Amy Chua: die Mutter des Erfolgs und das Drama des begabten Kindes.

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Partnerschaft / Persönlichkeit

Wie schreibt man einen Bestseller? Man nehme irgendein Thema und besetze eine extreme Position. Begründe sie mit ein paar Argumenten und eigenen Ansichten. Da die Medien immer neuen Stoff brauchen, ist der Erfolg fast schon programmiert.
Nach dem Rezept verfuhren schon erfolgreich Eva Hermann, Thilo Sarrazin und Charla Muller (das ist die Frau, die ihrem Mann zum Geburtstag 365 Nächte Sex schenkte.) So weit, so belanglos. Im Fall von Amy Chua packt mich das Thema aber persönlich. Deshalb dieser Artikel.

„Seid erdrückend streng und brutal fordernd, denn nur so wird man erfolgreich!“ Das ist das wörtliche Credo, mit dem Amy Chua, eine  aus China stammende US-Professorin, ihre Kinder erzog.   Der Verlag nennt das Buch  „Die Mutter des Erfolgs – Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“ein packendes und hochkomisches Buch über Familie und Erziehung“. Wobei Dressur oder Drill wohl passendere Begriffe wären.

„Zwingt die Kinder zu ihrem Glück“, rät sie, und man fragt sich,  um wessen Glück es hier eigentlich geht. Beunruhigend finde ich, dass das Buch in den USA kurz nach Erscheinen  ein Riesenerfolg wurde. Und auch hierzulande steht es auf der SPIEGEL-Bestsellerliste bereits auf Platz 6. Zum Glück liegt Michael Mittermeier mit seinem Erziehungsbuch noch vor ihr.

Freimütig erklärt Frau Chua im Interview die Unterschiede zwischen dem Erziehungsverhalten in China und den westlichen Ländern:

Chinesische Eltern drillen ihre Kinder jeden Tag. Wenn das Kind keine perfekten Noten nach Hause bringt, hat es einfach nicht hart genug gearbeitet.
Westliche Eltern werden ihr Kind für eine Eins minus loben. Die chinesische Mutter jedoch wird nach Luft schnappen und fragen, was falsch gelaufen ist.

Damit es in Zukunft nicht wieder so falsch läuft, kann die Autorin ein breites Arsenal von Disziplinierungsmaßnahmen aufzählen, die sie an ihren beiden Töchtern erfolgreich ausprobierte:

  • Wasser verweigern und nicht die Toilette benutzen dürfen, bis eine Lektion perfekt sitzt.
  • Androhen, die Plüschtiere des Kinds zu verbrennen oder keine Geschenke zu Weihnachten und Geburtstag für vier Jahre.
  • Nie bei Freunden übernachten, an keiner Schulaufführung teilnehmen
  • Natürlich kein Handy, kein PC, keine Playstation
  • Kein anderes Instrument als Klavier oder Geige lernen.

Als Ihr Ehemann sich einmal in eine Erziehungsschlacht einmischen will und Zweifel äußert, ob die Mutter nicht wegen des Einübens eines Klavierstücks mit der 7-jährigen Lulu etwas übertreibe, wird auch er belehrt, dass er nur immer der Gute sein wolle. Sie dagegen bleibe eisern dran, auch wenn sie dafür gehasst werde.

Irgendwann in der Nacht, ohne Wasser und ohne Toilettengang, kann die Siebenjährige das schwierige Klavierstück tatsächlich spielen und staunt: „Mama schau – es ist ganz einfach!“ Danach kuschelten beide noch lange im Bett der Mutter.

Ist das nicht rührend?

Das Drama des begabten Kindes.

Als ich das Buch von Amy Chua in einer Buchhandlung durchblätterte und etliche Rezensionen im Netz gelesen hatte, musste ich an Alice Miller denken. Ihr Buch fiel mir 1997 in die Hände und nach der Lektüre verstand ich zum ersten Mal, warum ich Psychotherapeut werden wollte.

Hier kurz gefasst Alice Millers damals revolutionäre Erkenntnisse, die aber auch heute noch gültig sind:

„Das Drama des begabten, das heißt sensiblen, wachen Kindes besteht darin, dass es schon früh Bedürfnisse seiner Eltern spürt und sich ihnen anpasst, indem es lernt, seine intensivsten, aber unerwünschten Gefühle nicht zu fühlen.“

„Diese Anpassung an elterliche Bedürfnisse führt oft zur Entwicklung der Als-Ob-Persönlichkeit, zu einem ‚falschen Selbst‘. Der Mensch zeigt nur das, was von ihm gewünscht wird – und verschmilzt ganz mit dem Gewünschten.“

„In Krisen klagen diese Menschen über Gefühle der Leere, Sinnlosigkeit, Heimatlosigkeit. Der Mensch ist sich selbst fremd geworden. Vor allem wenn sie realisieren, dass all die ‚Liebe‘ die sie sich mit soviel Anstrengungen und Selbstaufgabe erobert haben, gar nicht dem galt, der sie in Wirklichkeit waren. Dass die Bewunderung und der Stolz des Elternteils der Schönheit und Leistung galt und nicht dem Kind, wie es war.“

Kennzeichen dieser „begabten Kinder“ sind:

  • Schon früh sind sie statt Kind kleine Erwachsene.
    Sie werden früh vor allem wegen ihrer Leistungen gelobt. Oft waren sie schon im ersten Lebensjahr trocken und halfen bereits im Alter von zwei bis fünf Jahren geschickt bei der Pflege der Geschwister.
  • Als Erwachsene sind sie oft perfektionistisch.
    Erreichen berufliche größte Ziele, können dies aber nicht genießen. Sind ruhelos, getrieben, wollen immer noch mehr beweisen, wie gut sie sind. Narzissmus oder Depression sind oft der Preis als Erwachsene.
    Der ‚grandiose‘ Mensch wird überall bewundert und er tut sehr viel dafür.  Bleibt die Bewunderung einmal aus, werden diese Menschen meist depressiv, denn sie unterliegen der Illusion, dass Bewunderung Liebe sei. Zuweilen haben grandiose Menschen auch einen depressiven Partner, um den sie sich aufopferungsvoll kümmern – und wieder bewundert werden.
  • Sie können sich sehr gut in andere Menschen einfühlen.
    Denn sie haben früh gelernt, zu spüren, was ihre „bedürftigen“ Eltern brauchen. Sie entwickeln ein besonderes Gespür für die unbewussten Signale der Bedürfnisse des anderen, meist der Mutter.
    Wenn eine unsichere Mutter Unzufriedenheit oder Ärger ihres Kindes  als Kritik an ihrer Mutterrolle interpretiert, lernen begabte Kinder, diese Gefühle zu unterdrücken. Spüren keinen Hunger, spalten körperliche Schmerzen ab, sitzen stundenlang brav im Wartezimmer des Kinderarztes.
  • Sie spüren eigene Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse schlecht.
    Es geht ihnen als Erwachsener durchweg gut. Eifersucht, Neid, Zorn, Verlassenheit, Ohnmacht, Angst scheinen sie nicht zu kennen. Immer Null Problemo.
    Aus ihrer großen Angst vor Liebesverlust haben sie eine enorme Anpassungsbereitschaft entwickelt. Lassen sich im Beruf ausnutzen oder im Privatleben beschimpfen, verprügeln, missbrauchen – ohne sich zu schützen.
  • Die Eltern versuchen, ihre eigenen Bedürfnisse über das Kind zu befriedigen.
    Obwohl beide Eltern nur Volksschulabschluss haben, wird das Kind manchmal mit zu großen Leistungsansprüchen überfordert. Das Kind wird zur Erfüllung eigener nicht gelebter Träume gebraucht. Fast immer mit der Rechtfertigung, dass es das Kind besser haben soll.
    Die Eltern sind selbst unsichere Kinder, die nun endlich ein schwächeres Wesen haben, bei dem sie sich stark fühlen können.

