Der Fall Obama(s) und unsere Suche nach dem idealen Vater.

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Warum auf Idealisierung Enttäuschung und Entwertung folgt.

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Im November 2008 schrieb ich hier einen begeisterten Artikel über Barack Obama, der gerade zum US-Präsidenten gewählt worden war. Ich wollte den Blogbeitrag aufgrund der aktuellen Ereignisse um die NSAeigentlich löschen.

Als ich das auf Facebook bekanntgab, schrieb mir Moritz Beck: „Schreiben Sie doch lieber einer Artikel über die damalige Wahrnehmung und die Veränderung in der Wahrnehmung der amerikanischen Politik bis zu den aktuellen Ereignissen. Löschen ist wie Bücher verbrennen.“

Über diesen Vorschlag habe ich länger nachgedacht und das Ergebnis ist der heutige Blogbeitrag.

 

Warum Elternfiguren idealisiert werden.

Autoritätspersonen wie Vorgesetzte oder die gewählten Führer eines Volkes, ob es jetzt Kanzler oder Präsidenten sind, laden oft zu unbewussten Projektionen ein. Denn sie sind mächtig, können unser Leben in vielerlei Weise bestimmen – und wir müssen uns immer wieder mit ihnen arrangieren.

Deswegen werden auf Autoritätspersonen wie der Chef einer Abteilung, eines Unternehmens oder eine Landes oft Vaterbilder projiziert. Der Begriff „Vater Staat“ zeigt diese unbewusste Komponente. Doch diese Abhängigkeit ist nie konfliktfrei. Dabei helfen uns psychische Abwehrmechanismen.

Anbetung_idealisierung_CC_Flickr_Ministerios Cash LunaGanz wichtig: Idealisierung ist ein Abwehrmechanismus. In den ersten Lebensjahren erlebt das Kind seine Eltern als übermächtige, beschützende und perfekte Vorbilder ohne Fehl und Tadel.

Erst im Lauf der Zeit entdeckt das Kind, dass auch die Eltern normale Menschen sind und Schwächen haben, mithin nicht ideal sind.

Jugendliche sondern sich in der Pubertät von ihren idealisierten Eltern ab, indem sie sie grässlich und peinlich finden oder entwerten.  Selbst gewählte Freunde werden wichtiger. Doch auch jetzt werden wieder Persönlichkeiten wie Popstars, Revolutionäre oder Gutmenschen idealisiert.

Wie wichtig es ist, sich von den Eltern abzulösen, habe ich in diesem Buch beschrieben. Und auch in diesem Video.

Bei der Idealisierung geht es vor allem um die Abwehr von aggressiven Impulsen gegen die Elternfigur, von der man sich abhängig fühlt aber gleichzeitig auch unter ihr leidet. Da man sie nicht offen bekämpfen kann, rettet einen die Idealisierung, was man gut beim nordkoreanischen Volk  aber auch in Russland oder Kuba beobachten kann.

Zum Erwachsenwerden gehört also die Ent-Idealisierung all dieser Idole und ein Selbstwertgefühl, mit dem man auf andere Menschen weder hinauf- noch hinabschaut. Dieses Stadium erreichen manche Menschen nie so recht und auch Völker haben damit ihre Schwierigkeiten. Denn dieser Prozess ist notwendig aber auch schmerzhaft.

Wir Deutsche sind ist vielleicht durch die NSA-Affäre mit den USA gerade dabei.

 

Keine Verliebtheit ohne Idealisierung.

blinde liebe xs iStock_000011716233XSmallIdealisierung kennen wir alle aus der Zeit der Verliebtheit. Den neuen Partner nehmen wir verzerrt nur in seinen positiven Eigenschaften wahr. Warnende Kommentare von Eltern oder kritische Bemerkungen von Freunden werten  wir als Einmischung oder puren Neid ab.

Diese Phase der Idealisierung ist wie ein Rausch ohne Drogen, vor allem wenn sie gegenseitig abläuft. Der andere Mensch gehört uns und wir ihm. Wir fühlen uns erhöht und gleichzeitig auf der guten Seite des Lebens angekommen. Bis zum ersten Streit.

