Welche Folgen haben Schläge in der Kindheit?

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Partnerschaft / Persönlichkeit

Ein Interview über prügelnde Eltern und geschlagene Kinder.

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Von den 503 Artikeln, die ich in diesem Blog seit Juli 2005 geschrieben habe, bekamen zwei die meisten Kommentare.

Der erste geht um das Thema, na, Sie wissen schon: Sex. Genauer um Seitensprung, Affären, Eifersucht. Der zweite Artikel geht um Schläge in der Kindheit mit bis jetzt 402 Beiträgen und Kommentaren.

In vielen Ländern ist ja das „Züchtigungsrecht“ gegenüber Kindern und Erwachsenen noch normale Praxis. Auch in meiner Schulzeit in den 50er Jahren war der Rohrstock in der Ecke des Klassenzimmers wichtiges Requisit. Kaum ein Elternteil hat sich darüber aufgeregt, wenn ein Kind von Schlägen in der Schule berichtete. Es war normale Praxis.

Mittlerweile ist die Prügelstrafe in Deutschland gesetzlich verboten. Dennoch entschied das Bayerische Oberste Landesgericht Anfang der 1980er Jahre in einem Fall zu Gunsten eines Pädagogen mit der Begründung: In Bayern „besteht ein gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht insoweit, als der Lehrer an Volksschulen die von ihm unterrichteten Knaben körperlich züchtigen darf.“

In diesem Blog habe ich ja schon öfters über dieses Thema geschrieben, weil mir die Folgen jahrzehntelang später in meinen Seminaren oder Therapien begegnete. Insofern stimmt der Titel des Artikels, für den mich  vor einiger Zeit Elisabeth Hussendörfer für die Zeitschrift „plus“ interviewte, sehr gut: „Das spürt man ein Leben lang.“

Es ging in dem Interview u.a. um folgende Fragen:

  • „Eine Ohrfeige hat noch niemand geschadet … Stimmt das?“
  • „Dachten unsere Eltern wirklich, Prügel wären ein sinnvolles Mittel, Kinder zu erziehen?“
  • „Kaum jemand will heute über Erfahrungen mit Schlägen sprechen. Warum?“
  • plus-magazin„Was sind Anzeichen, dass Spuren zurückgeblieben sind?“
  • „Kann es helfen, das Gespräch mit den Eltern zu suchen?“
  • „Wie kann man wieder Frieden mit der Vergangenheit schließen?“
  • „Viele, die mit Prügel aufwuchsen, haben später auch ihre Kinder geschlagen. Warum wird Gewalt so oft weitergegeben?“
  • „Sollte man seine erwachsenen Kinder ansprechen, um sich für Schläge zu entschuldigen?“

Hier können Sie das gesamte Interview lesen …

Ein gutes Buch einer Betroffenen gibt es hier …

kommentar Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

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Foto: © istock.com

 

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

9 Kommentare

  1. Nein, die Schuld liegt überhaupt nicht bei Ihnen. Sie müssen auch nicht den Kontakt halten oder Ihre Eltern verstehen.
    Es wäre besser, Sie lösen sich innerlich von ihnen, vielleicht mit Hilfe einer guten Psychotherapie.

  2. Hilde sagt

    Tja, stimmt alles was der Artikel erzählt. Die vielen Farben, die das Erlebte immer wieder leuchten lässt, können Worte aber nicht beschreiben. Schlimm, dass nach 33 Jahren die Erinnerung stärker als die Verarbeitung ist. Die Erinnerung mutet schier wie Realität an, Situationen werden im Traum so real.
    Mich holt es ein, sind es die Wechseljahre, ist es die Einsamkeit, egal, es holt mich ein.
    Von täglichen Schlägen -Gürtel, Bügel, Schirme-, Erniedrigungen wie abscheulich dieses Kind, Lügen dem Vater gegenüber, zerstörte Lieblingsdinge vor mir als Strafe, ertränken wollte sie mich, bis ich mich nach Jahren endlich wehrte, aggressiv war und körperlich gegen sie ging.
    Es half mir nichts, es holt mich ein.
    Sie ist heute noch so, die Schläge sind nun verbal.
    Ich weiß bis heute nicht, was meine Schwester damals erlebt hat, wie sie es erlebt hat. Mutter hat es geschafft, uns voneinander „fern“ zu halten. Wir Geschwister sahen uns nicht als uns, hielten nicht zusammen, kannten uns kaum, rannten einzeln um unser Leben.
    Mein Leben verlief in Extremen. Ganz hinauf und ganz hinunter. Bis zur Selbstverletzung, in dem Fall beruflicher Abstieg. Bindungen wie beschrieben bis zum vollständigen Vermeiden und Isolation.
    Gut, wenn man solche Artikel liest, sie könnten vielleicht helfen, die Gedanken umzulenken und gegenzusteuern. Das schlimme jedoch ist: ich wurde erzogen nach Regeln, was man tut, was man nicht tut. Sie selber leben aber nicht nach diesen Regeln. Man bricht den Kontakt also nicht ab, man versucht sie zu verstehen und den Rest zu bagatellisieren. Die Schuld liegt ja bei mir, als schwieriges Kind…

