Acht Dinge, die Sie in einem Garten über sich selbst und das Leben lernen können.

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Allgemein / Gesundheit

horticulture bannerIch hatte in meinem Leben fast immer einen Garten. Sogar als Student erbarmte sich ein Nachbar und gestattete mir, auf seiner Wiese drei Beetreihen anzulegen. Dort pflanzte ich Gemüse und Blumen.

Es waren die achtziger Jahre. Wie viele andere las ich begeistert Jon Seymours Selbstversorger-Bibel Das grosse Buch vom Leben auf dem Lande. Ein praktisches Handbuch für Realisten und Träumer träumte von einem autarken Leben auf dem Lande, pflanzte erst mal Tomaten und Buschbohnen, versuchte mich kläglich am Anbau von Getreide und begriff, wie schwer es ist, aus selbstgepresstem Traubensaft Wein herzustellen.

Später im eigenen Haus war es nur ein schmaler Garten, in den ich aber einen großen Teich mit Seerosen zwängte. Vor zwei Jahren gestaltete ich denselben Garten um, um in – meinem Alter entsprechend – ruhiger und pflegeleichter zu haben.

Im Maiheft von brandeins lese ich, dass auch in Amerika die Lust an der eigenen Scholle wächst. Und nicht nur, seit Michelle Obama im Garten des Weißen Hauses publikumswirksam vor der Presse mit ihren Töchtern in der Erde buddelte. Teils aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, teils aus anderen Motiven entstehen in Hinterhöfen, auf ehemligen Parkplätzen und sogar auf Hochhausdächern „Inner-City-Farms“. Die meisten ziehen Gemüse und Obst, einige haben Bienenstöcke, manche Ziegen oder sogar Fischtanks.

kind-johannisbeerenWenn ich lese, dass in Deutschland Projekte laufen, wo Schülern beigebracht wird, woher die Milch kommt und dass Kartoffeln nicht auf Bäumen wachsen, wundere ich mich.

„Viertausend Jahre lang haben Menschen gelernt, den Boden zu kultivieren und ihre Nahrung anzubauen. Innerhalb von zwei Generationen haben wir alles verlernt und die Initiative der Industrie überlassen.“ (brandeins)

Deshalb dieser Beitrag, der Ihnen vielleicht Lust macht, auf Ihrem Balkon oder Fensterbrett – jeder fängt mal klein an – ein paar Blumensamen in die Erde zu drücken und schauen, was passiert. Vielleicht gibt es in Ihrer Stadt auch einen Schrebergartenverein oder die Gemeindeverwaltung verpachtet Gärten.

Ein Garten hält jung.

Die regelmäßige Bewegung hilft dem ganzen Körper und wie diese Studie zeigt, sogar gegen Altersdemenz. Aber da ich hier nicht für die Apotheken Umschau schreibe, will ich auf andere Aspekte eingehen.

Ich behaupte, wer Garten“arbeit“ nicht nur als einen Punkt auf der To-do-Liste betrachtet, kann durch die Beschäftigung mit der Natur eine Menge lernen.  Mir fallen spontan acht Dinge ein.

