Was können Führungskräfte von Leonard Bernstein lernen?

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Allgemein / EFFEKTIVER FÜHREN

Warum Mitarbeiterführung viel mit dem Dirigieren eines Orchesters gemeinsam hat.

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Prof. Schulz auf einem seiner Seminare

Wie  werden aus etwa hundert oder noch mehr Individualisten,  die  noch  beim  Einspielen  vor  dem  Konzert  ein chaotisch durcheinander spielen, ein einheitliches Orchester?

Wie ein Unternehmen, so ist auch ein Orchester nur dann erfolgreich, wenn es

1. präzise zusammenarbeitet,

2. die Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel entwickelt,

3. die Führung durch den Dirigenten gut ist.

Ein Orchester und sein Dirigent sind also in vielerlei Hinsicht der Modellfall eines erfolgreich geführten Unternehmens: Präzision im Zusammenspiel, aufeinander hören, Leidenschaft für ein gemeinsames Ziel, Balance zwischen Individualität und Geschlossenheit – das sind entscheidende Faktoren des Erfolges.

Doch oft sieht das Handeln einer Führungskraft ganz anders aus. Unklare Botschaften, eine Körpersprache, die aufgesetzt wirkt oder im Widerspruch zu den Inhalten steht oder eine technokratische Sprache, die keine positiven Emotionen weckt.

Führen hat immer einen hohen Anteil an Psychologie und Kommunikation. Nur emotionalisierte Mitarbeiter sind bereit, Außergewöhnliches zu leisten. Die Begeisterungsfähigkeit des Führenden ist also von entscheidender Bedeutung. Doch wie entwickelt man diesen emotionalen Führungsstil.

Einen tollen Ansatz lernte ich bei einem Workshop auf dem Trainercamp des BDVT letzte Woche kennen. In seinem Workshop „Dirigieren und Führen“ gab Prof. Gernot Schulz einen Einblick, was er Führungskräften in seinen Seminaren beibringt. Und zwar nicht theoretisch, sondern durch praktisches Tun. Hier ein paar Beispiele:

  • Wie kann man herausfinden, wie gut ein Team harmoniert?
    Im Workshop ließ er uns, eine Gruppe von ca. 100 Trainern, Moderatoren und Coaches,  einen Ton singen. In der ersten Minute waren natürlich viele verschiedene Töne zu hören, denn es war kein Ton vorgegeben. Aber man konnte hören, wie wir uns nach einer Weile einander anglichen und tatsächlich nach einer Weile alle denselben Ton sangen. Ohne jede Führung – nur mit der Zielvorgabe: Singt einen Ton!

Lerneffekt: Ein klares Ziel zu kommunizieren ist wichtig. Und so kann aus einer Gruppe von Individuen ein Team werden. Andererseits ist es für das Team wichtig, genau wahrzunehmen, was um einen herum passiert, nur so kommt es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit.

  • Führen heißt: die Richtung vorgeben.
    Dazu braucht es klare Signale der Führungskraft. Einige aus dem Workshop konnte das gleich ausprobieren. Vier Töne, jeweils eine Terz höher wurden dem Publikum zum Singen vorgegeben und die „Dirigenten“ sollten durch Ihre Handbewegungen zeigen, wie wir diese vier Töne singen sollten. Wann beginnen? Wie lange jeden Ton? Wie laut oder leise?

Lerneffekt: Unklare Zeichen führten zu keinem gemeinsamen Singen. Je klarer der Dirigent wusste, was er wollte, umso bereitwilliger folgten wir ihm und umso besser klangen die vier Töne.

  • Klare Signale – aber nicht dominieren.
    Beim Probe-Dirigieren im Workshop kamen sehr unterschiedliche Führungspersönlichkeiten zum Vorschein. Während einige zurückhaltend vor die Gruppe traten, schwangen andere kraftvoll die Arme und gaben uns sehr energisch die Einsätze.

Hier mahnte Schulz vor einer übertriebenen Zeichensetzung. Dadurch würden sich Musiker (oder Mitarbeiter) bevormundet oder nicht richtig ernst genommen fühlen und seien dann eher demotiviert.Wie man mit minimalen Hinweisen dirigieren kann, zeigt hier Leonard Bernstein:

 

Dirigieren lernen für Führungskräfte.

