Wie sehr lassen Sie sich von anderen beeinflussen?

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Psychologie

gewalt_small_photocase47gkscep46th.jpg Immer wieder liest oder sieht man Berichte über unterlassene Hilfeleistung. Ob Pöbeleien in der U-Bahn, Belästigungen oder Überfälle in belebten Strassen.

Die Frage ist: Warum wollen Menschen nicht helfen, die helfen könnten?

Interessiert Sie das?
Dann machen Sie doch mit mir jetzt ein kleines Gedankenexperiment:
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Raum und arbeiten am PC. Plötzlich hören Sie, wie ein Handwerker, den Sie kurz vorher auf dem Flur gesehen haben, von der Leiter fällt und einen Schmerzensschrei ausstößt.

Wie reagieren Sie?

Sie springen sofort auf und schauen, was los ist?
Sehr schön.

Okay. Dazu zwei Fragen:

  1. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie allein in dem Raum sind?
  2. Wie würden Sie reagieren, wenn noch zwei andere Menschen im Raum sind und am PC arbeiten?

Sie meinen, das macht für Sie keinen Unterschied?
Sie würden auf jeden Fall aufspringen und nachschauen?

Nun, ich will Ihre spontane Hilfsbereitschaft nicht anzweifeln, aber die meisten Menschen reagieren nicht so.

Die meisten Menschen schauen erst mal, wie die anderen Mitmenschen reagieren. Reagieren diese unbeteiligt, reagieren auch die meisten Menschen nicht und tun so als wäre nicht passiert.

Warum das so ist, sehen Sie hier in einem psychologischen Experiment auf einem Video:

[youtube]http://de.youtube.com/watch?v=VsyfQeSITww[/youtube]

Sie sehen: wie wir eine Situation interpretieren, hängt oft entscheidend davon ab, wie Anwesende reagieren. Bleiben diese passiv, liegt die Interpretation nahe „Es wird schon nicht so schlimm sein, sonst würde ja jemand eingreifen.“ Oder eben auch „Es sind ja noch mehr Leute da, wieso sollte ich was tun?“

Deswegen geben auch Kriminalexperten folgende Tipps, wenn Sie Zeuge einer Belästigung oder eines Überfalls werden:

  • Beziehung herstellen:
    Hier sind Wortwahl, Tonfall und das formale „Sie“ wichtig. Also nicht: „Hör auf, Du Blödmann!“
    Sondern: „Lassen Sie sofort die Frau in Ruhe!“
    Das Siezen zeigt dem Täter: Oha, dem gefällt die Situation nicht. Und es macht auch umstehende potenzielle Helfer aufmerksam, dass etwas nicht stimmt.
  • Aufmerksamkeit erzeugen:Das gilt nicht nur, wenn man Zeuge eines Übergriffs wird. Sondern auch, wenn man selbst belästigt oder angegriffen wird. Einfach nur „Hilfe!“ rufen, genügt zumeist nicht.
    Besser ist es, die Menschen in der Umgebung direkt anzusprechen und zur Hilfe aufzufordern. Also etwa: „Sie in dem roten Hemd, bitte helfen Sie mir, rufen Sie die Polizei!“

    Denn wenn man Hilfe will, muss man anderen signalisieren, dass hier geholfen werden muss.
    Zu erwarten, dass das doch jeder sehen muss, ist vielleicht logisch, funktioniert aber nicht. Wie das Video eindrucksvoll zeigt, verlassen sich viele Menschen nicht auf ihre eigene Interpretation einer Situation, sondern lassen sich stark von anderen Menschen beeinflussen. Da dies gegenseitig passiert, entsteht so leicht ein fataler Teufelskreis des Nichthandelns. Polizeiexperten wissen, dass einer der Hauptgründe für unterlassene Hilfeleistung, neben der eigenen Angst, diese Mehrdeutigkeit einer Situation ist: Vielen ist nicht klar, was gerade abläuft – und in welcher Beziehung Täter und Opfer zueinander stehen.

Waren Sie schon einmal Zeuge oder Opfer eines Übergriffs?

Wie haben Sie sich verhalten?

Was hat bei Ihnen funktioniert?

PS: Dieser Beitrag ist dem dem noch amtierenden hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch gewidmet.

