Warum Bildung immer mehr zur Persönlichkeitsbildung wird.

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Coaching / Emotionale Intelligenz / Karriere
Wer bin ich? Und wenn ja wie viele? Das ist immer eine spannende Frage.

In den Bildungsdiskussionen der letzten Jahre ging es vor allem um bessere Qualifikationen für einen schwierigen Arbeitsmarkt. Gegen diese eindimensionale Sichtweise hat sich inzwischen eine Gegenbewegung formiert. Und man kann ein wieder wachsendes Interesse an Persönlichkeitsbildung feststellen. Was steckt dahinter?

Unter diesem Motto steht das interessante Gespräch zwischen Janna von Greiffenstern vom Bildungsverlag Klett mit der Trendforscherin Friederike Müller-Friemauth von Sinus Sociovision, das ich hier in Auszügen wiedergeben und kommentieren will. (Hier der komplette Artikel als PDF.)

„Früher lernte man in der Schule, in der Ausbildung, an der Uni oder auch schon mal in der bezahlten Weiterbildung des Arbeitgebers. (…) Mittlerweile hat sich der Trend hin zur eigenen Zukunfts-Fitness durch „Kulturelles Kapital“, wie Pierre Bourdieu das einmal so schön formulierte, hat nochmal verstärkt. Die richtigen Leute kennen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein (und nur damit auch „entdeckt“ werden können), die richtigen Communities im Internet nutzen, mentale Trainings, Coaching-Angebote oder Seminare für „Lebenskunst“ – all das boomt.

Bildung steht heute für die Schärfung der eigenen, personalen Kompetenz. Konventionelles Wissen gibt’s im Internet, aber das, was die persönliche „Gebildetheit“ ausmacht – also eine individuelle, authentische, für andere interessante Performance – muss man sich immer noch selbst erarbeiten. Um klassische Bildung und Wissen geht es nicht mehr hauptsächlich. Die authentische Erscheinung einer Person auf dem sozialen Parkett ist es, was einen aus der Masse heraushebt und damit schlicht und ergreifend die eigenen Chancen mehrt.“

Ich will aufwärts. Aber wo ist oben?
Ich will aufwärts. Aber wo ist oben?

In vielen Fällen ist eine „interessante Performance“ aber nicht ausreichend. Da halte ich schon mehr von der „authentischen Erscheinung“. Die schwierige Frage bleibt jedoch. Kann man Authentizität lernen, trainieren, freilegen, verbessern?

„Länder und Kulturen rücken näher zusammen, Lebens- und Arbeitswelten differenzieren sich in hohem Tempo aus, künftig werden viele Menschen mit anderen Regionen und Gepflogenheiten der Welt zu tun bekommen. Das verändert ganz objektiv die Ansprüche an Kompetenz und Wissen des Einzelnen, aber eben auch an die sogenannten „soft skills“ wie die oft zitierte Emotionale Intelligenz oder auch die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.

Für die emotionale Intelligenz oder die soft-skills gilt meiner Meinung nach dasselbe. Natürlich gibt es genügend Seminare zu den Themen „Konfliktmanagement“, Gesprächsführung“ etc. und sie sind nicht schlecht. Doch bin ich nach wie vor der Ansicht, dass das Erwerben dieser „Skills“ zwar theroeretisch wünschenswert ist, praktisch aber sehr schwer erlernbar ist. Zumindest nicht in einem 2-Tage-Seminar. Zu diesem Thema habe ich vor einem Jahr eine engagierte Diskussion auf XING angezettelt…

Im Grunde sind das geradezu luxurierende Techniken des Wirtschaftens, die auf die Reife der Persönlichkeit mindestens genauso viel Wert legen wie auf Wissensstoff. Institutionen und Produkte, die derlei anbieten, haben Zukunft. Es geht nicht um MEHR, sondern um ANDERES.

Völlig richtig, es geht nicht um mehr Skills, mehr Tools etc., sondern um einen anderen Zugang zu sich selbst und zu anderen Menschen.

  • Nicht einseitig kopforientiert, sondern ganzheitlicher Körper und Geist einbeziehend,
  • nicht nur durch den bewussten Verstand gesteuert, sondern auch das Unbewusste einschliessend,
  • nicht nur gegenwarts- oder zukunftsbezogen, sondern sich auch der eigenen Vergangenheit bewusst,
  • nicht nur ein grenzenüberschreitendes „Nichts ist unmöglich“, sondern mehr ein Wohlfühlen innerhalb der eigenen Grenzen.

