Wien, Hundertwasser, Freud und der Tod – ein ganz persönlicher Reisebericht.

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Psychologie

fiaker_pferd_goretex.jpgWar gerade ein paar Tage in Wien, eine Stadt, mit der mich viele Erinnerungen und Einflüsse verbinden. Zum ersten Mal war ich hier, als ich gerade mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hatte und unschlüssig war, was ich jetzt studieren wollte. Psychologie oder Kunstakademie, v.a. Bildhauerei, waren meine gleichgewichtigen Interessen. Deshalb verbrachte ich damals 1976 eine Woche in Wien, um auf andere Gedanken zu kommen und zu klären, wie es weitergehen sollte. Damals verbrachte ich viele Stunden in der „Albertina“ und im „Leopoldmuseum“, um mir die Bilder von Egon Schiele und Gustav Klimt anzuschauen.

Jetzt im März 2008 ging ich am ersten Tag ins KunstHaus Wien, ein Museum, das dem Werk von Friedensreich Hundertwasser gewidmet ist. Hundertwasser war ein Vorkämpfer für die Phantasie in Politik und Kunst, ein beharrlicher Anwalt für mehr Schönheit und Toleranz in der Welt. und ein Visionär für ökologisches Denken. So plädierte er bereits Anfang der 70er Jahre für Dachbewaldung und individuelle Fassadengestaltung, in einer Zeit, als die Bewegung der „Grünen“ erst im Entstehen war.

Einige seine Aussagen:

  • Die Menschen müssen begreifen, daß sie das gefährlichste Ungeziefer sind, das je die Erde bevölkert hat.
  • Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.
  • Die gerade Linie ist gottlos.

An die Stelle der geraden Linie setzte er die Spirale, die schon früh in seinen Zeichnung auftaucht und zu seinem Markenzeichen wird. Er starb 2000 im Alter von 71 Jahren. und wird auf eigenen Wunsch in Neuseeland begraben, wo er seit langem lebte. Hundertwasser war einer der bekanntesten und umstrittensten Künstler Österreichs. An Hundertwasser imponierte mir immer seine Kreativität und seine Bereitschaft, alles für seine Ideen einzusetzen.

„Der Tod, der muss ein Wiener sein.“

Diese Zeile aus einem Lied von Georg Kreisler beschreibt die besondere Beziehung Wiens zum Tod.

Auch andere Wiener und Heurigen-Lieder beschreiben diese morbide Beziehung zum Jenseits auf besondere Weise: „Es wird a Wein sein und mir wer’n nimmer sein“, oder „Einmal macht’s an Plumpser und aus is“ . Überliefert ist auch die Figur des „lieben Augustin“, der versehentlich in eine Pestgrube geworfen wurde und sich durch das Singen fröhlicher Lieder am Leben hielt. Und hier in Wien schufen auch Johann Strauß, Vater und Sohn, selbst ständig geplagt von Ängsten vor Reise, Alter, Krankheit und Tod, eine Musik, die für immer unsterblich ist: den Wiener Walzer, unter dessen heiterer Oberfläche immer auch ein Stück Wehmut und Schmerz mitklingt. Sogar ein ein Bestattungsmuseum gibt es hier.qualtinger.JPG

So führte mich mein Weg am zweiten Tag zum Wiener Zentralfriedhof. Bei seiner Anlage im Jahre 1874 gab es wilde Kontroversen. Da es der erste interkonfessionelle Friedhof war, stritt man darüber, ob es klare Abgrenzungen zwischen den Konfessionen geben solle. Den Wiener Zentralfriedhof nannte André Heller einst ein „Aphrodisiakum für Nekrophile“. Er ist mit einer Fläche von 2,4 qkm der größte Friedhof Europas. Im Gegensatz zu anderen Städten ist die Wiener Begräbnisstätte kein Ort, an dem man nur zur besinnlichen Andacht oder an Allerheiligen hingeht. Auf den Zentralfriedhof kann mit dem Auto hineinfahren (für 1,80 Euro) und viele Wiener machen gern einen Familienausflug dorthin. Bei meinem Besuch sah ich mehrere Jogger und drei Menschen mit Nordic-Walking-Stöcken ihre Runden drehen.

