Wenn ein Psychotherapeut einen amerikanischen Gottesdienst besucht.

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Dann geht ihm einiges durch den Kopf.

shithappens

Über Glauben und Religion zu schreiben finde ich immer heikel. Jene, die glauben fühlen sich schnell angegriffen. Jene, die nicht glauben fühlen sich schnell bestätigt. Ich probiere es trotzdem mal heute.

Anlass war der Besuch eines Gottesdienstes der Crossover-Church in Morganton, Georgia. Die Crossover Church versteht sich als eine innovative, multi-ethnische, generationsübergreifende Kirche, die Menschen hilft, ihr Leben in Christus zu entdecken, zu entwickeln und zu zeigen.

Sonntagmorgen kurz nach acht Uhr morgens waren wir da. Die frühe Uhrzeit erklärt sich dadurch, dass man erst mal miteinander frühstückt. Jeder bringt was mit und so gibt es neben Tee, Kaffee und Saft leckere Pies, jede Menge Kuchen und Obst.

Da unsere Freunde uns schon Wochen vorher angekündigt hatten gab es viele neugierige Leute, die uns begrüßten und alles Mögliche über uns wissen wollten. Nach dem Frühstück war Bibelstunde.

predigtEin freundlicher Herr erzählte, wie er als schwerer Alkoholiker in seiner zweiten Ehe viele Probleme hatte und erst durch Gott dahin fand, andere Menschen emotional an sich heranzulassen.

Bevor der Gottesdienst begann gab es noch ein Come-Together. Schon in der Kirche konnte man auf Menschen zugehen, sie begrüßen und ein paar Worte wechseln. Dann begann der Gottesdienst mit mehreren Liedern, deren Texte auf drei Projektionswänden sichtbar waren. Die Lieder erinnerten mich eher an Musical-Songs als an Kirchenlieder, wie wir sie kennen, die ja teilweise sehr alt sind.

Dann kam die Predigt des Pastors.

cortisRick Cortis ist ein rhetorisch sehr gut geschulter Redner und beherrschte die Technik des Storytellings perfekt.

Der Rahmen seiner Ansprache war ein Projekt, in dem verwahrloste Jungen im Alter um die 12 – 15 Jahre unter Anleitung mehrerer Männer ein Boot bauten. Das Boot stand auch auf der Bühne und wurde immer wieder als positives Symbol erwähnt.

Der Kern seiner Predigt war die Botschaft: „Jesus arbeitet mit Dir, in Dir und durch Dich.“ Hiermit waren die verschiedenen Ebenen gemeint, in denen man erleben kann, dass Jesus mit einem arbeitet.

drift boatHier geht es im Wesentlichen darum, dass Jesus uns helfen will, dass wir bessere Menschen werden, denn am Tag des Jüngsten Gerichts werden wir alle daran gemessen, wie viel wir aus uns gemacht haben.

 

 

Wozu brauchen wir einen Glauben?

Ich habe ja einige spirituelle Lehr- und Wanderjahre hinter mir. Zwar früh aus der evangelischen Kirche ausgetreten, zogen mich ab dem 27. Lebensjahr vor allem östliche Glaubensformen an. Es begann mit den Büchern von Krishnamurti, später war ich Sannyasin bei Bhagwan und dann recht intensiv bei den tibetischen Buddhisten aktiv.

So tröstlich ich alle diese Ansätze fand, blieb ich doch nicht dabei. Das hat vor allem mit dem Buch “Den spirituellen Materialismus durchschneiden” von Chögyam Trungpa Rinpoche zu tun. Danach wurde mir klar, dass auch meine „spirituelle“ Suche ein großes Selbstverbesserungsprogramm war.

Statt dem Anhäufen materieller Güter strebt man dabei nach der tieferen Meditation, dem reineren Herzen, der leersten Leere. Und bei den meisten Mitgliedern der Sangha glaubte ich, ähnliche Mechanismen des Egos zu entdecken.

Da war es plötzlich mit meiner Suche vorbei. Und mein wichtigstes Gebot wurde der Satz: „Es gibt ein Leben vor dem Tod“. Diese Erkenntnis muss man nicht glauben, denn sie ist Fakt und dann hat man ja immer noch genug, Probleme zu bewältigen – und Schönes zu erleben.

