Ihre Grenzen sind im Kopf. Wie bei diesen Hirschen.

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Allgemein

Wie Ihre Erwartungen Ihre Realität erschaffen.

schild hirsch_xs_mbefoto - Fotolia

Ich bin ein Hirsch – hol mich hier raus!

Eine Zeitungsmeldung hat mich aufhorchen lassen:

„In den Köpfen von Hirschen gibt es immer noch den Eisernen Vorhang

Der Eiserne Vorhang ist Geschichte – seit dem Ende des Kalten Krieges trennt er nicht mehr West von Ost. Die Hirsche im tschechischen Nationalpark Böhmerwald haben das offenbar noch nicht mitbekommen.

In einer Studie wurden sie über Funk-Halsbänder sechs Jahre lang beobachtet. Das Ergebnis: Für sie gibt es den Eisernen Vorhang noch. Die Studienautoren berichten, die Rothirsche wanderten nur bis zu einer bestimmten Grenze, und zwar genau bis zu dem Gebiet, an dem früher der Sperrbereich der Grenze mit Stacheldraht markiert war. Ihre Artgenossen auf der deutschen Seite verhielten sich ganz ähnlich.

Die Forscher vermuten, dass die Tiere über Generationen weitergeben, wo ihr Territorium endet. Auch 25 Jahre nachdem die Grenze geöffnet wurde, bleiben sie dabei.“

Ja, die Grenzen sind oft im Kopf. Nicht nur bei Hirschen.

 

Wie Ihre Erwartungen Ihre Realität erschaffen.

[tweetable]Das, was wir erwarten, ist für uns oft real. Das kann man natürlich auch positiv nutzen.[/tweetable]

 Dan Ariely erzählt in einem Interview mit Psychologie Heute:

Eine Mitpatientin, die ebenso unerträgliche Schmerzen ertragen musste wie er selbst, habe so lange nach einer weiteren Morphiumspritze geschrien, bis die Schwester nachgab. Auf seine Forderung hin, er wolle auch eine Extraration, habe ihm die Schwester verraten, dass es nur eine Kochsalzlösung gewesen sei.

„Es ist etwas ganz anderes“, so Ariely weiter, „ob man über die Wirkung von Placebos liest oder mit eigenen Augen sieht, wie ein schmerzgequälter Mitpatient aufgrund einer Salzlösung einschläft wie ein Kind.“

Die Wahl der Qual.

Die Wahl der Qual.

Dasselbe passiert auch, wenn teure Medikamente besser wirken als billige Generika oder Probanden mit Designersonnenbrillen plötzlich besser sehen. „Erwartungen lenken die Realität“, erklärt er. „Wenn man Menschen erzählt, es wird etwas Schreckliches oder etwas Großartiges passieren, besteht eine gute Chance, dass dies tatsächlich passiert.“

Der Placeboeffekt ist weit mehr als bloße Einbildung. Die Patienten haben nämlich tatsächlich weniger Schmerzen. Denn es ist das Gehirn selbst, das beginnt, Opiate auszuschütten, also körpereigene Schmerzmittel.

Es lohnt sich, darüber einen Moment lang nachzudenken:

Je größer unsere Erwartung an das Mittel, desto besser können wir die Selbstheilungskräfte unseres Körpers ankurbeln.

Das klingt ein wenig esoterisch. Aber es ist reine, harte Wissenschaft.

[tweetable]Warum Placebo-Effekt und selbsterfüllende Prophezeiung  verwandt sind.[/tweetable]

In beiden Fällen werden Realitäten erschaffen. Beim Placebo-Effekt – wie auch beim Nocebo-Effekt – ist es das Gehirn des Betreffenden, das für das gewünschte oder unerwünschte Resultat sorgt.

Wer überzeugt ist, dass Handyfunkmasten von Mobilfunkbetreibern gesundheitsschädlich sind, wird unter Umständen körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen erleben, wenn er in der Nähe eines solchen Funkmastes wohnt.
Auch wenn dieser Funkmast überhaupt nicht angeschaltet ist, wie es 2009 in Niedersachsen passierte.

Bei der selbsterfüllenden Prophezeiung führt das eigene Verhalten oder das anderer Menschen zum befürchteten oder gewünschten Ergebnis.

[tweetable]Schon die Gebrüder Grimm kannten das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung./[tweetable] In dem Märchen „Der gestiefelte Kater“ preist er den armen Müllersohn als Grafen mit großen Ländereien an. Schließlich macht ihn der König selbst zu einem Grafen macht – weil er ihn für einen hält.

Das können Sie auch für sich selbst nutzen.

Ob Sie sich vor einer Prüfung einreden, dass Sie sich zu wenig vorbereitet hätten und deswegen schlecht abschneiden werden, wirkt sich nicht auf das, was Sie tatsächlich gelernt haben oder wissen.

Aber wahrscheinlich werden Sie mit der Selbstsuggestion „Ich schaff das schon! die Nacht vorher besser schlafen. Und auf eine überraschende Frage nicht gleich panisch reagieren, sondern ruhiger überlegen.

 

Seien Sie schlauer als ein Hirsch!

Schmeckte auch irgendwie komisch.

