Wie lange braucht es, um sein Verhalten dauerhaft zu ändern?

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Die schlechte Nachricht: länger als Sie vermutlich denken.

veränderung, persoenlichkeit

In diesem Blog geht es ja immer wieder um das Thema „Veränderung“. Und ich vertrete dabei den Standpunkt, dass im Unterschied zu vielen Ratgeberbüchern Veränderung eben nicht so leicht ist.

Unter anderem deswegen, weil sogenannte „schlechte“ Gewohnheiten meist einen „guten“ Nutzen für uns haben. Das schädliche Rauchen beispielsweise hilft vielen Menschen, ihre Gefühle zu regulieren. Und denselben Zweck erfüllt Schokolade oder fettes Essen, wo man doch mit Magerquark oder Steak und Salat auch satt werden würde. Aber emotional satt eben kaum.

Aber wie lange dauert es denn nun wirklich, bis man statt einer schlechten Angewohnheit sich ein neues Verhalten angeeignet hat?

Mal angenommen, Sie wollen sich neues Verhalten erwerben. Zum Beispiel

  • Jeden Tag einen Apfel essen.
  • Jede Stunde ein Glas Wasser trinken.
  • Oder zweimal die Woche joggen.
  • Ihr Eßverhalten dauerhaft ändern.
  • Statt des Aufzugs konsequent die Treppe benutzen.
  • Zweimal die Woche schon um 19 Uhr zu Hause sein.
  • Mindestens zweimal eine Stunde mit Ihren Kindern spielen.
  • Unter der Woche auf Alkohol verzichten.
  • Zu jedem Termin pünktlich erscheinen.
  • Oder was würden Sie gerne verändern?

Wenn man den Alleswisser Google danach fragt, taucht meist eine Zeitspanne von 21 bis 28 Tagen auf. Doch gibt es keine ernstzunehmende Basis für diese Zahl. Doch mittlerweile gibt es psychologische Studien, die dieser Frage nachgegangen sind.

Phillippa Lally und sein Team vom University College London untersuchten 96 Menschen, die ein neues Verhalten erwerben wollten. Sie wurden täglich gefragt, wie automatisch sich das neue Verhalten anfühlte, also ob das Verhalten „schwer war, nicht zu tun“ oder getan werden konnte „ohne darüber nachzudenken“.

Es zeigte sich, dass bei allen Teilnehmern eine kurvenartige Beziehung zwischen dem Üben und dem automatischen Verhalten. Im Durchschnitt wurde ein stabiles Plateau nach 66 Tagen erreicht.

habit_graph2Doch 66 Tage ist der Durchschnitt, die Zahlen der Teilnehmer variierten zwischen 18 und 254 Tagen. Natürlich kommt es auf die Art des neuen Verhalten an. Wie die obige Grafik zeigt, ist die Gewohnheit, öfter ein Glas Wasser zu trinken leichter zu erreichen als täglich fünfzig Sit-ups zu absolvieren.


Die Psychologen fanden zudem heraus, dass es nichts macht, wenn man das neue Verhalten mal einen Tag nicht ausübt und dass manche Menschen besonders lange brauchen für die gewünschte Verhaltensänderung.

Also, die schlechte Nachricht ist, dass es offenbar keinen schnellen, leichten Weg gibt, sich an ein neues Verhalten anzugewöhnen.

Die gute Nachricht: mit genügend Ausdauer ist es zu schaffen. Sie müssen nur dranbleiben – und vor allem: anfangen.

kommentar Welche Erfahrungen haben Sie mit neuen Verhaltensweisen gemacht?

Haben Sie besondere Tipps?

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Dieser Beitrag ist die deutsche
Übersetzung eines Beitrags (mit meinen Ergänzungen),
der in PSYBLOG erschienen ist.

©
Foto und Grafik von dort.

Sieben Gewohnheiten Covey, Gewohnheiten Entwickeln, Gesunde Gewohnheiten, Gewohnheiten Lernen, Neue Gewohnheiten Aneignen, Neue Gewohnheiten 21 Tage, Neue Gewohnheiten Lernen, Positive Gewohnheiten, Gewohnheiten Umprogrammieren, Ungesunde Gewohnheiten

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

26 Kommentare

  1. Gregor Neusius sagt

    wahrhafte Worte. Für mich noch etwas zu einfach dargestellt, bzw. nicht „radikal“ genug darauf hingewiesen, dass Veränderungsprozesse zwar permanent stattfinden, aber diejenigen die verändert werden sollen, so schwer sind wie Welt von Fanatikern zu befreien. Es ist nicht unmöglich, aber zuweilen scheint es das zu sein. Kopf hoch! Es gelingt immer wieder, wenn man: tatsächlich endlich anfängt, konsequent ist, sich dabei belohnt und bewusst nachspürt wie gut es tut! 😉

  2. Gut gemacht!
    Der Aufbau neuer Gewohnheiten funktioniert über das Modell Reiz-Verhalten-Belohnung. Die positiven Seiten des Sports ist die Belohnung, die Sie sich selbst gegeben haben.

