Wozu Menschen aus Treue und Loyalität fähig sind.

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Methoden / Psychologie

Menschen drücken ihre Verbundenheit durch Treue und Loyalität aus. Meist ist diese Treue freiwillig,  sie ist zwar belastbar, hat aber auch ihre Grenzen. Doch innerhalb der Familie gibt es auch unsichtbare Bindungen, die nicht freiwillig sind, sondern unbewusst, und mitunter ein schweres Schicksal nach sich ziehen können.

Treue hat viele Gesichter. Fußballanhänger sind ihrem Verein treu, auch  wenn er schlecht spielt oder absteigt. Loyale Kunden sind ihrer Marke treu, auch wenn das neue Produkt Mängel zeigt oder es das gleiche bei der Konkurrenz günstiger gibt. Als ich vor Jahren für ein Vertriebstraining Kunden von ALFA ROMEO fragte, wie sie mit den häufigen Mängeln ihres Autos umgehen, hörte ich immer wieder: „Ja, das ist ärgerlich – aber es ist eben ein Alfa!“

Ein Paar, das vor den Altar tritt, verspricht sich meist die gegenseitige Treue, in guten wie in schlechten Tagen. Gemeinschaften, vor allem zwischen Männern versprechen sich „Einer für alle, alle für einen.“ Mitarbeiter zeigen Ihrem Vorgesetzten oder dem Unternehmen ihre Loyalität, indem sie schwierige Entscheidungen mittragen. Rekruten der Bundeswehr legen feierlich ein Treuegelöbnis ab und riskieren im Einsatz mitunter ihre Gesundheit oder gar das Leben für ihr Vaterland.

Treue oder Loyalität bezeichnen also die innere Verbundenheit  gegenüber einer Sache oder Idee, meist jedoch gegenüber einem Menschen  oder einer Gruppe bzw. Gemeinschaft.

Eltern und Kinder verbindet eine besondere Loyalität.

In den legendären Vorlesungen von Helm Stierlin über Familientherapie hörte ich 1979 zum ersten Mal etwas von „mehrgenerationaler Familientherapie“ und deren Vertretern Ivan Boszormenyi-Nagy und Geraldine M. Sparks. Ihr Buch „Unsichtbare Bindungen“ verschlang ich in zwei Tagen und war berührt und fasziniert von dieser ungewöhnlichen Perspektive, wie Familienmitglieder miteinander verbunden und verstrickt sein können – mit den lebenden, aber auch bereits verstorbenen Generationen.

Auf einem Workshop warb Boszormenyi-Nagy für diese damals völlig neue Sichtweise, dass  eine Art familiäres Gewissen in jedem  Familienmitglied wirkt und dafür sorgt, dass die Loyalität zur Familie, vor allem zu den Eltern ein enorm prägendes und stabiles Band  im Leben eines jeden Menschen darstellt.

Es ist das besondere Verdienst Bert Hellingers, diese Dynamiken innerhalb von Familien präzisiert und durch die Methode des Familienstellens für eine breite Öffentlichkeit emotional erfahrbar gemacht zu haben. Ich möchte in diesem Beitrag einige der wesentlichsten Verstrickungen zwischen Kindern und ihren Eltern erklären. Wenn ich hier von Kindern schreibe, meine ich damit fast immer Erwachsene.

1. „Ich folge dir nach.“
Die Treue zeigt sich in diesem Fall darin, dass ein Mensch das Schicksal eines Elternteils mittragen will in der Hoffnung, es dadurch leichter zu machen. Konkret kann das so aussehen:

  • „Weil du tot bist, will ich auch nicht leben.“
  • „Weil du keine/n Frau/Mann hast, will ich auch ohne Partner leben.“
    Häufig bei Frauen, wenn die Eltern sich früh trennen und die Mutter alleine bleibt.
  • „Weil du krank bist, will ich auch nicht gesund sein.“
  • „Weil ihr damals alles verloren habt, will ich auch arm bleiben.“
    Oft bei Selbständigen, die trotz bester Fähigkeiten, erfolglos bleiben.

2. „Ich tue es für dich.“
Im ersten Fall zeigt sich die Treue, indem man dasselbe tut. Bei der zweiten Verstrickung, wird versucht, das Schicksal anstelle des anderen zu tragen. In meiner Arbeit in der Praxis oder den Persönlichkeitsseminaren sind das Themen wie:

  • „Ich bin krank, damit du gesund sein kannst.“
    Oft bei chronischen oder psychosomatischen Leiden.
  • „Lieber sterbe ich als du.“
    Eine häufige Dynamik bei Magersucht und Depression.
  • „Lieber opfere ich mich für dich.“
    Häufig bei sexuellem Missbrauch durch den Vater.

