Wirklichkeit, wie wirklich ist die? Was AfD-Wähler, Impfgegner und Rechthaber verbindet.

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Vermutlich haben Sie auch schon mal davon gehört, dass wir die Welt nicht direkt wahrnehmen können und jeder in seiner Konstruktion von Welt lebt. Auf diesem Blog habe ich schon mehrmals darüber geschrieben, zum Beispiel hier …

Dass jeder in seiner konstruierten Realität lebt aber meint, dass er sich in der „Wirklichkeit“ befindet, merkt man ja spätestens, wenn man mit AfD-Wählern, Impfgegnern oder beruflichen Rechthabern diskutiert. Jeder weiß Bescheid und ist fast nie von seiner Überzeugung abzubringen. Denn sie glauben ja, dass sie die Wahrheit kennen.

Das erlebt man auch, wenn man die Leute fragt, was die größte Bedrohung in Deutschland ist.

In der Diskussion mit diesen Menschen helfen ja auch keine Argumente. Vielmehr gilt die Devise: „Ich habe mir meine Meinung schon gebildet, kommen Sie mir jetzt nicht mit Tatsachen!“ Oder etwas primitiver: „Alles Fake News!“

Das Dilemma mit der Wirklichkeit
besteht also darin, dass wir uns jede Sekunde in der Wirklichkeit aufhalten und verhalten müssen – baer eben nicht genau wissen, was das ist: die Wirklichkeit. Oder wie sie genau aussieht.

Deshalb brauchen wir ja populistische Vereinfacher, die uns diese Welt erklären. Meist mit einem simplen Schwarz/Weiß-Denken, in dem es Gut und Böse gibt und einen, der das jeweils definiert, was wozu gehört.

Solange wir Kinder sind, machen das notgedrungen die Eltern. Die meisten wissen zwar, dass die Welt kompliziert ist, aber wie erklärt man einem Vierjährigen, dass die Stimme des Nikolaus nur zufällig so wie die Stimme von Onkel Rolf klingt. Oder warum Lügen nicht gut ist, es sei denn man ist Politiker und hat einen guten Grund.

Ach, es ist eine Krux mit der Wirklichkeit, bei der es ja eigentlich ja auch immer um die Suche nach der „Wahrheit“ geht. Und nicht jeder kann sich mit der Erkenntnis des Philosophen Heinz von Foerster anfreunden: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“

Wenn Ihnen jetzt beim Lesen etwas der Kopf schwirrt, ist das gewollt und ganz natürlich. Das passiert ja immer, wenn wir unsere gewohnten Denkroutinen ein klein bißchen verlassen.

Aber Vorsicht! Nach dem Lesen dieser Geschichte (Quelle: John Fowles, The Magus, München 1969, S. 607f) wird Ihr Kopf nicht weniger schwirren. Ich hörte sie zum ersten Mal vor über 30 Jahren auf einem NLP-Workshop.

 

Es war einmal ein junger Prinz,

der an alles glaubte, außer an drei Dinge:

  • Er glaubte nicht an Prinzessinnen.
  • Er glaubte nicht an Inseln.
  • Und er glaubte nicht an Gott.

Sein Vater, der König, sagte ihm, diese Dinge existierten nicht. Und da es im Reich seines Vaters keine Prinzessinnen und Inseln und kein Anzeichen von Gott gab, glaubte der Prinz seinem Vater.

Aber eines Tages lief der Prinz von dem väterlichen Palast fort und kam in das Nachbarland.

Dort sah er zu seiner Verwunderung von jeder Küste aus Inseln und auf diesen Inseln seltsame und verwirrte Geschöpfe, die er nicht zu benennen wagte. Während er sich nach einem Boot umsah, kam ihm an der Küste ein Mann im Frack entgegen.

„Sind das wirkliche Inseln?“ fragte der junge Prinz.
„Natürlich sind das wirkliche Inseln“, sagte der Mann im Frack.
„Und diese seltsamen und verwirrenden Geschöpfe?“
„Das sind ganz echte Prinzessinnen.“
„Dann muss Gott auch existieren!“ rief der Prinz.

„Ich bin Gott“, erwiderte der Mann im Frack und verbeugte sich. Der junge Prinz kehrte, so schnell er konnte nach Hause zurück.

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„Ich habe Inseln gesehen, ich habe Prinzessinnen gesehen, ich habe Gott gesehen“, sagte der Prinz vorwurfsvoll.

