Warum Respekt die bessere Haltung ist.

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EFFEKTIVER FÜHREN / Persönlichkeit

Warum es gut ist, auch seine Feinde zu respektieren.

„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Stimmen Sie dem zu?

Nun, das Zitat ist schon etwas älter. Es stammt von Sokrates, 400 v. Chr. Aber jeder Lehrer oder viele Eltern würden diese Aussage bestätigen. Auch der Erfolg der TV-Serie „Super-Nanny“ zeigt ja, dass fehlender Respekt der Kinder für viele Eltern ein Riesenproblem ist.

Interessanterweise kriegt die Diplom-Pädagogin die entgleiste Situation meist schnell in den Griff. Sie hat die Einstellung, dass es Problemkinder  nicht gibt – nur schwierige Situationen. Und Eltern, die Hilfe brauchen.

Im Wesentlichen macht sie bei den meisten Familien dasselbe:

  • Sie führt klare Regeln für Kinder und Eltern ein.
  • Sie hält alle an, einander zu respektieren.
  • Sie arbeitet mit den Eltern an deren Konflikten miteinander.

Respekt hat ja heutzutage bei vielen Menschen keinen guten Klang. Es erinnert viele an überholte Vorstellungen von Gehorsam, Klappe halten und Unterwerfung. Und Respekt wird oft mehr gefordert als gewährt. Alte verlangen Respekt von den Jungen. Die Oberen von den Unteren.

„Doch Respekt kommt in seinem lateinischen Ursprung von „respectus“, bedeutet also soviel wie „Zurücksehen“ und „Berücksichtigen“. Hat also weniger mit Gehorsam und Unterordnung zu tun als mit Begriffen wie Höflichkeit, Anerkennung, Würde, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Fairness“, schreibt Wolf Lotter in seinem lesenswerten Beitrag in brandeins.

Er schreibt, dass vor allem Menschen mit einer „narzisstischen Persönlichkeitsstörung“ oft einerseits Respekt von anderen fordern. Umgekehrt es ihnen jedoch schwer fällt, diesen anderen zu erweisen.

Ein Mensch mit einem solch neurotischen Narzissmus – es gibt ja auch die gesunde Form:

  1. hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt etwa Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)
  2. ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe
  3. glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen
  4. benötigt exzessive Bewunderung
  5. legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen
  6. ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  7. zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen/anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  8. ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn / sie
  9. zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten

Ob Berlusconi, van Gaal oder von Guttenberg – der Glaube an die eigene Gottähnlichkeit macht das Eingestehen von Fehlern unmöglich. Deshalb können aufgedeckte Verhaltensweisen in deren Augen auch nur mediale Schmutzkampagnen entspringen.

Vielleicht ist Ihnen jetzt auch jemand aus Ihrem Berufs- oder Privatleben eingefallen, dessen Verhalten Sie schon immer störte. Aber vielleicht erkennen Sie sich auch selbst etwas in den Beschreibungen wider.

Es gibt zwei Arten von Respekt.

Die RespectResearchGroup unterscheidet zwei Arten von Respekt:

Horizontaler Respekt
entsteht auf der Grundlage wahrgenommener Gleichwertigkeit. Er drückt sich darin aus, dass man einen Anderen als prinzipiell gleichwertiges Gegenüber behandelt und daher dessen Wünsche und Wahrheitsdefinition im eigenen Handeln stets berücksichtigt.

Horizontaler Respekt gilt unbedingt oder absolut: Entweder man erkennt einen Anderen als gleichwertiges Gegenüber an oder man tut es nicht. Das setzt die Einsicht voraus, dass Menschen gleichwertig (nicht gleich) sind. Somit kann horizontaler Respekt erlernt werden.

Vertikaler Respekt
entsteht auf der Grundlage wahrgenommener positiv bewerteter Differenz. Dem Anderen werden besonderes oder größeres Wissen, besondere oder größere Fähigkeiten, besondere oder größere Leistungen oder besondere oder herausragende Eigenschaften zugeschrieben.

Vertikaler Respekt drückt sich darin aus, dass man einem Anderen freiwillig und gerne folgt, zumindest in den Bereichen, in denen diese positive Differenz wahrgenommen wird.