3. „Ich büße für dich.“
Diese Dynamik zeigt sich vor allem,  wenn sich ein Familienmitglied mit einer Person identifiziert, die aus dem Familienverband ausgeschlossen wurde.  Hier reagiert unbewusst der Mensch nach dem Motto: „Ich mache es wie du.“ Gründe für einen solchen Ausschluss aus der Familie können sein:

  • Scham
    Jemand hat ein uneheliches Kind, ist behindert, homosexuell, alkoholkrank oder hat sich umgebracht.
  • Schuld
    War ein Familienmitglied in den Nationalsozialismus verwickelt? Oder hat jemand in der Familie unrechtmäßig vererbt oder beerbt?
    Hat jemand anderweitig schwere Schuld auf sich geladen?
  • Schmerz
    Häufig bei frühem Tod eines Kindes oder einem tragischen Unfall zu beobachten. Oder wenn ein Kind früh an Pflegeeltern oder Verwandte weggegeben wurde (Adoptionen). Auch Vertreibung aus der Heimat oder Flucht von dort kann eine Rolle spielen. Ebenso tabuisierte Familiengeheimnisse.

Die hier erwähnten Verstrickungen sind natürlich unbewusst und können deshalb von dem Betreffenden nicht benannt oder geändert werden. Oft erlebe ich, dass ein Klient erst durch eine entsprechende Intervention  erkennt, dass er bisher ein Leben führte, als ob er für etwas büßen müsste.

Wie läuft eine Systemaufstellung ab?

Hierbei werden aus der Gruppe Personen ausgewählt, die stellvertretend die Rollen und Positionen der Mitglieder eines Systems repräsentieren: z.B. Mitglieder eines Familien-Systems, eines Firmen-Systems oder einer Paarbeziehung.

Erstaunlicherweise können diese Repräsentanten wahrnehmen, fühlen und mitteilen, was im System der Personen, die sie vertreten, vor sich geht. Unterstützt durch Lösungs-Sätze und -Rituale können so unbewusste Verstrickungen bearbeitet und gelöst werden. Der Klient kann in einem inneren Bild wieder einen guten Platz in der Familie, in seiner Partnerschaft oder seinem beruflichen Feld finden.

Ich weiß, das Ganze klingt ziemlich seltsam und ist schwer erklärbar.  Auch etliche Aussagen von Hellinger speziell in Zusammenhang mit der Nazizeit sind ziemlich seltsam und er ist deshalb auch umstritten.  Doch  ist das ähnlich wie mit Sarrazins Buch. Einige missverständliche Äußerungen mindern meiner Ansicht nicht den Wert des ganzen Werks.

Wer einmal erlebt hat, wie genau wildfremde Menschen während einer Aufstellung die eigenen Gefühle und Konflikte spüren und artikulieren können, ist von der Macht unsichtbarer Bindungen überzeugt. Oder wie Nietzsche es sagte: „Vor der Wirkung glaubt man an andere Ursachen als nach der Wirkung.“
Hier eine gute Zusammenstellung von Bertold Ulsamer über mögliche Ursachen und Interventionen beim Systemstellen.

Systemaufstellungen sind nicht auf die Familie beschränkt. Hier ein aufschlussreicher Bericht, wie die Methode im Strafvollzug angewendet wird.

In meinen Persönlichkeitsseminaren und Therapien arbeite ich nicht mit Systemaufstellungen, nutze aber das Wissen über unbewusste Verstrickungen und arbeite mit einer eigenen Methode, die den jeweiligen Konflikt emotional erleben lässt.

Sie können solchen inneren Konflikten und Verstrickungen selbst auf die Spur kommen, indem Sie sich einen ruhigen Raum suchen, in dem Sie für eine Weile nicht gestört werden. Setzen Sie sich hin, schließen Sie die Augen und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit nach innen (oder lesen Sie vorher meinen Beitrag über Achtsamkeit).

Und dann sagen Sie laut vor sich hin einen oder mehrere dieser Sätze:

  • „Mein Leben gehört mir.“
  • „Ich darf gesund und glücklich sein.“
  • „Ich darf anders leben (anders sein) als mein Vater/meine Mutter.“
  • „Es war nicht meine Schuld.“
  • „Ich muss nicht länger büßen.“

Achten Sie genau auf Ihre spontanen inneren Reaktionen in den ersten fünf Sekunden: Körperempfindungen, Gefühle, auftauchende Gedanken. Diese können wertvolle Hinweise geben, wo Sie auf eine ungute Art mit Mitgliedern Ihrer Herkunftsfamilie oder früherer Generationen gebunden sind.