Jetzt legt sich der Drogenrausch und es zeigt sich, ob wir den idealisierten Partner vollständig entwerten müssen oder ihn mit seinen negativen und positiven Eigenschaften sehen und akzeptieren können. Aus dem Verliebtsein kann eine neue Verbundenheit entstehen.

 

Warum Väter oft idealisiert werden.

imaginierter_vaterDer Vater hat für ein Kind schon früh eine große Bedeutung.  Auch wenn der Vater real nicht anwesend ist, weil die Mutter alleinerziehend ist, lebt ein Kind mit dem inneren Bild seines Vaters.

Spürt es doch, dass dieser fremde Mann mit der Mutter auf eine geheimnisvolle Weise verbunden ist. Grandiose Phantasien aber auch unbewusste Wünsche und Ängste nähren dieses Bild.

Kommt es dann nach Jahren manchmal zu einer Begegnung mit dem realen Vater, erlebt das Kind oft eine herbe Enttäuschung. Der Vater ist eventuell desinteressiert, abweisend, hat vielleicht schon eine neue Frau mit eigenen Kindern.

Ein Mann schildert seine Erfahrungen. nachdem er seinen unbekannten Vater aufgesucht hatte, so:

Nach der Woche mit meinem Vater hatte ich beschlossen, dass mir sein Bild lieber war, ein Bild, das ich beliebig abändern oder notfalls auch ignorieren konnte. Wenn mein Vater mich nicht enttäuscht hatte, so blieb er doch ein Unbekannter, wenig konkret und irgendwie auch bedrohlich“.

Etwa 15 Jahre später und nach dem Tod des Vaters trifft dieser Mann eine Halbschwester, die mit dem Vater aufgewachsen war. Sie erzählt ihm viele Details aus dem Leben des Vaters, die sein Bild tief erschüttern. Er schreibt:

„Mir war, als hätte jemand meine Welt auf den Kopf gestellt… Mein Leben lang hatte ich ein einziges Bild von meinem Vater in mir getragen, ein Bild, gegen das ich mich zuweilen aufgelehnt, das ich aber nie in Frage gestellt hatte und das ich später selbst übernahm.

Der brillante Harvardabsolvent, der großzügige Freund, der aufrechte Politiker,  mein Vater war all das gewesen. Und mehr noch, denn abgesehen von diesem einen Besuch war er ja nie präsent gewesen, das Bild hatte also keine Kratzer abbekommen.

Ich hatte nie erlebt, was die meisten Söhne irgendwann erleben dass der Vater an Statur verliert, seine Hoffnungen enttäuscht werden, ein Gesicht, das von Schmerz und Bedauern gekennzeichnet ist.“  *

Der Mann, der diesen schmerzlichen Prozess der Ent-Idealisierung beschreibt, ist Barack Obama.

 

Die USA – Bruder, Vater oder was?

rosinenbomber_flughafen_frankfurt_privatNach dem Zweiten Weltkrieg kamen die amerikanischen Soldaten als Besatzer ins Land, blieben jedoch nicht lange der Feind.

Sie wurden zum „Großen Bruder“, von dem sich die Westdeutschen die Demokratie, aber auch den „American Way of Life“ abguckten. Mit Hilfstransporten durch die legendären Roseninenbomber erleichterten sie die Blockade Berlins und waren für uns Deutsche in der Nachkriegszeit die bewunderten „Verwandten“ über dem großen Teich.

Eine erste Revolte gegen diese Idealisierung der USA waren die Proteste gegen den Vietnam-Krieg. Die 68-Generation lehnte sich gegen die Väter insgesamt auf, vor allem im Bildungsbereich („Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“). Auch die „Außerparlamentarische Opposition“, der Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen und andere Bewegungen dieser Zeit kann man als Aufbegehren gegen die vorgebliche Macht des Männlichen verstehen.

Durch die NSA-Affäre wurde aus dem vermeintlich „großen Bruder“ nun tatsächlich ein „Big Brother“. Doch anders als im Roman „1984“, ist aufgrund der technischen Möglichkeiten heute die Machtausübung viel größer als das George Orwell 1948 (!) vorhersehen konnte.

 

Wir haben uns verführen lassen.