 

Ist Glauben die ultimative Selbstoptimierung?

Diese lang zurückliegenden Erfahrungen und Gedanken gingen mir so durch den Kopf, als ich dem Pastor zuhörte. Denn natürlich ging es auch darin, dass man ein besserer Mensch werden soll und man erst  am Tag des jüngsten Gerichts erfährt, wie erfolgreich man bei diesem Projekt abgeschlossen hat.

Der Kampf um eine hervorragende Abiturnote, weil erst diese einem den Weg in eines der begehrten Numerus-Clausus-Fächer erlaubt, ist dagegen ja ein Klacks.

Anfänger spielen noch mit Fitness-Trackern herum, um ihren Fitnesszustand zu verbessern. In der Predigt wurde einem vermittelt, dass es darum geht, am geistigen Fitnesszustand zu arbeiten.

Dagegen ist nichts einzuwenden, arbeite ich doch als Psychotherapeut und Trainer in derselben Branche. Allerdings sehe ich, wie widerstrebend sich Menschen ändern, weil das fast immer mühsam ist. Mit Gottes Hilfe scheint das für viele Menschen leichter zu sein.

Auch der Prediger erzählte von seiner überwundenen Alkoholsucht, was ja eine enorme Leistung darstellt, an der viele scheitern. Er schilderte seine „Heilung“ als eine Art Erkenntnisblitz, der über ihn kam, als er erkannte, was der Alkohol mit ihm und seiner Familie bis dahin gemacht hatte.

Für ihn war klar, dass das die Botschaft von Jesus war.

Als Therapeut stelle ich mir vor, dass in seinem inneren Team plötzlich ein kluger Teil sich meldete und verkündete: „Mensch, hör auf mit dem Scheiß – du ruinierst dein Leben!“ und er diesem folgte. Das klingt natürlich nicht so toll wie wenn GOTT HIMSELF mit einem spricht.

Andererseits muss man fragen, warum Gott sich so spät in seinem Leben meldete – aber dieser Einwand gilt auch für den rettenden Teil des inneren Teams.

Ach, wir wissen so vieles nicht. Müssen uns aber dauernd entscheiden zwischen richtig und falsch. Und so richtig klug ist man immer erst hinterher.

Da beneide ich Menschen, die an Gott glauben können – jedenfalls so wie es in dieser Gemeinde geschieht. Das konnte ich auch an unseren Freunden im Alltag beobachten.

Glauben vermittelt eine enorme Sicherheit.

Bei schwierigen Entscheidungen liest man entweder selbst in der Bibel und macht sich einen Reim daraus. Oder wenn man über widersprüchliche Bibelstellen stolpert, fragt man den Pastor.

Diese Sicherheit hat natürlich ihren Preis: unbedingte Gefolgschaft. Und diese Sache machte mich bei allen Glaubensformen immer hellhörig und skeptisch.

 

Glaubenssysteme sind immer geschlossene Systeme.

Geschlossene Systeme müssen sich wehren und abgrenzen gegen Informationen von außen. Das macht sie nach innen stark und attraktiv für Suchende. Hat aber auch seinen Preis.

  • In einer Diktatur lebt man so lange „gut“, wie man nicht gegen die Regeln des Systems verstößt.
    Die aufkommenden störenden Gefühle gegen den Herrscher werden verarbeitet, indem man den Mann an der Spitze (Diktaturen sind Männersache!) anbetet und vergöttert.
    Therapeutisch gesprochen: man idealisiert ihn als Abwehr gegen all die Gefühle, die nicht zur Unterwerfung passen.
  • Viele Freiheiten können Unsicherheit hervorrufen.
    Unser westlicher Lebensstil kann bei Menschen auch das Bedürfnis nach autoritären Strukturen erzeugen. Diese werden oft von „religiösen“ Gruppen benutzt und manipuliert. Sekten aber auch terroristische Regimes funktionieren so und haben mitunter eine hohe Anziehungskraft für labile Menschen.
  • Auch Familien können geschlossene Systeme bilden.
    Vor allem dann, wenn es ein oder mehrere dicke Probleme gibt. Also Missbrauch, Alkoholsucht, Prügel oder Magersucht eines Familienmitglieds. Hinweise oder Warnungen von außen durch Freunde, den Hausarzt usw. werden als Einmischung und Bedrohung erlebt und abgewehrt.
  • Kreative Umdeutungen sind ein wichtiges Werkzeug in geschlossenen Systemen.
    So wurde die Berliner Mauer in der DDR als „befestigte Staatsgrenze“ oder als „antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnet.
    Hinweise von außen auf Missstände in einem zentralistisch geführten Land werden immer als „Einmischung in innere Angelegenheiten“ oder als „Propaganda feindliche Kräfte aus dem Ausland“.

