Haben wir vielleicht alle schon ADHS?

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Achtsamkeit / Gesundheit / Neurobiologie / Persönlichkeit

Der Preis unserer ständigen Erreichbarkeit für Handy, Facebook etc.

adhsWenn ich in meinen Seminaren am ersten Tag die Mittagspause ankündige, ernte ich oft erstaunte Reaktionen:

„Zwei Stunden Pause? Im Ernst?“ „Was sollen wir denn da machen?“ „Können wir das nicht verkürzen?“

Ich sage dann, dass es für die Arbeit, die wir vorhaben, wichtig ist, vom Alltagstempo herunter zu kommen. Dass sie die Eindrücke des Vormittags verdauen sollen. Und dass sie, wenn möglich, die Zeit nicht zum Arbeiten nutzen sollten.

Wer gewohnt ist, sein Mittagessen in einer halben Stunde zu sich zu nehmen, dabei vielleicht mit Kollegen das Projekt weiter zu besprechen oder sich mental auf den Anruf nach der Pause vorzubereiten, für den sind zwei Stunden Mittagspause erst einmal verschwendete Zeit.

Am zweiten und dritten Tag haben fast alle diesen „Luxus“ schätzen gelernt.

Immer mehr Eindrücke kämpfen um unsere Aufmerksamkeit.

Und wir sind immer weniger in der Lage, etwas Wichtigem unsere ganze Aufmerksamkeit für eine längere Zeitspanne zu schenken.

Hierzu einige Beobachtungen:

  • Als ich vor einiger Zeit einen Vortrag vor Studenten des Hasso-Plattner-Instituts hielt, saßen etwa zwei Drittel der Zuhörer vor ihrem Laptop.
  • Das Erste Programm der ARD  sucht den Dialog mit der Jugend und hat gerade eine netz-affine „Tageswebschau“ gestartet.
    Dauer: 3 Minuten.
  • Einige Firmen (z.B. Volkswagen) legen fest, dass Mitarbeiter nach 19 Uhr keine eMails mehr empfangen oder senden sollen. (Für Manager gilt diese Regel nicht.)

Was ist da los?

Überall liest und hört man, dass unsere Zeit schneller geworden ist. Das ist natürlicher logischer Unsinn. Was sich geändert hat, ist, dass wir immer mehr Dinge in derselben Zeit aufnehmen und erledigen wollen.

Nach dem Moore’schen Gesetz soll sich die die Prozessorleistung eines Computer-Chips alle zwei Jahre verdoppeln. Jedes neue Smartphone, jeder neue Laptop soll dadurch kleiner, leichter und vor allem schneller werden. Irgendwann stößt natürlich auch dieses Gesetz an seine Grenzen, aber bisher hat es in der PC-Herstellung geklappt.

Ist unser Gehirn nur ein suboptimal genutzter Chip?

Gilt das Moore’sche Gesetz auch für uns?  Das scheinen jedenfalls der „Zeitgeist“ oder die beliebten „Sachzwänge“ oder die „Globalisierung“ nahezulegen. Und unser Gehirn ist ja tatsächlich enorm anpassungsfähig. Baut sich jeden Tag um und reagiert auf die täglichen Anforderungen.

Und die sind hoch:

Verdichtung, permanente Erreichbarkeit, immer kürzere Produktionszyklen, Bachelor-Studium, Turbo-Abitur, KITA ab 3 Monaten. (Nur das Sterben wollen wir nicht beschleunigen.)

Wegen der räumlichen Nähe zu Heidelberg sind ein Teil meiner Coaching-Klienten Mitarbeiter der SAP.  Die meisten davon mit massiven Burn-out-Symptomen. Wenn ich die an die Wichtigkeit von Priorisieren, Abgrenzen, Nein-Sagen erinnere, lächeln die nur müde: „Aufgrund der Zeitverschiebung zu USA oder Australien fallen etliche Telefonkonferenzen in meinen Feierabend. Da kann ich nicht absagen.“

Manchmal gibt es keine schnellen guten Lösungen.
Aber hilfreich ist es immer, sich den Preis zu vergegenwärtigen, den wir alle für diese Beschleunigung unseres Lebens zahlen.

