Besser, Sie wissen nicht, was Ihr Kollege oder Ihr Nachbar verdienen.

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Glück / Karriere

Warum Sozialer Vergleich und Transparenz schaden können.

Eine Frage: Was wäre Ihnen lieber?
1. Sie bekommen 3.000 Euro Gehalt und Ihr Kollege bekommt für die gleiche Arbeit 2.500 Euro.
2. Oder Sie bekommen monatlich 3.500 Euro und Ihr Kollege bekommt für die gleiche Arbeit 4.000 Euro?

Ob man in einem Unternehmen die Gehälter der Angestellten veröffentlichen soll, ist schon öfters diskutiert worden. Bei manchen Spitzenverdienern geschieht das ja regelmäßig.

BILD veröffentlicht jedes Jahr die Gehälter einiger Vorstände. So verdiente Deutsche-Bank-Chef Ackermann 2007 13,9 Millionen, bei René Obermann waren es nur 2,6 Millionen Euro. Im Gehaltsreporter finden Sie noch mehr Zahlen dazu.

Schon hier zeigt sich ein Grundproblem des Gehaltsvergleichs. Die Rahmenbedingungen der Arbeit sind nicht vergleichbar. Vorstand ist nicht gleich Vorstand. Auch regionale Unterschiede kommen dazu. Ein Softwareentwickler in München bekommt meist mehr für seine Arbeit als der Entwickler in Rostock.

Sozialer Vergleich macht unzufrieden.

Der Harvard-Professor Erzo Luttmer befragte sieben Jahre lang 10.000 Amerikaner zweimal im Jahr über ihr seelisches Wohlbefinden. Sein Ergebnis: je größer der Unterschied im Wohlstand war, umso unzufriedener waren die Familien, stritten zum Beispiel mehr über Geld oder Erziehungsfragen.

Tatsächlich hängt unsere Zufriedenheit gar nicht von der realen Einkommenshöhe ab, sondern:

Unsere Zufriedenheit hängt unabhängig proportional vom Wohlstand unserer direkten Nachbarschaft ab.

  •  Je größer der Abstand zum Durchschnittseinkommen der jeweiligen Berufsgruppe ist, desto größer ist die Unzufriedenheit.
  • Das gilt jedoch nicht umgekehrt. Wer besser als der Durchschnitt verdient, ist nicht im selben Maße zufriedener.
  • Der Anblick oder die Begegnung mit einem Menschen, der ranghöher ist, führt zu steigendem Blutdruck und Herzschlag.
  • Statusnachteile führen zu einem Mangel an dem Neurotransmitter Serotonin, was zu Schlafmangel und Aggression führen kann.
  • Männer, deren Partnerin deutlich mehr verdient, neigen um das Fünffache zu mehr Affären, zeigt diese Studie. Offensichtlich kratzt der Unterschied im Gehalt manche Männer so sehr, dass sie sich ihrer männlichen Potenz außer Haus vergewissern müssen.

Ich finde diese Ergebnisse äußerst bemerkenswert.

Denn Sie zeigen, dass bei der Höhe des Gehalts nicht die tatsächliche Summe zählt, sondern die damit erreichte soziale Stellung. Dabei spielt jedoch der Bezugspunkt, mit dem man seine Vergütung vergleichen kann, eine entscheidende Rolle.

In ihrer Studie stellten drei Forscher der Universität Köln, Axel Ockenfels, Dirk Sliwka und Peter Werner fest, dass Transparenz auch einen demotivierenden Einfluss haben kann.

In einer Firma gab es drei Arten von Bonus und die Angestellten wussten, ob sie 80, 95 oder 110 Prozent des Durchschnittsbonus bekamen. Auch hier waren die Ergebnisse eindeutig:

  1. Die Mitarbeiter, die unter die 100 Prozent rutschten, waren substantiell unzufriedener.
  2. Umgekehrt waren jedoch diejenigen, die über dem Durchschnitt lagen, nicht wesentlich zufriedener.
  3. In Teams, in denen viele Angestellte niedrige Boni bekamen, sank die Leistung signifikant.

Die realen geldwerten Vorteile waren minimal. Entscheidend ist der erlebte Unterschied zu anderen.

Sind Tiere auch neidisch?

Und ob. Unser sozialer Neid ist wohl ein genetisches Erbe. Denn auch Tiere können neidisch sein, wie der niederländische Forscher Frans de Waal zeigte:

Gibt man zwei Kapuzineräffchen in getrennten Käfigen, die sich sehen können,  Spielmarken und belohnt sie, wenn sie diese zurückgeben mit einem Gurkenstück oder einer Weintraube, passiert etwas Erstaunliches.

Behandelt man beide gleich (jeder bekommt Gurke oder Traube), ist die Kapuzinerwelt in Ordnung. Doch was passiert, wenn man dem einen fortan immer Trauben gibt und dem anderen nur Gurke? Es ist wie bei Menschen. Der “Gurken-Affe” ist ganz schnell demotiviert und verweigert bald die Teilnahme. Am schlimmsten war es, als der andere Trauben bekam ohne Spielmarken herauszugeben. Der Zu-Kurz-Gekommene fing an zu schreien, warf seine Marken aus dem Käfig und ging in den Streik.

Offensichtlich verglichen die Tiere (!) ihre eigene Belohnung mit der Belohnung des anderen.

Der Grund?

Im Vergleich mit anderen besser abzuschneiden, aktiviert unser Belohnungszentrum im Gehirn und das fühlt sich gut an. Das hat das Team um den  Neuroökonomen Armin Falk nachgewiesen.

Die Sache mit dem Referenzpunkt erinnert mich an ein Buch, das ich vor vielen Jahren meinen Kindern vorlas:

Oma Agathe seufzt tagein und tagaus, denn in ihr Haus passt nichts hinein, es ist ihr zu eng und zu klein. Aber wieso rät ihr dann ein weiser Mann, ein Huhn, eine Ziege, ein Schwein und eine Kuh bei sich aufzunehmen? Nun platzt das Haus nämlich wirklich aus allen Nähten.
Doch dann rät ihr der Weise, alle wieder hinauszuwerfen – und plötzlich scheint das Haus zu wachsen! Oma Agathe ist überglücklich!

„Wir denken selten an das, was wir haben, aber immer an das, was uns fehlt“, wusste schon Arthur Schopenhauer.

Mein Fazit:
Statt sich also jahrelang mit dem beruflichen Aufstieg zu plagen, kann es effektiver zu sein, einfach in eine Gegend zu ziehen, in denen die meisten Nachbarn schlechter verdienen als man selbst. Man kann sich dann zwar nicht mehr leisten, ist aber mit dem Vorhandenen viel zufriedener.

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Foto: © Klaus-Peter Adler, Vojtech Vlk Fotolia.com
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Artikel im Juli-Heft von brandeins

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.