Es ist enorm befreiend – aber auch beängstigend – unbewussten Konflikten auf die Spur zu kommen. Eine Ahnung zu entwickeln, was hinter der Selbstsabotage des eigenen Erfolgs stecken kann. Welche Hintergründe bei Schwierigkeiten mit Autoritäten es gibt. Warum jemand unter mangelnder Führungsstärke oder geringem Selbstwertgefühl leidet. Oder herauszufinden, was hinter dem gestörten Verhältnis zu den Eltern steckt.

Solche inneren Verstrickungen sind menschlich und sehr zahlreich. Verhängnisvoll können sie sein, solange sie unbewusst sind. Hier ein Beispiel von Jacques Villeneuve, Rennfahrer der Formel 1, bei dem man das Muster „Ich folge dir nach“ vermuten kann. Als er ein Kind war, starb sein Vater mit 32 Jahren als Rennfahrer in den Trümmern seines Ferraris. Der Sohn sagt heute im Interview:

Wenn man um die Krone des Motorsports fährt, dann muss man manchmal dieses Gefühl spüren: uuh, das war knapp, was bin ich froh, dass es gereicht hat. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge, und du weißt, beinahe wärst du runtergefallen.“ … „Eine körperliche Angst kenne ich nicht. Es gibt Momente, in denen mein Herz richtig stark anfängt zu schlagen und es tief drinnen weh tut. Es ist nicht Angst, aber es ist ein außergewöhnliches Gefühl.“

Diesen Beitrag können Sie sich hier anhören oder herunterladen.

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kommentar Welche Beispiele für unbewusste Loyalitäten kennen Sie?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

27 Kommentare

  1. Hallo Herr Mayer,
    danke für Ihren Kommentar. Vielleicht würde Ihnen eine Familienaufstellung helfen. Dort kann man solche unguten Loyalitäten erkennen und lösen.

  2. Horst Mayer sagt

    Ich bin 75. Zeitweise habe ich das Gefühl, ich bin meinem Großvater ähnlich oder ich habe Ähnlichkeiten von ihm geerbt. Ich kannte ihn nicht, er starb, als ich sechs Jahre war. Er war das schwarze Schaf der Familie, brutal zu seinen Kindern und zu seiner Frau, meiner Oma, die ich ebenfalls nicht kannte, weil sie früh starb. Sie gebar 19 Kinder, sie war praktisch kaputt mit 55. Mein Opa war ein kleiner Nazi, ließ sich gerne mit dem SA-Dolch fotografieren. .

    Ich war lange Zeit Junggeselle, hatte Bindungsängste und keine Kinder. Ich weiß immer noch nicht, warum ich den Sprung zu eigenen Kindern nicht schaffte. Dann mit 40 geheiratet, eine geschiedene Frau mit zwei Kindern, wurde also Stiefvater. Lese ständig Bücher über seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung. Viele Grüße Horst Mayer

  3. Claudia sagt

    Danke für die Antwort.
    Wie gut kennen Sie sich denn mit Aufstellungen aus? Ich habe noch ein paar Fragen zu einer Aufstellung, wo ich als Stellvertreter dabei war.
    Möchte meine Rolle in dieser Aufstellung besser verstehen.

  4. Hallo Claudia,
    denkbar wäre, dass ein unbewusstes eigenes Thema Sie daran gehindert hat oder dass Sie generell Angst vor starken Gefühlen haben. Aber das sind nur Vermutungen.

  5. Claudia sagt

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    ich würde gerne etwas über Aufstellungen erfahren. Und zwar woran kann es liegen, dass man sich an einem Aufstellungstag in keine der 4 Rollen als Stellvertreter einfühlen kann?

  6. Familienaufstellungen zum Thema Kuckuckskind finde ich sehr interessant. Gerne möchte ich mehr dazu erfahren.

  7. Sabs sagt

    Ich habe meinen Freund so lieb,daß ich mein Leben gerne für ihn hergeben würde,wenn es ihm nützen würde.

  8. Hallo Christiane,
    es ist natürlich nicht leicht, sich abzugrenzen, wenn man einerseits so eng mit den jeweiligen Eltern wohnt und vor allem, was sie Kinderbetreuung angeht, sich so abhängig fühlt oder gemacht hat. Eine Tagesmutter würde bezahlt werden. Bei den Eltern oder Schwiegereltern geht das nicht. Man kann nur dankbar sein oder seinerseits etwas zurückgeben.

