Quälen Sie sich auch mit falschen Schuldgefühlen?

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Persönlichkeit / Psychologie
Warum fügt sich dieser Flagellant mit einer Peitsche selbst Schmerzen zu?

Warum fügt sich dieser Flagellant mit einer Peitsche selbst Schmerzen zu?

Schuldgefühle können einem das Leben ziemlich trüben. Wie eine schwere Last drücken sie uns nieder und vergällen einem jedes positive Gefühl. Sogar dann,  wenn man rational weiß, dass man eigentlich nichts Schlimmes gemacht hat aber wegen einer Sache trotzdem sich schuldig fühlt. Wie kommt es zu „falschen“ Schuldgefühlen?
Und vor allem, was kann man dagegen tun?

Wie entstehen Schuldgefühle?

Schuldgefühle entstehen primär, wenn jemand Werte oder Normen  einer Gemeinschaft verletzt, der er angehört. Insofern haben Schuldgefühle auch eine wichtige soziale Funktion, die einem vermitteln, was man tun darf und was nicht, um nicht aus der jeweiligen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Normen sind vor allem dann wirksam, wenn sie von einem Menschen soweit verinnerlicht wurden, dass er sie einhält, auch wenn sie niemand kontrolliert. Wer nachts um drei auf einer menschenleeren  Kreuzung an der roten Ampel hält, weiß, was ich meine. Über Gefühle wie Reue, Angst, Gewissensbisse oder ein schlechtes Gewissen spürt man dann, dass man etwas nicht tun sollte.

Nun gibt es nicht nur soziale Normen sondern auch persönliche Werte. Wie oft man mit seinen Freunden Kontakt hält oder die Eltern besucht, kann dabei eine Rolle spielen. Aber auch wie penibel genau die Wohnung aufgeräumt ist oder ob man die Aufforderung, für den Gemeinderat sich aufstellen zu lassen, nachkommt oder nicht, reflektiert persönliche Werte.

Die Entwicklung des moralischen Gewissens beginnt vermutlich in der Kindheit. Oder ist „gutes“ Verhalten angeboren? Schauen Sie mal dieses Video mit Babys, die neun (!) Monate alt sind:

httpv://www.youtube.com/watch?v=PnErC-JE8kU

Übrigens: auch Affen haben ein Gefühl für Fairness. Und können total ausflippen, wenn es bei der Futterverteilung ungerecht zugeht, wie diese berühmte Studie zeigt.

Normen werden zum einen durch die jeweilige Gesellschaft vermittelt bzw. deren „Vertreter“, in diesem Fall die Eltern. Dabei spielt auch die Religion eine wichtige Rolle. Wer schon früh mit dem Bild eines strafenden Gottes aufwächst („Gott sieht auch, wenn Du auf dem Klo in der Nase popelst.“) hat gute Chancen, auch als Erwachsener, überbrav und gewissenhaft sich zu verhalten.

Der Psychoanalytiker Tilman Moser hat vor vielen Jahren das Buch „Gottesvergiftung“ über seine eigene religiöse Erziehung geschrieben und wie lange er gebraucht hat, sich davon zu befreien.

Was sind falsche Schuldgefühle?

Schuldgefühle sind dann angemessen, wenn jemand tatsächlich etwas getan hat, was den jeweils gültigen Normen widerspricht. Diese Normen sind nun nicht allgemeingültig, sondern hängen von der jeweiligen Kultur ab. Ein Ehrenmord ist in bestimmten Kulturen fast eine Pflicht, hierzulande  wird eine solche Tat als Mord geahndet.

Oft beobachten wir ja auch das Fehlen von angemessenen Schuldgefühlen. Meist nennen wir solche Menschen Narzissten, Egoisten, schelten sie gewissenlos oder enthemmt.

Seit kurzem gibt es auch eine Maßeinheit für das Fehlen von eigentlich angebrachten Schuldgefühlen: Es ist die nach oben offene Guttenberg-Skala.

