Wie formuliert man Ich-Botschaften?

483 Leser in dieser Woche
Kommentare 11
Methoden

Es gibt kaum ein besseres Werkzeug, um Diskussionen, Konflikte und sonstige schwierige Gesprächssituationen zu entkrampfen als Ich-Botschaften.

Sie sorgen schnell dafür, dass das Gespräch persönlicher wird und wirken fast immer deeskalierend.

Ich-Botschaften sind dann “richtige” Ich-Botschaften, wenn sie nur und ausschließlich Ihre Eindrücke, Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse ausdrücken, ohne dem Empfänger dafür die Verantwortung zuzuschieben – auch nicht “unterschwellig”.

Ein Satz wie “Ich fühle mich missverstanden” drückt nicht Ihre Gefühle aus, sondern Ihre Interpretation oder Ihre Meinung darüber, was Ihr Gesprächspartner von Ihnen verstanden hat. Und woher wollen Sie das wissen?

Die folgenden vier Schritte haben sich in Konfliktsituationen, beim Feedback oder in schwierigen Gesprächen sehr bewährt (hier erläutert am Beispiel eines Seminarteilnehmers, der – aus welchen Gründen auch immer – nicht “bei der Sache ist” und sich daher mit seinem Nachbarn unterhält.)

1. Beobachtung ohne Bewertung ausdrücken
(bzw. Beobachtung und Bewertung klar trennen). Beispiel: “Wenn Sie sich mit Ihrem Nachbarn unterhalten, während ich Ihnen etwas erzähle …”
Wichtig: Wörter wie “immer”, “dauernd”, “oft”, “ständig” vermeiden, sie stellen eine unterschwellige Bewertung dar und führen meist dazu, dass der oder die Angesprochene sich unzulässig bewertet fühlt.

2. Gefühle ausdrücken.
Beispiel: ”… bin ich unsicher (irritiert, frustriert…)” Wichtig: Viele Begriffe, die wir für Gefühle benutzen, drücken eine Bewertung des Empfängers aus, so z.B. missverstanden, unterdrückt, missbraucht, getäuscht etc.

3. Eigene Bedürfnisse ausdrücken.
Beispiel: ”… weil ich die Akzeptanz/Unterstützung der Teilnehmer brauche”. Negative Gefühle entstehen, weil Ihre Bedürfnisse nicht erfüllt sind und nicht, weil Ihr Gegenüber sich so oder so verhält. Also nicht “Ich bin ärgerlich, weil Sie…”, sondern “Ich bin ärgerlich, weil ich … brauche”!

4. Eine Bitte formulieren.
Beispiel: “Ich bitte Sie, mir zu sagen, ob Sie das Thema langweilt oder ob Sie sonst irgend etwas stört.” Die Bitte stellt die “Brücke” dar, über die die Kommunikation mit dem Empfänger wieder in Gang gebracht wird. Wichtig: Eine Bitte ist keine Forderung! Sie können niemand dazu zwingen, Ihre Bedürfnisse zu erfüllen, auch wenn Sie das vielleicht häufig glauben. Falls Sie es doch versuchen, bekommen Sie früher oder später die Quittung dafür.

Diese vier Schritte lassen sich hervorragend in der Konfliktbearbeitung, bei Feedback-Runden oder anderen “schwierigen” Gesprächen einsetzen.

Vorsicht: Auch eine Ich-Botschaft kann eine Du-Botschaft enthalten.

Beispiele: “Ich fühle mich missverstanden!”, “Ich habe das Gefühl, Sie nehmen mich nicht ernst!”, “Ich fühle mich betrogen.” etc.

Diese Sätze kommen beim Empfänger garantiert als Kritik und Anschuldigung an (Und nebenbei bemerkt: Sie waren meist auch so gedacht.). Die Konsequenzen sind: Der Konflikt eskaliert weiter, es kommt zu Verteidigungen, weiteren Anschuldigungen etc.

kommentar Wie sind Ihre Erfahrungen mit Ich-Botschaften?

PS: Wenn Ihnen dieser Beitrag gefiel, dann sagen Sie es doch bitte weiter: auf Facebook, Twitter oder per Email.
… oder schreiben Sie einen Kommentar.
… oder abonnieren Sie neue Beiträge per Email oder RSS.

Foto: © – Fotolia.com, istock.com

Bitte weitersagen!

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

11 Kommentare

  1. Hallo Roland,

    interessanter Artikel. Ich finde, dass Ich-Botschaften tatsächlich eine sehr hilfreiche Methode sind, um besser eigene Gefühle und Eindrücke zu kommunizieren.
    Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass sich Gesprächspartner dadurch nicht ernstgenommen gefühlt haben.
    Sie konnten zwar keinen konkreten Grund dafür nennen, aber eine vertrauensvolle Ebene entstand nicht mehr.
    Vielleicht hast du ja eine ähnliche Erfahrung gemacht?

    Viele Grüße,
    Michael

  2. Hallo Claudia,
    ganz einfach (oder auch nicht): 1. „Ich habe das anders gemeint als es bei Dir angekommen ist.“ 2. „Ich ärgere mich, wenn Du über etwas grinst, was mir wichtig ist.“

  3. Aloha, ich habe diesen Artikel jetzt bestimmt fünf Mal gelesen. Dennoch ist mir nach wie vor nicht klar, wie ich Statements wie „Ich fühle mich mißverstanden“ oder „Ich fühle mich von Dir nicht ernst genommen“ als richtige Ich-Botschaft formuliere. Erbitte Aufklärung!

  4. Para_dox sagt

    Der Artikel handelt vom Thema GFK
    was für Gewalt-Freie-Kommunikation steht.

    Ich finde die Methode interessant doch ist es schwer diese in die Praxis umzusetzen…

    üben üben üben und sich von Enttäuschungen nicht davon abwenden. Vielmehr sind Enttäuschungen vorprogrammiert und somit Teil des Erfolges…..

  5. Christian sagt

    Dieser Artikel hat mich sehr zum Denken angeregt. Es ist wirklich nicht einfach so eine Botschaft zu formulieren ohne eine Wertung mit zu integrieren. Nicht nur im beruflichen Umfeld sollte das Berücksichtigt werden.

    Danke.

  6. Pingback: Anonymous

  7. Pingback: Vorsicht - Persönlichkeitsentwicklung! » Sie wollen länger leben? Streiten Sie mehr mit Ihrem Partner!

  8. Pingback: Vorsicht - Persönlichkeitsentwicklung! » Beziehungsprobleme? Hüten Sie sich vor den vier apokalyptischen Reitern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *