Emotionale Intelligenz, Konfliktmanagement: Oder wie Sie der Geiselhaft ihrer Gefühle entkommen können.

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Emotionale Intelligenz / Karriere / Partnerschaft / Persönlichkeit

mann-geisel-gefesselt-xs-a-kelpfish-fotoliaGestern ging mein dreitägiges Persönlichkeitsseminar „Selbstbewusst im Job“ zu Ende. Dabei ging es bei allen sechs Teilnehmern um jene unbewussten Konflikte, die sie hinderten, im Beruf und Privatleben selbstbewusster aufzutreten. Also: seine Meinung zu sagen, eine Bitte eines Freundes abzuschlagen, weil man etwas anderen vorhat oder sich einer unangemessenen Forderung der Kollegin zu widersetzen.

Diese Arbeit im Seminar ist sehr intensiv und zeigte mir einmal mehr, wie sehr sich Menschen von ihren eigenen Gefühlen, Erfahrungen und „Landkarten“ lähmen und einschränken lassen können.

Das erinnerte mich an ein Buch, das ich vor einiger Zeit las:
George Kohlrieser „Gefangen am runden Tisch:
Klarheit schaffen, entschlossen verhandeln, Leistung freisetzen“

Der Autor arbeitete früher jahrzehntelang als Verhandlungsführer bei Geiselnahmen und hat die dort gewonnen Erkenntnisse auf den Berufsalltag übertragen. Denn er erkannte, dass Menschen zwar auf den Mond fliegen können, die Atombombe, Autos und Handys erfunden haben, aber ihren instinktiven Gefühlen und Reaktionen oft hilflos ausgeliefert sind.

Diese Geiselhaft durch die eigenen Gefühle ähnelt durchaus jenen Emotionen, die eine tatsächliche Geisel erlebt: Angst, Panik, Stress und der Wunsch, aus der Situation zu entfliehen.

Leitidee des Buches ist die Sensibilisierung dafür, uns nicht zur Geisel unserer eigenen Emotionen oder der Emotionen anderer machen zu lassen. Dazu ist es wichtig, seine Gefühle und Impulse besser zu kennen. Statt dessen lassen wir zuweilen unsere Wut an anderen aus, reagieren übermäßig gekränkt, wenn uns jemand kritisiert oder passen uns an die Wünsche anderer an, um keinen Konflikt zu riskieren. Insofern sind wir Geisel und Geiselnehmer in einem.

Doch manchmal können wir nicht fliehen oder dem anderen ausweichen. Weil es ein wichtiger Kunde, der Chef oder der eigene Partner ist, durch dessen Verhalten wir uns unwohl oder in die Ecke gedrängt fühlen.

In seinem Buch „Gefangen am runden Tisch“ zeigt Kohlrieser, dass die psychologischen Methoden, mit denen 95% aller Geiselnahmen gelöst werden, auch zur Lösung von Konflikten im Beruf und im Privatleben sehr hilfreich sind.

Die Schritte sind:

  • Halten Sie sich Alternativen offen, damit Sie nicht in emotionale Geiselhaft geraten.
  • Bauen Sie eine emotionale Bindung zum „Gegner“ auf, denn die Konfliktlösung liegt in Ihrer Beziehung zum anderen.
  • Konfliktvermeidung ist der sicherste Weg,  zur emotionalen Geisel des anderen zu werden.  Also nicht zurückweichen, sondern nach vorne gehen und den Konflikt ansprechen.
  • Um Ihre Emotionen steuern zu können, müssen Sie sie kennenlernen.

Am Anfang des Buches fragt der Autor den Leser:

„Sind Sie gefangen ohne es zu wissen?“

Das trifft meiner Erfahrung nach auf uns alle zu. Denn unseren unbewussten Beshränkungen, Denk- und Fühlverbote sind uns in der Regel unbewusst. Und was unbewusst ist, darüber können wir nichts wissen.