verunsicherte Eltern suchen Orientierung.

Die PISA-Studien haben viele Eltern und Politiker weltweit aufgeschreckt.  Verlieren wir etwa noch mehr den Anschluss? Dabei geht es mir nicht so sehr um das Buch von Amy Chua. In den USA, wie auch in China gab es schon wütende Proteste darüber und etliche Versuche  einer differenzierteren Betrachtungsweise auch in China. Auch die Rezensenten bei Amazon beurteilen das Buch eher negativ.

Sogar die Autorin selbst rückte danach etwas von ihren Thesen ab. So durfte die zweite Tochter, die massivsten Widerstand zeigte, den Geigenunterricht aufgeben. Und übt jetzt – freiwillig – genauso verbissen Tennis.

Gesellschaften wie Menschen machen im Lauf der Zeit einen Reifungsprozess durch. In Deutschland glaubte man in vergangenen Zeiten auch daran, dass manche Frauen Hexen sind oder Juden minderwertig. Und mit noch viel drastischeren „Erziehungsmethoden“ suchte man, sie zu bessern.

Insofern sehe ich einen Zusammenhang zwischen den Erziehungsmethoden und den gelebten Werten einer Gesellschaft. Auch in Deutschland war in den 50-er Jahren „schwarze Pädagogik“ vorherrschend und die Prügelstrafe normal. Und Babys sollten nur alle vier Stunden gestillt werden (weil sie angeblich früh  Struktur brauchen) und bei Schreien bloß nicht aufnehmen und trösten, sondern schreien lassen (weil das die Lungen kräftigt).

Ausgedacht hatte sich das damals der Kinderarzt Dr. Benjamin Spock. Durch  sein 1946 veröffentlichtes Buch, das sich 50 Millionen mal verkaufte, wurde er für fast alle Kinderärzte – auch in Deutschland  zum Guru, dessen Thesen niemand anzweifelte. Interessanterweise  musste sich Spock bereits im Kindesalter um seine fünf jüngeren Geschwister kümmern. Da kommt man natürlich zwangsweise auf Ideen, wie sich Kinderaufzucht optimieren lässt.

Und in Ländern wo Gewalt, Folter und Todesstrafe zum berechtigten Arsenal des Staates gehören, beeinflusst das wohl auch die Denkweisen von Eltern, wie sie mit ihren „Untertanen“ umgehen sollten. Natürlich immer nur zu deren Besten.

In Frau Chuas Erziehungsbild sieht das so aus: „Ich bin mir sicher, dass meine Kinder zu jeder Zeit wussten, dass ich sie liebe. Die Botschaft an die Kinder darf natürlich nicht lauten: „Wenn du keine Eins nach Hause bringst, liebe ich dich nicht mehr.“ Die Botschaft muss lauten: „Du kannst eine Eins bekommen, weil du ein starkes, schlaues Kind bist.“ Wenn ein Kind in der Mathematik oder beim Klavierspielen richtig gut ist, bekommt es Anerkennung. Daraus entsteht Befriedigung – und schließlich Glück.“

Ja, die Liebe muss immer herhalten, wenn Dominanz und brutale Machtausbeutung vom Empfänger nicht so richtig verstanden werden. „Ich liebe euch doch alle!“ bekannte 1989 ja auch der entmachtete Stasi-Chef Erich Mielke. Und Ägyptens Ex-Präsident Mubarak wehrte sich ebenso eine Zeitlang gegen seinen Rücktritt, weil er doch immer nur seinem geliebten Land und den Menschen dienen wolle.

Die Kehrseite des Drills.

Dass der enorme Drill von klein auf nur zu ihrem Besten ist, haben wohl etliche Chinesen noch nicht so richtig verstanden. Denn die häufigste Todesursache unter jungen chinesischen Erwachsenen zwischen 20 und 35 Jahren ist der Selbstmord. Rund 250.000 Menschen im Jahr töten sich in China selbst. Nach einem Bericht von „China Daily“ machen 2,5 bis 3,5 Millionen „erfolglos“ den Versuch.

Wie gesagt, mir geht es nicht primär um das Buch, sondern um die Unsicherheit vieler Eltern, wie man es richtig macht. Und wobei man anfällig werden kann für den Einfluss von Experten.

Als ich meine Mutter mal fragte, ob sie sich auch nach dem 4-Stunden-Modell beim Stillen gerichtet habe, bejahte sie das. Und fügte hinzu: „Es tat mir in der Seele weh, wenn Du vor Hunger manchmal geschrien hast, aber der Kinderarzt hatte es mir verboten nachzugeben.“

Im SPIEGEL Nr. 6/2011, S. 109, verharmlost die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich, die eigentlich ein vernünftiges Buch geschrieben hat, die Thesen der Tigermutter in grotesker Weise:

  • „Dass geübt werden muss, um etwas zu erreichen, ist eine Einsicht, der man sich schwer verschließen kann.“ …“Wenn man zuguckt, mit welcher Beharrlichkeit Einjährige das Laufen üben, können Eltern sich vor Augen führen: Ohne Üben geht eben nichts. Man braucht mindestens 10.000 Stunden, um in einem Sport oder an einem Instrument souverän zu werden.“
    (Laufen lernen macht das Kind aber von selbst, nicht durch den Druck der Eltern.)
  • „Der Versuch, den Kindern nicht als autoritärer Vater oder als fordernde Mutter gegenüberzutreten, nimmt den Eltern manchmal die Kraft der Vision, was ihr Kind schaffen kann.“…“Frau Chua hat sich Bildungsziele selbst gesetzt und lebt sie. Da kommt was in Gang zu Hause.“
    (Kindern haben ihre eigene Visionen, für die wenig Zeit und Raum bleibt, wenn man die Vision der Eltern erfüllen muss.)
  • „Jetzt wäre es nur noch interessant, wie diese beiden Töchter in 10, 20 Jahren mit ihren eigenen Kindern umgehen.“