„Erfolg bedeutet künftig aber auch: Instrumente und Wege anzubieten – übrigens auch, ganz wichtig, selbst zu gehende, autonome Wege, die nichts mit Kursbesuchen oder Personaltrainern zu tun haben – , die die Persönlichkeit schulen und reifen lassen. Bildung wird mehr und mehr zu Persönlichkeitsbildung. Pures Wissen ist da nur die Basis, quasi die Pflicht. Was zur Kür wird oder gar zum Luxus, wird gerade ausgehandelt. Wer weiß – vielleicht ist es in internationalen Konzernen in 10 Jahren ja üblich, bei Unternehmenseintritt eine Zeit lang ein soziales Projekt zu begleiten?“

Wo lernt man mehr über Mitarbeiterbetreuung als mit seinem eigenen Kind?

Doch so lange die Inanspruchnahme der Elternzeit für Väter in vielen Unternehmen noch als bezahltes „Wickelvolontariat“ angesehen wird, anstatt als willkommene, bezahlte Maßnahme zur Persönlichkeitsreifung bleibt noch viel Aufklärungsbedarf.

„Persönlichkeitsmerkmale wie individuelles Format, ein gewisser Erfahrungshorizont, Gerechtigkeitsempfinden oder Verantwortungsbewusstsein sind Anforderungen aus der Gesellschaft heraus: Hier werden Defizite gesehen. Und viele sind auch bereit, selbst etwas dafür zu tun, um nicht selbst irgendwann im Schweinwerferlicht dieser Debatte zu landen. Solchen Anwürfen begegnet man am besten im Vorhinein, proaktiv, vorsorgend – das ist ein starkes Motiv für zeitgemäße Formen des Lifelong Learning.

Das momentane soziale Klima fordert eine gewisse Sorge um sich und um andere, also die vielbeschworene soziale Kompetenz, deutlich ein.Worauf diese Ansprüche hinauslaufen, insbesondere für Schulen oder Bildungsangebote, ist noch kaum absehbar. Möglicherweise werden wir einen Boom an „Menschenbildung“ erleben. Etwa gemäß der Überzeugung, dass viele Lösungen der globalen Probleme mit Selbstbildung, Selbstfindung, Selbstentwicklung beginnen.“

Als ich vor Jahren meine Persönlichkeitsseminare entwickelte, war ich über zwanzig Jahre als Trainer für Methodenseminare unterwegs. Vor allem Seminare zu den Themen Verkauf, Kommunikation, Konflikt. Was mich letztlich davon abgebracht hat, war die Erfahrung, dass wenn ich nach einigen Wochen (!) ehemalige Trainer bei einem Coaching im Kontakt mit Mitarbeitern, Kunden oder Kollegen wieder traf, fast nichts von den Seminarinhalten übrig geblieben war. Die Leute machten genau dasselbe, was und wie sie es vor dem Seminar getan hatten. Also keine Spur von Fragen stellen, Zuhören, Ausreden lassen, kluger Einwandbehandlung, die Motive hinter den Positionen erspüren etc.

War jetzt mein Seminar schlecht? Ich glaube nicht, denn im Seminar klappte das Gelernte ja ganz gut. Waren die Teilnehmer zu faul, das Gelernte in die Praxis umzusetzen? Ich glaube nicht. Vielmehr denke ich, dass in diesen Seminaren eben die Selbstfindung oder Selbstentwicklung zu kurz kam. Dazu einige Beispiele:

  • Wer fragen lernen will, braucht die innere emotionale Erlaubnis, etwas nicht zu wissen. Viele Männer haben die zum Beispiel nicht und liefern deshalb dem Kunden lieber weitschweifige Erklärungen, anstatt den Bedarf des Kunden abzufragen.
  • Wer Konflikte besser regeln will, muss seine eigene Angst vor Streit, Missstimmung kennen und bearbeiten. Diese ist oft in Beziehungserfahrungen aus der eigenen Biografie begründet und widersetzt sich schnellen Methoden oder Rezepten.
  • Wer Akquirieren lernen will, muss sich mit seiner Angst vor Ablehnung befassen. Das geht nicht mit schlichten Tipps, dass bei zehn Kalt-Anrufen man mit acht Absagen rechnen muss. Ängste kann man nicht wegdiskutieren oder sich auszureden suchen.
  • Wer Menschen führen will, muss seine eigene Kontaktfähigkeit entwickeln und eine angemessene Haltung zu Macht und Durchsetzung finden.

