Es gibt Sie nicht. Sie erschaffen sich selbst.

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3 / Achtsamkeit / Persönlichkeit

Wie wirklich ist unsere Wirklichkeit?

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Woher wissen Sie, dass Sie das hier gerade lesen? Blöde Frage? Sie sehen doch auf Ihren PC, spüren den Stuhl, auf dem Sie sitzen? Wenn es mal so einfach wäre.

Viele Menschen haben einen naiven Realismus, nach dem die Welt genau so beschaffen ist, wie sie sie wahrnehmen.

Sie glauben, die reale Welt sei da „draußen“ und über unsere Sinne kämen – wie bei einer Kamera – die Eindrücke von da draußen – in uns hinein. Wir könnten uns also ein Bild von der Welt machen. Oder ein Bild von einer Situation oder einem Menschen.

 

Die Welt gibt es nicht.
Jeder erschafft sich seine Realität.

Das Bild können Sie sich machen, aber es hat nur bedingt etwas mit dem zu tun, was da ist.

Wir haben in unserem Kopf Hypothesen über die Welt, die es uns ermöglichen , sich einigermaßen in der Welt zu bewegen. Nicht mehr! Es gibt kein Abbild der Welt, denn die Welt ist völlig anders als unser Abbild von ihr.

Kurz: Die Welt ist NICHT so, wie sie scheint. In der Realität gibt es keine Farben, keinen euklidischen Raum und keine festen Körper. Und die Sonne dreht sich nicht um die Erde, obwohl es so scheint.

Diesen Umbruch in der Erkenntnis, den viele Menschen noch nicht vollzogen haben, bezeichnete Immanuel Kant ja auch mit der „Kopernikanischen Wende“. Denn Kopernikus fand 1543 heraus, dass die Planeten sich nur scheinbar bewegen. Und zwar weil der Betrachter sich ebenfalls bewegt. Hieraus folgerte Kant, dass nicht die Natur uns die Gesetze vermittelt, sondern wir sie der Natur vorschreiben.

Was Sie als reale Welt erleben, ist Ihre subjektive Wirklichkeit. Diese wird in jedem Moment in Ihrem Nervensystem erzeugt. Aus der äußeren Welt empfangene Sinnesreize werden in Ihren Nervenzellen in elektrochemische Signale umgewandelt.

 

Hierzu ein kleines Experiment.

Sie lesen diesen Text hier gerade an Ihrem PC oder Ihrem Tablet oder Ihrem Smartphone.

Jetzt die einfache Frage, die aber ganz schön schwierig ist: Woher wissen Sie das?

Wie können Sie ausschließen, dass Sie nicht träumen, dass Sie das gerade an Ihrem PC lesen?

 

Die Anzahl der von außen auf Sie einströmenden Signale ist ungeheuer groß. Deshalb hat Ihr Gehirn bestimmte Filter, aus denen Ihr subjektives Bild gebildet wird, das Sie dann als objektive Wahrheit von der Welt empfinden.

gesicht_unbekannter_mannSie sehen zum Beispiel rechts das Gesicht eines unbekannten Mannes. Sie wissen nicht, ob der Mann  Elektriker ist oder Hochschulprofessor oder ein mehrfacher Mörder. Aber Sie haben sofort einen Eindruck von diesem Mann. Das ist gemeint mit der subjektiven Wirklichkeit, die wir in jedem Moment erschaffen.

Es geht auch gar nicht anders. Denn sonst müssten wir tausend Mal am Tag sagen: „Weiß ich nicht.“

 

Wodurch entsteht Ihre subjektive Wirklichkeit?

Sie können nicht dauernd überlegen, wie Sinneseindrücke zu interpretieren sind. Wenn Sie die Straße überqueren und ein Auto nähert sich, müssen Sie blitzschnell entscheiden: weitergehen oder springen? Wenn der Chef die neue Mitarbeiterin vorstellt, haben Sie zwar theoretisch mehr Zeit – aber unbewusst entscheiden Sie in den ersten Sekunden, ob Sie die Frau sympathisch finden oder nicht. Eigentlich müssten Sie aber sagen: „Weiß ich nicht“

Bei diesen schnellen Entscheidungsprozessen benutzt Ihr Gehirn Muster des Erlebens und Verhaltens, die mit Ihrer Biografie zusammenhängen. Also zum Beispiel mit dem Land, in das Sie hinein geboren wurden. Mit der Familie, in der Sie aufwuchsen. Mit den Werten und Regeln, die man Ihnen in den ersten zehn, zwölf Lebensjahren vermittelte. Die Beziehungserfahrungen, die Sie mit Menschen ganz allgemein machten und mit Frauen, die zum Beispiel eine laute Stimme haben im Besonderen.

