare Spuren, sondern führten auch zu schlimmen Verletzungen in meiner Seele. Ich fühlte mich ein Leben lang ungeliebt und unzulänglich, immer auf der Suche nach Anerkennung und Zustimmung, die ich trotz aller Anstrengung nie zu bekommen schien.“

In mein 3-h-Senior-Coaching kommen oft Menschen mit einem Problem, das sie meist schon viele Jahre mit sich herumschleppen.

Woher kommt der Wunsch, den Eltern verzeihen zu wollen?

Hier die häufigsten drei Gründe, warum alte Menschen diesen Schritt wagen möchten und warum er gar nicht so leicht ist:

  • Der Wunsch nach Versöhnung und Frieden:
    Im Laufe des Lebens werden in Familien ungeklärte Konflikte und Meinungsverschiedenheiten oft aufgestaut. Alte Menschen verspüren dann den starken Wunsch, bevor sie sterben, Frieden zu schließen und Versöhnung zu finden, um so ruhig Abschied nehmen zu können.
    Ein Beispiel dafür könnte eine Situation sein, in der Geschwister aufgrund finanzieller Streitigkeiten miteinander verstrickt sind. Oder der alte Mensch realisiert, dass die Zeit knapp wird und möchte verhindern, dass sein Groll über etwas, was lange zurückliegt, den letzten Teil seines Lebens überschattet.
  • Die Sorge um das Erbe:
    Oftmals gibt es in Familien Unsicherheiten oder Spannungen bezüglich des Erbes, sei es materiell oder immateriell. Ältere Menschen möchten möglicherweise sicherstellen, dass ihre Hinterlassenschaft gerecht und ohne Konflikte aufgeteilt wird.
    Ein Beispiel hierfür wäre, wenn ein Großelternteil versucht, im Vorfeld zu klären, wer welche Erbstücke oder Immobilien erhalten soll, um Streitigkeiten oder Missverständnisse zu vermeiden.
  • Die Suche nach Verbindung und Verständnis:
    Im Alter werden Beziehungen zu Familienmitgliedern oft intensiver wahrgenommen.
    Ältere Menschen sehnen sich nach emotionaler Verbundenheit und möchten vielleicht ein tieferes Verständnis füreinander erreichen. Sie erkennen, dass die Zeit begrenzt ist und möchten daher Konflikte beilegen, um ihre Beziehungen zu stärken.
    Ein Beispiel hierfür könnte sein, wenn ein Elternteil sich mit einem erwachsenen Kind auseinandersetzt, um endlich die Missverständnisse aus der Vergangenheit auszuräumen und eine engere Bindung herzustellen. Oder eine Tochter muss ihre demente Mutter pflegen, die sie ein Leben lang nur gehasst hat.

Trotz dieser bewegenden Motivationen gestaltet sich das Lösen von Streitigkeiten oft als schwierig.

Einerseits können tief verwurzelte Emotionen, Stolz und lange bestehende Muster die Kommunikation erschweren. Andererseits haben vielleicht vergangene Verletzungen oder mangelhafte Kommunikationsfähigkeiten die Beteiligten in eine Sackgasse geführt. Auch kann es sein, dass einige Familienmitglieder widerstrebende Gefühle hegen und sich gegen die Versöhnung sträuben.

Insgesamt ist das Lösen von Streitigkeiten vor dem Tod eine tief persönliche und komplexe Angelegenheit, die Engagement, Verständnis und Geduld erfordert, um die Familienbeziehungen zu heilen und einen respektvollen Abschied zu ermöglichen. Manchmal ist dabei die Unterstützung eines externen Profis durch ein Coaching sehr hilfreich.

„Was haben Sie denn unternommen, um sich dem Einfluss Ihres Vaters zu entziehen?“, wollte ich wissen.

„Als ich älter wurde, versuchte ich, mich von ihm zu lösen. Ich zog in eine andere Stadt, fand einen Job, heiratete und gründete meine eigene Familie. Doch die Schatten der Vergangenheit ließen mich nicht los. Meine Ehe litt unter meiner Unfähigkeit, Nähe zuzulassen, und meine Kinder spürten die Kälte, die ich unbeabsichtigt weitergab.

Jahre vergingen, und ich wurde selbst Großvater. In mir reifte die Erkenntnis, dass ich das Muster durchbrechen musste. Aber meinem Vater zu vergeben schien mir immer noch unmgöich. Ich fragte mich, warum mein Vater so geworden war? Hatte auch er eine schwierige Kindheit, unter der er litt? 