  3. Emma sagt

    Interessant, also ich versuche ja auch mein Verhalten an manchen Stellen zu änder. Beispielsweise öfter Sport machen und merke, das ich mich früher noch dazu aufraffen musste, inzwischen nach drei Wochen, freue ich mich schon darauf und es macht mir Spaß. Was mir sehr geholfen hat war, mir immer wieder neue positive Seiten dieses Verhaltens vor Augen zu führen und während des Sports daran zu denken.

  4. Mario sagt

    @Roland Kopp-Wichmann
    Danke für Ihr Feedback. Mit Hintergrundrauschen meinte ich eigentlich etwas anderes. Dennoch wirft Ihre Antwort für mich ein neues Licht auf das Thema und wirkt – wenn auch unter einem anderen Aspekt – erhellend.

  5. Hallo Mario,
    in meinen Persönlichkeitsseminaren versuchen wir, diesem „Hintergrundrauschen“ auf die Spur zu kommen. Das sind fast immer innere Konflikte, für die derjenige eine Strategie gefunden hat, die einerseits den Konflikt löst andererseits immer einen unangenehmen Preis fordert. Dies zu ändern ist nicht leicht. Sowie man aber mal den Konflikt, der dahinter steckt, weiß, fällt es leichter, das Verhalten zu ändern, weil man jetzt die Zusammenhänge erkannt hat.

    Beispiel: notorisches Zuspätkommen zu Terminen ist meist ein unbewusstes Rebellieren gegen Festlegungen und Einschränkungen. Rational kann man das kaum lösen, sondern rechtfertigt es meist mit seltsamen Erklärungen. Wenn der Betreffende herausgefunden hat, gegen wen er eigentlich sich auflehnt (meistens eine Person aus der Biografie) klingelt es bei jedem Zuspätkommen-Wollen innerlich und der Mensch hat eine Wahl.

    Dann muss man immer noch raus aus der Komfortzone der alten Gewohnheiten, was unterschiedlich lange dauert.

    Danke für Ihre Frage.

  6. Mario sagt

    Nach einer relativ ergebnislosen Suche nach „der Dauer von Lernprozessen“ stieß ich auf diesen Artikel. Hatte sogar schon mein Glück unter dem Stichwort „Pferdedressur“ gesucht. 66 Tage – endlich mal eine konkrete Angabe, an der man sich orientieren kann, dachte ich. Allerdings relativierte sich diese Zahl recht schnell, als ich über einen anderen Beitrag nachdachte, den ich im Zuge meiner Recherche gefunden hatte. Denn sie bezieht sich, wie mir scheint, auf Verhaltensweisen, die im Alltag des Betroffenen einen zeitlich stark begrenzten Raum einnehmen. Essen, Rauchen, Joggen, etc.. Leider Gottes gibt es auch Verhaltensweisen, die viel grundlegender sind und permanent. Das ganz persönliche „Hintergrundrauschen“, auf dem solche Ereignisse wie Essen, Rauchen und Joggen dahintreiben wie Inseln auf einem Fluss. Gibt es für die Änderung des Hintergrundrauschens auch schon Erfahrungswerte?

  7. @Angelika Stein:
    Vielleicht nicht immer mit Schmerzen, aber man muss schon raus aus der Komfortzone. Wobei diese Zone für viele ja erstaunlich wenig komfortabel sein kann.

    Auf deutsch: viele ertragen lieber ihr gewohntes Unglück anstatt sich dem ungewissen Neuen auszusetzen. In schweren Krisen, wie Sie es erwähnen, fällt das manchmal leichter, weil man denkt: bevor ich alles verliere, probiere ich jetzt diesen neuen Weg.

    Herzlichen Dank für Ihren Kommentar.