Oh, diesem Informationsdefizit kann ich nachhelfen. Denn in meiner Praxis und meinen Persönlichkeitsseminaren erlebe ich häufig derlei Auswirkungen:

Studenten, die Einserkandidaten sind, wegen massiver Prüfungsangst wochenlang Beruhigungsmittel schlucken und überzeugt sind, dass sie diesmal durchfallen.
Manager, die mit 42 Jahren alle ihre Lebensträume erreicht haben und verraten, dass sie ab und zu zwanghaft auf der Autobahn bei Tempo 180 daran denken müssen, wie es wäre, jetzt fünf Sekunden die Augen schließen. Führungskräfte, die so leicht kränkbar sind, dass sie ausbleibende Bewunderung schon als massive Kritik erleben, dann beleidigt schmollen oder verbal zurückschlagen.

Aufschlussreich auch die 230 Kommentare auf meinen Artikel „Welche Folgen es hat, als Kind geschlagen worden zu sein.“

Hier fördert das Konzept des „Drama des begabten Kindes“ sehr das Verständnis.

Der Starke, der um seine Ohnmacht weiß, weil er sie erlebt  und gefühlt hat, braucht  nicht dauernd durch Machtgehabe sich seiner Position zu vergewissern. Und hat auch nicht den Drang, eigene Schwächegefühle durch Verachtung für andere zu kompensieren.

Doch Alice Miller schreibt richtig: „Die meisten Menschen wollen nichts von ihrer Geschichte wissen und wissen daher auch nicht, dass sie im Grunde ständig von ihr bestimmt werden, weil sie in ihrer unaufgelösten, verdrängten Kindheitssituation leben.

Sie wissen nicht, dass sie Gefahren fürchten und umgehen, die einst reale Gefahren waren, aber es seit langem nicht mehr sind. Sie werden von unbewussten Erinnerungen sowie von verdrängten Gefühlen und Bedürfnissen getrieben, die oft beinahe alles, was sie tun und lassen in pervertierter Weise bestimmen, solange sie unbewusst und ungeklärt bleiben.“

Verschiedene Abwehrmechanismen helfen dabei, wie

  • Verleugnung ((z.B. des eigenen Leidens)
  • Rationalisierung („Ich schulde meinem Kind eine Erziehung.“)
  • Verschiebung („Nicht mein Vater, sondern mein Kind tat mir weh.“)
  • Idealisierung („Vaters Schläge haben mir nicht geschadet.“)
  • Umkehr des passiven Erleidens in aktives Handeln.

Ein neues Führungsmodell?

Schon länger suche ich nach einem Thema für mein drittes Buch. Vielleicht sollte ich ein neues Führungshandbuch schreiben. Einfach die Rezepte von Frau Chua auf Mitarbeiterführung übertragen.

Ein möglicher Titel: „Der Vater des Erfolgs – Wie ich meinen Mitarbeitern das Siegen beibrachte.“

Und die Rezepte von Amy Chua müsste man nur anpassen. Wenn Ihr Team nicht dauernd Spitzenleistungen abliefert, drohen Sie einfach mit diesen Motivationshilfen:

  • Urlaubsanspruch verfällt und Weihnachtsfeiern werden verboten.
  • Gehaltszahlungen und Boni werden auf Jahre ausgesetzt.
  • Zugang zu Wasserautomat und Kaffeemaschine wird gesperrt.
  • Bei Termindruck wird der WC-Schlüssel beim Chef aufbewahrt.

Aber ich fürchte, diese Empfehlungen würden sich nicht durchsetzen. Gewerkschaften und Betriebsrat würden dagegen Sturm laufen.

Leider haben Kinder hierzulande keine gute Lobby. Die Vierbeiner haben wenigstens einen Tierschutzverein.

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In der ARD-Sendung „Hart aber fair“ vom 16.2.11 wurde das Thema auch sehr kontrovers diskutiert.

kommentar Mit Welchen Erziehungsmethoden haben Sie Erfahrungen?
Als Kind und als Elternteil?

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Foto: ©  istock.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

19 Kommentare

  1. Amina Onwu sagt

    Dazu z.B. ein wunderbarer Artikel mit vielen Zitaten aus einer Biographie über Astrid Lindgren „Wir spielten und spielten ..“ oder wir hüpften und sprangen „dass uns die Eingeweide wimmerten“ und auch das liebevoll-strenge „Reiß dich zusammen und mach weiter“ der Mutter, wenns Notwendigkeit bestand und wie Astrid L. für ihr ganzes weiteres Leben von beidem profitiert hat – sehr lesenswert. Zum Beispiel hier. Wenn man aber eingibt “Astrid Lindgren „Reiß dich zusammen und mach weiter” führen auch zahlreiche weitere links zum gewünschten Thema.

    Eine Randbemerkung zum Tierschutz sei mir vielleicht erlaubt: Tierschutz bedeutet, auch auf entstellende, letztendlich entwürdigende Darstellung von Tieren zu verzichten, mag sie einem noch so illustrierend erscheinen. Da fehlt es noch an Bewusstseinsentwicklung. Es wäre schön, wenn Sie diesen Grundgedanken in Ihren Blog mit seiner großen, tendenziell verständigen Leserschaft einfliessen lassen und so zu einer Balance der Stellung des „Tieres als Mitwesen“ in unserer Gesellschaft beitragen könnten.

    Wer weitergehen möchte, dem sei z.B. der Newsletter der Albert-Schweitzer-Stiftung empfohlen. Und auch zu den Tieren sind in der Biographie über Astrid kluge Gedanken zu finden. Kinder haben Recht damit, wenn sie sie lieben.

    Mit Gruß und Dank für Ihren tollen Blog
    Amina

  2. Wie Silvia finde ich es auch furchtbar, wenn Kinder in diesem seelenlosem Drill von falschen Stolz und dummer Geltungssucht aufwachsen.

    Und ich glaube, dass durch die Ergänzungen durch die z.T. langen Kommentare die Essenz vom Drama allen deutlich geworden ist:

    Durch die Konditionierung, verstärkt durch die erworbenen Fähigkeiten – die ja durch endloses Üben und Leisten unter Druck und Angst unzweifelhaft entstehen – diese Kinder für sehr lange Zeit (viele für ihr Leben lang) diese folgsamen Kinder bleiben. Sie dienen, schuften, vergessen auf sich selbst zu achten. Sie versagen aber auch, was ganz normal ist. Nur dann verzweifeln sie, weil das ja nicht gestattet ist.

