Müssen Führungskräfte authentisch sein?

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Allgemein / EFFEKTIVER FÜHREN

Sollten Führungskräfte ihre Gefühle zeigen? Oder ist besser, wenn sie diese zurückhalten und sich freundlich und verbindlich äußern?

Und können wir überhaupt wirkungsvoll unsere Gefühle unterdrücken? Viele Menschen versuchen das. Doch es ist meist mit einem Verlust an Glaubwürdigkeit verbunden.

Manager-Guru Fredmund Malik hat dazu eine ganz klare Meinung:

Wer an Vertrauen interessiert ist, muss echt sein:

„Gute Führungskräfte verzichten darauf, ihren Mitarbeitern ein X für ein U vorzumachen. Sie versuchen nicht, eine Rolle zu spielen, die sie ohnehin nicht durchhalten können. Sie achten daher auch nicht sonderlich auf ihren Führungsstil. Sie sind echt, mit all ihren Ecken und Kanten. Sie stehen nicht nur zu ihren Fehlern, sondern auch zu ihrer Persönlichkeit, was nicht heißt, dass man sie nicht entwickeln kann und dass sie nicht an ihr arbeiten.“
(Aus: Führen, leisten, leben: Wirksames Management für eine neue Zeit)

Genau die entgegengesetzte Meinung vertritt Dorothee Echter in ihrem Artikel für den HARVARD BUSINESS MANAGER und meint:

Topmanager müssen nicht authentisch sein.

„Die Forderung ist immer wieder zu hören: Manager sollten Emotionen zeigen und ihre Persönlichkeit ungefiltert wirken lassen. Doch dieser Anspruch ist falsch und mit ihrer Aufgabe nicht vereinbar. Führungskräfte sollten sehr genau überlegen, welche Gefühle sie nach außen dringen lassen.“

Sie führt aus:  „Erfolgreiche Führungskräfte müssen ihre Persönlichkeit zeigen, das Wie ist entscheidend. … Sie beherrschen sich auch und unterdrücken ihr aufrichtig empfundenes Desinteresse oder ihren Ärger. Sie kritisieren nicht, sondern äußern ihre Wünsche.“

Ich bin skeptisch, wenn ich das lese.

In meine Persönlichkeitsseminare kommen immer wieder Führungskräfte, denen während der drei Tage schmerzlich bewusst wird, wie perfekt sie funktionieren. Wie sie immer genau spüren, was andere wollen, welches Verhalten und welche Ansprache jetzt angemessen ist und diese  Reaktionen dann auch optimal abliefern können.

Fast immer hat die Führungskraft diese „Ressource“ früh in ihrem Leben gelernt. Mal ist ein Elternteil früh gestorben oder die ganze Aufmerksamkeit der Familie dreht sich um ein krankes Geschwister. Seine Gefühle beherrschen, es anderen recht machen, eigene Wünsche hintanstellen, wird dann zur vermeintlichen besten Strategie im Leben.

Meist sind solche Menschen im Unternehmen geliebt. Aber der gezahlte Preis an Selbstentfremdung ist hoch.

Laut einer Befragung von 342 Führungskräften von 2004 will eine Mehrheit authentisch sein: „94,6 Prozent sind der Meinung, dass Authentizität wichtig ist, um motivieren zu können. Von größter Bedeutung ist also, dass eine Führungskraft hundertprozentig dazu steht, was sie sagt und tut – weniger die Art und Weise, wie sie es sagt. Rhetorische Kompetenz und Präsentationsstärken hält nur etwas mehr als die Hälfte (51,2 Prozent) für ausschlaggebend.“ (Seite 14).

Kann man authentisch sein trainieren?

Einige Trainerkollegen sind dieser Ansicht und bieten entsprechende Seminare an. Ich bezweifle das. Natürlich kann man Rhetorik, Kommunikation, Konfliktstärke ein Stück weit lernen. Aber authentisch kann man nur sein.

Dazu braucht es kein Üben, sondern vielmehr die innere Erlaubnis, sich so zu zeigen, wie man ist. Ohne strategische Hintergedanken und auch eingedenk des Risikos, dass nicht alle das gut finden.

Hier ein bekanntes Beispiel:

httpv://www.youtube.com/watch?v=-vck9JFYc88

Ich finde das erfrischend. Jemand, der sich traute, seinen Ärger zu zeigen. Vermutlich konnte Völler auch gar nicht anders. Aber er versuchte eben nicht, seine Gefühle zu verklausulieren und politisch korrekt zu formulieren: „Ich möchte an dieser Stelle doch meiner Verwunderung Ausdruck geben über die unterschiedlichen Interpretationen einiger Medienvertreter über die Leistung meiner Mannschaft.“

Es geht ja meiner Meinung nicht darum, immer und überall ungefiltert anderen seine Gefühle um die Ohren zu hauen. Wenn der Ober im Restaurant schlechte Laune hat, will ich das als Gast nicht ausbaden. Das gehört für mich zu einer professionellen Einstellung.

Aber der Ober muss auch nicht ein falsches strahlendes Lächeln aufsetzen bei der Begrüßung. Man darf ihm schon anmerken, wenn heute nicht sein Tag ist. Schon öfters habe ich erlebt, dass sich daraus, wenn ich das bemerkte, ein nettes persönliches Gespräch entwickelte.

Ich will ja von einem Menschen bedient werden. Nicht von einem Rollenträger. Es geht ja auch kaum anders. Die wenigsten Menschen können ihre Gefühle verbergen, schon gar nicht über lange Zeit. Man merkt es am Gesichtsausdruck, am Tonfall, am Gesten oder irgendwann, dass mit ihnen der Gaul durchgeht.