Das wir nichts darüber wissen, heißt aber nicht, dass da auch nichts wäre. Radioaktivität, hohen Blutdruck oder Teer in der Lunge kann man auch nicht direkt wahrnehmen. Und innere, unbewusste Konflikte haben genauso ihre langjährigen fatalen Folgen, ohne dass wir meist die Ursachen kennen.

Deshalb betont auch Kohlrieser, wie wichtig es ist, sein Denken und Fühlen zu kennen und zu steuern. Zu viele Menschen seien Geiseln ihrer Gefühle, irgendwelcher äußerer Umstände, den Erwartungen anderer Menschen etc.

Im Kapitel 3 stellt er den Bonding-Kreislauf vor, weil Bindungen für den Menschen von grundlegender Bedeutung sind. Denn Menschen existieren nicht losgelöst von anderen, sondern sind auf irgendeine Weise immer abhängig und verbunden:  mit anderen Menschen, mit Tieren, aber auch mit Ereignissen, Situationen oder Gegenständen. Das folgende Modell hilft zu verstehen, warum manche Situationen uns erst einmal zu überfordern scheinen.

Mit „Bonding“ ist eigentlich die  erste Phase der Bindungsentwicklung zwischen der Mutter und ihrem Neugeborenem gemeint. Hier erleben wir zum ersten Mal, wie eine eine enge, dauerhafte Bindung entsteht. Diese Fähigkeit, Bindungen herzustellen ist auch eine wichtige Fähigkeit für Führungskräfte.

Doch wie alles im Leben unterliegen auch Bindungen einem ständigen Wandel. Jede Beziehung, die wir knüpfen, folgt dem „Bonding-Kreislauf“ aus Annäherung, Bindung, Trennung und Trauer. Erst wenn wir auch die letzte Phase durchlaufen haben, sind wir innerlich bereit, uns wieder neu zu binden.

Bonding-Kreislauf

  • Annäherung ist der Beginn der Beziehung und die erste Phase der Bindung. Hier bauen wir Nähe auf. Gelingt dies, fühlen wir, dass wir ankommen, gemocht und begehrt werden.
  • Bindung bedeutet Beziehung mit einem dauerhaften emotionalen Austausch. Durch Bindung wachsen wir, weil zwei Menschen in einer guten Ver-Bindung mehr sind als nur diese beiden Menschen zusammen addiert. Bindung vermittelt uns auch ein Gefühl von Geborgenheit.
  • Trennung: Das ganze Leben ist ein Prozess von Werden und Vergehen, auch Bindungen sind vergänglich. Jeder Bindungsprozess wird irgendwann unterbrochen. Manche Trennungen verlaufen allmählich wie z. B. erwachsen oder älter werden. Andere geschehen plötzlich wie manche Krankheit, ein plötzlicher Verlust oder eine Kündigung.fussballfan-weint-xs-a-dieexklusiven-fotolia
  • Trauer ist die vierte Phase des Bonding-Kreislaufs. Das Trauern ist unsere natürliche Reaktion auf einen Verlust. Es ist meist schmerzhaft aber ohne Betrauern kann der Prozess nicht abgeschlossen werden. Das Trauern erst macht uns frei für eine eine erneute Annäherung.

Der Bonding-Kreislauf ist somit ein natürlicher Teil des Lebens. Doch naturgemäß hat jeder Mensch mit einzelnen Phasen auch Schwierigkeiten.

Wer Angst vor der Annäherung hat, fährt vielleicht  zwanzig Jahre an denselben Urlaubsort, probiert nie einen neuen Wein oder klebt an der Firma, in der er nach der Ausbildung eintrat. Wer Angst davor hat, sich anderen Menschen anzunähern, fürchtet Ablehnung oder die nächste Phase – Bindung – in der noch mehr Nähe  sich entwickeln kann.