Der Philosoph Christoph Türcke warnte in einem FAS-Interview, dass das vor allem bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger diagnostizierte  ADHS, keine neuronale Störung sei, die nur Kinder hätten.

Sondern eine Aufmerksamkeitsstörung, unter der wir alle immer häufiger leiden:

 ADHS ist keine Krankheit in gesunder Umgebung. Die gesamte Gesellschaft leidet an wachsender Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit. Bei Kindern äußert sich das nur am stärksten.
Ich spreche von einer Kulturstörung. Wir leiden an konzentrierter Zerstreuung. Das ist ein paradoxer Begriff. Soll heißen: Wir sind ständig zwanghaft damit beschäftigt, uns zu zerstreuen. Das führt gerade nicht zur Entspannung, sondern produziert Stress.

Die Folgen kann man bei sich in der Firma beobachten, im Bekanntenkreis mitkriegen oder den Meldungen der Tageszeitungen entnehmen: Immer mehr leiden an Depressionen und Burn-out.

Hier ein Video mit einem Interview mit Professor Türcke. (Achten Sie mal bei dem Video auf die schnelle Schnittfolge. Und was das mit Ihnen macht:)

httpv://www.youtube.com/watch?v=fD_ezvYHOIA

Ähnlich argumentiert der Neurobiologe und Hirnforscher Prof. Gerald Hüther, der mit ADHS ein interessantes Therapie-Projekt durchgeführt hat. Er sieht eine Ursache auch in der Veränderung der sozialen Beziehungen:

Im Grunde wäre also auch eine hyperaktive Gesellschaft der Grund für die kindlichen Störungen?

Ja, wir leben in einer Gesellschaft, in der Familien immer häufiger zerbrechen, weil es zu wenig Gemeinsames gibt, auf das sich alle Familienmitglieder fokussieren. Immer weniger Eltern lesen mit ihren Kindern oder sehen sich gemeinsam Sendungen an, um hinterher darüber zu reden und es bewusst als gemeinsames Erlebnis zu empfinden.

Man richtet zu wenig gemeinschaftlichen Fokus auf Dinge, die außerhalb der Primärbeziehungen liegen. Die Verführung ist ungemein groß, einen gemeinsamen Fokus nicht mehr aus eigener Kraft herzustellen, denn das ist eine Leistung, die sehr viel Einsatz und Kraft erfordert, gerade mit sehr temperamentvollen oder auch besonders in sich gekehrten Kindern.

Ist Komasaufen ein Versuch der Selbstheilung unserer Kinder?

Zugegeben, ein verwegener Gedanke. Aber wenn es stimmt, dass nicht nur Erwachsene sondern auch Kinder unter dem dauernden Bombardement von Botschaften und Eindrücken durch Werbung, Fernsehen und der sozialen Dienste leiden – dann brauchen sie ja etwas um abzuschalten.

Selbst auferlegte Reizarmut wäre ein Gegenmittel. Und wer sich am Wochenende die Birne mit Alkohol erst vorglüht und dann vollends zuballert, hat zumindest eines erreicht – er kriegt fast nichts mehr mit.

Ihr Leben entschleunigen?

Warum ist das wichtig? Und wie könnte das gehen? Der entscheidende Punkt ist folgender:

Was wir aufnehmen, müssen wir auch verdauen. Das ist wie bei der Nahrung. Wenn man zu viel gegessen hat, tut einem der Bauch weh und man hat für eine Weile keinen Appetit.

Aber auch psychische Inhalte müssen wir verdauen.

Das gilt vor allem für unangenehme emotionale Inhalte und Erlebnisse. Und davon hat ein ganzer Arbeitstag eine ungeheure Menge: Missverständnisse, Abwertungen, Enttäuschungen, Gemeinheiten, Nachlässigkeiten, Fehler, Misslungenes etc.

Und zum Verdauen brauchen Sie Zeit. Das lässt sich nicht beschleunigen. So wie Ihr voller Magen auch einfach nur Zeit braucht, um all das Aufgenommene zu verarbeiten und zu verstoffwechseln. Es bringt nichts, ihn antreiben zu wollen.