Auf meinen Facebook-Eintrag dazu schrieb Andrea Sievert:

„Ich finde die Obama-Euphorie auch mit Blick auf mich selbst interessant, denn ich war auch davon befallen und bin mittlerweile sehr ernüchtert und befremdet. Was für Sehnsüchte und tief verborgene Bedürfnisse dieser Mann getriggert hat und wie gern ich ihm gefolgt bin… Schade und traurig. Echter Heiratsschwindler, ich habe den Scheidungsantrag schon durch.“

Ich glaube, das stimmt. Die Amerikaner neigen ja in der Mehrzahl dazu, sich Präsidenten zu wählen, die man verehren kann – um sie dann oft nach ein oder zwei Wahlperioden in die Wüste zu schicken.

kohl_briefmarkeWir Deutsche tun uns da mit dem Idealisieren schwer. Wir wählen eher Politiker, die nüchtern und pragmatisch sind: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel. Allenfalls Willy Brandt hatte einen gewissen Charisma-Faktor.

Dadurch beruhigen unsere Politiker  unseren Verstand, berühren aber selten unser Herz.

Vielleicht waren wir etwas neidisch, dass Amerikaner Präsidenten wählen, die vielleicht peinliche Sprüche machen aber in ihren Reden über Ehre, Werte, Vaterland, Treue, Nation doch in vielen Menschen starke Gefühle  wecken können.

Wenn ich mich an den deutschen Wahlkampf des Sommers 2013 mit Steinbrück („Das Wir entscheidet“) und Merkel („Gemeinsam erfolgreich“) erinnere, wird mir klar, warum ich beim Wahlsieg von Barack Obama 2008 am Fernsehen so ergriffen war. Was mir selten passiert.

Obama versprach – kurz gesagt – wie ein idealer Vater eine bessere Welt. Er hatte eine Vision von einem menschlicheren Miteinander nicht nur in Amerika, sondern weltweit.

Und er vermittelte Hoffnung, dass – ähnlich wie damals Martin Luther King in seiner Rede – alle Menschen gleich sind und näher zusammenrücken.

Dass das Näherrücken vor allem digital gemeint war, hat auch mich  getroffen.

Ich war eben naiv. Sah in Obama einen „guten“ Vater. Doch was konnte ich von einem Mann erwarten, der seine Versprechen bezüglich Guantanamo nicht hält. Der mögliche Terroristen durch Drohnen töten lässt. Der Osama bin Laden ohne Gerichtsverhandlung ermorden lässt.

Wir wollen eben Gutmenschen sein. Andere Völker wie China über Menschenrechte belehren. Brav Energie sparen und erwarten, dass andere Länder das auch tun. Die USA schotten sich mit Elektrozäunen gegen Einwanderer aus Mexico ab. Wir kriegen Schuldgefühle, wenn wir nicht alle Armutsflüchtlinge sofort aufnehmen wollen.

Hilft nichts.

Wir müssen eben auch als Staat erwachsen werden. So sehen es ja auch viele Amerikaner. Gute Argumente dafür liefert Eric T. Hansen in seinem ZEIT-Beitrag:

„Um es wieder in Erinnerung zu rufen: Ein Mensch verfolgt Ideale, liebt und leidet und schließt Freundschaften. Ein Staat nicht. Ein Staat hat die Aufgabe, die Interessen und den Wohlstand der eigenen Bevölkerung zu wahren, vor allem in Konkurrenz zu anderen Staaten. Das hat nichts mit Freundschaft zu tun.“

PS: Hier erklärt ein deutscher Historiker, warum die USA so lahm reagieren und auch die Kanzlerin nebst Innenminister zwar etwas empört tun aber keine Konsequenzen folgen lassen: weil sie wissen, dass die USA legal abhören.

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Foto: © privat, CC_Flickr_Ministerios Cash Luna, istock.com
Das Zitat über seinen Obamas Vater stammt aus:
Obama, B. (2009) – Ein amerikanischer Traum.
Die Geschichte meiner Familie. München, dtv

 

 

 

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach.
Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse.
Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

23 Kommentare

  1. Als ich kürzlich den Artikelvon Sascha Lobo in der FAZ „Abschied von der Utopie: Die digitale Kränkung las“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/abschied-von-der-utopie-die-digitale-kraenkung-des-menschen-12747258.html fiel mir sofort Ihr Beitrag hier ein.
    Ob WEB oder Obama, Kränkung ist Kränkung und nach der WEB-Verliebtheit muss(te) dann wohl die Ent-Idealisierung = Abwertung erfolgen. Je nach Menschentypus als Eigen-Entwertung (ICH war zu blöd zu erkennen…) oder eben als Person- oder in diesem Fall Web/Technik-Totalentwertung.

