Wie erwachsen sind Sie eigentlich?

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Emotionale Intelligenz / Persönlichkeit / Psychologie

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Hier ein Experiment dazu.

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Älter wird man von allein. Aber auch erwachsen? In meinen Persönlichkeitseminaren versuchen wir, aktuelle Probleme im beruflichen und privaten Bereich auf dem Hintergrund von unbewussten Konflikten aus der Herkunftsfamilie zu klären und zu bearbeiten.

Dabei wird vielen Teilnehmern immer wieder schmerzlich bewusst, wie tief sie bei manchen Situationen noch in kindliche Verhaltensmuster verstrickt sind.

Dafür gibt es viele Beispiele:

  • Ein Mitarbeiter ärgert sich über eine ungerechte Rüge seines Vorgesetzten. Anstatt dies in einem Gespräch zu klären, lässt er sich von seinem Hausarzt für eine Woche krankschreiben.
  • Im Projekt lief etwas schief. Anstatt nach der Ursache und Lösungsmöglichkeiten zu suchen, brüllt der Projektleiter alle zusammen („Alles Idioten hier!“). Keiner traut sich, den Leiter auf sein unpassendes Verhalten hinzuweisen.
  • Jemand stellt sein Auto im absoluten Halteverbot ab. Als er nach einer Viertelstunde den Strafzettel am Scheibenwischer entdeckt, wirft er ihn zornentbrannt auf die Straße und hat den Rest des Tages schlechte Laune.

Aber woran erkennt man, ob man erwachsen ist?

Zentral ist dabei aus meiner Sicht die geglückte Ablösung von den Eltern. Der Erwachsene geht dabei seinen eigenen Weg im Leben und bleibt gleichzeitig mit den Eltern in einer guten Weise verbunden. Gelingt dies nicht oder versäumt man diese, kann es passieren, dass man als Erwachsener  in bestimmten Situationen mit anderen zu kindlichen Strategien greift.

Doch diese Ablösung ist nicht leicht, passiert selten von selbst und ist meist mit äußeren oder inneren Konflikten und heftigen Gefühlen verbunden.

In der Arbeit mit Menschen erlebe ich vier Formen von Nicht-Erwachsensein:

1. Anpassung

Hier verhält sich der Erwachsene so, wie es die Eltern von ihm erwarten. Oft wohnt man dann geographisch in der Nähe, besucht sich oft oder hält die Nähe über sehr häufige Besuche oder Telefonate.

Die Beteiligten finden dabei gar nichts Seltsames, bezeichnen es als ein „inniges Verhältnis“. Nur der Partner oder Außenstehende wundern sich, prallen aber mit ihren Ansichten an der familiären Front regelmäßig ab.

2. Rebellion

Hier ist es andersherum, der Erwachsene tut genau das Gegenteil von dem, was die Eltern oder andere Autoritätspersonen von ihm erwarten. Oft zieht man dabei absichtlich sehr weit weg vom Wohnort der Eltern, um so für mögliche Besuche eine gute Ausrede zu haben.

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Doch Rebellion ist Anpassung mit umgekehrtem Vorzeichen – und genau so leicht vorhersagbar. In der Pubertät ist Rebellion eine wichtige Strategie, um sich von den Eltern abzunabeln. Doch manche Menschen reagieren im gesetzten Alter noch pubertär und bekämpfen lustvoll „die da oben“. Bisweilen findet man dann im Betriebsrat oder einer Gewerkschaft auch ein äußerlich akzeptiertes Schlachtfeld für den inneren Guerillakrieg.

3. Kontaktabbruch

Manche Erwachsene sind von den Eltern so verletzt oder enttäuscht, dass sie seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen haben und ihrem eigenen Kind sogar die Großeltern verweigern.

So notwendig einem eine solche Kontaktsperre für das eigene psychische Wohlergehen vorkommen mag, es ist keine gute Lösung. Für beide Seiten nicht. Denn auf der inneren Leinwand bleiben die Eltern damit riesengroß und furchterregend und man selber klein und schwach.

Das entspricht aber nicht der Realität. Eltern und erwachsene „Kinder“ sind gleich groß, sind auf Augenhöhe, doch wenn die inneren Bilder das äußere Geschehen überlagern, scheint manchem der Kontaktabbruch als einzige Waffe. Oft auch, um die Eltern nachträglich zu bestrafen oder sich zu rächen.

4. Unberechtigte Erwartungen

Ich bin immer wieder erstaunt, wie gestandene Männer oder Frauen von ihren – oft hochbetagten – Eltern erwarten, dass diese sich noch ändern müssten. Sie erwarten eine Entschuldigung für erlittenes Unrecht, nicht erhaltene Wärme, Anerkennung oder Verständnis usw.

Auch hier zeigt sich, wie ein Erwachsener sein Wohlergehen noch  abhängig macht vom vermeintlich „richtigen“ oder „gerechten“ Verhalten eines Elternteils. Und der Erwachsene ist vielleicht 45 Jahre alt – und die Mutter 79!

Doch wie löst man sich von den Eltern?

Das hat meist weniger mit äußeren Handlungen zu tun, sondern mehr mit einer Veränderung der inneren Einstellung zu den Eltern. Doch ist diese Änderung der eigenen Landkarte oft nicht leicht und fast immer von heftigen Gefühlen begleitet. Vor diesen Gefühlen fürchten sich viele Erwachsene und die vier oben beschriebenen Verhaltensweisen helfen ja auch zuverlässig, diese Emotionen nicht oder weniger zu spüren.

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Aber Nichtgefühltes ist nicht verschwunden. Der unaufgelöste Konflikt besteht weiterhin. Weniger zwischen dem Erwachsenen und den Eltern, denn manchmal sind die Eltern ja auch längst tot. Der Konflikt lagert als giftiger „Restmüll“ in dem Menschen selbst als innere Spannung.

