„Die Zeit der Macher ist vorbei“, sagt ein ehemaliger Macher.

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Gesundheit / Glück / Karriere

Ein Persönlichkeits-Interview mit dem Führungskräftetrainer Boris Grundl

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Was haben Männer wie Grundig, Neckermann, Schickedanz, Schrempp und Schlecker gemeinsam?

Sie galten als Helden und Vorreiter ihrer Zeit. Sie waren Macher und ihre Art, ein Unternehmen zu führen, war lange Zeit die Blaupause für den richtigen Führungsstil. Visionär, mutig, kompromisslos.

Mitarbeiter folgten ihnen gern, denn die unausgesprochene Devise lautete: Der Macher sorgt für dich, dafür widmest du dein Leben der Firma.

Viele solcher Patriarchen haben geholfen, Deutschland nach dem Krieg  wieder aufzubauen. Aber das alte System von Leitwolf und Rudel funktioniert heute nicht mehr. Was man auch daran sehen kann, dass etliche der Unternehmen, die die obigen Macher gegründet haben, insolvent geworden sind.

Die Machtfülle der Machertypen wird heute eher skeptisch gesehen, denn sie ist zum Bremsklotz für Mitarbeiter geworden. Heute wollen aufgeklärte Angestellte Transparenz, Mitsprache und Teilhabe. Was wir brauchen, sind also neue Vorbilder. Doch dieser Übergang vom Macher zu einem neuen Typus des Führens und Dienens ist nicht leicht.

 

Ein Macher im Rollstuhl.

B. Grundl vor seinem Unfall

Einer, der diesen schwierigen Weg gegangen ist, ist Boris Grundl. Mit 25 Jahren springt er in Mexiko von einer Klippe in eine Lagune, bricht sich den Hals und sitzt fortan im Rollstuhl.

Neunzig Prozent seines Körpers sind nicht mehr unter seiner Kontrolle. Doch was er aus den restlichen zehn Prozent gemacht hat, ist beeindruckend. Boris Grundl ist heute – neben seinen Vorträgen in Wirtschaft und Weiterbildung – ein gefragter Referent und Gastdozent an mehreren Universitäten. Zudem hält er Vorträge für große Gruppen von Schülern an der Schwelle zum Start ins Berufsleben.

Im Urlaub las ich sein Buch „Die Zeit der Macher ist vorbei –Warum wir neue Vorbilder brauchen“. Das Buch wurde ganz gelb – durch meine vielen Unterstreichungen und Anmerkungen. Mit ihm wollte ich gern ein Persönlichkeits-Interview führen. Hier eine Leseprobe.

Vor einigen Wochen schrieb ich hier im Blog einen Artikel über zwei andere bekannte Querschnittgelähmte. Den Menschen, dessen Geschichte  in dem Film „Ziemlich beste Freunde“ gezeigt wird und Samuel Koch, der in der „Wetten, dass …-Sendung“ verunglückte.

Die Angst, mal im Rollstuhl zu sitzen, begleitete mich selbst etliche Jahre lang, ohne dass es dafür bestimmte Anzeichen gab. In Heidelberg begegnet man relativ vielen Rollstuhlfahrern, weil hier eine große Reha-Abteilung beheimatet ist. Ich habe auch selbst mal über einige Zeit eine Gruppe von jungen Rollstuhlfahrern therapeutisch betreut.

Und häufig hatte ich angesichts eines „Rollis“ den Gedanken, ob ich es denn schaffen würde, mit einer solchen massiven Behinderung nicht zu verzweifeln, depressiv zu werden und einen Weg zu finden, damit umzugehen?

Ich weiß es nicht.

Umso gespannter war ich auf das Interview mit Boris Grundl. Er spricht u.a. darüber, welchen Sinn er in seinem Unfall heute sieht, was ihn an Leuten stört, die über Zeitmangel klagen – und warum er manchmal mit seinem Porsche  Panamera angibt.

Und das sind die Fragen, die ich ihm stellte:

