Welche dieser sechs Einstellungen haben Sie zum Leben?

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Glück / Persönlichkeit

Ein Leserbrief aus  „PSYCHOLOGIE HEUTE“ hat mich beschäftigt: „Eine unüberschaubare Flut von Ratgebern, Workshopangeboten, Fortbildungen, Essays und Büchern will uns ununterbrochen und auf allen Gebieten zeigen, wie es richtig geht.

Es gibt keinen öffentlichen Raum, in dem mir neben der Werbung für das richtige Waschmittel nicht auch Werbung für richtige Erziehung, richtiges Essen, richtiges Sprechen, richtiges Leben und richtiges Denken entgegenschlägt.“

Interessanterweise findet sich in der vorgehenden Ausgabe (2/2012) der Zeitschrift ein Essay von dem Philosophen Wilhelm Schmid „Das Leben ist nicht fair. Man kann es trotzdem lieben.“ Darin beschreibt er unterschiedliche Haltungen, die man zum Leben haben kann. Das hat mich zu diesem Artikel angeregt.

1. Das Leben verneinen.

Schmid schreibt: „Diese Option wird vom Beginn der Moderne an erprobt: Arthur Schopenhauer proklamierte die Verneinung des Willens zum Leben, die dem sinnlosen Leiden, das in seinen Augen die Essenz des Lebens ist, ein Ende setzen soll. Jedoch nicht durch Selbsttötung, sondern durch Verweigerung der Fortpflanzung.“

Dies erlebe ich immer mal wieder in Therapien oder Seminaren, wenn ich Klienten frage, ob Sie mal Kinder haben wollen oder wollten. Das Nein darauf wird oft begründet, dass man in diese fürchterliche Welt keine Kinder setzen wolle.

Manchmal steckt auch eine eigene schlimme Kindheit dahinter, die einen noch so besetzt, dass man fürchtet, einem eigenen Kind würde dasselbe Schicksal blühen.

Auch der Selbstmord als Ausdruck, Nein zum Leben sagen zu können, wird mitunter verbrämt wie bei Jean Améry: „Wer abspringt, ist nicht notwendigerweise dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen ‚gestört‘ oder ‚verstört‘. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muß wie von den Masern. Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“

2. Das Leben als Kampf

Hier wird das Leben als Gegner empfunden, dem man etwas abringen muss. Oft ist es die nackte Existenz, die bei Menschen in der Tat unsicher oder bedroht ist. In einer Studie von 2006 sagten fast zwei Drittel der 3000 vom Meinungsforschungsinstitut Infratest Befragten, dass ihnen die gesellschaftlichen Veränderungen Angst machen. 46 Prozent empfinden ihr Leben als „ständigen Kampf“.

Aber auch Menschen, die in gesicherten Umständen leben, teilen oft diese Haltung. „Immer wenn man denkt, es ist gut, kommt der nächste Schlag.“ Oder „Man strampelt sich jeden Tag ab, es geht ein bisschen aufwärts – und dann rutscht man doch wieder ab und alles Strampeln war umsonst.“

Aber auch erfolgreiche Menschen betrachten ihr Leben oft immerwährenden Kampf. Als ich noch Verkaufstrainer war, begegnete mir diese Einstellung oft bei Mitarbeitern im Außendienst: „Der Krieg an der Kundenfront“, „das Ausstechen der Konkurrenz“ und andere martialische Vokabeln spiegelten diese Haltung deutlich.

3. Das Leben als Jukebox

Schmid nennt es die funktionale Beziehung: „Das Leben soll ‚etwas bringen‘, vor allem Spaß, Erfolg und ewige Jugend. Wenn es aber ’nichts bringt‘, dann lohnt es sich nicht mehr. Vor allem Schmerz, Krankheit, Älterwerden und Tod müssten eigentlich ‚abgeschafft‘ werden, denn sie beleidigen den modernen Anspruch auf Autonomie.“

Diese Einstellung trifft man ja so häufig im modernen Leben, dass es einem oft kaum noch auffällt. Dabei spielt die Vernetzung via Internet eine Hauptrolle.

  • „Freunde“ oder „Follower“ findet man per Mausklick. Und genauso einfach trennt man sich auch wieder von ihnen.
  • Partnerbörsen sortieren alle möglichen Bewerber schon mal vor und schlagen einem nur die zehn geeignetsten vor.
  • Schönheitsoperationen schon zum 18. Geburtstag.

All das ist getragen von dem Wunsch, das Leben zu optimieren. „Geht nicht – gibt’s nicht!“ und „Nichts ist unmöglich“ sind die Slogans dieses Perfektionswahns. Die steigenden Zahlen von Menschen, die an Depression oder Burnout erkranken, sind wohl eine Folge davon, dass Grenzen als lästig, und einschränkend erlebt werden, die es vor allem zu überwinden gilt.