Eines Tages, als ich schon die Siebzig überschritten hatte, erreichte mich die Nachricht, dass er in einem Pflegeheim aufgenommen worden sei, weil er sich nicht mehr selbst versorgen konnte. Ich fuhr sofort zu ihm. Er erkannte mich und fragte schroff, was ich denn hier zu suchen hätte.
In diesem Moment durchströmten mich wieder all die Jahre der Verletzungen, des Zorns und der Unverständlichkeit. Und ich schaffte es wieder nicht, ihm zu verzeihen.“

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Schläge in der Kindheit kann man den Eltern schwer verzeihen.

Welche Folgen haben Schläge in der Kindheit?

Schläge in der Kindheit hinterlassen oft tiefe emotionale Narben, die bis ins Erwachsenenalter reichen. Diese Gewalterfahrungen können das Selbstwertgefühl dauerhaft beeinträchtigen und zu Angstzuständen, Depressionen sowie Vertrauensproblemen führen.

Manche Kinder lernen dann, Gewalt als Lösung für Probleme zu akzeptieren, was später zu aggressivem Verhalten führen kann. Körperliche Strafen behindern zudem die gesunde soziale und kognitive Entwicklung, da sie Stress und Verwirrung auslösen.

Spätfolgen können Bildungsdefizite, Beziehungsprobleme und erhöhte Aggressionsbereitschaft sein. Eine gewaltfreie Erziehung legt hingegen den Grundstein für emotionale Stabilität und gesunde zwischenmenschliche Beziehungen im Erwachsenenalter.

Hier ein Blogartikel von mir zu dem Thema mit über 700 Kommentaren von Betroffenen.

„Ich realisierte aber in der Zeit nach meinem Besuch im Pflegeheim, dass meine Unfähigkeit, ihm zu vergeben, mich all die Jahre nur gefangen gehalten hatte.“
„Was haben Sie denn ausprobiert, um ihm zu verzeihen?“,
fragte ich.
„Verschiedenes, aber ohne großen Erfolg. Als erstes suchte ich unseren Pfarrer auf, der mich konfirmiert hatte und unsere Familie gut kannte. Er riet mir, meinen Kummer in die Hand Gottes zu legen und mich an die guten Seiten meines Vater zu erinnern. Aber das half mir wenig.“

Soll man den Eltern alles verzeihen?

Die Frage nach Vergebung stellt sich vielen von uns im Laufe ihres Lebens. Dies geschieht oft, wenn wir von einem geliebten Menschen betrogen oder wie in diesem Fall übel misshandelt oder im Stich gelassen werden.

Häufig erhalten wir dann den Rat von anderen, zu vergeben, um innere Ruhe zu finden und einen Schlussstrich unter eine Angelegenheit zu ziehen.

Doch ist dies immer der beste Ansatz? Gibt es nicht auch Situationen, in denen wir die Pflicht haben, standhaft und unversöhnlich zu bleiben? Was, wenn die Person, die uns verletzt hat, keinerlei Reue zeigt?

Susanne Boshammer, eine renommierte Philosophieprofessorin an der Universität Osnabrück, hat sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt. In ihrem Buch „Die zweite Chance: Warum wir nicht immer verzeihen sollten“ benennt sie diverse Gründe, warum wir nicht in jedem Fall dem Impuls nachgeben sollten, zu verzeihen.

Die Frage, ob wir vergeben können oder sollten, hängt laut Boshammer entscheidend damit zusammen, ob dieser Schritt mit unserer Selbstachtung vereinbar ist: „Wenn wir Menschen, die uns auf bestimmte Weise behandelt haben, entgegenkommen, dann können wir uns nicht mehr im Spiegel anschauen. Das bedeutet, wir müssen hier standhaft bleiben, damit wir uns selbst noch respektieren können, selbst wenn andere dies vielleicht nicht getan haben.“

Auf der anderen Seite kann Selbstachtung auch durch den Akt des Verzeihens gewonnen werden. Es gilt, die richtige Balance zu finden und klarzustellen: „Die andere Person hätte mich nicht so behandeln dürfen.“

Hier ein Interview mit der Philosophin.

Was tun, wenn Verzeihen sich nicht richtig anfühlt?