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Bild: Stratego von photocase.com 

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

6 Kommentare

  1. anton Tauscher sagt

    Interessant, aber leider sprechen Sie von dem einzelnen Täter und nicht von Tätergruppen. Man siehe nur das Beispiel des totgetretenen Herrn Brunner aus Bayern.
    [Er hat ein mal zugeschlagen, nachdem er geschlagen wurde. Das war sicherlich ein Fehler. Seine Notwehr hätte sein müssen, den anderen k.o. zu schlagen ohne Rücksicht oder eben gar keine Gegenwehr. Letztlich hat er den Täter durch einen Schlag beleidigt und provoziert. Da er wahrscheinlich auch nicht richtig zugeschlagen hat, hat er gezeigt, dass er ein potentielles Opfer ist… aber das Verhalten von Opfern ist eine andere Geschichte]

    Was Sie über das Verhalten von Zeugengruppen schreiben gilt auch für Tätergruppen …. die Täter handeln so, wie es andere aus der Tätergruppe auch machen.

    Hier muss man – wenn schon die Situation eskaliert – sagen:
    Ihr seid zwar viele, aber einen von Euch bringe ich um… wer es ist, wisst Ihr, wenn ihr im Sterben liegt…

    Auch hier gilt es, die Tätergruppe zu verunsichern und Ihnen den Schutz der Gruppe zu nehmen…
    Problem: Selbstmordattentäter… da hilft die Drohung mit dem Tod gar nichts 😉

  2. Heidi sagt

    Danke für den Tip, dass man die Täter mit Sie anspricht. Jetzt verstehe ich einen Grund, warum mich die Fussballfans in der S-Bahn nicht wirklich ernst genommen haben…. nun damals ist nich „wirklich“ jemand belästigt worden. aber für das nächste Mal werde ich darauf achten.
    Heidi

  3. Burkhard Heidenberger sagt

    Meine Familie und ich waren letzten Samstag in der Stadt unterwegs und auf der Heimfahrt erlebten wir folgendes:
    Wir warteten auf die U-Bahn. Da war auch ein junger Mann, der trotz des Rauchverbots im U-Bahnbereich rauchte. Ein älterer Mann machte ihn auf das Verbot aufmerksam und wurde daraufhin von diesem Mann nur angepöbelt. Als die U-Bahn einfuhr stieg der junge Mann mit der Zigarette ein und suchte offensichtlich Streit. Wäre er handgreiflich geworden, hätte ich sicher die Notbremse gezogen. Als wir ausgestiegen sind, machten wir den Fahrer auf den Mann aufmerksam und der versah sofort seinen Dienst und wies den Fahrgast aus dem Zug.

    Gruss zeitblueten.com

  4. wakke sagt

    „sofort helfen ,ohne nachzudenken
    warum auch?
    meistens muss jemand vorweggehen der rest folgt automatisch“ genau wegen so ner einstellung wird sich auch sowas erlaubt ……..

  5. erwin sagt

    sofort helfen ,ohne nachzudenken
    warum auch?
    meistens muss jemand vorweggehen der rest folgt automatisch

  6. Marianne sagt

    Ihre Fragen kann ich beantworten:
    als Mädchen + junge Frau ( mit 14, 19 und 22 Jahren ) bin ich körperlich angegriffen worden ( 2x von Männern, 1x von Frauen, tja). Reagiert habe ich instinktiv + impulsiv durch Treten, Boxen. Jedesmal habe ich die “ Angreifer “ in die Flucht geschlagen ( bei 1.68 m Größe + 52 Kg).

    Wie ? Ich habe 10 Jahre Kampfsport als Kind/Mädchen gemacht. Das bleibt immer im „Kleinhirn“ drin. Daher habe ich unsere Tochter später ebenfalls in so eine Gruppe über Jahre trainieren lassen (auch bei ihr hat sich das inzwischen mind. 2x „bezahlt“ gemacht). Für Frauen sollte das wie der Führerschein + das 10 Fingersystem einfach dazugehören…. Es ist die „Kaltblütigkeit“ die durch so ein Training erworben wird. Man gerät nicht in Panik und „friert“ nicht ein. Freeze, fly or fight sagen die Amis ( fly or fight – niemals freeze ).

    Was das “ Helfen unabhängig von anderen“ angeht – ich glaube, auch das kann und sollte trainiert werden – nichts anderes erwirbt jeder, der im Medizinbereich (sei es als Mediziner oder Pfleger ) oder im Polizeiberuf tätig wird. Es könnte schon in der Schule geübt werden.

    Gruß Marianne

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