Kleiner Scherz des Kochs oder …?.

Die Hirsche im Böhmerwald werden vielleicht nie herausfinden, dass es diese Grenze gar nicht gibt.

Denn dazu muss man experimentieren. Also mit etwas Mut ausprobieren, was passiert, wenn man die Komfortzone des gewohnten Denkens verlässt.

Ob das was wir glauben tatsächlich stimmt.

Sie können das ja selbst mal ausprobieren:

  • Statt mit der Idee „Ich bin nicht gut genug“ sich mal so verhalten, als wären Sie es.
  • Statt mit dem Schuldgefühl „Ich muss etwas wiedergutmachen“ für einen Tag so zu leben, als gäbe es keine Schuld.
  • Statt mit dem Glauben „Ich bin nur liebenswert, wenn ich viel leiste“ sich das Leben mit Arbeit vollzupacken, Ideen kommen zu lassen, was Sie tun würden, wenn Sie einfach so liebenswert wären.

Am bestürzendsten an der Zeitungsmeldung finde ich ja, dass sogar die jungen Hirsche, die den Eisernen Vorhang nie selbst gesehen haben, daran glaubten.

 

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Foto: © mbefoto, Janet Layher – Fotolia.com,

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

5 Kommentare

  1. Anne sagt

    Der Unterschied zwischen Menschen und Hirschen ist, dass sie sich die Grenze nicht bewusst machen können, das haben wir Menschen den Tieren voraus. Sabine ist eine von denen, die bewusst diese Grenze überschritten hat und dazu gehört MUT. Es macht anderen Angst, wenn jemand aus der Reihe tanzt, alte, ausgetretene Wege verlässt, die einem selbst nicht mehr gut tun. Die Angst, wenn jemand Ihnen zeigt, dass es möglich ist, die Komfortzone zu verlassen (auch wenn es unheimlich schwer fällt), um einen neuen, seinen eigenen Weg zu gehen. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich, weil man nur das eine hat. Und wenn andere dafür kein Verständnis haben, ist das Ihre Angelegenheit. Ich bin selbst in solch einer Situation. Und ich muss sagen, die Beiträge von Herrn Kopp-Wichmann begleiten mich auf meinen ganz eigenen Weg. Wie schon gesagt – wir haben die Wahl – uns bewusst zu entscheiden.
    Liebe Grüße
    Anne

  2. An die alten Grenzen zu glauben, verschafft vor allem ein starkes Gefühl der Sicherheit. Deshalb werden sie so befolgt und verteidigt.
    Da muss man sich manchmal von anderen abgrenzen und seinen eigenen Weg gehen. Dann trifft man immer auch auf Leute, deren Grenzen auf diesem Gebiet viel weiter gesteckt sind.

  3. Pippilotta sagt

    Danke für den Beitrag! Beschrieben wurde dieser Wirkzusammenhang im sog. Thomas-Theorem aus dem Jahr 1928, das durch ein Buch des Soziologen Robert K. Merton berühmt wurde: „If men define situations as real, they are real in their consequences“.
    Besonders interessant finde ich aber, dass dies wohl nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Hirsche zutrifft!

  4. Sabine sagt

    Lieber Herr Kopp-Wichmann,

    danke für die Geschichte der Hirsche. Passt sehr gut in meine aktuelle Situation.

    Aber wissen Sie, was ebenso schwierig ist?

    Man selbst hat für sich den eisernen Vorhang erkannt und eliminiert, betritt Neuland, das sogar gut tut.

    ABER das Umfeld flippt völlig aus, wie man denn die Grenze (ja, im wahrsten Sinne des Wortes) übertreten kann. Die einen auf Biegen und Brechen wieder in ein Terrain pressen wollen, das die Gesellschaft anerkennt, ohne dass das überhaupt einen Nutzen hätte, außer, dass man nicht „aus der Reihe tanzt“.

    Davon abgesehen, dass das Neuland guttut, ist dieser Kampf mit Nahestehenden wirklich belastend, ermüdend und frustrierend.

    Wenn es schon schwer ist, für sich selbst zu erkennen, dass die Grenzen nur im Kopf sind, so ist es fast unmöglich, bei anderen auch nur Verständnis zu erreichen.

    Ich brauche mir da keine falschen Schuldgefühle machen. Das machen die anderen schon für mich!

    Liebe Grüße
    Sabine

  5. Sehr guter Beitrag, lieber Roland Kopp-Wichmann.

    Sind nicht viele Menschen wie pawlowsche Hunde? Und reagieren bei Vielem unterbewusst:
    http://mentaltrainer1.wordpress.com/2012/01/19/seien-sie-kein-pawlowscher-hund/

    Placebo und Selbstprophezeiung sind wichtiger als die Mediziner und die Pharmaindustrie gerne sehen wollen. Denn die profitieren von falschen Diagnosen und nicht gebrauchten verschriebenen Medikamenten.

    Freue mich auf weitere gute und positive Beiträge.

    Mit den besten mentalen Erfolgsgrüssen,
    Swen-William Bormann 😉 Wenn Du es träumen kannst, dann kannst Du es auch: „Einfach tun“!

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