Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?

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Psychologie

handy_glas_small_fotolia_2075981_xs.jpgIch bin kein leidenschaftlicher Autofahrer. Lange Strecken fliege ich meistens. Vor etlichen Jahren, als ich noch mehr unterwegs war, bin ich oft mit der Bahn gefahren. Doch zwei Erfahrungen der letzten beiden Wochen haben mich das Autofahren wieder schätzen gelehrt.

Einmal fuhr ich fast drei Stunden von Hannover nach Heidelberg. Zweimal fuhr ich mit der örtlichen Straßenbahn etwa vier Stationen weit. Was ich bei diesen drei Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erleben musste, lässt mich gerne die hohe Benzinrechnung zahlen:

Mithörer zu sein bei Handy-Telefonaten meiner Mitreisenden.

Sie kennen das bestimmt auch. Kaum sitzt man im Zug, holen einige Menschen ihr Handy heraus und man wird Zeuge von Mitteilungen wie: „Schatz, ich sitze jetzt im Zug und wir fahren gleich los.“

Wow, denke ich dann. Was für eine Nachricht. Wenn der Mensch sich morgens ins Auto setzt zur Fahrt ins Büro – ruft er dann auch an? („Schatz, ich sitz jetzt im Auto, schnall mich an und fahr gleich los.“) Vermutlich nicht. Über die Gründe schreibe ich weiter unten.

Auf der Fahrt mit der Bundesbahn wurde ich Zeuge von den verschiedensten Nöten meiner Mitfahrer:

  • Eine Frau fuhr nach Frankfurt und suchte dort bei Bekannten einen Schlafplatz („Ich will nicht so viel Geld ausgeben und da dachte ich …“)
  • Ein Berliner versuchte lauthals mit seiner Expartnerin Sorgerechtsfragen zu klären („Nu, denk‘ doch ooch mal an die Kinder. Du kanns doch nicht immer nur an dich denken, wah? Denk‘ doch doch ooch mal an die Kinder!“)
  • Einer Führungskraft durfte ich bei einem Mitarbeitergespräch zuhören („Ich habe Ihnen schon tausend Mal gesagt…“)

Ich halte mich für einen technisch sehr aufgeschlossenen Menschen. Schon sehr lange habe und benutze ich ein Handy. Dennoch finde ich die um sich greifende Gewohnheit, in geschlossenen Räumen zu telefonieren, schlicht nervend und rücksichtslos.

Warum tun Menschen das?

Früher (jetzt fange ich auch schon an, so zu reden, ich werde alt!), also früher war das Telefonieren in öffentlichen Räumen klar geregelt. Das ging nur in sogenannten Telefonzellen (bei der Post oder auf der Straße). Die Devise war „Fasse Dich kurz!“ und jede Zelle hatte eine Tür, die man hinter sich zuzog.

Bei der neuerdings sich verbreitenden Unsitte sind ja mehrere Dinge bemerkenswert:

  • Das Ignorieren der Mitreisenden.
    Wenn jemand in der Bahn seinen Laptop auspackt und sich einen Film anschaut, stöpselt er immer seine Kopfhörer ein. Kaum jemand kommt auf die Idee, wenn er ein Buch in der Bahn liest, seine Mitreisenden anzusprechen: „Diese Stelle ist toll, das muss ich Euch vorlesen: Da kommt der Mann zu seiner Geliebten und sagt zu ihr …“
  • Die enorme Lautstärke.
    Manche Reisende unterhalten sich ja mit anderen Mitreisenden. Das stört fast nie, weil es in einer angemessenen Lautstärke geschieht, die meist die persönlichen Grenzen respektiert. Doch Menschen, die mit dem Handy telefonieren, sprechen in der Regel deutlich lauter. Zuweilen war ich schon versucht, demjenigen auf die Schulter zu tippen: „Sie brauchen nicht so zu schreien. Ihr Gespräch wird elektronisch verstärkt!“
  • Die mangelnden Manieren.
    Wenn jemand bei einem Meeting oder bei einer Einladung angerufen wird, gehen die meisten Menschen kurz nach nebenan, um das Gespräch fortzuführen. Die meisten murmeln eine Entschuldigung dabei. Diese Möglichkeit besteht prinzipiell auch in der Bahn, habe ich aber noch nie erlebt.

Also, warum tun Menschen das?
Oder, falls Sie sich angesprochen fühlen: warum tun Sie das?

Wenn Menschen etwas tun oder unterlassen, kann man davon ausgehen, dass es immer eine Bedeutung hat. Oft ist dem Betreffenden diese Bedeutung unbewusst. Deswegen denkt er sich nichts dabei bzw. sieht auch keine Veranlassung, das Verhalten zu ändern. Selbst wenn man ihn daraufhinweisen würde, dass es einen stört.

Übrigens: ein paar Mal habe ich das – experimentehalber – probiert: „Entschuldigen Sie, es stört mich, wenn Sie hier telefonieren und ich Ihr Gespräch mitanhören muss.“ Die Antworten waren interessant.

Einer sagte: „Das tut mir leid. Aber ich muss arbeiten und da gehört das Telefonieren dazu.“
Hmm, und wenn jetzt ein Cellospieler in der Bahn sein Instrument auspackte und zu üben anfinge?

Ein anderer entgegnete patzig: „Dann müssen Sie sich einen anderen Wagen suchen. Hier ist Telefonieren nicht verboten.“
Hmm, es gibt ja bestimmte Abteile in Zügen, die als Ruhezone für Nicht-Telefonierer reserviert sind. Aber ist das nicht dieselbe Debatte, die wir vor dem Rauchverbot in Gaststätten hatten?