  8. Angelika Stein sagt

    Ich denke auch, dass es meistens gar nicht so einfach ist, etwas zu verändern. Aber: Wenn man nur genug leidet (und das auch wahrnimmt und daran glaubt, dass eine Veränderung einen Nutzen bringt) dann kann Veränderung auch manchmal schnell gehen
    Meine Lehrerin hatte Krebs im finalen Stadium, keine Hoffnung. Sie hat das Ruder radikal herumgerissen, ihr Leben völlig verändert. Das ist vor 14 Jahren gewesen 🙂
    Aber sie hat eben auch daran geglaubt. Und das ist wohl der Grund, warum es so viele Menschen gibt, die lieber brav sterben, anstatt etwas zu verändern. Und Veränderung geht meistens mit Schmerzen einher.

    Herzliche Grüße
    Angelika Stein

  9. Karl Hinkel sagt

    @Roland Kopp-Wichmann:

    Nun, lieber Herr Kopp-Wichmann – „Der beste Weg, einen Freund zuhaben, ist der, selbst einer zu sein.“ Ralph Waldo Emerson
    Und das Leben bietet ja täglich für jeden 24 Stunden, das zu üben, zu praktizieren.
    Nach den geistigen Gesetzen, die wohl irgendwie auch in der Quantenphysik verankert sind, bekommen Sie und ich und jeder jeweils mehr zurück, als wir gesät haben. Und jeder einfache Bauer weiß, dass er seine Samen nicht bald wieder ungeduldig ausgraben darf, nicht zertreten, nur beschützen muß.
    Natürlich geht die Oberschule weiter: Deutsch, Heinrich Mann „Der Untertan“ – bleibt aus einem regnerisch, grauen Tag der Einheit aus Köln zu fragen: `Wieviel von diesem Diederich Heßling steckt denn immer noch im Erbe dieser Republik ? Der Kölsche Klüngel und die gepflegte Beamtenmittelschicht repräsentiert noch viel von Heßling, Buck & Co. Jedenfalls muß man gehörig aufpassen, nicht zum Aktendeckel zu verkommen. Heinrich Mann liefert ja wirklich auf jeder Seite einen Knaller, was dieses Buch sicher zur Pflichtlektüre für jeden – nicht nur für Psychologen und Politologen – macht.
    Verhalten ist änderbar. Tatsächlich hatte ich es persönlich sehr leicht nach dem Realschulabschluß meines Schützlings. (Oh, was meinen Sie wie stolz ich auf den jungen Mann bin, wie stolz ich auf uns bin.) Da wurde irgendwie ein Schalter gelegt, mitten in meinem Kopf – darauf die Gravur „Was zählt?“ Es gibt seitdem keine Zigaretten mehr, keinen Alkohol [zuvor konnte ich besonders in meiner kreativen Überdrehtheit, den bipolaren Symptomen*), die mich mein Leben begleiten, spätnachmittags die erste Flasche Wein entkorken, ein paar Zigaretten, dann die zweite Flasche… Nichts mehr von all dem, von einem Tag auf den anderen, nur noch Fitnesscenter täglich, Kraft- und Ausdauersport, Achten auf Gesundheit, Autonomie und Kompetenz. (Auf einmal fällt mir danach auf, wie sehr an Suchtmitteln, pardon – sogenannten Genußmitteln – festgehalten wird, wie liebe, kluge Leute ihre Intelligenz darauf aufwenden, ihren Konsum von Dingen zu rechtfertigen, die den Tod bringen. Genug dazu. Aber Herr Koop-Wichmann, Sie haben ja noch eine Kolumne zum Lieblingsbuch. Zu zweien möchte ich dort noch etwas schreiben: W. Dyer und D. Chopra. Für heute liebe Grüße an Sie persönlich und alle Leser Ihres tollen Blogs.

    *) das bleibt nicht aus, wenn man aus Franz Innerhofers „Schöne Tage“, Schneiders „Schlafes Bruder“ und M. Winklers „Ackermann von Kärnten“ die Erduldungen des jeweiligen Protagonisten zu seiner Biographie zählen muß – zumindest zu den passenden Spiegelungen. Was bleibt? Es bleibt die Echtheit, Unverzagtheit, die wahrhaftige Zuwendung, die wir täglich leben. Und es bleibt ganz bestimmt etwas, wenn wir dem Leben ein Stückchen Befreiung hinzufügen. K.H./03.10.09

  10. Verhalten ist veränderbar, das kann ich selber bestätigen. dennoch sollte ich mir ersteinmal bewusst werden, welches Verhalten wirklich meiner Persönlichkeit am besten entspricht und welches Verhalten ich übernommen habe durch meine Umwelt, Erfahrungen etc. Manche Gewohnheiten können überlegenswichtig und gut sein, andere schädigen die Gesundeheit.
    In der Reflexion dessen, was Menschen wirklich motiviert und antreibt hat der Psychologe Steven Reiss Ende der 90er Jahre in weltweiten Forschungen belegt, dass unter anderem 16 Lebensmotive für das tägliche Verhalten stark mitverantwortlich sind. Das Reiss Profile kann einem in der Arbeit, eigenes Verhalten zu überdenken und zu verändern sehr gut unterstützen.