Der König war ungerührt: „Es gibt weder wirkliche Inseln, noch wirkliche Prinzessinnen, noch einen wirklichen Gott.“

„Ich habe sie aber gesehen.“
„Sage mir, wie Gott gekleidet war.“
„Gott war festlich gekleidet, im Frack.“
„Waren die Ärmel seines Mantels zurückgeschlagen?“

Der Prinz erinnerte sich, dass es so war. Der König lächelte.
„Das ist die Uniform eines Magiers. Du bist getäuscht worden.“

Darauf kehrte der Prinz wieder in das Nachbarland zurück und ging an dieselbe Küste, wo ihm wieder der Mann im Frack entgegenkam.

„Mein Vater der König, hat mir gesagt, wer du bist“, sagte der junge Prinz entrüstet. „Du hast mich beim vorigen Mal getäuscht, aber diesmal nicht. Ich weiß jetzt, dass das keine wirklichen Inseln und keine wirklichen Prinzessinnen sind, denn du bist ein Zauberer.“

Der Mann an der Küste lächelte. „Nein, du bist getäuscht worden, mein Junge. In deines Vaters Königreich gibt es viele Inseln und viele Prinzessinnen. Aber du bist von deinem Vater verzaubert, darum kannst du sie nicht sehen.“

Der Prinz kehrt nachdenklich nach Hause zurück. Als er seinen Vater erblickte, sah er ihm in die Augen.
„Vater, ist es wahr, dass du kein wirklicher König bist, sondern nur ein Zauberer?“
„Ja, mein Sohn, ich bin nur ein Zauberer.“

„Dann war der Mann an der Küste Gott?“
„Der Mann an der Küste war ein anderer Zauberer.“

„Ich muss aber die wirkliche Wahrheit wissen, die Wahrheit jenseits der Zauberei.“
„Es gibt keine Wahrheit jenseits der Zauberei“, sagte der König.

Der Prinz war von Traurigkeit erfüllt.
Er sagte: „Ich werde mich umbringen.“

Der König zauberte den Tod herbei.
Der Tod stand in der Tür und winkte dem Prinzen. Den Prinzen schauderte.
Er erinnerte sich der wundervollen, aber unwirklichen Inseln und der unwirklichen, aber herrlichen Prinzessinnen.

„Nun gut“, sagte er. „Ich kann es ertragen.“

„Du siehst, mein Sohn“, sagte der König, „dass du jetzt im Begriff bist, selbst ein Zauberer zu werden.“ 

Soweit zu dieser Geschichte.
Haben Sie sie verstanden?
Was haben Sie verstanden?

Schreiben Sie mir doch Ihre Gedanken dazu hier als Kommentar.

kommentar Wie wirklich ist Ihre Wirklichkeit?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

3 Kommentare

  1. Anna sagt

    Erinnert mich an genau die Sorte dumme Menschen, die mich aggressiv macht. Übel, wenn man sowas als Eltern hat. Oder Geschwister. Oder beides. So wie ich. Oder sie einfach ÜBERALL sieht („Ich sehe dumme Menschen. Und sie sind überall!“)

    Ich nenne sie liebevoll „Aluhutträger“. Zudem haben Sie die Flat-Earthler vergessen. Und Menschen die an einen Gott glauben.
    Gruß

  2. Hallo Michael,
    danke für Ihre ausführliche Antwort. Dass noch niemand bisher kommentiert, erkläre ich mir nicht mit der Kompliziertheit der Fabel, sondern mit einer generellen Änderung des Kommentarverhaltens. Es gibt einfach zu viele Blogs und Möglichkeiten, seine Meinung kundzutun.

    Zu Ihrer Antwort:
    Sie schreiben „Diese werden von allen Menschen zunächst wertneutral als Wirklichkeit erkannt.“ Dem ist leider nicht so, sondern die jeweiligen Menschengruppen erleben Ihre Interpretation als Wirklichkeit und lehnen das Wirklichkeitserleben anderer ab.

    Die Wirklichkeit lässt sich eben nicht so einwandfrei erfassen, wie Sie das mit Platon erklären wollen. In den östlichen Religionen spielt die Erleuchtung deshalb eine wichtige Rolle. Erst wenn man diesen Zustand erreicht hat, erkenne man die „Wahrheit“, alles andere sei Täuschung (Maya).

    Ein paar Fragen zur Illustration zur Unmöglichkeit des Erfassens der „Wirklichkeit“.
    – War es jetzt richtig oder falsch, Griechenland mit Milliarden zu retten?
    – Ist das Elektroauto umweltfreundlicher als Autos mit Benzin- oder Dieselantrieb?
    – Mit welcher Ernährung, mit welcher Lebensweise bleibt man „gesund“?
    – Steuern wir jetzt auf die Klimakatastrophe oder nicht?

    Zu jeder dieser Fragen werden Sie Studien und Antworten von Fachleuten bekommen, die sich leider widersprechen.

