Warum Arzthelferinnen sagen: „Hier dürfen Sie unterschreiben.“

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Allgemein

Gestern war ich bei der Krankengymnastik. Die Empfangsdame schob mir das Rezept zu und sagte: „Hier dürfen Sie unterschreiben“.
Ich sagte: „Und wenn ich nicht will?“
Sie lachte: „Dann müssen Sie trotzdem!“
Genau!

Die Praxishelferin sagt:
„Sie dürfen noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen“.

Und wenn ich nicht will?
Richtig: Dann bleibe ich im Flur stehen. Warten muss ich trotzdem.

Mein Chef sagt in der Konferenz:
„Wer darf heute das Protokoll schreiben?“
Alle lachen ein bisschen betreten, denn jeder weiß: Wollen tut das keiner.

Mit „Dürfen“, da verbinde ich die Keksdose meiner Oma. Oder dass ich Reiten lernen durfte, obwohl es Geld kostete. „Dürfen“, das sind angenehme Dinge, die mir jemand freundlich gestattet.

Es geht doch wohl eher ums „Müssen“: Warten müssen, zahlen müssen, lästige Zusatzaufgaben übernehmen müssen.

Ich weiß schon, es ist meistens irgendwie freundlich gemeint. Aber dafür würde ein „bitte“ auch ausreichen. Ich fühle mich, ehrlich gesagt, jedes Mal ein bisschen betrogen. Um eine aufrichtige Benennung der Tatsachen, sodass ich meinen Unwillen darüber angemessen spüren kann. Wenn ich ihn denn habe. Denn ich bin schließlich erwachsen: Ich weiß, dass ich für viele Dinge Geld zahlen muss, obwohl ich mir vielleicht wünschen würde, sie geschenkt zu bekommen. Ich weiß, dass Arztbesuche auch bei bester Organisation mit Wartezeiten verbunden sind. Und ich weiß, dass nicht alle anfallenden Aufgaben vergnüglich sind.

Warum hat sich also in den allgemeinen Umgang dieses verschleiernde „Dürfen“ eingeschlichen?

„Alles ist möglich!“

Mit diesem Spruch warb einst Toyota. Was der Preis dafür war, lasen wir in der Zeitung. Ich denke, dass wir in einer Zeit leben, in der die Illusion genährt wird, alles müsse irgendwie möglich sein, Grenzen dürfe es nicht geben. In der Wissenschaft, in der Politik, bei der Arbeit, in den persönlichen Beziehungen.

Auf der einen Seite zeigt sich das in einer ungeheuren Belastung des Einzelnen, der den gesellschaftlichen Druck spürt, für alles immer irgendwie eine Lösung finden zu müssen. Flexibel zu sein, fit zu sein, gesund und guter Laune zu sein. Möglichst anstrengunglos, was, wie jeder weiß, eine völlig unmenschliche Überforderung darstellt.

Auf der anderen Seite steigen aber auch die Ansprüche des Einzelnen: Bei soviel Mühe darf man auch fordern, dass alle anderen einem mühelos entgegenkommen, es nicht zu Differenzen, Unverträglichkeiten, Konflikten kommt. Wir erwarten mittlerweile bei jeder Dienstleistung ein freundliches Lächeln dazu, egal, wie derjenige sich wirklich gerade fühlt. Servicepersonal wird in dieser besonderen Freundlichkeit geschult, wir haben das Gefühl, sie steht uns zu.

Psychotherapeutisch gesehen sind wir auf dem besten Wege, eine narzisstische Gesellschaft zu werden. Manche meinen, wir sind es längst. Und das ist kein gutes Zeichen, betreffen doch narzisstische Störungen ein sehr frühes Lebensalter, eine Lebensphase von großer Unreife. Bei kleinen Kindern entstehen Störungen dieser Art, wenn ihre Bedürfnisse, die sie noch nicht verbal äußern können, nicht angemessen beantwortet werden.