    Sie meinen, dass Leistungsdenken Leben sei. Das ist das eigentliche Drama.
    An vielen anderen Stellen hier wurde schon gesagt, dass die frühen Überlebensstrategien so prägend sind.
    Hier gilt das auch. So bleiben diese erwachsenen Kinder in oberflächlichem Leistungsdenken verhaftet. Das ist das Drama. Der Zusammenbruch folgt dann ebenso zwangsläufig.
    Ein Kunde sagte kürzlich: „Die Wirtschaft schluckt solche begabten Kinder sehr bald und spuckt sie später wieder aus. Dann folgt der Rentenantrag in die langen schlaflosen Nächte.“

    „Kinder sind unsere Zukunft.“, sagen sie
    „Hoffentlich ihre eigene!“, meine ich

    schönen Sonntag. K.H.

  3. Silvia Wolf sagt

    Ich bin entsetzt, dass es überhaupt so ein Buch gibt und die Leute das auch noch kaufen! Das ist keine Erziehung, das ist chinesische Folter! Alice Miller und deren Buch „das Drama des begabten Kindes“ war für mich die Initialzündung. Ich habe mich – wie viele andere auch – in dem Buch sofort wiedergefunden. Ich ahnte, dass in meinem Leben etwas falsch läuft, und ich eigene Entscheidungen zwar getroffen habe, aber niemals richtig. Das ich mich selbst nicht gespürt habe, und entsprechend die „Mutter Theresa“ der Eltern und der vermeintlichen Freunde war. Immer ausnutzbar, manipulierbar über mein schlechtes Gewissen und meine inneren Kind Anteile.

    Mein neues Buch „Nahaufnahme“ beschreibt genau diesen Werdegang. Vom Anfang der Erziehung, welche „erzieherische Mittel“ im Einsatz waren, bis hin zum Zusammenbruch mit der daraus resultierenden Erkenntnis und Richtungswechsel für mein Leben. Von den Eltern dazu „gedrillt“ als Erfüllungsgehilfe ihrer eigenen Bedürfnisse und Wünsche ein Leben lang zu agieren, habe ich früh gelernt, instinktiv die Defizite und die unerfüllten Wünsche und Bedürfnisse meiner Eltern – speziell die meiner Mutter – zu spüren.

    Wenn ich nicht perfekte Leistung ablieferte, waren „alle enttäuscht von mir“, oder ich musste mich anderen Repressalien aussetzen. Menschen sind aber nicht perfekt. Wir sind fühlende und denkende Wesen, keine Maschinen, die auf bestimmte Funktionen programmiert sind.

    Dieses Buch impliziert aber genau das. Die Autorin hätte besser ihr Buch „Wie programmiere ich mein Kind zur perfekten Erfüllungsmaschine meiner Wünsche“ nennen sollen. Mich macht das sehr betroffen.

    Ich war immer der Familienbewahrer, der Kitt, der die kaputte Familie zusammen hielt. Immer in Co-Abhängigkeit bis zum Tod einer Eltern. Erst da ist diese virtuelle Nabelschnur gerissen. Und zwar endgültig. Dafür habe ich 48 Jahre meines Lebens gebraucht, um in einem Crashkurs von knapp 4 Jahren erwachsen zu werden und eigenverantwortlich zu handeln. Keine Kindheit zu haben, kaum Erinnerungen, keine pubertäre Jugendzeit – kein Verliebtsein ist schon hart. Es bedarf einer ungeheuren Anstrengung dort den Weg NICHT in eine Depression oder Neurose zu finden. Doch ich bin eine Kämpfernatur und meine inneren Kinder haben mich am Leben erhalten.

    Kindern sollen um ihrer selbst Willen geliebt werden und – weil sie sind, wie sie sind. EINZIGARTIG. Nicht jeder ist hochbegabt im Sinne der Eltern. Und es ist eine Sauerei, die Eltern ihren Kindern antun, in dem die Kinder den unerfüllten Sehnsüchten und Träumen der Eltern Genüge tun müssen. Es ist schlimm, so etwas zu lesen.

    Aber viel schlimmer finde ich, dass sich so etwas auch noch rasant verkauft. Sie haben sicherlich Recht, Herr Kopp-Wichmann, wenn Sie sagen, dass es dazu nur ein extrem polarisierendes Thema braucht, was in ein bestimmtes Extrem gebracht wird. Das verkauft sich immer. Mag es noch so ein Blödsinn sein. Es provoziert und einige sagen, „Recht so!“ Siehe Sarazin. Ihnen als Psychotherapeut, der sicherlich viele Klienten tagtäglich in der Praxis sitzen hat, die mit ihnen am inneren Kind arbeiten, müsste sich da doch der Magen umdrehen, wenn Sie so etwas lesen.

    Für einige Eltern, die ebenfalls Drill, emotionalen und körperlichen Missbrauch als erzieherische Maßnahme nur allzu gerne einsetzen, mag das ja nett zu lesen sein, spricht es Ihnen vielleicht aus dem Herzen. Eins hat das Buch ja. Die Psychotherapeuten in China werden sicherlich bei solchen Erziehungsmethoden niemals arbeitslos werden.

  4. Petra Dirkes sagt

    Ein wunderbarer Artikel. Vielen Dank, Herr Kopp-Wichmann.
    Auch ich habe „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller gelesen und es hat meine Augen und mein Herz für mich selbst geöffnet. Nur wer sich selbst versteht, kann Verständnis für andere Menschen aufbringen, insbesondere für die eigenen Kinder.
    Es bleibt zu hoffen, dass genügend Eltern sich von dieser Sichtweise berühren lassen und die vermeintlichen Experten in Erziehungsfragen ignorieren.
    Kinder sind so wunderbar – wir dürfen sie nicht verbiegen und knechten – wir haben die Verantwortung dafür, dass sie sich frei entfalten können.
    In diesem Zusammenhang würde ich hier gern das Gedicht von Khalil Gibran einstellen:

    Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
    Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.
    Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht.
    Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
    Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.
    Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
    Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
    Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
    Ihr seid die Bogen, von denen die Kinder als Pfeile ausgeschickt werden.
    Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit Seine Pfeile schnell und weit fliegen.
    Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein, denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt Er auch den Bogen, der fest ist.

