Warum Arzthelferinnen sagen: „Hier dürfen Sie unterschreiben.“

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Allgemein

Gestern war ich bei der Krankengymnastik. Die Empfangsdame schob mir das Rezept zu und sagte: „Hier dürfen Sie unterschreiben“.
Ich sagte: „Und wenn ich nicht will?“
Sie lachte: „Dann müssen Sie trotzdem!“
Genau!

Die Praxishelferin sagt:
„Sie dürfen noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen“.

Und wenn ich nicht will?
Richtig: Dann bleibe ich im Flur stehen. Warten muss ich trotzdem.

Mein Chef sagt in der Konferenz:
„Wer darf heute das Protokoll schreiben?“
Alle lachen ein bisschen betreten, denn jeder weiß: Wollen tut das keiner.

Mit „Dürfen“, da verbinde ich die Keksdose meiner Oma. Oder dass ich Reiten lernen durfte, obwohl es Geld kostete. „Dürfen“, das sind angenehme Dinge, die mir jemand freundlich gestattet.

Es geht doch wohl eher ums „Müssen“: Warten müssen, zahlen müssen, lästige Zusatzaufgaben übernehmen müssen.

Ich weiß schon, es ist meistens irgendwie freundlich gemeint. Aber dafür würde ein „bitte“ auch ausreichen. Ich fühle mich, ehrlich gesagt, jedes Mal ein bisschen betrogen. Um eine aufrichtige Benennung der Tatsachen, sodass ich meinen Unwillen darüber angemessen spüren kann. Wenn ich ihn denn habe. Denn ich bin schließlich erwachsen: Ich weiß, dass ich für viele Dinge Geld zahlen muss, obwohl ich mir vielleicht wünschen würde, sie geschenkt zu bekommen. Ich weiß, dass Arztbesuche auch bei bester Organisation mit Wartezeiten verbunden sind. Und ich weiß, dass nicht alle anfallenden Aufgaben vergnüglich sind.

Warum hat sich also in den allgemeinen Umgang dieses verschleiernde „Dürfen“ eingeschlichen?

„Alles ist möglich!“

Mit diesem Spruch warb einst Toyota. Was der Preis dafür war, lasen wir in der Zeitung. Ich denke, dass wir in einer Zeit leben, in der die Illusion genährt wird, alles müsse irgendwie möglich sein, Grenzen dürfe es nicht geben. In der Wissenschaft, in der Politik, bei der Arbeit, in den persönlichen Beziehungen.

Auf der einen Seite zeigt sich das in einer ungeheuren Belastung des Einzelnen, der den gesellschaftlichen Druck spürt, für alles immer irgendwie eine Lösung finden zu müssen. Flexibel zu sein, fit zu sein, gesund und guter Laune zu sein. Möglichst anstrengunglos, was, wie jeder weiß, eine völlig unmenschliche Überforderung darstellt.

Auf der anderen Seite steigen aber auch die Ansprüche des Einzelnen: Bei soviel Mühe darf man auch fordern, dass alle anderen einem mühelos entgegenkommen, es nicht zu Differenzen, Unverträglichkeiten, Konflikten kommt. Wir erwarten mittlerweile bei jeder Dienstleistung ein freundliches Lächeln dazu, egal, wie derjenige sich wirklich gerade fühlt. Servicepersonal wird in dieser besonderen Freundlichkeit geschult, wir haben das Gefühl, sie steht uns zu.

Psychotherapeutisch gesehen sind wir auf dem besten Wege, eine narzisstische Gesellschaft zu werden. Manche meinen, wir sind es längst. Und das ist kein gutes Zeichen, betreffen doch narzisstische Störungen ein sehr frühes Lebensalter, eine Lebensphase von großer Unreife. Bei kleinen Kindern entstehen Störungen dieser Art, wenn ihre Bedürfnisse, die sie noch nicht verbal äußern können, nicht angemessen beantwortet werden.