Wenn Sie Ihren Frieden mit Ihren Eltern machen wollen, hier einige hilfreiche Betrachtungsweisen:

  • Ihre Eltern haben Ihnen Ihr Bestes gegeben.
    Das mag nicht das Beste gewesen sein, das vorstellbar ist, aber es war das Beste, was Ihre Eltern im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Verfügung hatten.
    Meist können Eltern nur das weiter geben, was Sie selbst als Kind bekommen haben. Und gerade ältere Erwachsene hatten Eltern, die noch den Krieg erleben und verarbeiten mussten. Und infolgedessen mehr mit Existenzfragen beschäftigt waren als mit Themen der bestmöglichen Erziehung. Sie selber mussten „funktionieren“ und verlangten das unbewusst vielleicht auch von Ihnen.
  • Ihre Eltern schulden Ihnen nichts mehr.
    Ihre Mutter hat Sie unter Schmerzen und Gefahr für das eigene Leben geboren. Ihre Eltern haben Sie unter großen Mühen und Entbehrungen großgezogen. Mit anderen Worten: der Job Ihrer Eltern ist getan, sonst wären Sie jetzt nicht hier und könnten das lesen.
    Ihre Eltern haben Ihnen das Wichtigste geschenkt: das Leben. Was Sie jetzt daraus machen, liegt ganz bei Ihnen. So lange Sie noch darauf warten, dass Ihre Eltern sich ändern, etwas einsehen, sich entschuldigen, machen Sie sich selbst zum Kind und abhängig.
  • Ihre Eltern waren und sind „nur“ Menschen.
    Es sind nicht die bewundernswerten Vorbilder von früher – aber auch nicht die Monster, als die Sie Ihnen vielleicht als Siebenjährigem vorkamen. Es sind einfach ganz normale Leute mit Vorzügen und Schwächen.
    Und Elternsein ist keine leichte Aufgabe. Das merkt man spätestens mit eigenen Kindern. Und früher gab es kaum vernünftige Erziehungsratgeber und wenig Diskussion oder Bewusstheit für elterliche und kindliche Belange.
  • Sie brauchen Ihren Eltern nicht verzeihen oder vergeben.
    Das ist nicht angemessen. Wer vergibt oder verzeiht, kommt sich schnell großherzig und edel vor. Und wird innerlich dann größer als die bösen und uneinsichtigen Eltern. Es gibt aber gar  nichts zu verzeihen.
    Denn was Ihnen Ihre Eltern möglicherweise angetan haben, hatte nichts mit Ihnen zu tun. Und viel mehr mit den unverarbeiteten Konflikten Ihrer Eltern, mit deren Hilflosigkeit und Überforderung in bestimmten Situationen.

Doch diese Einsichten allein helfen meistens nicht. Es braucht die emotionale Auseinandersetzung mit den Eltern. Das geht selten mit den realen Eltern. Oft würden Sie mit Ihren Fragen oder Gefühlen von ihnen nicht verstanden werden oder Sie erfahren nur Rechtfertigungen oder vehementes Abstreiten, wenn Sie über Schwieriges sprechen wollen.

Jetzt kommt die gute Nachricht.

Um sich abzulösen brauchen Sie Ihre realen Eltern nicht.

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Manchmal ist ja ein Elternteil längst gestorben und man hat sich noch nicht gelöst von ihm. Aber weil wir unsere Eltern als Teile verinnerlicht haben, können wir uns auch innerlich von ihnen lösen.

Hier ein Experiment, um etwas über Ihre Bindung zu Ihren Eltern bzw. die Ablösung zu erfahren.

Setzen Sie sich an einen ruhigen Platz, an dem Sie ein paar Minuten ungestört sind. Schließen Sie Ihre Augen und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Körper, Ihre Gefühle und Ihre Gedanken. Anders gesagt: werden Sie innerlich achtsam.
Dann stellen Sie sich mit geschlossenen Augen Ihre beiden Eltern vor, wie diese in einem für Sie passenden Abstand vor Ihnen stehen.

Beobachten Sie, was sich Ihnen verändert, wenn Sie Ihre Eltern innerlich vor sich sehen oder spüren. Spannt sich etwas an? Atmen Sie schneller? Bekommen Sie ein komisches Gefühl? Haben Sie einen bestimmten Gedanken?

Jetzt kommt das Experiment.
Sagen Sie laut zu Ihren Eltern den Satz: „Ihr seid meine Eltern – und ich achte Euch.“

Beobachten Sie genau, was vielleicht schon jetzt beim Lesen dieses Experiments in Ihnen abläuft. Und was, wenn Sie das Experiment machen, alles in Ihnen passiert.

Auf diese Weise können Sie erleben, auf welche Weise Sie mit Ihren Eltern derzeit verbunden sind. Ängstlich, vorwurfsvoll, ablehnend, skeptisch? Oder wohlwollend und im Frieden.

Ich kann Sie beruhigen: viele Menschen haben ungeklärte Themen mit ihren Eltern, die sich auf die unterschiedlichste Weise zeigen können. Zum Beispiel in der Partnerschaft, wie ich am Beispiel von nicht abgelösten Männern in meinem ersten Buch beschrieben habe.

Manchmal ist es hilfreich, sich professionelle Unterstützung bei dieser Ablösungsarbeit zu holen, denn die dabei auftretenden inneren Konflikte und Gefühle können heftig sein. Unterstützend kann zum Beispiel eine tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie oder eine Familienaufstellung sein.

Eine andere Möglichkeit ist, Ihre ungeklärten Eltern-Themen zu bearbeiten ist ein Persönlichkeitsseminar oder 3-h-Intensiv-Coaching mit mir.

kommentar Wie sehr sind Sie im Frieden mit Ihren Eltern?