Wer als Kind im Urwald aufwuchs lernt früh, wo Gefahren lauern und wie man sie vorzeitig erkennt. Aber Kinder, die in Berlin-Hermsdorf  groß werden, lernen das auch – eben andere Gefahren.

Diese früh erworbenen Muster arbeiten vollkommen automatisch und unterliegen nicht Ihrer willentlichen Steuerung. Sie haben in sich eine feste Struktur, die sich wiederholt und so garantiert, dass wir dieselben Dinge genau gleich wahrnehmen. Sie sichert damit die Kontinuität unseres Erlebens. Damit wenn Sie morgens in den Spiegel schauen, sich wiedererkennen.

Frage: Sind Sie wirklich genau derselbe von gestern Abend?
Woher wissen Sie das?
Könnten Sie auch anders sein als gestern Abend?
Wenn nicht, wie machen Sie das?

Dass unser Unbewusstes so automatisch arbeitet, ist ungeheuer praktisch. Sie setzen sich ins Auto und fahren los ohne groß darüber nachzudenken, wie man einen Wagen lenkt. Doch dafür zahlen Sie auch einen Preis.

amsel-privatDenn diese Muster beschränken auch Ihre Wahrnehmung und somit Ihre Wirklichkeit. Sie sehen etwas Schwarzes im Garten und denken: „Oh, eine Amsel!“. In dem Moment hört Ihre Wahrnehmung auf. Sie sehen nicht mehr das schwarze Etwas, sondern vor allem Ihr inneres Bild einer Amsel.

 

Die Landkarte ist nicht die Landschaft.

Dieser Satz von Alfred Korzybski beschreibt, dass wir permanent innere Bilder von der Außenwelt und unserer inneren Welt erzeugen (Landkarten) – und oftmals glauben, das sei identisch mit der Realität (Landschaft).

Dem ist aber nicht so. Und die meisten Menschen haben kein Bewusstsein für dieses Erleben von sich selbst und der Welt.

Auch Sie selbst „existieren“ eigentlich nicht. Doch Sie erschaffen sich in jedem Moment. Glauben Sie nicht?

Dann machen Sie mal dieses gedankliche Experiment:

Stellen Sie sich vor, Sie würden morgen früh aufwachen und hätten für die folgende Stunde Ihr Gedächtnis verloren.

Etwas in Ihnen würde Sie veranlassen aufzustehen und die Umgebung zu erforschen. Sie würden ohne zu wissen, was das ist, in den Spiegel schauen – und erstaunt gucken. Sie spürten einen gewissen Druck im Unterleib, würden aber nicht wissen, wohin damit.

Ein fremder Mensch käme in den Raum, den Sie nicht kennen. Sie würden erschreckt zusammenfahren, neugierig schauen, abwarten …

Es ist vor allem Ihre Erinnerung, die Ihnen morgens hilft, sich zu „erschaffen“. Wo und wie man aufs Klo geht, wie und warum man duscht, was man mit der kleinen Bürste in dem weißen Becher macht usw.

Wie gesagt: diese Muster sind sehr hilfreich. Es ist unser Autopilot, der wie ein Navigationssystem in unserem Gehirn funktioniert. Hilfreich ist es, wenn man weiß, wie man den Autopiloten abschaltet.

Firmenchefs, die wissen wollen, wie eigentlich der Service in einer Filiale klappt, machen sich das manchmal zunutze. Also kein angekündigter Besuch, auf den sich alle Mitarbeiter vorbereiten können („Mittwoch kommt der Chef!“) sondern ohne Firmenwagen in neutraler Straßenkleidung als Kunde den Laden betreten und sich erklären lassen, was denn die Dreifachwirkung dieser Zahncreme bedeutet.

Jetzt erfährt der Chef, wie seine Mitarbeiter auf einen normalen Kunden reagieren. Einfach, weil er durch seine Undercover-Strategie unterbunden hat, dass der Mitarbeiter aus dem Kunden seinen Firmenchef kreiert. Der Mensch ist genau derselbe, aber die inneren Bilder des Mitarbeiters sind total verschieden.

Und bei Ihnen ist das genauso. Bei mir auch. Wir erschaffen unsere Welt. In jeder Sekunde. Und glauben, das sei die Welt. Es ist aber nur unsere subjektive Interpretation der Wirklichkeit.