  • Es gibt für alles eine Zeit.
    Wer einen Garten hat, braucht Geduld oder entwickelt sie. Hat man gesät, gedüngt und gewässert, kann man die Hände in den Schoß legen und warten. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ lautet ein afrikanisches Sprichwort.
    Manche Menschen mögen derlei Begrenzungen nicht und versuchen, natürliche Prozesse zu beschleunigen oder auszuweiten. Diesem Drang verdanken wir viele wertvolle Erfindungen. Aber auch die zweifelhafte Möglichkeit, dass eine 66jährige Frau noch Mutter werden kann.
    Was nun im Einzelnen zutrifft, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Doch habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, bei schwierigen Entscheidungen, auf die ich keine Antwort weiß,  in den Garten oder in den Wald zu gehen und zu schauen, was mit begegnet. Als allererstes werde ich meistens ruhiger. Eine innere Anspannung und Aufgeregtheit fällt dann von mir ab.
    Einmal musste ich zwischen zwei Trainingsaufträgen entscheiden. Der eine lukrativ aber etwas unsicher. Der andere eine sichere Bank aber mit weniger Honorar. Die Argumente in meinem Kopf flogen hin und her. Dann fiel mir ein Eichhörnchen auf, das sich am Fuß einer Eiche zu schaffen machte. Und plötzlich hatte ich meine Entscheidung.
  • Das Leben findet immer einen Weg.pflnzchen_granit_4643_4 pixelio
    Im Urlaub 1996 auf Sardinien beobachtete ich, wie ein großer Waldbrand ein riesiges Areal verwüstete.  Als ich nach etlichen Jahren wieder an dieselbe Stelle kam und sah, wie wieder eine geschlossene Vegetation entstanden war, lernt, dass es in der Natur keinen Stillstand und kein endgültiges Ende gibt.
    Wenn Firmen oder ganze Branchen – nicht nur in der Wirtschaftskrise – pleite gehen oder gänzlich verschwinden, ist das für die Betreffenden meist bitter. Betrachtet man es nicht moralisch, verschwindet damit ein Stück Vielfalt, während anderswo viele neue Firmen und Branchen entstehen. Auch hier zählt das Ganze.
  • Die Natur braucht uns nicht – aber wir sind von ihr abhängig.
    Wer auf einem ungenutzten Stück Erde in die Tiefe buddelt, lernt, dass der Boden in verschiedenen Schichten aufgebaut ist. Die oberste Schichte ist nur etwa 10 bis 20 Zentimeter dick. Sie ist, je nach Standort, locker, humusreich und schwarz bis braun gefärbt. Diese schmale Kruste der Erdoberfläche wird – nicht umsonst – Mutterboden genannt. Denn alle Menschen weltweit hängen mit ihrer Ernährung von dieser – betrachtet man den Durchmesser der ganzen Erdkugel – von dieser winzigen Schicht ab.
    Täglich sterben bis zu einhundertfünfzig, größtenteils unerforschte Pflanzen- und Tierarten aus. Niemand weiß genau, wie viele Tier- und Pflanzenarten auf der Erde leben. Schätzungen liegen zwischen 5 und 30 Millionen. Das heißt, auf Einzelschicksale nimmt das Leben keine Rücksicht. Das Ganze zählt.
  • Es gibt kein Un-Kraut und kein Un-geziefer
    Wer es schafft, seine zwanghaften Impulse im Garten zu zügeln, lernt, dass in einem naturbelassenen Stück Garten sich mit der Zeit meist eine natürliche Balance einstellt. Und er begreift auch, dass dort kein Kraut  unnütz ist , sondern seine Funktion im großen Ganzen erfüllt.
    So sind die Wurzelausscheidungen mancher Un-kräuter wichtig für eine Verbesserung im Boden.   Auch für Wildbienen, Marienkäfer oder Schmetterlinge sind unentbehrlich.  Für das Un-Geziefer gilt dasselbe.Auch bei Menschen ist die unselige Unterscheidung in „Nützlinge“ und „Schädlinge“ immer wieder zu beobachten. Ähnlich wie im Garten ist die Definition äußerst schwierig und nur möglich, weil man die Funktion oder Rolle im Gesamtgefüge nicht oder zu wenig verstanden hat.
  • Ausdauer ist die stärkste Kraft
    Wer wie ich beim Pflanzen des ersten Bambus vergißt, eine Rhizomsperre mit einzugraben, lernt, welche ernorme Kraft die Wurzeln einer zarten Bambuspflanze entwickeln können, die sogar die vier Millimeter starke Wand meines Teichbeckens durchdringen.
    Talent oder Begabung wird einem geschenkt und ist somit ungleich verteilt. Ausdauer und Beharrlichkeit jedoch sind Kräfte, die im Grunde jedem zur Verfügung stehen und weiterentwickelt werden können. „Das Weiche besiegt das Harte“ heißt es dazu
  • Widerstand hilft wachsen
    Bei größeren Stürmen passiert es häufig, dass ganze Schonungen von Kiefern niedergemäht werden. Es sind Flachwurzler, die der Gewalt des Sturms wenig entgegenzusetzen haben. Krüppelkiefern in 1500 m Höhe sind kleiner als ihre Schwestern im Flachland,doch trotzen sie den heftigsten Stürmen, weil sie von klein auf daran gewöhnt sind und entsprechende Wurzeln ausbilden.
    Lebenskrisen mögen uns herausfordern. Doch wenn sie nicht zu groß sind, wachsen wir an ihnen. Unsere Stärken entwickeln sich nicht auf der Couch oder im Hafen.
    Für den menschlichen Körper gilt dasselbe. Muskeln wachsen am Widerstand. Deswegen erreicht man durch kontinuierliches Training, dass die eigene Muskelkraft wächst.  Bei Belastung vergrößert sich der Muskelquerschnitt, um für eine zukünftige Anforderung gerüstet zu sein.
    Übrigens: für die Nervenzellen unseres Gehirns gilt dasselbe. If you dont‘ use ist, you loose it.
  • Kooperationen müssen passenmarienkäfer ©JPW.Peters/pixelio
    Pflanzen wie Menschen können sich gegenseitig bestärken oder schwächen. Pflanzen nehmen Nährstoffe aus dem Boden auf, und geben dann andere Substanzen an den Boden zurück. Diese Wurzelausscheidungen spielen für die Nachbarschaft auch eine große Rolle. So lernte ich, dass Kopfsalat und Petersilie oder Kartoffeln und Kohl schlecht zueinander passen. Während Kohl mit Melonen oder Kopfsalat mit Bohnen hervorragend gedeiht.
    Es passt einfach nicht. Kein Gemüse ist schuld. In Teams oder Partnerschaften ist es genauso. Es kommt auf die gegenseitige Passung an, nicht auf die Merkmale der beteiligten Personen.
  • Wer sich nicht anpasst, stirbt aus
    Als ich in einem Straßencafé beobachte, wie zwei Spatzen sich um Kuchenkrümel stritten, lernte ich, dass Anpassungsfähigkeit das Überleben sichert. Früher auf Körner in Pferdeäpfeln eingestellt, hat sich der Haussperling mittlerweile auf die Verstädterung perfekt eingestellt.
    „Das Weiche besiegt das Harte,
    das Schwache triumphiert über das Starke.
    Das Geschmeidige ist stets dem Unbeweglichen überlegen.
    Das ist das Prinzip der Beherrschung der Dinge,
    indem man sich mit ihnen in Einklang bringt,
    das Prinzip der Meisterschaft durch Harmonie.“
    heißt es dazu im  Tao-Te-King von Lao-Tse.