  11. Karl Hinkel sagt

    Vielen Dank für die vielen und guten, sowie kompenten und offenen Kommentare! Meiner Erfahrung nach kann ich die Erfahrungen aller bestätigen und insbesondere die Knackpunkte, um die sich das Thema rankt, sind wunderbar herausgearbeitet.
    Aus einer Großfamilie auf dem Lande stammend, in welcher alles nur Denkbare erfahrbar war und ertragen werden mußte, kann ich nur die eindrucksvollen Schilderungen aller anderen bestätgigen: Betroffenheit ändert alles.
    Fast alle Therapieformen (EFT, MLP, QE, …) beinhalten als Kern den Dreh- und Angelpunkt: Vieles ist reine Projektion, vieles sind reine Wiederholungen. Prägungen durch Traumata und frühkindliche Paradigmen sind außerordentlich stark.
    Appelle von anderen, Literatur und vorgefertigte Rezepte, wiederholte Erzählungen und Dramatisierungen um welches Thema auch immer, all das bringt recht wenig. Wir wissen aus der Hirnforschung, dass Strukturen selbst durch dickere Synapsen physiologisch/biophysikalisch verankert sind.
    Selbst der Weg über die Stärkung von Selbstakzeptanz, Selbstliebe, Selbstannahme – Selbstsicherheit ist bekanntlich die größte Sicherheit – auch das ist schwierig. Wir sind jeweils die Summe unserer Erfahrungen, Erlebnisse, gesammelten Gefühle. Und meine sind einzigundallein meine.
    Auch ich habe trotz jahrzehntelangem Mühen kein Rezept für andere, höchstens kleine Hilfen als Vehikel. Aber großen Respekt habe ich vor allen, die Erfolge erzielen hin zu einem autonomen und selbstkompetenten Leben, die dann in ihrem Leben selbst Regie führen.
    Nun, was kann ich hier noch beitragen an diesem sonnigen Wahlsonntag aus Köln? Wie war das noch?
    Vor gut 7 Jahren saß mr ein 13jähriger Junge gegenüber, gleiche Geschwisterstellung in einer Großfamilie wie bei mir. Man suchte eine Nachhilfe, „Das ist immer so ein trauriges Kind“, sagte die Lehrerin, „den tun wir auf die Sonderschule“… „Lassen Sie das mit der Hilfsschule, ich kümmere mich!“ sagte ich. Der Junge kam täglich. Mathe, Bio, Chemie, Deutsch, Englisch, Reli usw. Nach Jahren legte er sein Realschulzeugnis auf meinen Tisch, Note 2. Das war alles wie ein lebensgroßer Spiegel für mich, in Jahren blankpoliert. Und da war der Schalter in mir, irgendwo zwischen Herz und Hirn. Auf einmal funktionierten alle How-To-Books der letzten Jahrzehnte. Es gibt Schülerbafög, Kindergeld usw., so organisierte ich dem Jungen die wirtschaftliche Unabhängigkeit, er ist tüchtig und gut, macht bald sein Abitur mit 2,0!
    Den Spiegel polieren und lieben, niemals dran vorbei und reinschlagen. Das hat bei mir funktioniert. Ist nicht alles Eins? Mal ganz abgesehen von den vielen Sachthemen, Referaten zu „Kabale und Liebe“, Stefan Zweigs „Schachnovelle“, Ghanas Land und Leuten, Flora und Fauna, Einheitskreis und Quantenphysik und und und… – nach diesen sieben Jahren akzeptiere ich Worte nicht mehr, die benutzt werden wie abgegriffene Münzen, deren Wert man nicht mehr erkennt. Nachhilfelehrer bekommen gewöhnlich etwas Geld, wofür man etwas kaufen kann. Das war hier nicht so. Dafür erhielt ich ein ganzes neues Leben. Unbezahlbar.
    K.H., Köln, 27.09.2009

  12. Hallo Frau Ruppert,
    ich denke auch, dass es wichtig ist, es nur für sich selbst zu tun und nicht für andere. Das zweite, was dazu kommen muss, ist ein guter Grund, ein Motiv – und zwar eines, das um einiges stärker ist als das Motiv, wegen dem man das alte Verhalten aufrechterhält. Aber das zu finden, und das schreiben Sie ja überzeugend, ist nicht so leicht.