Vertikaler Respekt gilt bedingt oder graduell: In dem Maße, in dem man beim Anderen besondere, größere oder bessere Ausprägungen in Wissen, Fähigkeiten, Leistung oder Eigenschaften wahrnimmt, wird dieser Andere respektiert.

Vertikaler Respekt ist in Firmen oder Organisationen wichtig, denn dadurch funktionieren sie reibungsloser. Durch vertikalen Respekt wird signalisiert, dass man sich freiwillig unterordnet.

In Konflikten verlieren viele den Respekt.

Ein Konflikt entsteht, wenn zwischen mindestens zwei Parteien, die miteinander zu tun haben, unvereinbare Unterschiede zwischen sich oder Bedrohungen ihrer Mittel, Bedürfnisse oder Werte wahrgenommen werden.

Erst dann stellt sich die Frage ob der Andere im eigenen Handlungskalkül als gleichwertig berücksichtig wird. Die Aussage: „Ich respektiere jeden, solange er mit mir übereinstimmt, oder mich nicht stört“ hat dementsprechend nichts mit Respekt zu tun.

Keine der beiden Arten des Respekts kann man erzwingen. Die implizierte Gleichwertigkeit der Menschen im horizontalen Respekt muss selbst eingesehen werden. Die implizierte Differenz im vertikalen Respekt muss anerkannt und für richtig befunden werden.“ (Ende des Zitats)

Respekt vor dem Andersdenkenden kann man als ein Zeichen menschlicher Reife sehen. Erfordert es doch das Hintanstellen des eigenen Egos und das Akzeptieren andersartiger Meinungen, Werte und Handlungen.

Im Gegensatz zu Anerkennung muss man Respekt nicht erst verdienen. Respekt kann man nicht einfordern, sondern sich nur dafür entscheiden und im eigenen Denken und Handeln verankern. Respektvolles Verhalten kommt aus der inneren Haltung.

Hier eine gute Radiosendung über Respekt zum Anhören.

Das fällt fast allen Menschen auf unterschiedlichem Gebiet schwer. Denn das Beharren auf dem eigenen Standpunkt als „Wahrheit“ oder „objektiver Sichtweise“ stützt die eigene schwache Identität. Wer innerlich gefestigt ist, kann Andersdenkenden ihre Ansicht lassen.

Doch das fällt vielen Menschen, aber auch Völkern oder Religionen schwer. Hier ein Beispiel von Dieter Nuhr:

httpv://www.youtube.com/watch?v=4Tf8mZ5geEc

Was bedeutet Respekt konkret?

Der Autor und Berater Fritz Simon sieht es ganz nüchtern:

„Je pragmatischer wir mit Respekt umgehen, desto besser. Ich behandle andere Leute, weil ich möglicherweise morgen was von ihnen brauche oder sie heute schon was haben, das für mich von Interesse ist. Es ist einfach unklug, respektlos zu sein.“

In einer globalen Welt, in der wir immer mehr einander und voneinander brauchen, ist das sicher ein weiser Rat. Egal ob es um Rohstoffe, Arbeitskräfte, Wissen etc. geht. Kein Land ist heute eine selbstversorgende Insel mehr.

Verdienen auch unsere Feinde Respekt?

Das kann man moralisch beantworten. Doch kann sich auch hier eine respektvolle Haltung auszahlen, vor allem dann, wenn der Feind etwas besitzt, das man haben möchte. Zum Beispiel eine bestimmte wertvolle Information.

In seinem Artikel „Wie Sie Ansehen selbst bei Todfeinden gewinnen“zeigt René Borbonus am Beispiel des Verhörs Gefangener im Irak-Krieg, wie wichtig Respekt in der Kommunikation auch mit Menschen sein kann, die man lieber hassen oder verachten möchte.
Der amerikanische Verhörspezialist Matthew Alexander (Pseudonym), der Mitglied eines Spezialteams der US-Armee auf Anti-Terror-Mission im Irak war, hat in seinem Buch How to Break a Terrorisgenau das getan.

Hier das Buch dazu: Respekt! – Wie Sie Ansehen bei Freund und Feind gewinnen.

Mit überraschendem Ergebnis: Respekt ist seinen Erfahrungen nach effektiver als Folter. Alexander erreichte damit, was seinen Kollegen zuvor misslungen war. So erhielt er bei seinen Vernehmungen die Informationen, die im Sommer 2006 die Ausschaltung des irakischen al-Qaida-Führers Abu Musab al Zarqawi ermöglichten.