Wer Angst vor Bindung hat, befürchtet oft, dadurch übermäßig unfrei zu werden, nur noch gehorchen oder sich unterwerfen zu müssen. Manche haben auch die Phantasie, durch zu viel Nähe sich nicht mehr abgrenzen zu können und praktisch vom anderen nicht mehr loszukommen oder sich aufzulösen. Oder sie nehmen die nächste Phase der Trennung in Gedanken vorweg nach der Devise: „Wer sich nicht bindet, kann auch nicht verlassen werden.“

Wer notwendige Trennung vermeidet, glaubt meist,dass nichts Besseres nachkommt und hält am Bewährten krampfhaft fest. („Da weiß ich, was ich habe.“) So halten manche Menschen lieber am gewohnten Unglück fest, anstatt sich dem Risiko des Neuen auszusetzen. Doch Trennung ist unausweichlich. Im Liebesakt vereinigen wir uns und verschmelzen vielleicht für Augenblicke, um uns dann wieder zu trennen. Nach dem gemeinsamen Frühstück geht man morgens aus dem Haus zur Arbeit. Kinder wachsen heran und gehen (hoffentlich) als junge Erwachsene aus dem Haus.

Wer einen Verlust nicht betrauert, kann depressiv werden. Wer nach dem Tod eines Menschen dessen Zimmer unberührt lässt und zum Mausoleum verklärt, verweigert sich dem Trauern und verschließt sich so der Annäherung an einen neuen Menschen oder an das Leben.
Wer die Vergangenheit verklärt, anstatt sich von ihr zu verabschieden, kann darin steckenbleiben und vielleicht nicht das genießen, was das Leben ihm heute bietet.

Das Buch können sie hier bestellen: Gefangen am runden Tisch: Klarheit schaffen, entschlossen verhandeln, Leistung freisetzen

Was können Sie gut? Mit welcher Phase des Kreislaufs haben Sie manchmal Schwierigkeiten?

Schreiben Sie hier Ihre Meinung dazu.

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Danke für Ihr Interesse.

Foto: © Kelpfish – dieexklusiven  Fotolia.com
Grafik aus: Georg Kohlrieser: Gefangen am runden Tisch

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

5 Kommentare

  1. Vielleicht nicht blöd, aber tröstlich.
    Eine einzige große Liebe gibt es vermutlich dann, wenn man danach keine vergleichbare gefunden hat. Aber da verklärt manchmal auch die Erinnerung das Erlebte.
    Schön, wenn Sie sich doch immer wieder auf ein neues Glück einlassen können.

    Danke für Ihren Kommentar.

  2. Beziehungstrennungen und Verlassenwerden sind sehr schmerzhafte themen. seltsamerweise denkt man jedes mal es würde nicht weitergehen und ein paar monate später ist man schon wieder mit jemand anders glücklich – das ist doch irgendwie blöd – ich meine an die idee der einen großen liebe kann ich nicht mehr glauben

  3. moni sagt

    Vielen Dank für diese interessante Seite. Ich freu mich, wenn ich neue Herangehensweisen zum Thema Trauerhilfe finde. Sie bestätigen mich in meiner eigenen Trauer und geben mir immer wieder Kraft. Danke.

  4. Hallo Chris,
    Sie haben völlig Recht. Verlassen werden von einem geliebten Menschen ist eine der schlimmsten Erlebnisse, die es gibt. Oft braucht es lange Zeit, in der man seine Trauer und auch Wut erleben und verarbeiten muss.
    Verlassenwerden ist auch deshalb so schlimm, weil es einen unbewusst an das Verassenheitsgefühl als Kind erinnern kann. Jenes hilflose Entsetzen, das man bei kleinen Kindern beobachten, die sich verlassen fühlen, auch wenn die Mutter vielleicht auch nur fünf Minuten weg ist.
    Danke für Ihren Kommentar.

  5. Chris sagt

    Ich bin der Ansicht, dass die Trennungsphase die schwierigste ist. Es ist zwar auch nicht immer einfach, dass man sich dem Partner „anpasst“ und versucht gemeinsam irgendwie sich „zusammen zu raufen“ aber ich glaube dennoch, dass es für jemanden immer am Schwersten ist, wenn er verlassen wird. Man hängt ja doch an dem Menschen, man teilte mit ihm viele schöne Dinge und dann muss man auf einmal wieder alleine leben. Ich glaube, dass das gar nicht so einfach ist.

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