Um falsche – also unangemessene – Schuldgefühle – handelt es sich, wenn jemand bei rationaler Betrachtung an einer Situation gar nicht schuldhaft beteiligt ist. Leider hilft diese Einsicht demjenigen kaum. Die vermeintliche „Schuld“ ist so verinnerlicht und muss „abgearbeitet“ werden.

Erkennbar sind solche falschen Schuldgefühle an

  • Endlose Grübeleien
    wie man etwas hätte vermeiden können, obwohl man verstandesmäßig weiß, dass es nicht in der eigenen Hand lag. Hier können frühe elterliche Botschaften eine negative Rolle spielen. Mancher hörte als Kind von seiner Mutter: „Als du auf die Welt kamst, war Schluss mit meiner beruflichen Karriere.“ Oder hatte die Phantasie, dass seine schlechten Noten für die Streitereien und die folgende Scheidung der Eltern verantwortlich ist.
  • Strenge Normen
    Viele Perfektionisten fühlen sich übermäßig schuldig, wenn sie mal einen Fehler machen würden und suchen dies durch viele Kontrolldurchgänge zu vermeiden.
  • Viele Selbstvorwürfe
    „Das ist mal wieder typisch für mich“, ist das Mantra der Übergewissenhaften, wenn ihnen ein kleines Mißgeschick passiert ist. Ein anderer geht vielleicht mit dem Spruch „Passiert ist passiert“ darüber hinweg, wo ein anderer sich tagelang Vorwürfe macht und viele Beispiele aus der Vergangenheit ausgräbt, wo er genauso „schludrig“, „verantwortungslos“ oder „faul“ gehandelt hat.
  • Sinnlose Zwangshandlungen
    Wer zehnmal nachschauen muss, ob er wirklich den Herd ausgeschaltet hat oder alle halbe Stunde seine Hände waschen muss, weiß, dass sein Problem nicht Vergesslichkeit oder mangelnde Reinlichkeit ist.
    Es ist eine Art magisches Denken, durch das derjenige sich kurzfristig besser fühlt. Beziehungsweise, er würde sich schlechter fühlen, wenn er das zwanghafte Handeln unterließe. Auch abergläubische Rituale wie sie manche Sportler und Nicht-Sportler pflegen, gehören hierher, werden aber meist nicht so quälend erlebt.

Klar ist, dass falsche, unangemessene Schuldgefühle einem nicht nur die gegenwärtige Stimmung, mitunter auch eine längere Zeit, wenn nicht ein ganzes Leben trüben und beschweren können. Viele Menschen, die depressiv sind, schwärmerische Idealisten oder unsichere, überangepasste Menschen martern sich mit solchen Gedanken und sind für alternative Interpretationsmöglichkeiten selten offen.

Warum machen Menschen so etwas?

Aus meiner Erfahrung mit vielen Menschen über die Jahre sehe ich vor allem vier Gründe.