Muss man auch die Eltern respektieren?

In meinen Persönlichkeitsseminaren geht es manchmal bei einem Teilnehmer um das Thema „Ablösung“.  Jemand hasst seine Eltern so sehr, dass er schon seit Jahren den Kontakt völlig abgebrochen hat oder sich sonstwie emotional distanziert hat.

So verständlich derlei Reaktionen sein mögen – man bleibt dadurch gebunden. Die Ablösung geschieht auch hier über den Respekt. Um das Anerkennen des anderen, egal wie der andere war oder was er getan hat.

Wurde jemand als Kind oder Jugendliche von einem Elternteil verprügelt oder missbraucht, fällt das immer schwer. Ein Mann berichtete, dass er angesichts seines stets betrunkenen Vaters sich als Zehnjähriger schwor, „nie so ein Mann zu werden wie mein Vater“.

Doch das Verweigern des Respekts, der Achtung macht einen nicht frei, sondern bindet einen an den vermeintlichen Feind. Darüber, wie man sich ablöst, gibt es zwei Videos von mir: „Ein Mann braucht den Frieden mit seinem Vater.“

Mit dem Respekt kann man es aber auch übertreiben.

Als im Konzert des Jazzpianisten Keith Jarrett in Berlin jemand hustete, hielt dieser eine Rede über die Welt draußen und ihren Mangel an Konzentration. Dann unterbrach der Maestro das Konzert, weil ein Ton ihm nicht sauber gestimmt erschien.

Ein Klavierstimmer musste unter Lachen und Jubel der zweitausendvierhundert Besucher auf die Bühne. Als dann ein Fan fotografierte, unterbrach Jarrett wieder und verlangte, dass er die Kamera über den Gang hinweg einem anderen gebe.

Manche Narzissten wollen eben nicht nur Applaus und Bewunderung, sondern freiwillige Unterwerfung.

kommentar Wie geht es Ihnen mit dem Respektiertwerden Und dem Respekt?

 

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Fotos: © – CC Flickr.com Moira Fee, i make design photocase.com, istock.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

19 Kommentare

  1. Ein Mann sagt

    Da ist wohl ein Denkfehler und das in einem Persönlichkeitsblog?

    Ich bin ein von der Mutter emotional missbrauchter Mann und ich kann Ihnen sagen, mein Kontaktabruch hat nichts mit Hass sondern mit Selbstschutz zu tun.

    Hass haben diese Personen nicht verdient und sowieso ist Hass nur ein Mangel aus Liebe.

  2. Ich kann gut verstehen, warum Sie keinen Kontakt in der Realität mit Ihren Eltern mehr wollen.
    Aber vielleicht ist es innerlich möglich, Ihren Frieden mit ihnen zu machen. Nicht für Ihre Eltern, sondern damit Sie sich gut von Ihnen lösen können. Und ablösgen kann man sich nicht im Hass oder der Verachtung.
    PS: Schließlich verdanken Sie den beiden Ihr Leben.

  3. Fro sagt

    Dieser Text zum Thema „Respekt“ hat mich sehr beeindruckt und ich bin in fast allen Punkten gleicher Meinung.

    Allerdings bin ich „so eine“, die den Kontakt zu den Eltern dauerhaft abgebrochen hat. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren gelernt, dass es mir bedeutend besser geht ohne die Eltern.

    Ich bin ein „Ehebruchprodukt“ zweier Gastarbeiter. Ehebruch war damals noch ein Offizialdelikt. Er war noch mit einer anderen Frau verheiratet – und hat dann ungenügend verhütet, als er fremdging. Ich kann und will nicht dankbar sein für die Tatsache, dass ich ungefragt auf diese Welt gestellt wurde. Die ersten eineinhalb Jahre verbrachte ich im Kinderheim.

    Meine Eltern hatten mich nie respektiert. Kein Wunder, bei „dieser Herkunft“. Allerdings würden sie jetzt nur zu gerne noch ein wenig vom mir profitieren, „wenn man diesen Bastard schon grossgezogen hat“. Jetzt wäre ich gut genug, als billige Pflegerin für’s Alter. Sie drängen seit mehr als zehn Jahren hartnäckig auf Kontakt. Sie respektieren meinen Wunsch nach Abgrenzung nicht und lassen mich nicht in Ruhe.