Und das fiel mir auch in dieser Kirche und unseren Freunden auf.

Natürlich wurde vor jeder Mahlzeit gebetet. Nun ist Dankbarkeit ja eine gute Sache. Viel zu oft glauben wir, dass alles selbstverständlich da sein müsse und regen uns schnell auf, wenn mal etwas nicht klappt.

Aber beim Beten dankte man nicht nur für das Essen, das vor einem stand. Sondern auch, dass es dem Bruder bei seinem neuen Job gut gehen möge. Dass dem Onkel auf dem langen Flug nichts passieren soll. Dass die ganze Familie gesundheitlich und finanziell gut zurecht kommt.

Das ist ja menschlich gut verständlich, aber mir kam es doch wie eine subtile Form, die Kontrolle über etwas Unkontrollierbares zu gewinnen. Das hat ja eine uralte menschliche Tradition: die Götter gnädig stimmen – eventuell sogar durch ein Opfer – damit sie einem wohl gesinnt sein mögen.

Wie gesagt: Glauben kann enorme Sicherheit vermitteln. Beneidenswert!

Und jetzt kommt die kreative Umdeutung in geschlossenen Systemen ins Spiel.

Thomas Kuhn beschrieb schon 1969 in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ zu welchen „Verfälschungen“ Systeme fähig sind, um ihr tradiertes Glaubenssystem gegen widersprüchliche Informationen abzuschirmen. Dass also zum Beispiel die Erde keine Scheibe ist.

In seiner Predigt erklärte das Rick Cortis genauso. Wenn etwas gut läuft in deinem Leben, hast du das Gott zu verdanken. Wenn etwas total Scheiße läuft aber auch. Mit dem Unterschied, dass Gott dich jetzt etwas lehren will: „HE will work with you, on you and through you.“

Viele Sprüche aus dem Alltagsleben, der Esoterik oder der Managementliteratur arbeiten mit demselben Muster:

  • Es gibt keine Probleme – nur Herausforderungen.
  • Erfolgreich scheitern!
  • „Nullwachstum“ und „negative Zinsen“
  • „Dir begegnet dieses Problem immer wieder, weil du noch etwas lernen sollst.“
  • „Scherben bringen Glück!“

Psychotherapeuten machen das ja auch laufend:

  • „Meine Mutter ruft mich zehnmal am Tag an. Das nervt!“
    „Oh, Ihre Mutter will Ihnen zeigen, wie wichtig Sie ihr sind.“
  • „Ich habe geträumt, dass ich ermordet werde.“
    „Oh, auf wen sind Sie so wütend, dass Sie ihn töten könnten.“
  • „Warum hat mein Mann mich verlassen?“
    „Damit es Ihnen endlich besser geht.“

Wann könnte ich in eine solche Kirche eintreten?

Was mir gut gefiel, war die warmherzige, positive Stimmung zwischen den Gemeindemitgliedern. Auch die Betonung der Dankbarkeit fand ich wichtig. Die Zugehörigkeit zu einem überschaubaren Kreis mit regelmäßigen Treffen, festen Ritualen kann dem Leben Sinn und Tiefe geben – wenn man dafür nicht selbst auf andere Weise gesorgt hat.

Skeptisch macht mich bei allen Religionen, dass das, was Menschen zu wissen glauben, was Gott von ihnen erwartet, sich meist mit ihren eigenen Wünschen deckt.

Ich denke, wenn ich mich sehr einsam und abgeschnitten vom Leben fühlen würde, dann wäre eine solche feste Gemeinschaft für mich eher anziehend. Da ich das nicht bin, weckte der Besuch in der Crossover-Church eher amüsierte und rebellische Gefühle.