Aus eigener Erfahrung kann ich Folgendes empfehlen:

1. Tun Sie Dinge bewusst langsamer.
Egal ob Sie langsamer essen, gehen, Autofahren, arbeiten.
Wenn Sie etwas langsamer tun, nehmen Sie in der gleichen Zeiteinheit weniger auf. Was Sie nicht aufnehmen, brauchen Sie nicht zu verdauen.

Dazu braucht man sicher nicht gleich so ein Zeitlupen-Seminar, aber es ist sicher eine interessante Erfahrung, um zu merken, welche Hektik wir schon als normales Tempo empfinden.

Unterschiedlichen Studien zufolge brauchen wir nach einer Ablenkung von 30 Sekunden zwischen fünf und 15 Minuten, um wieder konzentriert bei der Sache zu sein.

Das ist bedenklich.

Ich bin selber manchmal in Gefahr, zu viel zu tun und muss immer wieder den Blick schärfen für das, was mir wirklich wichtig ist. Zumal ich sehr viel im Internet mache. Aber ich steuere auch dagegen:

  • Ich lese selten Tageszeitung, weil ich darüber online informiert bin aber dafür zwei Wochenzeitungen. Da sind die Artikel länger und auch meist fundierter.
  • Ich bin telefonisch nicht erreichbar – außer für meine Familie. Ich hasse es, vom Telefon bei irgendetwas unterbrochen zu werden und gebe meine Handynummer fast nie heraus. Auf meinem Home-Office-Telefon erreicht man nur den AB mit der Bitte, mir eine Mail zu schreiben.
  • eMails rufe ich regelmäßig ab, sortiere sie aber nach Wichtigkeit und Dringlichkeit.

2. Verringern Sie Ablenkung und Zerstreuung .
ruheDass mich sogar im Aufzug oder in jedem Supermarkt ungebetene Musik umgibt, nervt mich und empfinde ich als auditive Umweltverschmutzung – gegen die ich aber wenig tun kann.

Was ich tun kann:

  • Ich höre fast nie Radio, weil mich die Werbung und das ewig gleiche Gedudel nervt – dafür aber ab und an SWR2, DLF und Jazz vom MP3-Player.
  • Fernsehen tue ich auch fast immer nach Programmauswahl und entscheide nach spätestens zehn Minuten, ob mich eine Sendung interessiert. Ich zappe fast nie.

3. Verringern Sie Unterbrechungen .
Eine Studie ergab, dass soziale Netzwerke wie Facebook für 60 Prozent der Arbeitsunterbrechungen verantwortlich sind. 45 Prozent der Befragten könnten nur 15 Minuten lang ungestört arbeiten, bevor die nächste Meldung ihre Aufmerksamkeit fordert.

Multitasking ist also eine Illusion. Das geht nur bei routinemäßigen Arbeiten. Bei anspruchsvolleren Tätigkeiten geht es auf Kosten der Merkfähigkeit und der Kreativität.

Mein Fazit: 

Das Leben findet nur offline statt.

Letztlich geht es ja darum, welche Erlebnisse und Informationen wirklich wichtig sind. Das Hinterher-Hetzen nach irgendwelchen Informationsschnipseln, möglichst noch in Echtzeit täuscht vor, dass wir am Puls der Zeit sind, also am Leben teilnehmen.

PS: Also schalten Sie jetzt Ihren PC aus. Denn das Leben ist nur analog.

 

kommentar Wie schalten Sie ab und was schalten Sie aus?

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Bilder: © istock.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

25 Kommentare

  1. Ich persönlich finde diese ganze ADHS Diskussion hochgradig nervig. Diese allgemein Sätze von: wenn wir weniger erreichbar wären und unsere Kinder weniger fernsehen hätten wir es nicht. So ein Bullshit!
    ADHS tritt per Definitionem vor dem sechsten Lebensjahr auf. Und es mag ja sein, dass schon sechsjährige mehr machen als früher, heutzutage, aber ich kenne nicht soviele die bei Facebook registriert sind oder Smartphones benutzen.
    Ausserdem ist es ja gerade ein Zeichen des ADHS sich ständig Input zu besorgen, also Ursache und Wirkung werden hier mal schnell vertauscht.
    Ich rede hier als Pädiaterin, die zwei Kinder hat bei denen beiden ein ADHS diagnostiziert wurde (sechs und vier). Und diese Kinder leben auf dem Land, haben viele Haustiere, sehen max. 1,5h pro WOCHE fern, dürfen NIE an den Computer. Und glauben Sie mir, die Symptome traten nicht auf, weil wir als Familie zu wenig wert auf Primärbeziehungen legen. Interessant übrigens, wie hier schon wieder die Eltern schuld sind.
    In diesem Fall sind diese (also mein Mann und ich) beide ebenfalls betroffen. Und ich (und mein Mann) sind vollkommen ohne Internet und Smartphone aufgewachsen (wie Sie wohl auch)- mir hat nur NIEMAND helfen können oder wollen, in meiner Kindheit und Jugend. Und das mein Leben nicht vollkommen vor die Wand gefahren ist, ist nur einem hervorragenden Psychologen zu verdanken dem ich im letzten Moment begegnet bin.