Den Eltern zu verzeihen kann sich in bestimmten Fällen schwierig oder unpassend anfühlen. Hier sind vier Gründe, warum dies der Fall sein könnte:

  1. Tiefe emotionale Verletzungen: Wenn die Eltern in der Vergangenheit schwerwiegende Verletzungen oder Traumata verursacht haben, kann es sehr schwer sein, diesen Schmerz zu überwinden und ihnen zu verzeihen. Solche tiefen emotionalen Wunden erfordern oft Zeit und professionelle Hilfe, um geheilt zu werden.
  2. Wiederholtes Fehlverhalten: Wenn die Eltern wiederholt das gleiche schädliche Verhalten zeigen und keine Anzeichen von Reue oder Veränderung zeigen, kann es schwierig sein, Vergebung zu empfinden. In solchen Fällen kann es notwendig sein, Grenzen zu setzen und den eigenen Schutz und das eigene Wohlbefinden an die erste Stelle zu setzen.
  3. Fehlendes Eingeständnis von Fehlern: Vergebung basiert oft auf dem Prinzip, dass die Person, die Vergebung sucht, ihre Fehler erkennt und Verantwortung übernimmt. Wenn die Eltern sich nicht dazu bekennen, Fehler gemacht zu haben, oder die Schuld auf andere schieben, kann dies das Verzeihen erschweren.
  4. Schwierige Familiendynamik: Manchmal kann die Beziehung zu den Eltern von komplexen familiären Dynamiken und Mustern geprägt sein. In solchen Fällen kann das Verzeihen dazu führen, dass man sich schuldig oder verpflichtet fühlt, obwohl es möglicherweise nicht im eigenen besten Interesse liegt.

Verzeihen ist immer ein persönlicher Prozess und muss nicht in jedem Fall die richtige Wahl sein. Manchmal ist es notwendig, Grenzen zu setzen und sich selbst zu schützen, um das eigene Wohlbefinden zu gewährleisten. Es ist auch hilfreich, professionelle Unterstützung von Therapeuten oder Beratern in Betracht zu ziehen, um dabei zu helfen, mit den komplexen Emotionen und Herausforderungen umzugehen, die mit dem Verhältnis zu den Eltern verbunden sein können.

„Wie sind Sie auf mich gekommen?“, fragte ich Hermann S.
„Nach dem Pfarrer habe ich noch zwei Psychologen aufgesucht. Der eine riet mir, die ganze Sache zu vergessen, weil sie offenbar nicht lösbar sei. Der andere schlug mir eine mehrjährige Psychoanalyse vor. Beides fand ich nicht hilfreich. Und dann erwähnte ein Geschäftsfreund Ihren Namen und sagte dazu, dass Sie oft einen unorthodoxen Weg einschlagen. Und das hat mich neugierig gemacht.“
„Und was genau wollen Sie jetzt von mir?“
„Mein Vater hat Wunden hinterlassen, die die Zeit nicht heilen kann. Aber die Erkenntnis, dass ich ihm nicht vergeben kann, führt mich in eine Sackgasse der Gefühle. Zwischen dem Wunsch nach Versöhnung und der Realität stehe ich hilflos. Der Konflikt schmerzt, aber ich muss irgendwie in dieser Sache meinen inneren Frieden finden, selbst wenn das bedeutet, den Weg ohne Vergebung zu gehen.“

Zu mir kommen oft Menschen ins Coaching, die ein Problem haben und schon viel versucht haben, es zu lösen.

Meist liegt es daran, dass die Vorgehensweise zu rational war. So hatte mein Klient schon des öfteren hört, dass Eltern in der Kindererziehung meist das weitergeben, was sie selbst von ihren Eltern erlebt haben. Oder dass die Verletzungen doch schon Jahrzehnte zurückliegen und er die ganze Sache vergessen solle.

Solche Tipps sind gutgemeint, helfen aber selten weiter.

Emotionen sind der Schlüssel bei Veränderungen, sagt der Neurobiologe Gerhard Roth. Sie motivieren, steuern und bewerten Handlungen, was entscheidend für Anpassung und Lernen ist. Das limbische System spielt hierbei eine zentrale Rolle, da es Emotionen und Gedächtnis verknüpft. Der Kontakt zu den damit verknüpften Emotionen sind somit entscheidend für erfolgreiche Veränderungsprozesse.

Deshalb zielt mein 3-h-Coaching nicht vorschnell auf Lösungen, auch wenn das natürlich die meisten Klienten anstreben. Vielmehr suchen wir den unbewussten Konflikt im Klienten, mit dem er das Problem aufrechterhält.