Angemessen, das heißt auch, angemessen frustrierend. Einen Säugling schreien zu  lassen, ohne ihn aufzunehmen und zu beruhigen, ist grausam. Ein Säugling ist völlig angewiesen auf die intuitive Fürsorge der Eltern. Ein einjähriges Kind bei jedem Ton des Unwillens sofort aufzunehmen, ist unangemessen. Es lässt ihm keine Chance, vielleicht selber erst mal auszuprobieren, wie es sich helfen kann und darüber Stärken zu entwickeln.

In vielen Büchern beschäftigen sich Fachleute heute mit der Frage, warum es Eltern so schwer fällt, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Denn Eltern wissen, wie kleine Kinder auf solche angemessenen Zumutungen reagieren: mit Unwillen. Das muss man als Vater oder Mutter aushalten. Darüber wird nämlich auch deutlich, dass Mama oder Papa auch noch andere Wünsche haben als die des Kindes. Das ist frustrierend, aber es bedeutet auch Freiheit für das Kind: Wenn die anders sind als ich, darf ich auch anders sein als sie.

Warum sagt die Arzthelferin dann so etwas?

Wenn die Praxishelferin so tut, als würde sie mir etwas erlauben, obwohl sie mir in Wahrheit etwas zumutet, das allerdings völlig normal und angemessen ist, dann behandelt sie mich wie einen Säugling, dem eine solche Frustration nicht zuzumuten ist. Sie nährt damit in mir die frühkindliche Illusion, die Welt stünde nur allzu bereit bei Fuß, mir alle Wünsche von den Augen abzulesen, ohne dass es dabei zu Konflikten käme.

Soviel Schonung brauche ich aber eigentlich nur ganz selten im Leben, wenn ich sehr krank bin, zum Beispiel. In allen anderen Situationen wachse ich mit der Auseinandersetzung, die ich mit meiner Umwelt und ihren Gegebenheiten führe. Mit dem Erarbeiten von Möglichkeiten über ein Verhandeln, über Fleiß, über Geben und Nehmen. Aber auch mit der Erkenntnis meiner ganz speziellen Grenzen, die ich hinnehmen muss. Dass ich etwas nicht kann, nicht schaffe, was mir abverlangt wird oder was ich gerne täte. Dass ich das betrauern und auch wieder loslassen kann, eine solche Kränkung verarbeiten kann, statt störrisch an der Illusion festzuhalten, ich würde beispielsweise mit 50 immer noch so gelenkig sein wie mit 20.

Wenn ich aber meine eigenen Grenzen akzeptiere, mute ich sie auch anderen zu. Die müssen dann auch aushalten, dass ich nicht alles kann und nicht alles will. Dann kommt es zu Konflikten. Eigentlich etwas ganz Normales, für das wir aber zunehmend schlechter vorbereitet sind. Diese Konflikte werden gern umgangen, verleugnet, oder übermäßig aggressiv ausgefochten. Das sind aber keine Lösungen. Konflikte lösen, heißt immer auch, die Andersartigkeit des Anderen akzeptieren, Zuhören, den eigenen Standpunkt vertreten, Kompromisse schließen. In Augenhöhe, sozusagen.

Wie sind auf dem besten Wege, das zu verlernen, wenn wir der Illusion der Grenzenlosigkeit erliegen.

Damit begeben wir uns aber  in die seelische Position eines kleinen Kindes. Mit der dazugehörigen inneren Abhängigkeit von einer allezeit fürsorglichen Umgebung. Mit der passiven Aufgabe eigener kreativer Möglichkeiten. Und mit der Gefahr, dafür von der Umgebung ausgebeutet zu werden.

Und darum, liebe Praxishelferinnen: Sagt einfach, wo ich warten oder unterschreiben soll.
Ich halte das schon aus.

PS: Dies ist ein Gastbeitrag meiner Frau. Sie ist Psychiaterin, Psychoanalytikerin und hat eine Privatpraxis in Heidelberg.

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.