    Ich halte ADHS für unterdiagnostiziert und untertherapiert.
    Schizophrenie gabs es vor zweihundert Jahren auch nicht, das lag daran das symptomatische Personen von ihren Mitmenschen totgeschlagen worden sind, nicht an der Reizarmen Umgebung.

  2. Hallo,
    ja, das Finden von Ursachen etlicher Krankheiten ist mitunter schwierig. Das gilt v.a. für psychische Störungen, man nehme nur mal die Depression. Oft sind die Ursachen multifaktoriell. Was jedoch fast immer eine große Rolle spielt, sind die Beziehungen, die ein Mensch aktuell hat. Dieses Beziehungsgefüge, was heute möglich ist und was nicht, wird in den frühen Lebensjahren, etwa bis zum 4. Jahr, gesetzt. (siehe Bindungstheorie).

    Soweit ich Hüther verstehe, weist er in all seinen Ansätzen immer wieder auf den Einfluss dieses Beziehungsgeschehens hin. Das ist natürlich nicht so leicht zu greifen, zu beschreiben oder gar zu messen. Deswegen klingen solche Erklärungen manchmal „esoterisch“. Aber nicht jeder Erklärungsversuch, der sich nicht gleich naturwissenschaftlich nachweisen lässt, ist deswegen gleich esoterisch, mit anderen Worten lächerlich.

    Danke für Ihren Kommentar vom Rand der Erde.

  3. Erdrandbewohner sagt

    Wenn ich ein Problem z. B. mit meinen Augen habe, frage ich natürlich zuerst einen Theologen. Der hat ja den Durchblick und kann mir etwas über die Sehschwäche aus der Sicht der katholischen Kirche erzählen.

    Das fändet ihr nicht sonderlich hilfreich? Nein? Aber warum hört ihr euch die Auslassungen einens „Philosophen“ zu einer hirnorganischen Störung an?

    Und was den zitierten Gerald Hüther betrifft. Nunja. Er hat sich aus der Wissenschaft verabschiedet und ist nun in eigener Sache unwissenschaftlich unterwegs. Das Wiki „Esowatch“ (heute Psiram) hat einen kurzen Abriss über seine wissenschaftliche Reputation geschrieben. Darf ich verlinken? Bitte: http://www.psiram.com/ge/index.php/Gerald_H%C3%BCther

    Was die Ritalin-Kritiker im Besonderen angeht: Hier mischt Scientologie enorm mit. Wenn der Besitzer des Blogs so nett ist, auch diesen Link zu veröffentlichen? Vielen Dank. http://www.psiram.com/ge/index.php/Ritalinkritik

    Ja, richtig. Entschleunigen wir uns, unsere Gesellschaft. Das ist gut. Aber bitte ohne Missbrauch einer sehr behindernden Störung, nur weil sie emotional diskutiert wird.

    Ach ja, noch was: ADS, egal ob mit oder ohne Hyperaktivität dürfte so alt wie die Menschheit sein. Hippokrates beschrieb bereits um etwa 450 vor Christus die Symptome von ADHS. In einer Zeit ohne Ei-Päd, Computerspiele, Fernsehen, eMails, Autoverkehr, Musikvideos…

  4. Hallo Anne,
    genau da stimme ich der Diagnose auch zu und da kommt auch meine Kritik. Die „echten“ ADHS Fälle verschwinden mittlerweile in einem Wust von angeblichen ADHSLern und damit verwischt sich sowohl das Krankheitsbild noch die Therapiemöglichkeit.