    Danke für Ihren Kommentar.

  13. Mein Tipp, wenn man eine Verhaltensweise ändern möchte: Mache es für dich und nicht, weil andere es gerne hätten.

    Bevor ich endgültig mit dem Rauchen aufgehört habe, sind einige Versuche in die Hose gegangen. Aufhören wollte ich eigentlich nur, weil mein Lebensgefährte und einige Menschen aus meinem Bekanntenkreis es auch geschafft haben. Folglich konnte ich mir dann die typischen Sprüche von trockenen Rauchern anhören und hatte immer ein Gefühl von Neid in mir, weil ich nicht dazugehörte. Ich nahm mir vor, allen zu zeigen, dass ich genauso stark bin und keine Zigaretten brauche. In einem Nichtraucherkurs wurde mir dann zum Beispiel geraten, mir statt dem gewohnten Griff zur Zigarette eine alternative Beschäftigung zu suchen. Außerdem sollte ich anhand einer Tagesstrichliste meinen Zigarettenkonsum festgehalten. Nachdem dieser Versuch gescheitert war, habe ich noch unzählige Male versucht vom Rauchen los zukommen. Ohne Erfolg, weil es ein Problem gab. Wenn keine Zigaretten im Haus waren, trauerte ich meiner alten Liebe regelrecht hinterher. Ich fand keinen Grund, der mich richtig überzeugte, warum ich aufhören sollte.

    Das Resultat meiner Bemühungen war, dass ich noch ein gesamtes Jahr weiter geraucht habe. Irgendwann habe ich mir dann mal selbst die Frage gestellt, warum ich das mache und was es mir bringt. Es ärgerte mich zum Beispiel, das ich lange keine so gute Kondition beim Training hatte wie andere, obwohl ich schon seit vielen Jahren sportlich aktiv war. Es war mir peinlich, wenn ich nach der Zigarette ein Kundengespräch hatte und nach Qualm roch. Mich überkamen auf einmal Gewissensbisse, wenn ich an meine Gesundheit dachte. Es wurde mir lästig, immer und überall die Schachtel mitzunehmen. Ich habe vor circa acht Monaten mit dem Rauchen aufgehört, weil ich mich selbst nicht mehr wohlgefühlt habe und nicht, weil ich anderen etwas beweisen wollte.

    Ich bin der Meinung, wer eine Verhaltensweise ändern möchte, muss es selbst wollen und einen Sinn darin sehen. Das macht es jedenfalls einfacher, sich von alten Gewohnheiten zu lösen oder neue anzueignen. Denn das Risiko, wieder in sein altes Verhaltensmuster zurück zu fallen, ist besonders dann sehr groß, solange der Grund etwas verändern zu wollen nur darin besteht, anderen einen Gefallen zu tun oder sich einzubilden, man genießt ein besseres Ansehen, wenn man dieses oder jenes nicht mehr oder anders macht. Wer sich zu etwas zwingt, was er eigentlich nicht will, wird auf Dauer nicht zufrieden sein.

    Freundliche Grüße aus Weißwasser
    Sandra Ruppert

  14. Verändertes Verhalten muss viele Seiten in uns ansprechen: zumindest aber immer den “Kurzfrist-” und den “Langfrist-Hedonisten”.
    @Steinhart. Kann ich nur bestätigen.
    Lt. Neurobiologen befriedigt das Bauchgefühl den Kurzfrist-Hedonisten, der uns eben – Achtung, gute Absicht – SOFORT was Gutes tun will. Ratio, Verstand kann langfristig planen, ob etwas auf FERNERE Sicht hedonistisch befriedigt.

    Exakt DA liegt aber m.E. der Knackpunkt, was Dran-bleiben an Verhaltensänderung angeht. Wenn Kopf und Bauch im ‚Untergrund‘ im unbewussten Wettstreit liegen, können Sie noch so viele rationale Gründe und wohlformulierte Verhaltenszielsätze für die Verhaltensänderung anführen, es wird langfristig nicht funktionieren oder in der vielgepriesenen Disziplinschiene enden, die man(n) sich dann wiederum als tollen Wert schönredet – und sich weiter quält.
    Für mich gilt: Haltungs- vor Verhaltensänderung geht einfacher und schneller als umgekehrt, da Haltung viele Ebenen beinhaltet.