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Bilder: Pixabaycom

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

26 Kommentare

  1. Liebe Frau Gassner,
    danke für Ihren Kommentar und Ihre Offenheit.
    Meine Meinung dazu ist: Man ist den Eltern nichts schuldig. Natürlich erwarten manche Eltern, dass man das, was sie einem als Kind gegeben haben, irgendwie „zurückzahlt“. Doch schon in Ihrem Fall geht die Gleichung ja nicht auf. Ihre Brüder haben „mehr“ bekommen und dennoch hätten Ihre Eltern es „lieber“, wenn Sie sie jetzt pflegen.

    Ich denke, es ist schwer, den jahrelangen Groll, den Sie vermutlich in sich tragen, zu überwinden und dann noch auf unbestimmte Zeit für Ihre Eltern eine verlässliche, freundliche Unterstützung zu sein. (Warum kümmern sich sich Ihre Brüder nicht um die Eltern?)

    Dass Sie sich innerlich sträuben und sich nicht schuldig fühlen, ist schon mal ein gutes Zeichen. Denn ich sehe das als ein Zeichen von Loslösung von den Eltern, wenn es nicht ein rachevolles Sträuben ist.

    Sie sind frei zu entscheiden, was Sie tun wollen. Gerade heute sind ja die Möglichkeiten für alte Menschen, sich betreuen oder pflegen zu lassen, vielfältig. Wenn Sie ins Ausland verzogen wären oder sonstwie nicht erreichbar, würde sich ja auch irgendeine Lösung finden lassen.

    Ein anderer Weg wäre noch, sich mit Ihren Eltern auszusprechen und den Grund zu erfahren über diese Ungleichbehandlung verglichen mit Ihren Brüdern. Vielleicht steckt ein überholtes klassisches Frauenbild dahinter. Vielleicht war es nur die Entscheidung eines Elternteils und der andere hat zugestimmt.

    Durch eine solche Aussprache lässt sich vielleicht der Hintergrund Ihres Kummers besser verstehen – und dann irgendwann auch mal überwinden.

    Alles Gute für Sie!

  2. Katharina Gassner sagt

    Lieber Herr Kopp, ihre Zeilen zu lesen war eine Bereicherung.
    Ich hätte da allerdings noch eine Frage: Wie gehe ich damit um, wenn Eltern nur eines der Kinder aussen vor lassen, weil sie wie in meinem Fall einfach „nur“ weiblich sind?
    Alle drei Brüder ein Studium finanziert, für alle 3 eine Wohnung gebaut usw. Ich hatte das Glück, nach dem Tod meines Mannes, genug Kraft für die alleinige Erziehung unserer beiden Söhne aufbringen zu können. Es war jedoch eine unglaublich schwere Zeit, in der ich keinen Rückhalt meiner Eltern bekommen habe.

    Nun sind die Beiden älter geworden und brauchen Hilfe und Unterstützung, die sie nun natürlich lieber von ihrer Tochter hätten. In mir sträubt sich alles, diesem Wunsch nachzukommen und ich fühle mich nicht einmal schlecht dabei. Obwohl ich die Beiden lieb habe, kann ich dieses Verhalten nicht verstehen…
    Wie soll ich damit umgehen?

  3. Bei mir hat sich das Ganze aufgelöst als ich mein erstes Kind geboren hatte. Da ist ganz viel aufgebrochen und meine Mutter kommen um mich zu unterstützen obwohl ich im grossen Streit zu Hause ausgezogen bin und dann Funkstille zwischen uns herrschte. Aber tief in mir spürte ich das drängende Bedürfnis, mich mit meiner Mutter über die Geburt und das Leben mit Kindern auszutauschen. Sie hat mir dann geschildert wie es für sie damals war und ab dem Moment konnte ich ihr Stueck für Stück alles verzeihen und ich konnte sie so sehen wie sie eigentlich ist: eine tapfere Mutter die ihr Bestes gegeben hat und Fehler und Schwachen hat. Ab da hat sich unsere Beziehung schlagartig verbessert. Mit meinem Vater dauerte es etwas langer (er war früher stark narzisstisch) aber jetzt kann ich mit seiner besser umgehen und wir können uns zeigen dass wir uns gern haben.

  4. Sie haben völlig Recht. Vielleicht kam das in meiner Darstellung falsch rüber. Meine Meinung dazu habe ich ja schon in dem Kommentar auf Frau Hascher geschrieben.

  5. Arianna de Lucia sagt

    Sehr geehrter Herr Kopp-Wichmann,
    als Gründerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Betroffene (seit inzwischen 3 1/2 Jahren) muss ich der von Ihnen vertretenen Auffassung, dass ein Kontaktabbruch zu den Eltern „unerwachsen“ sei, ebenfalls nachdrücklich widersprechen.

    Ich habe schon sehr viel über verschiedene Quellen (Betroffene in der Gruppe sowie Sachbücher und Websites in mehreren Sprachen) zu diesem Thema erfahren und es ist leider so, dass viele Eltern keine Heiligen sind, sondern für das Wohlergehen ihrer Kinder äußerst schädlich. Ich hatte und habe Kontakt zu Personen, deren Leben durch egoistische, intrigante, herzlose Eltern völlig ruiniert wurde, oder die den Absprung in ein besseres Leben gerade eben geschafft hatten, bevor Selbstmord oder Psychiatrieaufenthalt der letzte „Ausweg“ gewesen wären. Ein völliger Kontaktabbruch zu diesen missbrauchenden Menschen und die Einsicht, dass von diesen Liebe oder Verständnis zu erwarten völlig sinnlos ist, ist ein harter, aber oft notwendiger wichtiger Schritt.