Was wir in dem kurzen Vortrag erleben konnten, macht Prof. Schulz auch gestandenen Führungskräften in seinen Seminaren mit einem richtigen Orchester möglich. Denn das Dirigieren eines Orchesters ist die direkteste Art der Menschenführung.

Der Dirigent erhält durch den von ihm durch seine Führungsvorgaben erzeugten Wohlklang beziehungsweise Missklang des Orchesters ein unmittelbares Feedback seiner Führungsintentionen und -qualitäten. Nicht erst in Monaten durch schlechte Ergebnisse oder im Jahresendgespräch.

Die  vier  wichtigsten  Gemeinsamkeiten für  die  Entfaltung  der  kreativen  Kraft  eines  Orchesters oder eines Arbeitsteams sind nach Prof. Schulz:

1.  Kultur der Wahrnehmung

Dazu gehört einerseits die Eigenwahrnehmung des Musikers oder Mitarbeiters. Er muss ständig an sich üben, um das eigene „Spiel“ zu verbessern.

Gleichzeitig bedarf es der Fremdwahrnehmung. Miteinander Musizieren ist Teamarbeit, bedarf  also einer ständigen Wahrnehmung dessen, was die Anderen machen. Isolierte Höchstleistungen  von Einzelnen  können  dem Team schaden,  wenn  sie  aufgrund  fehlender Fremdwahrnehmung  nicht  auf  das gemeinsame Ziel hin gerichtet sind.

Hinzu muss die Wahrnehmung des Dirigenten kommen.
So wie die Führungskraft muss er/sie möglichst  schnell und fein wahrnehmen, wenn sich Fehler oder Unstimmigkeiten im Team einschleichen.

2.  Qualitätskultur

Musizieren auf professionellem  Niveau beinhaltet tägliches  mehrstündiges Üben und Verbessern. Auch das Orchester probt vor jedem Konzert, um für sein Publikum (die Kunden) eine optimale Leistung zu erbringen. Insofern praktizieren  ein Orchester  und  sein  Dirigent  eine  hoch  entwickelte  Vorbereitungs- und Qualitätskultur, wie sie auch in Abteilungen, Teams oder Unternehmen möglich ist.

3.  Die fachliche Kompetenz des Dirigenten

Leonard  Bernstein sagte mal zu angehenden Dirigenten:

Ihr  seid  die Stellvertreter  der  Komponisten.  Die sind meistens tot und können sich nicht mehr wehren. Ihr habt die Verantwortung für  ihre Werke. Ihr habt nur dann das Recht,  euch vor  ein Orchester  zu  stellen,  wenn  ihr  der  Kompetenteste  im  Raum seid.

 

4. Die Kommunikation der Führungskraft

Diese Kompetenz teilen Dirigent und Führungskraft durch ihre Kommunikation mit. Dazu braucht man vor allem die  Aufmerksamkeit des Orchesters. Diese erreicht man durch:

  • Gut dosierte Impulse.
    Zu wenige Führungsimpulse sorgen für Unsicherheit, die Mitarbeiter wissen nicht, wo es lang gehen soll.Zu kleinteilige häufige Impulse sind auch schlecht. Dann fühlen sich Musiker wie Mitarbeiter unterschätzt und es fehlt das Aufzeigen der  großen  Handlungs-  und Spannungsbögen.Durch überflüssige Impulse verliert man den Respekt und untergräbt seine fachliche Autorität.Zu viele Impulse verbreiten Langeweile und Unaufmerksamkeit.Ein Meister der minimalen Signale war auch Herbert von Karajan. Durch seine auf das Mindestmaß  reduzierten Führungsimpulse  steigerte er   die  Aufmerksamkeit  seiner  Musiker  auf  ein Höchstmaß.
  • Vermittlung von Ziel und Vision
    Eine Symphonie ist zunächst nicht mehr als eine Ansammlung von schwarzen Punkten  und  Linien auf  weißem  Papier.  Daraus etwas Faszinierendes entstehen  zu lassen,  das ist der Kern der Führungsverantwortung als Dirigent.Neben der technisch-handwerklichen Perfektion hinaus muss der Dirigent den Inhalt, den Geist, den Sinn des Ganzen den Musikern  vermitteln. Nur  dann  werden sie  sich  mit  ihrer  Aufgabe  identifizieren.  Und nur dann lassen sie sich auch emotional  darauf  ein.