    Die Kommentare zum Artikel fand ich interessant und häufig auch sehr aussagekräftig – u.a. in dem, was sie über den Schreiber selbst offenbarten.
    Herzliche Grüße

  2. Ja, das stimmt. Für uns ist der Staat meistens eher unser „Diener“, den wir wählen und der im Großen und Ganzen das tut, was das Volk will. Für Amerikaner ist der Staat eher eine Institution, die sich einmischt und kontrolliert werden muss. Deswegen ist die Krankenversicherung fast schon an der Grenze des Sozialismus.

  3. Herzlichen Dank für den klugen Artikel.
    Kann man nicht einfach jemanden sehr sympathisch und persönlich für vertrauenswürdig halten und gleichzeitig seine Möglichkeiten, Aufgaben und Bedingtheiten im Blick haben? Ein Präsident ist nicht nur die Person Obama – sondern die Person plus alle Institutionen, Gremien, Machtbedingungen, Gesetze, Regeln, Konventionen – die ganze Historie klebt an einem Präsidenten… wenn er auch nur irgendetwas tun will, muss er immer Mehrheiten herstellen können, was wir gerne vergessen und schnell unmoralisch finden… und er unterscheidet zwischen Außenpolitik und Innenpolitik.

    Was es für Amerika kulturell bedeutet, die Idee einer Krankenversicherung für alle umzusetzen, können wir kaum ermessen. Wir fühlen uns den Amerikanern oft sehr viel verwandter, als wir es vermutlich wirklich sind. Und auch das fördert die Projektion.

  4. Wolfgang Hoerdt sagt

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    zunächst: ja, wir Menschen sehnen uns doch nach dem Guten (jedenfalls die meisten) und wollen die Hoffnung auch nicht aufgeben. Wenn dann die (US-Präsidenten-)Wahl zwischen „vermeindlich offensichtlich“ Bösen (weil eben Industrie-orientiert, Geld-fixiert usw) und „vermeindlich offensichtlich“ Guten weil eben Versprechen gemacht werden, die zwar nie wirklich umsetzbar sind, aber in die richtige Richtung gehen)besteht, na dann will doch jeder das Gute, oder? Das wir dann nicht enttäuscht werden ist fast schon naiv. Aber was wäre denn passiert, wenn der „Böse“ gewählt worden wäre? …
    Dann, nein, ich sehe es nicht so, dass Regierungen sich dadurch auszeichnen, dass sie „nur“ die Interessen ihrer Bevölkerung vertreten und gegen andere nationen ausspielen. Dann gäbe es keinen Umweltschutz, keine EU und vieles andere auch nicht.
    Politiker sollten sich etwas mehr an den Themen Offenheit und Ehrlichkeit versuchen und mal Fehler zugeben. Das hat – zumindest nach meiner Erkenntnis – bisher niemanden geschadet, der offen zugab „oh ja, das tut mir leid (so das der Fall ist) das war mein Fehler“ oder “ .. da habe ich mich getäuscht“.
    Es wird zuvorderst versucht „gut dazustehen“ und – wohl aus medialen Gründen heraus – auch noch klareste Ablehnungen „umzuinterpretieren“. Da hat der Wähler etwas nicht verstanden, oder nur aus einer Laune heraus entschieden, die öffentliche Stimmung hat das bedingt oder eigentlich hat der Wähler etwas ganz anderes gemeint … Sie kennen das ja, siehe nur zuletzt Münchens Bewerbung für die Winterspiele.
    Oh man, der Wähler wollte eben diese Spiele nicht.
    Also: Obama ist das was er immer war.
    Die Hoffnungen haben sich halt nicht erfüllt.
    Und nach 2 Perioden geht eh jeder amerikanische Präsident.
    MfG
    WH

