Führungskräfte muss man anders coachen als Sportler.

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Coaching
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In einer der letzten Ausgaben der ‘Wirtschaftswoche’ mal wieder ein Artikel über Coaching. Zu Anfang wieder die übliche journalistische Beruhigungspille:

  • “Die Skeptiker unter ihnen hatten wenig Lust auf „Seelenstriptease“. Doch diese Sorge nahmen ihnen die Trainer schnell. In Einzelsitzungen fragten sie jeden Abteilungsleiter: „Wo sehen Sie Stärken und Schwächen in der Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen? Mit wem können Sie den Austausch im Unternehmen verbessern?“ Die Fragen waren konkret und ergebnisorientiert ” keine Spur von Esoterik oder Psychotherapie.”

Ich frage mich manchmal, wie viele Jahrhunderte es noch dauern wird, bis die Angst vor allem was mit “Psycho” anfängt, deutlich abnimmt. Und dann als segensreiche Methode die berühmte „Stärken-Schwächen-Analyse“. Aus meiner Sicht ein pseudo-objektives Verfahren mit einem Erkenntniswert gegen Null. Oder hat jemand durch diese Analyse schon mal etwas Neues über sich erfahren? Man bekommt doch nur bestätigt, was man ohnehin schon wusste. Und zeigt die Analyse, dass ich in einer Dimension, meinetwegen ‘Durchsetzungskraft’, viel besser bin als ich mich erlebe, was nützt mir das? Glaube ich das dann? Bin ich dann durchsetzungsfähiger?

Als weiteres Beispiel für Coaching-Unterstützung wird genannt:

  • “In einer Gesprächssitzung wurde der Coach beispielsweise Zeuge, wie sein Kunde einen Mitarbeiter heftig kritisierte. „Jemanden vor Dritten bloßstellen und dann über dessen mangelnde Motivation klagen – ein typischer Fall von blindem Fleck“, sagt der Coach.”

Wow!! Das ist Coaching? Ich finde, mit derlei Beispielen, die doch eher in den Bereich guten Benehmens oder notwendiger Nach-Erziehung gehören, wird Coaching unzulässig diskreditiert.

Danach geht es um die fehlende Transparenz auf dem Coaching-Markt und den Unsinn mit den (20!) verschiedenen Coaching-Verbänden.

Kritisch sehe ich vor allem den folgenden Passus:

  • “Ein Coach kann auch nicht die Arbeit eines Psychotherapeuten ersetzen. Kindheitstraumata, Depressionen, Sucht oder Burnout sind nicht sein Einsatzgebiet, er sollte sich auf den beruflichen Erfolg beschränken. Ebenso wenig bewirkt Coaching Persönlichkeitsveränderungen.”

Das ist der überall zu lesende Versuch, Coaching und Psychotherapie scharf voneinander abzugrenzen. Ich glaube auch, dass es die Grenze gibt, doch zu bestimmen, wo sie genau verläuft, ist enorm schwierig. Im Unterschied zu obigem Passus bin ich der Meinung, dass ein guter Coach zum Beispiel wissen muss:

  • Woran erkenne ich eine Depression bei meinem Klienten? Denn oft verbirgt sich ja eine Depression hinter einem Manager, der immer voll unter Dampf steht, perfektionistisch seine Ziele verfolgt und mit dem Coaching-Anliegen kommt, wie er ‘bestimmte Motivationslöcher’ besser überwinden könne. Wenn ich dem jetzt helfen würde, noch besser zu funktionieren, wäre das kontraindiziert und gefährlich. Doch dazu muss ich zumindest die Leitsymptome einer Depression kennen und mich nicht scheuen, diese auch abzufragen.
  • Auch die Gefahr eines Burnout oder eines Suchtverhaltens früher zu erkennen als dann wenn der Zusammenbruch eingetreten ist, halte ich für eine wichtige Aufgabe eines verantwortlichen Coaches, der seine Aufgabe nicht nur begreift, seine Klienten zu mehr Erfolg und besseren Leistungen zu verhelfen.
  • Thema ‘Kindheitstraumata’. Probleme entstehen doch nicht in der Gegenwart, sondern dadurch, dass wir mit Situationen konfrontiert werden, für die unsere Bewältigungsstrategien nicht ausreichen. Dieses Manko ist selten mit Tipps (“Probieren Sie doch mal folgendes…!”) zu lösen. Diese Tipps könnte einem auch ein gutmeinender Kollege, Partner oder Freund geben, dafür braucht es keinen Coach. Dass ich in einer bestimmten Situation nicht delegieren kann, mit einem autoritären Menschen verstumme, mich ausnutzen lassen, hat eben fast immer mit frühen ‘Beziehungserfahrungen’ (nicht Traumata) zu tun, in denen ich meine Landkarten, wie ich mich zu verhalten habe, erworben habe. Und diese bisherigen Bewältigungsstrategien lassen sich eben nicht so einfach verändern.

Doch um das zu erkennen, braucht es natürlich mehr als eine Schmalspur-Coachingausbildung (Es gibt sehr gute Coaching-Ausbildungen!). Eine ähnliche Meinung vertritt übrigens der Psychologe Werner Dopfer in einem lesenswerten Artikel für managerseminare.

Natürlich habe ich gut reden, da ich selbst diese doppelte Qualifikation habe. Aber das spricht ja noch nicht gegen die Richtigkeit meiner Argumente. Es geht mir mehr darum, zu zeigen, dass Coaching von Führungskräften meist nicht mit dem Coaching von Golf-, Basketball- oder Fußballspielern zu vergleichen ist.

Coaching kann viel mehr sein als Tipps geben. Auch wenn diese Erwartung von vielen Coachees kommt, dass ihnen jemand schnell hilft. Denn sonst kann es gehen, wie es der Fußballspieler Manfred Kraft erlebte: “Meine Mannschaft ist 15- oder 16mal ins Abseits gerannt. Das haben wir auch die ganze Woche geübt.”

Den Wirtschaftswoche-Originalartikel finden Sie hier

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Danke.

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

0 Kommentare

  1. Hubert Kreisel sagt

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    Ihr Artikel ist der beste, den ich seit Jahren zu diesem Thema gelesen habe.
    Großes Kompliment!!

    Hubert Kreisel

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