Bei Hermann S. war es die unbewusste Überzeugung, dass er erst Frieden mit seinem Vater finden könne, wenn dieser seine Fehler in der Erziehung einsehe und bereue. Da der Vater dazu nicht bereit war, gab es für den Klienten nur noch die Option, ihm oder den Eltern zu verzeihen. Das erschien ihm jedoch aufgrund seiner Verletztheit als ein unangemessenes Nachgeben des lieben Friedens wegen.

In diesem Engpass steckt Hermann S. fest und suchte meine Hilfe.

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Ob man den Eltern verzeihen kann, hängt auch von den „inneren Wächtern“ ab, die das Kind beschützen.

Im 3-h-Coaching den Engpass erkennen und überwinden.

Für eine wirksame Veränderung hilft es nicht, die starken Seiten des Klienten zu verstärken. Vielmehr ist es hilfreicher, die schwächste Stelle zu finden, den Engpass. Der verhindert die Entwicklung des gesamten Systems. So wie bei einer Pflanze zu wenig Licht nicht durch mehr Wasser ausgeglichen werden kann.

Dieser individuelle Engpass ist meist eine fehlende innere Erlaubnis.

Darüber bilde ich eine Hypothese und lasse diese den Klienten durch einen vorgeschlagenen Satz überprüfen. Solche Sätze können sein:

  • „Mein Leben gehört mir.“
  • „Ich bin eine erwachsene Frau.“
  • „Ich muss nichts mehr beweisen.“

Spricht der Klient den von mir vorgeschlagenen Satz achtsam aus, erlebt er einen inneren Widerstand, wenn der positive Satz auf seinen inneren Konflikt trifft. Diesen Widerstand erlebt der Klient durch unangenehme Gefühle („Da werde ich traurig.“) oder Körperempfindungen („Mein Hals schnürt sich zu.“). Oder ablehnende und skeptische innere Kommentare („Schön wär’s!“) melden sich innerlich.

Und dieser erlebte Widerstand ist ein Hinweis darauf, dass wir auf dem richtigen Weg zum Engpass und zur fehlenden inneren Erlaubnis sind.

Hermann S. wusste auf der einen Seite, wie sehr die Härte und die Prügel des Vaters sein Leben geprägt hatten. Größtmögliche Distanz, Ablehnung und Kontaktabbruch hatten ihm bisher geholfen, sich vor weiteren Verletzungen zu schützen.

Auf der anderen Seite sah er aber auch, dass sein Vater unbewusst nur das weitergegeben hatte, was dieser selbst als Junge mit seinem Vater erlebt hatte.

„Im Laufe der Jahre erkannte ich, dass mein Vater ebenfalls ein Opfer seiner eigenen Geschichte war. Seine Unfähigkeit, Liebe und Verständnis auszudrücken, war keine bewusste Entscheidung, sondern die Folge dessen, was dieser als Kind erlebt hatte. Trotz dieser Einsicht fühlte ich mich gefangen in der Wut und dem Schmerz, die mich davon abhalten, ihm zu verzeihen. Es war einfacher, ihn als den Bösewicht in meiner Geschichte zu sehen, als mit meinen eigenen Emotionen zu kämpfen.“

„Und was wollen Sie jetzt genau?“ fragte ich Hermann S.
„Einen Ausweg finden aus diesem für mich unlösbaren Konflikt. Verzeihen kann ich ihm nicht wirklich von Herzen und auf ewig ihm grollen hilft mir auch nicht weiter. Es kommt mir vor wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.“ 

Dieses Feststecken ist charakteristisch für den inneren Engpass. Man sieht nur zwei Möglichkeiten. Entweder oder. Und beide sind keine wirklich guten Wege.

Ich überlegte, welche innere Erlaubnis zwischen weiterhin grollen oder alles verzeihen dem Klienten fehlte. Dann bat ich ihn, es sich bequem zu machen, die Augen zu schließen und seine Aufmerksamkeit nach innen zu richten.

Dieser Schritt vom Alltagsbewusstsein zur inneren Achtsamkeit ist Voraussetzung dafür, dass der Klient mit seinem Unbewussten in Kontakt kommt und seine Reaktionen auf den Satz beobachten kann.

„Ich bitte Sie, sich mal Ihren Vater vorzustellen, wie er so etwa zwei Meter vor Ihnen sitzt.
Und geben Sie mir ein Zeichen, wenn er in Ihrer
Vorstellung da sitzt.“ Hermann S. wurde sichtlich unruhig.