    Für uns Menschen gilt dasselbe. Wer sich an neue Regeln, neue Techniken flexibel anpasst, bleibt am Leben. Wer sich dem trotzig verweigert, kann vielleicht in einer kleinen Nische oder einem Biotop eine Weile überleben. Doch der Prozeß des Ganzen nimmt darauf wenig Rücksicht.
  • An der Wurzel entscheidet sich, was oben sichtbar ist grtnerpixx
    In meinen gärtnerischen Anfängen war ich gegen jede Art von Dünger und glaubte, der Boden enthielt alles. Erst nachdem meine Kartoffeln mehrmals hintereinander aufgrund ihrer winzigen Größe reif für das Guinness Buch der Rekorde waren, lernte ich, dass Wachstum unten anfängt. Und erst die richtige Kombination von Nährstoffen zur richtigen Zeit gute Früchte erbringt.
    Beim Menschen sind diese Wurzeln seine Herkunft und was er daraus gemacht hat. Dabei erlebe ich immer wichtig, dass jene, die gegen die Eltern einen Groll hegen oder noch etwas von ihnen erwarten, in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind.
    Dabei geht es nicht nur darum, was einem die Eltern aktiv mitgegeben oder vorgelebt haben, sondern auch, was wir aus den – vielleicht beschränkten Gaben – weiterentwickelt haben. Und wo wir an den Wurzeln nicht kleben bleiben, sondern unsere Flügel ausbreiten.

kommentar Was haben Sie im Garten oder in der Natur gelernt?

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Foto: © Horticulture  – Fotolia.com
und
JPW. Peters pixelio.de

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

5 Kommentare

  1. Alfred sagt

    Lieber Her Kopp-Wichmann,

    nach längerer Zeit habe ich diesen Blog zum Thema Garten nochmal gelesen. Als leidenschaftliche Gärtnerin kann ich dem nur zustimmen.Ich möchte aber noch etwas hinzufügen. Manchmal hilft nur ein radikaler Rückschnitt, damit etwas neues entstehen kann. Das habe ich bei meiner total verlausten Wachsblume gelernt. Zunächst wollte ich sie so erhalten, wie sie war, mit ihren vielen Ranken, aber die Behandlung mit verschiedenen Mitteln gegen Läuse hat nichts genutzt. Erst ein beherzter Rückschnitt und Umtopfen hat Erfolg gebracht. Jetzt treiben wieder viele neue kräftige Blätter aus. Mir fällt es oft schwer loszulassen, ich möchte lieber Altbewärtes erhalten. Dieses Beispiel hat mir geholfen etwas leichter Ballast abzuwerfen.