Angemessen, das heißt auch, angemessen frustrierend. Einen Säugling schreien zu  lassen, ohne ihn aufzunehmen und zu beruhigen, ist grausam. Ein Säugling ist völlig angewiesen auf die intuitive Fürsorge der Eltern. Ein einjähriges Kind bei jedem Ton des Unwillens sofort aufzunehmen, ist unangemessen. Es lässt ihm keine Chance, vielleicht selber erst mal auszuprobieren, wie es sich helfen kann und darüber Stärken zu entwickeln.

In vielen Büchern beschäftigen sich Fachleute heute mit der Frage, warum es Eltern so schwer fällt, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Denn Eltern wissen, wie kleine Kinder auf solche angemessenen Zumutungen reagieren: mit Unwillen. Das muss man als Vater oder Mutter aushalten. Darüber wird nämlich auch deutlich, dass Mama oder Papa auch noch andere Wünsche haben als die des Kindes. Das ist frustrierend, aber es bedeutet auch Freiheit für das Kind: Wenn die anders sind als ich, darf ich auch anders sein als sie.

Warum sagt die Arzthelferin dann so etwas?

Wenn die Praxishelferin so tut, als würde sie mir etwas erlauben, obwohl sie mir in Wahrheit etwas zumutet, das allerdings völlig normal und angemessen ist, dann behandelt sie mich wie einen Säugling, dem eine solche Frustration nicht zuzumuten ist. Sie nährt damit in mir die frühkindliche Illusion, die Welt stünde nur allzu bereit bei Fuß, mir alle Wünsche von den Augen abzulesen, ohne dass es dabei zu Konflikten käme.

Soviel Schonung brauche ich aber eigentlich nur ganz selten im Leben, wenn ich sehr krank bin, zum Beispiel. In allen anderen Situationen wachse ich mit der Auseinandersetzung, die ich mit meiner Umwelt und ihren Gegebenheiten führe. Mit dem Erarbeiten von Möglichkeiten über ein Verhandeln, über Fleiß, über Geben und Nehmen. Aber auch mit der Erkenntnis meiner ganz speziellen Grenzen, die ich hinnehmen muss. Dass ich etwas nicht kann, nicht schaffe, was mir abverlangt wird oder was ich gerne täte. Dass ich das betrauern und auch wieder loslassen kann, eine solche Kränkung verarbeiten kann, statt störrisch an der Illusion festzuhalten, ich würde beispielsweise mit 50 immer noch so gelenkig sein wie mit 20.

Wenn ich aber meine eigenen Grenzen akzeptiere, mute ich sie auch anderen zu. Die müssen dann auch aushalten, dass ich nicht alles kann und nicht alles will. Dann kommt es zu Konflikten. Eigentlich etwas ganz Normales, für das wir aber zunehmend schlechter vorbereitet sind. Diese Konflikte werden gern umgangen, verleugnet, oder übermäßig aggressiv ausgefochten. Das sind aber keine Lösungen. Konflikte lösen, heißt immer auch, die Andersartigkeit des Anderen akzeptieren, Zuhören, den eigenen Standpunkt vertreten, Kompromisse schließen. In Augenhöhe, sozusagen.

Wie sind auf dem besten Wege, das zu verlernen, wenn wir der Illusion der Grenzenlosigkeit erliegen.

Damit begeben wir uns aber  in die seelische Position eines kleinen Kindes. Mit der dazugehörigen inneren Abhängigkeit von einer allezeit fürsorglichen Umgebung. Mit der passiven Aufgabe eigener kreativer Möglichkeiten. Und mit der Gefahr, dafür von der Umgebung ausgebeutet zu werden.

Und darum, liebe Praxishelferinnen: Sagt einfach, wo ich warten oder unterschreiben soll.
Ich halte das schon aus.

PS: Dies ist ein Gastbeitrag meiner Frau. Sie ist Psychiaterin, Psychoanalytikerin und hat eine Privatpraxis in Heidelberg.

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

14 Kommentare

  1. Jutta Schröder sagt

    Gerade heute wieder einmal hat mir eine junge Arzthelferin erlaubt, mich zum Warten setzen zu d ü r f e n !
    Die jungen Damen sind sich m. E. gar nicht im klaren darüber. wie anmaßend sich das anhört und verwechseln diese dumme Redensart mit Höflichkeit. Heute habe ich ironisch reagiert und mich ausdrücklich wörtlich für die Erlaubnis bedankt. – Ich bin 72 Jahre alt.