    Liebe Grüße
    Petra Dirkes

  5. Barbara landers-Schultz sagt

    „Die Aussöhnung mit dem inneren Kind“ (auch empfehlenswertes Buch)ist dann später das Thema…

  6. einige Kommentare erschrecken, andere machen richtig Mut – so der letzte.
    Gut finde ich auch, dass der Artikel das Anliegen von Alice Miller verständlich herausstellt, über dreißig Jahre nach Erscheinen – sie ist auch davon ausgegangen, dass die gewünschten Veränderungen lange dauern.
    Aus eigener Erfahrung kann ich den letzten Kommentar nur bestätigen. Ja, es ist oft anstrengend, nicht dirigistisch und schon gar nicht repressiv zu sein. Aber die Mühen werden sehr belohnt. Wenn man achtsam beschützt, aufpasst, schaut, was die Kleinen schon mitbringen, dann ist da nur Schönheit. Ängste sind unbegründet. Aber sicher müssen wir alle achtsam sein, weil die ganze Welt, die Händler und Verführer um die Aufmerksamkeit der Kinder buhlen.
    Aber wenn man die Zeit mit Kindern verbringt und sinnvoll gestaltet, kommt da so viel echte pure Liebe zurück, dass jeder Tag randvoll mit Sinn gefüllt is. In diesem Sinne herzlichen Dank an Noah, 6 J., Milan, 5 J. und Jakob, 4 J., Niemals, um nichts auf der Welt käme hier jemand auch nur ansatzweise auf die Idee, diese Jungs zu schlagen, anzuschreien, zu überfordern, und bei allem Stress, der da manchmal ist: sie geben jeder mehr, als sie fordern.

  7. Das Beste an solch einem Buch ist, dass wir uns aufregen können, aber nicht wirklich Angst davor haben müssen. Ich glaube – hoffe – dass die Ansichten von Amy Chua unserem Zeitgeist so zuwiderlaufen, dass es zwar ein Erfolg in den Bestsellerlisten ist, nicht aber in den Kinderzimmern. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Amy Chua in Europa besonders viele Nachahmer ihrer Erziehungsmethoden findet.

    Aber noch etwas anderes ging mir von Anfang an durch den Kopf. Was denken wohl ihre Kinder von dem Buch?

    Da werde ich schikaniert, gequält, unterdrückt und auf’s übelste gebrochen und dann schreibt Mami auch noch eine Buch darüber, wie toll das war. Schlimmer kann ich kaum umgehen mit meinen Kindern. Gibt es eigentlich eine Persönlichkeitsstörung, die auf Amy Chua zutreffen könnte?

    Falls ihre eigenen Kinder nicht völlig im „das hat mir auch nicht geschadet“-Trauma festhängen und den Erziehungsterror ihrer Mutter irgendwann überwinden, schreiben sie vielleicht auch mal ein Buch: „Die Rabenmutter – meine Kindheit als Opfer.“

  8. begabtes Kind - vielleicht sagt

    Ich bin auch eines dieser Kinder (nun Mitte zwanzig), dass Zuhause gedrillt wurde zu Höchstleistungen. Prügelstrafen inklusive (habe meine Geschichte in den Kommentaren bei „wenn man als Kind geschlagen wird“ unterlassen, unter dem Nick „humanity“).
    Irgendwann merkten auch meine Eltern, dass meine schulischen Leistungen besser wurden, solang sie mich nicht drillten. Ihre Haltung bewirkte bei mir ein Umkehrschluss (ich lernte aus Angst und machte Flüchtigkeitsfehler, unerklärliche). Nach dem das Drillen weniger wurde, verschwanden diese Fehler und die Leistungen wurden besser. Irgendwann waren meine Eltern auch mit „durschnittlichen“ Noten zufrieden.

    Trotzdem, ich erkenne alle Eigenschaften die oben einem „begatem Kind“ zugeschrieben werden, in mir. Bin extrem anpassungsfähig, kann mich sehr schnell in andere hineinversetzen und verstehe andere sehr schnell sehr gut. Fremde Menschen öffnen sich mir deswegen sehr schnell und oftmals ohne wirklich zu Fragen erzählen sie mir jede Menge persönliche Dinge. Habe dauernd das Gefähl es allen Recht machen zu müssen, sowohl in der Arbeit als auch Privat.
    Verspüre wirklich nie Neid. Komisch?! Bin extrem selten zornig. So gut wie keine Freunde, aber fühle mich nicht alleine.(habe Tochter und Frau)
    Ich strebe stark danach etwas „großes“ in meinem Leben zu erreichen. Obwohl ich meistens dort, wo ich arbeite zu den besten immer gehöre, will ich immer mehr.

    Generell bin ich aber weder depressiv, noch narzistisch. Obwohl es mir öfter schwer fällt mich für meine eigenen hochgesteckten Ziele zu motivieren.

    Wir nehmen an, ich bin nun eines dieser Kinder gewesen und nun erwachsen.
    Ich sehe die Art und Weise, wie mich meine Eltern erzogen haben, nicht richtig. Möchte es meinem Kind nicht auch so antun.(vorallem da ich nun wegen genau solchem Verhalten meiner Eltern, keinen Kontakt mehr habe mit ihnen)
    Dennoch liegt im Kern dieser Erziehungsmethode (dem Kind mitgeben, dass es was aus seinem Leben machen soll) was Gutes. Die Art, wie es manche Eltern machen, auch meine – durch Drillen, Drohen, übertreibende Vorhersagen, etc – ist aber falsch.
    Ich hätte und habe als Elternteil Angst mein Kind „irgendwie“ aufwachsen zu lassen und dann zu hoffen „ach das wird schon, irgendwie werden.“ Ein Kind wird ja nicht nur Zuhause geprägt, auch die Gesellschaft (Schule, Kindergarten, Berufsleben, Werbung) prägen mit und wenn man sich als Elternteil nicht beteiligt, dann wird das Kind von anderen geprägt.
    Mein Kind ist noch klein 2 Jahre alt. Ich versuche sie so aufwachsen zu lassen, wie sie es will. Es lebt frei und ungezwungen, dennoch versuche ich/bzw. später dann mehr, ihr die Welt zu erklären, soweit ich sie verstanden habe. Ihr zu erklären, welche Verhaltensweisen/Entscheidungen zu welchen Auswirkungen führen können und dann es selbst entscheiden lassen.

    Es ist nun mal auch die Wahrheit, dass Kinder nicht immer die richtigen Entscheidungen treffen, aus Unerfahrenheit und da könnten Sie sich vor viel Übel/Stress und anderen Schwierigkeiten schützen, wenn sie in einigen Dingen einfach nur auf den Rat der Eltern hören. Obwohl man im Leben nur wenige Dinge so verhauen kann, dass man diese nicht mehr einfach irgendwann wieder gerade biegen könnte.