 

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Bild: © www.cartoon4you.de

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

7 Kommentare

  1. Rolf sagt

    Sehr geehrter Hr. Kopp-Wichmann,

    ich lese seit einiger Zeit Ihre Newsletter mit Interesse, da ich das Gefühl habe, dass Sie „wissen wovon sie schreiben“ und etwas zu sagen haben – was man relativ selten in dieser Kombination antrifft.

    Nun habe ich den Artikel mit dem Aufhänger „amerikanischer Gottesdienst“ auch gelesen und er fordert mich doch zu einer Antwort heraus.

    Das Fatale an der großen Frage „Gibt es Gott oder nicht und ist der Glaube an ihn einem denkenden Menschen schlicht nicht angemessen?“ ist, dass sie das ganze Thema am völlig falschen, oder sagen wir unsinnigen, Ende anpackt.

    Im Grunde gibt es doch eine kleine Anzahl von grundlegenden Fragen:
    – gibt es eine geistige Welt als Ursache hinter der von uns wahrnehmbaren physischen Welt?
    – wenn ja, warum können wir diese geistige Welt nicht auch wahrnehmen bzw. welcher Sinn steckt dahinter, sie uns (den Menschen HEUTE) zu verschleiern?
    – das mit dem „Guten und Bösen“ das ein Gott doch eigentlich alles für uns zum „Guten“ richten müsste – ja aber und warum eigentlich?

    Nun ist auf dem Gebiet unserer Herkunft, unserer Existenz ein sonderbares Phänomen zu beobachten: während niemand auf die Idee käme, seine „Meinung“ zu mathematischen Erkenntnissen kundzutun ohne entsprechende Vorbildung (Talkshows und Stammtische ausgenommen), sind wir gerne bereit, auf dem Gebiet „Sinn und Ursprung des Lebens“ jederzeit mit unserer Meinung bereit zu stehen.

    Die Frage ist aber: was nutzt eine Meinung, die sich auf nichts als unserer persönliche Laune berufen kann?? Und eigentlich am allerschlimmsten ist das, was wir in einem Gottesdienst in dieser Richtung vorgelebt bekommen: ein offensichtlich ausgebildeter, denkender Mensch interpretiert Text aus einem Buch, das er gar nicht verstehen kann. Nicht verstehen kann oder will – so wie ich nicht einfach ein Buch aus der math. Modultheorie nehmen und interpretieren kann, von dem ich nicht einmal die grundsätzlichsten Vokabeln beherrsche. Der „Glaube“ wird dann bequemer Weise als Vorwand genommen: alles was ich verstandesmäßig nicht begreifen kann, muss geglaubt werden. Punkt.

    Auf unserer Welt heute existierende Kirchen, Glaubensgruppen, Religionsgruppen etc. und was sie tun oder anrichten an Gutem und Schlechtem sind ÜBERHAUPT KEIN Beweis für oder gegen die Existenz einer geistigen Welt als Ursache hinter unser physisch wahrnehmbaren. Wenn wir heute religiöse Urkunden, Mythen und Sagen etc. verstehen wollen, dann müssen wir uns die Mühe machen, verstehen zu wollen aus welchem Urgrund diese Dinge kommen.
    Glauben ist dabei verboten. Es geht um logisches Verstehen. Es gibt durchaus Erklärungen, die schwer zu verstehen aber mit viel Mühe dann doch als logisch einsehbar und konsistent erkannt werden können. Die Art von Mühe eben, die man sich in einem Studium machen muss.

    Menschen, die sich mit der Geisteswissenschaft beschäftigen in der es um die Erforschung(!!) der geistigen Welt geht sagen eines ganz deutlich:
    Früher konnte der Mensch in dumpfem Bewußtsein die geistige Welt in Bildern sehen (wie eine Art Traumfilm), aber der Mensch musste Selbstbewußt und Selbstdenkend werden und dazu war es notwendig, ihn auf sich selbst zu stellen – d.h. den Blick auf die Ursprünge in der geistigen Welt zu verschleiern und ihm so in die Freiheit und in die Entwicklung des Selbstbewußtseins zu zwingen. Heute sind wir soweit, dass wir Freiheit und Selbstbewußtsein in Abgschlossenheit von der geistigen Welt weit errungen haben und nun steht es an, dass wir uns freiwillig entscheiden, ob wir mit dem Selbstbewußtsein uns wieder den Blick in die geistige Welt zurückholen. Aber eben nicht mehr in dumpfem Traumbewusstsein sondern als eigenständige, selbstbewusste Wesenheiten.
    Es ist nun unsere Entscheidung!
    Das was wir in Mythen und Sagen haben, ist eine (sehr vereinfachte) Erinnerung die die Menschen hatten, als die Verschleierung anfing.