    Um das hinzukriegen, muss man aber innerlich gut abgelöst zu sein, sonst fühlt man sich leicht zur Dankbarkeit verpflichtet. Ich könnte mir denken, dass die permanente Unzufriedenheit des Mannes und seine Aggression seiner Frau gegenüber damit etwas zu tun hat. Und sein Ausspruch in Bezug auf den Vater geht ja auch in diese Richtung.

    Um daran etwas zu ändern, müsste der Mann sehen, dass er ein Problem hat. Deine Schilderung klingt aber nicht danach.

    Danke für Deine Frage – und schöne Grüße

  9. Christiane Sturm sagt

    Hallo Roland,
    ich hoffe, ich bin auf diesem Blog richtig. Es geht um das Buch „Frauen wollen erwachsene Männer“.
    Ich habe es aufmerksam gelesen und bereits an zwei weitere Personen weiter empfohlen, die es auch mit Begeisterung gelesen haben.

    Nun meine Frage zu Eltern. Um die 40 Jahre, mit drei Kindern. Vater geht Vollzeit arbeiten, die Mutter auf Aushilfsbasis, leben mit den Eltern des Mannes auf dem gleichen Grundstück, aber in getrennten Häusern. Der Mann ist meist sehr unzufrieden, nörgelt an allem herum und ist häufig erniedrigend seiner Frau gegenüber, manchmal auch gegenüber seinen Kindern. Seine Eltern, auf dem gleichen Grundstück, und auch die Eltern der Frau, kümmern sich häufig um die Kinder, wenn beide wegen Arbeit abwesend sind. Beide Eltern, auch die der Frau haben einen Schlüssel zum Haus.

    Wie geht eine klare Abgrenzung, wenn die Eltern der drei Kinder arbeiten gehen? Ich hoffe, du verstehst den Zusammenhang. Ich finde nicht das Abgrenzungsproblem, da ich den Eindruck habe, dass der Mann sich abgelöst hat??? Auch wenn er oft darüber klagt, nicht so werden zu wollen, wie sein Vater.

    liebe Grüße
    Christiane Sturm

  10. J.K. sagt

    Guten morgen,

    ich versuche es immer und immer wieder, doch sobald ich einen gewissen Punkt erreiche macht er zu. Er redet gar nicht.

    Es heisst es ja „gib niemals auf“ und das ist meine Lebenseinstellung, es ist aber so anstrengend auf die Dauer, dass es nicht mehr schön ist.

    Trotz dem vielen Dank für Ihre Antwort..

    LG

  11. Hallo,
    das Problem ist, dass es nicht reicht, dass Sie ein Problem sehen. Ihr Mann muss das einsehen. Erst dann kann man etwas ändern. Was man nicht zugibt, kann man nicht ändern.
    Mein Tipp: Reden Sie offen aber einfühlsam mit Ihrem Mann. Fragen Sie ihn, wie er seine Kindheit erlebt hat. Und ob er sich vorstellen kann, dass das sich auf sein Leben auswirken könne.

    Man lernt oft aus den Fehlern von früher nicht. Weil wir unbewusst die alten Muster wiederholen. Wenn Ihr Mann etwas ändern will, empfehlen Sie ihm eines meiner Persönlichkeitsseminare.

    Danke für Ihren Beitrag.

  12. J.K. sagt

    Ich bin mit einem Mann verheiratet, der sehr früh die Scheidung der Eltern mitbekommen hat. Sein Vater ist ein sehr in sich zurückgezogener Mann gewesen, der sehr sellten zu hause war und wenig Zeit mit den Kindern verbracht hat.. Mein Mann kann sich fast an gar keinen Augenblick erinnern, in dem Er mit dem Vater zusammen gespielt hat.

    Nun erlebe ich Meinen Mann wie er genau das selbe Muster wiederholt und keinen innigen Kontakt zu unseren Kindern aufbauen kann.

    Er hat eine ältere Schwester gehabt und war der kleine Sohn.

    Wir haben auch zwei Kinder in der Die Tochter auch genau zwei Jahre älter ist als ihr kleiner Bruder.

    Ist finde das manchmal sehr rührend, doch ängstlich mich der Gedanke daran, dass mein Mann aus den Fehlern des Vaters nicht gelernt hat 🙁

    Haben sie einen Tipp für mich?

    Ich habe Angst das wir uns auch trennen werden, denn sein Verhalten mir gegenüber ist mittlerweile genau so gefühlskalt wie es der seiner Eltern war….