    Als Fazit: Drillen, wie es da im Buch beschrieben steht ist sicherlich der falsche Weg. Aber komplett in allem das Kind komplett selbständig machen und tun lassen, was es will und dabei nur zuschauen, kann meiner Meinung nach, auch schief gehen. Das ist sicherlich das andere Extrem, der Kinder die „auf der Straße“ aufwachsen, deren Eltern sich nicht um sie kümmern, die sogennanten „Schlüsselkinder“. Von denen ich auch einige kennen, die weil sie es nicht besser wissen, „nichts“ tun im Leben und einfach nur von einem Tag auf den anderen leben und sich von anderen diktieren lassen, was sie denken sollen, was und wie sie arbeiten sollen, nur weil sie selbst kein Plan haben…
    Und jede Einmischung von außen, wirkt auf solche Menschen wie ungerechtfertigte Kritik, kein Verständnis, oder einfach nur Einmischung in Dingen, die einem nichts angehen. An solche Menschen kommt man dann nur mehr sehr schwer ran (z.B. Kinder von der Straße, die Schule abbrechen, Erwachsene aus niedrigeren gesellschaftlichen Schichten, etc.).

    Es gibt hier sicherlicht ein Mittelweg, zwischen „Burnout, Depression“ und „von einem auf den anderen Tag leben, ohne irgend eine Sorge für den Tag von morgen.“

  9. Liebe Frau Ast,
    herzlichen Dank für Ihren klugen und persönlichen Beitrag.
    Das ist wirklich das Drama der begabten Kinder, dass viele davon, wenn sie nicht aus ihrer Geschichte lernen, oft dasselbe mit ihren Kindern wiederholen. Es ist nicht leicht, zu vertrauen, dass aus den Kindern schon etwas „herauskommen“ wird, was dann ihr Weg sein wird. Bei mir hat es ja auch etliche Jahre gedauert.

    Man kann Kinder anregen, vorhandene Neigungen und Interessen von ihnen fördern. Aber wenn das Kind dann das Interesse verliert, darf man nicht die Regie übernehmen. Bei keinem Erwachsenen würde man derlei Übergriffe erlauben oder erdulden. Man stelle sich vor, Sie wollten Ihre beste Freundin, zum Squash, zum Chorsingen oder zum Yogaunterricht zwingen, und androhen, die Freundschaft zu kündigen, wenn sie nicht mitmachte. Man würde Ihnen dringend eine Therapie empfehlen.

    Aber Kinder sind derlei neurotischen Auswüchsen meist hilflos ausgeliefert. Auch der Ehemann von Amy Chua greift nicht wirklich ein, sondern beglückwünscht sie hinterher. Aber der sogenannte Erfolg heiligt eben nicht immer die Mittel. Dass früher Drill zu enormen Meriten führen kann, ist ohne Zweifel. Wie sehr es einen Menschen als Erwachsenen unreif und unglücklich machen kann, sieht man bei Michael Jackson oder Tiger Woods. Beide wurden von überehrgeizigen Vätern gedrillt. „Zwingt die Kinder zu ihrem Glück“,würde das wohl die Autorin nennen.

  10. Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    vorweg: ich kenne das Buch nicht – und habe, ähnlich wie beim Buch von Sarrazin oder Charlotte Roche – eigentlich Null Bock es zu erwerben, weil ich den Eindruck habe, daurch diese Art von ‚Lektüre‘ oder Welt- oder Erziehungssicht noch indirekt zu fördern und ihnen einen Stellenwert beizumessen, den es oder sie nicht verdient haben.
    Um ‚richtig‘ mitreden zu können müsste frau es aber eigentlich erwerben – ein Dilemma, das ich noch nicht ganz für mich gelöst habe…

    Zum Artikel:
    In der Therapie oder im Coaching kennt man den Begriff der inhaltlichen NEUTRALITÄT, sprich , ich helfe dem anderen, SEIN Ding zu machen und verfolge keine Eigeninteressen.

    Milton Erickson – Begründer der modernen Hypnotherapie und Vater von ACHT!Kindern –
    wurde gefragt, warum keines seiner Kinder seinen Beruf ergriffen habe. Er antwortete wie stets mit einer Geschichte:
    „Als Robert 3 war, konnte er schon bis 100 zählen. Es machte ihm Spaß,zu zählen, wie viele Zaunpfähle zwischen 2 Pfosten paßten. Robert ist Mathematiker geworden.
    Wenn Lance von der Schule heimkam, warf er seine Schulsachen in die Ecke, lief sofort in den Garten, um zu sehen, was die Pflanzen machten. Lance ist der einzige, der nicht studiert hat, er wurde Farmer.Hatte sich irgendwer in der Famile verletzt, war Kristina sofort zu Stelle. Sie war immer daran interessiert, was man Wunden versorgte, wie sich Schorf bildete, wie er abfiel usw. Sie wurde Krankenschwester.“ und so ging es weiter, alle acht Kinder durch. Erickson ging es darum, das aus einer Person hervorzubringen, was in IHR lag und herauswollte, unerheblich ober er es lieber gesehen hätte, dass sie etwas anderes geworden wären.

    Diese Grundhaltung Kindern gegenüber finde ich schon sehr erstrebenswert – habe sie mir aber selbst mühselig erarbeiten müssen.

    Ich selber bin spätberufener Coach geworden, weil mein zweiter Sohn ab dem ersten Schultag „nicht funktionierte“. ERst als mir in Therapie klar wurde, dass ICH das Drama des begabten Kindes wiederhole, erst als ich kapiert habe, dass ICH und MEINE Sichtweisen ‚das eigentliche Problem‘ sind, bin ich anders mit meinem Sohn umgegangen.

    Diese Mühe, sich selbst zu hinterfragen, nehmen viele nicht auf sich – und müssen es vermeintlich auch nicht, solange sie (einen statuserhaltenden oder statusfördernden) Erfolg haben. Gott (oder in diesem Fall RKW mit Artikeln wie diesen) bewahre uns vor solchen ‚Vorbildern‘.

    Herzliche Grüße

  11. aus Alice Millers „Drama…“ erinnere ich, wie die Autorin in einem Park Eltern mit Kleinkind beobachtete. Kind, 4 J.: „Ich will auch ein Eis, bäh…“ Mutter dreht sich um: „Das ist noch zu kalt, du darfst noch keines.“, schleckt genüßlich an ihrem Eis. Vater dreht sich um, grinst: „Warte nur, gleich kriegst du eins.“ Eltern schlecken Ihr Eis am Stiel genüßlich zu Ende, spazieren weiter. Kind: „Ich will auch ein Eis!“, setzt sich auf den Boden, stampft mit den Füßen auf. Mutter wirft Ihren Holzstiel an den Straßenrand, Vater dreht sich um, beugt sich zum Kind, reicht ihm den abgeleckten Eisstiel: „Da hast du ein Eis!“, reicht dem Kind das Hölzchen, lacht dabei. Das Kind sitzt auf der Straße, weint, die Eltern gehen weiter.