    Der überwiegende Teil unserer heutigen Menschheit, hat keinerlei Fähigkeiten zum jetzigen Zeitpunkt bewußt in die geistige Welt hineinzuschauen. Aber es gibt wohl ein paar wenige, die zur Unzeit heute diesen Zugang noch haben oder schon wieder haben und von denen gibt es wohl nur einen winzigen Teil, der überhaupt davon spricht (bitte nicht misszuverstehen: alles was an Esoterikern, Wahrsagern etc. auf unserem Planeten sein Unwesen treibt, ist hier nicht angesprochen – das ist zu 99% Unsinn der übelsten Sorte).
    Einer der wenigen, die überhaupt öffentlich aktiv geworden sind in unserer Zeit ist Rudolf Steiner, der als Spinner und Begründer der Anthroposophie belächelt wird.

    Rudolf Steiner hat sich in seinem Leben die Mühe gemacht, in Tausenden Vorträgen zu erklären, wie die in der Welt existierenden Dokumente zu verstehen sind; wo der wahre Sinn und Aufgabe so mancher Gestalt der Bibel, der germanischen Mythologie, der Ägyptischen Gottheiten, der Buddhas etc. liegt. Schwierig ist nur der Stil und die weite Verteiltheit über Tausende Vorträge der ganzen Themen.

    Aber Sie können mir glauben: wenn ein Computerfreak und begeisterter Elektrotechniker wie ich, mit 20 Jahren plötzlich Interesse für Buddhas, Moses, Isis und Osiris, Zarathustra etc. entwickelt, dann muss er etwas Interessantes in die Hände bekommen haben. Und ich rede hier nicht von den verschwurbelten, gefühlsduseligen Selbstfindungstripps nach Indien – das habe ich nie gemacht. Ich beschäftige mich auf „streng wissenschaftliche“ Weise mit dem Thema seit vielen Jahren.

    „Religion“ kann durchaus in den seltsamsten irdischen Formen zelebriert werden und auch prächtig zur Selbstoptimierung und als Werkzeug des eigenen Egoismus – aber zum Kern der Sache, zur eigentlichen Frage über die geistige Welt führt diese Sichtweise eben nicht.

  2. Freut mich sehr, dass Ihnen der Artikel so gut gefällt.
    Wir brauchen alle unsere Sicherheiten, unsere Korsetts. Wer sich keinem System anschließen oder anvertrauen will, braucht meistens die Sicherheit der unbedingten Freiheit und Unabhängigkeit.
    so wie man ja hier in den USA die Einführung einer Krankenversicherung als kommunistische Einmischung empfand. Doch auch das macht starr. Hier habe ich Menschen getroffen, die wählen mussten, ob sie lieber in Urlaub fahren oder eine notwendige Zahnbehandlung machen lassen.

  3. Das ist ein sehr bewegender und wunderbarer Artikel, und er stimmt mich als „gläubiger“ Mensch angenehm nachdenklich.

    Ja, mein unbedingter Glauben gibt mir ungemein Halt. Es ist eben ein Glauben, nicht ein Wissen, der uns halten kann. Mit allen Zweifel und Sinnfragen verbunden.

    So what, Sie haben Recht! Eine Religion gibt mir ein sicheres Korsett. Mein Glauben aber eine freie Hoffnung. Und Sinn!

    Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

    Ich finde, das war das Beste, was Sie in der letzten Zeit geschrieben haben.

    Vielen lieben Dank!
    Ihr
    Norbert Grün

  4. Schuld ist ein mächtiger Motivator, den viele autoritäre Systeme benutzen. Denn dann kann man von sich und anderen verlangen, dass sie versuchen, diese Schuld abzutragen oder wiedergutzumachen.
    Der Haken: wer bestimmt, wann diese moralische Schuld vergolten ist.