4. Das Leben als Beschwerde.

„Das Leben meint es nicht gut mit mir,“ ist hier die resignierende Überzeugung. Nicht nur angesichts schwerer Krankheiten oder anderen Schicksalsschlägen verfallen manche Menschen in diese vorwurfsvolle Opferhaltung.

Früher fragten Menschen dann nach der Gerechtigkeit Gottes. Heute fragen sie danach, warum das Leben nicht gerecht zu ihnen sei. So als müsste das Leben „abliefern“, wie es in der Castingshow heißt.

Doch das Leben hat – wie der Roulettekessel oder die Lottotrommel – kein Gedächtnis. Wer dreimal Pech gehabt, glaubt mit dieser Einstellung, jetzt in der Warteschlange des Glücks dadurch ganz vorn zu stehen. Und wenn sich das Leben um diese Erwartung nicht zu kümmern scheint, nimmt man übel.

 

5. Das Leben als Schule.

Mit dieser Einstellung münzt man Niederlagen oder Schicksalsschläge als Chance, etwas zu lernen. Viele esoterische Pfade und auch manche Reinkarnationslehren halten diese Haltung dem Leben gegenüber für die einzig wahre.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Im Unterschied zur vierten Einstellung fühlt man sich mit dieser Haltung nicht ohnmächtig oder verzweifelt, denn es gibt ja etwas zu lernen. Dabei richten sich die Lektionen nach dem Charakter des Erlebten.

  • Wem der Bus vor der Nase wegfährt, regt sich nicht auf, sondern kann lernen, dass im Leben nicht alles nach Plan läuft.
  • Wer mit seinem Aktiendepot einen schmerzlichen Kursverlust hinnehmen musste, kann lernen, sich mit seiner Gier auseinanderzusetzen.
  • Wem das nagelneue Auto vor der Haustür geklaut wurde, kann lernen, dass Zufriedenheit nie im Äußeren liegt, sondern nur innen.
  • Wem schon dreimal der Partner die Beziehung aufkündigte, kann lernen, dass das Karma ihm wohl für dieses Leben auferlegt hat, allein und glücklich zu werden.

Ich kann die Vertreter dieser Einstellung nicht leiden. Einfach weil es mir zu sehr nach moralischer Vergeltung riecht. Und nach dem Versuch, das Unkontrollierbare des Lebens einfach doch noch in den Griff zu bekommen.

Natürlich kann man aus dem, was einem im Leben widerfährt, etwas lernen. Doch aus allem eine Lektion zu drechseln, hat etwas davon, aus der Not eine Tugend eine Tugend zu machen.

6. Das Leben bejahen.

Diese Haltung ermöglicht, schreibt Schmid, eine Beziehung der Liebe, Freundschaft oder wenigstens der Kooperation mit dem Leben. Das hat nichts damit zu tun, sich schicksalshaft allem zu ergeben, das wäre Fatalismus. Vielmehr ist es das Einverständnis mit schicksalhaften Bedingungen.

Dazu gehört, dass wir uns unsere Eltern nicht aussuchen können, was die Anhänger der „Lebensschule“ natürlich kenntnisreich zu beweisen suchen. Und dass auch ein Elternpaar sich das Kind nicht aussuchen kann, wenngleich die vorgeburtliche Diagnostik schon sehr weit gediehen ist.

Schmid schreibt: „Der Prüfstein der Liebe zum Leben und zum Schicksal ist das Andere, das Unpassende und Unabänderliche.“

Also nicht das Aussortieren von Unangenehmen, sondern – sofern es nicht veränderbar ist – das freundliche Hinnehmen, weil es nicht das eigene ideale Bild vom Leben stört, sondern es die Erfahrung, dass das Leben nicht perfekt, stützt.

Der Leserbriefschreiber von oben meinte noch: „Winnicott führte den Begriff der „ausreichend guten Mutter“ in die Psychoanalyse ein. Wie wäre es mit der „ausreichend guten Erziehung?“ Dem „ausreichend guten Partner?“ Dem „ausreichend guten Job?“

Mein Fazit:

Die Einstellung zum Leben wird oft schon in der Kindheit geprägt. In jeder Familie gibt es offizielle Regeln, die ausgesprochen werden. (Wir halten zusammen. Um zwölf Uhr gibt’s Mittagessen. Wer schreit, hat Unrecht.)

Interessanter sind die inoffiziellen Regeln, die natürlich nicht verkündet werden. Aber als Kind und Jugendlicher kriegt man die mit, denn die Erwachsenen leben nach diesen Regeln.

Und eine dieser inoffiziellen Regeln geht darum, was das Leben eigentlich ist. Also, was wichtig ist im Leben. Worum man sich kümmern muss. Was man anstreben soll. Damit einher geht auch, was nicht wichtig ist im Leben. Was überflüssig ist. Luxus. Firlefanz.

kommentar Welche Einstellung hatten Ihre Eltern? Und welche haben Sie heute?

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Zeichnung: RKW Foto: Eldad-Yitzhak, Fotolia.com,

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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