    Echte ADHS hat nichts mit zu viel Input zu tun, sondern mit extrem negativen Erfahrungen und ist eine langfristig entstandene Symptomatik. Nur weil die einen nicht damit leben können, die neuen Medien intensiv zu nutzen, finde ich es aber ausgesprochen unfair, zum einen jeden, der aktiv und intensiv die neuen Möglichkeiten nutzt, als ADHS-gefährdet zu diagnostizieren und zum anderen die wirklich relevanten und behandlungbedürftigen Schicksale in einem Meer von Schein ADHSLern verschwinden zu lassen oder statt an den Ursachen zu arbeiten, einfach mit abhängig machenden Drogen wie Ritalin der Pharmabranche zu Pseudokunden zu verhelfen.

    Es ist für mich im Moment leider eine Tendenz zu spüren, jeden, der nicht ins Durchschnittsmuster der Masse passt, gleich zum ADSLer oder ADHSLer zu machen. Aber das bringt halt Kunden. Sowohl bei Therapeuten als auch bei der Pharmaindustrie. Leider auf Kosten der wirklichen ADHS-Fälle, die dann auf langen Wartelisten landen. Ich empfehle vielen hier das Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen“ von Manfred Lutz, einem anerkannten Psychologen.

  5. Anne sagt

    @Klaus Beter Baumgart

    Zitat:ADHS hat m.E. viel mit unerträglichen Verhältnissen, “Stress” im weitesten Sinne, vielleicht fehlender Liebe und Anerkennung, einiges mit Umweltbedingungen zu tun.

    M.E. leiden Sie definitiv nicht an ADHS leider trifft dies auf die meißten hier zu. Derartige Aussagen sind genauso nervend wie die das Arbeitslose zu viel Geld bekämen. Wissen tuns meist nur die betroffenen. Ich bin ADHSlerin meine Eltern liebten mich aber verwöhnten mich nicht. Ich wuchs in einem 700Seelendorf mitten in der Pampa auf beide Eltern arbeitetn unser Umfeld war weder gut noch schlecht sondern normal. Die Umweltbedingungen waren Optimal heutiges Biosphärenreservat. Ich hab kaum irgendwelchen Stress gehabt und denoch viel ich schon vor 25 Jahren massiv auf. Das was die meisten beobachten sind ungeliebte Kinder in unwirklichen Bedingungen welche die selbe Syntomatik wie ADHSler aufweisen können oder wie Depressive Menschen auch, von Ärzten und Eltern aus welchen Gründen auch immer falsch beurteilt werden. Die echten ADHSler leiden unter diesen Gespinnst irrsinnig.
    So wie ich! Meine Diagnose wurde übrigens im Jahre 1989 im Alter von 6 Jahren gestellt und lautete wie früher üblich ²schwer Erziehbar, Hyperaktiv“ und wie diese Kinder behandelt wurden muss ich nicht erwähnen oder? Später bekam ich die Diagnose Hyperkinetisches Syndrom heute ADHS. Tja.

  6. So richtig ja der Hinweis der Medienverwahrlosung ist, so wenig hat dies mit ADHS zu tun. Wenn schon, dann im Sinne eines „Crazy busy“ mit dem „aquired ADHD“ (nach Hallowell). So aber ist es wenig hilfreich eine neurobiologische Disposition (ADHS) mit der Reizüberflutung durch Medien in einen Topf zu werfen.

    Häufig können ADHSler eben sehr wohl kompetent mit Medien umgehen und bleiben dennoch reizoffen. Und ADHS gab es schon weit vor Facebook und Co.

    ADHS wird hier eben eher als Schlagwort missbraucht, was ich schade finde.

    Inhaltlich stimme ich sonst den Überlegungen und Beobachtungen in Seminaren und Workshops zu.