  • Der Untertitel Ihres Buches „Die Zeit der Macher ist vorbei“ lautet: Warum wir neue Vorbilder brauchen.
    Frage: Wozu brauchen wir überhaupt Vorbilder? Geht es nicht auch ohne?
  • Sie schreiben, dass Sie selbst ein Macher waren.
    Frage: Welche Vorbilder hatten Sie, um vom Macher-Vorbild wegzukommen?
  • Sie schreiben: „Macher haben Schwierigkeiten, Wertvolles in sich selbst wahrzunehmen, deshalb brauchen sie so viel Bestätigung von außen?
    Frage: Sind Macher dann nicht auch immer Narzissten, also Menschen, die sich vor allem um sich selbst drehen?
  • Menschen, die Herausragendes leisten, tun das oft, so schreiben Sie in ihrem Buch, weil Ihnen die Anerkennung durch den Vater fehlte. Sie erwähnen dabei auch meinen vorherigen Gesprächspartner, Lothar Seiwert, der das in seinem Buch freimütig einräumte.
    Frage: Sie schildern die Beziehung zu Ihren Eltern sehr harmonisch, wohnen mit ihnen auf dem Nachbargrundstück. Stimmt die These von der Vaterentbehrung auch für Sie oder was waren die Quellen Ihres Machertums?
  • Überzogene Ansprüche sind der Fluch mangelnder Dankbarkeit, ist ein weiterer Kernsatz in ihrem Buch.
    Frage: Wenn man beobachtet, worüber wir Deutsche uns dauernd aufregen, Wetter, ICE-Verspätungen, Autobahnstaus etc., dann müssten wir Deutsche ja ein Volk mit sehr überzogenen Ansprüchen sein. Und sind das nicht alle reicheren Länder?
  • Wahre Sicherheit gibt es nur im Inneren, denn die äußere Sicherheit ist vergänglich.
    Frage: Woher kommt diese fast schon spirituelle Einsicht? Aus der Auseinandersetzung mit Ihrer Behinderung oder haben Sie sich mit Meditation befasst?
  • Eine Gesellschaft von Machern erkennt man an der Zahl der Abhängigen, schreiben Sie.
    Frage: Der mit großem Abstand größte Teil des Bundeshaushalts geht in soziale Leistungen. Sind wir demnach ein Volk von Machern? Und würde es helfen, die vielen Sozialleistungen weiter zu kürzen, um die Menschen unabhängiger zu machen? Sie plädieren ja für ein „Fördern und Fordern.“
  • Gehälter bilden im Durchschnitt genau das ab, wie wichtig ein Job für die Allgemeinheit ist bzw, deren Wertschätzung für den jeweiligen Beruf ist.
    Frage: Das heißt doch, dass unsere Gesellschaft die Arbeit eines Bastian Schweinsteigers mit 9 Millionen Jahresgehalt für ungleich wichtiger hält als die Arbeit eines Grundschuldlehrers oder einer Krankenschwester. Wie könnte man das ändern?
  • „Wenn etwas geschieht, dann hat das seinen Sinn – ob man ihn nun versteht oder nicht.“ Das ist in sich ja eine Tautologie, also ein Satz, der immer recht hat.
    Frage: Welchen Sinn hatte Ihr Unfall mit den Folgen der lebenslangen Behinderung?
  • „Menschenentwickler verstehen ohne einverstanden sein zu müssen. Sie erkennen die wahren Motive des Menschen und kritisieren sie nicht. Sondern helfen den Menschen behutsam, Verhinderungsmuster zu überwinden und die nächste Stufe ihrer Entwicklung zu erreichen.“
    Frage: Mit dieser Definition beschreiben Sie meiner Meinung nach sehr gut den Beruf eines Psychotherapeuten oder eines guten Coaches.
    Aber dürfen Führungskräfte so weit gehen. Dürfen Führungskräfte in dieser Weise ihre Mitarbeiter coachen – wenn sie es denn können?
  • Bei Veränderungen in Systemen fordern Sie, dass man zuerst die aufrichtige Anerkennung aussprechen soll für das, was bisher von den Menschen geschaffen wurde. Etwas Ähnliches sagte ja auch Bert Hellinger in seinen Organisationsaufstellungen.
    Frage: Wenn man jetzt die Maßnahmen von Frau Merkel oder der Troika gegenüber Griechenland betrachtet, fehlt da doch etwas Entscheidendes, oder?
  • Sie wenden sich gegen die um sich greifende Wertediskussion in Unternehmen und schreiben, dass es nur zwei Werte braucht: Verantwortung und Respekt.
    Frage: Angenommen, jemand hat jetzt ein kleines Unternehmen mit fünfzig Mitarbeitern und will diese Werte umsetzen? Was konkret würden Sie ihm empfehlen?

Aber sehen und hören Sie selbst:

httpv://www.youtube.com/watch?v=xXG0xNsMihU

 

Jeder Mensch ist behindert.

tomaten_augen_behindert_xs_Haramis Kalfar - Fotolia

Man ist nicht behindert, man behindert sich.

So heißt es manchmal als Forderung nach mehr Integration von Behinderten in die Welt der Behinderten.

Jeder behindert? Wie bitte?

Aber der Satz stimmt. Bei geistig oder körperlich behinderten Menschen sieht man nur die Behinderung viel früher. Sie fällt einem ins Auge und löst oft Verlegenheit oder Befremden aus.

Aber wenn man mitbekam, wie das Ex-Präsidenten-Ehepaar Wulf oder der Ex-Verteidigungsminister innerhalb von wenigen Wochen ihre steile Karriere so nachhaltig in den Sand setzten, bekommt der Satz „Jeder ist behindert“ noch eine andere Bedeutung.

Der US-Präsidentschafts-Kandidat Mitt Romney mit seinen peinlichen Aussetzern ist auch ein gutes Beispiel dafür, dass die häufigste Behinderung zwischen unseren Ohren zu finden ist.