    Es ist für mich nicht möglich, wieder Kontakt zuzulassen. Ich werde alles tun, damit ich diesen Kindsmisshandlern nicht wieder in die Hände falle. Ich muss beruflich und finanziell stabil bleiben, denn die warten nur darauf, dass ich irgendwie in Schwierigkeiten gerate und somit wieder abhängig von ihnen werde. Ich bin dadurch in meiner Lebensführung eingeschränkt, weil nichts passieren darf. Ich kann nicht so locker leben wie meine Eltern damals, als sie ein wenig fremdgingen…..

    Aber jetzt einfach wieder Kontakt aufzunehmen
    ist keine Lösung, denn die würden mich wieder ausnützen und nie wieder loslassen.

    Es gibt nun mal sehr egozentrische Eltern, die einen immer wieder verletzen, solange man Kontakt mit ihnen hat.

    Liebe Grüsse von Froggy

  4. Karl sagt

    Jemanden zu respektieren, weil man vielleicht mal etwas von ihm will, hat für mich nichts mit wahrem Respekt, sondern eher etwas mit Hinterlistigkeit zu tun. Genauso wie die Taktik des Respekts bei einem Terroristen anzuwenden. Mit dem Titel „how to BREAK a terrorist“ ist ja wohl schon alles gesagt.

  5. mart_n sagt

    Wenn die meisten von uns unter Respekt Gehorsam und Unterwerfung verstehen mit vielleicht nur 30 % Achtung und Würde, ist es dann nicht besser, gleich Würde und Anerkennung oder Achtung zu sagen? Warum dieser Umweg über Erklärungen, die nur diejenigen hören, die diesen Text hier lesen.

    Wir müssen uns dem Wort ‚Respekt‘ doch nicht unterwerfen. Wir verwenden doch immer dann Fremdwörter, wenn wir lügen wollen. Wenn wir sagen, wir respektieren jemanden, dann tun wir doch nur so, als würden wir ihn achten oder anerkennen. Z.B. wenn man sagt: „Herr Müller ich respektiere ja ihre Meinung …“ dann ist das bereits gelogen.

    Respekt wird im besten Falle respektiert, im Sinne der Unterordnung. Achtung oder Anerkennung dagegen kommt aus dem Herzen. Das eine kommt von einem selber, das andere zollt oder zahlt man dem anderen (heim).

  6. Hallo Pi,
    schlimme Taten kann man, glaube ich, nicht verzeihen. Denn das würde ja doch meistens ein „es ist vorbei“ beinhalten. Und des eigenen Schutzes wegen und auch der Selbstachtung geht das bei schweren Vergehen nicht.

    Beim Verzeihen verlässt man ja auch die Augenhöhe und erhebt sich ein Stück über den anderen. Man ist dann gefühlt ein Stück größer und „verzeiht“ von oben herab dem „Sünder“.
    Davon halte ich nichts. Beim Respektieren eines Elternteils, der einem Böses angetan hat, respektiere ich ja nicht die Tat, deshalb muss ich sie vorher auch nicht verzeihen. Die Tat kann mich weiter wütend machen und ich kann sie verurteilen.

    Der Respekt gilt der Beziehung. Man respektiert die Mutter oder den Vater, einfach aus dem schlichten Grund, weil sie einem das Leben geschenkt haben. Was ich ab und zu beobachte, ist, dass jemand, um mit der Tat fertig zu werden, die ganze Beziehung kappt. Und darüber wird man meiner Meinung nach nicht frei, nicht wirklich erwachsen.

    Hellinger antwortete mal auf die Frage, wie denn der ein halbes Jahrhundert dauernde Krieg zwischen Israelis und Palästinensern zu stoppen wäre. Seine Antwort war schlicht und weise: „Wenn die Israelis beginnen, die palästinensischen Opfer zu betrauern, die durch ihre Waffen ums Leben kamen. Und wenn die Palästinenser um die toten Israelis trauern, die durch ihre Raketen umkamen.“

    Danke für Ihre Frage.