    Es ist ein sehr großer Unterschied, ob Eltern Fehler machen (was sicher allen passiert), oder ob sie ihre Kinder so schädigen, dass sie lebensuntüchtig werden bzw. nur unter größten Qualen überleben können. Es ist eine wichtige Entscheidung für einen Missbrauchten, kein Opfer mehr sein zu wollen.
    Dies schließt nicht aus, dem Missbraucher möglichst zu verzeihen und ihn auf eine Art zu ehren (z.B. indem man sich sagt, dass er / sie auch ein Opfer ist und es einfach nicht besser weiß); den Kontakt beizubehalten, den Missbrauch unter den Teppich zu kehren und damit den Missbraucher in seinem grausamen Denken und Vorgehen noch zu unterstützen ist sicher das falscheste, das man tun kann.

    Ich hoffe sehr, dass Experten dieses Thema künftig besser einschätzen können und besser in der Lage sein werden, Hilfesuchenden dabei zu helfen, zu verstehen, ob sie mit ihren Eltern noch relativ „normale“ Konflikte haben oder ob eindeutig Übergriffigkeit und völlige Nichtachtung der Würde und des freien Willens des Kindes die wahre Ursache der Probleme sind.
    Von sehr vielen Betroffenen (einschließlich mir) weiß ich, dass es ihnen nach vorheriger, oft jahrelanger, unnützer Therapie rasch besser ging, sobald sie begriffen, was mit ihren Eltern (oder einem Elternteil) los war und dass sie keine bösen, undankbaren, nicht liebenswerten Menschen sind. Das bedeutet nicht, dass wir Kinder perfekt sind und uns über unsere Eltern stellen wollen; doch ich denke, wir haben das Recht, unsere Seele, unser Leben und unsere Lieben zu schützen.

    In diesem Sinne…

    Mit freundlichen Grüßen
    Arianna de Lucia

  6. Anja Hascher sagt

    Ich denke die ganze Woche an Ihren Artikel. Ich finde, dass Sie ihn ergänzen müssten.
    Wenn Sie das so stehen lassen, nur für die 90 % aller Fälle, in denen Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben, ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen zu bekommen, wenn sie Kontakt zu ihren Eltern haben, ist ihr Artikel in den anderen 10 % der Fälle nur Wasser auf den Mühlen narzisstisch gestörter Eltern, die sich mit ihrem Verhalten noch im Recht fühlen und denken, sie hätten ein „unreifes“, „unerwachsenes“ Kind und hätten alles richtig gemacht.

    Außerdem kann das Menschen, die schon gesundheitliche Schäden davon getragen haben auch noch dazu bringen, zu denken, irgend etwas würde mit ihnen nicht stimmen und sie müssten unbedingt den Kontakt zu ihren Eltern halten, egal wie fertig sie schon sind und dann wird das Elend immer größer, bis sie in der Psychiatrie sitzen. Was bei narzisstisch Gestörten ja auch noch dazu kommt, ist, dass sie immer wieder abstreiten, wie sie sich benommen haben und nach außen auch nie was über ihr Verhalten innerhalb der Familie zugeben würden.
    Nach außen wird gelogen und abgestritten und innerhalb der Familie ist Terror angesagt.
    Wer liest schon noch die Kommentare zum Artikel durch. Ich denke, Sie könnten den Artikel besser schreiben und ergänzen.

  7. Sie haben völlig Recht: In manchen fällen ist es wichtig, den Kontakt abzubrechen. Vor allem in Fällen, wo die Eltern wirklich einen schädlichen Einfluss ausüben.
    Doch viele erwachsene Kinder brechen den Kontakt ab, weil sie sich schlecht abgrenzen können, weil sie den Eltern etwas vorwerfen, weil die Eltern nicht so sind, wie sie sie gern hätten. Das habe ich „unerwachsen“ genannt.
    PS: Aber auch in Ihrem denke ich, dass es wichtig sein kann, Ihren Frieden mit den Eltern zu machen. Und dazu reicht der Kontaktabbruch nicht.

  8. A. sagt

    Ja, da muss ich direkt was dazu schreiben. Ich finde es nicht „unerwachsen“, den Kontakt zu den Eltern abzubrechen. Ich habe jahrelang das Theater mit einer narzisstisch gestörten Mutter und einem feigen Vater, der alles gemacht hat, was diese Frau wollte, mitgemacht.

    Natürlich bin ich von Anfang an weit weg gezogen, war auch im Ausland, habe ungefähr ein ganzes Wohnzimmer voller Psychobücher gelesen, mit zig Psychologinnen gesprochen und ja, irgendwann muss man sich und seine Gesundheit schützen. Wenn man jedes Mal fertig gemacht wird, weil man nicht auch 35 kg Übergewicht hat und mehr macht, als nur das Haus zu putzen und die deutsche Zeitung zu lesen, macht man das Affentheater und die ewigen Diskussionen jahrelang mit, bis man irgendwann krank wird.

    Das fing bei mir mit Schlaflosigkeit, sich tagsüber nicht konzentrieren an bis zu Gürtelrose, Tinnitus und Depressionen. Das habe ich jetzt alles nicht mehr, kenne nicht nur Fälle in der eigenen Familie, die dreimal in der Psychiatrie saßen, weil sie gleich zwei narzisstisch gestörte Eltern hatten und die bis zum Schluss gesehen haben, sondern auch genug Leute in einer Selbsthilfegruppe „Angehörige narzisstisch Gestörter“, von denen auch schon ein paar in der Psychiatrie gelandet sind.

    Ich kann dazu nur sagen, nein, da will ich nicht hin und ich bin froh, dass ich den Kontakt zu meinen Eltern nicht mehr habe. Ich habe auch alle Bücher zu dem Thema gelesen und ich erwarte auch nicht, dass sich irgendwas im Verhalten meiner Mutter ändern, oder sie sich gar entschuldigen würde. Dazu ist sie einfach zu verrückt. Aber „nicht erwachsen“ finde ich es nicht die Bohne, wenn man die Notbremse zieht und endlich an seine Gesundheit denkt!!!