  2. Lord David sagt

    Lieber Herr Kopp Wichmann,

    das kann ich verstehen, da rege ich mich aber auch drüber auf, dann ist es mir aber auch egal ob ich gesagt bekomme, „sie dürfen noch eine halbe Stunde warten“ oder „sie müssen noch eine halbe Stunde warten“ Vor allem stellt man sich doch immer wieder die Frage, was dauert da solange?
    Warum mache ich überhaupt einen Termin?

    Viel Spass noch beim bloggen

    LD

  3. Hallo Lord David,
    ich finde, die Alternative zu „Sie dürfen …“ ist nicht Unfreundlichkeit. Sondern wie im Artikel beschrieben: „Bitte unterschreiben Sie hier.“ oder Ihre Formulierung „“Sie können hier unterschreiben”.
    Aber wenn ich höre, „Sie dürfen jetzt noch eine halbe Stunde im Wartezimmer Platz nehmen“, reagiere ich nicht freundlich.

    Danke für Ihren Kommentar.

  4. Lord David sagt

    Hallo Herr Kopp Wichmann,

    seien Sie doch froh, dass die Arzthelferin (im übrigen es heißt nicht Praxishelferin ;-)) sagt, Sie dürfen hier unterschreiben, ich habe schon öfters erlebt, dass es auch anders gehen kann, wenn dann der Arzt sagt: „Sie haben eine Krankheit, daran können sie sterben, wir können sie operien, wenn sie nicht sterben wollen unterschreiben sie hier“
    Hausärzte sind auch Dienstleister und wenn die Arzthelferin am Empfang unfreundlich ist und sagt, „Sie müssen jetzt hier warten, hier unterschreiben“ usw. überlegt sich der Patient auch, ich habe die 10€ Praxisgebühr bezahlt, dann kann ich auch freundlicher behandelt werden und geht beim nächsten Wehweh zu einem anderen Arzt.
    Viele Patienten wünschen sich aber auch dieses Pflegekraftartige, dieses umtütelt werden, dieses „hier bin ich sicher und man kümmert sich um mich“
    Auch können wir niemanden dazu zwingen etwas zu unterschreiben, ich finde es wichtig mit dem Ausspruch „Sie dürfen hier unterschreiben“ hat der Patient immer noch die Wahl, unterschreibe ich werde ich behandelt, unterschreibe ich nicht ….
    Ich persönlich habe mir angwöhnt zusagen, „Sie können hier unterschreiben“ da es mir am besten gefällt.

  5. Karl Hinkel sagt

    Ja, c17h19no3, genau dieses Verhalten gibt es in vielen Formen, ich meine das Ihrer Kolleginnen. Selbst habe ich erlebt, dass größere Vorhaben in Firmen an ganz kleinen Dingen scheiterten – entweder fehlten die Faserstifte für das Whiteboard, oder es lagen Permanentstifte dort – (absichtlich ?) Das Grinsen der zuständigen Kollegen/Innen gibt ausreichend Antwort.

    Ihre Reaktion auf die angebliche Hilflosigkeit von Kollegen/Innen ist erst mal verständlich, dass das funktioniert, ist eher unwahrscheinlich. Denn genau diese Kollegen/Innen haben oft auch `das Zeug dazu´, die Geschichte zu verdrehen, solidarisieren sich, erhöhen den Stress, suchen einfach andere Wege… Und zu guter Letzt werden sie eh nichts zugeben, wie in einem anderen Artikel hier behandelt, wird es keine Klärung geben. Grinsende Gesichter werden dich irgendwann so provozieren, dass schließlich die Frage ist, wer dann geht…

    Dass man da selbst immer wieder einspringt, sich anbietet, liegt doch auch daran, dass man Bestätigung aus diesen „Hilfs“aktionen erwartet. Dass man gebraucht werden möchte. Das kann eine Sucht sein, gebraucht zu werden. Lässt man dies, kommt es zu Entzugserscheinungen, eine tief inneliegende Spannung, doch noch zu dienen, zur Lösung der Probleme beitragen zu müssen.

