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Karriere / Methoden

entscheiderbibelRezension der Entscheider-Bibel von Kai-Jürgen Lietz

Wenn ich ein Buch in die Hand bekomme, das sich mit dem Wort „Bibel“ schmückt, bin ich einerseits etwas ehrfürchtig aber auch ein bisschen skeptisch. Bezeichnet doch das Wort „Bibel“ das Buch der Bücher, das im Judentum das  Wort Gottes enthält und als Heilige Schrift Urkunden des Glaubens sind.

Die ersten Entscheidungsschwierigkeiten bekomme ich, als ich das Buch aufschlage und ein Inhaltsverzeichnis von sechs (!) Seiten vorfinde, das den Inhalt des Buches von 380 Seiten (!) widergibt. Wahrhaft eine Bibel. Und was jetzt? Von vorn bis hinten lesen? Das mache ich selten. Oder im Inhaltsverzeichnis nachschauen, was mich anspringt?

Ich entscheide mich – wie habe ich das jetzt gemacht? – für den zweiten Weg und bleibe bei den Grundelementen des Entscheider-Codes hängen. Hier geht es um  die so genannte „KAU-E-Formel“. Dabei steht

  • K für Entscheidungsklarheit:
    Will ich etwas entscheide, muss ich wissen, was genau ich will.
  • A steht für attraktive Alternativen.
    In jeder Entscheidungssituation habe ich Wahlmöglichkeiten.  Manche führen zu einem schlechten, einige aber auch zu einem genauso guten oder besseren Ergebnis.  Das Problem: diese Optionen muss ich erst mal herausfinden und klären.
  • Mir Unterstützung (U) für die Entscheidung zu sichern heißt,  vor dem Entscheiden abzuschätzen, wer mich bei welcher Entscheidung unterstützen könnte.
  • (E) die eigentliche Entscheidung kommt erst jetzt.

Sehr hilfreich fand ich hier die verschiedenen Entscheidungsmuster bestimmter Personengruppen. So entscheiden moderne Politiker eher nach einer UAE-K-Formel. Das heißt, erst sucht man nach der größtmöglichen Unterstützung, dann werden Alternativen gesucht, die dazu passen und dann wird entschieden. Na, da braucht man sich nicht zu wundern.

Deutlich wird im Verlauf des Buches, dass Entscheidungen richtungsgetriebenes Handeln ist, das auf der Basis der persönlichen Vision entsteht. Lietz macht auch klar, dass es „ideale“ Entscheidungen nicht gibt, sondern jede Entscheidung zählt und eine Wirkung entfaltet.

kompassSehr nützlich fand ich den Entscheidungskompass, in dem man lernt, Entscheidungskriterien zu finden und wie man diese paarweise vergleicht.

Für den Pragmatiker ist das Kapitel „Entscheider-ABC“ sehr hilfreich. Enthält es doch für die häufigsten Entscheidungssituationen von „Auftrag“ über „Entlassung“ bis „Investition“ wichtige Punkte, worauf hier genau zu achten ist.

Das Kapitel „15 Entscheidungsfallen“ hat der Autor bereits in einem anderen Buch separat beschrieben. Da diese aber so häufig sind ( Fakten-Falle, Schnecken-Falle, Vorwärts-Falle) ist hier die verkürzte Zusammenfassung berechtigt und sinnvoll.

Mein Fazit:
Das Buch erfüllt mehrere Ziele. Es hält fundiertes Wissen bereit für den, der tief in die Materie einsteigen will. Ein übersichtlicher Aufbau mit Lernzielen am Anfang und einer Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels berücksichtigen die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung, wie man sich Lernstoff am besten einprägt. Viele praxisnahe Beispiele illustrieren die Anwendung in verschiedenen Bereichen.

Aber: und das ist mein einziger Einwand nicht gegen dieses Buch speziell sondern gegen die meisten „Ratgeber-Bücher.“ Im allgemein werden sie nicht wirklich gelesen. Und wenn sie gelesen werden, denkt man selten darüber nach oder wendet die empfohlenen Strategien in der passenden Situation an.