In den rund 330.000 Gräbern liegen über drei Millionen Tote begraben, anderthalbmal soviel wie die Stadt Wien Einwohner hat. Sie alle liegen beerdigt in Stätten von unterschiedlicher Aufmachung. Eigentlich sind wir im Tod ja alle gleich. Aber das ist Theorie. Wie im Leben achten auch auf dem Friedhof die Menschen – oder die Hinterbliebenen – darauf, dass die sozialen Unterschiede gewahrt bleiben. So sind die Ehrenmäler der Wiener Bürgermeister oder prominenter Künstler direkt in der Nähe der Karl-Borromäus-Kirche. Dort besuchte ich die Gräber von Mozart, Beethoven, Bruckner, Johann Nestroy, Carl Millöcker, Franz von Suppé und Johann Strauß.hausbesitzer.jpg

Wer weniger prominent ist, und anscheinend keinen ehrfurchtsgebietenden Beruf wie „Bezirksamtsdirektor“ oder „Advokatengattin“ hat, will dann zumindest mit der Bezeichnung „Großgrundbesitzer oder zumindest „Hausbesitzer“ punkten.

Neben den Ehrenmälern fand ich Grabstätten von Menschen, die vor vielen Jahren für meinen Lebensweg eine große Rolle spielten. Ich stieß auf das Grab von Erwin Ringel, der hier 1948 das erste Zentrum für Krisenintervention und Suizidforschung gründete und dessen Bücher ich zu Beginn meines Psychologiestudiums las. Friedrich Hacker’s Buch über „Aggression“ las ich in dieser Zeit wie auch die Geschichten des „Herrn Karl“, einer Figur des Wiener Kabarettisten, Schauspielers und Schriftstellers Helmut Qualtinger. Einige seiner satirischen Kostproben:

  • Seitdem es Flugzeuge gibt, sind die entfernten Verwandten auch nicht mehr das, was sie einmal waren.
  • Journalisten: Leute, die glauben, daß ein Bericht besser wird, wenn sie ihn Report nennen.
  • In Wien wirst erst dann berühmt, wenn’s tot bis. Dann aber für sehr lange Zeit.

freud_briefkasten.jpgDer wichtigste Besuch für mich war natürlich im Haus von Sigmund Freud, Berggasse 19, heute das Freud-Museum.

Wer weiß, wenn es Freud und sein Werk nicht gegeben hätte, ob ich nach meiner Sparkassenlehre nicht im Bankgewerbe geblieben und heute vielleicht Leiter einer Zweigstelle wäre. Doch schon mit neunzehn Jahren las ich seine Bücher über die „Traumdeutung“, „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ sowie seine kunst-philosophischen Betrachtungen wie die Interpretation der Moses-Statue von Michelangelo. Ich war fasziniert von der Andersartigkeit seines Denkens und wie schlüssig er seine Überlegungen begründen konnte.

Damals hatte ich noch keine Idee davon, dass ich später mal Psychologie studieren würde. Sondern machte ja dann erst noch ganz andere berufliche Erfahrungen. „Gerettet“ hat mich Freud, als ich im ersten Semester meines Psychologiestudiums völlig frustriert in den Vorlesungen und Seminaren saß, wo Statistik, Faktorenanalyse und empirische Untersuchungsdesigns die Themen beherrschten. Dabei hatte ich gedacht, jetzt würde es losgehen mit den Schriften von Freud, Adler, Jung. Erst als ich meine erste Selbsterfahrungsgruppe (damals in der „Free Clinik“ in der Brunnengasse) und abends und nachts u.a. Freud’s „Psychopathologie des Alltagslebens“.

Jetzt in Wien war es schon ein besonderes Gefühl, seinen Hut und Spazierstock an der Garderobe hängen zu sehen oder in seinem Wartezimmer zu stehen. Die berühmte Couch steht leider nicht hier, sondern im Freud-Museum in London.

Hier ein paar Kostproben aus seinem Werk:

  • Derjenige, der zum erstenmal an Stelle eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation.
  • Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: ‚Was will eine Frau?‘
  • Das Unbewusste ist viel moralischer als das Bewusste wahrhaben will.
  • Gegen Angriffe kann man sich wehren, gegen Lob ist man machtlos.
  • Niemals sind wir so verletzlich, als wenn wir lieben.
  • Die Stimme der Vernunft ist leise.

Nach so ernsten Themen noch zwei analytische Witze:

Eine Mutter holt ihren Sohn vom Psychoanalytiker ab.
„Und“, fragt sie neugierig, „was hat er gesagt?“
„Ich hätte einen Ödipus- Komplex“, antwortet der Sohn.
„Ach so ein Quatsch! Hauptsache, du hast deine Mami lieb.“

Patientin: „Küssen sie mich!“
Analytiker: „Das geht nicht. Genaugenommen dürfte ich nicht mal neben Ihnen liegen.“

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

1 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihre ausführlichen Wien-Hinweise! Da ich im April selbst ein paar Tage dort bin, hab ich mir Ihre Empfehlungen gleich auf meine Liste gesetzt. Vor allem das Freud-Museum werde ich auf jeden Fall besuchen.

    Alexandra Graßler

    PS: und auch Ihre sonstigen Beiträge finde ich immer sehr anregend. Schönes Blog!

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