PS: Wäre das nicht ein gutes Thema
für einen Vortrag in Ihrer Organisation?
Sprechen Sie mich an

Was halten Sie von diesen Thesen bezüglich der kommenden Bildungsanforderungen?

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Seminaren, Trainings und der folgenden Umsetzung?

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Fotos: istock, ergonomedia photocase.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

3 Kommentare

  1. Hallo Harald,
    danke für Ihren Kommentar und den Hinweis auf meinen Artikel auf Ihrem Blog.

    Ja, ein oder zweitägige Seminare haben ihren Sinn, wenn es um Wissensvermittlung geht. Lernstoff lässt sich in Häppchen aufteilen, vorstellen, üben, wiederholen etc. Eben wie in der Schule.

    Die Crux ist nur, dass viele berufliche Fähigkeiten kein reiner Wissensstoff sind, sondern stark in das Persönliche hineinspielen und dann reichen ein, zwei Tage nicht. Wie man Gespräche führt oder Konflikte regelt oder Menschen führt, ist eben keine reine Wissensvermittlung, sondern hängt ganz eng mit persönlichen Werten, Beziehungserfahrungen und vor allem Ängsten zusammen. Um dieses Bereich, der immer ziemlich unbewusst ist, zu erreichen und dort etwas zu klären, braucht es ein sehr vertrauensvolles Klima.

    Deswegen mache ich fast nur noch Persönlichkeitsseminare mit max. 6 Teilnehmern und brauche dafür drei Tage. Immer mehr fortschrittliche Chefs und Personaler wissen das auch, dass zumindest bei den Soft-skills Kurzseminare nichts bringen und genehmigen dann auch ein dreitägiges Seminar. Man muss es nur gut argumentieren.

  2. Harald Dvorak sagt

    Meiner Erfahrung nach zeichnet sich auf Seiten von Unternehmen eine interessante Entwicklung in Bezug auf Seminare und Trainings ab. Und zwar, dass für Seminare und Trainings immer weniger Zeit anberaumt wird.

    Bestätigt wurde mir dieser Eindruck von einem Artikel im aktuellen Managerseminare-Magazin. Meines persönlichen Erachtens ist Lernen ein Prozess, der nicht beliebig abkürzbar ist. Insofern sehe ich es genauso, dass der Ausbau sozialer Kompetenzen Zeit braucht.

    Eine wesentliche Herausforderung persönlichkeitsentwickelnder Seminare liegt im Kompetenztransfer vom geschützten Seminarkontext in den (Berufs-)Alltag der Teilnehmer. So gesehen ist es durchaus möglich auch eintägige Trainings zu halten – dann jedoch mehrere in gewissen Zeitabständen. So lässt sich ein Prozess etablieren und genügend Rückmeldungsmöglichkeiten für die Teilnehmer schaffen. Da gibt’s aber durchaus auch andere Ansätze.

    Zum Thema Lernen formuliert der Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer in seinem Buch “Lernen – Gehirnforschung und die Schule des Lebens”, im Abschnitt “Langsam Können-Lernen” dazu:

    “Wenn wir eine Fähigkeit lernen, so können wir sie schrittchenweise immer besser. Dieses Lernen – man nennt es auch Üben – geht langsam voran […]“

    Die Anforderungen an Bildung verändern sich, so wie es auch die Bedürfnisse der Menschen tun, die in Ihren jeweiligen Umwelten zu bestehen haben. So gesehen ist alles gleich geblieben – nämlich, dass sich alles verändert und zwar mit steigendem Tempo 😉 Verständlich ist das Bedürfnis mit Minimalem Zeitaufwand maximalen Kompetenzzuwachs zu generieren . Bildung hat sich zunehmends zu einem Bereich entwickelt, wo die Eigenverantwortung der sich bildenden eine wesentliche Rolle spielt. Letztlich ist es nicht der Konsum von Information allein, der positive Veränderung möglich macht. Es geht um viel mehr als nur eindimensional Wissen zu erlangen, nämlich sich in vielen Dimensionen persönlich weiter zu entwickeln.

    Was können persönlichkeitsbildende Seminare, die z.B. zwei Tage dauern nun tatsächlich leisten? Meiner persönlichen Erfahrung nach bewirken Seminare zur Persönlichkeitsbildung im genannten Umfang vor allem eines: Sie lenken den Aufmerksamkeitsfokus auf Themen, die sonst möglicherweise als Nebengeräusche im Hochgeschwindigkeitsalltag untergehen und aktivieren Ressourcen und Kompetenzen, die eine wesentliche Grundlage für die weitere persönliche Entwicklung bilden.

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