  1. Hinter Schuldgefühlen stecken oft verdrängte Aggressionen.
    Traut sich derjenige, seinen – vielleicht berechtigten – Ärger auf jemanden nicht auszudrücken, richten manche Menschen diese Aggressionen gegen sich selbst.
    Denn nicht ausgedrückte Wut verschwindet nicht einfach. Sie sucht sich ein Ventil. Manchmal in psychosomatischen Beschwerden. Oder eben in Selbstanklagen und Abwertungen der eigenen Person.
    Hierzu gehört auch die Identifikation mit dem Aggressor. Befindet sich jemand in der Gewalt eines anderen, passiert es nicht selten, dass sich das Opfer mit dem Täter solidarisiert und ihn grenzenlos idealisiert (Stockholm-Syndrom). Dies geschihet auch oft bei Gewaltanwendungen wie sexuellem Missbrauch.
  2. Selbstbestrafung lindert Schuldgefühle.
    In vielen Religionen spielt die Verbindung von Schuld und schmerzhafter Sühne eine wichtige Rolle. Das wiederholte Beten eines Rosenkranzes ist da noch eine milde Form. Die Selbstgeißelung der Flagellanten zeigt am deutlichsten die Funktion von selbst zugefügten Schmerzen. Dass dies kein religiöser Wahn ist, sondern generell bei Menschen erleichternd wirkt, zeigt eine interessante Studie.
  3. Falsche Schuldgefühle sind eine Art Ausgleich.
    Welche starke Kraft unbewusste Loyalitätskonflikte haben können, habe ich in diesem Artikel beschrieben. In meiner Praxis und meinen Persönlichkeitsseminaren taucht diese Dynamik häufig auf:
    – Ein begabter IT-Entwickler sabotiert unbewusst seine berufliche Karriere, weil er seinem Vater, der zweimal Bankrott machte, nicht übertreffen will.
    – Eine Examenskandidatin entwickelt heftige, unverständliche Prüfungsängste. Heraus kommt, dass sie befürchtet, wenn sie das Studium erfolgreich abschließt, ihre allein lebende Mutter „verlassen“ müsste.
  4. Falsche Schuldgefühle nähren Kontrollillusionen.
    Schon Kinder entdecken in Situationen, in denen sie sich hilflos oder abhängig erleben, die Macht magischen Denkens: „Wenn ich beim Schulweg auf keine Pflasterritze trete, kriege ich in der Arbeit keine Sechs.“ Falsche Schuldgefühle können als eine Art magischen Denkens verstanden werden. Wer sich im Büro aufopfert, weil er glaubt, dass sonst alles zusammenbricht, zimmert sich damit auch seinen persönlichen Mythos der Unersetzlichkeit.

Was tun gegen falsche Schuldgefühle?

Sie können solchen inneren Konflikten und Verstrickungen selbst auf die Spur kommen, indem Sie sich einen ruhigen Raum suchen, in dem Sie für eine Weile nicht gestört werden. Setzen Sie sich hin, schließen Sie die Augen und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen (oder lesen Sie vorher meinen Beitrag über Achtsamkeit).

Und dann sagen Sie – als Experiment – laut vor sich hin einen oder mehrere dieser Sätze:

  • “Es war nicht meine Schuld.”
  • “Ich konnte nichts dafür.”
  • “Ich darf anders leben (anders sein) als mein Vater/meine Mutter.“
  • “Ich darf meine Wut zeigen.”
  • “Ich habe lange genug gebüßt.”
  • „Ich habe etwas Besseres verdient.“
  • „Es ist völlig in Ordnung, nein zu sagen.“

Ihre Reaktionen können heftig sein. Das ist gut, denn dann wissen Sie, dass Sie einem wichtigen inneren Konflikt auf der Spur sind. Besprechen Sie Ihre Erfahrungen mit einem Menschen Ihres Vertrauens. Oder schreiben Sie es auf.

Oder waschen Sie Ihre Hände. Ganz im Ernst. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Händewaschen auch das Gewissen reinigen kann.

Und wenn Sie jetzt ein bisschen verwirrt sind, welche Ihre Schuldgefühle „richtig“ oder „unangemessen“ sind, geht es Ihnen vielleicht wie dem Mönch in dieser Zen-Geschichte:

Ein leidenschaftlicher Schachspieler war, als er anfing nach Befreiung zu suchen, jedes Mal, wenn er eine Partie Schach verloren hatte, der Meinung, versagt zu haben. Nachdem er zwei Jahre bei einem berühmten Rabbi in die Lehre gegangen war, dachte er, er hätte versagt, wenn er gewonnen hatte.

Daraufhin wurde er drei Jahre lang Schüler eines Sufi-Weisen und lernte, daß er, wenn er verlor, sich aber wegen des Verlierens gut fühlte, versagt hatte. Immer noch nicht zufrieden, ging er vier Jahre lang in den Himalaya und lernte von einem großen Yogi, daß er, wenn er gewann, sich aber deshalb schuldig fühlte, versagt hatte.

Schließlich und endlich traf er auf einen Zen-Meister. Und was passierte innerhalb weniger Wochen?