    Sie schreiben: „Durch Puppenspieler werden Menschen daran gehindert, sich umzudrehen und eigene Erkenntnisse zu gewinnen.“ Auch der eigene Erkenntnisgewinn schützt einen nicht davor, Fehler zu machen. Einfach weil es nicht so einfach ist, mit dem Erkennen der Wirklichkeit. Zumal die Wirklichkeit ja nichts statisches ist, und von ein paar physikalischen oder mathematischen Größen abgesehen, auch dauernd ändert.

  3. Michael sagt

    Sehr geehrter Herr Roland Kopp-Wichmann,
    ihren Blogbeitrag habe ich gelesen und war gespannt, ob ein Leser ihrer Aufforderung nachkommt, seine Gedanken zu der Parabel mitzuteilen.

    Ohne eine Definition der Wirklichkeit zu geben, stellen sie die These auf, daß ein jeder seine eigene Wirklichkeit habe und konsekutiv in ihr lebe. Als Beispiel nennen sie Impfverweigerer oder AfD-Wähler. Meiner Meinung nach verwechseln Sie die Erkenntnis der Wirklichkeit mit der individuellen Interpretation der Wirklichkeit.

    Die Wirklichkeit ist einmal die Impfung mit ihren medizinischen Risiken, im zweiten Fall die Migration. Diese werden von allen Menschen zunächst wertneutral als Wirklichkeit erkannt. Die Bedeutung dieser Wirklichkeit wird je nach Persönlichkeit unterschiedlich empfunden. Optimisten sehen in der Migration eine Chance, Pessimisten eine Bedrohung. Impfverweigerer schätzen entgegen mathematischer Logik das Impfrisiko höher ein als das Krankheitsrisiko. Andere Impfverweigerer hoffen, für sich beide Risiken vermeiden zu können, wenn sich alle Anderen impfen ließen. Alle diese Menschen leben aber in derselben Wirklichkeit.

    Als Beispiel und Erklärung bringen sie im zweiten Teil ihres Blogbeitrags eine metaphorische Parabel. Inhalt und Sprache der Parabel entsprechen schizoidem Denken. Wie kann man einen komplizierten Sachverhalt mit einer noch komplizierteren schizoiden Gedankenkonstruktion erklären wollen? Es wundert mich nicht, daß Sie bis dato noch keine Interpretationsversuche ihrer Leser veröffentlichten. Einstein sagte: Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden.

    Viel besser erklärte Platon die Wirklichkeit und deren Erkenntnis in seinem Höhlengleichnis. Auch dieses Höhlengleichnis ist eine metaphorische Parabel. Sie gibt aber für geradeaus denkende Menschen eine gute Erklärung. Ich will sie kurz widergeben:

    Das Höhlengleichnisses von Platon (428 – 348 v. Chr.) sieht Menschen in einer Höhle. Sie sind seit ihrer Geburt auf Stühlen fixiert und können nur die Wand vor ihnen sehen. Hinter ihnen, getrennt durch eine Mauer, agieren Puppenspieler. Von ihnen hochgehaltene Figuren werden durch den Schein einer Lichtquelle auf die Höhlenwand projiziert.
    Die seit ihrer Geburt auf Stühlen fixierten Menschen halten die Projektionen auf die Wand für die Wirklichkeit.
    Platon stellte die Frage, was wohl passierte, würde man einen der Menschen losbinden und ihm die Möglichkeit geben, sich umzudrehen und die Höhle zu verlassen.
    Zunächst würde er durch die Lichtquelle geblendet. Mit der Zeit würde er aber die Zusammenhänge erfassen. Er würde erkennen, daß die Schatten nicht die Wirklichkeit seien, sondern nur ein Abbild der Wirklichkeit.
    Platon fragt, was geschehe, wenn dieser von seinen Fesseln Befreite zurückkehrte und seinen noch nicht entfesselten Mitmenschen seine Erkenntnis der originalen und realen Welt enthüllte.
    Platon glaubt, daß diese ihn für verrückt erklärten und alles dafür täten bis hin zum Töten Andersdenkender, um nicht selbst so zu werden.

    Durch Puppenspieler werden Menschen daran gehindert, sich umzudrehen und eigene Erkenntnisse zu gewinnen. Im Mittelalter war bereits über 2000 Jahre bekannt, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Auch hatte man bereits den Abstand der Erde zum Mond berechnet. Diese Wirklichkeit paßte nicht den Puppenspielern in Rom. Sie projizierten das geozentrische Weltbild auf die Wand. Heutzutage hat der Flachbildschirm die Wand ersetzt. Die Menschen halten die uns von Puppenspielern aka Drahtziehern im Fernsehen gezeigte Realität für die Wirklichkeit. FakeNews werden zur Wirklichkeit.

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