Die meisten Menschen gehen erst mal nach der Versuch-Irrtum-Methode vor. Man probiert erst mal rum und schaut, ob es klappt. Oder lesen Sie bei Ihrem neuen Fernseher erst mal die Betriebsanleitung für die Fernbedienung durch? Sehen Sie.

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist auch ein gutes Beispiel. Angenommen man hätte den einflussreichsten Bankern in Amerika, den Vorstandsvorsitzenden unserer Landesbanken und den Managern der Bundesaufsichtsämter für das Kreditwesen diese Entscheider-Bibel vor zwei Jahren in die Hand gedrückt. Hätte es was genutzt?

Ich fürchte: nein.

Und warum nicht? Weil viele Menschen Ihre wahren Motive nicht kennen oder – vor sich oder anderen verschleiern und sich auch nicht die Mühe machen, Entscheidungen längere Zeit abzuwägen.

Ein schönes Beispiel liefert der Autor selbst, wenn er gegen des Buches die Entscheidungskriterien von Andrea Ypsilanti bei der letzten Hessen-Wahl analysiert. Angenommen, Lietz hätte sich als Wahlkampfberater angeboten. Ich bin skeptisch, dass Frau Y. auf ihn gehört hätte („Wirklich interessant, Herr Lietz, da muss ich ja einiges überdenken.“) und ihre Wahlziele und Strategien geändert hätte.

Und das ist die Crux. Es gibt genügend Informationen, wie man gesund lebt, gehirngerecht  Unterrichtsstoff aufbereitet, Kinder erzieht usw. Die Rezepte sind da – aber an entsprechender Stelle werden sie eben oft nicht angewendet.

Das Buch ist toll. Es ist im Grunde für jeden Menschen interessant, denn wir treffen ja stündlich viele verschiedene Entscheidungen. Beruflich wie privat. Wer beruflich in einer besonderen  Entscheidungsposition sitzt, braucht dieses Buch besonders. Stellt es doch die komplizierte Software von Entscheidungsprozessen dar, in die man sich einarbeiten kann.

spielkarte-narr-und-konigPS: Wissen Sie, wer der Entscheidungs-Coach des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan war?
Die Dame hieß Joan Quigley, war Astrologin und erstellte ihm für jede Woche einen festen Arbeitsplan. Aufgrund ihrer Vorhersagen musste der Stabschef im Weißen Haus auf dem Terminkalender die Wochentage in drei verschiedenen Farben einfärben: Für „gut“, „schlecht“ und „unsicher“. An „schlechten“ Tagen verbot Ehefrau Nancy dem Präsidenten, das Weiße Haus überhaupt zu verlassen. Und nur mit Mühe gelang es dem Präsidentenstab im Januar 1987, Ronald Reagan zur jährlichen Rede über die Lage der Nation vor den Kongress zu bringen: Uranus und Saturn standen nämlich in einer unheilvollen Konstellation und Quigley hatte Hausarrest angeordnet.

Ich wünsche dem Buch und dem Autor trotzdem viel Erfolg.

Die Entscheider-Bibel von Kai-Jürgen Lietz ist im Hanser Verlag erschienen, hat 380 Seiten, kostet 29,90 € Sie können sie hier bestellen.

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

5 Kommentare

  1. Ich muss, möchte, WILL = ich habe mich entschieden, hier doch noch meinen Kommentar zur Entscheider-Bibel loszulassen, nachdem ich mich bis Seite 86 durchgequält habe/hatte.

    Katholisch erzogen, dafür kann der Mensch ja nix, erwarte ich von einer BIBEL, dass sie allen Menschen irgendwie gerecht wird und mich bildgewaltig und metaphorisch und damit emotional anspricht. Leider habe ich mich schon auf Seite 10 innerlich verabschiedet und mir gut zugeredet, komm schon, los jetzt. 29,90 kannste nicht einfach so in die Ecke stellen – wohl wissend, dass gefühlte Motivation was total anneres is, als kopfgesteuerte…
    Die bis dort aufgeführten Beispiele stammen mehrheitlich aus BUSINESS-Kontexten mittelständischer Unternehmen/Unternehmer. Das würde schon die Hälfte meiner KundenInnen nicht erreichen.