Er lernte endlich, wie man die Bauern richtig einsetzt!

kommentar Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

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Foto: © – Flickr.com, privat

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Schweizer,Sabine sagt

    Hallöchen,habe Ihren Beitrag soeben gelesen und habe mich köstlich dabei amüsiert. Alles könnte auch ich geschrieben haben!!! Man(n)spricht mir aus der Seele!Ja, wirklich!!!
    Sie machen mir Mut etwas in meinem Leben zu ändern (meine Diagn:ICD10 60.31)
    Vielen Dank
    LG S.Schweizer

  2. Hallo Herr Hinkel,
    der Auszug des Kapitels von D.Chopras ist ja wirklich eine „Anleitung zum Unglücklichsein“, wie sie ja auch schon Paul Watzlawick erfolgreich verfasst hat.

    Das Fatale daran ist, dass wenn man so handelt, es eben einem nicht bewusst ist. Man braucht einen gehörigen Abstand, um sichdavon lösen zu können. Ihr Beispiel mit dem Spielen mit Kindern ist ein guter Weg.

  3. schwerer wiegt ganz klar, was jemand selbst angestellt hat.
    Und dass dieses Thema immer akut ist, liegt auch auf der Hand.
    Tausende Unfälle mit Fahrerflucht und viele dabei, wo ein Mensch am Straßenrand liegen bleibt. Wer fragt sich da nicht mal, wie man überhaupt damit leben kann.

    Der Artikel arbeitet wunderbar das Kreisen vieler um das Problem und das Festhalten desselben. Gut finde ich die Hilfen, die gegeben werden, berechtigte, also echte und unberechtigte, also falsche Schuldgefühle auseinander zu halten und entsprechend zu bearbeiten. Und genau das muß ja sein…
    Der Artikel hier erinnerte mich an ein Kapitel von D.Chopras Buch der Geheimnisse, wo rund um das Thema `wie man ein Problem erzeugt und es erhält´ ähnlich wie hier gezielt gearbeitet wird:
    ———————–
    – Ignorieren der Tatsachen
    – Negative Wahrnehmung
    – Verstärken der negativen Wahrnehmung durch zwanghaftes Denken
    – Sich im Schmerz verlieren, ohne nach einem Ausweg zu suchen
    – Sich mit anderen vergleichen
    – Zementieren von Leid mithilfe von Beziehungen
    S. 99
    (das ist quasi wie eine Anleitung zum Leiden. Und das wird dann fortgeführt durch)
    – Nicht wissen, was wirklich ist
    – Am Unwirklichen anhaften
    – Sich vor dem Unwirklichen fürchten und davor zurückschrecken
    – Sich mit einem imaginären Selbst identifizieren
    – Furcht vor dem Tod
    S. 109
    ———————–
    Lösungen gibt es so natürlich nicht. Meistens muss diese von außen kommen. Bei meinen eigenen Therapieerfahrungen forschte der Dr. stetig nach irgendwelchen Schuldgefühlen…

    Beim Kreisen in den o.g. Mechanismen, und in der Vertraktheit, wie sie im Artikel hier erläutert wird, kommt gar nichts bei raus. Das ist wie ein Bäcker, der jeden Keks halb in dunkle Schokolade taucht.
    In einer kleinen Anekdote, die ich heute im Blog getippt habe, setzt sich der `Retter´ einfach mit seiner Flöte an einen Waldrand. Persönlich habe ich unzählige Male erlebt, dass sich die verstricktesten Probleme wie von selbst lösen, wenn ich was Tolles mit Kindern unternehme und alles andere vergesse.

  4. „Schauen Sie mal dieses Video mit Babys, die neun (!) Monate alt sind:“

    Man sieht dabei ganz eindeutig, dass diese Babys quadratische blaue Gesichter viel lieber mögen als dreieckige gelbe. 🙂

    „Seit kurzem gibt es auch eine Maßeinheit für das Fehlen von eigentlich angebrachten Schuldgefühlen: Es ist die nach oben offene Guttenberg-Skala.“ :-)))

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