Was bedeutet Loyalität in Beziehungen und der Familie?

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Methoden / Psychologie
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Bild: Marcelo Chagas

M enschen drücken ihre Verbundenheit durch Treue und Loyalität aus. Meist ist diese Treue freiwillig,  sie ist zwar belastbar, hat aber auch ihre Grenzen.

Doch innerhalb der Familie gibt es auch unsichtbare Bindungen, die nicht freiwillig sind, sondern unbewusst, und mitunter ein schweres Schicksal nach sich ziehen können.

Treue hat viele Gesichter.

  • Fußballanhänger sind ihrem Verein treu, auch  wenn er schlecht spielt oder absteigt. Loyale Kunden sind ihrer Marke treu, auch wenn das neue Produkt Mängel zeigt oder es das gleiche bei der Konkurrenz günstiger gibt.
  • Als ich vor vielen Jahren für ein Vertriebstraining Kunden von ALFA ROMEO fragte, wie sie mit den häufigen Mängeln ihres Autos umgehen, hörte ich immer wieder: „Ja, das ist ärgerlich – aber es ist eben ein Alfa!“
  • Ein Paar, das vor den Altar tritt, verspricht sich meist die gegenseitige Treue, in guten wie in schlechten Tagen.
  • Gemeinschaften, vor allem zwischen Männern versprechen sich „Einer für alle. Alle für einen.“
  • Mitarbeiter zeigen Ihrem Vorgesetzten oder dem Unternehmen ihre Loyalität, indem sie schwierige Entscheidungen mittragen.
  • Rekruten der Bundeswehr legen feierlich ein Treuegelöbnis ab und riskieren im Einsatz mitunter ihre Gesundheit oder gar das Leben für ihr Vaterland.

Treue oder Loyalität bezeichnen also die innere Verbundenheit  gegenüber einer Sache oder Idee, meist jedoch gegenüber einem Menschen  oder einer Gruppe bzw. Gemeinschaft.

Was bedeutet Loyalität zwischen Eltern und Kindern?

In den legendären Vorlesungen von Helm Stierlin über Familientherapiehörte ich 1979 zum ersten Mal etwas von „mehrgenerationaler Familientherapie“ und deren Vertretern Ivan Boszormenyi-Nagy und Geraldine M. Sparks.

Ihr Buch „Unsichtbare Bindungen“ verschlang ich in zwei Tagen und war berührt und fasziniert von dieser ungewöhnlichen Perspektive, wie Familienmitglieder miteinander verbunden und verstrickt sein können – mit den lebenden, aber auch bereits verstorbenen Generationen.

Auf einem Workshop warb Boszormenyi-Nagy für diese damals völlig neue Sichtweise, dass  eine Art familiäres Gewissen in jedem  Familienmitglied wirkt und dafür sorgt, dass die Loyalität zur Familie, vor allem zu den Eltern ein enorm prägendes und stabiles Band  im Leben eines jeden Menschen darstellt.

Es ist das besondere Verdienst Bert Hellingers, diese Dynamiken innerhalb von Familien präzisiert und durch die Methode des Familienstellens für eine breite Öffentlichkeit emotional erfahrbar gemacht zu haben. Ich möchte in diesem Beitrag einige der wesentlichsten Verstrickungen zwischen Kindern und ihren Eltern erklären. Wenn ich hier von Kindern schreibe, meine ich damit fast immer Erwachsene.

Was bedeutet destruktive Loyalität in der Familie?

Hellinger hat vor allem drei häufige Loyalitätsverstrickungen gezeigt:

1. „Ich folge dir nach.“

Die Treue zeigt sich in diesem Fall darin, dass ein Mensch das Schicksal eines Elternteils mittragen will in der Hoffnung, es dadurch leichter zu machen. Konkret kann das so aussehen:

  • „Weil du tot bist, will ich auch nicht leben.“
  • „Weil du keine/n Frau/Mann hast, will ich auch ohne Partner leben.“
    Häufig bei Frauen, wenn die Eltern sich früh trennen und die Mutter alleine bleibt.
  • „Weil du krank bist, will ich auch nicht gesund sein.“
  • „Weil ihr damals alles verloren habt, will ich auch arm bleiben.“
    Oft bei Selbständigen, die trotz bester Fähigkeiten, erfolglos bleiben.

2. „Ich tue es für dich.“

Im ersten Fall zeigt sich die Treue, indem man dasselbe tut. Bei der zweiten Verstrickung, wird versucht, das Schicksal anstelle des anderen zu tragen. In meiner Arbeit in der Praxis oder den Persönlichkeitsseminaren sind das Themen wie:

  • „Ich bin krank, damit du gesund sein kannst.“
    Oft bei chronischen oder psychosomatischen Leiden.
  • „Lieber sterbe ich als du.“
    Eine häufige Dynamik bei Magersucht und Depression.
  • „Lieber opfere ich mich für dich.“
    Häufig bei sexuellem Missbrauch durch den Vater.

3. „Ich büße für dich.“

was bedeutet loyalitätDiese Dynamik zeigt sich vor allem,  wenn sich ein Familienmitglied mit einer Person identifiziert, die aus dem Familienverband ausgeschlossen wurde.  Hier reagiert unbewusst der Mensch nach dem Motto: „Ich mache es wie du.“ Gründe für einen solchen Ausschluss aus der Familie können sein:

  • Scham
    Jemand hat ein uneheliches Kind, ist behindert, homosexuell, alkoholkrank oder hat sich umgebracht.
  • Schuld
    War ein Familienmitglied in den Nationalsozialismus verwickelt? Oder hat jemand in der Familie unrechtmäßig vererbt oder beerbt?
    Hat jemand anderweitig schwere Schuld auf sich geladen?
  • Schmerz
    Häufig bei frühem Tod eines Kindes oder einem tragischen Unfall zu beobachten. Oder wenn ein Kind früh an Pflegeeltern oder Verwandte weggegeben wurde (Adoptionen). Auch Vertreibung aus der Heimat oder Flucht von dort kann eine Rolle spielen. Ebenso tabuisierte Familiengeheimnisse.