  5. sisal sagt

    Vielen Dank für dieses Artikel. Er erinnert mich daran, dass ich mein „Glaubensproblem“ noch immer nicht endgültig gelöst habe.
    Ich bin in einer „engen“ christlichen Gemeinschaft groß geworden – und hatte an mehreren Fragestellungen zu knabbern:

    1. Für mich gab es kein „Erweckungsereignis“, denn mein Leben war ja schon von klein auf auf Jesus ausgerichtet. Warum war die Gemeinde überzeugt, dass der Mensch von Kindesbeinen an schlecht ist und erst erweckt werden muß?
    2. Meine besten Freunde gehörten nicht zur Gemeinde, ich fand ihr Leben genauso ok wie meines, warum sollte ich sie bekehren? Warum darf nicht jeder tolerant seinen Glauben oder Nicht-Glauben leben?
    3. Wenn etwas gut gelungen war, z.B. eine gute Schulnote, dankte ich Gott dafür. Wenn etwas schief ging, überlegte ich, was ich falsch gemacht hatte, wo ich mich ändern mußte. Das empfinde ich als sehr unbalanciert.

    Mit 17 Jahren kehrte ich der Gemeinde tapfer den Rücken zu, allen Schuldgefühlen zum Trotz, weil mein Bauchgefühl genau das für das Richtige hielt. Und ich glaube, falls es einen Gott gibt, offenbart er sich vielleicht am klarsten über das Bauchgefühl, nicht darüber, was andere Menschen zu Regeln erheben.

    Inzwischen halte ich vor allem den 3. Punkt für sehr kritisch, denn ich fühle, dass meine innere Zufriedenheit sehr viel mit „Selbstwirksamkeit“ zusammenhängt.
    Bei Kindern sagt man ja, ihre Fähigkeiten sind zum Teil angeboren und zum Teil erworben – in welchem Verhältnis ist unklar. Ich denke, das ist mit unseren Erfolgen auch so, wir können Gott (oder dem Schicksal) dankbar sein – und gleichzeitig auch stolz sein auf unseren Anteil daran.

    Inzwischen bin ich übrigens „ganz normal“ evangelisch, weil mir die tolerante Art dieser Kirche gut gefällt – und weil ich mich in Gottesdiensten noch immer geborgen fühle. Die Lebendigkeit der eher charismatischen Gemeinde meiner Kindheit ist allerdings in der evangelischen Kirche kaum zu spüren. Wenn ich die Fragen meiner Kinder beantworte, kommt mir der christliche Glaube zunehmend abstrakt vor und ich wundere mich über meinen eigenen Kindheitsglauben.

  6. Ja natürlich ist das eine sehr enge Form des Glaubens in dieser Kirche. Und zum Glück gibt es viele verschiedene Formen, auch freiere Formen, seinen Glauben zu leben. Vermutlich auch in den USA.
    Je mehr sicher sich jemand in sich selbst fühlt, umso weniger Regeln von außen braucht er ja. Toleranz oder Nicht-Toleranz ist deshalb auch immer ein Zeichen dafür, wie viel „Fremdes“ jemand ertragen kann oder will.

  7. Ein interessanter Artikel, der mich allerdings zu einem Kommentar herausfordert: Der amerikanische Gottesdienst, den Sie beschreiben, repräsentiert ja eine bestimmte (aus meiner Sicht sehr „enge“) Form christlichen Glaubens. Ich erlebe in der deutschen evangelischen Kirche demgegenüber eine große Akzeptanz von sehr pluralistischen Anschauungen. Ja, gerade das Nebeneinander von unterschiedlichen spirituellen Zugängen wird da als Reichtum begriffen. Denn in diesem (meinem) Glaubensverständnis ist klar, dass wir hier auf Erden nie ein vollständige Erkenntnis und damit ein geschlossenes Glaubenssystem haben können, sondern nur ganz individuelle (Gottes-)Erfahrungen. Und gerade in dem offenen Austausch darüber kommen wir vielleicht der Wahrheit ein Stück näher.
    Herzliche Grüße,
    Oliver Teufel

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