    LG

  13. Karl Hinkel sagt

    Da hatte ich den Kleinen eine Handvoll Playmobilfiguren weggenommen, auf dem Küchentisch angefangen. Hauptsächlich waren es die Handwerker und Bauern. Einige fielen dauernd um. Manche standen sehr dicht an der Tischkante: “Wir stehen zwar kurz vor dem Abgrund, morgen sind wir einen Schritt weiter.” Einer fiel. “Nicht drauftreten!”, rief ich in die Küche, als ich im Kinderzimmer die Tiere holte. Denen ging es immer gut. Die stellte ich ganz in die Mitte. Ein Zaun war nicht nötig, die blieben. Bei frei Kost und Logis sowie täglichen Streicheleinheiten kein Wunder. Irgendwann gab ich auf, immer sah das kleine Plastikmännlein mit den hochgehobenen Armen, welches mich verkörperte, immer nur die Rücken, Gesäßteile und kalte Schultern. Plastik. Also machte ich Schluss. Alle Figuren passten in eine leere Margarinedose, wieder ab ins Kinderzimmer. Auch die Alten. Aber auch in dem Plastikbecher sind sie noch gut aufgestellt.

    Vor 33 Jahren zeichneten wir im Soziologieunterricht Soziogramme. Kreise, Quadrate, Dreiecke, Strichlinien und Pfeile. Linienarten für Zu- und Abneigung, Symbole für Wohlwollen und Niedertracht. Wie mein Nachbar auch, brauchte ich einen DIN-A3-Bogen. Der teilte seinen Platz auch immer mit einer `Fußballmannschaft´ am Frühstückstisch. Familienaufstellung in der Klausur. Wir beiden führten neue Symbole ein, übernahmen die Verkehrsschilder aus der Führerscheinprüfung: Stop! Langsamer! Gefälle! Einbahnstraße! Sackgasse und Unbefestigter Seitenrand sowie Wildwechsel. Einer warf seine zerknüllte Papierfamilie im hohen Bogen in den Papierkorb. Ein anderer fragte: “Machen wir Schiffeversenken?”
    Dass mir das Stress gemacht hatte, dass da sehr viel Ladung hochkam, dass mir die umfangreichen Kommentare auf der Rückseite des Bogens leichter fielen, als überhaupt noch einen Pfeil oder eine Linie zu zeichnen, ach, glaubt mir das mal. Und mit meiner Lehre als technischer Zeichner vor der Oberschule auf dem 2. Bildungsweg konnte ich mich aufs Schönzeichnen konzentrieren. Schlucken musste ich trotzdem ständig. Ein Frosch, ein Kloß, ein Kalbsstrick um den Hals. Eine Tragödie im Abenteuerdorf hinter den Linien und Kreisen. Und totale Überforderung.

    Im Industriemarketing malten wir Soziogramme in der Akquisitionsplanung. Buying-Center-Analyse. Das ist wichtig, um über die Analyse der Entscheidungsgremien beim Kunden zu organisiertem Verkaufsverhalten zu kommen. Selling-Center-Analyse.
    Schließlich sind die Methoden des Marketing: Analysieren, Strukturieren, Gestalten, Kontrollieren. Ziel ist dabei, die wichtigsten Entscheidungsträger zu finden, die gegenseitigen Beeinflusser, Machtstärke und -Bereiche und vor allem den “Coach”, der mein Angebot promoted. Maßnahmen für den langwierigen Verkaufsprozess sollten ableitbar sein für das multipersonal besetzte Buying Center, in dem man kämpfen, alle hofieren, alle pflegen musste und immer ergebnisorientiert dem Verkaufsabschluss zu.
    Matrixartig konnte man auf mehrfach gefaltetem Briefbogen ganze Funktionsebenen wegklappen. In der zuvor erwähnten Familienaufstellung übernahmen dies Alkohol und Zigaretten. Real Life.

    Einige meiner dienstlichen Soziogramme konnte ich sachlich gezielt mit meinem Kunden (dem Coach in der Gruppe) besprechen. Der X-te dann einfach einige Kreise aus. Dann ging es mir besser. Weniger Fleißarbeit, weniger Spesen, weniger Stress.
    Im Familiensoziogramm versuchte ich das gedanklich auch. Aber die standen tatsächlich immer wieder auf. Stehaufmännchen, wie mit Geheimtinte gemalt. Auch heute noch male ich viele Kreise weit am Papierrand. Ich soll die Tischdecke nicht beschmieren. Aber es geht doch immer weit über die Kante hinaus.