    Kollegen, auch Chefs, Familienmitglieder, Freunde und Bekannte finden oft schnell die Knöpfe, die sie nur drücken müssen, um all ihre guten Gaben zu mobilisieren. (Und wie das ganze Geschehen dann immer wieder gerechtfertigt wird, von allen Beteiligten.
    Selbst hörte ich mal eine ältere Nachbarin im Treppenhaus zu ihrer Nachbarin sagen: Wenn du was hast, handwerklich oder so was, geh zum Herrn Hinkel, der hat alles, Bohrmaschine im Keller, der kann das alles, hat mir schon…. Aber gib dem kein Geld, dann ist der noch beleidigt. Ich stell dann nachher ein Fläschchen Wein vor die Türe.
    Alles spricht sich rum. Nachher kommt man nicht mehr raus. Die anderen solidarisieren sich, selbst fühlt man sich schlecht, Klärung gibt es so gut wie nicht. „Och, da war doch nix.“

    Für sich selber kann man etwas tun: Wofür brauch ich immer diese Bestätigung? Und warum ist das entstanden? Was hat mir gefehlt, fehlt mir? „Der Weg aus der Co-Abhängigkeit“ (Pia Mellody und Andrea Wells Miller) ist ein Lern- und Trainingsprojekt, welches ich z.Z. parallel durchziehe. „Ich kann auch anders“, (Kopp-Wichmann), auf diesem Blog zu finden, ist im Rahmen dieses Themas auch hilfreich. Nur dieses „anders“ ist nicht mal eben so möglich, eher ein Mammutprojekt, das man mit aller Ernsthaftigkeit lernen und umsetzen muss.

    Gut ist, wenn man einen Begleiter hat, der schon etwas weiter ist. Einfach ist da nichts. In meinem Falle entstanden gehörige Entzugserscheinungen. Auf einmal hörte ich, was andere sagten: „Du läufst rum wie ein Selbstbedienungsladen“, „Du sagst eigentlich nie NEIN“, „Warum machst du das alles überhaupt?“, „Denk´ doch mal an dich!“, „Das interessiert doch keinen!“ – allerdings dachte ich immer, dass es wenigstens die Empfänger meiner Hilfen interessiert. Denksde! Das wird doch alles zumeist auf einer niederen Bewusstseinsstufe resorbiert, verschluckt wie von einem Schwarzen Loch, weggetragen dorthin, wo sie dafür bewundert werden. Auch habe ich mal Bestätigung einfordern wollen. Die Antworten kennt jeder von der Sucht gebrauchtzuwerden gut: „Was willst du überhaupt?“, „Na wad denn jetze?“, „Ich denke du machst das gern, oder?“, „War doch nix!“

    Vor 25 Jahren rief ich einen Programmierer in Cambridge an und bat um eine Programmänderung für einen Kunden. Dieser antwortete auf eine Weise, die keine Diskussion mehr zuließ, freundlich und bestimmt war: „I can not do this for you. I thik I can not do this for you.“

    Es hat lange gedauert, bis ich das auch konnte. Heute ist mir klar, dass sowohl der Bedarf an KOSTENLOSEN Problemlösungen in meinem Umfeld unendlich ist und bleiben wird, als auch die Verhandlungstechniken von Mitmenschen, diese abzurufen sich stetig erneuern und anpassen. Denn andere lernen ja auch.

    Entzugssymptome waren bei mir ein Thema. Nichts zu tun, ruhig zu bleiben, NEIN zu sagen, loszulassen, sich nicht einzulassen, Probleme nicht zu suchen, keine Erwartungen und keine Enttäuschungen aufzubauen… das alles macht genau so ein komisches Gefühl, wie es der Zwang tut, immer zur Stelle sein zu müssen, immer JA zu sagen, „helfen“ zu müssen, Anerkennung, Beachtung und Aufmerksamkeit auf diese Weise suchen zu müssen.