    So was nennt man auch „achtsam leben“ und in jedem Psychobuch steht auch „love it, change it or leave it“. Die Beziehung war äußerst schädlich und ich würde es auch nicht „nicht erwachsen“, oder „unfähig“ nennen, wenn sich jemand scheiden lässt, weil es irgendwann einfach reicht und man an sich und seine Gesundheit denken muss.

  9. Das kann man nur betrauern und als Rettungsversuch für die eigene Psyche der Tochter verstehen.
    PS: Kinder werden nie gleich erzogen. Auch wenn es dieselben Eltern sind, ist es für jedes Kind anders. Schon durch die unterschiedliche Geschwisterfolge.

  10. Singeline sagt

    Dankeschön!
    für die heutigen Anstösse zum Eltern- Dasein…für mich bleibt die Frage: wie gehe ich als (alternde)Mutter mit so einem Kontaktabbruch eines (innerlich) nicht erwachsenen Tochter um?

    Und natürlich-was ist da schief gelaufen(weil das andere Kind genau so gut oder schlecht behandelt wurde..) Mir scheint die gleichgeschlechtliche Erwartung noch eine viel höher zu sein (Vater-Sohn,Mutter-Tochter) .

  11. Hallo lieber Herr Klotz,
    danke für Ihre engagierte und kenntnisreiche Widerrede.
    Der Blogartikel enthält keine Thesen sondern ist die Erfahrung aus über dreißig Jahren Arbeit mit Klienten in meiner psychotherapeutischen Praxis.
    Genau wie zu Ihnen kommen zu mir Menschen, die unter brutaler Gewalt, häuslicher Verwahrlosung, exzessivem Alkoholismus oder Drogenkonsum der Eltern gelitten haben. Und die einen Weg suchen, damit umzugehen.
    Meist leiden Sie unter Panikattacken, Depressionen unterschiedlicher Schwere, schlagen selbst ihr Kind usw. also die ganze Bandbreite.

    Die obigen Erfahrungen sind das Ergebnis meiner Bemühungen, mit diesen traumatisierenden Erfahrungen umzugehen. Vor zwanzig Jahren war ich auch ein Verfechter des Kontaktabbruchs, musste aber in der Nachsorge feststellen, dass die meisten Klienten den Kontakt abbracchen oder der betreffende Elternteil verstarb – es ging ihnen aber nicht besser. Sie hatten Schuldgefühle aber vor allem entdeckten sie meist in sich ähnliche oder vergleichbare Einstellungen und Handlungen wie bei den verhassten Eltern. Darüber habe ich viel nachgedacht und da hat mir tatsächlich Bert Hellinger mit seinen Erkenntnissen viel geholfen. Obwohl äußerlich getrennt, war die innere Ablösung nicht gelungen. Auf eine negative, oft tragische Weise waren sie den Eltern immer noch „treu“, indem sie ähnlich dachten oder sich verhielten.

    Dann wurde mir klar, dass es um einen Loyalitätskonflikt geht und für mich war die Frage, wie kann man Patienten helfen, aus dieser unguten Loyalität herauszukommen.
    Schnell musste ich feststellen, dass es durch Hass, Verachtung, moralisches Überlegen-Fühlen usw. nicht gelang. Das Einzige, das bei der Loslösung half, war Respekt und Achtung. Wohlgemerkt, nicht Liebe. Denn Liebe ist ein Gefühl. Aber Respekt ist eine Haltung.

    Ich habe viel mit Frauen gearbeitet, die mit ihren Kindern ins Frauenhaus vor ihren gewalttätigen Männern flüchteten. Die Sozialarbeiterinnen redeten sich den Mund fusselig, wie schlecht die Männer doch waren und dass die Frauen sich vor ihnen schützen müssten. Die misshandelten Frauen gaben ihnen Recht – und kehrten nach ein paar Wochen wieder nach Hause zurück. Um wieder verprügelt zu werden … Da habe ich ein paar Frauen helfen können, sich äußerlich und innerlich zu lösen. Nicht durch Verdammen und Verurteilen, sondern durch das Zeigen von Respekt. Sich selbst gegenüber, indem die Frau nicht mehr zurückkehrte, also sich schützte vor dem Gewalttäter – und durch eine respektvolle Haltung dem schlagenden Mann, dem Vater ihrer Kinder.

    Eine vergleichbare Situation ergibt sich ja bei schmutzigen Trennungen. Eine Mutter verlässt mit den Kindern den Ehemann, weil er trinkt, sie betrügt usw. Welche Haltung ihm gegenüber soll sie ihren Kindern gegenüber vermitteln? Viele reden vor den Kindern schlecht über den Mann („Werde bloß nicht wie dein Vater!“) oder verbieten ihrer erwachsenen Tochter (32 Jahre) jeglichen Kontakt zu ihm („Wenn du mit ihm telefonierst, bist du nicht mehr meine Tochter. Du musst dich entscheiden.“ Auch hier geht es um ein Loslassen und Lösen, nicht um das Bewahren und Lebendighalten alter Schmerzen und erlittener Veletzungen. Aber das ist sehr schwer und erfordert eine große menschliche Reife.

    Eine Parallele sehe ich auch im Krieg zwischen Israel und den Palästinensern, der nun bald 55 Jahre dauert. Beide fühlen sich im Recht und sprechen dem anderen Volk das Existenzrecht ab. Wie ist dieser Konflikt zu lösen? Sicher nicht durch ein jeweiliges absurdes Rechthaben, das man sich ja nur verteidige und der Andere der böse Angreifer ist. Sondern vielleicht eher, wie es ein Familienaufsteller mal formulierte: „Erst wenn die Israelis die toten Palästinenser betrauern, die sie in verschiedenen Kriegen umgebracht haben und wenn die Palästinenser anfangen, die durch ihre Kazam-Raketen ermordeten Israelis zu betrauen, ist etwas Neues in den Beziehungen möglich. Das werde ich wahrscheinlich nicht mehr erleben. Die USA haben es bis heute nicht fertig gebracht, sich für die beiden Atombomben auf Japan und das unendliche Leid bei den Japanern zu entschuldigen. Denn mit solchen Ansätzen wird man in einem Land, in dem ein möglicher Präsident Trump heißen mag, gewählt.