    Den Kleinen habe ich versprochen, die Playmobilfiguren in Ruhe zu lassen. Bei einer klemmt schon das Hüftgelenk. Bei einer anderen Handwerkerfigur springt der Hut 5 Zentimeter hoch, versucht man ihn aufzusetzen. Eine hat einen Handkarren wie im Werbespot. Da klebt ein Kaugummi drin. Andere sind mittlerweile so verkeilt, die bekommt man nur im Schraubstock auseinander. Aber alle passen in eine Margarinedose. Schusselig, hatte gar nicht richtig geprüft, ob die vorher leer war.

    Vom Schreibtisch aus schaue ich auf einen Kölner Hinterhof, woran sich eine Realschule anschließt. Klassenzimmer, Schulhof, Pausenklingel, Kinderlärm, Ferien und ein neues Schuljahr. Gut, dass alles immer neu beginnt. Hoffentlich sitzen die jungen Menschen mit und ohne Migration nicht auch in einem solchen Spinnennetz aus Geheimtinte. Morgens schreien sie laut. “He!, Lass das!, Komm! Weg! Nein! Und gagalalaschischifufublablabumbum.
    Verpennen kann ich dadurch nie. Und ich denke: Das ist gut. Leben. Schreit und lernt und glaubt nicht alles.
    K.H./03.11.10

  14. Wolfgang Maile sagt

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    als Coach und Systemischer Familienberater hat mir die Beschreibung sehr gut gefallen. Es ist immer wieder sehr schwierig für Menschen die diese Arbeit überhaupt nicht kennen eine prägnante Darstellung zu geben. Wirklich erfassen kann man es nur beim Tun bzw. Erleben. Ihre Darstellung ist da sicherlich sehr hilfreich.

    Herzliche Grüße

    Wolfgang Maile

  15. Gute und fundierte Zusammenfassung. Danke dafür! Grüße nach Heidelberg, Volker Hepp

  16. Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    es muss wohl auch in Heidelberg so was wie ein positives Voodoo-Feld geben. 😉
    Wir machen hier am Wochenende Systemaufstellungen, und Sie schreiben am Samstag über dieses Thema. 🙂
    Soll ich Sie das nächste Mal einladen?
    Liebe Grüße, Ewald Dietrich

  17. susanne asser sagt

    Lieber Herr Kopp-Wichmann,

    in dem Bereich bin ich sehr sehr vorsichtig damit, Seiten zu empfehlen. Wen ich nicht selbst erlebt habe oder aus dem Freundeskreis sicher weiß, den empfehle ich nicht weiter. Dazu ist mir diese Methode zu komplex. Wen ich allerdings wärmstens anpreisen kann ist Corinna Grund in Darmstadt. Sie ist eine wahre Koryphäe auf diesem Gebiet und ihrer Zeit voraus. Sie entwickelt die Methode immer weiter, ist niemals dogmatisch, so dass sie z.B. an Lösungssätzen kleben bleibt. Sie gibt wenig vor, findet aber wirklich immer des Pudels Kern. Ich habe selbst jahrelang an ihren Fortbildungen teilgenommen und unter ihrer Supervision Aufstellungen geleitet.
    http://www.corinna-grund.com.

    Oder Thomas Schäfer, der auch tolle Bücher geschrieben hat, die die Thematik für denjenigen, der sich erstmalig damit beschäftigt, zugänglich macht. Sehr spannend ist das Buch von ihm „Wenn Dornröschen nicht mehr aufwacht – es geht um Märchen als Lebensskript. Jeder kennt sicher aus seiner Kindheit sein Lieblingsmärchen. Unglaublich was sich da in Bezug auf Systemaufstellungen hinter den Kulissen im eigenen Leben abspielen kann, wenn man weiß, wie Märchen systemisch analysiert werden. http://www.familienaufstellungenthoschaefer.de

    Phänomenal im wahrsten Sinn des Wortes sind Insa Sparrer und Varga von Kibéd. Familien- und Organisationsaufstellungen mal ganz ganz anders. Da gibt es ebenfalls sehr empfehlenswerte Literatur, die sich jedoch m.E. nicht für den Einsteiger eigenen, z.B. „Ganz im Gegenteil“ beschäftigt sich mit Tetralemma Aufstellungen (wenn es um Entscheidungen geht z.B.)

    Im Zuge von Aufstellungen tauchen übrigens erfahrungsgemäß häufig Traumata auf. Dinge, die in der Vergangenheit passiert sind, die wir gar nicht als Trauma werten und deshalb eigene (Über)Reaktionen oder ein bestimmtes Verhalten nicht verstehen können (Ängste, die wir nicht orten können z.B.). Hierzu ein wundervolles Werk von John Levine „Das Erwachen des Tigers„. Sehr spannend, einleuchtend und viele viele Beispiele. Es geht um die Auflösung von Traumata mit Hilfe von Somatic Experiencing.