„Ich bitte Sie, mal zu Ihrem Vater den Satz zu sagen:
»Papa, ich achte dich und danke Dir.«

Die Reaktion des Klienten kam in weniger als einer Sekunde.

„WAS??? WAS SOLL ICH SAGEN? Ihm alles verzeihen, was er mir angetan hat?
Niemals! Niemals werde ich das zu ihm sagen!“

Die heftige Reaktion von Herrmann S. zeigte mir, dass wir auf der richtigen Spur waren. Ein innerer Wächter war in ihm alarmiert worden, um den verletzten „Kind-Anteil“ des Klienten zu schützen.

„Welcher Teil des Satzes ist denn für Sie so schwierig?“, wollte ich wissen. „Das Achten oder das Danken?“

Hermann S. überlegt kurz und sagte dann, dass er seinem Vater am ehesten etwas dankbar sein könnte. Aber ihn achten? Nein, das ginge auf keinen Fall. Das käme ihm vor wie eine Kapitulation oder ein Verrat an sich selbst.

Auf dem Hintergrund der Arbeit mit inneren Anteilen verstand ich, dass mit diesem Satz ein „innerer Wächter“ alarmiert wurde, der es sich zur Aufgabe gemacht, das „innere Kind“ vor weiteren Angriffen zu schützen. Doch wenn ein „innerer Anteil“ auf dem „inneren Regiestuhl“ sitzt, hat der Mensch quasi Scheuklappen auf.

Auf dem „inneren Regiestuhl“ sollte möglichst eine übergeordnete Instanz sitzen: das ICH, der ERWACHSENE oder das SELBST.

In der verbleibenden Zeit des Coachings arbeiteten wir daran, diesen ERWACHSENEN herbeizuholen und ihm seinen Platz auf dem inneren Regiestuhl freizuräumen. Dann empfahl ich Hermann S. mit dem Satz in nächsten Wochen Erfahrungen zu machen, indem er ihn mehrmals täglich vor sich hinsage und seine inneren Reaktionen darauf zu beobachten.

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Es dauerte ein Dreivierteljahr, bis ich wieder etwas von Hermann S. hörte.

Er habe große Abneigung gegen den Satz gehabt, ihn zwischendurch sogar komplett vergessen. Erst als er die Videoaufzeichnung unserer Sitzung noch einmal angeschaut hätte, wäre ihm der Satz wieder eingefallen. Trotz großer Widerstände wäre er meiner Empfehlung gefolgt und habe den Satz öfter vor sich hin gesagt. Zu seiner Überraschung hätte der Satz mit der Zeit eine seltsame Ruhe in ihm ausgelöst.

Vor zwei Monaten habe das Pflegeheim ihn benachrichtigt, dass es mit seinem Vater zu Ende gehe. Leider hätte er es nicht mehr rechtzeitig geschafft, ihn noch lebend anzutreffen. Aber bei der Beerdigung hätte er ganz ruhig von ihm Abschied nehmen können.

Ich schrieb zurück, dass es gut sei, dass er doch noch seinen Frieden mit dem Vater gemacht hätte. Das wäre ja auch sein Wunsch gewesen, obwohl der Weg nicht einfach war.

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Weitere Fallgeschichten finden Sie hier:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.

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Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

5 Kommentare

  1. Ewald Dietrich sagt

    Ja, es kommt darauf an, bei sich selbst anzukommen. Spontan hätte ich Herrmann S. gebeten, den Stuhl gegenüber seinem inneren Wächter anzubieten und dem den von Ihnen vorgeschlagenen Satz zu sagen: „Ich achte dich und danke dir!“

  2. Ja, vor jedem Verzeihen oder Nicht-Verzeihen kommt es darauf an, bei sich selbst anzukommen. Spontan hätte ich Herrmann S. gebeten, den Platz auf dem Stuhl gegenüber seinem inneren Wächter anzubieten. Und dem den von Ihnen vorgeschlagenen Satz zu sagen: „Ich achte dich und danke dir!“

  3. P. sagt

    Ja, so war’s auch bei mir. Ich konnte längst vergeben.
    Leider habe ich ähnliche Fehler später aus Unkenntnis bei meinen eigenen Kindern gemacht und hoffe, sie können es mir auch vergeben.

  4. Petra sagt

    Es war,als wäre ich Herrmann S.
    In mir kamen auch Widerstände beim anhören seines zu sagenden Satzes.
    Mich hätte intressiert,wie es ausgegangen wäre,wenn er den Vater noch lebend getroffen hätte.
    Hätte er den Satz ihm sagen können??

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