    Gut ist es, wenn man einen Mentor hat. Selbst hätte ich es vorher nicht geglaubt, aber `geschickt zu werden´ macht Änderungen eher möglich. Ach, wie tief das alles sitzt:

    Vor Tagen erklärten Wissenschaftler in einer Doku, wie dieses „Helfen“ entstanden sein muss. Als die Neandertaler den Homo Sapiens besuchten, in einer Gruppe zusammen ein Mammut erlegten, um nicht zu verhungern, sich gegenseitig die Kinder und Wunden versorgten, da haben sie sich richtig liebgewonnen, obwohl sie doch so verschieden waren. Niedlich und schön anzusehen. Die Computeranimationen der Doku waren spitze. Das archetypische Muster der Helfergeschichte ist wirklich echt!!! Unecht ist, was heute allenthalben in Büros, sog. Freundeskreisen, Nachbarschaften läuft. Verwirrend ist, wenn irgendwie alle Beteiligten es ganz normal finden, ein Leben als Kranke zu führen. Persönlichkeitsentwicklung ist ein Weg hinaus. Alles Gute, Karl

  6. meine kolleginnen leiten aufforderungen stets mit „kannst du mir bitte einen gefallen tun…?“ (und das fax dreißig mal kopieren/die stühle da rüber tragen/kaffee kochen/die präsentation auf fehler checken – und zwar möglichst alles gleichzeitig innerhalb der nächsten drei minuten) ein. inzwischen reagiere ich schon allein wegen dieses satzes mit schlechter laune. denn im grunde heißt er nichts anderes als : mir egal, ob du gerade unter deinen aufgaben zusammenbrichst, wenn du das nicht gebacken kriegst, werden wir ja sehen, wer am ende des monats noch da ist. 😉

  7. Karl Hinkel sagt

    Der Artikel ist hervorragend und nach gerade erfolgtem Überfliegen werde ich ihn morgen noch studieren. Dass da etwas überinterpretiert ist, kann ich absolut nicht sehen. Eher im Gegenteil; denn aus einer Beschäftigung mit Wayne Dyers Buch „Führen Sie in Ihrem Leben selbst Regie“ habe ich gelernt, dass tatsächlich das Marionettenspiel in so vielen Zupferln an den Fäden beginnt und solange die Fäden halten und zur Verfügung gestellt werden…

    Die im Artikel angefügten Beispiele finde ich sehr angemessen. Dienstleister lernen dieses Verhalten in der Berufsschule, trainieren dies in Rollenspielen. Natürlich gibt es in Artzpraxen, gerade da, viele rein rhetorische Fragen und Freundlichkeiten. Wie sollen die sich denn dort auch für alle Krankheiten der Besucher echt interessieren, ich meine mit Ernsthaftigkeit und Echtheit. Es gibt ja 100.000 (Besucher sowie Krankheiten)…

    Als Vertriebsingenieur lernt man natürlich auch, freundlich und bestimmt an sein eigenes Ziel zu gelangen. Die der anderen sind nachrangig. Rufe ich bei einer Firma an und sage zur Sekretärin: „Ich möchte gerne Herrn Wagner sprechen.“, gebe ich der Sekretärin die Gelegenheit, ihr eigenes Geltungsbedürfnis zu mobilisieren, meine Frage zu verneinen, mich `auf Eis zu legen´. Konnte ich doch meine Sekretärinnen dabei beobachten.

    Sage ich: „Ist Herr Wagner da?“, habe ich nur eine 50 % – Chance. Obwohl die meisten Leute ja da sind oder in der Nähe. Sage ich: „Würden Sie mich bitte mit Herrn Wagner verbinden?“, gebe ich der Sekretärin die Möglichkeit für ein Spiel: `Würde ich gerne, aber…´ oder `Da muss ich erst mal sehen, ob er da ist…´ – dann mag sie den Hörer zur Seite legen und sich amüsieren, fragt vielleicht nach 10 Minuten: `Sind sie noch daaa?´

    Es geht doch wirklich nur so: „Guten Tag, mein Name ist… Verbinden Sie mich bitte mir Herrn Wagner!“ Nur so geht´s. Und da ist kein Trick. Es stellt einfach eine gemeinsame Ebene her zwischen Wagner, Sekretärin und mir. Alle Menschen sind gleich viel wert. Das Unterbewusstsein der Sekretärin reagiert partnerschaftlich, es meldet: hier wird zügig, sachlich und ergebnisorientiert gearbeitet, nicht gespielt.