    Das in Kombination mit Aufstellungen kann ein großer Durchbruch im eigenen Leben sein.

    Das wars erstmal 🙂

    Herzliche Grüße
    Susanne Asser

  18. Danke, liebe Frau Asser, für die Klarstellung und den Buchtipp.

    Haben Sie vielleicht auch ein Verzeichnis oder eine Website, wo man gute Aufsteller findet?

  19. Susanne Asser sagt

    @Karl:
    Ich kann die erste Reaktion bzgl. des Stresses sehr gut nachvollziehen. Allerdings ist es erfahrungsgemäß sehr wahrscheinlich, dass es genau DEN Stress NICHT geben wird. Die innere Ordnung wird hergestellt und nach außen transparent gemacht.
    Das „Kuckuckskind“ gehört eigentlich auch nicht zwischen seine Eltern sondern die Eltern hinter das Kind (den Erwachsenen). Von den beiden hat es das Leben bekommen und von dort und den Ahnen bekommt es seine Kraft.
    In Aufstellungen reagieren die Halbgeschwister fast immer sehr wohlwollend, denn auf einer tieferen Ebene ist es für sie ein Gewinn. Es ist einfach noch jemand weiteres da zum Liebhaben und es muss nicht geheim gehalten werden! Ein Familiensystem duldet keinen Ausschluss. Das ist ein ganz zentraler Satz, weshalb es ja überhaupt erst zu den Verstrickungen kommt. Etwas wird oder darf nicht gesehen werden. Sobald es „gesehen“ wird, kann die Trauer/Wut/Unruhe schwinden. Die Dinge sind wieder (oder kommen erstmalig) in ihrem natürlichen Fluss.

    Wer zu der Thematik 3 hervorragende Bücher geschrieben hat ist Marlies Holitzka. Auch für den Laien absolut nachvollziehbar und viele aufschlussreiche Beispiele machen den Sinn und die Lösungsorientierung einer Familien- oder Organisationsaufstellung deutlich.

    Wichtig dabei ist nur, an einen guten Aufsteller/ eine gute Aufstellerin zu kommen und es nicht als Methode alleine zu nutzen. Ich finde, es braucht eine Betreuung durch einen Coach oder Therapeuten. Das müssen ja nicht gleich unzählige Sitzungen sein. Manchmal reichen schon 2-3. Je nachdem wie offen und reflektiert ein Mensch ist.
    Beste Grüße Susanne Asser

  20. Karl Hinkel sagt

    Also manchmal möchte man ja doch Voodoo-Puppen benutzen, da ist man flexibler.
    Aus Stoff, aus Stroh, aus Styropor und Kerzenwachs.
    Vielleicht dazu noch weitere Werkzeuge:
    1. Ein Megaphon
    2. Einen Lügendetektor
    3. Eine Gießkanne
    4. Ein Feurerzeug
    5. Ein Schwarzepeterspiel

  21. Hallo Herr Hinkel,
    ich glaube schon, dass eine Systemaufstellung dabei helfen kann, den rechten Platz im Leben zu finden und die Gefühle aller Beteiligten zu ordnen und fließen zu lassen. Zwar bin ich kein Fachmann darin aber ich stelle mir vor, dass es vor allem um Folgendes geht. Vor allem einmal um Ihren Platz, denn natürlich gehören Sie zwischen Ihren Vater und Ihre Mutter. Zugehörigkeit muss man sich ja nicht verdienen, sondern sie ist natürlich gegeben.

    Für den Kuckucksvater geht es vor allem um Entlastung. Zu vermitteln, dass seine gemischten Gefühle gegenüber dem Kind verstehbar sind. Die Motive der Mutter müssen geklärt werden, denn sie hatte sicher ihre guten Gründe. Für den Vater hört vielleicht ein jahrelanges Suchen auf, bei dem er nicht wusste, wonach er suchte. Aber in der Seele weiß er sicherlich, dass etwas nicht stimmt.

    Ich habe schon öfters erlebt, dass gerade der lebenslange Stress aufhört, wenn die Ordnung in der Familie wiederhergestellt wird. Einige Hinweise finden Sie vielleicht in diesem Forum.

    Danke für Ihren Beitrag.

