„Depression ist für das Herz genauso schädlich wie Rauchen.“

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Gesundheit

Psychokardiologie behandelt Herz und Psyche.

Den obigen überraschenden Zusammenhang erklärt Prof. Christoph Herrmann-Lingen vom Zentrum Psychosoziale Medizin an der Universität Göttingen in diesem Interview:

„Der Grund für diesen Zusammenhang sind vor allem Stresshormone, die der Körper unter seelischer Belastung produziert. Sie lassen Puls und Blutdruck steigen, verändern die Spannung in den Gefäßwänden und blockieren deren Regenerationsfähigkeit.

Auch der Blutzucker und die Blutfettwerte klettern, wenn der Mensch unter Strom steht. Die Stresshormone kurbeln überdies Entzündungsprozesse an, die an den Gefäßwänden nagen. Außerdem neigen die Blutplättchen von depressiven Menschen eher dazu, sich zu Gerinnseln zusammenzuballen. Diese können irgendwann wichtige Adern verstopfen und einen Gau im Herzen oder Hirn auslösen.“

Wenn die Seele leidet,  kann dies zu Herzkrankheiten führen. In diesem Interview in Psychologie heute erklärt der Psychokardiologe die Zusammenhänge zwischen Herzerkrankungen und Depression genauer: 

  • Ungefähr 20 Prozent aller Herzinfarktpatienten bekommen nach dem Infarkt eine Depression.
  • Bei Herzinsuffizienzpatienten sind es bis zu 40 Prozent.
  • Patienten mit einem implantierten Defibrillator bis zu 50 Prozent.

Eine nachfolgende Depression kann einen neuen Infarkt beschleunigen. Denn der depressive Patient hat wenig Antrieb, wichtige Vorsorgemaßnahmen fortzuführen, ernährt sich ungesünder oder versäumt die regelmäßige Einnahme seiner Medikamente.

Doch der Zusammenhang zwischen Herz und Psyche gilt auch andersherum: Eine bestehende Depression kann später zu einer koronaren Herzkrankheit führen. Denn eine schwere Depression ist enormer Stress für den Körper, bei dem Herzrhythmus und Durchblutung gestört werden können.

Welche Faktoren können eine Depression nach einem Infarkt begünstigen?

In meinen Persönlichkeitsseminaren wundern sich einige Teilnehmer, warum wir zur Bearbeitung aktueller Schwierigkeiten immer auch belastende Erlebnisse in der Biografie berücksichtigen.

Manchmal sagt einer:

„Was vor vierzig oder fünfzig Jahre mal schlimm für mich war, kann doch keinen Einfluss auf mein heutiges Leben mehr haben. Das ist doch längst vergessen.“

Doch der Psychokardiologe weiß aus Erfahrung:

Es gibt viele Befunde, die zeigen, dass emotional belastende Kindheits- und Jugenderlebnisse auch 50 Jahre später noch mit einem erhöhten Infarktrisiko einhergehen.
Zum Beispiel weil die Betroffenen im Lauf ihres Lebens versuchen, ihre in der Kindheit wurzelnden Ängste durch ‚kompensatorische Mechanismen‘ wie Suchtverhalten oder ungesundes Essen auszugleichen.
Oder durch exzessives Arbeiten. Diese Menschen stürzen sich übertrieben in ihren Beruf  und stabilisieren sich über Leistung.
Wenn dann aber ein so zentrales und hochemotional besetztes Organ wie das Herz nicht mehr richtig funktioniert, bricht die Abwehr zusammen, und ein Gefühl von ‚Ich kann nichts mehr, ich bin nichts mehr wert‘ tritt zutage.
Dann kommt heraus, was immer in Schach gehalten wurde: die Depression.

Aber auch langanhaltende Gefühle wie  Trauer, Streit oder Schwermut können für den Menschen krankmachenden Stress bedeuten. Dann strömen Mengen von Hormonen durch den Körper und können Herzerkrankungen auslösen.

Warum sterben mehr Frauen als Männer am Herzinfarkt?

Das hat etwas mit den sozioökonomischen Unterschieden zu tun. Viele Männer erleiden einen Infarkt zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Sie verfügen meist über die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen oder werden zu Hause – von der Ehefrau – gut versorgt. Damit sind sie den krankmachenden Stress erst mal los.

Frauen bekommen Herzkrankheiten aber meist ab dem Alter von 65 Jahren. Für sie steht meist keine gute häusliche Versorgung oder Entlastung durch Frühberentung zur Wahl. Oft fühlen sie sich trotz ihrer Erkrankung für Familie und Haushalt voll verantwortlich.

Dabei zeigen Studien, dass schon emotionale Unterstützung durch andere Menschen den Verlauf der Depression bei Herzpatienten günstig beeinflussen kann. Mangel an sozialer Unterstützung erhöht dagegen zusätzlich das Risiko für ungünstige Verläufe der Herzerkrankung.

Wie kann man ein Infarktrisiko früh erkennen?

Dabei helfen Fragen nach der familiärer Vorbelastung, nach Rauchgewohnheiten, Gewicht, Ernährung, Bewegung, Blutdruck, Cholesterin werte u.m. Hier ein seriöser Test der deutschen Herzstiftung.