Bei der gegenwärtigen Diskussion um den Grünen-Vorsitzenden Trittin kann man das sehr schön beobachten. Was da mit „Zeitgeist“ gemeint ist, sind die unterschiedlichen Interpretationen eines Sachverhalts. Damals okay, heute böse. Aber das gilt für viele Sachverhalte. Prügelstrafe, Homosexualität, unverschleierte Frauen … nichts ist in sich objektiv gut oder schlecht. Erst unsere Interpretation macht es dazu. Denn wir können nicht dauernd neutral bleiben.

 

Wie entdecken Sie, Wie Sie Ihre Welt erschaffen?

Das geht am besten mit der Inneren Achtsamkeit.

Denn zum Erzeugen Ihrer Wirklichkeiten brauchen Sie Ihre Erinnerung, die Ihnen suggeriert, was Sie da sehen. Zum Beispiel diesen Hocker. Wenn Sie aber genau hinschauen, sehen Sie, dass Sie etwas erzeugt haben, was da nicht ist. (Es ist kein Hocker – hier in groß.)

Mein Zeichenlehrer in der Schule machte sich diese Erkenntnis zunutze. Wenn er uns einen Stuhl zeichnen ließ, legte er ihn verkehrtrum mit den Beinen auf den Boden. Damit wir zeichneten, was wir sahen, nicht was wir zu sehen glaubten.

Zum Erzeugen Ihrer Wirklichkeiten brauchen Sie auch oft die Zukunft. Pläne, Ziele, Ängste. Grübeleien. Nichts davon ist real, was nicht heißt, dass es immer überflüssig wäre.

Zum Entdecken meiner eigenen Muster, habe ich folgende Strategien entdeckt, um meine erzeugte Wirklichkeit etwas zu relativieren:

  • Manchmal lasse ich meine Erwartung, wie etwas sein sollte, bewusst los und versuche wahrzunehmen, was eigentlich geschieht.
  • Bei alltäglichen Verrichtungen zum Beispiel Schneiden einer Tomate, konzentriere ich mich einige Momente ganz auf das, was ich gerade wahrnehme.
  • Wenn mich etwas ärgert, versuche ich zu unterscheiden, was genau ablief und was ich daraus interpretierte.
  • Wenn ich mich langweile, versuche ich wahrzunehmen, wie ich dieses Erleben erzeuge.

 

Der Artikel ist lang geworden. Das Thema liegt mir wohl sehr am Herzen. Ich bin gespannt, was Sie damit anfangen. Schreiben Sie’s mir hier als Kommentar?

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Foto: © kallejipp – photocase.com, Privat,  Fotolia.com, istock.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

11 Kommentare

  1. Verena sagt

    Guter Text …DANKE !

    Das da draußen der Spiegel, in dem Du DEIN inneres sehen,tasten,riechen und schmecken kannst …Kollektiv erschaffen wir so unseres – diese Welt…DEINE WELT !

    Jeder, zwei, ein paar …WIR ALLE zusammen schauen in viele Spiegel , tanzen zusammen im Menschenkleid zu unserer eigenen koponierten Symphonie ….

    Die Welt – UNSERE ERDE also ist einziger großer Spiegelsaal …ja ich weiß das es so ist !

    UND NIEMALS ANDERSRUM !
    ERST “ MIND,SPIRIT,GEFÜHL.GEDANKE ….“

    Umstände,Begegnugen,Erfolg und auch Niederlagen…das “ Schicksal ist gar nicht so Schicksalhaft …

    Wollen wir ein neue WELT …FRIEDVOLLER , JA DANN GEHT ES NUR DURCH DEINEN UND MEINEN EIGENEN FRIEDEN…

    DOCH …ES GIBT INTRESSIERTE HIER AUF ERDEN DIE DIR GENAU DIESEN FRIEDEN NICHT KÖNNEN…

    NUR WENN DU ES SCHAFFST DICH INNERLICH ZU BEFREIEN …GANZ BEI DIR UND DEINEM HERZEN BIST….

    WIRD DEIN SPIEGELBILD DIR…ALSO DER UND DEM WER DU WIRCKLICH BIST IMMER ÄHNLICHER ….

    WER VERSTEHT ….WIRKLICH VERSTEHT WAS ER GENAU DORT „DRAUßEN “ NUN ALSO SIEHT…DER IST SEHR MÄCHTIG ,GELL ….

    LG

  2. „Die Zeit ist ein Kind,
    das in einem Brettspiel Steine hin- und herschiebt.
    Königliche Macht eines Kindes!“

    Mir fällt zu dem Text ein Zitat von Heraklit ein und weil das so ist, wie sie es beschreiben, habe ich mir angewöhnt mich selbst zu fragen, bei allem Ernst der Lage, wird die ganze Situation von mir überbewertet? Die Frage ist also, W I E gehe ich mit meiner Wirklichkeit um und was mache ich daraus? Und ich mache gerne ein DRAMA draus, weil es mir sonst nicht gefällt.