  22. Karl Hinkel sagt

    Da sitzt ein trauriges Kuckuckskind mitten in der Schar von 8 Halbgeschwistern. Nun machen Sie dem Kuckuckskind mal eine Aufstellung. Das ist wie eine Front.
    Und machen Sie den anderen eine Aufstellung, ist das Kuckuckskind wie ein Eindringling, ein Rebell, ein Nestbeschmutzer.
    Die Kuckuckskindermutter sorgt für die Unglaubwürdigkeit von Kuckuck und Kuckuckskind, damit niemand jemals was erfährt oder das zumindest nicht glaubt. Angst regiert die Zeugenden und Zeugen.
    Ich kann nur sagen: Ein einziger Stress.

    Diese unbeschreibliche Stresserfahrung schützt dann wenigstens das unglückliche Kind da mitten drin später vor all den falschen Loyalitäten zu Kuckucksmutter und Rabenvater. Allerdings mag ein anderer falscher Glaubenssatz aus den frühen prägenden Jahren aufkommen: „eigentlich wollen die mich alle aus dem Nest schmeißen“
    Hilft da eine Systemaufstellung?

  23. Susanne Asser sagt

    Zu kritisch….kein Voodoo und schon gar nicht hinter dem Rücken anderer. Wenn, geht es immer nur um den Klienten selbst.

    Vielleicht ist das auch einfach verwirrend, wenn man das nur gelesen sieht. So esoterisch verhunzt bin ich dann nun au…ch wieder nicht…

    Hätte allerdings nix dagegen, wenn jemand einen Lottoschein für mich ausfüllen würde 😉

    Apropos – als ich den Satz heute Morgen las „Weil ihr alles verloren habt…“ – sofort Resonanz auf Körperebene. Da haben sich Abgründe aufgetan! Was aber in dem Fall gut ist 🙂

  24. Hmm, ist ein bisschen wie Vodoo, oder? Positives Vodoo eben.
    So ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, wenn ich es richtig verstehe. Erinnert mich an kirchliche Gruppen, die für alle möglichen fremden Leute beten.

    Oder etwas handfester: wenn… jemand hinter meinem Rücken einen Lottoschein ausfüllt und ich gewinne damit zehn Millionen … Mein ganzes Leben würde sich ändern.

    Es ist sicher gut gemeint, aber … Oder sehe ich das zu kritisch?

  25. Susanne Asser sagt

    Schöner Artikel über eine faszinierende Methode!

    Ich nutze und arbeite bereits seit 10 Jahren mit Aufstellungen. Es ist super, wenn man Aufstellungen nicht als das Nonplusultra sieht, sondern wie Sie, lieber RKW, als ergänzendes Handwerkszeug beim Coachen oder Therapieren.

    Aber richtig abgefahren und spannend wird es, wenn man verdeckte Aufstellungen macht. D.h. der Klient hat ein Problem. Er schildert sein Anliegen nach Möglichkeit in 1-2 Sätzen. Dann wählt er entweder Playmobilfiguren (damit arbeite ich sehr gerne) oder in einer Gruppe Menschen aus, die stellvertretend für wen auch immer stehen, teilt dem Aufstellungsleiter, Coach und der Gruppe nicht mit, um wen es sich handelt.

    Wenn dann die Personen schweigend ihre Plätze einnehmen und sie werden von mir befragt was sie fühlen oder ob ihnen eine Impuls oder gar ein Satz in den Sinn kommt, sie diesem Impuls nachgehen oder den Satz sagen, sind die Klienten häufig verblüfft, weil dann so Phänomene entstehen wie „Das pflegte mein Vater immer zu sagen/fühlen/tun“. Und schon ist man dem Konflikt einen wichtigen Schritt näher.

    Inzwischen mache ich mit einigen Menschen das schon per Telefon und zwar auch verdeckt. Auch meine Schulklassen haben davon immer wieder profitiert und sind ganz versessen auf diese Sessions, wenn wir dazu mal Zeit haben. Damit lassen sich unbewusste Klassenkonflikte aufdecken und lösen.

    In der Lehrerfortbildung führe ich auch Aufstellungen durch mit dem Ergebnis, dass viele Verhaltensmuster von „auffälligen“ Schülern plötzlich einen Sinn ergeben, da sie von einer völlig neuen Warte aus betrachtet werden können.

    Inzwischen bin ich schon so „feinfühlig“ oder achtsam, dass ich manchmal die Leute ansehe und ein Bild zu einer Verstrickung bekomme. Wenn ich die Gelegenheit habe, hinterfrage ich und fast immer stimmte bislang das Bild.

    Also ich kann jedem, den das interessiert, nur wärmstens empfehlen z.B. bei einem guten Aufsteller einen „offenen Abend“ zu erleben und die Methode am eigenen Leib zu erfahren. Es kommt immer was in Bewegung danach 🙂

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