  3. Vera sagt

    Meine früheste Erinnerung habe ich an Ereignisse, bei denen ich 3-4 Jahre alt war. Ich bin mit meinem kleinen Freund „weggelaufen“, weil wir uns ein Kasperle-Theater ansehen wollten. Meine Eltern suchten mich und fanden mich schließlich bei den Eltern des kleinen Freundes. „Zuhause“, wir wohnten damals noch mit meinem Großeltern zusammen (Nachkriegszeit)habe ich auf den nackten Hintern heftige Schläge bekommen und der rote Hintern wurde stolz den Großeltern präsentiert. Die Gegenstände, mit denen ich geschlagen wurde, waren Kochlöffel, Hundeleine, Gürtel, Kleiderbügel, ein Feuerhaken und die Hand. Schon wenn ich hörte “ warte, bis Dein Vater nach Hause kommst, dann kannst Du was erleben….“ hatte ich panische Angst – mit Recht. Ich musste ins Schlafzimmer, mich nackt ausziehen, und dann wurde ich mit meist der Hundeleine so geschlagen, daß ich am ganzen Körper rote Striemen hatte. Die Gründe waren meist kindische Streiche, harmlose Dinge…. Oft musste ich mir anhören, wenn ich kindisch sagte „Ich will aber “ – dann war die Antwort: Was, Du willst, Du hast keinen Willen, den zerbreche ich, Dich zerbreche ich, ich hasse Dich“ Beliebt war ausserdem auch „Stubenarrest“ etc. Den letzten bekam ich mit 20 Jahren!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Einen Tag nach meinem 21. Geburtstag bin ich ausgezogen.

    Wenn ich dann später meine Mutter besuchte und dort mit übernachtete, wurde ich mit den tollsten Ausdrücken überhäuft: Alte Fotze, Miststück, verdammtes Schwein – ich hasse Dich…..usw.Meine Mutter hat nie viel dazu gesagt, oft noch bestärkt – sie konnte sich auch nicht wehren, wurde oft geschlagen.

    Heute habe ich selber ein Kind, es wurde nie geschlagen, aber ich habe ihm seelisch viel angetan – er hat eine lange Zeit Drogen genommen und später wurde er ein Alkoholiker. Heute ist er seit Jahren clean von allem und hat dafür meinen Respekt. Nur führt er ein einsames Leben ( mit 42 ), hat keine Freunde und keine Partnerin. Zur Zeit ist er seit einem halben Jahr arbeitslos und findet nichts, weil als Folge der Therapie in ihm ein absolut starker Wille gewachsen ist, der ihm ein „Faust in der Tasche machen “ unmöglich macht und er so – völlig angemessen, nie grundlos und immer korrekt – bei jedem Arbeitgeber aneckt, weil er ein übersteigertes Rechtsempfinden hat.

    Seinen Frust über alles lässt er an mir aus und ich leide darunter, auch, weil ich ein sehr schlechtes Gewissen deshalb habe – hätte ich doch nur anders gehandelt……….Ich empfinde dieses alles als meine gerechte Strafe. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

  4. t4rsec sagt

    Hinter physischen Handlungen steht auch immer eine gewisse psychische Motivation, gar Spannung, sowohl für den Täter als auch für sein Opfer. Über die Dauerhaftigkeit der psychische Wunden gibt das Buch „Am Anfang war Erziehung“ viel Auskunft. Es zeichnet ein Psychogramm eines gewissen Herren aus Österreich, der sich daran machte, die Welt zu beherrschen.

  5. Hallo Sascha,
    gut, dass Sie das erwähnen. Es stimmt, die körperlichen Schmerzen sind das Eine. Aber oft genauso oder schwerer wiegt das zerstörte Vertrauen und die Botschaft „Du und Deine Gefühle sind mir völlig egal!“ Das mögen die Eltern so gar nicht ausdrücken wollen, aber es ist die Bedeutung, die der Geschlagene dem Ganzen gibt. Er oder sie lernt auf schmerzliche Weise etwas über nahe Beziehungen, das man ein Leben lang nicht vergisst.

  6. Sascha sagt

    Die Story von Sylvie hat mich sehr mitgenommen. Bei mir sind zum Glück nur seelische Narben zurückgeblieben- nichts physisches.

    Meine Eltern haben keine ‚Klapse auf den Po‘ gegeben, sondern wenn sie verärgert waren völlig die Kontrolle über ihre Handlungen verloren. An mir sind einige Holzlöffel zerbrochen, obwohl ich immer gute Noten hatte und selten Ärger/Aufwand verursacht habe.