  3. Christian sagt

    Wirklich ein toller Artikel. Passt genau zu dem was mir mein Gefühl mitteilt. Wir bewerten Dinge subjektiv und meinen, das wäre die Wahrheit und somit Realität. Dabei besitzt jeder seine völlig eigene Wahrnehmug davon und niemand weiß, was das da draußen wirklich zusammenhält 🙂

    Danke für diesen tollen Gedanken am Morgen.

    lg
    Christian

  4. Ich greife den Gedanken von Herrn Heins mal auf und zitiere aus meinem Kopf auch die Matrix:“In der echten Welt esse ich Brei und hier in der Illusion ein leckeres Steak. Ich weiß, dass es nicht real ist und doch schmeckt es mir gut.“

    Jeden Tag treffen wir doch Entscheidungen, wenn auch nicht so radikale wie Rote/Blaue Pille.

    Manchmal denke ich, dass Leben hier ist wie ein großes Spiel oder ein Trainingslager mit unendlichen Leben durch Wiedergeburt. Und das Universum will sich durch uns selber erfahren. Für mich fühlt sich dass jedenfalls zur Zeit am glaubwürdigsten an.

    Aber vielleicht träume ich es doch nur? Danke jedenfalls für den denk-würdigen Artikel, ich fand ihn genau richtig und nicht zu lang.

  5. Das Beispiel mit der Biene ist toll. Das Selbe gilt auch für Hunde und alle anderen Lebewesen. Es ist einfach Interpretationssache, was man selbst als real empfindet und was nicht.

  6. Jochen Heins sagt

    Wie macht es die Biene mit den Blumen???

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    beide Sichten auf Farben der Wirklichkeit sind real, sowohl die der Biene, als auch die von mir und Ihnen. Es ist aber keine absolute Realität, sondern ein Teilaspekt davon. Warum? Wenn wir die implizite Prämisse der Evolution zugrundelegen (Annahme), es gibt eine reale Welt und die Organismen passen sich dieser an (Survival of the fittest, also Überleben der am „flexibel angepasstesten“) wird dies deutlich. Immerhin ist dieses Experiment schon Millionen Jahre alt, hat Milliarden von Generationen durchlaufen und es ist kein Endpunkt in Sicht, weil sich die „Realität“ immer weiter ändert (als treibende Kraft). Der Anpassungsdruck besteht also weiter (auch für uns Menschen!). Die Biene sieht also den Teil der Realität, der Ihr das Überleben erlaubt – genauso ist es für uns. (Schlussfolgerung)

    Andersherum gedacht: Wenn wir frei wären in unserer Weltkonstruktion – jenseits einer gegebenen Realität (Annahme: Es gibt sie, aber die wir vielleicht nie erfassen, aber mit zunehmender Erkenntnis über Wissenschaften und entwickelte Instrumente mehr und mehr erahnen können) – und diese Realität aber einen Selektionsdruck ausübt – gäbe es uns dann wirklich noch? Unsere Vorfahren, die sich einfach den Tiger weggedacht haben, naja, die gibt es eben heute nicht mehr.

    Bleibt noch die These „Alles nur geträumt – sitze ich wirklich am PC und schreibe diesen Text?“. (Annahme: Es gibt keine Realität) Erstaunlich – an völlig unerwarteten Stellen markiert mir die Software am (geträumten?) PC ‚komische‘ Wörter mit einem roten Unterkringel. Plötzlich kommt jemand zur Tür herein und will etwas von mir. Ich unterbreche das Schreiben, muss(?) reagieren (Was, wenn ich es nicht tue? Ich träume es ja nur ….). Will sagen: Es gibt einen Bezug zur Realität über das unerwartete, den Zufall (Schlussfolgerung aus geträumter(?) Beobachtung). Die verrücktesten Sachen, die passieren, die ich mir aber in meiner kreativsten Stunde nie ausgemalt hätte (Hoppla, meine Frau betrügt mich? Mein Sohn will plötzlich meine Tochter sein? Träume ich, oder was ….). Naja, wenn man Ihren Blog liest, bleibt eine gewisse Grundkreativität nicht aus ;-). Jedenfalls, den Amokläufer mit dem Messer in der Hand, den werde ich vorsichthalber nicht ignorieren. Auch habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, alleine durch intensive Vorstellungskraft fliegen zu können und springe deswegen auch nicht vom Dach oder aus dem Fenster – ich muss befürchten, dass ich das Ende des Experimentes nicht mehr bewerten kann. Da ist er wieder, der Selektionsdruck – ich will leben!!!!