  7. Guten Morgen Pi,
    ja, da bin ich auch auf eine Antwort gespannt, hat mich doch oft das Reden Nichtbetroffener noch mehr wütend gemacht.
    Jetzt mit 57 sehe ich die ganze Frage auch
    nicht einfacher, ganz im Gegenteil:
    Täter, also objektiv zu verurteilende, oft Irrsinnige, bauen sich ein Netz aus Lügen und Verbündeten, belogenen Verbündeten, lügenden Verbündeten – über den Tod hinaus auf, aus Angst, aus Schuldgefühl und Scham, aus Hinterlist.
    Nun hat man es aber nicht (mehr) mit einem Täter zu tun, sondern mit vielen korrumpierten „Mitätern“ – und die unsäglichen Folgeschäden interessiert dieses ganze Netzwerk vermeintlich nicht Betroffener, oft aber Nutzniesender gar nicht. {„hab dich nicht so!“, „Du steigert Dich da in was rein“, „ach, so schlimm war das doch nicht“, „aber du lebst ja noch!“ usw.} Und das geht so lange, bis alles platt ist, alle leiden – und niemand mehr nimmt in diesem See der Verdrängung die Verantwortung für seine eigenen Symptome.
    [dabei sollte die Verantwortung für die eigenen Symptome doch Großteil der Lösung sein… -eine sinnvolle Formel des Blogautors]
    In der eigenen Großfamilie stellte ich immer wieder fest, wie schmerzlich die destruktiven Strukturen über Generationen fortgesetzt werden, das sieht oft wie programmierte Wiederholungen aus.
    Heute denke ich, dass Filme wie „Das Fest“ wichtig sind. Bewegung in dieses Dickicht von Verdrängung, Angst und Lügen, Verleletzungen und Wiederholungen bekommt man ganz sicher oft nur durch ein Donnerwetter.

  8. Reinhard Wiesner sagt

    Wenn man Kind ist, (das ist mein Modell)
    benötigt man
    „Höflichkeit, Anerkennung, Würde, Achtsamkeit, Rücksichtnahme und Fairness”
    von anderen. Ich denke, dass nennt man auch „Liebe“?! Mit u.a. Lob und Kritik wird dem Kind dargelegt, ob es mehr oder weniger geliebt wird. Haben Sie sich unabhängig von Lob und Kritik gemacht, kann man Sie nicht mehr manipulieren (Kunst Egoist zu sein). Da jeder Mensch nach einem Axiom aber Liebe braucht, hat er Antreiber entwickelt, wie er Liebe erhalten kann. Nun ein weiters Modell, wenn Sie andere lieben, bekommen Sie auch eher Liebe zurück. U.A. ist Respekt warhscheinlich schon deswegen die bessere Haltung, man tauscht sich wieder Liebe aus.

  9. Pi sagt

    Hallo, Herr Kopp-Wichmann,

    vielen Dank für Ihre Antwort. Leider ist mir immer noch nicht ganz klar, wie Ihre Aussage gemeint war.

    In einem früheren Artikel haben Sie Alice Miller erwähnt, deren Bücher ich zum großen Teil gelesen habe. Als ich nun den oben erwähnten Abschnitt las, habe ich mich daran erinnert, was sie über das vierte Gebot („Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.“) und den Prozess des Verzeihens schreibt. Sie stellt sich strikt gegen alle, die behaupten, einem Täter zu Verzeihen sei ein wesentlicher und notwendiger Schritt im Therapieprozess, und begründet das damit, dass man durch das Verzeihen den eigenen negativen Emotionen die Legitimation entzieht: Wem man bereits verziehen hat, auf den kann/darf man nicht mehr wütend sein. Da man aber die Wut nicht einfach abstellen kann, gerät man so zwangsweise in einen inneren Konflikt. Das Verzeihen gleicht hier einem Selbstverrat.

    Die Hürde, vor der ich jetzt stehe, ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass man z.B. einem misshandelnden Elternteil Respekt entgegenbringen kann ohne ihm vorher bereits verziehen zu haben. Daran dachte ich, als ich schrieb, dass vielleicht gerade der (erzwungene) Respekt einen emotional noch stärker bindet anstatt befreit.

    Würden Sie Alice Miller in diesem Punkt widersprechen? Oder passen beide Aussagen besser zusammen, als ich es gerade vermute?

  10. Hallo Pi,
    wenn mich der andere respektiert, fällt es sicher leichter diesem auch meinen Respekt zu zeigen. Schwieriger wird es in der Tat, wenn der andere mir seinen Respekt verweigert oder Dinge angetan hat, die mir schadeten. Es geht nicht darum, seine Wut zu unterdrücken, sondern vielmehr darum, welche Art der Beziehung ich weiterhin zu ihm führen will.