Belastend ist vor allem beruflicher Stress. Und hier sind es vor allem vier Faktoren:

    1. Anhaltender Ärger im Job
    2. Aufgaben mit vielen Anforderungen und Zeitdruck
    3. Wenig Entscheidungsspielraum
    4. Mangelnde Anerkennung

Die gute Nachricht: Depressionen lassen sich heute gut behandeln. Entweder medikamentös oder mit Psychotherapie. Am besten ist die Kombination von beidem.

Denn Antidepressiva helfen zwar schnell, klären aber nicht die zugrundeliegenden Ursachen der Depression. Psychotherapie dauert länger, identifiziert und bearbeitet dafür die dahinter liegenden Konflikte.

Doch bei einer mittelschweren Depression ist es mitunter schwierig, aufgrund der Antriebslosigkeitsich für etwas aufzuraffen. Außerdem brauchen Männer und Frauen oft unterschiedliche Therapieangebote.

„Männer sprechen relativ gut auf einen verhaltenstherapeutischen Ansatz an. Sie profitieren von klaren Verhaltensempfehlungen, von Tipps zum Stressmanagement, regelmäßiger telefonischer Risikofaktorberatung.“

Frauen dagegen brauchen eher jemanden, der ihnen empathisch zuhört und auf Sie eingeht. Sie sollten ermutigt sein, sich in der Familie mehr abzugrenzen, sich Freiräume zu schaffen und über Sorgen zu sprechen.

Mein Fazit:
Noch vor wenigen Jahren hielten es Kardiologen für normal, dass Patienten mit einem Herzinfarkt aufgrund der Erkrankung für eine Weile niedergeschlagen sind.

Wie eng Depression und Herzinfarkt zusammenhängen, finden Psychokardiologen immer mehr heraus. Sie entwickeln maßgeschneiderte Therapieprogramme mit einer Mischung aus tiefenpsychologischen Ansätzen und Verhaltenstherapie, aber auch praktische Tipps zum Umgang mit Stress.

Übrigens: Für Herzkranke zu beten hat eine nachweisbar heilende Wirkung – das behaupten zumindest amerikanische Mediziner in dieser Studie.

PS: Den Bericht eines Betroffenen jungen Mannes und seinen Blog dazu finden Sie hier: www.depression-besiegen.de

 

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Foto: © Gina Sanders,  Elvira Gerecht Fotolia.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach.
Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse.
Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

6 Kommentare

  1. Stieglitz sagt

    Ich habe immer ein schönes Leben geführt mit meiner Frau und meiner Familie! Der Job war sehr viel Stress! Im Herbst eine Depression und 4Wochen Au. Dann am 25 Febr.einen Herzinfarkt und dabei etwas Glück gehabt! Für 3Wochen in die Reha und jetzt schwere Depressionen bin sehr fertig.

  2. Das Herz sorgt für unsere Liquidität: den Fluss des Blutes – wenn es da stockt, stockt auch irgendwas in unserem Leben.
    Vielleicht fehlt irgendwo im Leben ein „Danke“ oder ein „Verzeih mir“ – ganz platt: bischen mehr Liebe?
    Vielleicht ist es da manchmal leichter, sich in eine Antriebslosigkeit/ Depression zurückzuziehen? Und da hilft eben keine OP, kein Stent, kein Medikament usw.

    Und der Körper? Depressive Verstimmungen werden heute auch mit Bewegungs- und Ernährungsprogrammen therapiert.
    Das deckt sich mit den Rehaprogr. fürs Herz.

    Übrigens helfen bei depressiven Verstimmungen und zur Herzstärkung die gleichen Schüssler Mineralstoffe und sonstigen „Hausmittel“.

    In diesem Sinne: Lieben, Leben, Lachen und nicht soviele Sorgen machen.
    HERZliche Grüße
    RR

  3. Der Zusammenhang aus Stress, welcher beruflich bedingt ist und dem Herzinfarkt am Ende einer seelischen Belastung durch den Beruf, finde ich ausserordentlich spannend wie beängstigend. Gerade viele Arbeitnehmer sehen sich ja in ihren Arbeitsplatz als Gefangene. Auch bei enorm hohen Druck, welcher dann zur Belastung wird, werden oftmals keine Konsequenzen gezogen aus Existenzängsten. Ich denke dieser Zusammenhang kommt häufiger vor als allgemein angenommen.

  4. Silvia Wolf sagt

    Toller Artikel – und leider so wahr! Schade nur, dass viele Hausärzte das leider nicht bedenken und auch darauf nicht recht achten.

    Was die Psychogenese angeht – NEIN, man steht nicht einfach über den Dingen, die einen in der Kindheit belastet haben, ohne reflektiert zu haben. Ohne die Möglichkeit, diese Sachen zu beleuchten, zu analysieren – und das Verhalten im Erwachsenenleben zu ändern, verschärft man meiner Meinung nach das Risiko zu Stenosen und Infarkten. Ein wichtiger Aspekt.

    Denn viele von uns verdrängen einfach, statt auf zu arbeiten. Danke für den Link Herr Kopp-Wichmann. Wirklich sehr, sehr interessant. Und es stützt meine „hauseigene Theorie“.

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