    Beides stimmt: Die Arzthelferin, welche „Möchten sie bitte…?“, sagt, sollten wir nicht überbewerten. Aber tatsächlich steckt in solchen Formeln, in Riten und Verhaltensrezepten viel Energie. Und glaube bitte niemand, dass es dabei um mich und dich geht. Die Arztpraxen-Angestellten sind ja mehr mit sich und den Abrechnungen beschäftigt. Dass wir gemeint sind, dass wir bedeutend sind, soll uns allenthalben vorgespielt haben.

    Auch ist gar nicht so spannend, was da gerade gesagt wird, sodern was genau geschieht. Versuchen Sie das mal beim Einwohnermeldeamt. Beim Umzug hatte ich den Personalausweis verloren. Beim Lindenthaler Bezirksamt sagte ich laut vernehmlich und für alle Beamten und Besucher vernehmlich: „Glauben Sie mir bitte, ich finanziere jeden Tag dieses Unternehmen hier mit, wie alle anderen Leute, die herkommen. Unverständlich finde ich, dass für die Fotos im Automaten nun 16 Euro berappen muss, für vier Stück, wovon nur eines gebraucht wird – Fotos kosten bei Rossmann 1 Cent das Stück 9 x 13 Zentimeter. Und für den Ersatzausweis sollen dann noch mal 40 Euro bezahlt werden. Phhh. Ich brauche auch so eine Gebührenliste.“

    Was meint ihr denn was geschah? Die Beamten haben das ernst genommen. Einer wollte einen Termin beim Oberbürgermeister abstimmen, griff zum Hörer. Besucher klatschten Beifall. Alle verdienen: Der Fotoautomatenverkäufer, der Passhersteller, die Beamten (Geld und unangemessene Beachtung), usw.

    Der Wert von Artikeln wie der hier vorliegende besteht darin, für solche und ähnliche Situationen wach zu werden. Das gilt vor allem überall, wo etwas verkauft wird, wo es um Kohle geht. Die Welt ist aber doch kein Sack Kohle.

    Das o.a. Buch von Dr. Dyer kann ich von ganzem Herzen jedem Besucher dieses Blogs empfehlen. Das ist ein Goldman Paperback für ein paar Euro. Aber es gibt Bücher, die sind pures Gold.

    Gute Nacht nach Heidelberg,
    Karl Hinkel, Köln

  8. Hallo Karin,
    kluger Einfall, dass das eine neue Service-Trainer-Methode sein könnte. Aber auch die entsteht ja nicht im luftleeren Raum, sondern in einem bestimmten Kontext. Sowohl bei demjenigen, der sie sich ausdenkt als auch bei dem, der sie dann übernimmt.
    Das mit dem häufigen Namen-Nennen stört mich auch meistens. Da hat jemand mal gelesen, dass Menschen gerne ihren Namen hören und macht dann gleich ein Tool daraus. also der Versuch, künstlich schnell eine Nähe aufzubauen, was aber eben nicht glaubhaft wirkt (wenn man es tiefenpsychologisch deuten wollte.)

    Danke für Deinen Kommentar.

  9. Hm! Mit diesem Beitrag kann ich – ausnahmsweise – nicht so mitgehen. Wenn nun überall „Sie dürfen…“ verwendet würde, wo vielleicht ein „Bitte würden Sie…“ stimmiger wäre, fände ich das sicher übertrieben. Doch die tiefenpsychologische Interpretation finde ich doch etwas zu weitgehend. Ich glaube nicht, dass die Arzthelferin, die sagt „Hier dürfen Sie unterschreiben“, sich so viele Gedanken macht und mich vor der rauen Wirklichkeit „schonen“ möchte. Eher könnte ich mir vorstellen, dass sie ein Seminar zur Kundenorientierung besucht hat und das die neueste Idee irgendeines Trainers ist, wie man besonders kundenfreundlich formuliert. Dazu zähle ich auch die Empfehlung, nach jedem Halbsatz den Namen des Gegenübers zu sagen, etwas was mich beispielsweise furchtbar nervt.