Die hier erwähnten Verstrickungen sind natürlich unbewusst und können deshalb von dem Betreffenden nicht benannt oder geändert werden. Oft erlebe ich, dass ein Klient erst durch eine entsprechende Intervention  erkennt, dass er bisher ein Leben führte, als ob er für etwas büßen müsste.

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Was bedeutet Loyalität in einer Systemaufstellung?

Hierbei werden aus der Gruppe Personen ausgewählt, die stellvertretend die Rollen und Positionen der Mitglieder eines Systems repräsentieren: z.B. Mitglieder eines Familien-Systems, eines Firmen-Systems oder einer Paarbeziehung.

Erstaunlicherweise können diese Repräsentanten wahrnehmen, fühlen und mitteilen, was im System der Personen, die sie vertreten, vor sich geht. Unterstützt durch Lösungs-Sätze und -Rituale können so unbewusste Verstrickungen bearbeitet und gelöst werden. Der Klient kann in einem inneren Bild wieder einen guten Platz in der Familie, in seiner Partnerschaft oder seinem beruflichen Feld finden.

Ich weiß, das Ganze klingt ziemlich seltsam und ist schwer erklärbar.  Auch etliche Aussagen von Hellinger speziell in Zusammenhang mit der Nazizeit sind ziemlich seltsam und er ist deshalb auch umstritten. Einige missverständliche Äußerungen mindern meiner Ansicht nicht den Wert des ganzen Werks.

Wer einmal erlebt hat, wie genau wildfremde Menschen während einer Aufstellung die eigenen Gefühle und Konflikte spüren und artikulieren können, ist von der Macht unsichtbarer Bindungen überzeugt. Oder wie Nietzsche es sagte: „Vor der Wirkung glaubt man an andere Ursachen als nach der Wirkung.“

Hier ein sehr bewegender Bericht des WDR über das Familienstellen:

In meinen Persönlichkeitsseminaren und Therapien arbeite ich nicht mit Systemaufstellungen, nutze aber in meinen 3-h-Coachings oft das Wissen über unbewusste Verstrickungen und arbeite mit einer eigenen Methode, die den jeweiligen Konflikt emotional erleben lässt. Hier einige Fallberichte.

 

Was bedeutet Loyalität in Ihrem Leben?

Sie können solchen inneren Konflikten und Verstrickungen selbst auf die Spur kommen, indem Sie sich einen ruhigen Raum suchen, in dem Sie für eine Weile nicht gestört werden. Setzen Sie sich hin, schließen Sie die Augen und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen (oder lesen Sie vorher meinen Beitrag über Achtsamkeit).

Und dann sagen Sie laut vor sich hin einen oder mehrere dieser Sätze:

  • „Mein Leben gehört mir.“
  • „Ich darf gesund und glücklich sein.“
  • „Ich darf anders leben (anders sein) als mein Vater/meine Mutter.“
  • „Es war nicht meine Schuld.“
  • „Ich muss nicht länger büßen.“

Achten Sie genau auf Ihre spontanen inneren Reaktionen in den ersten fünf Sekunden: Körperempfindungen, Gefühle, auftauchende Gedanken. Diese können wertvolle Hinweise geben, wo Sie auf eine ungute Art mit Mitgliedern Ihrer Herkunftsfamilie oder früherer Generationen gebunden sind.

Es ist enorm befreiend – aber auch beängstigend – unbewussten Konflikten auf die Spur zu kommen. Eine Ahnung zu entwickeln, was hinter der Selbstsabotage des eigenen Erfolgs stecken kann. Welche Hintergründe bei Schwierigkeiten mit Autoritäten es gibt. Warum jemand unter mangelnder Führungsstärke oder geringem Selbstwertgefühl leidet. Oder herauszufinden, was hinter dem gestörten Verhältnis zu den Eltern steckt.

Solche inneren Verstrickungen sind menschlich und sehr zahlreich. Verhängnisvoll können sie sein, solange sie unbewusst sind. Hier ein Beispiel von Jacques Villeneuve, Rennfahrer der Formel 1, bei dem man das Muster „Ich folge dir nach“ vermuten kann. Als er ein Kind war, starb sein Vater mit 32 Jahren als Rennfahrer in den Trümmern seines Ferraris. Der Sohn sagt heute im Interview:

Wenn man um die Krone des Motorsports fährt, dann muss man manchmal dieses Gefühl spüren: uuh, das war knapp, was bin ich froh, dass es gereicht hat. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, und du weißt, beinahe wärst du runtergefallen.“ … „Eine körperliche Angst kenne ich nicht. Es gibt Momente, in denen mein Herz richtig stark anfängt zu schlagen und es tief drinnen weh tut. Es ist nicht Angst, aber es ist ein außergewöhnliches Gefühl.“

kommentar Welche Beispiele für unbewusste Loyalitäten kennen Sie?

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Wenn Sie mehr Unterstützung bei Ihrem Problem möchten, lesen Sie meine Fallgeschichten:

Business-Coachings

Life-Coachings

PS: Alle Fallgeschichten sind real, aber so verfremdet, dass ein Rückschluss auf meine Klienten nicht möglich ist und die Vertraulichkeit gewahrt bleibt.

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.