  5. Auch Staaten sind oft lange in der Pubertät und müssen erwachsen werden. Also Idealisierungen und trotziges Dagegensein aufgeben, um zu einem selbständigen, selbstverantwortlichen Handeln zu kommen. Das hat aber weniger mit den Regierenden zu tun, jedes Volk hat die Regierung, die es verdient und deshalb auch wählt. Sondern mit dem Bewusstseinsgrad und der politischen Bildung der Einwohner.
    Wenn Menschen glauben wie in Griechenland, Frankreich oder den USA, dass der Staat (!) mehr ausgeben kann als die Bürger erwirtschaften, sind das eben pubertäre Vorstellungen. Da sind wir in Deutschland ein großes Stück weiter, vielleicht auch der deutschen Mentalität („Spare, spare …“) etwas geschuldet. Dafür sind wir auf anderen Gebieten naiv. Jüngster Kinderglaube: ein Anti-Spy-Abkommen, an das sich alle Staaten halten sollen.

  6. Danke für diesen schönen und auch persönlichen Artikel!
    Auch ich habe in Obama als Person große Hoffnungen gesetzt und ihn idealisiert.
    Dass die USA als Staat so hochgelobt und andererseits gefürchtet werden, war mir dagegen nie ganz einleuchtend. Aber das hat vielleicht mit meiner Herkunft zu tun (Ostdeutschland) – da gab es einen anderen großen Bruder, von dem es sich abzulösen galt – damals vor 25 Jahren.

    Und wirklich, der politische Prozess jetzt erinnert mich stark an den persönlichen Prozess mit meinem älteren Bruder. Da gab es eine Zeit, in der es darum ging die Idealisierung aufzugeben, mehr Rechte zu bekommen aber vor allem auch: Selbst mehr Verantwortung zu übernehmen.

    Ich bin gespannt wie uns (Deutschland) dieser Schritt gelingt. Von der Regierung her sieht es ja im Augenblick so aus, als würden wir immer noch nicht zu unserem Erwachsensein, zu unserer Macht und zu unserem Einfluss stehen.
    Wir werden sehen…

  7. Thomas sagt

    Der Staat hat in ähnlicher Form zu funktionieren, wie ein Unternehmen. Damit meine ich, die Leistung ist nach der Zielerfüllung zu beurteilen, kurzfristig, mittelfristig und langfristig. Und die Aktionäre – das Volk – als Kontrollorgan entscheidet ob der Geschäftführer seinen Job gut gemacht hat oder nicht.

    Wir lassen uns durch Worte (leere Worthülsen) zu sehr emotionaliseren und verlieren die sachliche und »objektive« Haltung zu vielen Themen.

    PS: Wer ihn noch nicht kennt, empfehle ich den politischen Kabaretisten Volker Pispers, der die Situation in Deutschland und auf der ganzen Welt treffend auf den Punkt bringt.

  8. Da will ich doch eine Kleinigkeit richtigstellen:
    „Die Amerikaner neigen ja in der Mehrzahl dazu, sich Präsidenten zu wählen, die man verehren kann – um sie dann oft nach ein oder zwei Wahlperioden in die Wüste zu schicken.“
    Das liegt insofern in der Natur der Sache, dass US-Präsidenten nur zweimal wählbar sind (Ausnahme: Teddy Roosevelt im 2. Weltkrieg).

    Doch mit dem Rest gehe ich absolut mit. Obama hat mich enttäuscht – vor allem im Hinblick auf das amerikanische Volk. Viele Europäer haben ja die irrige Ansicht, ein US-Präsident sei a priori „für Europa“. Ist er mitnichten.
    Da hat es mich auch sehr gewundert, wie man Herrn Obama auf Vorrat einen Friedensnobelpreis verleiht (grosse Klappe ist eben alles) und ebendieser Preisträger hatte die Absicht, in Syrien einzufallen und einen weiteren Krieg vom Zaun zu brechen, der ebensowenig zu gewinnen wäre wie Afghanistan, Vietnam, Irak… Dafür könnte Obama mit dem Geld, dass diese Konflikte verschlingen,die marode Infrastruktur im eigenen Land auf Vordermann bringen und dabei auf Jahre Arbeitsplätze schaffen und erst noch seine Untertanen völlig kostenlos mit einer Krankenversicherung beglücken.

    Obs der terminator als Präsident besser gemacht hätte (leider ist er ja nicht wählbar, weil nicht nativer Ami) – who knows?