    Letztlich rühren diese Themen ja an ein Grundthema der menschlichen Existenz, die Dualität unseres Daseins. Gibt es „gut“ und „böse“ und wer definiert das jeweils? Warum kann es nicht nur das Gute geben? Und wer ist verantwortlich für das „Böse“? Wie kann „Gott“ oder wer immer dafür verantwortlich ist, so etwas zulassen? Die von Ihnen etwas geschmähte Byron Katie hat darauf ein paar kluge Antworten gegeben, aber die sind unpopulär und ich will die Diskussion hier nicht weiter anheizen.

    Ihr Kommentar, lieber Herr Klotz, ist mir an einigen Stellen etwas zu engagiert. Ich nehme an, aus eigener Betroffenheit. Auch meine Thesen spiegeln ja nur mein Ringen mit diesen schwierigen Fragen wider. An keiner Stelle wollte ich die „Wahrheit“ schreiben. Insofern hat jeder, der „heilt“ Recht – auch wenn es ganz unterschiedliche Ansichten und Herangehensweisen gibt.

  12. Geschätzte Frau Weinig,

    Sie schreiben: „Auch ich denke, dass es irgendwann einen Punkt gibt, da man sich nicht immer mit seiner Kindheit herausreden kann. Manche hatten vielleicht suboptimale Startbedingungen, aber es gibt so viele externe Hilfe, wie bspw. Coaching.“

    Bitte: Glauben Sie im ernst, dass komplex Traumatisierte nicht auch ein glückliches, selbstbestimmtes Leben führen wollen würden? „Schlechte Kindheit als Ausrede?“ Ich gehe einmal davon aus, dass Sie niemals mit schwer von ihren Eltern (!) verstörten ehemaligen Kindern (die nun dem Lebensalter nach 14, 26, 35, 48 oder auch 68 Jahre alt und älter sind) gearbeitet haben!

    Bezeichnen Sie allen Ernstes seelische, körperliche und/oder sexualisierte Gewalt und die Abwesenheit von Geborgenheit, Sicherheit und bestätigender Annahme als „suboptimale Startbedingungen“ – das kann ich nicht nicht mal mehr als Euphemismus (beschönigende Verharmlosung) durchgehen lassen. Ich empfehle Ihnen ein Praktikum bei einer niedergelassenen Traumatherapeutin oder in der Psychiatrie, damit Sie sich ein Bild machen können, wie sehr derartige Erfahrungen ganze Lebenshistorien zerstören können.

    Gottlob gab und gibt es so Menschen wie Bessel van der Kolk, der sich einen Namen u. a. dadurch gemacht hat, dass er seinerzeit das zunächst für viele unverständlichen Reaktionen von Vietnam-Veteranen ernst nahm, und mit den Begriff PTBS geprägt, und so ihr Leiden gewürdigt hat. Oder Alice Miller, die zu Recht „Klapse und weitere Misshandlungen“ als „schwarze Pädagogik“ offen gebrandmarkt hat!

    Glauben Sie im ernst, dass Menschen unerträgliches leiden wie Angststörungen, Panikattacken und Co. quasi „produzieren“, weil sie gar faul seien und ihre schlechten, ja oft grausamen Kindheitserfahrungen wie eine Phalanx als Schutzschild vor sich hertragen, weil „das ja viel bequemer ist, als aktiv des Leben zu gestalten, eine Arbeit aufzunehmen und sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen?

    Ihnen gilt mein Mitgefühl! Offensichtlich ist Ihnen eine derartige Kindheit erspart geblieben, und Sie halten Ihr Lebensgefühl des „selbstverständlichen Daseins“ für normal – direkt neben Ihnen könnten Nachbarn leben, denen man das vielleicht ansieht, die aber jeden Tag glauben quasi immer noch um ihre Daseinsberechtigung kämpfen, sie Liebe und Bestätigung verdienen zu müssen, nur weil sie das – prägend – in den ersten Lebensjahren bei Eltern erleben mussten, die mit sich selbst nicht im reinen und von ihren Instinkten meilenwert entfernt, oder gar durch gewaltvolle Erziehungsideale verblendet waren (Und nicht selten geben auch selbst traumatisierte ihre eigenen schlimmen Erfahrungen an die nächste Generation weiter, weil es einfacher ist bzw. scheint, Muster weiterzugeben, als den schmerzhaften Prozess der Ablösung von gewalttätigen Vorbildern zu riskieren).

    Schätzen Sie sich glücklich!

    Michael P. Klotz

  13. Lieber Herr Kopp-Wichmann
    Vielen Dank für den interessanten Text. Da sind viele gute Impulse drin. Insbesondere, dass Eltern auch nur Menschen sind und sehr wahrscheinlich uns Kinder nach besten Wissen & Gewissen erzogen haben. Auch ich denke, dass es irgendwann einen Punkt gibt, da man sich nicht immer mit seiner Kindheit herausreden kann. Manche hatten vielleicht suboptimale Startbedingungen, aber es gibt so viele externe Hilfe, wie bspw. Coaching.
    Herzliche Grüsse, Silke Weinig

  14. Hallo lieber Herr Klotz,
    danke für Ihre engagierte und kenntnisreiche Widerrede. Ich werde nächste Woche darauf antworten. Muss aber vorher noch etwas über Ihre Positionen nachdenken.

  15. Lieber Roland Kopp-Wichmann,

    Sie schreiben:

    (…)

    3. Kontaktabbruch

    Manche Erwachsene sind von den Eltern so verletzt oder enttäuscht, dass sie seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen haben und ihrem eigenen Kind sogar die Großeltern verweigern.