    Wie sagte Morpheus zu Neo im Film Matrix: „Woran erkennst Du, ob es real ist, oder ein virtueller Raum? Ist dieses Sofa hier real? Schneide es durch, und wenn das Ergebnis total unbedeutend und langweilig ist, dann ist es nicht real. Wenn es aber interessant ist, oder sich etwas überraschendes auftut, dann ist die Chance groß, dass es real ist“ (Von mir frei nacherzählt, also kein Zitat). Dies soll kein Credo für destruktive Wahrheitsfindung sein (ich zerschneide mein Sofa zuhause auch nicht!), aber es spielt in das, was Sie uns hier über den Begriff „Achtsamkeit“ nahebringen wollen: Stelle das Erwartete zurück, erwarte das unerwartete – wenn du es siehst, dann ist es real!

    🙂

  7. Liebe Frau Ast,
    woww, morgens um halb acht lesen Sie schon Heidegger?

    Schön, mal wieder was von Ihnen zu hören. Ja die Einstellung „Sei Dir bewusst, es KÖNNTE auch ALLES ganz anders sein“ hilft auch schon sehr. Jede Desidentifizierung von eigenen Interpretationen hilft toleranter zu werden. Achtsamkeit hilft einem dabei, diese Grundhaltung immer wieder einzunehmen.

    Danke für Ihren Kommentar.

  8. Hallo und guten Morgen,

    in vielen Punkten unterstreiche ich Ihre Meinung.
    Doch, es gibt die reale Welt, nur wie sie wahrgenommen wird, ist Kontrukt des Individuums, die Wirklichkeit aus eigenen Erfahrungen und Gelerntem zu betrachten, wahrzunehmen.
    Und das ist oft verzerrtes Bild von eigener Person und von allem, was die Person betroffen macht.

    Herzlichst
    Soheila Mojtabaei

  9. Wahrscheinlich gibt es die reale Welt.
    Aber wir können sie nicht objektiv erkennen, nur unsere subjektiven Bilder dazu interpretieren.
    Wie die reale Welt wirklich ist, bleibt uns verschlossen. Eine Biene zum Beispiel sieht Farben ganz anders als wir Menschen. Nun kann man natürlich sagen, wir Menschen sehen es richtig, die Biene falsch. Aber das Ganz hat damit zu tun, wie unser Auge aufgebaut ist. Und was ist jetzt „real“?

  10. Der Mensch besitzt immerhin die Gabe bzw. Aufgabe der Reflexion. Sie vermag ihn zwar nicht aus der 8/9 Macht des Unbewussten zu entreißen, aber kann ihn doch zum Zuschauer seiner selbst und seines Selbst machen.
    Die Vernunft, so Schopenhauer in seinem „Die Welt als Wille und Vorstellung“, gilt bei ihm als Vermögen „zur Distanzierung von der Unmittelbarkeit des Lebens“.
    Die Strategien dafür sind unterschiedlich: Sie haben ja schon einige genannt. Gibt noch Humor, Ironie, Kunst, NlP-Formate, philosophische Ein-Sichten auf und ins (eigene) Leben, die da u.a. lauten: Sei Dir bewusst, es KÖNNTE auch ALLES ganz anders sein. Das ist zwar noch nix Konkretes, aber, ähnlich wie die Achtsamkeit im Buddhismus, die Sie glaube ich häufig meinen/anwenden, ne GRUND-HALTUNG. Und wenn die sich darin äußert, dass mensch bzw. Menschen nicht mehr glauben, ihre Wahrnehmung sei die allein „richtige“, dann wäre für ein friedliches Miteinander schon viel gewonnen.

    Zu Ihrem „lang geworden“: Las grad, dass Heidegger meinte, jeder Denker denke nur einen einzigen Gedanken; Schopenhauer das bestätigte, aber meinte „…konnte ich, aller Bemühungen ungeachtet, keinen kürzeren Weg ihn mitzutheilen finden, als dieses ganze Buch.“ – Es waren in der ersten Fassung 700 Seiten, in der neuen Auflag von 1844 gar 1300 Seiten. Will meinen, Sie befinden sich in guter Gesellschaft.
    Herzliche Grüße aus dem Norden.
    Maria Ast

  11. Sehr guter Text. Sehr oft überlege ich mir die selben Dinge. Leider darf ich nicht zu lange darüber nachdenken, da ich mich dann so komisch fühle 😀 Besser ist dann doch die naive Realität…einfach alles über sich ergehen lassen und nicht viel nachdenken 😉

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