    Jesus: „Ihr sollt das Brot brechen, nicht die Kinder!“
    „Jedes Kind braucht einen Engel!“

    http://bit.ly/fm0ROn

    Oh lieber Gott, hätte ich keinen gehabt…

    Vielen Dank für den guten Artikel. Die Verachtung der Nazis war noch viel größer, an den Toren der KZs stand, auch in Eisen geschmiedet:
    „JEDEM DAS SEINE“

    Auch aus all diesem Wahnsinn bildeten sich Glaubenssätze wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“, „Wer zuerst kommt, malt zuerst“, „Den Letzten beißen die Hunde“ und „Die Nacht ist aller Tage Anfang“ —

    dann war ich vor einem halben Jahrhundert dieser kleine Junge mit langen Löckchen, das radikale Kahlscheren des Knabenkopfes der Machtbeweiß eines total Demoralisierten, der im Krieg zuvor gelernt hatte, Willen und Seelen vieler zu brechen. Wieder und wieder rannte ich zum Dielenspiegel hin und sagte dem kleinen kahlen Kopf durch eine Träne in meinem Auge: „Hey Du, Du hast nichts mit diesen
    Wahnsinnigen hier zu tun. Pass auf dich auf!“

  12. Liebe Frau Albrecht,
    Sie schreiben: „Und ich vermute, dass auch Amy Chua vor allem Angst hat: Angst, als Mutter versagt zu haben, wenn ihr Kind nicht das Beste ist.“

    Das vermute ich auch. Denn es gehört tatsächlich viel Mut und Vertrauen dazu, sich darauf zu verlassen, dass ein Kind seinen Weg findet.

    Eine schöne Haltung hat vor hundert Jahren schon der arabische Dichter Khalil Gilbran vorgestellt:

    Von den Kindern

    Deine Kinder sind nicht deine Kinder.
    Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

    Sie kommen durch dich, aber nicht von dir,
    und obwohl sie mit dir sind, gehören sie dir doch nicht.

    Du kannst ihnen deine Liebe geben,
    aber nicht deine Gedanken,
    denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

    Du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
    aber nicht ihrer Seele,
    denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen,
    das du nicht besuchen kannst,
    nicht einmal in deinen Träumen.

    Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein,
    aber suche nicht, sie dir gleich zu machen.
    Denn das Leben geht nicht rückwärts
    und verweilt nicht beim Gestern.

    Du bist der Bogen, von dem deine Kinder
    als lebende Pfeile ausgeschickt werden!

    Der Schütze sieht das Ziel
    auf dem Pfad der Unendlichkeit,
    und er spannt euch mit seiner Macht,
    damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
    Lasst euren Bogen von der Hand
    des Schützen auf Freude gerichtet sein.

    Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt,
    so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

    Danke für Ihren Kommentar.

  13. Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    wieder ein toller Artikel.
    Unsere Kinder gehen auf eine nicht-direktive Schule, in der sie ihren Tag vollkommen frei gestalten können. Sie können Theater spielen, lesen, toben, malen, basteln, Lego bauen, aber auch YuGiYo-Karten austauschen und Brettspiele spielen. Die Begleiter (einige haben eine Lehrerausbildung) sind da, um sie bei Konflikten zu begleiten und bei dem zu unterstützen, was sie gerade tun.
    Seitdem meine Kinder dort sind, erlebe ich häufig Diskussionen mit anderen Eltern oder Schülern darüber, ob man in einer solchen Schule überhaupt etwas lerne: Die Erwachsenen fürchten sich, dass aus diesen Kindern später mal nichts werde, wenn sie nicht das lernen, was die Schulen verlangen. Und auch Regelschüler, denen ich von dieser Schule erzähle, sind befremdet und können es sich kaum vorstellen, keinen Unterricht zu haben, keine Klassenarbeiten, keine Noten. Sie sind es zu sehr gewöhnt, dass man ihnen sagt, was sie lernen sollen, wann sie es lernen sollen und wofür.
    Die Kinder dieser Schule sind sehr konfliktfähig, können für sich einstehen, fühlen ihre Gefühle und Bedürfnisse und sind auch bereit, die der anderen anzuerkennen. Sie sind teamfähig und selbstständig. Meine Kinder gehen total gerne in diese Schule. Die Schule umfasst im Moment ca. 70 Kinder incl. Kindergarten.

    Man braucht Vertrauen und Nerven, um seine Kinder in eine solche Schule gehen zu lassen, denn während Regelschüler in Mathe unterrichtet werden (ich wollte erst „lernen“ schreiben, aber das ist ja nicht zwangsläufig dasselbe wie „unterrichtet werden“), spielen meine Kinder. Sie tun nicht also dasselbe wie das Kollektiv. Und sie haben andere Verhaltensweisen als das Kollektiv: sie sind kommunikativ, denken mit, können Transfere bilden, diskutieren, sich frei für Themen interessieren, und sie werden nicht bewertet und niemand verlangt etwas von ihnen (außer ich bei der Hausarbeit). Und – sie haben keine Angst.

    Dass so wenige Eltern ihre Kinder in eine solche Schule „stecken“, liegt daran, dass die Eltern sich fürchten. Sie sind selbst so sehr unter Leistungsdruck und müssen gut sein, dass sie befürchten, dass ihre Kinder nicht lebenstüchtig werden, wenn sie nicht demselben Druck ausgesetzt werden. Und ich vermute, dass auch Amy Chua vor allem Angst hat: Angst, als Mutter versagt zu haben, wenn ihr Kind nicht das Beste ist. Wie furchtbar muss dieses Leben sein. Wie kann man Geige lernen, wenn dieser Druck dahinter ist? Wie kann man Liebe für sein Instrument entwickeln?

    Dass ich mich traue, meine Kinder auf diese Schule zu schicken, liegt daran, dass ich in dem, was ich konventionell gelernt habe, nicht erfolgreich wurde. Statt dessen bin ich erfolgreich als Designerin, Texterin und Kommunikationstrainerin – also in Disziplinen, die ich mir mit Ende 30 (!) selbst (!) beigebracht habe. Weil ich es liebe. Alles, was man mit Liebe tut, kann man gut. Nicht auszudenken, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn schon früher herausgefunden hätte, was ich gerne tue!

    Und daher sollte man seine Kinder nicht drillen, sondern ihnen zuhören. Damit sie sich selbst wahrnehmen. Damit sie spüren, was sie gerne tun. Denn dann werden sie auch gute Leistungen erbringen – und sei es als Pferdepflegerin.
    Die Frage ist nämlich: kann ich mein Kind lieben, wenn es „nur“ Pferdepflegerin ist? Oder muss es wenigstens Tierärztin werden, damit ich stolz sein kann? Was ist einer Mutter wichtiger: dass ihr Kind erfolgreich ist – oder dass es vor allem glücklich ist?
    Herzliche Grüße
    Michaela Albrecht

  14. Hallo Herr Baumgardt,
    ich glaube, da ist ein Missverständnis über den Begriff „begabtes Kind“. Alice Miller meint Begabung hier nicht im Sinne von Talent oder Fähigkeit.