  7. Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    wieder ein sehr interessanter Artikel, zu dem ich zwei Anekdoten hinzusteuern kann:

    1. Das mit den Seminaren.
    Ich bin selbst jemand, der eine „Los! Machen wir noch was!“-Mentalität hat. Wenn ich ein Wochenseminar gebe, wo wir im gleichen Haus wohnen und essen, dann bin ich immer für alles offen. Da ich zudem recht viel Energie habe, könnte ich auch ein Hardcore-Programm durchziehen, so es meine Teilnehmer wollen, unter anderem habe ich früher gesagt: „Ich plane abends nichts mehr ein, weil wir tagsüber genug machen und so ein Seminar immer anstrengend ist, aber ich bin für alles zu haben. Wenn Ihr wollt, dann machen wir noch was.“

    Oft wollten die Teilnehmer unbedingt jede Minute ausschöpfen. Einmal saß ich dann nach dem Abendessen vor zwölf total motivierten, wissbegierigen Zombies. Die Blöcke auf dem Schoß immer noch mehr wissen wollen, aber ich konnte sehen, dass alle am Ende waren. Also sprach ich es an. „Nein, nein, das geht schon, das Thema ist so wichtig, bitte lass uns das noch machen.“ Also rede ich drei Minuten weiter und sehe: Meine Zombieschar ist nicht in der LAGE, noch was aufzunehmen. Das war so ein krasser (und witziger) Anblick, dass es für mich ein Aha-Effekt war.

    Seitdem sag ich meinen Teilnehmern immer: NEIN, ich mache abends nichts mehr. Wir können uns gerne locker zusammensetzen, einen trinken und dabei auch über alle Fragen reden, aber richtig Seminar ist nicht mehr. Das mit der Mittagspause kürzen und so kenne ich natürlich auch.

    2. Beim Fernsehen hatte ich auch einen Aha-Effekt, als ich in einem Nostalgieanfall einige Folgen von „Unsere kleine Farm“ angeschaut habe. Da wurde mir erst bewusst, wie sehr sich das Fernsehen beschleunigt hat!

    Heute ist es Schnitt-Schnitt-Schnitt-Schnitt. Bei „Unsere kleine Farm“ sieht man hinten am Horizont einen Mann auf einem Pferd ins Bild reiten. Und dann reitet er. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. – Schon halb da! – Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und reitet. Und erst, wenn er in Echtzeit den weiten Weg angekommen ist, ist die Szene aus. Haha! Fast undenkbar heute.

    Auch das Erzähltempo ist enorm hoch geworden. Es gibt eine neue, sehr bekannte amerikanische Serie: The Wire. Die hat ein so gemächliches Erzähltempo, dass ich die ersten paar Episoden fast nicht ertragen habe, so langsam ging es da zu. Manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und mache eine „Mach hinne-Gestik“! 8-o

    Unfassbar, wenn man sieht, wie man sich an das zackzackzackzack gewöhnt hat.

  8. Neue Möglichkeiten, neue Chancen und Risiken! Es muss wohl jeder seinen Weg finden, was für den einen angenehm und nützlich ist, lenkt den andern nur (unbewusst) ab. Diese Art der „Medienkompetenz“ werden wir wohl regelmäßig neu erlernen müssen.

  9. Sie haben völlig Recht, es geht nicht um eine Verteufelung der neuen Medien und ein „Zurück zur Natur“.
    Vielmehr um einen „bewussten“ Gebrauch der Möglichkeiten und um das Endtdecken, was es alles „offline“ zu erleben gibt.

  10. Christian sagt

    Ich arbeite auch sehr viel am PC und habe ein super Programm entdeckt. Seitdem arbeitet es sich wesentlich entspannter ohne kurzes Mailchecken, Internetlesen, etc.

    siehe: http://www.focusme.co/

  11. Ich kann mich in Teilen des Artikels wiedererkennen. Internet und Reizüberflutung sind nun mal die Realität in der wir leben bzw von der wir umgeben sind. Ich nutze mein Smartphone sehr häufig (gerade zum Beispiel…), versuche es aber zielgerichtet einzusetzen.

    Aktuell ertappe ich mich dabei, in Ruhepausen zu überlegen was ich a) als nächstes tun muss bzw b) aktuell tun sollte, um mehr zu „schaffen“. Was natürlich Quatsch ist. Wir brauchen Ruhepausen. Und zum Thema ADHS: es ist wissenschaftlich belegt, dass es Kindern mit ADHS hilft, eine Stunde täglich in der Natur zu verbringen und zu bolzen. Das hilft besser als Sport, bei dem wieder der Leistungsaspekt im Vordergrund steht.