    Aber auch nach weiteren Stippvisiten im Buch und den regelmäßig auftauchenden „Sie müssen…. sollten…. sonst werden Sie nicht erfolgreich, “ Sätzen kräuseln sich mir als Coach, der immensen Wert auf WAHLFREIHEITS-Vermittlung steht, die Widerstandsnackenhaare.

    Was mir außerdem schmerzlichst fehlt: eine Literaturliste! Das ist für mich ein MUSS, wenn es sich denn um ein seriöses Werk handeln soll.

    Wie auch immer: ich werde das Buch einem befreundeten Manager/ Technischen Leiter eines großen Betriebes weitergeben und seinen Kommentar abwarten. Vielleicht kann er mehr mit der durchstrukturierten (für mich aber eher abgehackten) Darstellungsweise was anfangen als ich.

    Mitgenommen habe ich dennoch viel:
    U.a., dass ich mich trauen werde,noch mehr zu meinem Konzept zu stehen, mich da zu positionieren – weil es einfach, schnell! erlern- und umsetzbar für jedermann und jederfrau ist. In so fern hat sich die Investition schon gelohnt.

    Und zu guter Letzt:
    Eines schickt sich eben nicht für alle, wusste schon der gute Goethe zu bemerken.
    Möge das Buch von Herrn Lietz diejenigen finden, die etwas damit anfangen können.
    Und andere mögen in anderen Büchern, Coachings,
    Eigenerfahrungen ihre Entscheidungskompetenz weiter entwickeln.

    Sommerliche Grüße
    Maria Ast

  2. Guten Morgen,
    Buchvorstellungen samt comment von jemandem, der auch in der Beratungsbranche tätig ist, liebe ich sehr. Danke schön dafür, Herr Kopp-Wichmann.
    Dennoch: ich hatte mich schon fast entschieden, nicht noch eine ‚Bibel‘ zu erstehen (und mir in meinem Blog:http://blog.maria-ast.de/ einen kleinen Frustabbau zum Thema gegönnt…).

    Nun lese ich grad den Kommentar des Autors des Buches – und siehe da, Herr Gigerenzer hat Recht: es braucht nur EINEN einziger guter Grund und der Mensch entscheidet sich um oder anders. (Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen, Goldmann).

    Und es bestätigt zudem den letzten Absatz von Herrn Lietz: Buch und neue Medien zu kombinieren bringt, scheint’s, Erfolg, denn OHNE den Kommentar des Autors in diesem Blog hätte ich das Buch wohl nicht erstanden.
    Nun bin ich gespannt auf den Inhalt des selbigen.

    Herzliche Grüße
    Maria Ast

  3. Lieber Herr Kopp-Wichmann,

    herzlichen Dank für die Rezension meines Buches. Sie haben natürlich recht! Frau Ypsilanti und andere Entscheider würden vermutlich nicht auf einen Berater hören, der für sie die Entscheidungskriterien erarbeitet.

    Deshalb ist ja die wichtigste Person beim Entscheiden der Entscheider selbst. Wenn er sich seine Entscheidung transparent organisiert, sollte nicht allzu viel schief gehen. 🙂

    Es ist leider eine Tatsache, dass wir alle Wissensriesen und Anwendungszwerge sind. Würden wir nur 5% unseres Wissens tatsächlich anwenden, was hätten wir dann alles erreicht?

    Mit den Möglichkeiten der neuen Medien kombiniert, sehe ich allerdings ganz neue Chancen. So können wir doch inhaltlich begleitend zu unseren Büchern Fachweblogs führen und quasi als Gedankenanstoss über Twitter regelmäßig Coachingnachrichten versenden.

    Wer dann tatsächlich ein Interesse hat, besser in einer Disziplin zu werden, kann sich auf diese Weise z.B. 6 Monate begleiten lassen. Damit unser bewusstes Handeln eine Gewohnheit wird, braucht es ein halbes Jahr.

    Mit anderen Worten, die Kombination des guten alten Buches mit den neuen Medien könnte zu ganz neuen Erfolgen führen. 🙂 Es liegt an uns Autoren, Trainern und Coaches, unseren Kunden entsprechende Angebote zu machen.

    Ihr
    Kai-Jürgen Lietz

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