Die Frage bleibt: Warum telefonieren Menschen in der Bahn?

Ich meine, es liegt an Folgendem:

Die Lust am öffentlichen Sich-Zeigen.
Ob in Interviews von Beckmann, Kerner & Co. („Was haben Sie da gefühlt …?“) oder in den unsäglichen TV-Nachmittagsshows, in denen Menschen ihr gescheitertes Intimleben offenbaren – überall kann man ja seit einigen Jahren sich auflösende Grenzen beobachten, zwischen dem, was noch als privat gilt und dem, was als öffentlich gilt. Wenn jemand in einem Interview eine zu persönliche Frage mit der Begründung ablehnt „Das ist mir zu privat“, dann fällt das mittlerweile schon auf. Und je nach Persönlichkeit und Quotendruck des Moderators akzeptiert dieser die Grenze oder versucht, nachzuhaken.

(Es ist eine interessante Frage, ob man auch solche Phänomene wie Flitzer (Menschen, die während eines Fußballspiels nackt über das Feld rennen) oder andere „Nude in public„-Aktionen, beispielsweise bei Demonstrationen, darunter zählt oder ob ein wesentlicher Unterschied in der sexuellen Komponente liegt.) Aber auch „überraschende“ Geständnisse in Talkshows oder Menschen, die einen an ihrem Privatleben mittels laufender Webcam teilhaben lassen wollen …

Die Gemeinsamkeit mit den wirklichen Exhibitionisten ist die Lust an der Zurschaustellung.

Die kann man ja auch bei Politikern erleben, die sich zum Interview bereit erklären, um dann vor der Kamera zu verkünden: „Zu den laufenden Verhandlungen möchte ich nichts sagen.“ Es geht also meist um Geltungssucht, mithin das Bedürfnis, als bedeutsam wahrgenommen zu werden oder einfach nur beachtet bzw. bestätigt zu werden.

Nun gilt ja für derlei menschliche Regungen die psychologische Faustformel: Tatsachen muss man nicht dauernd beweisen. Kaum jemand kommt auf die Idee, sich morgens der Existenz der Schwerkraft zu vergewissern, indem er beim Aufstehen absichtlich etwas fallen lässt („Gestern war die Schwerkraft noch da, aber man weiß ja nie“).

Doch wessen vergewissert sich der oben genannte Bahnfahrer mit seiner Handy-Botschaft „Ich sitz jetzt im Zug und wir fahren gleich los“? Der Beziehung zu seiner Freundin? Ob sie ihn noch liebt? Ob sie ihn vermisst? Und wäre ihm die Nachricht auch dann noch wichtig, wenn er dazu drei Waggons weiter gehen müsste, um in der dortigen Handy-Zone zu telefonieren (und dabei allein wäre?)

mann_2handys_small_fotolia_1811402_xs.jpgDas könnte bedeuten, dass Menschen, die auch an öffentlichen Plätzen viel telefonieren, zeigen wollen, wie wichtig, beschäftigt, unersetzlich etc. sie sind. Und zwar den anwesenden Mithörern! Wer im Zug arbeiten will, kann ja auch schreiben, lesen, am Laptop arbeiten, nachdenken. Alles nützliche Tätigkeiten, die aber Mitreisende nicht stören, und die diese auch nicht mitbekommen. Es erinnert mich auch an Künstler, die bei Konzerten absichtlich ihr Publikum warten lassen. Nicht, weil sie nicht rechtzeitig angekommen wären, sondern weil sie zeigen müssen, wie wichtig sie doch sein müssen, damit Tausende auf sie warten. Wer wirklich wichtig ist, muss (sich) das nicht beweisen und fängt einfach pünktlich an.

Man könnte jetzt sagen, dass wir in einer Zeit der zunehmenden Anonymität leben, die solche Bedürfnisse verstärkt.Man könnte aber auch sagen, dass Rücksichtslosigkeit und Platzhirsch-Gebaren auf Kosten anderer zu den menschlichen Grundanlagen zählt, die man nur durch Zivilisierung, Erziehung und damit gesellschaftliche Regeln mildern kann. (Schließlich klauen Kinder anderen Kindern auf dem Spielplatz auch mit großer Lust ihre Schippen…)

Was kann man gegen die Handymania tun?

In Berlin probiert man es mit Appellen über Plakate. In München gab es vier Jahre lang ein Handy-Verbot in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Von 1999 bis Herbst 2003 prangte in Bussen und Bahnen ein Aufkleber mit einem durchgestrichenen Mobiltelefon. Busfahrer fuhren manchmal nicht weiter, wenn jemand telefonierte und warteten, bis dieser damit aufhörte. Doch anhaltende Proteste brachten die Vorschrift schließlich zu Fall.

Da lobe ich mir die Städte wie Graz oder Stockholm, die per Gesetz ein Handyverbot aussprechen. Nur noch SMS versenden und Spielen mit dem Handy ist erlaubt. Sogar gesundheitliche Bedenken wegen der erhöhten Strahlenbelastung können erhoben werden. Zum Glück haben sich die meisten Fluggesellschaften für ein Handy-Verbot ausgesprochen.

Und wie halten Sie es mit dem Handy beim Bahnfahren?
Und: fühlen Sie sich gestört oder nicht?

Machen Sie doch mit bei meiner kleinen Umfrage.

Telefonieren Sie selbst beim Bahnfahren?Online Casinos
Ja, immer.
Ja, manchmal.
Nur wenn ich angerufen werde.
Nein, nie.
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Fühlen Sie sich durch Handys in der Bahn gestört?Online Casinos
Ja, immer.
Ja, manchmal.
Nein, nie.
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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.