    Verweigere ich den Respekt, bleibt ja nur als Reaktion Vergeltung oder Rache. Diese kann offen oder direkt aggressiv sein oder indirekt und subtil, zum Beispiel durch Rückzug, Nichtbeachtung oder Kontaktabbruch. Doch emotional wird man dadurch nicht frei. Manche empfehlen dann zu verzeihen. Doch beinhaltet Verzeihen fast immer ein „von oben herab“. „Großmütig“ verzeiht man dem, der Böses getan hat. Das geht vor allem gegenüber den Eltern nicht.

    Die Dinge sind schwer mit Worten zu erklären. Man muss sie emotional erleben, um zu prüfen, ob es stimmt. Wenn Sie die Thematik weiter interessiert – der umstrittene Bert Hellinger hat Kluges und Wesentliches dazu gesagt.

    Danke für Ihren Kommentar.

  11. Pi sagt

    Ihr Plädoyer für mehr Respekt kann ich nur unterschreiben. Ich bin vor allem ein Freund des horizontalen Respekts, wie ich nun weiß. Aber der Abschnitt „Muss man auch die Eltern respektieren?“ verwirrt mich ein wenig.

    Es will mir nicht recht einleuchten: Wieso sollte ich jemandem Respekt entgegenbringen, der mich nicht respektiert? Auch (oder gerade) wenn es sich dabei um die eigenen Eltern handelt? Wie könnte ich das? Ich müsste mich dazu zwingen. – Kann es denn gut sein, ein misshandelndes Elternteil zu respektieren, wenn man dazu die berechtigte Wut unterdrücken muss? Wenn sich dieses Elternteil seinerseits vielleicht nicht einmal bemüht, dem (später erwachsenen) Kind mit dem gebührenden Respekt zu begegnen? Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass einen das frei machen sollte; dagegen viel eher, dass es einen an den vermeintlichen Freund bindet.

  12. Danke, Herr Kopp-Wichmann, wieder einmal ist es Ihnen gelungen, etwas übersehbar Normales mit seinen vielen Facetten in den Blickpunkt zur rücken.
    Ergänzend noch einen Blickwinkel: „Respekt bzw. Respekt, Alter“ Diese Ansprache ist eine sehr angestrebte Stufe unter Jugenlichen aller Couleur. Könnten wir da vielleicht von diesen Jugendlichen lernen? 🙂

    Und um Respekt zu zeigen, als auch sich Respekt zu „verdienen“ – zu beidem gehört auch immer noch eine manchmal übersehene Eigenschaft: Demut.

    @ Herr Oppermann: Sie schreiben „Armut und Respektlosigkeit, wo wir auch hin schauen, vor unserer eigenen Tür bis hin …..“ Ziemlich respektlos könnte man da jetzt fragen: Hat Ihre Tür vielleicht Spiegelglas?
    Frohes Schaffen wünscht
    Renate Richter

  13. Karl Hinkel sagt

    ja, Frau Unger, sehr gute Anmerkung, die physiologische Seite mit einzubehiehen. Wir wissen ja, dass Kraftsport 400! Peptide, Enzyme, Fermente und Hormone beeinflusst und dass Süchte und Phobien physiologisch sehr stark verankert sind.
    Gibt es eine Respektlosigkeitssucht? Oder gibt es ein physiologisch „Respekt nicht können“?

  14. Andrea Unger, Feldenkraislehrerin sagt

    Vielen Dank für den Beitrag!
    Vor allem den Hinweis, dass wir Respektlosigkeit gerade in Konflikten merken. Und diese dann unlösbar werden ….

    Ebenso die Tatsachen, dass wir Respekt nicht erzwingen können. Und somit es r/wichtiger ist, Repekt selber zu entwickeln, als ihn einzufordern.

    Ich selber bin ja damit beschäftigt den Respekt im Körper zu schulen, kenne beide Tatsachen (z.b. bei Schmerz) und wie wichtig in unserer Gesellschaft Respekt für sich selber und andere ist.

    Ich wünsche weiterhin viel Erfolg und Zuspruch zu Ihrer Arbeit in den Seminaren!