  10. Hallo Martin,
    stimme Ihnen zu, dass unsere Welt anders aussehen würde. Aber was tun?
    Mahatma Ghandi sagte dazu: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

    Danke für Ihren Kommentar.

  11. Martin sagt

    Folgendes Zitat aus dem Beitrag gefiel mir besonders gut: „Konflikte lösen, heißt immer auch, die Andersartigkeit des Anderen akzeptieren, Zuhören, den eigenen Standpunkt vertreten, Kompromisse schließen. In Augenhöhe, sozusagen“.

    Wenn ab heute jeder seine Konflikte so lösen würde, hätten wir morgen schon eine für alle spürbar bessere Welt.

    Die Realität sieht leider (noch) ganz anders aus. Ich habe aber sehr viel über die möglichen Ziele der menschlichen Weiterentwicklung nachgedacht und dabei erkannt daß das Erlernen des von Ihnen (Ihrer Frau) beschriebenen, zwischenmenschlichen Verhaltens eines unserer nächsten grossen Aufgaben ist. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, daß dies eine der wesentlichen Grundlagen für den nächsten wirtschaftlichen Aufschwung sein wird 🙂

    ———————————-

    Wo wären wir denn heute, wenn unsere Vorfahren alle einfach gesagt hätten, das geht doch nicht, und niemand den Weg gegangen wäre, um wirklich zu sehen, was Menschen erreichen können, wenn sie sich mutig, entschlossen und tatkräftig auf den Weg machen, um sicherzustellen ob etwas wirklich nicht geht ?

  12. Der einfachste Ausweg wäre doch zu sagen: „Bitte unterschreiben Sie hier“ oder „Nehmen Sie bitte noch einen Moment im Wartezimmer Platz.“

    Dann wäre klar, die Arzthelferin will etwas von mir, sie hat einen Wunsch. Dem ich auch gern nachkomme, weil er freundlich geäußert wird. Der Chefarzt könnte einfach fragen: „Wer schreibt heute das Protokoll?“ Meldet sich unter Umständen keiner oder ist es jedes Mal ein Gezerre, muss man (nicht darf!) sich ein Procedere ausdenken, dass es darüber nicht jedes Mal eine Diskussion gibt. All das wäre klare Kommunikation.

    Lieber Leser: Sie dürfen hierzu Stellung nehmen.
    Nein, ich freue mich über weitere Kommentare.

  13. Jürgen sagt

    Besonders in spirituell-esoterisch angehauchten Kreisen sagen wir das sehr oft sogar zu uns selbst: Ich darf jetzt den Müll ‚runterbringen 🙂 Klar, seit Nathan dem Weisen wissen wir, dass wir nichts müssen müssen. Doch wir können das „auf unsere Worte achten“ auch übertreiben – müssen es aber nicht.

    Liebe Grüße,
    Jürgen

  14. Birgit sagt

    Schön, dass ich diesen Beitrag lesen durfte 😉

    Aber ist es nicht ein klein wenig überladen?
    Ich fände es verbal einfach etwas unhöflich, wenn mir jemand sagt: „Sie müssen hier unterschreiben“.
    Das klingt für mich zu hart.
    Wenn mir jemand mit einem freundlichen Lächeln und einem „Sie dürfen hier…“ die Illusion verkauft, dass ich die Wahl hätte, ist mir das allemal lieber als ein hartes „Sie müssen…“

    Ich reagiere eher empfindlich, wenn jemand sagt, Sie müssen dies oder das….

    Aber schön ist ja, dass wir hier unterschiedlich sein dürfen 🙂

    P.s.: Ich mag das Zitat auf Ihrer Seite aus „good will hunting“ – sehr gut gewählt!

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