    @Daniel Tuschhoff
    Buchtipp für Sie: Rauchpause, Wie das Unbewusste dabei hilft, das Rauchen zu vergessen, Maja Storch, Huber. Nett und spannend geschrieben – und wirkungsvoll!
    Grüße – Maria Ast

  15. Hallo Herr Tuschhoff,
    ja, alte Gewohnheiten sind nicht leicht zu ändern, u.a. weil sie neurobiologisch gebahnt sind und man für das neue Verhalten erst neue Bahnen spuren muß.

    Etwas weniger wissenschaftlich hat das Mark Twain ausgedrückt: „Eine schlechte Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muss sie die Treppe runterboxen. Stufe für Stufe.“

    Rauchen hat meiner Erfahrung auch viel damit zu tun, dass es einem hilft, Gefühle zu regulieren. Sie können das ja mal ausprobieren beim nächsten Mal. Eine Minute warten und versuchen zu spüren, welches Gefühl Sie gerade glauben, regulieren zu müssen.

    Danke für Ihren Kommentar – und es freut mich, dass Ihnen mein Blog so gut gefällt.

  16. Gewohnheit und all die Verknüpften Situationen… Das ist wohl mein Hauptproblem beim Rauch-Stop. Ich versuche es trotzdem immer wieder, es hält sich meist nur wenige Tage, aber aufgeben tue ich das Vorhaben auf lange Sicht nicht. Ich bemerke immer wieder, dass beim Rauchen-Aufhören mir nicht die Abhängigkeit vom Nikotin-Stoff, sondern die alltäglichen Situationen, die ich mit dem Rauchen in all den Jahren verknüpft habe, es mir sehr schwer machen, zb gerade nach dem Essen keine Zigarette an zu zünden.

    Vielen Dank für den tollen Artikel, ich lese begeistert Ihren Blog 😉

    Gruß – Daniel Tuschhoff

  17. Ralf Born sagt

    Ich denke die eingangs gestellte Frage ist kaum überhaupt allgemein beantwortbar weil es schlicht nicht nur „ein Verhalten“ gibt, sondern sehr viele unterschiedliche Verhaltensweisen von Individuen die eben auch denkbar unterschiedlichst von bekannten und gänzlich unbekannten Triggern motiviert sind.

    Weiterhin dachte ich in dem Zusammenhang ( hoffe ich erinnere das richtig..) an ein Gespräch zwischen R.Bandler und M.Erickson. Letztgenannter sagte sinngemäß zu Bandler mit Blick auf das NLP : „Sie (NLP Klienten..) glauben Sie haben sich verändert, nur Hauptsache du denkst das nicht“

    Ich sehe da eben den Unterschied zwischen Verhalten einerseits und Veränderung im besten Sinne als persönliche Veränderung.
    Situationsabhängig kann ich mir durchaus auch dauerhafte Verhaltensänderung durch Wahlmöglichkeiten in kürzester Zeit vorstellen. Ich verhalte mich eben anders.

    Geändert hab‘ ich mich deswegen nicht unbedingt zwangsläufig auch.

    Wem es eher um persönliches Wachstum, um persönlich charakterliche Veränderung geht welche dann einhergehend auch Verhaltensweisen ändert der versteht den Vorgang eher als begonnenen, zukünftig andauernden evtl. lebenslangen Prozess.

    Die Frage wie lange das braucht ist da eigentlich ohne Belang, hm ?

    Freundlichst, Ralf Born.

  18. Daniela sagt

    Ich glaube, dass es sogar noch schwieriger ist als oben dargestellt, seine Gewohnheiten zu ändern. Denn selbst wenn man glaubt, man hätte es geschafft, kann man immer noch ganz leicht in seine alten Gewohnheiten zurückfallen.