    Darum klatschen wir nochmals freudig mit Barack in die Hände und stimmen noch einmal ein in seinen Wahl-Slogan: „Yes – wie scan…“

  9. Ja, ich bin auch von Obama ziemlich enttäuscht. Wobei ich immer noch davon ausgehe, dass er persönlich gute Absichten hat. Aber das amerikanische System ist vollkommen runtergekommen.

    Konnte man sich vor Jahrzehnten noch einigermaßen darauf verlassen, dass die USA für Freiheit und Gerechtigkeit kämpften, so finden sie heute Folter ok und verhalten sich teilweise wie ein totalitäres System.

    Das Schlimmste ist: die USA erkennen nicht, dass sie sich immer tiefer in den Sumpf begeben. Mit jedem Taliban, den sie mit einer Drohne töten, machen sie sich 10 neue Feinde. Und mit der NSA-Spionage legen sie sich auch noch mit den engsten Freunden an. Die USA brauchen nicht weniger als einen Neustart. Ich fürchte, die Nummer ist unter den jetzigen Umständen auch für einen Präsidenten zu groß.

  10. Das Thema Obama und die Kommentare hier beschäftigen mich tief,nachhaltig und schon länger. Die Gründe für Idealisierungen haben Sie ja hier genannt und die setze ich als bekannt voraus.
    @ F. Schwarz-Schilling. Ja, ich finde, er braucht unsere Unterstützung JETZT – und überhaupt. Und er braucht sie, weil er viele Dinge – gegen völlig maßlose und sich selbst Null reflektierende Gegner, die eh schon 4 Trümpfe in der Hand halten – durchgesetzt hat. Das kostet Kraft. Er ist eben auch „nur“ ein Mensch. Und er ist kein Heiliger. Wer sich dafür hält, mag den ersten Stein werfen. Zumindest ist er einsichts-fähig und einsichtswillig, diese Fähigkeit spreche anderen „Staatsoberhäupten“ oder die es werden wollen, schlichtweg ab. Und gegen Dummheit kämpfen lt. Goethe Götter selbst vergebens und ICH habe vor dummen Menschen mit Macht Angst. Angst.

    Obama mag einen gravierden Fehler gemacht haben. Ihn nun gänzlich dafür abzustrafen, ihm gänzlich das Vertrauen zu entziehen, alles anderes zu vergessen, was er bewirkt hat, wofür er AUCH steht, das finde ich ebenso unwürdig, wie das, was er getan hat: Die Privatsphäre der Menschen zu verletzen.

    Denn mit Menschenwürde hat das für mich auch zu tun. Und die ist lt. Aufklärung und Kant UNBEDINGT, hängt wede – anders als die „bedingte“ Menschwürde, die von Amt, oder Alter etc. abhängt- von nichts und niemandem ab, steht jedem in gleicher Weise, zu gleichen Teilen zu.
    Auch Obama.
    Was die „bedingte“ Würde angeht, die eben z.B.von Amt und Würden abhängt, da hat er sicher gefehlt. Denn gerade dieses Amt verpflichtet ihn in besonderer Weise, dafür zu sorgen, dass ALLE Menschen in Würde leben können, die Rechte der Menschen NICHT verletzt werden. Ob ihm diese spezielle Würde, die er qua Amt innehat, noch in VOLLEM Umfang zusteht, ich wage keine Bewertung.

    Wie immer sind die Dinge, die Medien so gerne einfach und eindimensional darstellen, komplexer als gedacht; viele wollen diese einfachen schwarz-weiß Lösungen/Bewertungen: Der ist gut, der ist böse. Feddich.
    SO einfach sollten wir es uns, will ICH es mir jedenfalls nicht machen.

    @RKW – Wir sollten uns erinnern, WAS er anderes AUCH getan hat. Wir sollten, auch wenn es sich irgendwie komisch anfühlt, das hier öffentlich zu schreiben, verzeihen, wenn jemand bereut. Wir sollten Freunden, die uns enttäuscht, verraten haben, es nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Wo wäre da noch der moralische Unterschied? Wir sollten Vorschuss an Vertrauen geben. Nicht naiv. Nicht alles ausblendend, was uns (am andern) nicht gefällt,nein, natürlich nicht.

    Wir sollten Freunde fragen: Hey, why did you do so? Do you need any help?