    Ich für meinen Teil habe mir gerade überlegt, meine Pausen wieder bewusster zu genießen ohne an die nächsten Aufgaben zu denken.

  12. Man kann sich auch einen Bereich suchen, in dem diese Entschleunigung nicht als Defizit oder Schwäche ausgelegt wird, sondern als wichtiger Bestandteil des Berufs. In meinem Arbeit ist Hektik oder der Versuch, schnelle Ergebnisse erreichen zu wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt – auch wenn die Klienten genau danach verlangen: schnelle Lösungen für komplizierte Probleme.

    Danke für Ihren Kommentar.

  13. Bisch sagt

    Der Beitrag ist Balsam auf meine Seele. Und ich erwische mich immer wieder dabei, ganz viel Zeit im Internet zu vergeuden. Trotzdem komme ich davon nicht los, weil ich doch ab und an Leckerbissen wie diesen Blog finde.

    Zu Ihrem „Auftrag“, auf die Schnittfolge im Video zu achten: Ja, es macht mich wahnsinnig. Mir fiel direkt ein Erlebnis aus meiner Vergangenheit ein. Als ich 10 war, kam der Fernsehrmann zu uns nach Hause, schaffte das für Jugendliche wirklich sehr langweilige DDR1 und DDR2 ab und brachte mir das heiß ersehnte MTV! Ich war lange voller Vorfreude!

    Nach 5 Minuten musste ich ausschalten. Mir taten die Augen und der Kopf weh, weil in den Videos ständig ein Schnitt auf den nächsten kam. Diese Flut von Bildinformationen und dann noch ständig wechselnd war ich einfach nicht gewohnt.
    Und heutzutage? Ich schaue ganz wenig fern, ich zappe nicht mehr, ich bin nicht bei Twitter und Facebook – das ist mir alles viel zu schnell.

    Trotzdem kam für mich während des Videos die Preisfrage auf:
    Wenn ich als einzelne Person entschleunige, reduziere ich aber auch meine Arbeitsfähigkeit und bin für Arbeitgeber nicht mehr ganz so attraktiv. Das heißt ich reduziere zugleich mein Einkommen und kann mir den ein oder anderen Traum nicht erfüllen oder muss schlimmstenfalls meinen Lebensstandard senken.

    Auch ein schönes Thema: Was brauche ich wirklich, um ein glückliches Leben zu führen?
    😉

  14. Eine echte Informationsflut wäre ja vielleicht noch zu verkraften – wir haben es aber mit einer Desinformationsflut zu tun, mit widersprüchlichen und oberflächlichen „Infos“, News usw., und Alle stellen sich bei allen Widersprüchen als Experten dar.

    Das Wissen wird wohl überschätzt, mit Wissen schafft man weder Produkte noch Beziehungen, sondern mit Können, das auch die Voraussetzung für Kunst und Kreativität ist.
    Basiswissen ist zudem nicht auf schnellste Medien angewiesen, da es uralt ist, und lediglich über den Weg der Aneignung seinen Weg in die Person findet.

    ADHS hat m.E. viel mit unerträglichen Verhältnissen, „Stress“ im weitesten Sinne, vielleicht fehlender Liebe und Anerkennung, einiges mit Umweltbedingungen zu tun.

  15. Danke für den Hinweis auf die Reihe von George Pennington.
    Man sollte zwar schon zwei Zeitlupenseminare bei ihm besucht haben, um seinen Ausführungen folgen zu können, aber der Inhalt ist gut.

  16. Peter D. sagt

    Ein wirklich interessanter Artikel, indem ich mich zum Teil wiederfinden kann.
    Dennoch möchte ich den Zugang zur heutigen Informationsflut nicht verteufeln, da z.B. das Internet tolle Möglichkeiten bietet, sinnvolle Informationen zu Lern- und Weiterbildungszwecken flexibel zu nutzen. Der Umgang und der Zeitaufwand mit diesen Medien sollte jedoch verantwortungsbewusst gestaltet werden, damit keine negativen Folgen auf der zwischenmenschlichen Ebene entstehen.
    Im Link zum Zeitlupenseminar wird auf George Pennington als Seminarausrichter hingewiesen. Bei Youtube ist eine 13-teilige Seminarreihe (Bewusst leben – Psychologie für den Alltag) von ihm eingestellt, die vor einiger Zeit bei BR Alpha ausgestrahlt wurde.