  15. Guten Tag Herr Kopp-Wichmann,

    danke für Ihr Engagement mit diesem lesenswerten Artikel !
    Respekt ist wohl das Thema, was uns alle täglich umtreibt.

    Für mich ist Respekt ein Handwerk – eine reflektierte Art mit sich selbst und anderen zu kommunizieren. Und ein Handwerk kann jeder Mensch lernen.

    Carsten Schubert

    Gründer der RESPACT-ACADEMY

  16. Dieses Thema interessiert mich besonders im Hinblick auf Unternehmensführung. Dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiter ihren Chef/Cheffin respektieren, wenn er/sie diesen selbst Respekt entgegen bringen..
    Um mehr Respekt in die Welt zu bringen, seien wir selber erstmal respektvoll.
    Überigens: die DIN EN ISO 19011 gibt diese ethischen Grundlagen für Audits vor. Interessant, nicht war? Auditoren verhielten sich früher offenbar wie die Sau im Gemüsegarten.

  17. Christian Kühne sagt

    Hallo Herr Oppermann,

    das ist eine sehr interessante Sichtweise.

    Beziehen Sie Ihre Aussage auf das Individuum oder autarke Systeme, die keine Menschen kennen oder aber auf „übergeordnete“ Individuen, von Unmenschlichkeit geprägt?

    Muss ich jeden Sachverhalt in der Welt respektieren um mein Gegenüber zu respektieren?

    Ist es nicht vielmehr so, dass Menschlichkeit vorherrscht und wir es selbst in der Hand haben unser Gegenüber respektvoll zu behandeln? Ich finde dies wäre ein guter Anfang und der Rest ergibt sich dann von allein.

    In meinen 29 Lebensjahren habe ich damit bisher sehr gute Erfahrungen gemacht und kann nur jedem empfehlen Respekt zu pflegen – immer und für jeden. Andernfalls macht man sich nur selbst kleiner 😉

    Beste Grüße
    Christian Kühne

  18. Karl Hinkel sagt

    Guten Abend,
    es gab hier schon mal einen Artikel mit den Themen Respekt, Achtsamkeit…
    den ich aufmerksam studierte.
    Wo wir seit langer Zeit bemerken, dass Menschen auf Hilfen und gute Gaben oft nur verschämt oder unverschämt reagieren (können), war mir die Forderung des Autors (RKW) besonders aufgefallen, welche lautete: „und unbedingten Respekt denen gegenüber, die die Probleme lösen…“ – das war so intensiv, dass es mir durchgängig im Gedächtnis blieb. (war ein wichtiger Punkt für uns, da wir durch Borderline zutiefst auf Helfen programmiert durchs Leben gehen) Und so hat es zu Veränderungen geführt, dass es bei mir und meiner Partnerin zu sehr viel mehr berechtigter und notwendiger Selbstschätzung führte, auch zum Mut, mal Nein zu sagen. An dieser Stelle möchte ich mich für den wohltuenden Impuls bedanken. (Onlinetherapie funktioniert sehr wohl) Mittlerweile, ach, wahrscheinlich auch durch den Artikel aufgeweckt, meine ich, dass Respektlosigkeit sehr oft auch bewußt gepflegt wird, weil es ja ein Stich ins aufgeblasene Ego, ein Bruch im selbstgezimmerten Siegertreppchen sein könnte, aber auch bedeuten würde, etwas schuldig zu sein, etwas zurückgeben zu sollen…
    und sei es ein gutes Gefühl, eben Respekt.
    Karl Hinkel, Köln

  19. In einer Welt größter Respektlosigkeit gegenüber dem Schicksal des Einzelnen ist das Reden über Respekt sowie das Tragen von Eulen nach Athen.

    Wichtige Wertediskussion, aber die Realität ist doch: das Individuum ist für die Mächtigen nur Mittel zum Zweck der eigenen Bereicherung.

    Armut und Respektlosigkeit, wo wir auch hin schauen, vor unserer eigenen Tür bis bis hin in den entferntesten Winkel der Erde. Die Systeme sind respektlos und dann sind es auch die Akteure – sicher Respekt ist die humanere Haltung.

    Doch in einer Welt, wo der Feind gnadenlos liquidiert wird und Verdächtige öffentlich an den Pranger gestellt, Minderjährige zum Tode verurteilt werden – wundert es nicht, dass Respektlosigkeit mit Zielstrebigkeit gleich gesetzt wird.

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