    Ich habe eine Ernährungsumstellung vorgenommen, um abzunehmen. Ich wollte das unbedingt, und so fiel es mir gar nicht so schwer, wie ich erwartet hatte. Ich verzichtete auf Fertiggerichte, kochte selbst kalorienarme Sachen mit viel Gemüse und es schmeckte mir. Jeden Tag aß ich ein kleines Stück Schokolade und war zufrieden. Ich hielt das problemlos ein gutes halbes Jahr durch, bis ich das gewünschte Gewicht erreicht hatte. Danach achtete ich immer noch auf meine Ernährung. ABer dann kam die erste Feier, bei der ich sagte: „Ach, das eine Mal ist ja egal“. Dann kam der erste Tag, an dem ich es sehr eilig hatte und schnell ein Fertiggericht in den Topf schüttete. Und auch der erste Tag, an dem mein mann abends vor dem Fernseher eine Tafel schokolade aß und ich mitmachte. Erst nur ein Stück, ach, ein zweites schadet ja nicht, und ruck-zuck war eine halbe Tafel gegessen. Der Rückfall in die alten Gewohnheiten, die ja so viel bequemer waren und die ich vorher ja jahrelang ausgeübt hatte, dauerte kein halbes Jahr. Das ging viel schneller!

    Übrigens habe ich zufällig gestern ein Buch entdeckt, das ich Ihnen nicht vorentahlten möchte: Dr. Kevin Leman: „Verwandeln Sie Ihr Kind in 5 Tagen“ – Wie Sie die Ansichten, das Benehmen und den Charakter Ihres Kindes möglichst schnell positiv verändern können erklärt der international bekannte Familienexperte mit dem ihm eigenen Humor.

    Da hat es mich gestern schon geschüttelt, auch ohne Ihren Beitrag gelesen zu haben. % Tage? Ansichten, Charakter UND Benehmen? Wenn es weiter nicht ist … Die armen Kinder!

  19. Gertrud Althausen sagt

    It takes 6 weeks to make something new something of your own but the cell memory of the body needs much more time.

  20. Für alle, die jenseits der 40 sind: das ist eine echte „Radio-Eriwan-Frage“, die ganz vollständig nur mit dem lakonischen „kommt drauf an“ zu beantworten ist.
    Es kommt eben drauf an, ob man sein Verhalten aus eigener Einsicht und mit tiefer innerer Überzeugung verändern will, oder ob der Anstoß zur Verhaltensänderung von außen kommt. Und es kommt auch darauf an, ob man nur flexibel ist oder auch ausdauernd.
    Und besonders kommt es drauf an, was „man“ davon hat. @Rolf Grießhammer. Ihr Resümme finde ich daher sehr treffend: „Irgendwie geht es eben darum, anzufangen. Und dran zu bleiben“. Manchmal bin ich bei Klienten erstaunt, wie schnell diese ein bislang zementiert erscheinendes Verhalten verändern (z.B. „Ich übe als Vorgesetzter häufig keine Kritik, sondern gehe schweigend über Fehler hinweg – und ärgere mich anschließend über mich selbst und meine Mitarbeiter“). Hier erscheint mir die Veränderung („Ich übe jetzt öfter angemessene Kritik…“) der leichtere Schritt zu sein, das neue Verhalten dauerhaft beizubehalten aber der erheblich schwierigere. Verändertes Verhalten muss viele Seiten in uns ansprechen: zumindest aber immer den „Kurzfrist-“ und den „Langfrist-Hedonisten“.

  21. Hallo,
    während meiner NLP Ausbildung habe ich hartnäckig die Gegenposition vertreten, dass Veränderung mal eben… Swishhhhhhhhh innerhalb von Sekunden geht. Die These da lautet(e): wenn ich, z.B. durch ein Traumata – zack – innerhalb von Sekunden mein Verhalten ändern „kann“, dann muss der umgekehrte Weg doch auch genauso möglich und genauso schnell möglich sein.
    Die Praxis hat bestätigt, dass dem nicht so ist. Was dabei fehlt, ist das alles überflutende Gefühl (wie z.B. beim Traumata), das die immense Veränderung innerhalb Sekunden bewirkt.

    Dennoch, egal, ob Mörder, Mutter Theresa oder 2 Glas Wasser am Tag trinken: Um ins Handeln zu kommen, haben oder brauchen wir ein MOTIV. Immer. Je attraktiver das Motiv ist, umso MOTIVierter sind wir, dran zu bleiben.
    Seit 2 Jahren arbeite ich bei Zielen, Motivation und Widerständen mit den Somatischen Markern von Damasio. Dabei geht es darum, herauszufinden, wie hoch die gefühlten inneren Stop and Go-Signale, sprich die GEFÜHLTE Motivation bzw. der GEFÜHLTE Widerstand ist. Versuche, mit RATIONALEN Gründen z.B. abzunehmen, arten – selbst erlebt 🙂 – in megamäßige Anstrengung aus und scheitern meistens irgendwann.