 

Mein Fazit:

Boris Grundl antwortete auf meine Frage, was der Sinn seiner Behinderung sei, dass es die Beschränkung sei – und was man daraus mache.

Wir alle beschränken uns bei unseren Plänen, Zielen und Visionen v.a. durch unsere Ängste:

  • die Angst, was andere über uns denken könnten
  • die Angst, Fehler zu machen oder zu versagen
  • die Angst, verlacht oder abgelehnt zu werden
  • die Angst, nicht geliebt zu werden

Boris Grundl beim Rollstuhlrugby

Aber Behinderungen, egal ob körperliche oder mentale, sind Grenzen, die man überwinden kann. Die Paralympics sind eine Parade von Menschen, die ihre Behinderungen nicht als Grenze, sondern als Herausforderung sahen.

Was ist Ihre Lieblings-Behinderung? Zu alt, kein Abitur, falsches Geschlecht, keine Zeit, kein Geld?

Sie kennen ja meinen Satz dazu: „Wer etwas will, findet  Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.“

PS: Alle bisherigen Video-Interviews finden Sie hier …

 

kommentar Welche „Behinderung“ würden Sie gerne überwinden?

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Foto: © Sue Colvil, Haramis Kalfar- Fotolia.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

9 Kommentare

  1. Hallo Thomas,
    das Buch ist sehr persönlich einerseits über sein Leben und andererseits auch eine scharfe Analyse einiger gesellschaftlicher Missstände in Unternehmen und Gesellschaft.

  2. Der Artikel hat mich wirklich inspiriert sein Buch zu lesen. Ich werde es mir auch gleich noch bestellen und mich mal im Urlaub damit beschäftigen. Vielen Dank.

  3. Katrin sagt

    Kompliment zu diesem tollen Artikel und Interview, es hat mich wirklich bewegt.

  4. Hallo Silke,
    ich glaube, niemand wünscht sich eine Querschnittlähmung, so wie sich auch niemand ein behindertes Kind wünscht.
    Trotzdem kann beides dem Leben eine große Tiefe verleihen, wenn man sich damit auseinandersetzt und das Beste daraus macht. Das hat Herr Grundl sicherlich versucht und es ist ihm auch gut gelungen. Das gelingt leider nicht allen Behinderten, von den Nicht-Behinderten ganz zu schweigen.

    Danke für Ihren Kommentar.

  5. silke sagt

    Also, ich habe Herrn Grundl bereits in Vorträgen erlebt und kann das, was er mitteilt größtenteils unterstreichen. Auch ist seine humorige Art köstlich. Allerdings zum teil auch etwas altbacken.
    Auf eine Frage des Publikums, ob er nochmal von dieser Klippe springen würde wenn er wüßte, dass er danach querschnittgelähmt im Rollstuhl landen würde, antwortete er mit „Ja, jederzeit, denn sein Leben wurde danach besser“.

    Wenn er dabei seiner beruflichen Linie treu bleibt – chapeau. Ansonsten kenne ich selbst einige Rollifahrer, auch querschnittgelähmte, und kriege in diesem Freundeskreis ihre Zipperlein mit. Einer ist gerade 40 Jahre alt geworden und aufgrund verschiedener Medikamentenwechsel des Öfteren krank. Er geht jetzt in Rente. Geistig topfit, Architekt, kann nur noch ca. 5 h pro Woche tatsächlich Arbeit leisten – auch am Schreibtisch.
    Medikamente können Persönlichkeitsstörungen hervorrufen, u. u. u. .

    Hoffentlich hat Herr Grundl noch lange Glück und kann arbeiten. Falls nicht, wird er bei der nächsten Frage dieser Art wohl nicht so lockerflockig antworten.

  6. Thimo sagt

    Hallo Roland,

    spannendes Interview und interessante Fragen und Antworten. Ich habe das Buch auch gerade gelesen und schätze Herrn Grundl sehr.

    Leider fehlt das Ende des Videos???

    Lieben Gruß,

    Thimo

  7. Matthias sagt

    Vorgang oder Zustand?
    behindert werden – oder sich behindern lassen,
    behindert sein – oder zu denken, man sei es
    aus seinen Ängsten oder dem eigenen Selbstverständnis heraus –
    und für den, der die Kurve nicht alleine kriegt
    brauchen wir coachende Führungskräfte
    aus Verantwortung und Respekt für sich und andere,
    getreu nach dem Motto: der (vermeintlich, oder nur in dieser Situation) Stärkere
    hilft dem (vermeintlich) Schwächeren.
    So kriegt man zufriedene, loyale, produktive und nicht zuletzt gesunde Mitarbeiter.
    Und wer denkt, das sei ihm zuviel Weichspülerei, der soll bleiben, was seinerzeit Daimler-Manager Dieter Zetsche schon als obsolet ansah: „Manchmal genügt es, kein Arschloch zu sein“

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