    So notwendig einem eine solche Kontaktsperre für das eigene psychische Wohlergehen vorkommen mag, es ist keine gute Lösung. Für beide Seiten nicht. Denn auf der inneren Leinwand bleiben die Eltern damit riesengroß und furchterregend und man selber klein und schwach.

    Das entspricht aber nicht der Realität. Eltern und erwachsene „Kinder“ sind gleich groß, sind auf Augenhöhe, doch wenn die inneren Bilder das äußere Geschehen überlagern, scheint manchem der Kontaktabbruch als einzige Waffe. Oft auch, um die Eltern nachträglich zu bestrafen oder sich zu rächen.

    (…)

    Kontaktabbruch sehe ich nicht als „Waffe“ oder gar „Rache“ wie Sie schreiben. Manchmal ist es m. E. die einzige und völlig legitime Reaktion auf elterliches Verhalten.

    Vielleicht hilft hier ein Vergleich: Nehmen wir an, ein Bekannter von Ihnen – also ein „freiwilliger Kontakt“ im Gegensatz zu Verwandten, zu denen ja auch die Eltern gehören, die man sich (mutmaßlich, es sei denn man glaubt esoterische Thesen) nicht aussuchen kann) – geht im Kontakt mit Ihnen regelmäßig respektlos um, spricht Ihnen das Recht auf eine eigene Meinung ab, kränkt sie fortwährend (und möchte das dann als „Kritik, die edelste Form von Freundschaft verstanden wissen“), beschimpft Sie, wenn sie mal nicht seiner oder ihrer Linie folgen, macht sie öffentlich lächerlich oder ist gar gewalttätig – Bitte: Was sollte Sie dazu veranlassen, diesen Kontakt nicht abzubrechen, es sei denn, Sie hätten eine masochistische Ader oder den Hang zum Martyrertum?

    Und manche Kinder verbindet eben eine derart leidvolle Geschichte – die auch durch so scheinbar weise Sprüche wie der von Katie Byron nicht wegzudiskutieren ist, denn „ohne meine Geschichte“ wäre ich dann ja auch nicht mehr im Besitz eines gültigen Führerscheins, den ich 1988 erworben habe – dass ihnen zum Schutz ihrer seelischen Gesundheit gar nichts anderes übrig bleibt, als sich für immer zu trennen, um sich zu schützen! Sowohl aus meiner Beratungspraxis wie aus eigener Erfahrung kenne ich Eltern, die sich aus ihrer Verantwortung ehemals vollzogener Gewalttaten stehlen, indem sie diese leugnen oder sogar noch als gut darstellen („Ich hätte Euch noch viel härter verprügeln sollen…!“), die als Narben oder schwere Verstörungen auch nach Jahrzehnten immer noch des Leben der seinerzeit völlig unschuldigen und ohnmächtig ausgelieferten Kinder derart nachhaltig (traumatisiert) bestimmen, dass sie im Leben nicht zurecht kommen, weil sie ausgerechnet von jenen Menschen gewalttätig behandelt wurden, von denen sie – wie wohl jeder – naiv nach der Geburt davon ausgingen, sie würden sie beschützen und pflegen, ihnen Urvertrauen vermitteln, was sich dann durch die grausame Realität in ein prägendes Urmisstrauen umgewandelt hat!

    Ja, und auch ich würde meinen Kindern den Kontakt zu solchen Großeltern vorenthalten, um sie vor den gleichen Traumatisierungen zu schützen – alles andere würde ich als „Unterlassene Hilfeleistung“ oder klarer: „Ausliefern an bösartige Menschen“ betrachten (Sie würden auch Ihre Kinder nicht zu dem „lieben alten Onkel von nebenan“ bringen, wenn sie von ihm sexuell misshandelt worden wären, und dieser – mittlerweile „sympathische 86 Jahre alt“ das immer noch leugnen würde – oder etwa doch?)!

    Und dann wird es noch spannender (oder skuriler):

    „Ihre Eltern haben Ihnen Ihr Bestes gegeben.“ – So? Prügeln, sexualisierte und seelische Gewalt war also „das Beste, was sie mir gaben?“ Wenn ich heute Eltern dabei beobachte, dass sie in irgendeiner Form gewalttätig gegen ihre Kinder vorgehen, dann schreite ich ein (siehe §§ 1666 BGB, § 323c (StGB: Unterlassene Hilfeleistung: Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.) – ich wollte, jemand hätte das vor 40 Jahren für mich getan!

    Weiter:

    „Ihre Eltern waren und sind „nur“ Menschen.“

    Dazu sage ich: „KZ-Wärter waren auch nur Menschen – dennoch hat man sie – soweit rechtzeitig habhaft – für ihre Taten verantwortlich gemacht! Gerade misshandelte Kinder haben ihren grenzüberschreitenden Eltern gegenüber lange ein schier unbegrenztes Maß an Verständnis aufgebracht – nicht aus Einsicht, sondern aus purem Überlebenswillen! Es gehört viel Mut dazu, die Illusion des Geliebt-Worden-Seins zu überwinden, und der nackten Realität ins Auge zu schauen: Zu überwältigend können die Gefühle ehemaliger (realer) Todesangst sein! Und da hilft dann kein „Wattebäuschchen-schmeißen“ oder „grenzenloses Verständnis“ sondern schonungsloses Benennen von Täterschaft bei den Eltern und Trost und Korrektur eines falschen, tief sitzenden Schuldgefühls bei den Kindern, die eher damit überleben konnten, sich schuldig zu fühlen, als die Grausamkeit der Eltern offen zu sehen (was sie als Kinder wahrscheinlich postwendend in den Wahn oder Suizid getrieben hätte).