    Begabte Kinder im Millerschen Sinn sind begabt, sich in die Bedürfnisse der Eltern einzufühlen und dafür eigene Gefühle und Impulse soweit abzuspalten, dass sie ihnen nicht mehr in die Quere kommen.

    Dass die Autorin Eigenschaften mitgeben will, die in unserer heutigen Leistungsgesellschaft hochgefragt sind, sit ohne Zweifel. Die ständige Verfügbarkeit, der Präsentismus und der Gebrauch von leistungssteigernden Substanzen oder eben die steigende Tendenz zu Depressionen oder Burnout gehören da eng zusammen.

    Danke für Ihren Kommentar.

  15. Irgendwie hat es Amy Chua ja zur Professorin geschafft, ist sie zur „Führungspersönlichkeit“ geworden. Ihr „wesen“ entspricht also immerhin den Anforderungen, die das System an seine Mitglieder stellt, wenn sie „aufsteigen“ oder „hoch hinaus“ wollen. Und dieses „Wesen“ gibt sie weiter…
    Dabei scheint mir zwischen Mutter und Tochter eine „sado-masochistische Symbiose“ zu entstehen; da klingt die Anmerkung, dass das immer noch besser als Gleichgültigkeit bei der Erziehung ist, etwas zynisch.

    Vielleicht entspricht Amy Chua damit ja gerade dem, was Alice Miller mit „begabtes Kind“ gemeint hat. Der Drill, den sie ausübt, ist wohl nicht ganz das, was mit „Förderung von Begabungen“ zu umschreiben wäre – und gleichzeitig gibt es gar nicht so viele hochbegabte Kids, wie der Titel von Alice Miller glauben machen könnte.

    Das Drama des begabten Kindes hat seine zwei Seiten; wenn das „begate Kind“ in der Erziehung der jüngeren Geschwister „eingesetzt“ wird, ist das ein Überbleibsel aus der Zeit der Großfamilie, das sich gerade verliert.
    Wie es sich für die jüngeren Geschwister angefrühlt hat, von den älteren erzogen zu werden, ist hier gar nicht thematisiert worden. Die „normal / durchscnittlich Begabten“ werden also glatt übersehen – was ja auch eine narzisstische Kränkung ist.

    Die Sorge um die Manager, die mit 42 Jahren alle ihre Lebensträume erreicht haben, teile ich auch. Denn eine bessere, gerechtere, liebevollere Welt (Gesellschaft) scheint nicht zu ihrem Technokratenideal zu gehören.

  16. Hallo Regina,
    ich denke, es ist ein großer Teil der Gesellschaft, der solche Hochleistungskids will und glaubt, dass jede Abweichung von dieser Strategie schnurstracks zu Hartz4 und unter die Brücke führt.

    Aber das ist doch Unsinn, von dem man sich nicht anstecken lassen darf. Es gibt genügend Berufe und beufliche Nischen, in denen man immer noch einigermaßen selbstbestimmt arbeiten und leben kann.

    Aber es herrscht – auch in den Medien – so ein olympischer Wettlauf, bei dem schon Silber schade, Bronze na ja und alle weiteren Plätze eine Schande sind.

    Ein Beruf dient dem Broterwerb und es können immer nur ein paar an der Spitze sein. Das Recht auf Glück – siehe amerikanische Verfassung – steht aber jedem zu.

    Danke für Ihren Kommentar.

  17. Regina sagt

    Gut, dass Sie sich so vehement zu dem Buch äußern. Ich fand Titel und Richtung des Buches spannend und beeindruckend und wahrscheinlich gefährlich verlockend. Was sie dazu schreiben läßt mich diese ewige Ambivalenz der Mutter wieder einmal bewusst spüren: Die Gesellschaft verlangt dressierte Hochleistungskids und ich sehe meine Kinder, wie sie daran einfach nur leiden und am Ende die von ihnen geschilderten Mechanismen zu entwickeln drohen. Bisher ist mir nichts besseres dazu eingefallen, als dann Blauen Brief Blauen Brief sein zu lassen und hm Gedeihlicheres in den Vordergrund zu stellen. Zufrieden bin ich mit dieser Hybridstrategie aber auch nach 19 Jahren erziehen immer noch nicht.

  18. Liebe Frau Grupp,
    ich finde, wenn sich Eltern mit Erziehungstheorien zu beschäftigen, das nicht unnütz, wenn es einen dazu anregt, zu reflektieren, warum man welche Theorie und aus welchen Gründen gut findet.

    Denkt man nicht darüber nach, kann es passieren, dass man ungefiltert das weitergibt, was man selbst erlebt hat – oder genau das Gegenteil tut, was auch nichts Eigenes ist.

    Selbstbewusstsein und Leistung hängen eng miteinander zusammen. Wer kleine Kinder beobachtet, wie sie darauf bestehen, sich auf einmal selbst die Schuhe zuzubinden („Mama, nicht helfen!“) versteht, dass es einen deutlichen Antrieb zur eigenen Leistung in jedem Kind gibt. Den kann man fördern, sollte man aber nicht ersticken, indem man mehr Druck aufbaut.

    Aus eigener Vatererfahrung weiß ich, dass das mitunter nicht einfach ist.

    Danke für Ihren Kommentar.

  19. Lieber Herr Kopp-Wichmann,
    vielen Dank für diesen Artikel, aber schreiben Sie lieber ein anderes Buch – vielleicht besser darüber, wie wir Kinder (und erwachsene Menschen) wieder stark machen, ihre Stärken und Visionen fördern 😉
    Alice Millers Buch war für mich auch eine sehr wichtige Lektüre, und dann hatte ich auch mal ein Buch mit dem Titel „Untertan Kind“ in der Hand – einen Abriss über die Geschichte der Erziehungstheorien. Mir ist noch gut das Fazit des Autors in Erinnerung, dass sich zum Glück die Eltern nicht dauernd mit den Theorien befassen, und dass sie diese zum Glück nicht immer konsequent umsetzen.
    Wichtig finde ich in dem Zusammenhang auch die Frage nach der „Leistung“. Wächst Selbstbewusstsein wirklich durch die eigene „Leistung“ und deren „Belohnung“? Oder wird es vor allem durch liebevolle Akzeptanz gestärkt? Selbstbewusstsein heißt für mich vor allem, sich zu akzeptieren wie man „ist“, und nicht, weil man etwas besonderes „macht“.
    Schönes Wochenende
    Livia Grupp

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