    „Du bist ja völlig naiv! So geht Politik nicht!“ O-Ton von (politisch viel gebildeteren) FreundenInnen gestern Abend. Ja, mag sein. Dann oute ich mich hier eben auch als Naive.

    Meine Vision ist aber immer noch, dass das Yes, WE can! sich auch darauf bezieht, Präsidenten zu unterstützen, die mal mit der gleichen – vielleicht auch (zu) naiven ?- Vorstellung von Weltverbesserung losgezogen sind. Und dazu auch schon beigetragen haben.

    Ein schönes Wochenende.
    Maria Ast

  11. Aber wie sollen wir denn die USA noch unterstützen?
    All unsere Daten haben wir ihnen schon gegeben, finanziell müssen wir erst noch Europa retten, bevor wir uns um das Staatsdefizit der USA kümmern. Und mehr BMWs, Mercedes und Porsches können wir einfach nicht liefern.

  12. Obama braucht Unterstützung JETZT. Den innenpolitischen Kampf, den er führt, ist existentiell für Amerika und auch für die Welt.
    Die NSA Affäre ist sicherlich nicht schön, dennoch ist auch dies ein Erbe der Bush-Administration und das alles ihm in die Schuhe zu schieben ist recht naiv. Kaum einer hat offensichtlich verstanden wie sehr Obama bekämpft wird, von den Republikanern und auch von vielen anderen Entscheidungsträgern im Land.
    Es offenbart sich geradezu ein Hass auf alles, was er versucht zu ändern. Darüber sollten wir besorgt sein – in Deutschland.

  13. Die – subtile – Macht bestimmter Worte, die bestimmte Gefühle triggern, kennen wir doch zur Genüge aus der Werbung.
    Sich dessen BEWUSST zu sein, dass selbst MINI-Worte, wie Glück oder Erfolg oder Zuversicht, Ergebnisse positiv oder negativ beeinflussen können,weil sie unsere Gefühle und unsere Bewertungen beeinflussen, ist in vielen Untersuchen belegt.

    Vielleicht sollten wir – statt Bücher oder Blogartikel – manche Worte als „verbrannte“ Worte brandmarken – und neue suchen, die weniger Altlasten mit sich tragen.
    Vielleicht zählt das Wort „president“ bald dazu.
    Der „Führer“ z.B., lässt sich OHNE alles, was wir sofort damit verbinden, nicht mehr locker-luftig verwenden. Auch dafür haben wir andere Begrifflichkeiten gefunden.

    Vielleicht macht es doch Sinn, ein NEUES, unverbrauchtes Wort/Bezeichnung für die „Führungskraft“ oder Führungsriege eines Landes zu suchen. Menschendiener, des Volkes-Kümmerer…. was weiß ich.
    Das ließe sich mit neuen, anderen Werten füllen, die einem anderen Welt- und Führungsbild eher entsprächen.

    Feiertägliche Grüße

  14. Stimmt schon, Sybille. Aber ich kann mich ja nicht um alles kümmern. Viele Dinge muss ich delegieren, zum Beispiel den Weg aus der Eurokrise, die Energiewende. Und dazu muss ich Menschen wählen, denen ich vertrauen kann. Vertrauen, aber nicht idealisieren.
    Zum (Un)Glück gab es in den letzten hundert Jahren nur einen Heilsbringer, dessen Vision vom Vierten Reich wir alle teuer bezahlen mussten. Alle Führer danach eigneten sich zum Glück nicht zum Vergöttern.

  15. Sybille sagt

    Eine ganz wichtige Aufgabe für uns heute ist es, die Idealisierungen bestimmter Personen oder Ideen durch Eigenverantwortlichkeit zu ersetzen. Ich kann nicht mehr alles auf den Übervater oder großen Bruder abwälzen und mich dabei sicher fühlen. Diese Eigenverantwortung braucht vor allem Mut und die Auseinandersetzung mit sich und seinen ganz eigenen Werten. Wie ich finde, ein entscheidender Schritt in unserer gesamten Entwicklung.