    Und schlussendlich:

    „Sie brauchen Ihren Eltern nicht verzeihen oder vergeben.
    Das ist nicht angemessen. Wer vergibt oder verzeiht, kommt sich schnell großherzig und edel vor. Und wird innerlich dann größer als die bösen und uneinsichtigen Eltern. Es gibt aber gar nichts zu verzeihen. Denn was Ihnen Ihre Eltern möglicherweise angetan haben, hatte nichts mit Ihnen zu tun. Und viel mehr mit den unverarbeiteten Konflikten Ihrer Eltern, mit deren Hilflosigkeit und Überforderung in bestimmten Situationen.“

    Soso: Was diese Eltern mit mir gemacht haben, hat nichts mit mir zu tun? Darf ich Ihnen mal drei Klienten präsentieren, die noch heute – unfähig ein normales, gesund-autonomes Leben zu führen – zitternd vor ihren Eltern jeglichem Impuls von Autonomie aus dem Weg gehen, oder immer wieder angetriggert in alte Traumagefühle rutschen, von ihnen überschwemmt werden? Und dann möchte ich (oder besser nicht), dass Sie denen diese Thesen mal ins Gesicht sagen! Haben sie sich einen gesunden Kern an Würde und Autonomie bewahrt, sie würden wahrscheinlich Ihnen gegenüber ähnlich reagieren, wie leugnenden Eltern: Sie würden das Weite suchen!

    Als „Test“ für eine gelungene Ablösung bieten Sie den Satz an: „Ihr seid meine Eltern – und ich achte Euch.“ Ich antworte mit einem anderen Satz aufgeklärter Aufsteller, die nicht dem Hellinger-Irrsinn erlegen sind, nachdem „alle Eltern es ja nur gut gemeint haben, und grundsätzlich liebevoll sind“ (https://www.youtube.com/watch?v=aKUnJ7Rjjm4): „Ich rette mein Leben, dass ich von Euch habe, indem ich es vor Euch schütze!“ (Langlotz, Ruppert). Da halte ich es lieber mit den Vertretern der Profi-Therapiesezene, die ihre Patienten – oft ehemals gewalttätig verstörten Kinder – darin unterstützen, die Folgen alter Verwundungen als Ursache scheinbar chemisch bedingter Phänomene (Depression, Angst, Borderline, PTBS & Co.) den Erlebnissen zuzuordnen, die sie verursacht haben, und ihnen zu helfen, sich aus ihrem Gefängnis von Angst, Scham und Schuldgefühlen zu befreien (A. Miller, Langlotz, Ruppert, Peichl, etc.)!

    Herr Kopp-Wichmann, ich achte Sie und viele Ihrer Beiträge, Ihre Art und Weise ist mir spontan sympathisch. Und so hoffe ich auf einen gemeinsamen – gern öffentlichen Diskurs – über Ihre o. G. Thesen!

    Auf einen schönen, nicht traumatisierten Sonntag,

    Michael P. Klotz

  16. Ylander sagt

    Ein Thema, das erheblich unterschätzt wird.

    Ablösung von den Eltern ist m. E. sowohl Voraussetzung dafür als auch Folgewirkung davon, das eigene Leben zu leben, den eigenen Weg zu gehen, das eigene Ding zu machen. Hier besteht also eine Interdependenz, die in der Praxis schwierig zu bewerkstelligen ist.

  17. Euliz sagt

    Sie mögen ja recht haben, was „normale“ Eltern angeht. Aber was, wenn man als Kind seelisch, physisch oder sexuell von den Eltern misshandelt oder vernachlässigt wurde? Ich finde es unangemessen, dann noch von Kindern zu erwarten, dass sie ihre Eltern achten und den Kontakt halten. Wenn ein Mensch mir so massiv geschadet hat, ist es besser für mich, wenn ich mich von ihm distanziere. Vielleicht sollten Sie das in Ihrem Artikel noch ergänzen. Menschen, die in der Kindheit misshandelt wurden, neigen ja oft dazu, sich dafür noch lange schuldig zu fühlen. Wenn man dann soweit ist, dass man den Kontakt zu den Tätern abgebrochen hat, möchte man nicht lesen, dass man die Eltern eigentlich achten sollte und dass Kontaktabbruch der falsche Weg ist…

  18. Christoph Wallusch sagt

    Sehr guter Beitrag,
    hat mir die Augen geöffnet.
    Danke

  19. Mary sagt

    Liebe Frau Kahl, ich bin gerade durch Zufall auf Ihren Beitrag gestoßen. Ich habe es mir schon fast gedacht, dass es so ist. Nur leider zu Spät. Es ist vor 3 Tagen so richtig zum Bruch mit meiner Mutter gekommen. Mittlerweile bin ich 51J. und lasse mich immer noch durch ihre negativen Äußerungen provozieren.

  20. Gabi Schülke sagt

    Super beschrieben! Ich bin froh diesen Beitrag gefunden zu haben.

  21. Hallo liebe Frau Kahl,
    freut mich, dass mein Artikel so viel in Ihnen angestoßen hat. Zum besseren Verständnis der Ablösung von den Eltern hier noch ein Video von mir. Es richtet sich zwar an Männer, ist aber gut übertragbar.

    In diesem Sinne: friedliche Festtage.

  22. Meta Kahl sagt

    Das kam gerade rechtzeitig, lieber Herr Kopp-Wichmann! Immer wieder knirscht es zwischen unseren eigentlich selbstständigen, erwachsenen Töchtern und uns. Jetzt sehe ich das ganze logischer, auch die verschiedenen Typen, (Rebell, usw.) können wir jetzt klar nachvollziehen.
    Und…zwischen meinen 81 und 77 Jahre alten Eltern und mir, 53, gibt es immer noch Erwartungen und Ängste, die ein liebevolles Annehmen ziemlich erschweren!
    Aber, wenn man es erst mal versteht, kann man leichter daran arbeiten. Danke

  23. Interessante Gedanken und aufschlussreiche Zusammenhänge. Hatte Spass sowohl bei der Lektüre als auch beim abschliessenden Video!
    Schaue mir jetzt den Rest deines Blogs an 🙂
    Lg

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