    Ich habe mich Anfang Zwanzig auf Grund einer mittelschweren Depression sehr intensiv damit auseinander gesetzt und habe mir in einer monatelangen Diskussion mit den Eltern irgendwann eine kleine, aber ehrlich gemeinte Entschuldigung erkämpft. Danach war es einfach für mich, die schlimmen Jahre beiseite zu legen.

    Nur ein Punkt, den ich im Artikel vermisst habe, möchte ich ergänzen- meiner Meinung nach ist nicht nur das gelegentliche Prügeln dann und wann ein Problem. Dieses hört ja meist Ende der Pubertät auf.

    Viel schlimmer werte ich, dass die dahinter steckende Geringschätzung sich durch eine mangelnde gesellschaftlich Ächtung irgendwann in einer permanente Einstellung manifestieren kann, welche meiner Erfahrung nach unumkehrbar ist.

    Meine Eltern haben jedenfalls ein Jahr nach der Entschuldigung alles soweit verdrängt/schön geredet, dass ich meinen Frieden ohne das Bonbon der „erkämpften Gerechtigkeit“ finden musste.

    Ich habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern und das einzige was ich ihnen im Alter zugestehen möchte ist eine physische Versorgung – das haben sie mir zuteil werden lassen und dafür bin ich ihnen dankbar. Mehr haben sie schlichtweg nicht verdient!

    PS: Sorry, wenn das hier so lang war, aber in den Kommentaren war noch viel Platz 😉

  7. Michael Homeyer sagt

    Oh je, nicht schon wieder darüber lesen – war mein erster Impuls. Weil es doch eigentlich Banalitäten für uns sein sollten, die in Ihrem Artikel und Interview als „Lehren“ rüberkommen. Meine Prügel-Geschichte habe ich sorgfältig aufgearbeitet und erlöst. Bin bei mir angekommen. Und fühle mich einer Minderheit zugehörig; um mich herum prügelt es weiter, in Mitteleuropa 2013.

    Hierzu eine Analogie: Wenn in einem Unternehmen eine Verhaltensänderung bei den Mitarbeitern erreicht werden soll, zählt zu den zentralen Instrumenten die Kommunikation der erwünschten Veränderung auf allen Kanälen, die immer wiederkehrende persönliche Ansprache. Es dauert, bis sich Routinen eingeschliffen haben. Manchmal viele Monate. Und wenn sich neue Routinen nicht ergeben? Das Veränderungsteam findet oft heraus: Das alte Verhalten war bequemer, beim neuen erwünschten droht Prestige-, Machtverlust. Bewegungsraum scheint eingeschränkter, Veränderung strengt an etc.

    Beim Thema Gewalt ausüben – übrigens auch in Betrieben- sehe ich noch etwas anderes: Lustgewinn. Positive Gefühle, Befriedigung, etwas erreicht haben, Fäden ziehen vermögen.

    Der Artikel ist wirklich gut, aber erreichen wir mit stetiger Kommunikation auf allen Kanälen das Nötige?
    Ich erkenne nicht, dass Gewalt auch in Mitteleuropa wirklich geächtet wird. Im Betrieb würde man sagen: Die oberste Führung vergab einen „Mach mal“-Auftrag und steht nicht voll hinter dem Ziel. Gehe ich zu weit, wenn ich hier von einer „So tun als ob“ Mentalität spreche?

  8. Diana sagt

    Es gibt einen Unterschied zwischen Prügel und einmal Hand ausrutschen, meine Meinung. Prügel ist wirklich verachtenswert, und niemand sollte versuchen, seine Kinder auf diese Weise zu erziehen, denn es wird nicht klappen. Aber wenn einem einmal in der Erziehung die Hand ausrutscht und das Elternteil darüber genauso erschrocken ist, wie das Kind in dem Moment, dann muss ich sagen kann ich das noch verstehen, so ein Kind kann einen schonmal dazu bringen und meine Erfahrung war, meiner Mutter ist das genau einmal passiert und sie hat sich so dermaßen über sich selber erschrocken, dass es nie wieder vorgekommen ist. Also in dem Fall, sollte man noch kein Elternteil verurteilen.

  9. Monika Post sagt

    Prügelnde Eltern wissen NICHT was sie in der Kinderseele anrichten… doch meist haben sie selber in der Kindheit Prügel bezogen…es sollte einen Eltern Führerschein geben!!! Vater werden ist nicht schwer – Vater sein dagegen sehr!!! Mich macht der Satz in der Bibel wütend – wen Gott liebt, den züchtigt er…ich spüre auch eben beim Schreiben noch mehr Wut…die aus der Kindheit stammt und nie zugelassen wurde…

    ich danke dir Roland für den Artikel! ich lese gerne bei dir !

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