Und Emotionen sind die stärkste Verbindung zwischen Menschen. Diese überträgt sich im besten Fall auch auf das hergestellte Produkt.

Und wie weckt man diese Emotionen? Sicher nicht durch Vorschriften. Besser als technische  Anweisungen  zu  geben,  ist es, in Bildern, Fantasien und Metaphern zu sprechen, um am Ende Emotionen in  den Köpfen  und  Herzen  der  Musiker oder Mitarbeiter entstehen  zu  lassen.
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Dieser Prozess kann sich dann auch auf das Publikum übertragen, wie jeder, der mal bei einem mitreißenden Konzert war, schon erlebt hat.
Nicht was wir tun,  sondern  wie wir es tun,  was wir  tun, löst Begeisterung aus.

 

 Neugierig geworden?

prof_schulzDas direkte Feedback des Orchesters vermittelt unverblümt, wie man führt. So macht Prof. Schulz in seinem Seminar „Dirigieren und Führen“ grundlegende Führungsthematiken erfahrbar.

Er ist langjähriger Berliner Philharmoniker, von Karajan und Bernstein geförderter Musiker und Pädagoge, und heute ein international gefragter Dirigent.
 Erreichen können Sie ihn über seine Website: http://dirigierenundfuehren.com

kommentar Welche Parallelen sehen Sie zwischen Führen und Dirigieren?

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Foto: © – Fotolia.com, istock.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach.
Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse.
Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Anonymous sagt

    A leader takes people where they want to go. A great leader takes people where they don’t necessarily want to go, but ought to be.
    Rosalynn Carter

  2. Lieber Herr Wichmann,

    ein interessanter Vergleich zwischen Führungskraft und Dirigent. Bei beiden geht um Vorgaben, die erfüllt werden müssen. Beim Orchester sind es die Noten, im Unternehmen die Leitlinien oder Zielvereinbarungen. Entscheidend ist, ob diese Vorgaben nur abgearbeitet werden – oder mit Leben gefüllt. Dahinter steht, ob ich das, was ich tue liebe. Für Dirigenten wie für Führungskräfte bedeutet das: Menschen befähigen, ihr Bestes zu geben, ihre Stärken erkennen und das Zusammenspiel fördern. Zugegeben, keine leichte Aufgabe. Ein Orchester braucht dafür unzählige Proben. Führungskräfte glauben leider manchmal, es funktioniere von alleine. Die Beispiele sind auch auf Familien übertragbar.
    Danke für Ihre spannenden Beiträge! Ich freue mich, dass ich auf Ihre Internetseite gestoßen bin.

    Herzliche Grüße
    Gerda Hoffmann

  3. Lieber Herr Kopp-Wichmann,
    freue mich, dass Sie der Workshop begeistert hat!

    Wie Sie ihn wiedergeben haben, zeigt Ihre Verbundenheit damit.
    Danke, dass Sie Ihre Freude daran weitertragen und ein herzlicher Gruß!

  4. Frank Renz sagt

    Hallo Herr Wichmann,

    wieder ein klasse Artikel, dem ich voll zustimme. Impulse, Ziele, Aufmerksamkeit und eigene Begeisterung braucht es, um andere Menschen mitzunehmen. Leider habe ich in leitender Position auch die Erfahrung gemacht, dass es viele Menschen gibt, die eigentlich zu satt sind, nichts mehr wollen außer mehr Gehalt am Monatsende. Am Besten gesetzlich geregelt. Alles andere ist eigentlich immer zu viel. Selbst wenn man Sie mit Privilegien belohnt und ihnen etwas bietet. Ein Sprichwort sagt, man kann den Hund nicht zum Jagen tragen. Ich denke, die Bereitschaft Ziele zu haben und sich auch Anstecken zu lassen, sollte doch primär vorhanden sein. Oder welches Rezept haben Sie in diesen Fällen?

    Schöne Grüße

    Frank Renz

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