  2. Das Wichtigste, das ich im Garten gelernt habe, ist die Bedeutung der regelmässigen kleinen Handgriffe. Große Aktionen waren für mich nie das Problem. Aber durch die eher kleinen Pflegemaßnahmen das Erreichte aufrecht zu erhalten, das musste ich lernen.

    Ein Beet vom Unkraut befreien und etwas aussäen – und dann vergessen zu pflegen. Nach kurzer Zeit war das Beet überwuchert, aber nicht von dem, was ich gesät hatte. Der Salat war von den Nacktschnecken gefressen oder vertrocknet, während ich die nächste große Baustelle in Arbeit hatte.

    Auch das lässt sich auf das restliche Leben übertragen – dranbleiben und mit regelmässigen kleinen Aktionen das Geschaffene aufrecht erhalten.

    Viele Grüße,
    Sabine Feickert

  3. Liebe Frau Asser,
    Ihren Satz „Eine Reise beginnt …“ kontere ich jetzt mit dem genauso alten Spruch „Es ist besser, eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu jammern.“ Beide Sätze werden natürlich von Menschen mit perfektionistischen Antreibern gewusst aber spöttisch belächelt. „Was, ich soll einfach so losgehen? Nein, da muss ich erst noch ein zehntägiges Walking-Seminar vorher absolvieren.“

    Aber wie Sie es erlebt haben, geht es auch anders. Dazu muss man nur seinen Wunsch nach einem Teich wichtiger nehmen als den Wunsch nach Perfektion – und siehe da. Zwischendurch stichelt zwar der innere Perfektionist immer mal wieder („Toll, einen Teich wolltest du und jetzt hast du einen Bottich auf dem Balkon. Nur weiter so!“) Aber der Perfektionist würde sich auch melden, wenn Sie vom Nachbarn das Grundstück gepachtet hätten und innerhalb von zwei Jahren einen 80qm-Teich angelegt hätten. („Ganz nett, aber ein richtiger Teich beginnt eigentlich erst ab 350 Quadratmetern. Aber das war dir ja zu anstrengend.“)

    Viel Spaß in der Welt der Unperrfekten.

  4. Susanne Asser sagt

    Lieber Herr Kopp-Wichmann,
    diesen Blog habe ich gebraucht, um endlich ins Handeln überzugehen. Seit langem pflege ich im Privaten wie im Beruflichen den Satz „Auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt!“ – vielleicht sollte ich ihn noch öfter bei mir selbst anwenden…

    Als wir uns letzte Woche unterhielten, baten Sie mich den Satz „Ich muss nicht perfekt sein!“ zu sagen, was mir ja leider nicht gelang, doch inzwischen hängt er in Schönschrift gut lesbar an diversen Stellen in meiner Wohnung. Ich wende ihn an!!!

    Hierzu ein Gartenbeispiel auf meinem nicht-perfekten Balkon (mit genialem weiten Blick auf die Bergstraße) inmitten meiner nicht-perfekten Nachbarschaft und noch nicht beseitigten Baustellen in meiner Wohnung: Ich bin eine absolute Teich- und vor allem Seerosenliebhaberin, doch ich hatte bislang nicht die Möglichkeit, einen anzulegen – dachte ich. Aber es sollte anders kommen.

    Nachdem ich Ihren Blog las, in dem Sie einen Teich erwähnen. Der erste Schritt? Dank der Möglichkeit, wirklich alles im Internet zu finden, habe ich mich schlau gemacht, ob und wie man einen Teich auf einem Balkon gestalten kann, und es ist mir gelungen ein sehr hübsches Feuchtbiotop zu erschaffen – mit Seerosen! Es ist nicht der perfekte Teich im Feng Shui angelegten Garten, doch es ist ein Schritt in die richtige Richtung & es fühlt sich verdammt gut an!

    Vielen Dank für die perfekten Impulse, „Zen-Meister“. Ich bastele jetzt bei sonnigem Wetter auf meinem Balkon an meinem Seminar statt im Café abzutauchen 🙂
    Liebe Grüße
    Susanne Asser

  5. Andreas Reisenbauer sagt

    Eine spannende Betrachtungsweise, die ich nur teile kann. Auch ich „erde“ mich gerne mit Gartenarbeit. Das hätte ich mir früher nicht vorstellen können, jetzt ist die Arbeit am und mit dem Garten ein Fixpunkt in meinem Leben.

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