    Gerd Gigerenzer (Bauchentscheidungen, Goldmann) behauptet zudem, dass EIN einziger Grund ausschlaggebend ist, um uns ins Handeln zu bringen.
    Ich hab das selbst bei mir ausprobiert. und zwar tatsächlich am Beispiel: mindestens 4 Gläser Wasser trinken am Tag. Von den 10 rational guten Gründen, die dafür sprachen, hat letztendlich einer gefühlsmäßig ‚gewonnen‘ und der lautete: Ohne Wasserzufuhr sehe ich bald aus wie ein verschrumpelter Apfel. (Also, schlichtestes Vermeidungsverhalten). Für mich war und ist es MOTIV genug, das ohne große Überwindung durchgehalten zu haben.

    Mein Vorschlag, um Veränderung leicht(er) zu machen, lautet daher:
    suchen Sie nach dem gefühlt!!! allerallerschönsten Motiv, das Ihnen winkt, wenn Sie das neue Verhalten erreichen. Das MOTIViert Sie garantiert.

    Herzliche Grüße
    Maria Ast

  22. Hallo Herr Grießhammer,
    schön zusamengestellt haben Sie die verschiedenen Elemente, wenn man wirklich etwas verändern will. Dabei scheint mit eine Auseinandersetzungen mit den inneren Widerständen eine große Rolle zu spielen. Denn oft erfüllt das „problematische“ Verhalten einen versteckten Nutzen.

    Danke für Ihren Kommentar.

  23. Zunächst schließe ich mich dem grundsätzlichen Standpunkt an: Veränderungen sind nicht immer so leicht. Von 21 Tagen hatte ich auch schon gehört, die Zahl 66 war mir neu. Es passt wohl gut in den Zusammenhang „Persönlichkeitsentwicklung“, Verhalten im Zusammenhang zu betrachten, sowohl die Situation als auch tiefere Ebenen mit einzubeziehen. Damit lassen sich dann auch die Unterschiede erklären.

    Vorsichtig formuliert liegen verschiedene Hypothesen nahe – wenn ich erwünschtes neues Verhalten mit einem Ziel verbinde, das mir erstrebenswert erscheint, wird es leichter. Habe ich eine positive Einstellung dazu, wird es leichter. Entspricht es meinen Neigungen und Präferenzen (ich denke da etwa an das Modell des MBTI), wird es leichter. Öfter einen Apfel zu essen wird mir leichter fallen, wenn ich sowieso gern Äpfel esse und mir dabei nicht gerade ein matschiges oder faules Exemplar vornehme.

    Verstärker spielen eine Rolle – angenehme Konsequenzen stabilisieren neues Verhalten. Schemata und Überzeugungen – wenn ich davon überzeugt bin, dass es eine gute Sache ist, etwas für die Gesundheit zu tun, wenn mir meine Gesundheit etwas bedeutet, dann werde ich eher Ideen umsetzen, die die Fürsorge konkret machen.

    Grundsätzlich glaube ich, dass Veränderungen am wahrscheinlichsten sind, wenn das Angestrebte deutlich besser erscheint als das Gegenwärtige und der Weg dazu „machbar“ ist. Das größte Problem dabei sind allerdings (psychodynamisch gedacht) die inneren Widerstände oder (kognitiv-verhaltenstherapeutisch in Anlehnung an Grawe) „negative emotionale Schemata“. Wenn ich etwas erreichen und gleichzeitig unterschwellig etwas vermeiden will, das an die gewünschte Veränderung gekoppelt ist, kann ich mir recht lange daran die Zähne ausbeissen. Und dann… dauert es wohl länger als 66 Tage.

    Auf jeden Fall komme ich dann auch zu dem Schluss: irgendwie geht es eben darum, anzufangen. Und dran zu bleiben. Schließlich würden wir ohne Thomas Edisons Hartnäckigkeit auf der Suche nach einem Weg von der Elektrizität zum Licht vielleicht heute noch im Dunkeln sitzen.

  24. 66 Tage, mmmm. Eigentlich hört sich das gar nicht so lang an.

    Aber mann muss es zuerst schaffen, 66 Tage lang das neue Verhalten durchzuführen. Wenn es wirklich so einfach wäre, wäre das Gewichtverlieren oder das Aufhören mit Rauchen nicht so schwierig.

    Wie man ein Verhalten nun wirklich effizient ändert, bleibt ein schwieriges Unterfangen.

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