    http://www.youtube.com/watch?v=oNQ6M3tAK64&feature=BFa&list=PL74385E56229F3783

  17. Marie-Theres Weinmann sagt

    ich finde ihre seite ausgesprochen gut gemacht, sehr inspirierend, lehrreich und empfehlenswert!

    liebe grüße aus wien,
    marie-theres weinmann

  18. Hallo Torsten,
    für was brauchen Sie einen Film, der nebenher läuft, wenn Sie ein Buch lesen??

    „die natürliche umgebung des menschen ist die information.“ Das halte ich für eine gewagte Behauptung.

  19. Torsten Unbekannt sagt

    an der stelle möchte ich frau birkenbihl zitiern, die die informationsflut am beispiel von kiemen bei fischen erklärt hat. kiemen filtern den sauerstoff aus dem wasser und wenn die kiemen krank sind, ertrinkt der fisch in seiner natürlichen umgebung.

    die natürliche umgebung des menschen ist die information. sind unsere kiemen krank ersticken wir dran, wir müssen also lernen für uns wesentliches herauszufiltern. das wären z.b. der beruf, das hobby und ein wenig tagesgeschehen. ich mache manchmal auch mehrere sachen gleichzeitig.

    heute morgen war ich draussen im garten frühstücken, nebenbei lief ein alter spielfilm auf youtube der nicht meine volle aufmerksamkeit brauchte und als drittes habe ich dabei noch ein buch gelesen. alles ganz locker und ohne stress.

  20. Hallo Uwe,
    sicher ist die Überschrift etwas reißerisch gewählt. Aber bei der angesprochenen Gefahr von zu viel Medienkonsum und einer unreflektierten Wachstumsideologie sind wir uns ja sehr einig.

  21. Tja, aber dann gleich Abhängigkeiten oder ADHS zu vermuten, halte ich nicht nur für überzogen sondern sogar aus wissenschaftlicher Sicht für einen unzulässigen logischen Schluß. Und die beiden Statistiken, die sie erwähnen sind ja in sich schon ironisch. Letztlich ließe sich so etwas auch für Fußball, Biergelage und den notorischen Heimwerker finden.

    Aber was heutzutage meist als ADHS diagnostiziert wird, lehnt selbst der Wissenschaftler ab, der den Begriff einmal geprägt hat. Selbst der sagt mittlerweile, er glaubt nicht mehr an dieses Diagnose: ist zu dem Thema eine gute Quelle.

    Was ich aber definitiv fordere: Mehr Medienkompetenz bei Kindern UND Erwachsenen und vor allem weniger Leistungsdruck jenseits des technisch Machbaren. So lange Chefs Überstunden und totalen Einsatz für die Firma erwarten, sind solche Erscheinungen wie dauerndes Online-Sein nur Symptome einer gesellschaftlichen Krankheit namens Wachstum auf Deubel komm raus.

  22. Hallo Uwe,
    Glückwunsch, wenn Sie „mehr Zeit für die wichtige Dinge“ haben.

    Dann sind Sie deutlich besser dran als jeder 8. Deutsche, der mehr Zeit mit seinem Handy verbringt als mit seinem Lebenspartner.
    Ganz zu schweigen von den 20 % der Männer, die ihr Handy mit ins Bett nehmen. Oder die 60% der Jugendlichen unter 20, die lieber auf Sex als auf ihr Handy verzichten würden.

    Die Zahlen habe ich Ihrem interessanten Blog entnommen.

  23. Nichts, weil ADHS für mich in weiten Teilen eine vorgetäuschte Erkrankung ist, die lediglich das stigmatisiert, was kreative Menschen oft ausmacht. ADHS nützt vor allem den Therapeuten und der Pharmaindustrie, die eine abhängig machende Droge als teures Heilmittel verkaufen kann.

    Warum soll ich entschleunigen, was mir eher nutzt und mir das Leben einfacher macht. Ich bin immer online und seitdem in weiten Teilen effektiver unterwegs und habe mehr Zeit für die wichtigen Dinge.

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