  16. „quod in coelis sol hoc in terra caesar est“ – „Was im Himmel die Sonne, ist auf Erden der“ Präsident.
    Obama ist angetreten gegen das Washigtoner Establishment, ich habe seine Sätze noch im Ohr, in keiner seiner Wahlkampfreden und insbesondere in der Auseinandersetzung mit Hillary Clinton wiederholte er diesen Anspruch wie ein Mantra – glauben wollte ich ihm das schon damals nicht.
    Ich stelle mir vor Albrecht Dürer hätte für Obama seinen Triumpfwagen illustriert.
    „Der Kaiser „-(Präsident)- „sitzt in einem von zwölf Pferden gezogenen Wagen und wird von Personifikationen seiner Tugenden umgeben. „Magnificentia“ (Großmut), „Dignitas“ (Würde), „Honor“ (Ehre) und „Gloria“ (Ruhm) stehen auf den Rädern des Wagens, „Ratio“ (Verstand) lenkt das Gefährt und jedem Pferd wird eine weitere Eigenschaft zugegeben wie „Velocitas“ (Schnelligkeit) und „Moderatio“ (das rechte Maß).(..)Während „Velocitas“ das Pferd anzutreiben scheint, hält es „Moderatio“ am Zügel zurück. Der Kaiser selbst wird von den vier Kardinaltugenden umringt, über seinem Kopf erscheint der Schriftzug „quod in coelis sol hoc in terra caesar est“ – „Was im Himmel die Sonne, ist auf Erden der Kaiser“/ der Präsident.

  17. Natürlich prägen Metaphern stark die Wahrnehmung, die Interpretation eines Ereignisses und die daraus folgenden Gefühle und Handlungen.
    Wie in dem allseits bekannten „Krise=Chance oder Gefahr“ oder ob ich einen Fehler als Beweis meiner Unfähigkeit deute oder als Zeichen, dass es so nicht geht.

    Ob es viel bringen würde, wenn wir zu MUTTERland schwenken, ich bin skeptisch. Schließlich haben wir ja schon „Mutter Erde“, die wir auch nicht sonderlich freundlich behandeln.
    Danke für Ihren Kommentar.

  18. Wie immner ein erhellender Beitrag in die eigenen Gründe/Ab-Gründe, die uns Menschen und Dinge wahrnehmen – und be- oder abwerten lassen.
    Es ist die psychologische „Brille“. Mich würde noch interessieren: Welche Sichtweisen z.B. Soziologen, Philosophen und gar Sprachforscher dazu haben.

    Ich lese zur Zeit ein spannendes Buch (das ich letztes Jahr in Washington erworben habe), mit dem Titel: „I IS AN OTHER„, James Geary. Der Untertitel: The secret life of metaphor and how it shapes the way we see the world“. Es geht darum, wie sehr wir Welt, Menschen über Begriffe/Bezeichnungen wahrnehmen. Z.B. sagen wir Vaterland – und sofort haben wir eine Assoziation und Erwartungen dazu.

    In anderen Sprachen heißt das MOTHER-Land. Und dass wir mit Bezeichnungen die Wahrnehmung ganzer Völker mitprägen, beeinflussen und auch ändern können. Ein total spannender Ansatz, den ich im „kleinen“ schon permanent bei meinen KundenInnen/Teams anwende und mal in einem Blogartikel vorgestellt habe.
    Sah grad,dass ich als Beispiel sogar das Wort VATER genommen hatte.

    Was wäre, wenn wir MUTTERland zu unserem Vaterland sagen würden? Hätten wir dann andere Erwartungen? Würde Frau Merkel die dann erfüllen?

    Danke für den spannenden und zum Nachdenken anregenden Artikel!
    Herzliche Grüße

  19. Moritz Beck sagt

    Eine ganz interessante Sichtweise auf die frühere Begeisterung für den amerikanischen Präsidenten. Oder auf andere Führungsfiguren.

  20. Barack Obama und unsere Ernüchterung, wie sehr er uns vera….t hat, weil wir einfach zur Idealisierung neigen. Großartiger Artikel (wie immer)!

  21. Samuel Spik sagt

    Ernüchternd und zugleich wunderbar definiert 🙂

  22. Asiye-Selin Ince sagt

    Ich finde es gut, das Sie den früheren Beitrag nicht gelöscht haben und das Ganze aus neuer Sicht betrachten … die Türkei ist auch im Wandel. Mit diesem Blog kann man das alles mit einer neuen Perspektive überdenken – Danke.

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