Wie in diesem Beispiel:

httpv://www.youtube.com/watch?v=UYtf6Hh3Zt4

Hier äußert Schäuble nicht seinen Ärger, sondern er agiert ihn an seinem Mitarbeiter aus. Und das noch in einem öffentlichen Raum mit Fernsehkameras. Das finde ich untragbar und verstehe den anschließenden Rücktritt des Mitarbeiters gut.

Hier kann Schäuble nicht gut seine Gefühle in sich regulieren und angemessen kommunizieren, sondern er braucht einen Sündenbock dafür. Er kann sich nur besser fühlen, indem er einen anderen runterputzt. Man achte auf sein triumphierendes Lächeln und seinen Verbrüderungsversuch mit einigen feixenden Journalisten.

Authentisch wäre für mich eine Äußerung von ihm gewesen: „Das ist jetzt eine dumme Situation. Ärgert mich auch ein wenig. Wir unterbrechen kurz, bis die Sachen verteilt sind.“

Im Unterschied dazu plädiert Dorothee Echter für eine „selektive Authentizität.“ Dabei sollen diejenigen Gefühlsregungen, die strategisch Orientierung bieten,  spontan geäußert werden, die anderen nicht.“

Das ginge mit regelmäßigen Ritualen: „Sie trainieren mit ihrer Hilfe, stets das Positive und Wertschätzende zu sehen, zu empfinden, und angemessen, respektvoll mitzuteilen. Vorrang vor Authentizität hat für Spitzenleute die eigentliche Aufgabe: Kleine Schritte Anderer in die richtige Richtung zu bemerken, zu benennen, zu würdigen; diszipliniert und vorbildlich respektvoll zu wirken (Hervorhebung von mir).“

Das muss wohl auch Guido Westerwelle im Sinn gehabt haben, als jüngst ein Journalist wagte, einem deutschen (!) Außenminister eine Frage auf englisch zu stellen.

httpv://www.youtube.com/watch?v=6wKzefRyDfw&NR

Auch hier versucht jemand,  respektvoll zu wirken – obwohl er sich wahrscheinlich ärgert oder angegriffen fühlt. Heraus kommt eine peinliche Replik mit der moralischen Ermahnung, „man befinde sich hier ja in Deutschland.“

Wow, was für eine vermeintliche Informationslücke, die es hier zu schließen gab. Aber solch gequirlter Unsinn entfährt einem eben, wenn man Gefühle wegzudrücken sucht und stattdessen den Staatsmann spielen will.

Mein Fazit:

Müssen Führungskräfte authentisch sein? Ich denke, nein. Einfach deshalb, weil man das nicht verordnen kann. Aber ich denke: Führungskräfte dürfen authentisch sein. (So wie alle anderen Menschen auch.) Sie verlieren dadurch nicht Respekt, sondern gewinnen ihn dadurch oft. Und zusätzlich Vertrauen.

Man weiß bei solchen Menschen, woran man mit ihnen ist. Man muss keinen Spalt zwischen den eigenen Empfindungen und der verkündeten Botschaft überbrücken. Das, was der andere sagt, ist glaubhaft.

Die meisten Menschen haben dafür ein feines Gespür . Insofern ist der Versuch vieler Führungskräfte vergeblich, ob in Wirtschaft oder Politik, uns ein X für ein U vorzumachen.

Um authentisch zu sein, kommt es vor allem darauf an, mit seinen Gefühlen angemessen umzugehen. Das heißt konkret:

  • Nicht den anderen abwerten oder lächerlich machen –
    sondern sein Gefühl mittels Ich-Botschaften äußern.
  • Sich nicht auf das vermeintliche höhere Podest stellen –
    sondern auf Augenhöhe ausdrücken, was einen stört und wie man es gern lieber hätte.
  • Gefühle nicht am anderen auslassen –
    sondern sie angemessen ausdrücken. Das heißt: klar in der Wortwahl und moderat im Ton.
  • Wenn dann doch mal die Gefühle mit einem durchgegangen sind,
    hilft es, sich zeitnah zu entschuldigen.
Cartoon von Roger Schmidt www.karikatur-cartoon.de

Cartoon von Roger Schmidt www.karikatur-cartoon.de

Aber dazu muss man natürlich seine wunden Punkte kennen. Muss wissen, wo man besonders kränkbar ist. Um dann, wenn es mal passiert, dreimal durchzuatmen, sich zu sammeln – und dann erst reagieren.

Doch viele Führungskräfte kennen sich zu wenig. So hielt es ja auch Westerwelle nicht für opportun, auf die heftige Kritik an ihm in seiner Dreikönigstag-Rede einzugehen. Statt dessen trotzige Durchhalteparolen und aufgesetztes Rhetorik-Getöse ohne jedwede Authentizität.

Überzeugt hat das weder Parteifreunde noch die Wähler, wie die jüngste Umfrage zeigt.

Gerade stieß ich noch auf ein passendes Bonmot von Dieter Hildebrandt: „Das ist keine Lüge, sondern sachzwangreduzierte Ehrlichkeit.“

Wenn Sie als Führungskraft sich besser kennenlernen möchten, gibt es hier mit mir eine neue Weiterbildung.

kommentar Was sind Ihre Erfahrungen?
Wie gehen Sie mit Gefühlen im Beruf um?

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Foto: © – Fotolia.com, istock.com

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Führen, leisten, leben: Wirksames Management für eine neue Zeit

Von Fredmund Malik

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.